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Künstler. Plastikmüll. Partizipation. – Upcycling in Mexiko-Stadt

Antonia Hensmann / 2014

Eine Megastadt, Plastikmüll, eine deutsch-mexikanische Kulturkooperation, zwei Künstler, zwei Künstlerprojekte, Partizipationsideen, Vorschulkinder einer Begegnungsschule: „Carnaval de Basura“ von Eduardo Abaroa1 und „Soziale(s) Plastik“ von Gerhard Baer2 beteiligen im Sinne der „Inventive Art Participation“3 Vorschulkinder und Pädagogen4 an der Sammlung und Gestaltung von Plastikmüllmaterialien.
Site-specific. In Mexiko-Stadt gibt es eine große Offenheit für derartige Projekte, weil sie sich der Kunst als „geschlossenem System“ entgegensetzt.5 Die immense Müllproblematik zeigt sich in ortsspezifischen Ausprägungen, wie z. B. Müllpflückern („Pepenadores“) oder „Bricolage“ und erlangt vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit6. Auch steigen – entgegen der Annahme einer höheren Abfallproduktion bei zunehmendem Wohlstand – in den ärmeren Stadtteilen die Abfallmengen. Konsum und Wegwerfverhalten werden als Nachahmung eines nordamerikanischen Lebensstils diskutiert.7 Deutschland gilt als Vorbild für gelungene Recyclingmaßnahmen. In der Megastadt werden die Reduzierung des Mülls und die Trennung der Abfallsorten schon in den Kindergärten geübt. Die Kunst Abaroas und Baers ermöglicht Begegnungsräume zwischen Künstler, Kunst und Kind.
Eduardo Abaroa lässt verschiedene Restmüllmaterialien sammeln, teilt den Kuratoren und Multiplikatoren seine Ideen für einen „Karneval des Restmülls“ in der Innenstadt fünf Monate vor dem Event mit, fokussiert die Prinzipien „Offenheit“ und „Improvisation“ und öffnet die gestalterischen Prozesse für Laien, u. a. auch für Schüler und Lehrende des Colegio Alemán Alexander von Humboldt. Am Tag des Umzugsereignisses werden mitten im Sommer im Zentrum der Stadt ohne Karnevalstradition u. a. die von Vorschulkindern aus Plastik-Flaschen gestalteten Dinos als die Objekte der Kinder präsentiert, gleichgestellt zu denen Abaroas und anderer Teilnehmer.
Gerhard Baer öffnet mit „Soziale(s) Plastik“ seine künstlerische Praxis für Laien und stellt konzeptuell im Sinne Gerald Raunigs „Möglichkeitsbedingungen des Gemeinsam-Werdens zur Verfügung“8. Baer verlegt sein Atelier, seine Arbeitsweise und seine Maschine, die Polyethylenmüll zu einem formbaren Rohstoff erhitzen kann, in den Alltag der Partizipienten. D. h. er lässt vor seiner -Ankunft diese Plastiksorten sammeln, kommt mit einer verkleinerten Replik seiner Maschine in vorbereitete Räume, demonstriert seine Arbeitsweise vor Ort und  unterstützt die Menschen eine Woche lang technisch und künstlerisch bei ihren eigenen Gestaltungen. Der Künstler inspiriert zu individuellen Lösungen und intendiert langfristig eine ökonomische Selbständigkeit der Teilnehmenden und die Vernetzung der auf dem -Globus verbreiteten Einzelprojekte.
Beide Kunstprojekte wurden aus transkultureller Sicht kunstwissenschaftlich, ethnografisch und inhaltsanalytisch erforscht:9
Plastikmüll und Mensch: Zunächst zeigt sich das Material Plastik demokratischer und globaler als vermutet:10 Das vermeintlich als „charakterlos“ diskutierte Material11 wandelt sich mit partizipatorischen Strategien zum Charakterspiegel. Der Mensch hat das Plastik erschaffen, das zu Müll geworden seine Lebensräume bedroht. Beide Kunstprojekte lassen den Menschen erneut zu einem formenden Akteur werden: Plastikmüll wird gesammelt, zum individuell gestaltbaren Rohstoff umgedeutet und neu transformiert. So wird es nebenbei fast unmöglich, den Menschen und Kunststoffe außerhalb der Natur zu denken.12 Durch das Handeln aller Akteure werden herkömmliche Recycling-Kreisläufe aufgebrochen, umgeformt und neue Kreisläufe initiiert. Die Verbrauchenden transformierten ihren Müll vorübergehend oder längerfristig zu Kunstobjekten und werteten ihn auf. Ganz im Sinne des Upcyclings wurde das Prinzip Abfall zeitweilig abgeschafft.13
Die Künstler im Feld des Kindergartens knüpfen an die Ideen an, Vorschulkinder als Beteiligte von Situationen anzusehen14 und kulturelles Wissen über ein In-Beziehung-Setzen15 mit Künstlern entstehen zu lassen. Vieles dessen, was im Kindergarten geschah, wurde offen konzipiert und war deshalb nicht vorhersehbar. Absehbar aber war, dass die Arbeitsweisen der Künstler zu Zentren des Handelns wurden. Damit bestätigte sich, dass den Projekten ein instrumenteller Partizipationsbegriff zugrunde lag.16 Ein wesentliches Element dieser partizipatorischen Anteile ist die Ungleichheit zwischen dem, der partizipieren lässt, und dem, der partizipiert; hierarchisierende Prozesse waren nicht einfach auflösbar.17 Jedoch zeigte sich in der Mikroanalyse der Begegnungssituationen, dass die Künstlerrolle immer wieder von den Vorschulkindern eingenommen wurde, die Rollen fluktuierten, trotz bekannter Hierarchien.
Handlungsformen wirkten ähnlich einer „social practice“; die neu als „künstlerisch-soziale Praxis“ zu bezeichnende Handlung scheint das primäre Phänomen und Lernen eine seiner Eigenschaften zu sein.18 Die -partizipatorischen Teile der Kunst Abaroas und Baers führten die Möglichkeit dieser Praxis vor Augen, ohne sie – gemäß den Hoffnungsdimensionen des Partizipationsbegriffs – zu einer gleichberechtigten („Gleichmacherei“19) oder von kompletter Selbstbestimmung20 charakterisierten Praxis zu verklären. Dass alle am Selben partizipieren, heißt nicht, dass alle das Gleiche tun und lernen: Im Falle der untersuchten Kunst zeigte sich, dass die Beteiligten miteinander handeln, mitunter etwas aushandeln, wechselseitig interagieren und vor allem eine künstlerisch-soziale Praxis in das Zentrum der Aufmerksamkeit stellen. Diese gab der jeweilige Künstler zur Multiplikation frei; so konnten Differenzen und Ähnlichkeiten zutage treten, die individuelle Fortsetzungen der Praxis ermöglichten. An Beat Wyss Worte anknüpfend waren hier „Kunst“ und „Taten“, „Kreativität im Kollektiv“ aber vor allem Kunst mit Künstlern zu erfahren.21
Upcycling: Im „Carnaval de Basura“ und „Soziale(s) Plastik“ wird Plastikmüll upcycelt. Aber es ist mehr als das: Künstlerische, z. T. kollektive Arbeitsweisen werden durch die partizipative Öffnung beobachtbar, erfahrbar und schließlich als wirksame künstlerisch-soziale Praxis upgecycelt: Künstlerisch-ästhetisches Lernen ist dabei ein Nebenprodukt des gemeinsamen Involviertseins in die Kunst. Zukunftsweisend – nicht nur für Mexiko-Stadt.

1.) UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México), Residual. Intervenciones artísticas en la ciudad. Mexico D. F. 2010.
2.) Goethe-Institut, „Aus Wertlosem Wertvolles schaffen“, o. O. 2011, www.goethe.de/ins/mx/lp/kue/air/de7123222.htm. [25.5.2011]
3.) Alan Brown, „A fresh look at arts participation”, Sounding Board 18, 2006, S. 1–2.
4.) Im gesamten Text reduziere ich die Bezeichnungen auf maskuline Formen, die ich geschlechtsneutral verwende.
5.) Vgl.: Michael M. Thoss, „Das Verschwinden der Ferne”, in: Ders., Zebra Crossing. Arte contemporáneo de México, Berlin 2002, S. 5 und José Miguel González Casanova (Hg.), Medios Múltiples Dos, Ciudad de México 2008, S. 8.
6.) Ana Àlvarez et al., Citámbulos Mexico City, Berlin 2008; Bazon Brock, „Gott und Müll“, Kunstforum International 167, 2003. S. 43–45.
7.) Vgl. Astrid Erhartt-Perez Castro, Tlatel – Die Stadt am Müll. Münster 2009, S. 23.
8.) Gerald Raunig, „Flatness Rules. Instituierende Praxen und Institutionen des Gemeinsamen“, in: Johannes M. Hedinger, Torsten Meyer (Hg.), What’s Next? Kunst nach der Krise, Berlin 2013, S. 461.
9.) Antonia Hensmann, „Handlungsräume partizipatorischer Kunst in Mexico-City – Ein transkultureller Beitrag zur frühkindlichen künstlerisch-ästhetischen Bildung“, Postersession 9, Berliner Methodentreffen 2013, www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/angebot/ps/2013.html#P9, [1.12.2013]
10.) Josef Straßer, „Utopien in Plastik. Die Kunststoff-Euphorie der 60er und frühen 70er Jahre“, in: Die Neue Sammlung München (Hg.), Plastics + Design, Darmstadt 1997, S. 78.
11.) Peter Gorsen, „Kunst aus Kunststoffen. Kritische Anmerkungen zu einer Ausstellung in Wiesbaden“, DIE ZEIT Nr. 18, 3.5.1968, S. 20.
12.) Diese Sicht ist nicht neu. Z. B. konstatiert Bazon Brock dies für radioaktive Abfälle (Brock 2003, a. a. O., S. 43), auch in der Erforschung frühkindlicher Welten gibt es Entsprechungen. Die Vorstellung einer von der Natur getrennten Wirksamkeit von Erziehung oder Kultur ist nicht mehr aufrecht zu erhalten: „Für uns Menschen ist die Erziehung unsere Natur. Die kulturellen Fähigkeiten sind Teil unserer Biologie und der Lerntrieb ist unser wichtigster und zentralster Instinkt.“ Alison Gopnik, Patricia Kuhl, Andrew Meltzoff, Forschergeist in Windeln. München 2007, S. 24.
13.) Michael Braungart, William McDonough, Intelligente Verschwendung: The Upcycle. München 2013, S. 23ff. u. 55.
14.) Gerd E. Schäfer, „Anfängergeist – über Bildung und Beteiligung im frühen Kindesalter“, in: Ders., Was ist frühkindliche Bildung? Weinheim 2011, S. 59ff.
15.) Gunilla Dahlberg, „Kinder und Pädagogen als Co-Konstrukteure von Wissen und Kultur“, in: Wassilios E. Fthenakis, Pamela Oberhuemer (Hg.), Frühpädagogik international, Wiesbaden 2004, S. 13–30.
16.) Dieter Nohlen, Florian Grotz, Kleines Lexikon der Politik, München 2007, S. 398.
17.) Anja Piontek, „Partizipation in Museum und Ausstellung. Versuch einer Präzisierung“, in: Susanne Gesser et al. (Hg.), Das partizipative Museum Zwischen Teilhabe und User Generated Content. Neue Anforderungen an kulturhistorische Ausstellungen, Bielefeld 2012, S. 226.
18.) Der Begriff „künstlerisch soziale Praxis” ist angelehnt an die Forschungen Jean Laves und Etienne Wengers: „[…] [S]ocial practise is the primary, generative phenomenon, and learning is one of its characteristics.” (Jean Lave, Etienne Wenger, Situated learning: legitimate peripheral participation, Cambridge 2009, S. 34). Sie konnten beobachten, dass Lernen in diesen Situationen stattfindet, unabhängig davon, ob es intendiert war oder nicht (a. a. O., S. 40).
19.) Raunig 2013, a. a. O., S. 457.
20.) Vgl. Piontek 2012, a. a. O., S. 222.
21.) Beat Wyss, „Abschied von der Postmoderne und die Wende zum Realen“, in: Hedinger/Meyer 2013, S. 619.

[Dieser Text findet sich im Reader Nr. 2 auf S. 130.]

[Es sind keine weiteren Materialien zu diesem Beitrag hinterlegt.]

Antonia Hensmann

(*1967), Studienrätin, Logopädin, Studium der Kunst und Kunstwissenschaft, Germanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Bremen, Auslandsstudien: Bildende Kunst in Leeuwarden (Niederlande) und Marmorbildhauerei in Athen (Griechenland); forscht aktuell zu „Handlungsräumen partizipatorischer Künstlerprojekte in Mexiko-Stadt“ (Universität Bremen). Schwerpunkte: Skulptur/Plastik/Design/Architektur/Medien, Partizipation in der Kunst, Transkultur, partizipatives Lernen. http://www.particip-art.com

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