define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Werk – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Thu, 10 Jan 2019 12:00:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Zeichnung – Gedankenstriche zu einer altbekannten terra incognita https://whtsnxt.net/203 Mon, 05 Jan 2015 13:16:27 +0000 http://whtsnxt.net/202 Die folgenden Gedankenstriche unternehmen einen Versuch. Sich der Zeichnung aus der Disziplin der Kunstgeschichte heraus nähernd, soll das Zeichnen im kunstpädagogischen Feld des Systems Schule in einer erkenntnisorientierten und gleichwohl ergebnisoffenen Dimension perspektiviert werden2.
– Zunächst eine Bemerkung zum Modus kunsthistorischen Arbeitens. Die akademische Disziplin der Kunstgeschichte integriert, wie jede Disziplin, heterogene Denk- und Arbeitsweisen. Das „Erklären“ der Bilder (=Werke) aus ihrem kulturellen und geschichtlichen Ort heraus wirkt jedoch, in Anlehnung an Erwin Panofsky, weit in die Kunstpädagogik hinein. Im Fachdiskurs betrifft dies, neben dem an humanistischer Bildung orientierten kunstpädagogischen Denken, auch kritische Positionen der Kunstvermittlung, die sich über Bourdieu wiederum, wenn auch implizit, an der kunstgeschichtlichen Denkweise Panofskys informieren3. So divers hier argumentiert wird, die Kunstgeschichtsschreibung, auf die rekurriert wird, ist – zumindest -implizit – mit Panofskys Stufenmodell und dem hieraus folgenden „Erklären“ von Kunstwerken verbunden. -Dieses „Erklären“ basiert darauf, den Entstehungszusammenhang der Werke mittels historischen Wissens (Quellentexten und anderen historischen Zeugnissen) zu rekonstruieren und die den Werken eigene Motivik hieraus auf ihren symbolischen und inhaltlichen Gehalt hin zu interpretieren4. Paradigmatisch liesse sich dies an Panofskys Arbeit zu Albrecht Dürers auf 1514 datierten Kupferstich Melencolia I aufzeigen5. Auch wenn dies den Rahmen hier sprengen würde, wird gerade an Panofskys Auseinandersetzung mit dieser Grafik Dürers eine folgenreiche Perspektive auf die grafische Kunst deutlich. Panofskys Überlegungen orientieren sich, bezogen auf das grafische Blatt der Melencolia I, ausschliesslich an wiedererkennbaren Motiven, und damit gegenständlichen Darstellungen und deren Zusammenstellung im Bild. Die grafische Darstellungsweise, ihre anschaulichen Qualitäten und deren eigene Sinnstiftung spielen in den Überlegungen Panofskys dagegen keine Rolle. Den Fokus seiner kunstgeschichtlichen Argumentation bildet der dargestellte Gegenstand.
– Bezogen auf eine kunstpädagogische Situation im schulischen Kontext hat insofern ein durch Panofsky informiertes Denken Konsequenzen: Nicht die (Selbst-)Tätigkeit des künstlerischen Prozesses steht von Panofsky ausgehend im Zentrum, sondern die Wiedererkennbarkeit eines Gegenstandes. Auf das Zeichnen bezogen bedeutet dies: Die potentiell vielfältigen Möglichkeiten eines zeichnerischen Prozesses werden auf das „fertig“ gezeichnete, gegenständliche Produkt einer vorstrukturierten zeichnerischen Tätigkeit (Einhaltung der Perspektive, Volumina, etc.) reduziert. Albrecht Dürer, mit dem sich Panofsky wiederholt intensiv auseinandersetzte, spielt für diese Tradition westlicher Zeichnungskunst eine bedeutende Rolle. 1525 erschien Dürers Underweysung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheyt6, die der perspektivischen Konstruktion von Gegenständen und Körpern als Mass des zeichnerischen Handwerkes gewidmet ist. Bekannt ist etwa die in diesem Zusammenhang stehende Grafik Dürers zum velum, einem Zeichenapparat zur perspektivischen Wiedergabe eines dreidimensionalen Körpers auf der Fläche7. Inwieweit heutige Curricula in ihren Kompetenzzielen mit diesen Underweysungen des frühen 16. Jahrhunderts korrespondieren, wäre zu überprüfen.
– Mit Bezug auf Pazzinis Entwurf einer KunstPädagogik, die aus ihrer Zeitgenossenschaft mit der jeweiligen Gegenwartskunst Konsequenzen für ihr pädagogisches Handeln zieht, hier eine andere kunsthistorische Skizze zu möglichen Dimensionen der Zeichnung. Gegenstand der folgenden Skizze ist nicht eine Zeichnung, sondern eine fotografische Arbeit des Künstlers Jeff Wall, ein 119 x 164 cm grosses Diapositiv im Leuchtkasten, dessen Titel gegenständlichen Bestand und Handlung des Bildes erläutert: Adrian Walker, artist, drawing from a specimen in a laboratory in the Dept. Of Anatomy at the University of British Columbia, Vancouver8. Das Diapositiv gibt den Blick auf den Künstler frei, der mit seiner in Arbeit befindlichen Zeichnung am Tisch vor dem Präparat – einem mumifiziert erscheinenden Arm mit Hand –  sitzt, den Blick auf Skizze oder Präparat gesenkt, die rechte Hand ruht mit dem Zeichenstift auf dem Zeichenbrett auf. Der Tisch steht in einer Ecksituation vor einem Fenster, durch das offensichtlich genügend Licht hereinfällt, das die weissen Kacheln der Wand zurückwerfen. Eine auf dem Fensterbrett stehende Schreibtischlampe gibt kein zusätzliches Licht. Der Künstler sitzt in der linken Bildhälfte, rückwärtig gefasst durch einen Hängeschrank und, darunter stehend, aufeinandergetürmte Plastikkübel. Die rechte Bildhälfte ist dem Tisch mit dem Präparat vorbehalten und wird rechts durch das Fensterbrett, die darauf stehenden Utensilien und das spiegelnde, und insofern den BildbetrachterInnen keinen Blick nach aussen gewährende Fenster beschlossen. Die Anordnung der Situation lenkt, und dies kann hier nicht weiter in einer genaueren Bildbeschreibung ausgeführt werden, den Blick auf drei zentrale Bildbereiche: das Präparat, die Zeichnung mit der ruhenden Hand des Künstlers und dessen Kopfwendung auf Zeichnung und Präparat. Die Verbindung dieser Zentren liegt in der Handlung des Zeichnens selbst, also einem Moment, den die Fotografie gerade nicht zeigt. Vielmehr stellt Wall über die Verschiebung des Zeichnungsaktes in eine ruhende Situation das Zeichnen als ein Verhältnis dieser Zentren dar. Das aus diesem Verhältnis entstehende Produkt, die Zeichnung des mumifizierten Armes, muss sich die Aufmerksamkeit der Betrachtung mit den anderen Zentren teilen: Zeichnen wird hier als ein Prozess erfahrbar, der nicht auf das Produkt ausgerichtet ist, sondern dessen Relevanz im Akt des Zeichnens selbst liegt. Wie auch immer dieser aussehen mag. KunstPädagogisch tritt damit gegenüber der perspektivischen Konstruktion des dargestellten Körperteiles als Produkt der Zeichnung der Zeichenprozess in den Vordergrund. Was sich, im Diapositiv Walls bei aller Tiefenschärfe der Fotografie, in der reduzierten Wiedererkennbarkeit des mumifi-zierten Armes in der bereits sichtbaren Zeichnung niederschlägt: Der Winkel, in dem der Blick der BildbetrachterInnen auf die Zeichnung fällt, verunklärt diese Wiedererkennbarkeit in Richtung einer Bündelung von gezeichneten Linien.
– Die voranstehenden Überlegungen zu Jeff Wall’s Adrian Walker verzichten darauf, die kunsthistorischen Bezüge des Werkes zu anatomischen Zeichnungen oder den kompositorischen Aufbau der Bildanlage zu Dürers Zeichner, der einen liegenden Akt zeichnet in Bezug zu setzen. Die Gegenständlichkeit des Diapositivs wurde nicht auf ikonografische Anspielungen oder ikonologische Implikationen hin befragt. Vielmehr ging es darum, den bildlichen Sinn des Diapositivs im Modus der kunsthistorischen Arbeitsweise der Ikonik Max Imdahls zumindest ansatzweise zu erarbeiten. Anders als die gegenstandsgebundene Arbeitsweise Panofskys ermöglicht die Ikonik, auch die nichtgegenständlichen Bildanteile hinsichtlich ihrer Sinnstiftung für den gesamten Werkzusammenhang zu erschliessen9. Dies ergibt für den Umgang mit der Zeichnung, die auf dem Verhältnis von darstellenden Linien, Spuren, Formationen und freistehender Fläche beruht – und dies unabhängig davon, ob es sich um gegenständliche oder freie Zeichnungen handelt – durchaus Sinn10.
– Dass und wie künstlerisches Handeln und dessen materieller Niederschlag Erkenntnis generiert, wird unter dem Begriff der künstlerischen Forschung intensiv diskutiert11. Ohne den Begriff fahrlässig auszuweiten, hier eine kurze Überlegung zu einem Erkenntnismodus der anatomischen Zeichnung bei Leonardo – als einem derjenigen Künstler, deren Zeichnung bis heute intensiv rezipiert wird. Seine Studienblätter zum Muskelverlauf der Schulter oder zur Lage und Verbindung des Uterus zeigen einen erkenntnisorientierten Umgang der Zeichnung, die dem Verständnis anatomischer Zusammenhänge dient. Anders als in einer Visualisierung von vorhandenem Wissen erproben diese Zeichnungen ihre anatomische Erkenntnis, indem sie sie erst aufzeigen. Anders ausgedrückt: Leonardo erzeichnet sich (und uns) ein anatomisches Verständnis. Insofern öffnen diese Zeichnungen den Erkenntnisprozess, auch wenn sie, auf eine gegenständliche Betrachtung reduziert, die korrekte Lage der Organe und Muskeln zu definieren scheinen.
Eine kunstPädagogische Perspektive ist zur Entwicklung eines Verständnisses von Zeichnung nicht nur auf Werke früherer Zeiten, sondern auch auf die Gegenwartskunst gewiesen. Deren Umgang mit der Zeichnung ist durchaus heterogen. Gerade deshalb aber sind gegenwärtige Positionen für den kunstpädagogischen Umgang mit der Zeichnung von Interesse. Fokussiert wird hier zumindest ansatzweise auf die Zeichnung bei Tacita Dean, Toba Khedoori, Kateřina Šedá.
– Tacita Dean ist spätestens seit der documenta 13 (2012) für ihre grossformatigen Kreidezeichnungen auf Tafeln bekannt12. Dean nutzt das Dunkel der Tafel ebenso wie die Abstufungen des Weiss der Kreide. Verwischt und im Wechsel von Tafelgrund und Weisshöhung akzen-tuiert, evoziert Dean mit ihren Zeichnungen erzählerische Zusammenhänge. In die Kreidelandschaften eingefügt sind schriftliche und gegenständliche Verweise auf ein Geschehen, dass das Dargestellte (wie Berge, Wellen, Schiff, menschliche Figur) in erzählende Zusammenhänge einbettet. Ebenso wirksam wie diese konkreten Verweise auf tradierte Erzählungen und -Geschehnisse ist die Verweisstruktur der materialen Kreidezeichnung selbst. In ihren Fingerspuren, Verwischungen und Abdrücken weist die Zeichnung ihre Entstehung, und damit die Evokation von Darstellung, als einen individualisierten Prozess aus, dem insbesondere die Veränderung eigen ist.
– Toba Khedoori isoliert in ihren ebenfalls grossformatigen Zeichnungen Objekte (Stuhl, Fenster, Tür) in einer weiträumigen Bildfläche13. Ihr Zeichenwerkzeug besteht aus Wachs, einem scharfen Gegenstand, Ölfarbe und den Sedimenten des Arbeitsprozesses. Khedoori überzieht die Fläche mehrfach mit einer transparenten Wachsschicht, ritzt die Umrisslinien des frei in der Fläche schwebenden Objektes ein und füllt die Flächen mit Ölfarbe. Was an Staub, Flusen, menschlichen Haaren während des Arbeitsprozesses aufgewirbelt wird, schreibt sich in die Wachsschicht ein. So präzise und konkret die Formgebung der Ritzzeichnung das -Objekt in der Fläche definiert, so offen bleibt das Verhältnis des Objektes zu den zeichenhaft in den Wachsschichten eingeschlossenen Sedimenten. Die Zeichnung prägt jedoch beides: präzise Definition und unkontrolliertes Sediment.
– Kateřina Šedá agiert mit ihrer Arbeit over and over im sozialen Raum14. Was hieraus hervorgeht, sind einerseits die Veränderungen, die die künstlerische Aktion Šedás im Denken und Handeln der Beteiligten auslöst. Andererseits aber entsteht aus solchen Aktionen Šedás eine Art installative Summe, die in Ausstellungen sichtbar (und teils hörbar) wird. Der Zeichnung kommt darin ein hoher Stellenwert zu. Als reduzierte Notation, konzeptuelle Überlegung, Akzentsetzung, Reflektion, Ordnungs- und Vernetzungsmoment durchziehen kleinformatige Zeichnungen Šedás Installation des over and over. Gegenüber den der Installation integrierten fotografischen und Videoaufzeichnungen stellen die Zeichnung Šedás jene Distanz zum Geschehen der Aktion her, die etwas sichtbar werden lässt. Anders ausgedrückt: Šedá lotet Zeichnung, eingebunden in die Installation over and over, in ihrer reflektiven Dimension aus.
Und jetzt? Zu wünschen ist, dass das Verständnis dessen, was Zeichnung und Zeichnen in der Schule ausmacht, sich an der Differenz der Zeichnung reibt, die Heterogenität aushält, und, nicht zuletzt, die Zeichnung als ein Handeln zu verstehen, dessen Relevanz in Prozess und Handlung des Zeichnens, statt in dessen Produkt liegt. Mit allen Herausforderungen eines ergebnisoffenen (kunst)pädagogischen Geschehens im System Schule.

1.) Terra incognita bezieht sich hier auf ein am Institut LGK HGK FHNW laufendes Projekt zum Zeichnen im Bildnerischen Gestalten, Sek II, siehe www.kunst-mobil.ch [4.1.2015]
2.) Wenn hier auch nicht weiter auf das kunstpädagogische Symposium -Zeichnen als Erkenntnis eingegangen wird, sei zumindest auf die Website verwiesen: www.zeichnen-als-erkenntnis.eu [10.3.2014]
3.) Zu Bourdieus Auseinandersetzung mit Panofsky siehe: Heinz Abels, „Die Zeit wieder in Gang bringen. Soziologische Anmerkungen zu einer unterstellten Wirkungsgeschichte der Ikonologie von Erwin Panofsky“, in: Bruno Reudenbach (Hg.), Erwin Panofsky. Beiträge des Symposiums Hamburg 1992, Berlin 1994, S. 21–22. Weiterführend hierzu siehe: Beate Florenz, „Kunstvermittlung: Eine epistemische Praxis“, in: Flavia Caviezel, et al. (Hg.), Einblicke in Forschungspraktiken der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Zürich 2013, S. 41–46.
4.) Erwin Panofsky, Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. Köln 1996. Ekkehard Kaemmerling (Hg.), Ikonographie und Ikonologie: Theorien – Entwicklung – Probleme. Köln 1994.
5.) Raymond Klibansky, Saturn und Melancholie: Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt/M. 1990.
6.) Albrecht Dürer, Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt in Linien, ebnen unnd gantzen corporen [Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit in Linien, Ebenen und ganzen Corporen]. Unterschneidheim 1972 [1525].
7.) So der Holzschnitt: Albrecht Dürer, „Zeichner, der einen liegenden Akt zeichnet“, um 1527 entstanden, 7,6 x 11,2 cm, Berlin, Staatliche Museen, Kupferstichkabinett.
8.) Jeff Wall, „Adrian Walker, artist, drawing from a specimen in a laboratory in the Dept. of Anatomy at the University of British Columbia, Vancouver“, Diapositiv im Leuchtkasten, 1992, 3 Abzüge + 1 Künstlerabzug, 119 x 164 cm.
9.) Siehe Max Imdahl, „Cézanne – Braque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen“ (1974), in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Gottfried Boehm, Frankfurt/M. 1996, S. 303–380. Imdahl erarbeitet ikonisches Denken in diesem Text an Malerei und Zeichnungen.
10.) Siehe Max Imdahl, „Zu einer Zeichnung von Norbert Kricke“ (1988), in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Angeli Janhsen-Vukicevic, Frankfurt/M. 1996, S. 539–546.
11.) Zur künstlerischen Forschung siehe insbesondere: Elke Bippus (Hg.), Kunst des Forschens: Praxis eines ästhetischen Denkens, Zürich 2009; Corina Caduff et al. (Hg.), Kunst und künstlerische Forschung, Zürich 2010, Isabelle Graw (Hg.), Artistic research, Berlin 2010.
12.) Auf der dOCUMENTA (13)  war die folgende Arbeit zu sehen: Tacita Dean, „Fatigues“, 2012, Chalk on blackboard, 230 x 1110 cm; 230 x 557 cm; 230 x 744 cm; 230 x 1110 cm; 230 x 557 cm; 230 x 615 cm. Siehe auch: www.frithstreetgallery.com/works/view/fatigues [2.11.2014] sowie den Katalog: Theodora Vischer, Isabel Friedli (Hg.), Tacita Dean, Analogue: Zeichnungen 1991–2006, Göttingen 2006.
13.) Siehe zu diesen Arbeiten Khedooris: Toba Khedoori: Gezeichnete Bilder (Ausst.kat.), mit Textbeiträgen von Lane Relyea und Hans Rudolf Reust. Basel 2001.
14.) Siehe: Fanni Fetzer (Hg.), Kateřina Šedá. Talk to the sky ’cause the ground ain’t listening (Ausst.kat.), Luzern 2012. Sowie, zu „over and over“: Kateřina Šedá, Over and over, Zürich 2010.

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Call Me Maybe https://whtsnxt.net/053 Thu, 12 Sep 2013 12:42:39 +0000 http://whtsnxt.net/call-me-maybe/ Kennen Sie Carly Rae Jepsen? Sie hat bei der kanadischen Version von Deutschland sucht den Superstar im Jahr 2007 den dritten Platz belegt und gehört vermutlich nicht in einen solchen Band. In der Sekunde jedoch, als der Internet-Superstar Justin Bieber sie im Internet zu einem echten Superstar machte, erreichte Jepsen einen Status, der sie für dieses Buch qualifiziert.
Carly Rae Jepsen ist die Interpretin des Songs Call Me Maybe. Wobei man korrekterweise sagen muss: Carly Rae Jepsen ist die Interpretin einer ersten Version des Songs Call Me Maybe. Denn dieses Lied hat sich im Laufe des Jahres 2012 zu einer Art Kopiervorlage für die Kreativität des Netzes entwickelt: Remix- und Coverversionen von Justin Bieber1, Kate Perry2 und Jimmy Fallon3 sind im Internet verfügbar. Auch eine Sesamstraßen-Version4 unter dem Titel Share Me Maybe ist verfügbar sowie ein lippensynchroner Zusammenschnitt aus Reden von Barack Obama5 und Star Wars-Sequenzen6, die ebenfalls Jepsens Song ergeben. Und während dieser Text hier gedruckt wird, entstehen vermutlich noch weitere Versionen.
Der intellektuelle Weg von Justin Bieber und Carly Rae Jepsen zu Felix Stalder ist weit. Der kunsttheoretische jedoch nicht. „Wenn wir den Remix als zentrale Methode des zeitgenössischen Kulturschaffens betrachten“, schreibt der Internet-Theoretiker in seinem lesenswerten Text Who‘s afraid of the (re)mix? Autorschaft ohne Urheberschaft, „bedeutet das auch, dass wir von einem veränderten Verhältnis von Autor, Werk und Öffentlichkeit ausgehen. Der Autor steht nun nicht mehr am Anfang des kreativen Prozesses, sondern in der Mitte.“ 7
Carly Rae Jepsen steht am Anfang dieses Textes, weil sich an ihrer ersten Version von Call Me Maybe eben das auf großer Bühne zeigen lässt, was Stalder in der Theorie beschreibt: dass nämlich die „Idee des Anfangs, die Figur des Urhebers, die Behauptung, dass ein Werk gänzlich der Absicht des Autoren entspricht“, brüchig geworden ist.
Damit ist eine der Folgen benannt, die sich aus der digitalen Kopie für unsere Vorstellung von Kunst und Kultur ergibt. Durch die Ablösung der Daten von ihrem Träger sind diese kosten- und verlustfrei duplizierbar. Diese historische Ungeheuerlichkeit ist Thema meines Buchs Mashup – Lob der Kopie8. Was bedeutet es, dass wir Vorlage und Vervielfältigung einzig durch den digitalen Zeitstempel unterscheiden können? Wie verändert dieser „Wandel vom Atom zum Bit“ – wie Nicolas Negroponte es schon Mitte der 1990er Jahre nannte – unsere Vorstellung von Kunst und Kultur?
Nachhaltig und grundlegend. So viel ist auch fast zwanzig Jahre nach Negropontes Beschreibung in seinem auch heute noch lesenswerten Buch Total digital9 klar. Viel mehr aber auch nicht. Denn in Wahrheit bleiben die meisten Denk- und vor allem Geschäftsmodelle auf der Ebene der Atome stehen, arbeiten mit der Verknappung, wo Daten im Überfluss vorhanden sind, und unterscheiden weiterhin zwischen lobenswertem Original und minderwertiger Kopie.
Ich möchte versuchen, dieses Denken umzudrehen. Weil ich nicht glaube, dass der von Negroponte beschriebene Wandel umkehrbar ist. Wir werden nicht zurückkehren zum Zeitalter der Atome. Bits sind leichter zu verbreiten, günstiger herzustellen und viel bequemer zu nutzen. Sie werden nicht verschwinden.
In seinem Buch Die Information. Geschichte, Theorie, Flut fragt der Autor und Journalist James Gleick, wo man suchen müsse, wolle man Beethovens Klaviersonate in e-Moll finden. Er beantwortet sich die Frage nach dem, was Musik in Wahrheit sei, selbst mit den Worten: „Die auf Papier gedruckten Viertel- und Achtelnoten sind nicht die Musik. Musik ist keine Abfolge von Druckwellen, die durch die Luft schallen; sie ist auch keine Rille, die in Vinyl eingegraben wird oder die Mikrovertiefungsstruktur der CDs; und nicht einmal die neuronalen Symphonien, die im Gehirn des Zuhörers aufgewühlt werden. Die Musik ist die Information. Dem vergleichbar sind die Basenpaare der DNA keine Gene. Sie enkodieren Gene. Gene selbst bestehen aus Bits.“
Wenn das stimmt, müssen wir Musik, egal ob sie von Jepsen oder von Beethoven stammt, vielleicht wie Software denken. Die Digitalisierung macht aus jeglicher Form von Kunst etwas, das in seinen Eigenschaften einem Computerprogramm vermutlich ähnlicher ist als einem singulären unveränderlichen Werkstück. Software wird in Versionen ausgeliefert. Niemand macht sich auf die Suche nach dem Original Firefox-Browser. Es ist selbstverständlich, dass es Updates gibt. Neue Versionen. So wie auch Call Me Maybe weiterentwickelt und in neuen Versionen veröffentlicht wurde.
Denn anders als bei Atomen ist dies mit Bits sehr leicht möglich. Die Daten sind von ihrem Trä-ger gelöst und bewegen sich. Der vormals feste, robuste und kaum bewegliche Eisblock ist plötzlich im Überfluss da und gleichzeitig auch verschwunden: Er ist aufgetaut.
Kunst als Software zu denken, heißt, den Prozess der Verflüssigung zu denken, den spätestens seit der Beschreibung durch Zygmunt Baumann unsere Gesellschaft erfasst hat. Das Liquide ist für Baumann (flüchtige Moderne) die zentrale Metapher um das Spezifische der Gegenwart zu beschreiben. Und so gilt, was der Soziologe allgemein formuliert hat, vielleicht auch sehr konkret für verflüssigte Kunst und Kultur: „Flüssigkeiten bewegen sich mit Leichtigkeit. Sie sind im Gegensatz zu Festkörpern nicht leicht aufzuhalten – manche Widerstände umfließen sie, andere lösen sie auf oder werden von ihnen aufgesogen oder sickern durch sie hin-durch. Das Zusammentreffen mit Festkörpern kann ihnen nichts anhaben, diese jedoch verändern sich, werden feucht oder durchnässt.“10
Für Künstler ist das eine im Grunde gute Vorstellung: ihre Kunst kann sich so leicht, so unaufhaltsam wie noch nie verbreiten. Sie kann Widerstände umfließen, durchsickern und durchfeuchten. Sie ist umgekehrt aber auch nur schwer zu stoppen, eine Verknappung und Begrenzung ist nur zu hohen Kosten möglich. Ein bisschen so wie Aufwand von Nöten ist, um einen gewöhnlichen mitteleuropäischen Fluss komplett zufrieren zu lassen.
Wenn wir Kunst in dieser Form denken, verändert das nicht nur die Vorstellung von Originalität und die Rolle der beteiligten Akteure (Kreative, Mittler, Öffentlichkeit), es führt vor allem dazu, dass wir in der Digitalisierung auch Chancen für neue Denk- und Geschäftsmodelle entdecken können: Die Freie Software- und die Open Source-Bewegung haben gezeigt, wie solche Modelle im Bereich der klassischen Software funktionieren können. Die kollaborative Enzyklopädie Wikipedia überträgt dieses Modell auf Text-Inhalte. Beiträge in der Wikipedia liegen stets in Versionen vor, sie sind bearbeit- und editierbar. Sie sind gemeinschaftlich erstellt, und ihre Entstehung lässt sich nachverfolgen.
Ich glaube, dass es sich lohnt, auch auf anderen Gebieten, diesem Denkmuster zu folgen und den Prozess in den Vordergrund zu rücken und nicht einzig über ein Produkt nachzudenken. Und dafür zumindest ist Call Me Maybe ein gutes Beispiel.

1.) http://www.youtube.com/watch?v=JdxloBJ_nxM [3.1.2012].
2.) http://www.youtube.com/watch?v=2zxzDqtXzVU [3.1.2012].
3.) http://www.youtube.com/watch?v=lEsPhTbJhuo [3.1.2012].
4.) http://www.youtube.com/watch?v=-qTIGg3I5y8 [3.1.2012].
5.) http://www.youtube.com/watch?v=hX1YVzdnpEc [3.1.2012].
6.) http://www.youtube.com/watch?v=dBM7i84BThE [3.1.2012].
7.) Stalder, Felix: Who‘s afraid of the (re)mix? Autorschaft ohne Urheberschaft, unter: http://felix.openflows.com/node/235 [3.1.2012].
8.) Gehlen, Dirk von: Mashup. Lob der Kopie, Berlin: Suhrkamp 2011.
9.) Negroponte, Nicholas: Total digital: die Welt zwischen 0 und 1 oder die Zukunft der Kommunikation, München: Bertelsmann, 1995.
10.) Baumann, Zygmunt: Flüchtige Moderne, Suhrkamp 2003.

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