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„Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“2
Zwang ist ausgerichtet auf die Erreichung von bestimmten Zielen, Erziehung hat dann einen Zweck, Bildung kann sich so nur noch zufällig ereignen. Was Kant herausstellt, gilt für alle Pädagogik. Es gibt dafür keine Lösung. Eine Lösung scheint nur möglich, indem man sich dem Problem nicht stellt oder indem man Lösung als eine Prozessform und ein Feld von Paradoxen, Ambiguitäten und Ambivalenzen versteht. Dann wird man sich in die Spannung begeben zwischen Polen; ein solcher Prozess ist schwer beherrschbar und nicht durch Messen evaluierbar, sondern nur durch Wertschätzung, die immer auch einen individuell subjektiven Kern behalten wird. Über solcherlei Wertungen muss und kann man streiten und sie letztendlich nur für eine Zeit als wirksame Fiktion anerkennen.
Ein übler Trick, dem Paradox humanistisch zu entkommen, ist die Berufung auf Moral. Damit kann Freiheit, so wird vorausgesetzt, legitim reduziert und als „Beliebigkeit“ denunziert werden. Der Frage nachzugehen ist lohnenswert: Wie kann „Beliebigkeit“ zu einem Schimpfwort werden? Ist, etwas zu belieben, denn eine Straftat, auf etwas Liebe zu richten verwerflich? Es wird es dann, wenn die Kriterienlosigkeit der Liebe, deren nicht Verallgemeinerbarkeit, deren Trotz im Bestehen auf der Einzigartigkeit, nicht aushaltbar erscheint. Auch dieses Problem kann man lösen: Man muss dafür sorgen, immer wieder in den Zustand der Verliebtheit zu geraten, damit eine psychotisch zu nennende gegenseitige Selbstverliebtheit zelebrieren. Man wird dann förmlich eins mit einem anderen Menschen oder für Minuten, Stunden, Tage mit einer Sache. Das ist ein melting pot. Dabei geht es zunächst nicht um den Anderen, also auch nicht um Zwang. Die Ergriffenen sind über den Wolken, wo die Freiheit doch grenzenlos sein soll. Vor solcher Passion und Begeisterung, die ja immer mehr oder weniger rücksichtslos ist gegen Andere und Anderes, rettet dann die korrekte Verfahrensweise, Schritt für Schritt, reversibel, gleichberechtigt, mit Unterstellung von Selbstständigkeit und quasi vertragshaften Vorgehen. Dann geht man mit Kriterien und Sanktionen abgesicherte Verhältnisse ein, mit der Verpflichtung auf eine bestimmte Art der Bearbeitung eines Gegenstandes, also von etwas Drittem, das dann überprüft werden kann. Die Raserei der Verführung, des sich Verführen-Lassens durch Neugier und Leichtsinn ist weder die Sache der Coolen, erst recht nicht die der Bürokratie, auch in dem an sich schon unmöglichen Liebesverhältnis gilt dies leicht als Übergriff, was ja schon fast Missbrauch wäre.
In der veröffentlichten Meinung – vielleicht insbesondere unter den Bedingungen gegenwärtiger Medienkultur – geht die Tendenz in Bezug auf Grenzwertiges immer wieder den Weg der schnellen Verurteilung. Solche Rechtschaffenheitsaufregungen kann man zum Beispiel auch als shitstorm in Twitter, Facebook und ähnlichen Anwendungen finden. Ohne die Berührung der Grenze entsteht in der Kunst keine ungewöhnliche Formulierung. Wenn alle diese Schritte dorthin begründet werden müssen, kommt es nur zu Neuauflagen. Die nachträgliche Rekonstruktion eines Weges, die die Überraschung und Unstetigkeit des Beliebens einholt, ist in der Wissenschaft gefordert. Nur so ist es möglich, die Grenzwerte auch für andere beurteilbar zu machen.
Die Orientierung an Kunst könnte in der Kunstpädagogik etwas dazu beitragen, die Rechtschaffenheitsaufregung zu mildern.
Z. B. die anlässlich des Kölner Beschneidungsurteils, wo gleich Muslime, vor allem aber Juden in den Verdacht der Barbarei gerieten aufgrund rationalistisch positivistischer, juristischer Akrobatik. Dann sind da die zur Zeit nicht bewiesenen Verfehlungen des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy, der unerlaubtes kinderpornografisches Material besitzen soll, was man aber nicht vorweisen kann. Und zusätzlich behauptet wird, dass, wer solches besitze, in der Regel auch weiterer Straftaten, insbesondere des Missbrauchs verdächtigt werden könne. Den Fall – im wörtlichen Sinne – des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff könnte man auch dazu nehmen, auch wenn seine Auftritte und sein Haus kein wirkliches ästhetisches Vergnügen waren. Und auch in der Dresdener Rede von Sibylle Lewitscharoff ging es bei aller Angreifbarkeit eigentlich um ästhetische Unterscheidungen, aber gelesen wurden, wenn überhaupt, Handlungsanweisungen und diese wurden mit aller moralischen Wucht verurteilt.
Die Fälle sind sehr verschieden, inhaltlich, im sujet: Explosionen sich überschlagenden Bescheidwissens, moralischer Sanktionierung aus der Perspektive der richtig Eingestellten. Hier zeigt sich die Gefahr, mit dem Zeigefinger zu denken. Das ruiniert den argumentativen und mit Sinnen fundierten Streit um Grenzen. Abgrenzung ist notwendig für Differenzierung und -Differenzierungsfähigkeit, also Intelligenz. Urteil und Wertung müssen sein. Aber nicht gleichzeitige -Verdammnis. Aus Damm wird leicht durch Lautverschiebung dumm. Dummheit bietet Vorteile. Der Differenzierungsfähigkeit der Sinne, der damit zusammenhängenden Differenzierungsmöglichkeit im Denken ist eine auf Ästhetik gestützte moralische Indifferenz ein Kontrapost zur Seite zu stellen, um überhaupt der Merkwürdigkeit des Einzelfalls in einiger Ruhe gewahr werden zu können.
„Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen – der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“3 (Breton)
Die Differenz zwischen Moral und Kunst ist hier nicht weg, sie wird in einem fiktiven Spiel außer Kraft gesetzt, nicht wirklich, sondern als Fiktion, die alle Macht zur Wirklichkeit hat, deutlich. Gerade dadurch wird Differenzierungsfähigkeit erreicht und Fragen aufgeworfen. Z. B. die nach der Verlässlichkeit der Unterscheidungen, etwa der zwischen Kunst und Leben. Kunst und Pädagogik zusammen können Aufenthaltsräume oder zeitlich akzentuiert: Moratorien schaffen, handlungsentlastet, in denen solches einmal sein kann.
„So groß ist das Entsetzen, das sich des Menschen bei der Entdeckung des Bildes seiner Macht bemächtigt, dass er in seinem eigenen Handeln sich von ihm abwendet, sobald dieses Handeln ihm jenes Bild unverstellt [franz. nue, KJP] zeigt. Das jedenfalls geschieht im Fall der Psychoanalyse. Die prometheische Entdeckung Freuds war ein solches Handeln“4.
Kunstpädagogik stellte also die Frage: Was tun mit der Macht, was ist die Macht? Und sagt: Man muss das nicht verschweigen. Artikulation ist die einzige Möglichkeit, dem Totalitarismus der Tat auszuweichen, sich nicht von der eigenen Ohnmacht gegen die Macht und dem Erschrecken von der eigenen Macht zerrieben zu werden.
„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“5 (Adorno)
Indifferenz, die sich zumindest eine Zeitlang der abschließenden Bewertung, des moralischen Urteils, enthält, wäre dann eine Errungenschaft, die sich eine Berührung auch mit dem Bösen, Ekligen, Schlechten, der Macht, der Gewalt, der Schuld ermöglicht. Indifferenz wäre Gelassenheit, die Bewegungen aufzunehmen versucht, die von dem her kommen, was irritiert. Einlassen, ohne in der Angst zu vergehen, gleich angesteckt zu werden.
In der Raumzeit der Berührung (Takt ist das Fremdwort dafür) ginge es um die Möglichkeit zu unterscheiden zwischen (Straf)Tat und Phantasie, zwischen Tun und Wünschen, Ekel, Freude, Erregung. Und das bei gleichzeitiger kritischer Distanz zum Sachverhalt und der Lust daran, Widersprüche und Widerstreite, vielleicht auch Paradoxien auszuhalten, ohne in Gleich-gültigkeit zu verfallen. Gelassenheit spürt den verschiedenen Geltungsmöglichkeiten nach, prozessiert also nicht im Modus der Gleichgültigkeit. Das Anstößige wird zum Anstoß (auch energetisch) und muss die Energie nicht gleich wieder vergeuden, indem die geballte und geballerte Abwehr auf den Plan gerufen wird, die nur noch so gerade eben vor dem Mordaufruf zurückschreckt, den Rufmord aber genussvoll betreibt. Um was zu tun: Sich als unschuldigen Menschen herauszustellen.
„Nun, mein vortrefflicher Freund, sagte Herr C …, so sind Sie im Besitz von allem, was nötig ist, um mich zu begreifen. Wir sehen, daß in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. – Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.
Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“6 (Kleist)
Ich habe eine fixe Idee: die Auseinandersetzung mit der Schuld.7 Kann Schuld nicht akzeptiert werden als ein beim Denken, Fühlen und Handeln notwendiges Verfehlen, dann muss man auf Teufel komm raus unschuldig bleiben oder zumindest Reservate der Unschuld erhalten. Diese Reservate werden in Kindern gesucht und die Kunst soll manchmal auch dafür stehen. Gelingt es nicht unschuldig zu bleiben – und das gelingt nie –, kommt dazu noch die Scham oder Unfähigkeit diese Schuld gegenüber anderen zu artikulieren, dann wird aus der Schuld das Schuldgefühl. Das macht so träge und dumm, dass man entweder darin versinkt oder sich durch Aufbrausen, Ausklinken, Rechthaberei, vor allem aber moralische Rechtschaffenheit retten muss.
Wenn man jetzt sagen würde: Lernziel in der Kunstpädagogik wäre, ambiguitätstolerant zu werden, Ambivalenzen aushalten zu können, Paradoxe durch die eigene Existenz zusammenzuhalten, dann ist man fast schon wieder in einem Erlösungsgerede. Der Kunst soll ein weiteres Mal heilbringende Funktion delegiert werden, um die Pädagogik zu entschuldigen oder zu entschulden.
Die Kunst gibt es aber nun nicht. Sie entsteht erst durch Berührung, treffen und verfehlen. Anwendung der Kunst macht schon schuldig. Kunstpädagogik ist eine Anwendung von Kunst, ohne die die Kunst nicht existieren würde.
An den Veränderungen der gesellschaftlichen Funktion von Kunst kann die Kunstpädagogik nicht vorbeigehen. Sie kann Kunst nicht nehmen, wie sie in Erscheinung tritt – sie muss sowieso erst angewandt werden. Teile von Kunst sind wegen mangelnder Kritik der Gefahr der Selbstbezüglichkeit erlegen oder der realabstrahierenden Marktlogik. Letztere bringt in einer Doppelgesichtigkeit, ähnlich wie die Pädagogik, Kunst zur Geltung (zumindest zur Geldung), kann sie aber auch aus der Selbstbezüglichkeit herausholen und nutzen. Beides kann in der Anwendung Kunst zerstören.
Wie durch den Markt Kunst vielleicht hübsch wird, aufgehübscht zur Erzielung von Gewinn als Parkposition fürs Kapital (das erschöpft und ermüdet vom Marktreiben nicht mehr weiterkann).
Kunstpädagogik hat Mitleid mit der Kunst. Sie kann aber auch die Passion, die zur Kunstaktion geführt hat, in die Wahrnehmbarkeit zurückführen. Durch ihre -Fixierung auf pädagogische Ziele bemerkt sie Zusammenhang, wo keiner sein kann, macht Sinn. Jede Wahrnehmung von Kunst ist Post-Produktion. Die zu arti-kulieren ist wichtiger denn je: Nicht alles so nehmen, wie es auf einen einknallt, sondern aufnehmen, wirbeln und weitermachen.
Anders formuliert: Kunstpädagogik wäre Arbeit an der Fiktion, an den eigenen Lieblingsvorstellungen, an den Verarbeitungsformen, wie sie gesellschaftlich moralisch nahegelegt werden, an den Beziehungsaufnahmen, ob bewusst oder unbewusst, also an der Bespielung der Raumzeit zwischen den individuellen Subjekten.
Und das geht, indem man Einbildungen durch Bilder stören lässt.
Das wären dann Bildungsprozesse: das, was schon (ein-)gebildet ist, einer „neuerlichen Prüfung“8 zuzuführen. Auch marktförmige Kunst unterliegt nicht unbedingt der utilitaristischen Logik der Erzielung von „Kompetenzen“ und der Erreichung von „Standards“, ist aber gar nicht so selten Zeugnis der Herausschiebung der Grenzen der Darstellbarkeit. Kunstwerke können auch gelten als Spuren der Konstitution individueller Subjektivität unter gegenwärtigen Bedingungen. Die in Kunstwerken verzeichneten Spuren, die kunstinternen Lösungen sind als Ergebnis von je individuell subjektiver Forschung oft den Sozialisations- und Entwicklungstheorien voraus – allerdings in einer Fremdsprache formuliert.
Durch die Anwendung von Kunst werden Unterrichtsgegenstände produziert, eigens Objekte für die Pädagogik, etwas, worauf man gemeinsam sehen kann, Objekte und Objektivität. Objektivität und damit abgrenzbare Objekte entstehen an der Stelle, wo die symbolischen Strukturen und die Vorstellungs- und Urteilkraft, mit denen das forschende Individuum operiert, mit den Darstellungs- und Aufzeichnungstechniken und dem Aufgezeichneten im Stoffwechsel oder Austausch mit Anderen (Geselligkeit) in Reibungsverhältnisse gerät. Dabei entsteht eine Irritation (= neue Erfahrung / Empirie), die die bisherigen symbolischen und imaginären Konstruktionen (Theorien) differenzieren, manchmal radikal verändern. Unbewusst und ungewusst Subjektives wird artikulierbar – zum Objekt. Es wird Wissen hervorgelockt und geschaffen – Objektivität.
Kunstpädagogik und in ihr einzelne Werke, Prozesse, Filme, Performances usw. werden zu Teilchenbeschleunigern für die überholungsbedürftigen Einbildungen: Die neuen Bilder müssen überrascht werden, damit sie an einem Screen, an einer Schnittstelle etwas von ihren Bildungen preisgeben. Dieser Prozess kann in einer Klasse ein gemeinsamer werden, Erfahrungen können geteilt werden.
In diesem Verständnis von Empirie zählen Kunstwerke, auch Filme, z. B. „gute“ Spielfilme als verdichtet-inszenierte Dokumente gesellschaftlicher Erfahrung. In einer künstlerischen Formulierung werden sie zudem zu Wissen um die Singularität. Diese liegt nicht frei da, sondern ist geborgen in zur Verallgemeinerung tauglichen Artikulationen. Wenn sie reizvoll sind, neugierig machen, dann wirken sie so schnell und durchschlagen ausgefeilte Abwehrmechanismen. Wenn ein rundum behütetes Experimentierfeld besteht (Institution Schule könnte das werden), dann kann man die Chance nutzen, Vorstellungen, innere Bildern und Phantasmen sich so bilden zu lassen, dass sie bewusst erfahrbar werden.
Dabei bergen Bild- und Zeitmächtigkeit von Bildern aller Art Chancen durch Verstörung oder Erheiterung (Sprich: Lockerung der Besetzung, Aufstörung erzwungener Wahrnehmungs- und Denkweisen) hergebrachte Vorstellungen von Beziehungsaufnahme, standardisierte Unterstellungen zu erwischen und diskutierbar und oft leichter öffentlich zu machen.
Das, was Nancy übers Kino und den Film sagt, gilt wohl strukturell für einige Möglichkeiten der Befassung mit Bildern: Wir können in Kunstwerken, Nancy sagt „im Kino“, unsere eigene Einbildungskraft sozusagen wie ein Bild vor uns sehen. Im Kino kommt noch direkt, im medientechnischen Sinn, auch die Bewegung hinzu, strukturell gilt das aber auch für andere Bildproduktionen: „Mit dem Kino aber ist die Bewegung eingeführt worden – nicht so sehr die der Objekte oder der Leute, die da gefilmt werden. Man glaubt ja immer noch, das Urbild der Bewegung im Film sei der Zug. Aber die wirkliche Bewegung im Kino ist meine Bewegung, die mir die Leinwand nicht nur präsentiert, sondern die sie mir erlaubt: eine Bewegung, in der ich mich mir selbst annähere.
So kann man im Kino einem Gesicht ganz nah sein und dann von ihm zurücktreten. […] Um in die Nähe, in eine Art Berührung zu geraten, kommt das Bild aus der Vorstellung und geht dazu über, zu rühren, indem es mit dem Auge alle Sinne berührt. […] Was auf der Leinwand geschieht, zielt in der Intensität des Strebens weniger darauf, etwas vorzustellen, als vielmehr, etwas darzustellen, zu präsentieren.“9
1.) Zusätzliches Bildmaterial zu diesem Beitrag ist via QR-Code am Ende des Textes verfügbar. Abb. 1: Foto Karl-Josef Pazzini; Abb. 2: Anne-Lise Coste, “professionalization is killing art” (2008), online verfügbar in der Bilddatenbank „eMuseum“ (Zürcher Hochschule der Künste und Museum für Gestaltung, Zürich) unter http://sammlungen-archive.zhdk.ch/view/objects/asitem/id/95575 [4.1.2015]
2.) Immanuel Kant, Über Pädagogik. Königsberg 1803.
3.) André Breton, „Zweites Manifest des Surrealismus“, in: Ders., Die Manifeste des Surrealismus. Reinbek 1968 [1930], S. 56.
4.) Jacques Lacan, Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Schriften I. Olten/Freiburg 1973, S. 71–171, hier S. 78.
5.) Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Frankfurt/M. 1951, S. 67.
6.) Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater. Internetausgabe. Version 12.07, 2007 Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn. Zuletzt gedruckt 5.12.2007 09:42, Seite 8 von 9.
7.) Siehe Karl-Josef Pazzini, „Schuld abladen verboten. Kinder haften für ihre Eltern“, in: Johannes M. Hedinger, Torsten Meyer (Hg.), What’s Next? Kunst nach der Krise, Berlin 2013, S. 419f.
8.) Freud schreibt in seiner unvollendet gebliebenen Arbeit „Abriss der Psychoanalyse“ (1938/1940): „Es ist interessant, dass sich in dieser Situation die Parteibildung gewissermassen umkehrt, denn das Ich sträubt sich gegen unsere Anregung, das Unbewusste aber, sonst unser Gegner, leistet uns Hilfe, denn es hat einen natürlichen ‚Auftrieb‘, es verlangt nichts so sehr, als über die ihm gesetzten Grenzen ins Ich und bis zum Bewusstsein vorzudringen. Der Kampf, der sich entspinnt, wenn wir unsere Absicht erreichen und das Ich zur Überwindung seiner Widerstände bewegen können, vollzieht sich unter unserer Leitung und mit unserer Hilfeleistung. Es ist gleichgiltig, welchen Ausgang er nimmt, ob er dazu führt, dass das Ich einen bisher zurückgewiesenen Triebanspruch nach neuerlicher Prüfung annimmt, oder ob es ihn wiederum, diesmal endgültig, verwirft. In beiden Fällen ist eine dauernde Gefahr beseitigt, der Umfang des Ichs erweitert und ein kostspieliger Aufwand überflüssig gemacht worden.“ In: Sigmund Freud, „Abriß der Psychoanalyse: Die Psychoanalytische Technik“, in: Ders., GW XVII, 1940 [1938], S. 63–138, hier S. 104f.
9.) Jean-Luc Nancy, „Zum Sinn der Kunst. Gespräch mit Hans-Joachim Lenger und Christoph Tholen“, Lerchenfeld #22, 2014, S. 12f.
[…] kann ich Ihnen also Jonathan Fullers „On Erbaulichkeit. Art Theory and Culture in the Early 21st Century“ nur nachdrücklich zur Übersetzung empfehlen. Auch wenn sich seine Wirkung so kurz nach dem Erscheinen nicht absehen lässt, so handelt es sich trotz mancher Schwächen m. E. um ein bedeutendes Werk, das sich der Frage der Kulturentwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt und rückblickend den radikalen Wandel in den 20er-Jahren plausibel erklärt.
Bevor ich zum Inhalt komme, vielleicht ein Wort zum Autor. Meinen Kollegen Fuller hätte man vor 50 Jahren vielleicht als „Philosoph“ oder „Historiker“ bezeichnet. Ich weiß, diese Titel sind auch bei Ihnen in Europa seit dem Umbau der Universitäten nicht mehr geläufig, aber weder die heute zulässigen Bezeichnungen „Neurobiologe“ noch „Kulturwissenschaftler“ treffen Fullers vielfältige Interessen und Vorlieben. Jonathan liebt das Dorophon, er geht nicht gerne spazieren und benutzt trotz aller Verbote nach wie vor das alte Internet.
Fullers Frage ist einfach: Wie kam der „Social Turn“, der heute so viele beschäftigt und viele von uns so sehr beunruhigt, an den Universitäten zustande? Üblicherweise wird der Paradigmenwechsel der letzten Jahre, die Renaissance des Gesellschaftlichen, als Adaption der neuen sozialen Bewegungen im akademischen Milieu verstanden. Das mag ja stimmen, aber all diese Erklärungen bleiben äußerlich. Fuller zeigt den immanenten Wandel, also die Erosion des Alten und die Herausbildung des Neuen innerhalb der Kulturwissenschaften – und, vielleicht überraschend, in der Kunst. […]
Wie wir wissen, ist die Entwicklung in den Wissenschaften von Neuorientierungen, von „Turns“ mit jeweils unterschiedlichen neuen Schwerpunkten, Sichtweisen und Funktionen gekennzeichnet. Auch unsere Tätigkeit verdankt sich einem solchen Turn, dem „Cultural Turn“, als am Ende des 20. Jahrhunderts Kultur endlich zum Leitbegriff und Leitmotiv aller politischen Analyse wurde. Heute sind uns beispielsweise Samuel Huntingtons Thesen selbstverständlich, aber noch zu Beginn unseres Jahrhunderts, erinnert Fuller, waren sie umstritten, so wie sie jetzt wieder sind!
Fullers Antwort ist so einfach, wie sie einleuchtend ist. Er erklärt den „Social Turn“ als Reaktion auf die langjährige Dominanz einer Rede und Praxis zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die er unter dem Begriff „Gelehrsamkeit“ zusammenfasst. Die ersten acht Kapitel (The New Scholar and Old Sage, p. 7 – 81), sie zählen wohl zu den erhellendsten Momenten des ganzen Buches, sind der Genese und Formierung des Konzeptes der Gelehrsamkeit in der wissenschaftlichen Kultur gewidmet. Sie zeichnen die Entstehung des gelehrsamen Diskurses zu Beginn unseres Jahrhunderts minutiös nach und versäumen es nicht, die Schlüsselfigur des „Gelehrsamen“ und seine Herrschaft im Detail zu skizzieren. Dies schafft Fuller auf eine elegant entwickelte Weise, indem er auf den alten Typus des Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert rekurriert und den neuen Gelehrsamen zugleich als dessen Nachfolger wie als dessen Devianzprodukt begreift.
Im Konzept der Gelehrsamkeit geht es nach Fuller um nichts weniger als um die „Verbreitung der deutschen Tiefe im Weltmaßstab“, wie er an einer zentralen Stelle seines Buches schreibt (p. 123). Nach Fuller herrschte am Ende des vorigen Jahrhunderts nach langer Zeit wieder rege Nachfrage nach dieser Gelehrsamkeit:
„Je stärker sich die Neurobiologie als Leitdisziplin der Wissenschaft vom Menschen etablierte, je größer ihre Erfolge wurden bei der Erklärung menschlichen Handelns, des Rätsels des Bewusstseins und des moralischen Empfindens, desto stärker wuchs der Druck auf die anderen Disziplinen wie Philosophie, Kunstwissenschaften oder Philologien. Sie mussten sich entscheiden: Entweder eine schwache Wissenschaft zu sein, die mit den Errungenschaften der Neurobiologie nicht mithalten kann und an deren ewig unzufriedenes Blabla niemand mehr so recht glaubte, oder den Rubikon zu überschreiten und wieder gelehrsam zu werden. Der neue Gelehrte machte das Rennen.“
Das Medium des Gelehrsamen ist nach Fuller die „Erbaulichkeit“, ein Konzept, für das uns im Englischen ja der Begriff fehlt. Erbaulichkeit meint eine besondere Form des Diskurses, der nach Fuller gegen die Diskursregeln der älteren kritischen Wissenschaft gerichtet war. Nochmals Fuller:
„Ihre Sprache muss ein wohltuender Schock gewesen sein. Entgegen der ausgewogenen, hochspezialisierten Sprache der alten Wissenschaftlergeneration waren die Neuerer voller Tiefe und Allgemeinheit. Schon bald sprachen sie auf akademischen Tagungen wie auf Managementkongressen, manche hielten bis zu 150 Vorträge pro Jahr und gaben fast täglich Interviews. Nicht dass die Vertreter der neuen Erbaulichkeit verständlich waren, natürlich nicht, aber was sie sagten, klang weise. Woher kam ihr glänzender Erfolg? Ich meine, sie kompensierten vor allem zwei Defizite: Zum einen etwas, was damals vom breiten Publikum als ‚Bildungsmangel’ empfunden wurde, zum anderen glichen sie den ‚Mangel an Sinn’ aus, der viele Menschen beschäftigte und gegen den die angewandte Neurobiologie zu Beginn des Jahrtausends ja noch kein Mittel parat hatte. Die erbauliche Rede war mahnend und radikal, aber gerade dadurch war sie versöhnlich, störte niemanden und war, auch wenn ihre Vertreter in Rätseln sprachen, in gewissem Sinn humorvoll und unterhaltend.“
Auf minutiöse Weise gelingt es Fuller in der Folge jenen Prozess der Herausbildung des „Gelehrsamen“ vor dem Hintergrund der Wandlungen der akademischen Debatten und der Umgestaltung der universitären Strukturen zu Beginn unseres Jahrhunderts nachzuzeichnen. Fuller meint, dass die Etablierung des erbaulichen Diskurses zunächst vor allem in Italien und Frankreich erfolgte und betrachtet in der Folge detailliert die Werke, Karrieren und Einkommensverhältnisse von drei heute vergessenen Autoren (vgl. Kap. 9: Early Architects of New Erbaulichkeit: Kristeva, Eco, Baudrillard). Ein prototypisches Beispiel bilden dabei die mathematischen Schriften von Jacques Lacan zur „asphärischen Topologie“: […]
Wie kam es nun zum Wandel, zum Überborden des Konzeptes der Erbaulichkeit? Fuller berücksichtigt hier besonders die Rolle der Kunst und ihre Entwicklung.
Lange schon war die Ästhetik das beliebteste, ja das zentrale Feld der Gelehrsamkeit, auf dem sie ihr Inventar entwickelte und schärfte. Fuller bringt die Krise der Erbaulichkeit auf eine verblüffend einfache Formel, indem er sie mit der Kunstentwicklung synchronisiert:
„Je beliebiger die visuelle Produktion empfunden wurde, desto erbaulicher musste der Diskurs über sie werden. Die Gelehrsamkeit war die treue Begleiterin der Kunst, das war ihre wesentliche (nicht zuletzt ökonomische) Funktion, sozusagen die epistemologische Homebase des Paradigmas. Ihr Erfolg am Markt war beider Erfolg, sobald ihr Unternehmen allerdingsin Schwierigkeiten geriet, hatten beide Probleme.“
Eine Bruchlinie bildet nach Fuller die Große Krise von 2019, der plötzliche Zusammenbruch des Kunstmarktes, der weltweit so viele Existenzen zerstört hat. Fullers Darstellung (Kap. 12: Bloody Saturday) erinnert eindrücklich an diese Wendezeit, als – Sie werden sich vielleicht erinnern – bei Sothebys ein seltener Duchamp erstmals sogar unter den Wert eines mittelformatigen Goyas fiel. In der Folge geriet der „Cultural Turn“ selbst unter Druck:
„Heute ist ja weitgehend vergessen, dass VDs (= Visual Designer, Anm. d. Hrsg.) damals noch als Einzelpersonen, rechtlich unter der Berufsbezeichnung ‚bildende Künstler’ agierten und noch nicht angestellt waren. Auch wenn der Markt noch florierte, war das Auskommen vieler dieser ‚Künstler’ noch höchst unsicher, ihre Existenz leidvoll, flankiert und ermuntert von einer Kunsttheorie, die mit der seltsamen Bezeichnung ‚autonom’ das existenzielle und finanzielle Elend dieser Menschen legitimierte.“
Ein ganzes Kapitel widmet Fuller nun der widersprüchlichen Übergangszeit nach der Krise, als die VD-Agenturen wie Saatchi und Gates die „freien Künstler“ unter Vertrag stellten. Das Angestelltenverhältnis wurde am Anfang natürlich als Erlösung, aber interessanter Weise in dieser frühen Phase auch als Einschränkung empfunden. Das Signierverbot setzte sich erst langsam durch. Sogar Kunstakademien waren in gewisser Weise ja unabhängig, bevor sie schlossen. In Kap. 15 (Fine Arts: From Expression to Training) zeigt Fuller eindrücklich, dass die heutigen Trainingscenter der VD-Agenturen ursprünglich aus den alten Kunstakademien und –universitäten geboren wurden und wie noch längere Zeit versucht wurde, eine heute schwer nachzuvollziehende Trennung zwischen Werbung und Kunstausübung aufrecht zu erhalten. […]
Besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen Fullers Exkurs zur Rolle staatlicher Kunstförderung (Kap. 17: Wild Production). Aus den alten Akten der Ministerien rekonstruiert Fuller mit archivalischem Fleiß, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich noch die Produktion von Kunst (und nicht wie heute ausschließlich die Konsumtion) staatlich gefördert wurde. Es mutet absurd an: Theaterstücke, Filme, Bilder, ja sogar ganze Bücher wurden zu Hauf aus Steuermitteln finanziert, ohne dass man wusste, wie viele Besucher zu den Ausstellungen kommen werden oder ob es überhaupt Besucher oder Leser eines geförderten Produkts geben wird. Das blieb alles dem Zufall überlassen, was, obwohl es gar nicht so lange her ist, wirklich unvorstellbar anmutet: Es gab keinen einzigen professionellen Leser (Lesen wurde noch als Privatsache betrachtet), es gab keine neurobiologischen Verständnistests, kein staatlich anerkanntes Empfindungszertifikat an den Bildern. Es wurde einfach auf gut Glück produziert. Im Grunde war klar, dass dieses wild wuchernde System implodieren musste und damit dem „Cultural Turn“ die Grundlagen entzog. […]
Das besondere Verdienst Fullers ist die Betrachtung der Gegenwart. So überzeugend der Prozess der Durchsetzung des Konzepts der Gelehrsamkeit und sein Niedergang von Fuller nachgezeichnet wird, so unsicher bleibt er natürlich bei der Debatte jenes Begriffes, der gegenwärtig so heftig diskutiert wird. Der Terminus „The Social“ (Sie würden wohl den Begriff „Gesellschaft“ verwenden) bereitet Fuller, und da ist er beileibe nicht der einzige unter den zeitgenössischen Autoren, durchaus Schwierigkeiten. Nun wäre es allzu beckmesserisch, dies der Arbeit als einen gravierenden Mangel anzulasten, gemeint ist nach Fuller „die Wiederentdeckung des Begriffes Gesellschaft“ (Kap. 18: The Social Turn. An Ambivalent Project), die sich in so vielen Arbeiten derzeit parallel ereignet.
In manchem erscheinen die Neuerer freilich als Etikettenschwindler. Der „Social Turn“ ist häufig nichts anderes als eine semantische Transformation, ein Wortgeklingel, und Sie könnten statt „Gesellschaft“ ebenso gut auch unser altes, vertrautes „Kultur“ einsetzen. Aber es wäre ungerecht, das Neue in Bausch und Bogen zu verdammen.
Der Paradigmenwechsel besteht, und er besteht, dies ist Fullers These, in Wahrheit aber in einem Rückgriff auf Konzepte des 20. Jahrhunderts. Fuller zeigt, dass etwa Goldmanns „Society and Knowledge“ oder das bahnbrechende „Political Economics“ von Sarah Peters in vielem auf Konzepten der „Kritischen Sozialwissenschaft“ (– im Original deutsch, Anm. d. Hrsg.) des 20. Jahrhunderts beruhen. Eindrucksvoll weist Fuller abschließend auf Autoren wie Theodor Adorno (Kap. 20: The Beauty of Dialectics), Jürgen Habermas (Kap. 21: Reason, Boredom and Speech) und Max Hörkheimer (sic!, Anm. d. Hrsg.) hin, der mir leider unbekannt ist.
[…] hoffe ich also, ihnen mit meiner Darstellung gedient zu haben. Angeregt von Fuller habe ich mir übrigens eben einen Band von Adorno aus der alten dorophonischen Bibliothek besorgt und versuche gerade, seine „Ästhetische Theorie“ zu lesen. Ein enigmatisches Werk, aber eine faszinierende Lektüre, die ich Ihnen nur empfehlen kann. In ihrem Verlagsarchiv müsste noch ein Exemplar zu finden sein.
Mit besten Grüßen
Ihr
O. Johnsen.
Wiederabdruck
Dieser Text erschein erstmals in ART AND NOW: Über die Zukunft künstlerischer Produktivitätsstrategien, Wien 2010, S. 106ff.
Alex Shakar, 2001
Post-Irony means total imaginative and creative freedom.
Com&Com, 2008
Die Zeit der Ironie ist abgelaufen. Wir sind müde geworden, ständig mit den Augen zu zwinkern, kunstvoll zu zweifeln und alles im zweiten Grad und höher zu dekonstruieren. Nach einem letzten ironischen Höhepunkt als spöttisches Schwert der Postmoderne steht eine ironische Haltung heute dafür, Wahrheiten zu verschleiern, Problemen aus dem Weg zu gehen und jeden Schwachsinn damit zu rechtfertigen, dass es ja nicht ernst gemeint sei. Die Ironie verkommt zu einer Art Haftungsausschluss oder Fluchtmanöver vor jeder denkbaren Verantwortung. Viele Menschen wollen heute aber wieder ungebrochen und geradlinig durchs Leben gehen, die Dinge sehen, wie sie sind. Man lässt wieder Nähe und Emotionalität zu, übernimmt Verantwortung. Mit dem distanzierenden Gestus der Ironie ist dies nicht mehr ernsthaft machbar.
Von der Ironie zur Postironie
Bereits in den 1990er Jahren kündigten sich verschiedene Ansätze einer möglichen Nach-Ironie an; so zum Beispiel 1993 in David Foster Wallaces Essay E Unibus Pluram, in dem er die postmoderne Literatur mit der US-Fernsehindustrie verglich. Beide hätten sich mittels selbstbezüglicher Ironie der Angreifbarkeit entzogen, denn wer sich über sich selbst lustig macht, könne nicht mehr ins Lächerliche gezogen werden: „Die Ironie tyrannisiert uns. Sie ist ebenso mächtig wie unbefriedigend geworden, weil sie sich stets alle Optionen offen hält.“ Ausgerechnet der postmoderne Vollblutironiker Wallace träumte schon vor fast 20 Jahren von einer möglichen neuen Kultur des Post-Ironischen: „Die nächsten wirklichen literarischen ‚Rebellen‘ in diesem Land könnten als ein komischer Haufen von Anti-Rebellen auftreten, geborene Schaulustige, die sich erdreisten, vom ironischen Blick Abstand zu nehmen, und die kindliche Frechheit besitzen, unzweideutige Prinzipien gutzuheißen und auch umzusetzen. Die einfachen, uralten und vollkommen unmodischen menschlichen Schwierigkeiten und Gefühle mit Ehrfurcht und der Kraft der Überzeugung behandeln.“1
Als weitere Position sei Jedediah Purdys 1999 erschienenes Buch For Common Things: Irony, Trust, and Commitment in America Today2 erwähnt. Purdys Plädoyer für eine Repolitisierung der Öffentlichkeit wurde stark beachtet und ebenso oft als naiv gescholten. Es wurde als Generalangriff auf die ironische Kultur der USA gelesen, die den Rückzug aus der Öffentlichkeit zugunsten eines verantwortungslosen, allein individuell geführten Lebens fördere. Purdy kritisiert, dass wir eine Form von Ironie praktizierten, „die beharrlich jene Eigenschaften beargwöhnt, welche uns einen Mitmenschen ernst nehmen lassen: Integrität einer Persönlichkeit, Redlichkeit der Beweggründe. Wir hüten uns vor der Hoffnung, weil wir kaum sehen, was sie begründen könnte. An nichts wirklich zu glauben, besonders nicht an Menschen, erfüllt uns mit einem unbestimmten Stolz, und Überzeugungen zu haben, kann peinlich naiv wirken.“3
Während Foster Wallaces Essay im Grundton noch ironisch eingefärbt und uneigentlich bleibt, schreibt Purdy bereits eigentlich. Ohne doppelten Boden fordert er eine Art Rückkehr zur moralischen Integrität des Individuums, zu sozialer Verantwortung und gelebtem Umweltbewusstsein. Purdy formuliert Hoffnungen und geht damit das Risiko ein, dass diese enttäuscht werden und er als Autor als Spaßbremse da steht.
Der Terminus der ‚Postironie‘ wurde zwei Jahre später erstmals eingeführt von einem weiteren, ebenfalls aus den Vereinigten Staaten stammenden Autor. Alex Shakars im Trendscout- und Werbemilieu angesiedelter Debüt-Roman The Savage Girl (2001)4 bringt zwei interessante Kerngedanken hervor: die ‚Paradessenz‘ (jedem zu verkaufenden Produkt soll eine paradoxe Essenz inne wohnen, die zwei Dinge vereint, nach denen der Konsument sich sehnt) und eben die ‚Postironie‘, die hier als dritte Phase der Konsumgesellschaft (nach der präironischen Phase der 1950er und der ironischen der 1980er und 1990er Jahre) erklärt wird. Die Ironie sei inzwischen zum zentralen Stilmittel der Werbung degeneriert und habe so ihre oppositionelle Kraft verloren. Durch „ironischen Ernst“ („Postirony is ironic earnestness“5) könne aber der Lähmung durch den allgegenwärtigen Zweifel begegnet werden. Nicht nur wird das Phänomen des Zweifelns über Zweifel zum Zeitalter der Postironie extrapoliert, die Postironie selbst wird gar als neuer Trend und Marketingstrategie propagiert: „Postirony, the whole new era to come. And if I‘m right, everybody wins.“6
Wie schnell diese neue postironische Ära Wirklichkeit werden sollte, konnten weder Foster Wallace, Purdy noch Shakar voraussehen: Shakars Buch kam just an dem Tag auf den Markt7, als in New York die Türme einstürzten, und nichts mehr war wie zuvor. Nicht nur in den Vereinigten Staaten wurde unmittelbar nach den Terroranschlägen das endgültige „Ende der Ironie“8 ausgerufen.
Was ist Postironie?
Wikipedia bezeichnet den Begriff als „differenzierte Haltung zur Figur der Ironie. Analog zur Dekonstruktion der ‚großen Erzählungen‘ […] der Moderne im Zuge postmoderner Diskurse, […] setzt sich die Form der Postironie kritisch mit den Implikationen eines relativierten Wahrheitsbegriffes auseinander.“ Postironie sei weder als Ruf nach prä-ironischer Einfachheit, noch als strikte Anti-Ironie mißzuverstehen, vielmehr sei sie als sinnstiftende Empfehlung zu begreifen. Sie ist „eine verantwortungsbewusste Haltung, die Ironie ernst nimmt und diese unter den Bedingungen der Gegenwart wieder produktiv zu nutzen verspricht.“9 Eine ähnliche Lesart schlägt Sebastian Plönges in seinem Essay „Postironie als Entfaltung“ vor, die weder den Postironiker ironisiert noch die großen Erzählungen von Vernunft, Wahrheit, Geschichte, Fortschritt oder Kunst reanimieren muss: „Das Problem, auf das die Postironie eine Antwort sein könnte, hört auf ein Problem zu sein, sobald man produktiv mit Paradoxien umzugehen lernt.“ Das Aushalten von Kontingenzen sei die Stärke des Postironikers, „der somit eine freie und produktive Option zur Entfaltung der Ironie-Paradoxie anbietet. Er setzt alles auf eine Seite (ohne zu leugnen, eine Wahl gehabt zu haben), er markiert seinen Präferenzwert, und das alles ist ihm nicht peinlich: Er trifft eine Unterscheidung und übernimmt die Verantwortung dafür.“10 Postironie ist also eine Haltung, ein Statement, eine Positionierung.
Postironie und Kunst
In den Diskurs der Bildenden Kunst wurde der Terminus der Postironie Ende 2008 durch das Schweizer Künstlerduo Com&Com eingeführt. Mit dem first postironic Manifesto,11 propagierte Com&Com die Postironie als neue Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit und rief in bunten Farben zur Wiederentdeckung der Schönheit, Huldigung des Authentischen und zur Feier der Kreativität und Einzigartigkeit auf. Angesichts der Tatsache, dass Com&Com bisher mit satirisch-ironischen Videos, Installationen und Aktionen bekannt wurde, ist die anfängliche Skepsis nachvollziehbar. Das Manifest wurde teils als ein „rhetorisches Manöver und ironische Reaktion auf die faktische Instituierung der Postironie“ verstanden.12 Denn wenn die Ironie erst mal im Spiel ist, wird man sie kaum wieder los. Dass die beiden Schweizer es aber ernst meinen, zeigen sowohl ihre künstlerischen Arbeiten der letzten fünf Jahre, wie auch die begleitenden Vermittlungs- und Unterrichtsprojekte an den Universitäten von Köln, Hamburg und an der Zürcher Hochschule der Künste.13
Rund zwei Jahre später zeigte das Museum Morsbroich in Leverkusen 2010 mit der Gruppenausstellung Neues Rheinland. Die postironische Generation14 postironische Tendenzen in der deutschen Gegenwartskunst. Versammelt wurden rund 30 jüngere Positionen, die sich durch eine nachironische Haltung auszeichnen und eine „neue Hinwendung zu Ernsthaftigkeit, Engagement und Humor“ entwickelten.15 Die Co-Kuratorin der Ausstellung, Stefanie Kreuzer, sieht in der postironischen Kunst mit ihren künstlerischen Mitteln und Methoden wie Parodie, Zitat, Sampling, Fiktion und eben Ironie eine Abkehr vom Kunstbegriff der 1980er Jahre. „Hatte die Ironie in der Moderne und verstärkt in der Postmoderne das Problem von der Welt hin zum Diskurs, zu den Zeichen verschoben, so kehrt sich die Blickrichtung nun um.“16 Demnach bildet die Orientierung am Menschen das zentrale Moment dieser aktuellen Kunstproduktion. Körperlichkeit, Handgemachtes und innere Konstruktion sind also die Themen der Stunde. Beobachtungen, die auch die Kunsthistorikerin Noemi Smolik unterstützt: „Kneten und Formen, Zeichnen und Malen, Schneiden, Kleben und Binden kommen verstärkt vor. Keramik, diese verpönte Technik, haben plötzlich viele Künstler für sich entdeckt.“17 Kurator Markus Heinzelmann meint im Vorwort: „Es gehört Mut dazu, das Material wieder ernst zu nehmen und scheinbar altmodische Materialien wie die Keramik wieder auszuprobieren, Scherenschnitte anzufertigen, die Pigmente für seine Farben selbst auszugraben und anzumischen oder einen Song von Udo Jürgens in seinen Filmen einzubauen – und das nicht ironisch zu meinen.“18
Aber wirkt der Rekurs auf soviel ehrliches Handwerk und althergebrachte Technik nicht vielleicht selbst etwas hausbacken und abgestanden? Wo bleibt der aktuelle Bezug zur Politik und zum Leben von Heute, der der Postironie auch inne wohnt? Die Auswahl der in Leverkusen gezeigten Arbeiten lässt vermuten, die Kuratoren setzten Postironie mit neuer Innerlichkeit gleich. Die Künstlerin Alexandra Bircken zeigte einen Quilt, Jan Albers verlegte Rohre, Ulrike Möschel hängte eine weiße Kinderschaukel an einem seidenen Faden auf und in der Videoskulptur von Eli Cortiñas sang Judy Garland treffend: „There‘s no place like home“. Der Kritiker Michael Kohler summiert im Art Kunstmagazin denn auch nachvollziehbar: „Während die Welt gerade Kapriolen schlägt, dominieren Heim und Handwerk die Kunst: Das klingt beinahe nach der guten alten Biedermeierzeit.“19
Der Kunstkritiker Jörg Heiser steckt in seinem Katalogbeitrag den Begriff der Postironie etwas breiter ab und sieht erste Vorläufer bereits in der amerikanischen Camp-Bewegung („Camp ist Postironie avant la lettre“). Für Heiser ist Postironie nicht mehr etwas Komisches, das um einen ernst gemeinten Kern kreise, „sondern etwas zutiefst Ernstes, das den Beigeschmack zulässt, dass es auch lustig gemeint sein könnte.“ In der Postironie gehe es um die gesellschaftliche Durchsetzung eines „dialektischen Verständnisses davon, was ‚echt‘ und was ‚künstlich‘, was authentisch und was ironisch in der gegenwärtigen Überlagerung von Medienwirklichkeiten heißt.“20 Doch mindestens solange dem „Post-“ weiterhin die „Ironie“ anhängt (und nicht etwa durch ein neues künstlerisches Konzept ersetzt wird), muss eine Unterscheidung über die erwähnte Dialektik hinaus führen: Postironie ist eine Haltung, die es nicht mehr nötig hat, sich an der Unterscheidung von echt/künstlich abzuarbeiten, egal ob ernst oder ironisch.
Postironisches Manifest
Das bereits erwähnte Schweizer Künstlerduo Com&Com wurde 1997 in St. Gallen von Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger als fiktive Firma („commercial communication“) gegründet, mit dem zunächst einmaligen Ziel, eine Kaffeefahrt rund um den Bodensee zu veranstalten. Aus diesem temporären Appropriations- und Sozialkunstexperiment wurden 15 Jahre der künstlerischen Praxis, in denen Com&Com sich und ihren Kunstbegriff mehrfach neu erfanden. Nach teils komplexen Kommunikations- und Strategieprojekten der Gründerjahre, die neben Techniken wie Sampling, Fake und Provokation auf das alles verbindende Gleitmittel Ironie setzten (C-Files: Tell Saga [2000],21 Mocmoc [2003–2008],22 Gugusdada [2004–2011]23), begann ab ca. 2006 eine Phase der Umorientierung und ein umfassendes Rebranding auch der künstlerischen Ausrichtung, das in der Ausrufung des postironischen Manifestes Ende 2008 gipfelte24:
1. Wir leben im postironischen Zeitalter. Ironischer Zweifel ist nur noch zur Lebensart erhobene Unzufriedenheit.
2. Wir beginnen das Verfahren des Zweifelns anzuzweifeln.
3. Wahrheiten sind nicht länger unbedingt, sondern vorübergehend, wie es dem augenblicklichen Zweck gerade dienlich ist.
4. Die Welt ist mehr als sie ist.
5. Das Alltägliche dient als Versuchsgelände für den menschlichen Geist.
6. Alles ist erfüllt von Zauber und Schönheit.
7. Schönheit kann uns dazu anregen, bessere Menschen zu werden.
8. Aus Schönheit kann Liebe erwachsen.
9. Aus der Liebe folgen Wahrheiten.
10. Wir stehen an der Schwelle zu einer wunderbaren Sache: vor der Wiedergeburt unserer Selbsterschaffung. Postironie meint völlige Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit.
‚Postironic Turn‘
Die postironische Neuausrichtung manifestiert sich seit 2009 im gesamten künstlerischen Output von Com&Com. Nachdem sich die Künstler jahrelang hinter dem Werk und der kollektiven, industriellen und digitalen Produktion verbargen, nahmen sie nun wieder selbst den Stift, den Pinsel oder das Messer in die Hand und traten wieder live vor Publikum auf. Zudem wurde das Interesse für Natur (vgl. Baum (seit 2010)25), Volkskulturen und Traditionen in der eigenen und in anderen Kulturen (vgl. Bloch (seit 2011)26) wach. Damit wurden weitere Forderungen des Manifestes eingelöst. Heute versteht Com&Com Postironie als das Zulassen von Emotionen sowie Mut zum Pathos und großen Gefühlen, als eine staunende Betrachtung des Realen, des Einfachen und des Zaubers im Alltag.
Postironie ist die Feier des Lebens, der Natur und der Schönheit. Postironie meint aber auch Gastfreundschaft und Verantwortung in der Kunst, sie schafft künstlerische Communities und setzt kritische Debatten in Gang. Postironie ist der grenzüberschreitende Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und verbindet lokale und globale Perspektiven miteinander.
Die Postironie lässt sich auch nicht nur als Neuausrichtung eines gewandelten Kunstverständnis einer einzelnen Position (Com&Com) sehen. Ähnliche Denkweisen und Parallelen lassen sich mehrfach innerhalb der Post-9/11-Kunst und in der zeitgenössischen Kunst seit Beginn der Finanzkrise beobachten. Womöglich ließe sich gar von einem Paradigmenwechsel und „postironic turn“ sprechen.
Post-Post-Ironie
Und bevor jemand fragt „what’s next?“: Ich weiß es auch nicht. Gut möglich, dass die Postironie schon bald einen anderen Namen trägt. Welchen, ist gar nicht so entscheidend, solange dabei Kunst entsteht, die etwas bewirkt. Was von der Postironie jedoch mit Sicherheit bleiben wird, ist die Hoffnung auf Wandel und auf eine bessere Welt, frei von Sarkasmus und Zynismus. Damit verbunden ist die Einladung, das reiche Leben und dessen Schönheiten und Wahrheiten zu entdecken, in dem man neugierig ist, auf einander zugeht und gemeinsam nach kreativen Lösungen sucht. Und was ebenfalls bleibt, ist die Haltung, Fragen und Probleme frontal anzugehen, Verantwortung zu übernehmen, den Mut zur Utopie und zu schönen Ideen zu haben und keine Angst vor Scheitern, Peinlichkeiten und großen Gefühlen. – Denn dann gewinnt am Ende wirklich jeder.27
Wiederabdruck
Dieser Text erschien erstmals in abgeänderter Form in: Kunstforum International Bd. 213: „Ironie“, Ruppichteroth, 2012, S. 112–125.
1.) David Forster Wallace, „E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction“, in: The Review of Contemporary Fiction, 13, Champaign 1993, S. 151.
2.) Jedediah Purdy, Das Elend der Ironie, Hamburg 2002.
3.) Ebd., S. 83.
4.) Alex Shakar, Der letzte Schrei, Hamburg 2002
5.) Alex Shakar, The Savage Girl, New York: Harper 2001, S. 140.
6.) Ebd., S. 124.
7.) www.themillions.com/2011/07/the-year-of-wonders.html (abgerufen am 30.7.2011).
8.) Vgl. z. B. Roger Rosenblatt: „The Age of Irony Comes To An End“, in: Time Magazin, 16.9.2001.
9.) http://de.wikipedia.org/wiki/Postironie (abgerufen am 30.7.2011).
10.) Sebastian Plönges, „Postironie als Entfaltung“, in: Torsten Meyer, Wey-Han Tan, Christina Schwalbe, Ralf Appelt (Hrsg.): Medien und Bildung. Institutionelle Kontexte und kultureller Wandel, Wiesbaden 2011, S. 438–446.
11.) www.postirony.com
12.) Jörg Heiser, „Im Ernst – von polemischer Ironie zur postironischer Vernetzung in der Kunst des Rheinlands und überhaupt“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), Neues Rheinland. Die postironische Generation, Ausstellungskatalog des Museums Morsbroich, Berlin, 2010, S. 19.
13.) Der seit 2009 bestehende Blog auf www.postirony.com brachte neben einer umfangreichen Materialsammlung zu postironischen Tendenzen in den Künsten auch weitere Definitionsversuche hervor.
14.) Vgl. Markus Heinzelmann/Stefanie Kreuzer (Hrsg.), Neues Rheinland. Die postironische Generation, Ausst.-Kat. Museum Morsbroich, Leverkusen, Berlin, 2010.
15.) Pressetext auf: www.museum-morsbroich.de/ (abgerufen: 30.7.2011).
16.) Stefanie Kreuzer, „Gegenrede – Ironie“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 43ff.
17.) Noemi Smolik, „Ein Manifest für politisch wirksame Kunst“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 35f.
18.) Markus Heinzelmann, „Vorwort“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 7.
19.) Michael Kohler, „Totes Heim, Glück allein“, in: www.art-magazin.de/kunst/35806/neues_rheinland_leverkusen (abgerufen am 30.7.2011).
20.) Jörg Heiser, „Im Ernst – von polemischer Ironie zur postironischen Vernetzung in der Kunst des Rheinlands und überhaupt“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 19.
21.) www.youtube.com/watch?v=SDdjRZlxGpE.
22.) www.mocmoc.ch; www.youtube.com/watch?v=r3_SNlWx-NA.
23.) www.gugusdada.net; www.youtube.com/watch?v=tlxCBenCDns.
24.) Vgl. auch englische Originalfassung unter www.postirony.com
25.) www.com-com.ch/de/archive/detail/10
26.) www.bloch23781.com
27.) vgl. das Eingangszitat von Alex Shakar: „Postirony, the whole new era to come. And if I’m right, everybody wins.“ (2001), in: Der letzte Schrei, Hamburg 2002.
Carl Vogt
Zum Frühstück gibt es Modafinil und eine doppelte Dosis Ritalin. Ohne lässt sich nur arbeiten, was Spaß macht. Mit lässt sich alles machen. Kombinationsfähigkeit, Motivation, Aufmerksamkeit verdrängen Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Selbstzweifel. Wer arbeitet, braucht kein Selbst, nur Vertrauen. Der Bürger opfert das Heute dem Morgen, der Proletarier das Morgen dem Heute und das selbständige Subjekt alles. Sneak fühlt sich wie eine Krabbe in der Brandung des Meeres. Er bleibt in Deckung, will nicht weggespült werden. Um wach zu werden, beißt er in eine Zitrone und Sacculina schießt ihm durch den Kopf. Sacculina, dieser Parasit, der Krabben befällt, sich in ihr Fleisch bohrt und rankenartige Geflechte in die Blutgefäße und das Gehirn treibt. Sie unterzieht ihren Wirt einer chemischen Kastration und wird dessen neues Gehirn. „Es gibt kein Ich, es gibt nur Sacculina“, sinniert Sneak. „Irgendetwas treibt mich an, Dinge zu tun, die ich nie dachte.“
Noch einen Blick auf das Interface. Eine E-Mail beschleunigt seinen Herzschlag. Noradrenalin spült durch die Adern und Glucose setzt sich frei. Es ist soweit, Selma wartet im Wagen.
Auf dem Weg ins Labor, erfährt er was passiert ist. Zumindest die offizielle Version, die heute Abend über die Nachrichtensender tickern würde. Um die Zeit ist wenig Verkehr und zwei Blocks später biegen sie auf das Firmengelände. Der Portier winkt den olivgrünen BMW M8 ins Parkhaus. Es riecht nach rotem Fingerhut und frischer Farbe. Ein kurzer Augenkontakt mit der Kamera, ein paar Worte Smalltalk in den Frequenzdecoder und der Aufzug spukt sie sieben Etagen tiefer aus. Für einen Sonntagmorgen sind die Labors ungewöhnlich belebt. Üblicherweise trifft man nur Dissertanten, die gelangweilt vor ihren Computern lungern und pappbecherkauend Kaffee nippen. Aus dem Flur zu Soklovs Reich dringen Musik und laute Stimmen. Nach wenigen Metern und einer offenen Tür der Sicherheitsstufe 4 werden die Bässe fett wie Schweineschmalz. Heliumbetankte Stimmen kreischen und singen Flesh for Fantasy.
Soklov ist russischer Emigrant, der 1986 in den Westen kam – ob als Spion oder Dissident, weiß nur er. Er sieht gut aus, ist allseits beliebt, besonders bei den Studentinnen. Als Selma und Sneak auftauchen, löst er sich von einer Gruppe und tänzelt ihnen entgegen. „Heute Nacht ist es passiert. Ich muss es euch zeigen.“ Seine altmodischen Schlüssel klimpern im Overall und sie ahnen, der Weg führt in Soklovs Abyss, den er in Verehrung an Raymond Roussel Locus solus nennt. Irma, eine Endokrinologin, will ihn nicht aus den Augen verlieren und schließt sich an.
Soklov, meist wortkarg, gibt sich ausgelassen und gesprächig: „Heute beginnt das Zeitalter der Hypostase. Die Vergegenständlichung eines bloß in Gedanken existierenden Begriffs nimmt ihren Lauf. Der Mensch war ein Wesen und Werkzeug der Sprache, das aus Fleisch Wort macht – nun wird das Wort Fleisch. Wie im Mythos der Transsubstantiation übersetzt sich Sprache in Materie: Zeichen werden Moleküle, Texte werden Zellen und organisches Gewebe. Das Lesen und Imaginieren von Texten war nur die epochale Vorbereitung für die eigentliche Fleischwerdung. Leidenschaften, Ökonomien, Politiken, Charaktere, Moden und Lebensstile sind immer schon der Literatur entsprungen, haben sich obsessiv in Psyche und Kultur eingeschrieben und die Welt geprägt. Literatur war in allen Zeiten eine materielle Macht, die materielle Körper aussendet. Ab heute beginnt das Buch, das Leben ist, eine neue Form der Weltliteratur zu schreiben, die als Laborprosa die Wirklichkeit verändern wird. Die Buchstaben, die einen Körper durch die Bewegung des Geistes freisetzen, werden im System der Dinge metastatisch wuchern. Wer glaubt noch an die alten philosophischen Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, Leib und Seele? Wenn die Lederjacke aus der Hautzelle des Trägers, das Gulasch aus der Muskelzelle und das Besteck aus Knochen und Fingernägeln wächst, ist alles einerlei. Der Körper wird zur universellen Ressource einer Ökonomie des Kannibalismus. Sich selbst zu produzieren ist auf dem besten Weg, die herrschende Beschäftigung unserer Gesellschaft zu werden. Kulturen bestehen aus Metaphern und Metaphern sind das Fleisch der Kulturen. Eine Menschheit, die in ihrer Masse überflüssig wird, kennt kein Inzestverbot. Sie zeugt und isst sich selbst. Gäbe es eine Etymologie, die anstatt der Herkunft die Zukunft der Worte erzählt, stünde Kreativität in Verwandtschaft mit kréas2. Kreativ sein bedeutet –prospektiv, etwas in Fleisch zu verwandeln – eine Idee, ein einfaches Artefakt oder eine komplexe Maschine. Eine Idee in die Welt zu setzen, heißt etwas zu verfleischlichen, aus Fleisch und Blut zu kreieren. Der Ort des Kreativen hat sich vom Atelier der Kunst in das Labor der Biowissenschaften verlagert, wo Bilder und Skulpturen ebenso wie Möbel, Kleider und Computer gezüchtet werden: Produktion war gestern im Industriezeitalter, Kreation ist heute im Biozeitalter. Der Weltgeist ist Weltfleisch geworden und ruft: Flesh for Fantasy!“
Soklov hat sein Gehirn überall, vor allem in den Fingerspitzen. Er ist ein ausgezeichneter Empiriker, baut alle Experimente selbst, entwickelt Maschinen und hält unzählige Patente. Wie alle Russen ist er nach dem zweiten Glas Wodka Esoteriker. Das Universum ist für ihn keine Ansammlung von Objekten, sondern ein untrennbares Gewebe von vibrierenden Energiemustern. Von dieser Ganzheit beseelt, schöpft er seine Einsichten aus dem Korridor zwischen Phallus und Cephalus.
„Das Volk sagt, Gesundheit ist das Leben im Schweigen der Organe. Wenn du deinen Magen, dein Herz, deine Eingeweide, deinen ganzen Körper nicht spürst, bist du gesund. Aber wie steht es mit dem Gehirn? Einen gesunden Geist quälen keine Gedanken, nur Dichter und Philosophen nehmen ihr Gehirn wahr. Ich bin ein dichtender Wissenschaftler, der seine Lyrik in molekularen Tränen schreibt. Das ist die Poesie des Realen und der Ursprung der Kunst.“
Eine breite Stahltüre versperrt ihnen den Weg. Soklov zieht an einer Kette einen Skarabäus aus der Tasche, dehnt sein Gesicht zur Fratze einer Bordeauxdogge und zwinkert Selma zu. „Als ich vor Jahren in Laos war, hörte ich von einem eigentümlichen Brauch der Frauen. Sie binden sich große Skarabäen mit Silberkettchen auf die Klitoris, um durch deren Krabbeln ihre Lust zu steigern. Natürlich habe ich welche importiert und gezüchtet. Seitdem domestiziere ich sie und sie erweisen mir gute Dienste.“
Der Skarabäus kriecht in das Schlüsselloch, seine Tarsalkrallen berühren rhythmisch den Riegelschaltkontakt und die gasdichte GFK-Türe springt auf. Ein von Rotlicht durchfluteter Raum öffnet sich. Grinsend hebt er den Zeigefinger: „Was ist besser, eine Blondine, die ihr begehrt, oder eine Brünette, auf die ihr Lust habt? Wenn ihr diese Frage versteht, habt ihr den Unterschied zwischen Deleuze und Foucault begriffen.“
Die Luft ist angenehm warm und es riecht nach exotischen Pflanzen, Chemikalien und Metall. Rechts verzweigt sich der Raum in eine Bibliothek und links geht es eine Treppe hinab. Je weiter sie nach unten steigen, umso stärker steigt in Sneak ein Unbehagen hoch. „Kennt ihr das Gefühl, wirkliche Dinge werden seltsam unwirklich, unwirkliche eigenartig wirklich.“
Soklovs Schritte beschleunigen mit jeder Stufe, er ist nicht zu bremsen. „Das 19. Jahrhundert war das Industriezeitalter, das 20. war das Informationszeitalter, das 21. wird das Molekularzeitalter. Inskription und Inkarnation heißen die Schlüsselwörter. Wir beginnen Moleküle zu kolonialisieren wie fremde Kontinente und Planeten. Wir bauen sie um, versklaven sie, zwingen sie, sich zu vereinen und neue Bastarde zu gebären. Anfang des 21. Jahrhunderts gab es zwanzig Millionen chemische Verbindungen, mittlerweile verlieren wir den Überblick. Es gibt keine Grenzen mehr, nur Grenzverwindungen zwischen dem, was wir ehemals in Natur und Kultur, Körper und Geist, Materie und Information trennten. Das ist gelebter Nondualismus. Wer sich beklagt, ist Fundamentalist. Leukipp, Demokrit, Epikur wollten die Welt aus geistlosen Materieteilchen bestehen lassen und hinterließen dabei ein lästiges Restproblem: Wie schließen sich Teilchen zusammen und organisieren sich, dass daraus Ordnung entsteht? Die Religionen, diese Hyänen der Kultur, die sich gerne den Kadavern der Philosophie annehmen, kauen dankbar diese Reste. Es braucht weder eine höhere Notwendigkeit noch einen darwinistischen Zufall. Kontingenz reicht. Sie muss aber gezähmt werden, ansonsten führt sie zu Dauerstress. Deshalb findet seit dem Niedergang der Religionen im 19. und dem Untergang der politischen Ideologien im 20. Jahrhundert Kontingenzbewältigung als Einübung und Festigung von Konsens durch Konsum statt. Die Ironie der Geschichte dabei ist, dass aller Konsum, der nicht der Erhaltung des Blutzuckerspiegels gilt, pure Kontingenz ist und uns als Notwendigkeit des sozialen Überlebens verkauft wird.“
Soklov grinst, was ihm als reicher Kommunist leicht fällt. Von Irma kennt Sneak einige Anekdoten, wie jene seiner Leidenschaft für Nauru. Als schwarzer Romantiker schwärmte er für die pyrotechnischen Sonnenuntergänge. In Wahrheit machte er Geschäfte mit Hammer DeRoburt, dem damaligen Präsidenten des Zwergstaats. Nauru hatte aufgrund seines Phosphatabbaus einige Jahre das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Über Jahrtausende lagerten sich Exkremente von Seevögeln auf der Insel ab und verwandelten den Korallenhaufen in einen Scheißhaufen. Bis heute nennt man in Melbourne eine Immobilienanlage der Nauruaner „bid shit tower“. Für Irma ist die Insel ein mahnendes Monument für die katastrophale Ressourcenausbeutung der Natur. Die baumlose Landschaft gleicht einem Schlachtfeld oder, wie Irma sagt, einer gigantischen Spiral Jetty menschlicher Hybris. Nachdem das Phosphat zu Ende ging, wurde das Staatsvermögen auf Börsen verzockt. Wasser und Boden waren vergiftet. Seitdem entwickelt sich die Insel zu einem Paradies für das entfesselte Kapital – keine Bankengesetze, keine Steuerabkommen. Auf Nauru kann man sich betrinken oder der internationalen Geldwäsche widmen. Soklov dürfte damals mit zwielichtigen Geschäften die Basis für sein Vermögen gelegt haben. Er lebt nach dem Prinzip, wir kommen aus dem Staub und enden als Staub; dazwischen haben wir eine Menge Ausgaben.
Nach gefühlten tausend Stufen stehen sie am Eingang eines Tunnels, der sich zu einem Dom weitet. „Ich liebe den Klang der Treppen. Das ist meine stählerne Harfe.“
Soklov ist guter Laune und führt sie in sein Zentrallabor, das er Garten nennt. Keine Luftschleuse, kein Reinraum, eine bizarre Wohnlandschaft erstreckt sich über mehrere hundert Quadratmeter. Aufzeichnungen, Protokolle, Skizzen liegen wie Herbstlaub auf Tischen und am Boden. Erhöht steht ein zylindrischer Glastank mit Flüssigkeit, in dem Zellgewebe schwimmt. Das organische Gebilde verzweigt sich korallenartig und mündet an seinen zahlreichen Enden in Schläuchen und Kabeln. Er blickt in den mit Geräten und Büchern übersäten Raum und erhebt leicht pathetisch seine Stimme.
„Wissenschaft muss sich selbst überschreiten und jeden kleinkarierten Akademismus hinter sich lassen. Wir brauchen neue Verbündete und das sind die Dinge selbst. Wir müssen sie zum Sprechen bringen und ihnen geben, was sie brauchen. Nur so gelangen wir zu einer Dichtung, die polyphon aus allen Molekülen erklingt. Wir brauchen eine Kunst, die den Schleier der Empirie zerreißt. Seit gestern bin ich nicht länger Wissenschaftler, ich bin Bote der neuen Kunst.“
Selma hält nicht viel von Kunst. Für sie ist Schönheit das Versprechen von Funktion. Bilder und Skulpturen sind ein Handicap wie die Federn eines Pfaus. „Der Wille zur Kunst ist der Wille zur Macht. Kunst trennt uns und ist Ausdruck eines alten Klassenkampfs.“
Soklov wirft ihr einen amüsierten Blick zu. „Wir sind nicht zum Flirten hier, Selma. Wir wissen, dass du deinen BMW, die teure Unterwäsche und dein hübsches Kostüm von Josephus-Thimister nur zur Schau stellst, damit dir nicht die soziale Exkommunikation durch deine Clubfreunde droht. Spring über deinen Schatten in den Tank und wir werden eins. Nicht die Kunst trennt uns, sondern der Konsum.“
Das tiefe Surren einer Hydraulik unterbricht ihr Geplänkel. Aus dem Panzerschlauch einer Presse drückt es endlose Würste nassen Papiers in einen Bioreaktor. Soklov lacht laut wie ein Kind und Pumpen und Rührwerke setzen sich in Bewegung. Das Metall des Schwerstativs vibriert leicht und sanfte Wellen breiten sich im Tank aus.
„Ich will euch nicht mit Theorie langweilen. Die theoretische Erklärung eines Kunstwerks ist wie das Preisetikett an einem Kleid. Aber wer sehnt sich nicht nach dem Paradies? Alle Energie des kohlenwasserstoffbasierten Lebens kommt von der Sonne. Pflanzen erzeugen durch Licht und Photosynthese den Einfachzucker Glucose als universellen Treibstoff des Lebens. Glucose ist das Benzin unserer Zellen. Wir sind zuckersüchtig und leisten uns den evolutionären Luxus großer Gehirne, die 75% der Glucose verbrennen. Warum also nicht aus der geistigen Nahrung der Literatur und Philosophie eine physische Gehirnnahrung bereiten? Bücher bestehen aus Papier, Papier aus Cellulose und Cellulose ist ein Polymer von Glucose. Bakterien erzeugen Enzyme, die wie Molekularscheren die Celluloseketten zerschnipseln und eine Zuckerlösung kredenzen, die nur noch gefiltert und gereinigt werden muss: Fertig ist die Infusion für die Gehirnzellen.“
„Was hat das mit Philosophie und Literatur zu tun“, unterbricht ihn Sneak. „Erstaunlicherweise stellte ich fest, dass die Zellen mit bestimmten Textsorten besser wachsen. Manche Gehirne ziehen Liebesromane, andere Abenteuergeschichten vor. Es gibt aber auch Exemplare, die Philosophie zu ihrer Hauptspeise wählen. Das größte Gehirn vor euch bevorzugt eine bibliotherapeutische Diät: Es ernährt sich ausschließlich von Hegels Phänomenologie des Geistes. Mehrere Ausgaben verfüttere ich täglich und der Appetit wird größer.“
Das Gewebe scheint den Tank zu sprengen. Es wabert im Takt der Schlauchpumpen und stellenweise steigen kleine Gasbläschen auf.
„Aber denken diese Gebilde auch“, fragt Irma provokant.
„Mehr als du denkst. Ich halte es mit Oscar Wilde: ‚Die meisten Leute sind andere Leute. Ihre Gedanken sind Meinungen von anderen, ihre Lebensführung ist Mimikry, ihre Leidenschaft sind Zitate.‘ Diese Wesen sind einzigartig. Jedes Gehirn entwickelt seine eigene Gestalt und Farbigkeit. Manche täuschen das Aussehen von Adern gefurchter Haut vor; andere sind wie von Syphilis und Lepra zerfressen; eines reckt leichenfahles Fleisch aus und ist wie von Röteln marmoriert und von Flechten damasziert. Vergesst nicht, Vernunft ist nicht die Gabe, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, sondern eine Täuschung des Gehirns, das seine Nerven an Büchern abgenutzt hat und die Realität halluziniert.“
Sneak bemerkt erst jetzt die Löcher im Gewebe, die sich geschundenen und klaffenden Aftern gleich prolabierend entgegenrekeln.
„Ich arbeite besessen an einer Lyrik, die alle Energieprobleme löst. Von Prosa muss ich ganze Bibliotheken einspeisen, aber ein in wenigen Sätzen konzentrierter Sinn, dessen Worte die kohobierte Substanz hunderter Seiten enthält, würde auf Monate hinweg die Zellkulturen zufriedenstellen.“
Irma kann ihre politische Korrektheit nicht zügeln. Ihr dämmert eine neue Form der Sklaverei. „Die Geschichte des Zuckers ist unheilvoll mit der Geschichte der Ausbeutung verbunden. Erinnert euch an den atlantischen Dreieckshandel, bei dem Waffen und Werkzeuge von Europa nach Afrika verschifft und dort gegen Sklaven eingetauscht wurden. Auf den karibischen und amerikanischen Plantagen wurden die Körper zu Tode geschunden, um die Rumdestillen im fernen Europa mit Zucker zu füllen. Damit wurden Kriege finanziert und im Rausch der Macht die Welt zerfleischt.“ Sie wird laut: „Das ist der Beginn einer neuen Biopolitik. Labors dürfen nicht zu Plantagen werden. Die Landwirtschaft war schlimm genug, aber die Körperwirtschaft ist unser Untergang.“
Soklov winkt genervt ab. „Warum fürchtet ihr euch vorm Paradies? Das ist hier nicht das jüngste Gericht. Das ist ein Fest. Ein Schlaraffenland, in dem man nicht faul und dumm wird, sondern Erkenntnisse verdaut. Werdet wie die Kinder und fabuliert euer Candyland. In allen Zeiten machte Zucker die Menschen glücklich. Kalif al-Zahir beschenkte im 11. Jahrhundert die Menschen mit tonnenschweren Palästen, Moscheen, Bäumen und Figuren aus Zucker. Mein Zucker schenkt den Menschen nicht nur Energie, sondern auch Wissen und Poesie. Früher verwendete man Zucker als Gewürz, da er selten und kostbar war. Heute ist Zucker im Überschuss vorhanden und wir nutzen Bildung und Wissen wie Gewürz. Die Welt verstehen, heißt, sie sich einzuverleiben. Die Welt muss wie die Liebe durch Magen und Darm. Sie muss jede Zelle unseres Körpers durchdringen und ein Teil von uns werden. Das Paradies ist dem Menschen zumutbar.“
Selma wird ungeduldig. „Das ist wieder einmal eine Maschinerie zur Herstellung von Glück. Gepaart mit der These, dass die Wahrheit durch Materie Geist wird, sollen uns verdinglichte Theoreme als Produkte eines materiell-diskursiven Kreislaufs schmackhaft gemacht werden. Das ist nichts Neues. Dieser Offenbarungseid der Theorie endet im ideologischen Totalitarismus.“
Irma, ohnehin in Fahrt, setzt eines drauf: „Die Rückkehr zu gemeinsamen, von allen geteilten Werten ist faschistisch. Das molekulare Zeitalter schafft keinen gemeinsamen Raum. Eine Polis, der auch Tiere und Pflanzen angehören, benötigt Vielfalt und kein Universum aus Einfachzucker.“
Soklov hebt seine Augenbrauen und spitzt seine Lippen. „Kunst, die sich auf der Höhe ihrer Zeit befindet, ist ihrer eigenen Epoche fremd. Das Zukünftige ist das Ungeheure, das sich in der Gegenwart ins Werk setzt. Ich bin kein Integrierter, ich bin Apokalyptiker. Ich schäme mich nicht für die Wahrheit.“
Unter dem Tank bemerkt Sneak eine kleine Apparatur, in der Fleischklumpen zucken. Bei genauer Fokussierung erkennt er eine Zunge, die aus einem Kehlkopf ragt. Soklov nennt das Gerät Laboral. Es dient der Lautbildung und ist über Drähte mit einem Serverschrank verbunden, in dem bunte LEDs blinken.
„Hört!“, ruft Soklov, „es hat uns belauscht und spricht zu uns. Die Hegellektüre zeigt Wirkung. Seit gestern verschafft es sich Zugang zur Welt. Es ist ein dämonischer Lektor, der die Welt neu ordnet. Bereits zum Frühstück verspeist es Kojèves Hegeleinführung. Und ich habe die Vermutung, dass es sich bestens amüsiert.“
Das Laboral formt die Laute einer weichen Mädchenstimme. „Das Wahre ist das Ganze. Wir müssen davon überzeugt sein, dass das Wahre die Natur hat, durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen, und dass es nur erscheint, wenn diese gekommen, und deswegen nie zu früh erscheint, noch ein unreifes Publikum findet. Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar sich auflöst, – ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe.“
Ein Korken entweicht einer Flasche und Soklov füllt vier Gläser. „Ich sage euch, die tausend Moleküle im Aroma dieses Likörs lassen einen molekularen Zoo atmen. Ein reines Destillat aus Huysmans Roman À rebours. Das Resveratrol wirkt wunderbar lebensverlängernd und beugt der tödlichen Krankheit des Alterns vor. Inhaliert die Santonine und ihr werdet die Welt violett sehen.“
Soklov erhebt das Glas und bringt einen Toast aus: „Es lebe Jean Paul und Paul Bocuse. Ich bedaure, mich nicht durch bloßes Lesen von Kochbüchern ernähren zu können.“
Ob er das Ende der Geschichte als Umstellung von Öl auf Glucose einleiten wird, ist unentschieden, aber immerhin eine Meldung in den Abendnachrichten. Die Poetik des Leibes hat sich in skulpturalen Organen manifestiert und eine Sehnsucht nach Substantialität geweckt. Sneak überlegt, alle Seiten des Internets auszudrucken und seinem eigenen Gehirn als Glucose zuzuführen, und Selma spielt mit dem Gedanken, Liebesbriefe in Bonbonform auf den Markt zu bringen. Das Symposion kann beginnen, das eschatologische Bankett ist angerichtet. Nach dem zweiten Glas lallt Irma, „lasst uns Tiere werden und die Sprache vergessen“, und Soklov stimmt die Nationalhymne von Nauru an.
1.) Der Text ist Teil der Videoinstallation GOVERNOR (2012), bestehend aus einem Monitor und einer Überwachungskamera. Im Monitorbild bewegt sich, den Text rezitierend, ein Aufseher im Ausstellungsraum, der virtuell in das reale Bild eingerechnet wird. Die Stimme wird über Radiofrequenz an Lutscher in Hirnform gesendet, die die Signale in Knochenschall wandeln. Wird ein Lutscher an den Gaumen gedrückt, übertägt sich der Schall ins Ohr und der Text wird hörbar.
Der Text wurde für die prozessuale Skulptur PANCREAS verfasst, die Bücher in Zucker (Glucose) verwandelt, um menschliche Gehirnzellen in einem Bioreaktor zu ernähren. Das Papier der Bücher wird zerkleinert, in Wasser aufgeweicht und in einen künstlichen Darm (Fermenter) gepresst, in dem Bakterien die Cellulose biochemisch in Glucose umbauen. Nach Filtrierung und Reinigung wird die Glucose den Zellen zugeführt, die in einem gläsernen Tank (brain in a vat) heranwachsen. Die Ernährung des künstlichen Gehirns erfolgt durch eine strikte Diät: Ausschließlich Hegels Phänomenologie des Geistes dient als Gehirnnahrung. PANCREAS ist eine pataphysische Maschine, die Biotechnologien nutzt, um Sprache und Bücher, das heißt Symbole und Information in Materie zu übersetzen. Glucose als universeller Treibstoff des Lebens, von dem sich alle Zellen, insbesondere Gehirnzellen ernähren, wird zum bildnerischen Material für PANCREAS (griech. pánkreas, pán für „alles“, kréas für „Fleisch“). Biotechnologische Umsetzung: Thomas Seppi/Department für Strahlentherapie und Radioonkologie, Medizinische Universität Innsbruck.
2.) griech. für „Fleisch“.
Centenary Interview 2058
Interior: The common room, Moderna Museet v3.0
A beautiful lounge, comfortable seating, local lighting, graduated windows with breathtaking views of the sea.
Ayan Lindquist, fixed-term executive of Moderna v3.0, is waiting to be interviewed in real-time from Guangzhou, in the Asian Multitude.
She is browsing screens as a face fades-up on the wall window.
The project was a collaboration with Marysia Lewandowska, commissioned by Moderna Museet Stockholm, Sweden, on the occasion of its 50th anniversary in 2008.
Wiederabdruck
Dieser Text erschien unter http://www.neilcummings.com/content/museum-futures-script-0 [4.4.2013].
»Was ist für dich an RLF eigentlich Kunst?«, fragt Jan deshalb etwas unvermittelt.
»Auf die Frage habe ich schon länger gewartet«, antwortet Mikael nach einer langen Pause. »Für dich ist das eine geniale Marketing-Idee.«
Jan will ihm widersprechen, aber Mikael wiegelt mit einer eindeutigen Handbewegung jede Form von Unterbrechung ab. »Ja, ja, ich weiß, du willst damit auch die Welt verändern. Volles Risiko gehst du dabei nicht. Du bist und bleibst ein Werber, der die Idee auch verkaufen will. Das ist auch okay. Aber mach dir nichts vor. «
Jan nickt. »Ich mach mir schon nichts vor. Echt nicht. Ich will nur endlich etwa sinnvolles machen.« Er hält einen Moment inne. »Das machen Werber nämlich meistens nicht, verstehst du?«
»Klar. Kann ich schon nachvollziehen. Hast bestimmt auch Recht, so aus deiner Perspektive. Aber für mich geht es um was anderes«, fährt Mikael fort. »Ich will nicht die Welt verändern.«
»Aber worum geht es dir denn. Ich dachte, du bist auch so ein Weltverbesserer?«
»Ich bin Künstler. Kunst kann nicht die Welt verbessern. Echt nicht. Jedenfalls nicht so wie Politik. Kunst ist nur Kunst, mehr nicht. Kunst macht keine Revolutionen. Das ist Politik und Wirtschaft. Aber Kunst kann die Welt darstellen, wie sie ist und wie sei seien könnte. Und damit den Menschen die Augen öffnen. Dann begreifen die mehr, Sachen, die sie vorher gar nicht auf dem Schirm hatten.« Er schaut Jan ins Gesicht. »Kuck dich doch an. Du erlebst das doch gerade. Kunst. Du fängst an, Dinge zu denken, die du vorher nicht gedacht hast. Du bekommst eine Gefühl … ein Gefühl, sagen wir ein Gefühl für das Wirkliche und für das Mögliche. Das, was seien könnte, aber noch nicht ist.«
Jan nickt.
»Genau«, fährt Mikael fort. »Das trifft es echt gut. Das Wirkliche und das Mögliche. Ich meine, das ist ja auch echt ein Riesenunterschied, den muss man sich aber trotzdem erstmal bewusst machen. Oder halt erleben, und das kann Kunst.«
»Und was ist das dann für Kunst?«, wiederholt Jan seine Frage.
Mikael wartet einen Moment, bevor er antwortet. »Ich würde sagen, es ist eine zeitgemäße Form von Realismus.«
»Realismus?«
»Ja, im doppelten Sinne …«
Auszug aus dem Roman »RLF«, der sich zwischen Realität und Fiktion, Literatur, Kunst und Marketing bewegt und im Sommer 2013 bei Suhrkamp erschien..
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