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DIKTATUR der KUNST

Jonathan Meese / 2012

1. Die „Diktatur der Kunst“ ist die einzige Alternative, also „Stoffwechsel“.
2. Die Regierungsform der Zukunft wird „Metabolismus“ heißen, also „Stoffwechsel“, Alles wird sich demnach dynamisch selbstorganisieren nach den Gesetzen des Stoffwechsels (siehe Scarlett Johansson: Alles ist gespannt, üppig, vorrevolutionär).
3. Wer seinen Stoffwechsel unterdrückt, ist „Selbstverwirklicher“, wer den Stoffwechsel sich vitalisieren lässt, ist „demütig“, also Instinkt der Sache.
4. Die Diktatur der Kunst ist totale Neutralität und völlig abgekoppelt von mickriger Menschenmacht.
5. Momentan wird die „Realität“ bloß als Nostalgie und Epizentrum des Kreativfaschismus systemillustrativ verwaltet. Es geht leider immer nur ums kleinstdiktatorische Mensch-ICH.

Stelle dich niemals in den Dienst deines mickrigen ICH’s, das ist immer ekelhaft selbstgerecht. Ein „Selbstverwirklicher“ dient nur sich selbst, niemals der Sache, wie mickrig, der mickrige „Selbstverwirklicher“ lebt immer auf Kosten Anderer. Bleib immer im Dienst der Sache, steige niemals aus, überhöhe dich nie und versuche nie, dein mickriges Bewusstsein gegen den „Stoffwechsel“ zu stellen. Bei Jonathan Meese manifestiert sich nur Stoffwechsel, kein Menschguruismus. Lass die Menschenmacht sausen. „Kreativität“ ist das Vollpupsen Anderer. Alle Körperfunktionen arbeiten stoffwechselhaft, also instinktiv demütig, das Schlimme ist nur, dass die Menschen ihre Individualfurze als Individualduft zum Gesetz für andere machen sollen/müssen, furchtbar. Nein, Nein, Nein, das „Herz“ schlägt immer gleich, sonst wäre Sense, wenn das Herz kreativ schlagen würde, gäbe es Totalprobleme. Der kreative Mensch hat keine Demut und will durch Menschenparteitum an die Macht, ekelhaft, haut ab.
Die Diktatur der Kunst ist so sehr Stoffwechsel des Gesamtdiktatorischen, da kann man sich nur noch, wie im Traum, die Äuglein reiben. Herrlich, die Diktatur der Kunst ist der letzte und erste Schlag (Gongschlag) der neuen Zeit, ein neuer Nullpunkt wird entstehen, eine komplett neue Zeitrechnung wird erfolgen, da besteht zum Glück kein Zweifel. Selbstverwirklichungsfanatismus und mickrige Privatobsession sind irrelevant, Alles fügt sich in der Erzschablone „Diktatur der Kunst“ und wird aus der Revolution in eine neue Neutralmacht münden. Nur, was mit uns nichts zu tunt hat, kann uns unabdingbar regieren. Wir können nur spielen, wie die Spielkinder, ist doch das Größte.
Der Mensch möge sich in das Freiheitsspiel der Freiheit, also in das, was Sache ist, nicht einmischen. Die Freiheit ist wie eine vulkanische Maschine, die ohne Angst und Schrecken in sich Ihre Erzrevolution abwartet. Freiheit ist ehedem Getreide. Dieses Tier der Freiheit ist Raubtier und Tierbaby zugleich, ein Nullpunkt, also das Neutrale. Nur im Neutrum der Sache formiert sich Freiheit, wie im Zentrum der Gestirne, also im Vakuum. Dies geschehe, wie ein Geschenk. Freiheit ist maßlos, frei und unabdingbar; der Mensch ist immer unfrei, das macht nichts, denn er verdaut und würde in einer Pseudofreiheit alles in Selbstgerechtigkeit, Selbstbefindlichkeit, Selbstverwirklichungswahn und Selbstanbetung tun.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien in: Meese, Jonathan: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Robert Eikmeyer, Suhrkamp: Berlin 2012. S. 422–424.

[Dieser Text findet sich im Reader Nr. 1 auf S. 365.]

[Es sind keine weiteren Materialien zu diesem Beitrag hinterlegt.]

Jonathan Meese

(*1970, Tokio) lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg. Seine Arbeiten umfassen Malerei, Skulpturen, Installationen, Performances, Collagen, Video und Theaterarbeiten. Meese nahm an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen teil, u. a. Berlin Biennale, PS1 MoMA, Deichtorhallen Hamburg, Centre Pompidou Paris, Städel Museum Frankfurt, Saatchi Gallery London. Häufig auch Arbeit fürs Theater und Film als Bühnenbildner und Performer. 2016 soll Meese in Bayreuth Parsifal inszenieren. Web: http://www.jonathanmeese.com/

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Meese, Jonathan

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