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Bilder über Partizipation

Evelyn May / 2014

Partizipation! Ein ambivalenter Begriff, der zur Frage einer nächsten Kunst im ersten Band dieser Publikationsreihe kontrovers thematisiert wurde und im Sachregister zahlreiche Eintragungen erfahren hat. Vielfältige kunstwissenschaftliche und interdisziplinäre Veröffentlichungen (auch) aus den letzten Jahren ließen sich anschließen. Partizipation scheint die Kunst auch zukünftig zu bewegen. Doch diese Aussage führt zugleich ins Wespennest der Diskurse: Wer bewegt eigentlich was bzw. wen oder bewegen sich alle gegenseitig? Die Position der Künstler_innen, der Stellenwert der Autor_in-nenschaft und Formen der Beteiligung des Publikums sind nur einige Aspekte, die zur Disposition stehen. Weitere Schlagworte, die in diesem Zusammenhang fallen, wie z. B. „Interventionen“, stoßen ebenfalls auf Kritik – vor allem, wenn sie mit gewaltsamen Operationen in Verbindung gebracht werden.1
Welche Bilder und Vorstellungen werden dabei eigentlich mächtig? Und was macht es so brisant, wenn Künstler_innen nicht primär Objekte schaffen, sondern „eingreifen“, um die Anderen zu „beteiligen“? Schnittstellen zwischen künstlerischen und kunst-/pädagogischen Praxen lassen sich ausmachen, die „Beziehungsformen“2 in den Blick nehmen. Es eröffnen sich Fragestellungen, die kunst-/pädagogische Grundlagen berühren, denn der Umgang mit – aber auch Vorstellungen von – den Anderen treten nun in den Fokus. Auch für eine „Next Art Education“ erscheint mir eine Reflexion dieser Themenfelder von großer Relevanz und (partizipatorische) Kunst kann dabei zur Reflexionsfolie werden, ohne die Praxen gleichsetzen zu wollen. Ausgehend von diesen Überlegungen zeichne ich einige diskursgeleitete „Bilder“ nach, die den Partizipationsbegriff thematisieren, um sie zugleich zu hinterfragen. Sie markieren z. T. Ausgangspunkte meiner laufenden, empirischen Untersuchung, auf die ich anschließend eingehe. Darin analysiere ich Vorstellungen über Partizipation anhand von sprachlichen und visuellen Darstellungen von Projektverantwortlichen und nähere mich ihren Bildern an.3
Eva Sturm und Stella Rollig benannten ihren Sammelband über aktivistische Kunstpraxen mit der Überschrift „Dürfen die das?“4. Ein Titel, der Fragen nach Berechtigungen hervortreten lässt und dem sich hinzufügen ließe: Ist das erlaubt? Sind die Einen befugt, wo doch ggf. Jede/r teilhaben soll und Recht(e) erhalten? Jede/r wird Teil eines Ganzen – oder nimmt sich jede/r ihren/seinen Teil? Das positiv konnotierte Schlagwort „Partizipation“ ist zutiefst mit dem Wunsch nach Mitspracherechten und mit demokratietheoretischen Diskursen verbunden, doch ihm haften auch massive Wirkungsversprechen an.5 Für Markus Miessen reift das Modell der Partizipation bis zu einem „Albtraum“ heran, was sich im Titel des Textes im ersten Band (und in der gleichnamigen Publikation) widerspiegelt. Eine mögliche Konsequenz scheint für ihn die Suche nach anderen Strukturen zu sein, auch um „Wahlmöglichkeiten auszuschließen“.6
Auch in der Kunst muss nicht jede sogenannte „partizipatorische“ Praxis mit Formen der Mitbestimmung der Teilnehmenden einhergehen, wie etwa künstlerische Handlungsanweisungen verdeutlichen, die aus -demokratietheoretischer Perspektive als autoritäre „Scheinbeteiligungen“ bezeichnet werden könnten.7 Schnittpunkte aber auch Differenzen zwischen ästhetischen und politischen Diskursen werden deutlich, die Kategorisierungen erschweren, was „Partizipation“ in der Kunst sein könnte und welche Position die Einzelnen dabei einnehmen sollten. Aus rezeptionsästhetischen Perspektiven ließe sich sogar soweit argumentieren, dass jede Form der Kunst einer Partizipation bedarf und Forderungen einer „Aktivierung“ des Publikums Traditionen entstammen, die sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen.8 Durch sie werden Haltungen wahrnehmbar, die Andere als „passiv“ einstufen, wenn sie nicht handelnd „eingreifen“, und Setzungen werden rekonstruierbar, die zu diesen Bestrebungen führen konnten.9
Mein Beitrag zielt nicht darauf ab, Formen „richtiger“ Partizipation im Rahmen künstlerischer Projekte zu identifizieren, um sie auf kunst-/pädagogische Kontexte zu übertragen. In meiner Forschung beleuchte ich vielmehr Vorstellungen über Partizipation, indem ich Darstellungen von Künstler_innen von ihren Projekten untersuche und (implizite) Selbstverständnisse über ihre Tätigkeit und von den Anderen10 für den wissenschaftlichen Diskurs überhaupt erst zugänglich mache. Mein Fokus richtet sich auf Projekte, in denen Künst-ler_in-nen mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten, denn dieses Feld gewinnt in den letzten Jahren (wieder) an Bedeutung auch für kunst-/pädagogische Bereiche und eine trennscharfe Abgrenzung erscheint mir gerade für einen Diskurs über den Umgang mit den Anderen als wenig produktiv.11
Ich analysiere, was bzw. wie drei Projektverantwortliche über ihre Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sprechen und welche Fotografien sie im Rahmen von Online-Veröffentlichungen zeigen.12 Dazu habe ich Interviews mit ihnen geführt und sie auch zu den veröffentlichten Bildern befragt.13 Die Analyse der Verhältnisse zwischen den visuellen Darstellungen und ihren sprachlichen Äußerungen nimmt einen besonderen Stellenwert ein, um Vorstellungen auf die Spur zu kommen, die sich jenseits einer dichotomen Trennung zwischen Wissen und Sehen, Text und Bild, diskursiven und nicht-diskursiven Praxen bewegen. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit methodologischen und methodischen Fragen zu den Visual Studies14 und Formen der Bild-Diskurs-Analyse15 habe ich meinen Forschungsansatz durch phänomenologische Theoriebezüge16 erweitert, welche die Beziehung zwischen Bild und Betrachter_in fokussieren und normativ gefasste Bildkodierungen in den Hintergrund treten lassen. Ich konzentriere mich auf die Perspektive der Projektverantwortlichen, um Sinnerzeugungsprozesse jenseits primär symbolischer (Bild-)Deutungen zu beleuchten und das Wechselverhältnis zwischen „Sichtbarem“ und „Sehendem“ zu untersuchen.17 Damit leistet meine Forschung auch einen Beitrag zur Reflexion des Sichtbar-Werdens der Anderen und zur methodologischen und methodischen Erweiterung repräsentationskritischer Untersuchungen.
Meine Auswertungsergebnisse zeigen vielfältige Verknüpfungen auf, die zur Art der Darstellung und zur Auswahl der Bilder beigetragen haben (könnten), die bspw. biografische, institutionelle und gestalterische Aspekte umfassen. Sie lassen Aussagen möglich werden über ihr Verhältnis zu den Kindern und Jugendlichen und über divergierende Auffassungen über ihre eigene Rolle, die von gezielten Anleitungen durch die Künstler_innen bis hin zu freien künstlerischen Angeboten reichen. Die Gegenüberstellung und Relation der Ebenen macht Ambivalenzen deutlich zwischen den Aussagen der Künstler_innen zu den Projekten und zu ihren Bildbeschreibungen, aber auch zu meinen eigenen Analysen der Fotografien. Speziell diese, z. T. widersprüchlichen, Aspekte sind für die Untersuchung besonders interessant, um unterschiedliche Be-Deutungsebenen aufzudecken und für den Diskurs über Partizipation fruchtbar zu machen. Dabei werden „unbewußte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata“18 in den Orientierungen der Projektverantwortlichen reflektierbar, die ihr Verhältnis zu den Anderen beeinflussen (könnten). Aus phänomenologischer Sicht lassen sich verschiedenartige Umgangsformen rekonstruieren, die z. B. Momente der Identifizierung, Einverleibung und Distanzierung einschließen. Sie verweisen auf Prozesse der Wahrnehmung der Anderen, in denen Fremdes vorhandenen Ordnungen angepasst wird und ausgehend von den jeweiligen Vorerfahrungen Bestimmungen erzeugt werden. Durch die Einbeziehung der Bilder geraten Beziehungsformen in den Forschungsfokus, die über sprachliche Darstellungen der Künstler_innen hinausreichen und ihren Einfluss auf visuelle Praxen berücksichtigen. Das Foto wird zum Ausdruck aber auch zum Medium, um Verknüpfungen zu „inneren“ Bildern von den Anderen zu analysieren. Meine Forschungsergebnisse lassen Anschlüsse zu an theoretische Überlegungen Jacques Lacans, indem Verbindungen zwischen symbolischen und imaginären Registern hervortreten und Wechselwirkungen identifizierbar werden.19 Meine Datenanalyse erfordert außerdem einen Umgang mit Grenzen empirischer Forschung und macht notwendige Lücken in den Rekonstruktionen erahnbar, die bspw. das Reale und seine Nicht-Identifizierbarkeit mitdenken (im Blick der Künstler_innen und in meiner „eigenen“ Forscher_innenperspektive).
Das Einkalkulieren des Nichterkennbaren, das Bestandteil meiner Untersuchung wird, erscheint mir zentral für repräsentationskritische Betrachtungen und Reflexionen über die Anderen sowohl in der Forschung wie in künstlerischen und kunst-/pädagogischen Praxen. Meine Analyse verdeutlicht aber auch unvermeidliche Prozesse der Einordnung, indem der/das Andere Teil von Zurichtungen wird, die Fremdheit assimilieren und zunichte machen. Erst durch sie werden Ausrichtungen möglich, die es erlauben, Aussagen zu treffen bzw. handelnd tätig zu sein – ein Paradoxon, das die Vorläufigkeit des Sagbaren und der Konzepte akzentuiert. Auch in diesem Sinne verweisen die in meiner Forschung kommunizierbar gewordenen Ambivalenzen und ihre denkbaren Hintergründe auf Un-Möglichkeiten, den Anderen „gerecht [zu] werden“.20 Patentrezepte für eine gelingende (partizipatorische) Praxis halte ich hingegen für fehlangebracht – das Risiko des Verfehlens der Anderen scheint dadurch zwar abgeschirmt, doch es kann nicht verhindert werden. Ein Schwerpunkt einer „Next Art Education“ könnte vielmehr darin bestehen, erforderliche Annahmen für das gemeinsame Handeln und scheinbare Gewissheiten über die Anderen kontinuierlich infrage zu stellen und die eigene Praxis zu befremden. Analysen von Visualisierungspraxen und das Hinterfragen vertraut gewordener Bilder können wesentlich zu diesen Entsicherungsprozessen beitragen. Sie stellen für mich eine grundlegende Aufgabe einer „Next Art Education“ dar.

1.) In Hamburg fand unter Begriff der „Intervention“ 2011 und 2012 eine Symposiumsreihe statt, die u. a. von Friedrich von Borries geleitet wurde. Die Tagung im Juni 2011 wurde besonders kontrovers diskutiert, da Interventionen in Politik und Militär innerhalb eines Veranstaltungsformates mit dem Titel „Die Kunst der Intervention“ verhandelt wurden. Vgl. etwa die Programmankündigung: www.hfbk-hamburg.de/fileadmin/user_upload/diverse/HFBK_Designsymposium_Intervention.pdf [25.7.2014]
2.) Diese Thematik wurde im ersten Band u. a. von Markus Miessen mit Verweis auf Claire Bishop problematisiert. Markus Miessen, Bettina Steinbrügge, „Plädoyer für eine konflikthafte Wirklichkeit“, in: Johannes M. Hedinger, Torsten Meyer (Hg.), What’s Next? Kunst nach der Krise, Berlin 2013, S. 387–392, hier S. 387.
3.) Ich danke Prof. Dr. Andrea Sabisch und Prof. Dr. Karl-Josef Pazzini für ihre Unterstützung (auch) bei der „Entsicherung“ meiner eigenen Vorstellungen über Partizipation.
4.) Stella Rollig, Eva Sturm (Hg.), Dürfen die das? Kunst als sozialer Raum. Wien 2002.
5.) Vgl. u. a. Sönke Ahrens, Michael Wimmer, „Partizipation. Versprechen. Probleme. Paradoxien“, in: Andreas Brenne, Andrea Sabisch, Ansgar Schnurr (Hg.), Kunst Pädagogik Partizipation. Buch 02. revisit. Kunstpädagogische Handlungsfelder, München 2012, S. 19–39.
6.) Markus Miessen, „Albtraum Partizipation“, in: Hedinger/Meyer 2013, a. a. O., S. 384–387, hier S. 384.
Durch Verweise (u. a.) auf notwendige Konflikte wird die von Miessen in Betracht gezogene kuratorische Entscheidungsgewalt m. E. wieder besänftigt.
7.) Um den unscharfen Partizipationsbegriff zu definieren und unterschiedliche Formen der Beteiligung zu unterscheiden, entwickelt Arnstein 1969 die „ladder of citizen participation“, ein Modell, das auch in der politischen Bildung vielfach rezipiert wurde. Eine Übertragung dieses Maßstabes auf künstlerische Arbeiten würde m. E. die Potenziale der Werke verfehlen. Vgl. etwa Stefan Schnurr, „Partizipation“, in: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hg.), Handbuch Sozialarbeit / Sozialpädagogik, Neuwied 2001, S. 1336f.
8.) Vgl. etwa Sandra Umathum, „Einleitung. Ästhetische Erfahrung in der Aktion“, in: Erika Fischer-Lichte, Robert Sollich, Sandra Umathum, Matthias Warstat (Hg.), Auf der Schwelle – Kunst, Risiken und Nebenwirkungen, München 2006, S. 13–20, hier S. 14.
9.) Vgl. etwa Jacques Rancière, Der emanzipierte Zuschauer. Wien 2009, S. 22–23.
10.) Im Folgenden nutze ich die Bezeichnung „Andere“, um die Alterität, die Anderheit des Anderen hervorzuheben und auf Prozesse der Einordnung aufmerksam zu machen, die das Fremde eliminieren. Ich verwende die Formulierung größtenteils, um auf Bestimmungen über „Kinder und Jugendliche“ hinzuweisen. Sie kann aber auch für „die Projektverantwortlichen“ stehen, um meine Perspektive als Forscherin auf diese Zielgruppe einzubeziehen.
11.) Abgrenzungstendenzen vom „Pädagogischen“, wie sie auch im Rahmen meiner Untersuchungsergebnisse relevant werden, können m. E. vielmehr danach befragen werden, welche Vorstellungen diesen scheinbaren Bedürfnissen zugrunde liegen und auf diese Weise zur Reflexion der eigenen Tätigkeit beitragen.
12.) Im Rahmen eines kontrastiven Fallvergleichs untersuche ich Projekte von Seraphina Lenz (Berlin), Silke Riechert (Berlin) und die „Schule der Schlumper“ (Hamburg), die von Johannes Seebass betreut wird.
13.) Ich arbeite mit der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack, die ich in meiner Untersuchung modifiziert habe.
14.) Vgl. etwa Sigrid Schade, Silke Wenk, Studien zur visuellen Kultur. Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld. Bielefeld 2011.
15.) Vgl. etwa Judith Miggelbrink, Antje Schlottmann, „Diskurstheoretisch orientierte Analyse von Bildern“, in: Georg Glasze, Annika Mattissek (Hg.), Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung, Bielefeld 2009, S. 181–198.
16.) Vgl. etwa Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare. München 1986.
17.) Ebd., S. 173.
18.) Pierre Bourdieu, „Strukturalismus und soziale Wissenschaftstheorie“, in: Ders., Soziologie der symbolischen Form, Frankfurt/M. 1970, S. 7–41.
19.) Jacques Lacan, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Seminar Xl. Weinheim, Berlin 1987.
20.) Michael Wimmer, „Wie dem Anderen gerecht werden? Herausforderungen für Denken, Wissen und Handeln“, in: Alfred Schäfer (Hg.), Kindliche Fremdheit und pädagogische Gerechtigkeit, Paderborn 2007, S.155–184; vgl. auch Karl-Josef Pazzini, Sehnsucht der Berührung und Aggressivität des Blicks. Kunstpädagogische Positionen, Band 24, Hamburg 2012, S. 13.

[Dieser Text findet sich im Reader Nr. 2 auf S. 203.]

[Es sind keine weiteren Materialien zu diesem Beitrag hinterlegt.]

Evelyn May

(*1977), Studium der Kunstpädagogik Sek I/II an der Universität Dortmund. Doktorandin bei Prof. Dr. Andrea Sabisch, Forschungs- und Le[ ]rstelle Kunstpädagogik und Visuelle Bildung, Universität Hamburg. Derzeit Lecturer am Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität zu Köln, Lernbereich Ästhetische Erziehung. Arbeitsschwerpunkte: Partizipation, Bild und Wissen, Kunst und Pädagogik, Raumerfahrungen und künstlerisches Arbeiten im (Stadt-)Raum. E-Mail: evelyn.may@uni-koeln.de

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