189

, , , , , , , , ,

Stellungnahme im Rahmen der Intervention im Deutschen Theater am 9.1.2014

Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen / 2014

Im Deutschen Theater Berlin fand am 9. und 10. Januar 2014 eine Fachtagung mit dem Titel „MIND THE GAP! – Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung“ statt, deren Ziel es ist, durch Kulturvermittlung „Schwellen […] bei jungen Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht westlichen Herkunftsländern, Menschen mit Behinderung und viele[n] Menschen mit geringen Einkünften“ abzubauen und sie für „klassische Kultureinrichtungen“ zu gewinnen. Nicht nur kommt hier ein sowohl eurozentristisches als auch äußerst eingeschränktes Verständnis von Kultur („Hochkultur“ versus „kulturfernes“ Publikum) zum Ausdruck. Die Diskussion wird darüber hinaus von weißen Wissenschaftler_innen, Künstler_innen und Kulturschaffenden unter dem weitestgehenden Ausschluss von Repräsentant_innen der aufgelisteten „Gruppen“ durchgeführt.

Liebes Publikum,
herzlich willkommen zu MIND THE TRAP!. Als wir Menschen mit den Labels „junge Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht westlichen Ländern, Menschen mit Behinderung und Menschen mit geringen Einkünften“ den Flyer, ich meine das Faltblatt, von MIND THE GAP! angeschaut haben, fanden wir es sehr rührend und niedlich, dass die Veranstalter_innen darauf gekommen sind, dass es Zugangsbarrieren gibt. Ein ambitionierter Versuch, etwas zu verändern. Uns sind jedoch einige erhebliche Traps aufgefallen. Deswegen wollten wir, ein Bündnis von kritischen Kulturschaffenden, es uns nicht nehmen lassen und dazukommen. Sie haben uns nicht nur nicht eingeladen, wir sind trotzdem gekommen. Wir sind gekommen, um euch eine helfende Hand zu reichen und kostenlos Nachhilfe zu geben, man könnte es auch Entwicklungshilfe nennen.
Wir haben uns gewundert, dass es den Begriff Hochkultur noch gibt. Anscheinend sind einige Menschen, mit Ressourcen der sogenannten Hochkultur ausgestattet, so hoch geklettert, dass sie mittlerweile mit einem großen Abstand von oben herabblicken und dadurch in eine Kulturferne gerückt sind, aus der sie alleine nicht mehr zurückfinden. Wir haben uns gefragt, warum hier keine Menschen of Color referieren, keine Menschen, die aus der Praxis kommen, keine Menschen, die in der Praxis mit wenig Einkommen leben müssen, keine Expert_in-nen mit Behinderung etc. Schlichtweg sind hier keine Betroffenen als Expert_innen eingeladen. Das monokulturelle Biotop redet mal wieder über uns, um sich am Leben zu erhalten. Wir haben uns gefragt, warum eine Tagung, in der es um Zugangsbarrieren geht, 40 Euro kostet, keine Gebärdendolmetscher_innen bereitstellt, nicht in andere Sprachen übersetzt und keine Kinderbetreuung anbietet. Wir haben uns gefragt, warum Jugendliche, um die es hier auch geht, nicht teilnehmen können, da diese Tagung zu einer Uhrzeit stattfindet, in der Jugendliche meistens in der Schule sind.
Und wir haben uns gefragt, warum die Diskriminierung von Menschen an Kulturinstitutionen aufgrund von Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus etc. nicht beim Namen genannt wird. Fallen über Fallen, die Schwellen sind hoch, wie sie sehen, meine Damen und Herren und alle, die sich anders definieren.
Um es ihnen einfacher zu machen, an der Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu partizipieren, haben wir uns überlegt, wie wir ihnen ein niedrigschwelliges Angebot machen können und haben eine alternative Fachtagung mit dem Titel MIND THE TRAP! konzipiert. An dieser Veranstaltung werden Expert_innen, die hier -leider fehlen und zuhauf vorhanden sind, teilnehmen. Wir haben uns sogar die Zeit genommen, für Sie eine Liste mit Referent_in-nen zu erstellen, die man einladen hätte können.
Wer mehr über diese Intervention erfahren möchte, ist morgen um 14 Uhr herzlich eingeladen, vor das Deutsche Theater zu kommen und uns bei unserer Stellungnahme bzw. Pressekonferenz zu besuchen.
Sie haben uns nicht nur nicht eingeladen, wir gehen jetzt auch wieder und wünschen euch viel Spaß dabei, über uns zu reden und nicht mit uns. Wir lassen Euch nun in eurer Parallelgesellschaft alleine.
Mit freundlichen Grüßen
Das Bündnis MIND THE TRAP!

Wiederabdruck
Dieser Text erschien zuerst unter: http://mindthetrapberlin.wordpress.com/intervention-im-dt

[Dieser Text findet sich im Reader Nr. 2 auf S. 54.]

[Es sind keine weiteren Materialien zu diesem Beitrag hinterlegt.]

Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen

ist ein Zusammenschluss kritischer Kulturschaffender und Wissenschaftler*innen aus Berlin und Köln, die das Fort- und Festschreiben von gesellschaftlichen Ausschlüssen benennen, kritisieren und letztlich überwinden wollen, in dem wir die Perspektive derjenigen mit betrachten wollen, die von den Ausschlüssen betroffen sind.
http://mindthetrapberlin.wordpress.com
E-Mail: mindthetrapberlin@gmail.com

More

, , , , , , , , ,

Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen

qrcode