define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Qualität – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Thu, 10 Jan 2019 12:26:15 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Kollektives Feedback als erweiterter Mentoratsprozess. Zwei Feedback-Modelle https://whtsnxt.net/257 Mon, 05 Jan 2015 13:17:03 +0000 http://whtsnxt.net/258 Auszug aus der Masterthesis von Suzana Richle im Master Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste 2013

1. Über den Master Theater DasArts und die Feedback-Methode

Was ist „DasArts“?
Die Institution DasArts wurde 1994 gegründet und bis 2008 als Nachdiplomstudiengang auf privater Basis betrieben. 2009 wurde DasArts  zu einem Master of Theater, in Form einer Ausbildung in Laborsituation für professionelle Theaterschaffende. Mit dieser Eingliederung in das staatliche Ausbildungssystem hat Barbara Van Lindt die Direktion übernommen und sich der grundlegenden Veränderung der Institution angenommen. Die Idee der Institution baut noch stets auf dem Gedanken eines Nachdiplomstudienganges auf. Für den Erhalt eines Studienplatzes wird weiterhin Berufserfahrung vorausgesetzt. Die dort studierenden Künstler/innen haben Erfahrungen als professionelle Theaterschaffende gesammelt und sicherlich auch erste künstlerische Krisen durchlebt. Diese Zwischenphase bildet für den Master Theater „DasArts“ den wichtigen Grundstein für die Anwendung des  Begriffs „question-based-learning“1. Man fordert von den Studierenden bei ihrer Bewerbung eine formulierte Frage, an der sie während ihres Studiums arbeiten möchten.
Grundsätzlich versteht sich die Institution als Forschungs- und Vertiefungslabor – und nicht als Ausbildungs- oder Produktionsstätte. Dementsprechend werden die Studierenden auch nicht als Studierende bezeichnet, sondern es wird von forschenden Künstler/innen gesprochen.
Innerhalb des Studiums werden nach jedem Quartal Zwischen- und nach jedem Semester Abschlusspräsentationen mit Feedback-Sessions durchgeführt.

Inhalte der Feedback-Sessions
Nach Aussage der Direktorin von DasArts gelten die Feedback- Sessions als Momente von kollektivem Lernen. Es geht dabei nicht zuletzt um die Anwendung einer Methode, die bei den Beteiligten Aktivierung, Vergnügen, Freude und Spannung auslöst. Eine solche Grundlage evoziert einen grösseren Lerneffekt mit verbesserter Qualität, bei den Feedbacknehmenden wie auch bei den Feedbackgebenden. Um die Methoden gemeinsam üben zu können, muss verstanden werden, was die Ziele sind:
Feedbackgeben ist ein Geschenk geben.
Feedbacknehmen ist ein Geschenk erhalten.
Es handelt sich nicht um „nett sein“, man begegnet sich mit Respekt.
Es geht nicht um Meinungen, es geht um Zusammenarbeit.
Die angewendete Struktur ist ein Werkzeug, um Präzision in den Feedbacks zu erreichen.

Feedbackgebende
Die Feedbackgebenden sind eingeladen, sich in einem analysierenden Beobachten zu schulen, und basierend darauf präzisierte Statements oder Fragen zu formulieren. Dabei steht nicht eine eigene Meinung im Zentrum, sondern es wird ein selbstreflexiver Denkvorgang angestrebt. Die Feedbackgebenden versuchen zu erkennen, was die Absicht der Person ist und welche Feedbacks sie an den gewünschten Punkt bringen könnten.

Wahrnehmung
– Was habe ich gesehen?
– Wie hat es auf mich gewirkt, was hat es in mir ausgelöst?
– Wohin möchte die Person?

Kommunikation
– Welche von meinen Ansichten könnte für die Person nützlich sein, wonach hat sie gefragt?
– Welche Veränderung passiert beim Empfänger, wenn ich das sage? Wie soll ich es formulieren, damit der  angestrebte Inhalt richtig verstanden wird?

„PROFESSIONAL INTIMACY ist, wenn man den Punkt erreicht hat, wo man bereit ist, seine künstlerischen Zweifel zu teilen.“
Georg Weinand

Feedbacknehmende
Von der Leitung wird viel Empowerment auf das „Erhalten“ von Feedbacks gelegt. Es muss verstanden werden, dass ein Feedback nicht auf Beurteilung zielt, sondern als Lektion für den Feedbacknehmenden dient, um sich selbst besser kennen zu lernen: „Wer bin ich, und was ist der zentrale Punkt bei meiner Arbeit?“

Moderator/in – Sekretär/in
Ein wichtiger Baustein der Struktur ist der/die Moderator/in, der/die verantwortlich ist für die Leitung der jeweiligen Session. Der Begriff Moderator/in wurde bei DasArts neu zu „Sekretär/in“ umgewandelt und wird nicht nur von einer Person ausgeführt, sondern alternierend von den drei leitenden Personen.
Eine wichtige Funktion des/der Sekretärs/in besteht darin, die Beiträge der Feedbackgebenden zu verstehen, in möglichst wenig Worten zusammen zu fassen und auf dem Flipchart zu notieren. Er/sie selbst hält sich mit eigenen Statements zurück. Er/sie kann Rückfragen stellen, wenn etwas unklar ist, oder macht aufmerksam auf Bezüge zu anderen Beiträgen.
Ein anderer herausfordernder Auftrag an ihn/sie ist es, die vorgegebenen Zeiten der Formate ungefähr einzuhalten und im richtigen Moment mit angemessenen Worten zum nächsten Format überzuleiten.
Zudem wird bei der Methode fast durchgehend in der dritten Person über den/die Künstler/in gesprochen. Er/sie wird nicht direkt angesprochen, um einem verteidigenden Mechanismus keine Chance zu geben. Der/die Moderatorin oder der/die Sekretärin hat also die Aufgabe, Feedbackgebende allenfalls auf die diesbezüglich korrekte Formulierung hin zu weisen, wenn dies vergessen gehen sollte.

„DasArts organizes significant collisions. The power of the metaphor lies more in the combination of significant and collision. A collision that is not significant is merely an accident. And what we call significant often doesn’t come easy.“2

Die einzelnen Formate der Feedback-methode nach dasArts
Notiert mittels Beobachtung einer Feedback-Session im April 2012.

Struktur einer Feedback-Session
Die Feedback-Formate sind in ihren Inhalten und der eingebetteten Struktur nicht absolut. Für jede Feedback-Session werden sie neu angepasst, je nach Erfahrungswert der vergangenen Sessions oder Bedürfnisse der aktuell Präsentierenden. Es können allenfalls auch einzelne Formate weggelassen werden.

Introduction Presenter (5)
Die Studierenden sind aufgefordert, ihre Arbeit kurz einzuführen. Jedoch sollte nur gerade so viel gesagt werden, dass die Zuschauer/innen sich im Arbeitsprozess situieren können. Nicht mehr und nicht weniger.

Student Question(s) (1)
Direkt anschliessend stellen sie dem Publikum ihre Fragen, zu denen sie ein Feedback erhalten möchten. Mit dem Einfordern des Feedbacks ist bereits die Basis für ein Gelingen gelegt.

Performance (20 max.)
Um die Performance anzuschauen, wird der Besprechungsraum verlassen und in einen Bühnenraum o. ä. gewechselt. Danach kehrt man für die folgenden Formate wieder in den ersten Raum zurück.

One-on-One (10)
Direkt nach der Performance wird in Zweiergruppen zehn Minuten über das Gesehene frei ausgetauscht. Die Gespräche dienen einer ersten emotionalen Äusserung, Sortierung der Eindrücke und Gedanken, um anschliessend zu einem strukturierten Formulieren übergehen zu können.

Affirmative Feedback (5)
Bei diesem Format ist man aufgefordert mit dem Satz-anfang „what worked for me, was …“ zu beginnen und einen in den eigenen Augen gelungenen Moment oder -Aspekt hervor zu heben. Die Formulierungen sollen knapp und präzise sein. Mit dieser Methode wird ein erstes bestä-tigendes Fokussieren der Arbeit vorgenommen, was die Basis bildet für nachfolgende konstruktive Kritik.

Perspective Feedback (10)
Bei diesem Format wird ein Bedürfnis aus einer spezifischen Perspektive eingebracht. Der Satzanfang lautet hier: “From the perspective of a … I need …”. Zum Beispiel: „Als Publikumsmitglied würde ich mehr Information zum Setting brauchen“. Eine derartige Einbettung ermöglicht ein Kanalisieren von relationsbezogener „Optimierung“.

Gossip Round (10)
„Gossip Round“ ist eine offene Gruppendiskussion, wobei frei über die gesehene Arbeit diskutiert wird. Die/der Performer/in ist bei diesem Gespräch als Zuhörer/in mit dabei, wird jedoch explizit als abwesende Person behandelt, indem in der dritten Person über sie gesprochen wird. Durch ein „externes Zuhören“ erhält die/der Feedbacknehmende Zugang zu ungefilterten Rückmeldungen, die jedoch in affirmative wie auch in kritisierende Richtungen ausufern können.

Open Questions (15)
Hier werden offene Fragen formuliert, wie z. B. „Warum ist die Performance durch fünf Pausen unterteilt?“ Diese Art Fragen sind meistens „W-Fragen“ (was, wie, warum, usw.) und haben oft einen Zweifel darin versteckt. Sie ermöglichen der/dem Performer/in einen Zugang zu einer Aussensicht und tragen zur inhaltlichen Klärung bei.
Dieses Format strebt divergierende Feedbacks an und ist daher eher für eine Arbeit mitten im Prozess als in einem Endstadium geeignet.

Concept Reflection (10)
Anhand eines stillen assoziativen Brainstormings werden von den Feedbackgebenden Wörter, Gedanken oder Fragen auf Post-its notiert und auf dem Flipchart zusammen geführt. Der/die Performer/in nimmt dann eine Sortierung der Notizen nach Relevanz und Thema vor. Falls er/sie Interesse hat, kann er/sie zu einzelnen Zetteln Rückfragen stellen. Oder die Moderation fordert den/die Künstler/in heraus, einen notierten Gedanken aus den Zetteln auszuwählen und über diesen in einem ununterbrochenen und unzensurierten Redefluss zu sprechen.
Diese Methode ist hilfreich, um sich seinem eigentlichen Konzept anzunähern.

Tipps & Tricks (5)
Hier werden z. B. Anregungen zu anderen Künstlern/innen gemacht, auf ein sich möglicherweise besser eignendes Material hingewiesen, oder auch ganz konkrete Ratschläge von weiteren Arbeitsschritten gegeben.

Letters (5)
Abschliessend ist man aufgefordert, einen Brief an den/die Präsentierende zu schreiben. In der Form eines Briefes können Aspekte formuliert werden, die in einer exponierten Gruppenrunde keinen Platz finden.
Die Briefe werden dann unbeachtet in einem an der Wand aufgehängten (mit dem Namen beschrifteten) A4-Couverts abgelegt.

Allgemeines Zusatz-Element „+1“
Wenn eine oder mehrere Personen einen Beitrag ebenfalls als wichtig oder zutreffend einstufen, können sie „plus one“ rufen, worauf der/die Sekretär/in hinter dem notierten Statement die Anzahl der Meldungen mit Strichen hinzufügt. Dadurch erhalten einzelne Punkte eine grössere Wichtigkeit.

„Es entsteht immer etwas Neues, was vorher beide nicht -wussten.“
Georg Weinand

2. Liz Lerman und die Methode Critical Response Process

Wer ist Liz Lerman?
In einem Artikel von C. J. Williams3 wird Liz Lerman als Gründerin und künstlerische Leiterin der 1976 gegründeten und in der Nähe von Washington basierten Tanzcompany „Liz Lerman Dance Exchange“ vorgestellt. Die Gruppe wurde ausgezeichnet für mehrere wegweisende  Entwicklungen im modernen Tanz. Sie war eine der -ersten professionellen Companies, die Geschichtenerzähler und Mehrgenerationentänzer/innen in Tanzkonzerten vereinten. „Its unique brand of dance/theatre breaks boundaries between stage and audience, theater and community, movement and language, tradition and the unexplored.“4
Liz Lerman, im Herzen Gemeinschaftsaktivistin und Revolutionärin, hat sich und ihre Companie dazu gebracht, sich für Kunst und Philosophie zu verpflichten: „Art belongs to everyone and dancing is a birthright.“5

Inhalte des Critical Response Process
Der CRP ist eine von Liz Lerman entwickelte Methode, welche eine Reihe von Leitfäden für einen Austausch von konstruktiver Kritik anbietet. C. J. Williams berichtet in ihrem Artikel, dass die Anwendung der Methode weite Verbreitung gefunden hat bei kollektiven Feedbackrunden von Work-in-Progress-Arbeiten in verschiedensten Disziplinen.
Die Autorin hat den Critical Response Process mit eigenen Studierenden ausprobiert und erzählt von ihren Erfahrungen. Das System ermöglicht ihrer Meinung nach eine vertiefte Auseinandersetzung mit einem Arbeitsprozess, indem es Werkzeuge zur Verfügung stellt um Beobachtungen und ästhetische Entscheidungen artikulieren zu lernen. Es überwinde die gewohnten Spannungen zwischen Präsentierenden und Rückmeldenden, und generiere eine Begeisterung für den gruppendynamischen Prozess. Sie hebt heraus, dass die theoretischen, philosophischen und praktischen Aspekte bei einer Verwendung des  Verfahrens in einem kritischen Dialog im Voraus diskutiert werden sollen, um eine Aneignung der Methode für die jeweilige Situation zu erreichen. Besondere Aufmerksamkeit soll auf die wesentlichen Schritte im Prozessverlauf gerichtet werden, auf die optimale Wortwahl für konstruktive Kritik und Reaktion, den Einsatz des/r Moderators/in, und dass eine angenehme Umgebung für einen konstruktiven, anregenden Dialog und kreative Arbeit gewährleistet ist.

Die Rollen des Critical Response Process6
Die Methode gibt drei Rollen für die Teilnehmenden vor:

A) The Artist
Der/die Künstler/in bietet eine Arbeit oder einen Arbeitsausschnitt für die Besprechung an und fühlt sich bereit, diese im Dialog mit anderen Menschen zu hinterfragen.

B) The Responders
Die „Antwortenden“ verfolgen das Ziel, der künstlerischen Absicht der präsentierenden Person möglichst nahe zu kommen. Sie bieten dem/der Künstler/in einen Dialog mittels präzisierter Reaktionen auf sein/ihr Projekt an, der mittels der verschiedenen Arbeitsschritte umgesetzt wird. „As a responder, you really want the artist to do their best work, not something only as good as your last work.“7

C) The Facilitator
Der/die Moderator/in leitet die einzelnen Schritte in der Ablaufstruktur an. Der/die Künstler/in definiert vor dem Prozess im Dialog mit dem/r Moderatoren/in seine/ihre genaue funktionale Art und Weise. Er/sie führt durch den Dialog, indem er/sie den/die Künstler/in und die Feedbackgebenden beim Formulieren der Statements unterstützt und das Suchen und Finden von hilfreichen Fragen begleitet. Verschiedene Aufgaben sind gleichzeitig im Auge zu behalten: Anleiten, Bestimmen, Unterstützen, Übersetzen.
Die Responder und der/die Künstler/in stehen jeweils in direktem Dialog, der von der Moderation begleitet und mehr oder weniger gesteuert wird.

Die „Score Steps“ des Critical Response Process
Struktur eines CRP-Ablaufs8
Der Critical Response Process kann bei den verschiedensten Arten von kreativen Werken angewendet werden: Interpretationen, Performances, Texte, visuelle Kunst, Design, Lehrprozess – sogar Dessert. Also fast alles, was eine Person macht.

Performance / Showing
Die Methode wird nach der Präsentation eines (künstlerischen) Werks angewendet. Die Arbeit kann lang oder kurz sein, groß oder klein, sich in jeder Phase ihrer Entwicklung befinden.
Der/die Moderator/in führt den/die Künstler/in und die „Antwortenden“ durch die vier Arbeitsschritte:

Step One / Statement of Meaning
Egal in welcher Phase der Entwicklung sich die Arbeit befindet, werden beim ersten Arbeitsschritt mit „Feststellungen von Bedeutung“ erste „Bemerkungen“ zur Arbeit artikuliert. Künstler/innen mitten in einem Arbeitsprozess haben meistens ein Bedürfnis nach der Bestätigung, dass der von ihnen gerade abgeschlossene Arbeitsschritt für andere Menschen von Bedeutung sein kann.
Der/die Moderator/in führt in diesen Schritt ein, indem er/sie die „Antwortenden“ einlädt, in dem gerade Gesehenen Bedeutungen heraus zu heben: „Was war anregend, überraschend, eindrucksvoll, unvergesslich, berührend, einzigartig, überzeugend oder sinnvoll für euch?“ In diesem ersten Schritt wird dem/r Künstler/in eine Palette von unterschiedlich definierten „Bedeutungen“ angeboten, die in einem eher „positiven Licht“ stehen, jedoch nicht explizit „positiv“ gemeint sein müssen.

Step Two / Artists Questions
Beim zweiten Schritt stellt der/die Künstler/in seine/ihre Fragen an die „Antwortenden“. Je mehr er/sie seine/ihre Fragen spezifiziert, desto genauer können die Antworten ausfallen und ein vertiefter Dialog wird ermöglicht. Es können aber auch allgemeine Fragen gestellt werden, wenn ein weiterer Blickwinkel eingefangen werden möchte. Beide Versionen können hilfreich sein und sind in ihrer Form nicht fix. Sie werden je nach Situation präzisiert oder verallgemeinert, wenn die vorausgegangenen Antworten nicht die angestrebten Informationen ergeben haben. Hier ist die Unterstützung des/der Moderators/in sehr wichtig. Er/sie soll heraushören können, was genau der/die Künstler/in wissen möchte, und bei der Formulierung Hilfestellung leisten.

Step Three / Responders Neutral Questions
Im dritten Arbeitsschritt werden die Positionen der Dialogsteuerung getauscht. Die Antwortenden können nun ihre Fragen an den/die Künstler/in stellen. Es können einerseits Verständnis- oder Klärungsfragen sein, andererseits wird aber hier ein spezielles Augenmerk auf „neutrale“ Fragen gelegt (siehe Abb. 2 in 2.2. Liz -Lermans Critical Response Process). Diese spezielle Art der Fragenformulierung wirkt auf die meisten Menschen vorerst ungewohnt und bereitet oft Schwierigkeiten. Manchen kann es sogar lächerlich erscheinen, weil die Formulierung auf den ersten Blick gekünstelt wirkt.
Für das Artikulieren einer neutralen Frage bilden persönliche Meinungen die Grundlagen. Die Antwortenden können die Gelegenheit nutzen, ihre individuelle Meinung in eine neutrale Frage umzu-formen. Diese Anpassung ist deshalb sinnvoll, weil bei der eigenen Meinung persönliche Werte eine Rolle spielen, bei dieser Umwandlung aber die Idee des/r Künstlers/in im Zentrum steht. Neutrale Fragen können von den Künstlern/innen besser aufgenommen werden und oft melden die Künstler/innen zurück, dass sie genau nach diesen Inputs gesucht hätten.
Mit dieser Art von Fragen wird ein „frisches Denken“ über die Arbeit gefördert, im Gegensatz zu einem blossen Kritisieren mit Verbesserungsvorschlägen.

Step Four / Permissioned Opinions
Im vierten Arbeitsschritt lädt der/die Moderator/in die Antwortenden dazu ein, Meinungen mit einer bestimmten schematischen Formel an den/die Künstler/in zu richten und eine Bewilligung für deren Mitteilung ein zu holen: „Ich habe eine Meinung über …, möchtest du sie hören?“  Als Erstes wird das Thema der Stellungnahme angegeben und dann wird nachgefragt, ob er/sie an der Meinung interessiert ist.
Der/die Künstler/in hat die Möglichkeit, mit „ja“ oder „nein“ zu antworten. Er/sie kann mehrere Gründe für eine Ablehnung haben. Vielleicht hat er/sie schon genug zu einem Thema gehört, oder genug von speziell dieser Person, oder vielleicht ist ein angesprochenes Thema irrelevant für den/die Künstlerin. In den meisten Fällen wird jedoch der/die Künstler/in mit „ja“ antworten, weil die drei vorausgegangenen Arbeitsschritte eine Vertrauensbasis aufgebaut haben. Für jede Meinung wird immer wieder die gleiche Formulierung angewendet. Der Schritt irritiert einmal mehr in seiner ungewohnten formalen Art, bringt jedoch Disziplin in die Struktur und unterstützt den Prozess eines herausfordernden Dialoges.

1.) Nach Aussage von Georg Weinand (Dramaturg DasArts). Ich finde diese positiv ausgerichtete Begriffswahl „question-based learning“ entgegen der mehrheitlich verbreiteten negativ ausgerichteten Version „problem-based learning“ sehr interessant und wichtig.
2.) Broschüre Master Theater DasArts, Mission, S. 7
3.) Die Ausführungen in diesem Abschnitt beruhen auf dem Artikel von Cynthia J. Williams, „Beyond Critisism. Liz Lerman’s ‘Critical Response Process’ in the Dance Composition Classroom“, Journal of Dance Education, (2) 3, 2002, S. 93–99.
4.) Liz Lerman, John Borstel, Liz Lerman’s critical response process. A method for getting useful feedback on anything you make, from dance to dessert. o. O. 2003, S. 3.
5.) Williams 2002, a. a. O., S. 93, zit. nach C. Westberg, „Liz Lerman“, High Performance, 60, 1992.
6.) Die Ausführungen in diesem Abschnitt beruhen auf dem Artikel von o. A., „Liz Lerman’s Critical Response Process. The Core Steps and an Interview with Liz Lerman“, o. O. 2008, www.morehshin.com/spring13x3danimation/wp-content/uploads/2012/12/LizLerman.pdf [10.4.2013]; und Lerman/Borstel 2003, a. a. O.
7.) Lerman/Borstel 2003, a. a. O., S. 14.
8.) Die Ausführungen (und Illustration) in diesem Textteil beruhen auf dem Artikel von o. A. 2008 und Lerman/Borstel 2003, a. a. O.

Medienverzeichnis:
(DVD): Jack Faber, Georg Weinand, DasArts (Hg.), „A film about feedback“. Amsterdam 2012, Sub Pacific Films. Die DVD kann gegen eine Spende für die Studierenden direkt bestellt werden bei Nadja/DasArts: n.vanderweide[at]ahk.nl.

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Feedback oder Bewertung als produktive Rückmeldung https://whtsnxt.net/258 Mon, 05 Jan 2015 13:17:03 +0000 http://whtsnxt.net/259 MR: Angenommen, es gibt eine Kunst der nächsten Gesellschaft. Dann ist einfach mal der Fakt der, dass wir den Auftrag haben als Dozierende und KünstlerInnen, diese Menschen der zukünftigen Gesellschaft dabei zu begleiten. Dabei werden auch verschiedene Formate angewendet, die unter den Begriffen „Dialogisches Lernmodell“1, „Feedback-Methode nach DasArts“2 oder „Liz Lermans Critical Response Process“3 figurieren und die in letzter Zeit einen bemerkenswerten Sogeffekt bei Studierenden wie Dozierenden erzeugt haben. Seid ihr der Meinung, dass diese Methoden eine Rolle spielen sollen in der nächsten Generation von KünstlerInnen, die ja sicherlich auch wieder lehren werden?

WK: Dass sich diese Methoden überhaupt entwickelt haben, ist ja schon eine Antwort auf eine Entwicklung im künstlerischen Bereich und folgt einem Bedürfnis nach Stärkung der Autorschaft, nach einer Herauslösung des Autorengedankens aus dem übermächtigen Kuratel der definierten Horizonte. Die amerikanische Choreografin Liz Lerman, die noch in einer Welt des Meister-Schüler-Verhältnisses ausgebildet wurde, schreibt in ihrem Buch Liz Lermans Critical Response Process4 über ein Unbehagen in ihrer eigenen Tätigkeit als Künstlerin, das z. B. eine Folge davon war, dass sich Kritik während ihrer Ausbildung ausschliesslich aus dem Erfahrungshorizont ihrer Dozierenden speiste, ohne dass dabei irgendeine Form der Transparenz gepflegt wurde. Alle Modelle, über die wir hier reden, zielen nun im Kern darauf ab, Transparenz bezüglich der Urteils- oder Qualitätsebenen herzustellen, wie sie in der künstlerischen Lehr-/Lernsituation zur Debatte stehen. Gerade die subjektive Position des Autors oder des Kreierenden soll dadurch gestärkt und unabhängiger gemacht werden vom letztendlich das Eigene verwässernden Urteilzugriff des Anderen.

SR: Karim Benammar von der niederländischen Akademie DasArts hat das so beschrieben: Er sagt, dass man gegen ein traditionelles Lernen ankämpft, indem man einen neuen Vorschlag macht bezüglich der Nutzbarmachung der Gruppe, dem Peer-to-Peer-Lernen. Die Diversität der Gruppe wird nutzbar gemacht und steht im Gegensatz zum traditionellen Modell einer einzigen Leitfigur, an der man sich orientiert. Für die Studierenden besteht dabei die Chance selbständig zu werden durch die unterschiedlichen Sichtweisen, die es auf das Werk geben kann.

WK:  Man könnte auch sagen, man löst die Studierenden aus der alleinigen Deutungshoheit der Anderen, der Dozierenden, heraus und gibt Raum und Anlass zum Aufbau der eigenen Deutungskompetenz. Im dialogischen Lernmodell gibt es z. B. die Möglichkeit anhand von vorab im Kollektiv verhandelten Kriterien ein Ergebnis einer Aufgabenstellung zu beurteilen. Im Aushandeln von Kriterien müssen alle die jeweiligen Kontexte transparent machen, aus denen heraus sie beurteilen wollen. Damit wird ein Streit über die Relevanz von einzelnen Kontexten erst möglich.

SR: Was genau meinst du mit „beurteilen“? Ich habe festgestellt, dass ich bei der Anwendung und Untersuchung der DasArts-Methode oder auch des Critical Response Process die Begriffe „Bewertung“ und „Urteil“ absolut aussen vor gelassen habe, weil ich der Meinung war, dass sie überhaupt nichts mit Feedback zu tun haben, sondern, im Gegenteil, stark normativ konnotiert sind. Bei meinem Besuch im Bachelor Schauspiel konnte ich nun aber sehen, dass ihr diese Begriffe als etwas sehr Positives und Konstruktives anschauen könnt. Kannst du genauer ausführen, was ihr darunter versteht?

WK: In unserer Arbeit mit dem dialogischen Lernmodell haben wir versucht, das produktive Potential im Urteilen und Bewerten zu stärken. Das normative Urteil kann für uns sehr produktiv werden, wenn es gelingt, dadurch Qualitäten der eigenen Arbeit transparent zu machen, und dann aus diesem Bewusstsein für die Qualität und aus ihrer Kraft heraus weiter zu arbeiten. Qualität ist so identifizier- und verhandelbar und lässt zu, dass Studierende aus dem eigenen Handeln Werkzeuge zur Erzeugung dieser Qualität ableiten können. Sie entwickeln sich dann aus ihrem eigenen Kontext heraus und gleichzeitig stets in Bezug zu anderen Kontexten. Das stärkt die eigene Positionsbildung und Handlungsfähigkeit. Dazu gehört, dass Studierende auch als Experten von aussen beobachtend die Arbeit der anderen beurteilen. Der Perspektivenwechsel ist neben der Kriterienbildung ein weiterer Schritt der Sichtbarmachung und Transparenzbildung.
Der Kernschritt aber bleibt: Mache ich beim Beurteilen den Kontext transparent, von dem ausgehend ich -beurteile – oder urteile ich einfach nur.

SR: Das fängt ja bereits beim Fragenstellen an. Das ist z. B. bei Liz Lerman ein Kernaspekt der Methode, dass man überhaupt lernt, Fragen an den anderen neutral zu stellen, ohne dass das eigene Urteil schon darin steckt. Mit der Frage „Warum ist die Wand so grün?“, in der das Urteil drin steckt „die ist mir zu grün“, macht man nicht transparent, warum man überhaupt auf die grüne Farbe abhebt. Das genau wäre jetzt auch ein Beispiel für die Notwendigkeit des Formats „perspektivisches Feedback“ der DasArts-Methode, bei dem man die Perspektive deutlich macht, aus der etwas betrachtet wird. Dabei wird eine Meinung in ein Bedürfnis umgewandelt und in einen Kontext eingebettet, z. B.: „Ich als Lichtdesignerin brauche helleres Licht.“

WK: Bei der DasArts-Methode ist abgesehen davon auch wesentlich, dass die Studierenden die Einführung inklusive der ersten Kontextualisierung des Projektes selber machen. Also nicht nur einfach „ich stell mal mein Projekt vor“, sondern er oder sie ist unbedingt aufgefordert eine erste Kontextualisierung und damit ein Angebot für Deutungsdimensionen zu machen. Der erste Schritt nach „draussen“ liegt damit beim Präsentierenden und nicht bei den Anderen. Die wiederum müssen sich aber dazu verhalten.

FBH: Ein zentrales Element bei allen Methoden scheint mir eine sehr verbindliche Struktur, die u. a. Weisen des Sprechens, das Verteilen von Aufgaben und Rollen, oder die Kriterienbildung festlegt. Damit klar wird, wer von welcher Warte aus spricht, wer leitet und wovon gesprochen wird. Ich trete also über die Spielregeln in ein Verhältnis mit den Anderen, und nicht über eine Lehr-Lern-Beziehung. Und je konsequenter diese Formate eingehalten werden, desto freier kann anscheinend gedacht werden?

WK: Genau. Eine geregelte Kommunikationsform, in der ich nicht in eine persönliche Beziehung delegiert werde.

SR: Was die verschiedenen Modelle verbindet, ist eine Kehrtwendung: von dozierendenzentriert zu studierendenzentriert. Also nicht nur eine Hinwendung zur Autorschaft, sondern auch zur Lernenden–Orientierung. Die Prozessführung liegt dabei beim Feedbacknehmenden. Wie Liz Lerman in ihrem Buch schreibt, bemerkte sie plötzlich, dass sie, wenn sie den Prozess selber steuerte, tatsächlich viel besser Feedback empfangen konnte.

MR: In einem solchen Set-up bin ich auf Augenhöhe mit egal wem, ob da jetzt Dozierende und andere Studierende im Raum sind, spielt keine Rolle, das mischt sich. Dabei können die Rahmenbedingungen der Feedback-Formate gerade auch dafür genutzt werden, diejenigen Elemente der eigenen Arbeit zu zeigen, mit denen die Präsentierenden Zweifel hegen, um diesen dann mit der Gruppe zu teilen und zur gemeinsamen Untersuchung frei zu geben.

SR: Du hast zu Anfang mal den Sogeffekt erwähnt, den die verschiedenen Feedback-Methoden bei denjenigen erzeugen, die sie mal erlebt haben. Die Feedbackgebenden konzentrieren sich durchgehend auf das Konzept oder die Idee des Künstlers oder der Künstlerin. Ihr Ziel ist es, am Ende das Potenzial der Arbeit erkannt und beschrieben zu haben, womit die Künstlerin weiter arbeiten kann. Karim Benammar nennt dies „eine Vermehrung des Funktionierenden“. Urs Ruf nennt es „Entwickeln des Gelingenden“.
Ich denke, in genau dieser grundsätzlich würdigenden Haltung im Umgang miteinander und der Arbeit und was sie in Kombination mit den festgelegten Strukturen bewirkt, liegt der Hauptgrund für diesen, ja, Sogeffekt, – ich nenne es: eine Glückserfahrung.

1.) Der Schweizer Pädagoge und Didaktiker Urs Ruf ist Co-Autor des „dialogischen Lernmodells“ und hat im Auftrag mit Dozierenden des Studiengangs Bachelor Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste angefangen, in einem gemeinsamem Prozess Lern- und- Bewertungsstrategien zu erarbeiten, basierend auf den gegebenen Bedürfnissen des Curriculums. Das Modell ist heute fester Bestandteil in der Ausbildung in diversen Versionen.
2.) Der Philosoph Karim Benammar wurde vom Studiengang Master Theater DasArts in Amsterdam beauftragt, in Zusammenarbeit mit den Dozierenden eine Methode für ihre Feedback-Sessions zu erarbeiten. Die Methode ist in klare Formate aufgeteilt, die von ihnen jeweils bei der Anwendung für die aktuellen Bedürfnisse angepasst werden. Die als „DasArts-Methode“ bekannt gewordene Feedback-Methode hat über die Landesgrenzen hinaus grossen Anklang gefunden.
3.) Die amerikanische Choreografin Liz Lerman hat für ihre Company eine eigene Feedback-Methode entwickelt, um das gemeinsame Arbeiten produktiver gestalten zu können. Ihre Methode „Liz Lermans Critical Response Process“ hat in Amerika weite Verbreitung gefunden – in künstlerischen wie auch nicht-künstlerischen Bereichen.
4.) Liz Lerman, John Borstel, Liz Lerman’s critical response process. A method for getting useful feedback on anything you make, from dance to dessert, o. O. 2003.

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Das Ganze nicht nur ein kleiner Teil – visuelle Kultur als neue Orientierung https://whtsnxt.net/184 Mon, 05 Jan 2015 13:16:15 +0000 http://whtsnxt.net/184 Wer nach der nächsten Kunstpädagogik fragt, geht stillschweigend davon aus, dass die Kunst der nächsten Gesellschaft relevant für die Orientierung in Bildung und Ausbildung ist. Dieser Artikel geht davon aus, dass die nächste Kunstpädagogik keine „Kunst“pädagogik mehr sein wird. Hier wird gefragt, welche Fragen sich das Fach, das die Kunstpädagogik beerben wird, stellen muss.

Prolog
Derzeit gibt es weltweit 3,5 Milliarden Mobiltelefone, die nicht älter als zwei Jahre sind1. Es gibt also mehr als 3,5 Milliarden funktionierende Kameras. Bilder -machen, verschicken, empfangen oder abrufen, für viele kein Problem mehr. Mein Vater war immer entsetzt über meine Art, Schokolade zu essen: „Du isst ja die Schokolade wie Brot.“ Er selbst hat in seiner Kindheit Schokolade nicht gekaut, sondern behutsam im Mund zergehen lassen. Als die Kunst sich entwickelte, war die Herstellung von Bildern aufwändig und kom-pliziert, Bilder waren so selten und begehrt wie Schokolade vor 100 Jahren. Deshalb wurden sie immer wieder und lang angeschaut. Diese Seltenheit hat die Art der Bildbetrachtung hervorgebracht, die seit dem 19. Jahrhundert als Kunsterfahrung gilt. Mit den vielen Bildern ändert sich da momentan einiges.

Institution oder Funktion
Früher war es einfach: Schule hat bewährte Traditionen und Wissen an die nächste Generation „weitergegeben“. Heute ist es schwieriger: Schule, Bildung und Ausbildung werden als Investition gesehen. Damit werden die Zukunft und ihre Herausforderungen interessant.
Den Gegenstand der Kunstpädagogik können wir unter zwei Aspekten sehen. Einmal als das, was Lehrpläne und Veröffentlichungen unter dem Fach verstehen: Kunst, ihre Vermittlung und ihre pädagogischen Möglichkeiten. Wir können sie aber auch von der Funktion her sehen: Als Teil der Schule soll sie den Schülerinnen und Schülern und der Gesellschaft dabei helfen, mit der eigenen Identität, mit den Bildern, der Visualität, den relevanten Formen der Kommunikation etc. -zurechtzukommen. Genauso lässt sich die nächste Kunst als Kontinuität ihrer Institutionen oder ihrer Funktionen betrachten. Neue Medien und Techniken verändern die Welt sozial, ökonomisch und kommunikativ. Das bedeutet oft: Institutionen verlieren an Einfluss oder verschwinden, weil andere Institutionen ihre Funktionen übernehmen. Digitale Techniken und Programme verändern die Gesellschaft und damit auch die Kunst und ihre Pädagogik als Institutionen. Diese verlieren wohl Macht und Kontrolle.
Hard- und Software sind billig und einfach zu bedienen. Mit ihnen lassen sich Bilder und andere visuelle Zeichen ohne aufwändige technische Ausbildung herstellen und manipulieren. Varianten sind schnell gemacht und Rückgängig-Funktionen machen sie schnell wieder ungeschehen. Einfach und angstfrei experimentieren die Nutzer und lernen entsprechend schnell. Tutorials werben auf Videoplattformen um „Schüler“. Künstler wie Kunstlehrer haben Konkurrenz bekommen.
Das gilt nicht nur für die technische Seite. Kreativität lässt sich beschreiben als neuartige Kombination von bereits Vorhandenem. Viele der Videos und Bilder von Laien auf Foto- und Videoplattformen lassen Kunstausstellungen langweilig aussehen, z. B. die derzeit populären Memes (siehe: http://knowyourmeme.com/). Themen und Regeln provozieren hier durch die Arbeit vieler in kurzer Zeit neue unverhoffte Ideen und Bilder.
Mangel an Speicherplatz charakterisiert traditionelle, staatliche Kunstinstitutionen. Er zwingt zur Auswahl: was wird dargestellt, was wird aufgeführt, was wird angekauft, was wird ausgestellt? In der bildenden Kunst gilt das für das Material, für das Können, das in den Körpern der Künstler als Folge aufwändigen und langen Lernens „verfügbar“ ist, und für die Institutionen, die Museen, Ausstellungen, Messen, Galerien und deren Künstler. Das ergibt zwangsläufig einen normativen Kunstbegriff: Kunst ist Qualität. Speichermedien werden größer und billiger. Damit wird diese Auswahl und damit Kontrolle überflüssig. Und: die Bilder sind via -Telekommunikation so gut wie überall zugänglich, man muss nicht eigens anreisen. Die schiere Menge interessanter Bilder beschleunigt wohl auch die Art der Betrachtung.
Die Ausdifferenzierung der Konsumgüter hat zur Ausweitung der ästhetischen und symbolischen Sphäre geführt. Dinge des täglichen Gebrauchs fungieren auch als Zeichen.2 Die Konsumkultur ist in den entwickelten Ländern ein großes ästhetisches Lernprojekt3, das auch den traditionellen Kunstunterricht herausfordert.4 In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die Konsumenten zur Kultur tragenden Schicht geworden, sie stehen als Auftraggeber hinter wichtigen kulturellen Leistungen wie Stadien, Flughäfen, Brücken, Computerspielen, Filmen, langen Friedenszeiten, Internet, differenziertes Nahrungsangebot usw.. Diese kulturelle Produktion versteht sich nur in Ausnahmefällen in der Tradition der (bürgerlichen) Kunst.
Und nicht zuletzt: Die Kunst erweist sich als eine Frage des Geschmacks einer mehr oder weniger kleinen Szene, die ihren Anspruch auf Sonderstellung nicht mehr (lange) wird durchsetzen können.5 Die Kunst ist eine von vielen visuellen Kulturen, sie ist lediglich für eine wenige Menschen von Bedeutung.6 Sie kann keinen Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit mehr stellen.

Die Zukunft: Visuelle Kultur
Die zeitgenössische visuelle Produktion außerhalb der Kunst ist spannend und einflussreich. Schülerinnen und Schüler interessieren sich dafür. Bilder und visuelle Gestaltung bestimmen öffentliche und private Kommunikation7 ebenso wie unsere Entscheidungen in Politik und Konsum. In ihnen äußern sich unsere Werte, Hoffnungen und Befürchtungen. Mit ihnen bilden und zeigen wir Zugehörigkeiten und Unterschiede, mit ihnen konstruieren wir unsere Identitäten. Und wir lassen uns von ihnen stundenlang unterhalten. Wir nutzen Bilder als Einstieg in Tagträume ebenso wie zur Dokumentation unseres Lebens und zur Beobachtung und Kritik unserer Kultur. Wir gewinnen mit ihnen wissenschaftliche Erkenntnisse und nutzen sie zur Überwachung des öffentlichen Raums. Bilder und visuelle Gestaltung durchdringen so gut wie alle Lebensbereiche.
Die bildende Kunst ist ein Teil dieser visuellen Kultur. Künstlerische Äußerungen werden im indirekten Modus auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogen: Sie werden nicht wortwörtlich sondern im übertragenen Sinn verstanden. Als Beuys geschrieben hat „Hiermit trete ich aus der Kunst aus“, hat das niemand ernst genommen; denn er hat es ja als Künstler gesagt. Dagegen sind viele Teile der visuellen Kultur ernst gemeint. Eine Pädagogik, die sich um Bilder kümmern will, muss vor allem die behandeln, die wortwörtlich gemeint sind und Grundlage für unser privates, ökonomisches und politisches Handeln sind. Damit verbunden ist dann immer auch die Frage nach der Macht, nicht zuletzt danach, wer die semiotische Arbeit des Verstehens leisten muss.8 Dafür muss die nächste „Kunst“pädagogik entsprechende Methoden entwickeln.9
Daneben sollte sie auch beobachten, wie Funktionen, die sie heute der Kunst zuschreibt, schon jetzt und in Zukunft außerhalb der Kunstszene erfüllt werden.
Beobachtung der Kultur leisten z. B. TV-Shows, Konsumprodukte, Comedy, Jugendkulturen, Foto- und Videoplattformen, Computerspiele &c.
Identität wird im Tourismus10, beim Konsum11, in sozialen Medien und in Spielen ausprobiert, entwickelt und realisiert
den anderen Blick auf Welt und Gesellschaft bieten Reisen, Spielfilme, Computerspiele, Internetmemes
– Alternativen zur eigenen Weltsicht gibt es in anderen Kulturen und kulturellen Szenen und werden etwa auf Foto- und Videoplattformen präsentiert
Innovationen und Kreativität gibt in den Medien- und Konsumprodukten

Hinsichtlich der visuellen Kultur wird etwa zu fragen sein:
Wie funktioniert sie? Wie kann der einzelne sie beeinflussen, sich gegen Macht wehren und selbst Macht ausüben?
Welche Rolle spielen die verschiedenen Genres?
Welche sozialen Funktionen werden wie durch Bilder und visuelle Gestaltung erfüllt?
Wie werden Weltvorstellungen entwickelt und kommuniziert?
Wie steht es mit der Macht? Welche Interessen zeigen sich? Wer darf wen wie anschauen?
Wer muss sich um die semiotische Arbeit kümmern?
– Welche Rolle spielen visuelle Elemente in der Unterhaltung?

Wie können Schülerinnen und Schüler sich dieser Kultur bewusst werden?
Elemente werden nicht als Texte sondern … verstanden.

Die nächste „Kunst“pädagogik stellt nicht das „Bild“ oder das „Werk“ ins Zentrum, sondern die Situation, in der es verwendet wird, und das Problem, das mit ihm gelöst werden soll.12 Dazu braucht es Methoden und -didaktische Forschung.13
Das ist vermutlich nicht einfach. Im Vergleich dazu ist die zeitgenössische und historische bildende Kunst ein überschaubarer Bereich. Der nächsten Kunstpädagogik muss es gelingen, den Schülerinnen und Schülern an ausgewählten Beispielen allgemeine Strukturen und Regeln visueller Kulturen verständlich zu machen und ihnen ermöglichen, sich aktiv daran zu beteiligen und Einfluss zu nehmen.
Dabei geht es weder darum, die visuelle Kultur affirmativ zu behandeln, noch sie einfach zu kritisieren. Es geht um Verständnis und um die Fähigkeit, sich darin zu verhalten und sie entsprechend zu verändern. Nebenbei: Die ökologischen Kosten dieser Kultur erweisen sich als exorbitant und lebensbedrohlich.

1.) http://de.wikipedia.org/wiki/Mobiltelefon/Tabellen_und_Grafiken#Verkaufszahlen_und_Marktanteile_nach_Unternehmen [4.1.2015]
2.) Helene Karmasin, Produkte als Botschaften. Wien/Frankfurt/M. 1998.
3.) Wolfgang Ullrich, Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung. Berlin 2013.
4.) Franz Billmayer, „Shopping – Ein Angebot zur Entlastung der Kunstpädagogik“, Zeitschrift Kunst Medien Bildung | zkmb, Text im Diskurs, 1.10.2011, www.zkmb.de/index.php?id=73 [6.1.2014]
5.) Christian Demand, Wie kommt die Ordnung in die Kunst? Springe 2010, S. 285.
6.) Ben Lewis, “A Plea for Realism”, in: Johannes M. Hedinger, Torsten Meyer (Hg.), What’s Next? Kunst nach der Krise. Berlin 2013, S. 303f.
7.) Gunther R. Kress, Theo van Leeuwen, Reading images – the grammar of visual design, London 2006, pp. XV, 291.
8.) Gunther R. Kress, Multimodality – Exploring contemporary methods of communication. London 2010, S. 72.
9.) Helene Illeris, Karsten Arvedsen, „Visuelle Phänomene und Ereignisse – Überlegungen zum Lehrplan der visuellen Kulturpädagogik“, in: Kunibert Bering et al. (Hg.), Visual Learning – Positionen im internationalen Vergleich, Oberhausen 2013, S. 366–386.
Karsten Arvedsen, „Probleme im Kunstunterricht – Kunstunterricht mit Problemen“, in: Franz Billmayer (Hg.), Schwierige SchülerInnen im Kunstunterricht, Flensburg 2013, S. 13–29.
10.) Franz Billmayer, „Tourism a Better Kind of Art Education?“ Paper präsentiert bei der InSEA-Tagung in Rovaniemi 2010, www.bilderlernen.at/theorie/tourism_artedu.html [13.1.2014]
11.) Billmayer 2011.
12.) Franz Billmayer, „Bild als Text – Bild als Werkzeug“, in: Barbara Lutz-Sterzenbach, Maria Peters, Frank Schulz, Bild und Bildung. Praxis, Reflexion, Wissen im Kontext von Kunst und Medien, München 2014.
13.) www.bilderlernen.at [4.1.2015]

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The „wonder child“myth and how it’s destroying interaction design education https://whtsnxt.net/187 Mon, 05 Jan 2015 13:16:15 +0000 http://whtsnxt.net/187 PLEASE NOTE: this post is based on my personal experience during 7 years as a professional design teacher at college level, and also my conversations with teachers and young graduates. Am I getting it wrong? Feel free to weigh in.

I recently saw a photograph of college-level design -students lying in a circle on the ground, with their heads towards one another, forming a flower with -outstretched legs as petals, Busby Berkeley-style. They were wearing colored t-shirts which had been chosen to represent the gradations of a color circle.
They were presenting their homework.
The design teacher giving this example was proud. She claimed that giving the class the task of representing a color circle in an original way, had motivated -students to engage with color theory. And that this -engagement had broken through apathy, disinterest, etc. The t-shirt trick had gotten attention from the media, which she seemed to see as a validation of its value.
Perhaps she is a good teacher who creates competence about color theory in other ways. But her enthusiasm made me queasy.

The myth
The myth goes like this: high school students arrived in a college design course, spoiled by years of deadening traditional classroom learning. They had a “just tell me what to do to get a meaningless number grade” mentality. But the inspired teacher, by giving them control over which problems they solve, having them collectively critique each other’s work and LEARN FROM EACH OTHER, aroused a sense of PERSONAL OWNERSHIP. The challenge also aroused their CREATIVITY.
After this powerful mixture took hold, a miracle took place. Their original PASSION for learning, dulled by a conveyer-belt education, AWOKE, and with it a full commitment and motivation to solving a design problem (often co-created by themselves) in a way that was MEANINGFUL TO THEM. They flourished and produced wonderful, INNOVATIVE work.
The story usually ends with proof: a story of the further achievements of a specific Wonder Child.

The reality
The problem is that the Wonder Child’s achievement usually had nothing to do with the course. And that a large group of students didn’t learn anything or made only minimal progress. Or even worse, remained in a blissful state of unconscious incompetence, convinced that they’d achieved something just because they felt inspired, enthusiastic, entertained. The work was meaningful to THEM, useless to anyone else.
Because the “learning objectives” were infected with vague values of originality, creativity, etc., their achievement was never tested. And nobody knows what they achieved anyway, because they worked in groups. Teachers who say they can track what students in a group individually achieved are either lying, stupid or rare workaholic types who monitor a group night and day.
Most are lying. The amount of time and size of the groups alone is evidence enough. The teachers who tell these inspiring stories never talk about the progress of all the students, instead of single iconic wonder stories. Or about the minimum level – the benchmark – of quality that all had to achieve to get a passing grade. Or guarantee that any student graduating can meet this standard.

Gurus feed the myth
This myth is promoted by a steady drumbeat from conferences like TED which feature gurus promoting ideas like “kids can teach themselves”1 and “bring on the learning revolution”2 and “hey, teachers, make it fun”3. There is truth in all of these things, but it is being used in a highly selective, dangerous way.
Once you’ve sparked the interest of students, there is a long path to be followed before they really learn anything. And that isn’t always fun. To succeed, the students have to show qualities which are now unpopular or downright tabu: will power and character. The will power to buckle down and take tough critique, and then try many times again until you get it right. And the character to want to be more than entertained and entertaining.
This is the thing that the gurus and their audiences – usually a product of solid conveyer-belt educations – don’t talk about.

Why?
Why do even good designers who teach, do everything to make it appear that enthusiasm alone will develop someone into a practice-ready designer?
First, because it enables them to keep the (far too numerous) students happy, without creating a massive workload and risking the disapproval of directors who want to pass these students and keep taking their money. For teachers, having character and willpower can easily set you up to be a victim of a system that values neither.
Second, it creates a safe zone in which nothing is quantifiable, so teachers can’t be criticized for lack of productivity. The worst teachers love this.
Lastly, many design teachers live in an insular world where designers making euphoric claims are never challenged and only talk with other designers. So they really can’t conceive of any better way of doing things.

A sick learning culture
Teachers and students cooperate to win inside this system. Teachers intuitively assess students and divide them into groups. The category the student falls into – not their actual achievement – determines their school career. There are three main categories:
Group 1 – Potential Wonder Children – talented and/or well-prepared students. These progress by themselves with minimal or no teaching. The only requirement is to give the kinds of rationale (inspired, creative) the teachers want to hear.
Group 2 – The Average Rest – students who don’t immediately stand out. They are ignored, or judged on “process” and “awareness” instead of the “products” they make. They remain invisible in teams with group grades and are left to assess themselves through bogus methods like “peer assessment”.
Group 3 – The Few that Fail – students who don’t fit the stereotype of the “young creative”. Often subjected to new-agey coaching strategies to “support” them while they slowly fail (and pay).
The result: the potential wonder children are rarely tested, don’t develop and fall apart at the first real challenge they meet (often during graduation). Potentially strong design students in the “average rest” category are neglected and don’t develop. And the “few that fail” lose years of their time and money while the school strings them along with second and third chances and “counselling”.
We need to stop playing this game and start training competent, thinking professionals capable of solving design problems.

What to do: principles for design education at foundation level
Here are a few ways to replace this with real teaching and learning. Please note: it’s critical to do this in the first year of studies, at foundation level.

Individual before team
Students should only be allowed to work as teams after first qualifying in individual assignments that are -rigorously evaluated. Don’t be taken in by hype about “people learning better in groups” or “real-world collaboration skills” for “the new economy”. This is crap. Students need precise feedback about their own real level of achievement. Those who don’t measure up should be told early. In real-world practice, we’re also careful about who we let into a team.

Judge product, not process
The deliverable should be graded, not the student’s “process” or “increased awareness”. If the design deliverables (the solution to the design problem) are properly defined, they should be the best indicator of the competence of a student. If they’re not, there’s something wrong with the design of your course.

Few deliverables, much skill
Require only a few deliverables which take much skill to create. Focus on iterations and improvements. Skill now has an undeservedly bad reputation. Professionals who stay in the same role, getting better at doing one thing, are too often seen as losers who don’t “develop” and “re-invent themselves”. Real iteration on a design, whether coding or writing or diagramming, is not mere “execution”. It’s a deeply synthetic activity that develops creativity, skill and abstract thinking all at once.

Teach broadly, test narrowly
If students work on a well-designed, problem-based course, they will learn much more than the formal learning objectives. It’s tempting to expand the objectives. Don’t stick to only a few, and test only those. The proportion of what’s learned to what’s tested, should be 20/80, not the other way around. Test individually and rigorously.

Problem-based, context-rich
Problem-based learning is best way to teach design. However, it only works if students have extensive access to the context of use. Almost every answer to a question about the design deliverable should begin with: “It depends …” and then mention a variable in the context of use or a related area of practice. So make the context (user information, description of setting, other) available.

Paradoxically, the broadest development is achieved by individual iteration on a limited number of deliverables, requiring much skill, and rigorously evaluated with narrowly defined criteria.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien zuerst am 17.2.2014 unter: http://razormind.info/infoconstructor/?p=883.

1.) www.ted.com/talks/sugata_mitra_shows_how_kids_teach_themselves [4.1.2015]
2.) www.ted.com/talks/sir_ken_robinson_bring_on_the_revolution [4.1.2015]
3.) www.ted.com/talks/tyler_dewitt_hey_science_teachers_make_it_fun [4.1.2015]

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Die Hälfte, die bleibt, und eine Bühne zu Hause https://whtsnxt.net/074 Thu, 12 Sep 2013 12:42:41 +0000 http://whtsnxt.net/die-haelfte-die-bleibt-und-eine-buehne-zu-hause/ Man kann es als Banalität bezeichnen, Kunst als Teil des großen Wandels zu sehen, dem jede Gesellschaft dauernd unterliegt. Obwohl über Jahrhunderte zum Zweck der Repräsentation und des Machterhalts hergestellt – auch heute noch hat sie eine stabilisierende Funktion, auch wenn der Auftraggeber in demokratischem Sinne anonyme Kollektive sind –, spiegelt die Kunst den Wandel vielfältig und vieldeutig. Erst recht genießt die Frage nach der Zukunft der Kunst und des Kunstsystems erhöhte Aktualität. Seit 1968, dem vorletzten fundamentalen kulturellen Umbruch, und seit 1989, dem jüngsten Einbruch der Weltkultur in unsere Systeme, sind zwei Generationen bzw. eine herangewachsen. In der Gesellschaft sind neue Kräfte ausgereift, die neue Werte darstellen und neue Verhaltens- wie Wahrnehmungsmuster hervorbringen. Der Kunsthistoriker Beat Wyss hat das Ende der Epoche einer politik-kritischen Kunstproduktion und -rezeption in seinem Essay „Nach den großen Erzählungen“ zusammengefasst.1 Globalisierung einerseits und Auflösung eines konturierten Kunstbegriffs in ein ständiges Zuschreibe- und Entzugssystem, was den Kunststatus von Werken oder Konzepten angeht, andererseits haben sich die Erklärungsmuster aufgelöst, die uns halfen zu verstehen, was in der Kunst passiert. Sie ist individualistischer, zufälliger, unbedeutender im Einzelnen denn je geworden, ihre soziale Erklärungs- und Gestaltungskraft wird zur großen Unbekannten, je mehr wir von Kunst umgeben sind, je mehr davon produziert, verbreitet, verteilt, vermittelt wird. In dieser Überforderung halten sich die Rezipienten an das Vertraute – an den Kanon, der immer etwa zwei Generationen zurück endet, also genau vor den beiden Umbrüchen.
Dieser Befund war einer der Ausgangspunkte für „Der Kulturinfarkt“2, der 2012 für anhaltend heftige Debatten sorgte. Im Zentrum steht die These, dass sich das Übergewicht der Tradition in einem politisch gewollten Übergewicht der Kulturinstitutionen manifestiere, dass dieses Übergewicht langfristig nicht mehr zu finanzieren sei, vor allem aber, dass es einen Entwicklungsrückstau produziere. Der institutionelle Sektor, angesichts seiner Übergewichtigkeit mit Legitimationsproblemen konfrontiert, spricht der Kultur seligmachende Funktion zu und setzt damit auf eine quasi-religiöse Argumentation. Er gibt sich eine Sendung zur Welt- und Menschverbesserung. An diese Argumentation schließen auch die unabhängig geförderten Produzenten an, da sie die Kunst der kritischen Funktionsdebatte entziehen, soweit sie über immanente Fragen hinausgeht. Diese öffentliche Debatte ist aber umso dringlicher, je mehr das Kunstsystem sich unter sozialpolitischem Aspekt abkapselt. Es sind die bekannten zehn Prozent der Gebildeten und Begüterten, welche die von 100 Prozent der Bevölkerung finanzierte Hochkultur konsumieren; alle Maßnahmen des Kunstsystems selbst wie der fördernden Politik haben daran seit der Erfindung der neuen Kulturpolitik Mitte der 1970er Jahre nichts zu ändern vermocht. „Kunst ist halt elitär“, hört man heute öfters wieder entschuldigend, „Glück hat, wer zur Elite gehört.“
Das war einmal anders. Kulturpolitik nahm in den 1970er Jahren noch die gesamte Gesellschaft in den Blick und gab der Kunst entsprechende Verpflichtungen mit. Die Politik wollte mit dem Ausbau des Angebots ein von allen genutztes, vielfältiges Angebot schaffen. Alle sollten physisch wie intellektuell partizipieren (können) und sich als Bürger entwickeln. Emanzipation lautete der Schlüsselbegriff. Die Kunst, von den ewigen Werten losgemacht, fand sich auf der Suche nach einer neuen Publikumsansprache. Das Publikum wiederum stand vor der Herausforderung, sich kulturell zu bilden, motiviert durch das Versprechen höheren Bewusstseins. Es dauerte nicht lange, bis das System in seinen üblichen Betriebsmodus zurückfiel. Nur die Namen hatten gewechselt. Und statt selbstherrlicher Intendanten zogen kulturmanagementtrainierte CEOs des Programmmachens ein.
So lässt sich rückblickend über 40 Jahre neue Kulturpolitik sagen: Das Angebot ist da. Die Zahl der Einrichtungen hat sich seit 1980 etwa verdoppelt. Auch wenn die Statistiken wenig verlässlich sind und sich die Zählmethoden geändert haben – in diesem Fall hat die gefühlte Vermehrung hohe Evidenz. Jedermann wird die Wahrnehmung teilen: Es sind mehr Institutionen geworden, enorm viel mehr. In Zürich gibt es jetzt sieben oder acht Bühnen anstelle der zwei von 1970, und vier zusätzliche Kunstmuseen bzw. -hallen.
Der quantitative Teil des Programms ist also eingelöst. Hinsichtlich des qualitativen lässt sich nur eine mäßige Bilanz ziehen. Die Kunst hat sich gewandelt, ist konzeptioneller, traditionskritischer, selbstbezogener geworden. Doch die institutionelle Einbindung hat ihr wenig neue Perspektiven und wenig neue Modelle außerhalb des Profi-Zirkus eröffnet. Die in den 1980ern erprobten Ausbrüche aus den Mauern des bürgerlichen Kulturbetriebs sind durchweg verebbt, die alternativen Kulturzentren, Kinder derselben Zeit, sind der gleichen Gravitation verfallen, die sie zu Gründungszeiten an den klassischen Apparaten beklagten. Am kritischsten ist die Bilanz bezüglich Partizipation. Sie verharrt statistisch in allen westlichen Ländern bei der erwähnten Minderheit von zehn Prozent der Bevölkerung, welche subventionierte Kulturangebote, also unsere Theater, Museen, klassischen Konzerthäuser, frequentieren. Die Demokratisierung, 1976 Startimpuls für die neue Kulturpolitik, greift nicht.
Es hapert auch mit der Kulturwirtschaft. Kunst gilt als der absolute Gegensatz zu Kommerz. Kunst ist befreit von der Nachfrage. Niemand hat etwas gegen Erfolg; doch ihn anzustreben gilt als anrüchig. Wenn er eintritt, dann ungewollt und unverdient. Kulturelle Güter verkaufen zu wollen, sich am Markt auszurichten, hat mit Kunst nichts mehr zu tun. Das Kunstsystem lebt im Zeichen des europäischen Schismas von Kunst und Markt. Phänomene wie die Art Basel versuchen Brücken zu schlagen, doch sind sie zu Ritualen des Geschäfts geworden. Hier misst sich das Geld an der Kunst, nicht die Kunst am Geld.
Die Folge des Schismas zwischen Kunstwelt und Markt ist, dass alle Förderung sich auf die geschützten Zonen der Kunsteinrichtungen konzentriert. Das hat ohne Zweifel manche künstlerische Entdeckung ermöglicht; manches Talent konnte sich entwickeln, das sich unter kommerziellen Bedingungen nicht hätte entfalten können. Doch die Konsequenzen sind dreifach: Im klassischen Bereich führte es zu einem mit Steuergeldern befeuerten Starkult, der wiederum die Programminnovation behindert. Zweitens macht sich das Fehlen einer Nachfrage (der Käufer ist bekanntlich der härteste Kritiker) und einer verbindlichen Werteskala im rapiden Bedeutungsverlust bzw. in wachsendem öffentlichem Zynismus der Kunst gegenüber bemerkbar. Drittens hat die Politik es unterlassen, Konzepte zur Förderung der Kulturwirtschaft zu entwickeln. Wo jemand Geld verdienen will, habe der Staat nichts zu suchen, so das Axiom – obwohl auch im subventionierten Kunstbetrieb alle ein Auskommen suchen. In der Folge haben wir heute einen produktiven Kunstbetrieb, aber keine europäische Kulturindustrie, die interessante ästhetische Erlebnisse für viele bereitstellt. Was die übrigen 90 Prozent konsumieren kommt deshalb hauptsächlich aus den ausländischen Traumfabriken, und wenn aus dem Inland, dann ist es meist Schenkelklopferei.
Es hapert an einem weiteren Punkt. Wie alle Länder Europas ist die Schweiz ein Land der Immigration. Doch die eingewanderten Kulturen bilden sich in unserem Kultursystem überhaupt nicht ab. Sie sind – außerhalb polyfunktionaler Gemeinschaftszentren, die der Sozialpolitik zugeschrieben werden – nicht existent. Ihr Beitrag zum Kunstsystem und zur öffentlich rezipierten Kultur ist null. Auch hier bildet sich ein Rückstau. Er spricht nicht für eine Kulturwelt, die sich gerne als zukunftsgerichtet, tolerant, vielfältig definiert.
Soweit die geerbten Probleme. Ein weiteres, aktuelles ist mit der Digitalisierung verbunden. Sie bringt neue Formen künstlerischer Produktion wie kultureller Rezeption hervor. Im Zentrum steht dabei erstmals echte Interaktivität, die mich als Rezipienten nicht nur philosophisch zum Bestandteil des Kunstwerks macht, sondern zu seinem praktischen Vollender und Neuerfinder. Die Digitalisierung impliziert überdies neue Beziehungen von Individuum zu Individuum, seien es Künstler oder Konsumenten; sie macht Institutionen in allen Lebensbereichen tendenziell überflüssig. Die Digitalisierung ist mehr ein Versprechen. Sie beginnt, wie alle Innovationen, die technisch-medial induziert sind, über das kommerzielle Ende und hat es deshalb besonders schwer, ihr ästhetisches Potential durchzusetzen und kritisch reflektiert zu werden.
Überinstitutionalisierung und Digitalisierung zusammengenommen, zeichnen sich die Umrisse einer künftigen Epoche ab. Ich nenne sie das post-institutionelle Zeitalter. Kunst wird weniger gesonderte Orte ihrer rituellen Zelebration nutzen, sondern sich immateriell über Internet und andere digitale Netze verbreiten. Die große Bühne ist der kleine Bildschirm, der zum Zentrum ästhetisch getriebener Interaktivität wird. Die De-Institutionalisierung wird die von allen zwar als inexistent betrachtete, in der Wirklichkeit der Finanzierung wie der politischen und medialen Behandlung aber nach wie vor höchst wirksame Teilung der Welt in Hochkultur und Breitenkultur aufheben. Effektiv müsste die Zahl der Kultureinrichtungen nicht zurückgehen, würden Bürger, Donatoren-Communities oder Mäzene mehr direkte Verantwortung übernehmen. Dieser Umbruch brächte insgesamt eine wesentliche Demokratisierung kultureller Prozesse und eine Verknüpfung von Alltag und ästhetischen Erlebnissen bzw. deren Ermöglichung.
„Der Kulturinfarkt“ wählte für den Umbau die Formel der Halbierung. Zurück zu einer Menge an gebauter und subventionierter Kultur wie etwa in den frühen 1980er Jahren, dann aber ein dezidiertes Engagement des Staates in Bereichen, die dem ursprünglichen Ziel, der großen Zahl kulturelle und künstlerische Optionen anzubieten, näher kommen. Das wäre dann eine Kulturpolitik für A) die Laienkultur, heute politisch wie institutionell an den Rand gedrängt, doch die unersetzliche Zone von künstlerischer Akkulturation; B) eine starke Kreativwirtschaft, mithin für mehr unternehmerischen Geist in der Kultur, der sich langfristig selber finanziert und einen realen Beitrag zur Wertschöpfung leistet. Zu erfinden sind Modelle vorübergehender Förderung, welche es den Künstlern und ihren Organisationen erlauben, Konzepte und Projekte auszureifen, sie aber nach Ablauf der Karenzfrist zwingt, selber damit zu bestehen. C) eine digitale Produktion und Distribution, welche die Potenziale der neuen Medien und ihre Faszination für viele für eine kulturelle Entfaltung nützt. Ein iPad ist mehr als ein kleiner Computer, über den man auch noch Theaterkarten bestellen und Hintergrundvideos zum Programm schauen kann. Ein Tablett ist nichts weniger als eine Bühne bei mir zu Hause, auf der unerhörte und unersehene Dinge spielen können.D) eine Kunstausbildung, die sich mit den Kultureinrichtungen zusammentut und für den Markt, nicht für das Bildungs-CV produziert. Zu den Kultureinrichtungen gehören auch die Medien, zuvorderst die öffentlich-rechtlichen mit Kulturauftrag. E) eine multikulturelle Bildung der Jugend, die insbesondere die immigrierten Kulturen ins Rampenlicht holt und die Hüter wie Nutzer der Hochkultur mit den Einflüssen nicht-westlicher Kulturen und Künste konfrontiert. Eine solche multikulturelle Bildung, die uns Eingesessene im eigenen Land etwas ausländischer macht und damit etwas einheimischer, darf sich ruhig in der Programmpolitik der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen fortsetzen – und weiter in den Jurys, Kommissionen und Programmräte, in denen gesellschaftliche Kräfte die Experten zu gleichen Teilen ergänzen müssen. F) eine institutionelle Kultur, welche sparsamer ist, dafür radikaler experimentiert – neben der Pflichtaufgabe, die Tradition zugänglich zu halten. Dazu gehört eine stärkere Betonung des Nachfrageaspekts und eine höhere Selbstfinanzierung – Kunst ist zu billig und muss mehr kosten, will sie sich nicht im Universum der Gratisangebote verlieren.
Erhöhte ökonomische Autarkie von Kunst verschafft ihr ganz allgemein jenen Spielraum, den sie benötigt, um vom ausufernden Betreuungsstaat wegzukommen und originäre statt beruhigende ästhetische Erfahrung zu ermöglichen.
Soweit das politische Programm, das eine Ahnung vom politischen Aspekt des künftigen Betriebssystems Kunst gibt. Welche Kunst darin entsteht, wage ich nicht vorauszusagen. Fest steht jedoch, dass Kunst und ihr Produktionssystem stärker in die Verantwortung der Bürger gehören, mehr direktes Engagement auch finanzieller Art verlangen. Die Stärkung des Nachfrageprinzips geht einher mit einer vertieften demokratischen Legitimierung – was viele erreicht hat Gestaltungskraft. Dieses Axiom können wir nicht leugnen, sondern sollten es für den subtilen Transport von Erfahrungserweiterung nutzen. Die USA haben diese Mauer in den 1970er Jahren eingerissen. Qualität ist in der amerikanischen Kulturkritik deshalb immer auch jenes Momentum von Kunst, das Teile der Gesellschaft bewegt. Ob diese Teile groß oder winzig sind, spielt keine Rolle – eher gilt, dass je größer, umso mehr verdient das Phänomen eine vertiefte kritische Analyse. Aber nicht um daraus Moral abzuleiten, wie das nächste Phänomen gestaltet sein soll, also kein normativer Anspruch, wie er in Europa noch häufig gilt, sondern um Gesellschaft zu verstehen. Ob es diese Kunst und ihr System geben wird, weiß ich nicht, aber ich kann sie mir wünschen: Eine Kunst, die Popularität sucht, suchen muss, und damit nicht ihre Kritiker, sondern die Gesellschaft bewegt. Diese wird durch solch kompetitives Verhalten unabhängiger von der politischen Wetterlage, der wachsenden Kunstverwaltung und dem grassierenden Betreuungsdrang, der den Staat erfasst und dem der Künstler als Objekt der politisch-therapeutischen Zuwendung nächstens zum Opfer fallen wird.

Literatur Haselbach, Dieter, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz; Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und immer das Gleiche, München: Knaus 2012.Kramer, Dieter: Kulturpolitik neu erfinden. Die Bürger als Nutzer und Akteure im Zentrum des kulturellen Lebens, Essen: Klartext 2012.1.) Wyss, Beat Nach den großen Erzählungen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009.
2.) Haselbach, Dieter, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz; Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und immer das Gleiche, München: Knaus 2012.

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Warum ist es wichtig – heute – Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen und anzuschauen? https://whtsnxt.net/065 Thu, 12 Sep 2013 12:42:40 +0000 http://whtsnxt.net/warum-ist-es-wichtig-heute-bilder-zerstoerter-menschenkoerper-zu-zeigen-und-anzuschauen/ Ich werde in acht Punkten zu erklären versuchen, warum es wichtig ist – heute – Bilder zerstörter Menschenkörper anzuschauen, wie solche, die ich verwendet und in verschiedene Arbeiten wie „Superficial Engagement“ (2006), „Concretion“ (2006), „The Incommensurable Banner“ (2007), „Ur-Collage“ (2008), „Das Auge“ (2008), „Crystal of Resistance“ (2011), „Touching Reality“ (2012) und „Collage-Truth“ (2012) integriert habe.

1. Herkunft
Die Bilder zerstörter Menschenkörper sind von Nicht-Fotografen gemacht worden. Die meisten wurden von Zeugen, Passanten, Soldaten, Sicherheitsoffizieren, Polizeibeamten, Rettungsdienst- und Erste-Hilfe-Kräften aufgenommen. Die Herkunft der Bilder bleibt ungeklärt und ist oft nicht verifizierbar, es fehlt die Quellenangabe, was auch immer eine „Quelle“ nach unserem Verständnis ist. Diese ungeklärte Herkunft und diese Nichtverifizierbarkeit spiegeln die heutige Unklarheit wider. Das ist, was mich interessiert. Oftmals ist die Herkunft nicht garantiert – aber was kann in unserer heutigen Welt überhaupt eine Garantie beanspruchen, und wie kann „unter Garantie“ noch einen Sinn abgeben? Diese Bilder werden im Internet zum Herunterladen zur Verfügung gestellt, sie haben den Status eines Zeugnisses und sind von ihren Urhebern aus vielen verschiedenen Gründen ins Netz gestellt worden. Darüber hinaus wird die Herkunft dieser Bilder nicht angegeben und manchmal ist sie unklar – mit einer undeutlichen, vielleicht sogar manipulierten oder gestohlenen Adresse, wie dies häufig für Vieles gilt, was heute im Netz und in sozialen Netzwerken zu finden ist. Wir werden jeden Tag damit konfrontiert. Die unbestimmte Herkunft stellt einen der Gründe dar, warum es wichtig ist – heute – solche Bilder anzusehen und zu zeigen.

2. Redundanz
Die Bilder zerstörter Menschenkörper sind in ihrer Redundanz wichtig. Was redundant ist, ist genau dies, dass heute eine solch unermessliche Menge von Bildern zerstörter Menschenkörper existiert. Redundant ist hier nicht die Wiederholung desselben, weil es immer ein anderer Menschenkörper ist, der zerstört wurde und als solcher redundant erscheint. Es geht nicht um Bilder, sondern um Menschenkörper, um den Menschen, von dem das Bild ein Zeugnis darstellt. Die Bilder sind redundant, weil es redundant an sich ist, dass Menschen zerstört werden. Redundanz – an sich – ist hier wichtig. Ich will dies als etwas Entscheidendes verstehen und ich will diese Redundanz als eine Form ansehen. Wir wollen die Redundanz solcher Bilder nicht akzeptieren, weil wir die Redundanz von Grausamkeit dem Menschen gegenüber nicht akzeptieren wollen. Dies ist der Grund, warum es wichtig ist, sich die Bilder zerstörter Menschenkörper – heute – in ihrer Redundanz zu zeigen und anzuschauen.

3. Unsichtbarkeit
In den Zeitungen, Illustrierten und Fernsehnachrichten sehen wir heute kaum Bilder zerstörter Menschenkörper, da sie sehr selten gezeigt werden. Diese Bilder sind nicht sichtbar und unsichtbar. Die Annahme ist, dass sie die Sensibilität des Betrachters verletzen oder bloß den Voyeurismus befriedigen, und der Vorwand besteht darin, uns vor dieser Gefahr zu schützen. Aber diese Unsichtbarkeit ist nicht harmlos. Die Unsichtbarkeit bildet die Strategie, die Kriegsanstrengung zu unterstützen, oder sie zumindest nicht zu beeinträchtigen. Es geht darum, den Krieg akzeptabel und seine Auswirkungen ermessbar zu machen, wie dies z. B. vom ehemaligen US-amerikanischen Verteidigungsminister (von 2001–2006) Donald Rumsfeld formuliert wurde: „Der Tod hat die Tendenz, einer deprimierenden Ansicht des Kriegs Vorschub zu leisten.“ Aber gibt es wirklich eine andere Ansicht des Kriegs als eine deprimierende? Bilder zerstörter Menschenkörper anzusehen und sie zu zeigen, ist eine Möglichkeit, sich gegen Krieg sowie gegen seine Rechtfertigung und Propaganda zu engagieren. Seit dem 11. September 2001 ist dieses Phänomen der Unsichtbarkeit verstärkt worden. Diese Unsichtbarkeit, nicht als ein gegebenes Faktum oder als eine „Schutzmaßnahme“ zu akzeptieren, ist ein Grund, warum es wichtig ist – heute – solche Bilder anzusehen.

4. Die Tendenz zur Ikonisierung
Die Tendenz zur Ikonisierung existiert noch heute. Ikonisierung ist die Gewohnheit, das Bild, das „hervorsticht“, das „das Wichtige“ ist, das „mehr sagt“, das „mehr zählt, als die anderen“, „auszuwählen“ bzw. zu „finden“. Mit anderen Worten: Die Tendenz zur Ikonisierung ist die Tendenz, ein Schlaglicht auf etwas zu werfen. Es ist das alte klassische Verfahren, eine Hierarchie zu begünstigen und sie auf autoritäre Weise aufzuoktroyieren. Dies ist keine Wichtigkeitserklärung gegenüber etwas oder einem Einzelnen, sondern eine Wichtigkeitserklärung gegenüber Anderen. Das Ziel ist, eine scheinbar gemeinsame Wichtigkeit, ein gemeinsames Gewicht, ein gemeinsames Maß zu etablieren. Aber die Tendenz zur Ikonisierung und zum „Ein-Schlaglicht-auf-etwas-werfen“, hat den Effekt, die Existenz von Unterschieden, des Nicht-Ikonischen, des Redundanten und des Nicht-Hervorstechenden zu verneinen. Im Bereich von Bildern des Kriegs und des Konflikts führt dies dazu, dasjenige Bild, das für andere „akzeptierbar“ ist, auszuwählen. Es ist das „akzeptable“ Bild, das für ein anderes Bild, für alle anderen Bilder, für etwas Anderes und sogar für das „Nicht-Bild“ steht. Dieses Bild bzw. diese Ikone muss selbstverständlich das Richtige, das Gute, das Gerechte, das Erlaubte, das Ausgewählte – das konsensstiftende Bild sein. Dies macht die Manipulation aus. Ein Beispiel ist das (auch von Kunsthistorikern) vieldiskutierte Bild des „Situation-Room“ in Washington während der Eliminierung von Bin Laden durch die „Navy SEALs“ im Jahr 2011. Ich lehne es ab, dieses Bild als eine Ikone zu akzeptieren, ich lehne seine Ikonisierung ab, und ich lehne die Tatsache ab, dass dieses Bild – wie alle anderen „Ikonen“ – für etwas Anderes als für sich selbst steht. Die Tendenz zur Ikonisierung zu bekämpfen, ist der Grund, warum es wichtig ist – heute –Bilder zerstörter Körper zu zeigen und anzuschauen.

5. Die Reduktion auf Tatsachen
In der heutigen Welt der Tatsachen, der Information, der Meinung und der Kommentare wird vieles darauf reduziert, faktisch zu sein. Das Faktum ist das neue „goldene Kalb“ des Journalismus, und die Journalistin oder der Journalist will ihm die Zusicherung und Garantie von Wahrheitstreue geben. Aber mich interessiert die Verifizierung einer Tatsache nicht. Mich interessiert die Wahrheit als solche. Die Wahrheit, die keine verifizierte Tatsache oder „korrekte Information“ einer journalistischen Geschichte ist. Die Wahrheit, die mich interessiert, leistet Widerstand gegen Tatsachen, Meinungen, Kommentare und gegen den Journalismus. Die Wahrheit lässt sich nicht reduzieren. Deshalb sind die Bilder zerstörter Menschenkörper irreduzibel und widerstehen der Tatsächlichkeit. Ich leugne Tatsachen und die Tatsächlichkeit keineswegs, aber ich will der Textur heutiger Tatsachen widerstehen. Die Gewohnheit, die Ereignisse auf Tatsachen zu reduzieren, stellt einen bequemen Weg dar, die Wahrheit zu vermeiden. Dieser Neigung zu widerstehen, entspricht der Dynamik – die dazu führt – die Wahrheit zu berühren. Bedingungslose Akzeptanz der Tatsachen will uns die faktische Information als „das Maß“ aufoktroyieren, statt dass wir mit unseren eigenen Augen hinschauen und sehen. Ich will mit meinen eigenen Augen sehen. Der Widerstand gegen die heutige Tatsachenwelt macht es notwendig, Bilder zerstörter Körper zu zeigen und anzuschauen.

6. Opfer-Syndrom
Sich die Bilder zerstörter Menschenkörper anzuschauen, ist wichtig, weil es zu meinem Verständnis beitragen kann, dass die unermessliche Tat nicht die des Anschauens ist. Was unermesslich oder inkommensurabel ist, ist die Zerstörung, die stattgefunden hat – dass ein Mensch, ein Menschenkörper zerstört wurde, ja, dass eine unermessliche Anzahl von Menschen zerstört wurde. Es ist wichtig – jenseits von allem anderen – dies zu verstehen. Erst dadurch, dass ich in der Lage bin, diese unermessliche Tat zu berühren, kann ich der nachkommenden Frage widerstehen: Ist dies ein Opfer oder nicht? Und wessen Opfer? Oder ist dies vielleicht ein Täter, ein Terrorist? Geht es überhaupt nicht um das Opfer? Und vielleicht sollte dieser zerstörte Menschenkörper nicht als Opfer betrachtet bzw. gezählt werden? Zerstörte Menschenkörper als Opfer oder Nicht-Opfer einzuordnen, ist ein Versuch, sie ermesslich zu machen, statt darüber nachzudenken, dass all diese Körper das Unermessliche sind. Das Opfer-Syndrom ist das Syndrom, das will, dass ich dem Unermesslichen eine Antwort, eine Erklärung, einen Grund gebe und letztendlich feststelle, wer der „Schuldige“ und wer der „Unschuldige“ ist. Der einzige überlebende Terrorist bei den Bombay-Terroranschlägen von 2008 sagte vor dem Gericht, das ihn zum Tod verurteilte: „Ich glaube nicht, dass ich unschuldig bin.“ Ich denke, das Unermessliche in dieser Welt hat keinen Grund, keine Erklärung und keine Antwort. In dieser unermesslichen Welt muss ich die Versuchung der Ermesslichkeit ablehnen und ich will die Klassifizierung in Opfer oder Nicht-Opfer nicht akzeptieren. Ich will nicht durch das neutralisiert werden, was die Welt kommensurabel machen will. Ich weigere mich, mir alles durch den Kontext erklären und es auch dadurch entschuldigen zu lassen. Ich will mich nicht durch „den Kontext“ neutralisieren lassen. Die Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen und anzusehen ist – heute – wichtig, weil ich angesichts des Opfer-Syndroms nicht resignieren will.

7. Die Irrelevanz der Qualität
Diese Bilder – weil sie von Augenzeugen aufgenommen wurden – haben keine fotografische Qualität. Das interessiert mich. Es ist die Bestätigung, dass unter Bedingungen der Dringlichkeit und in Not so etwas wie Qualität nicht notwendig ist. Ich glaubte immer an „Qualität = Nein! Energie = Ja!“. Hier gibt es keinen ästhetischen Ansatz außer dem Ziel, das Bild aufzunehmen. Die Bedingungen von „Qualität“ sind irrelevant angesichts des Unvorstellbaren. Bilder von zerstörten menschlichen Körpern zeigen dies auf. Kein technisches Know-how ist vonnöten. Kein Fotograf ist notwendig. Das Argument von der „fotografischen Qualität“ ist das Argument der Abseitsstehenden, der Nicht-Anwesenden, das Argument das im Namen des „Qualität“-Arguments „Abstand“ einzuhalten und „Kontrolle“ zu sein, ausdrückt. Aber es gibt – heute – keine Kontrolle mehr. Was vonnöten ist, ist vielmehr Zeuge zu sein, da zu sein, hier zu sein und jetzt hier zu sein, anwesend zu sein, zum „richtigen Zeitpunkt“ am „richtigen Ort“ anwesend zu sein. Die meisten Bilder werden mit kleinen Kameras, Smartphones oder Mobiltelefonen aufgenommen. Sie passen zu unserer Art und Weise, das „Alles“ und „Nichts“ im Alltagsleben zu bezeugen und es sofort „publik“ zu machen. Die Irrelevanz der Qualität dieser Bilder ist eine klare Kritik am „embedded“ Fotojournalismus und dem Journalismus im Allgemeinen. Die Irrelevanz der Qualität macht es wichtig – heute – solche Bilder zu zeigen und anzuschauen.

8. Abstandnahme durch Hypersensibilität
Ich bin sensibel, und ich will sensibel sein. Gleichzeitig will ich aufmerksam sein und bleiben. Ich will nicht Abstand nehmen, ich will nicht wegschauen und ich will meinen Blick nicht abwenden. Manchmal höre ich von Betrachtern oder Betrachterinnen, wenn sie auf Bilder zerstörter Menschenkörper stoßen: „Ich kann mir dies nicht anschauen, ich muss mir dies nicht ansehen, ich bin zu sensibel.“ Das ist die Bemühung, einen bequemen, narzisstischen und exklusiven Abstand zur heutigen Wirklichkeit, zur Welt zu halten. Zu unserer Welt, zu der einmaligen und zur einzigen, zu unserer Welt. Beim Diskurs der Sensibilität – eigentlich der Hypersensibilität – geht es darum, den eigenen Komfort, die eigene Ruhe, den eigenen Luxus zu bewahren. Diejenigen nehmen Abstand, die sich – mit ihren eigenen Augen – nicht mit der Unermesslichkeit der Wirklichkeit konfrontieren wollen. Abstand zur Wirklichkeit ist niemals ein Geschenk, es ist etwas, das sich ein paar wenige erlauben zu nehmen, um ihre Exklusivität unversehrt zu halten. Hypersensibilität ist das Gegenteil des „nicht-exklusiven Publikums“. Um sich mit der Welt zu konfrontieren, um mit ihrem Chaos, ihrer Unermesslichkeit zu kämpfen, um zu koexistieren in der Welt und um mit dem Anderen zu kooperieren, muss ich mich ohne Abstand mit der Wirklichkeit konfrontieren. Deshalb ist es notwendig, Sensibilität – die für mich bedeutet, „wach“ und „aufmerksam“ zu sein – von der Hypersensibilität zu unterscheiden, einer Hypersensibilität, die „Selbsteinschließung“ sowie „Ausschließung“ bedeutet. Um der Hypersensibilität zu widerstehen, ist es wichtig – heute – Bilder zerstörter Menschen-körper zu zeigen und anzusehen.


Translated from the English by Dr Michael Eldred, Köln

Wiederabdruck
Der Text war Teil der Ausstellung Thomas Hirschhorn / „Collage Truth“ / Galerie Susanna Kulli Zürich vom 12. Januar bis 25. Februar 2013 und ist im Buch „Critical Laboratory. The Writings of Thomas Hirschhorn“, MIT/October Books, Cambridge, Mass. (USA) 2013 enthalten.

 

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I think to make art is to make a break. And to make a cut. There’s a cut in the continuity of being, in the continuity of survival https://whtsnxt.net/043 Thu, 12 Sep 2013 12:42:38 +0000 http://whtsnxt.net/i-think-to-make-art-is-to-make-a-break-and-to-make-a-cut-theres-a-cut-in-the-continuity-of-being-in-the-continuity-of-survival/ CH/MH: Is there an artwork that had a lasting effect on you?
MD: The work of Samuel Beckett. I mean the importance it had for me and for the particular historic moment of the end of the twentieth century. I think he is the one who went the furthest in a certain way. There are various reasons for this, and I think one of them has to do with an enormous will to reduction. What Beckett did was to create an infinitely shrinkable world. There is never little enough. You can always take away more.
Take the “Three Novels: Molloy, Malone Dies, the Unnamable”. In the beginning, there is some sort of plot. Some sort of characters. In the second novel you have Malone, who is dying alone in his room and who invents stories as he is waiting for death. The space has shrunk, there is no more travel. And then you have the third novel, where you don’t even have this. You don’t even have a space, you don’t even have a character, you just have a voice. A voice, which just rambles on and continues, and it doesn’t matter what it says in the end. It’s just a sheer thrust of perseverance, of persistence, which carries the whole thing. So just persist. You have to go on. And you know how this ends, it ends in the most beautiful way: “I must go on. I can’t go on. I will go on“.
I think this is incredible literature, I don’t think literature has ever gone this far this radically. This is just so completely reduced. A bare minimum. And extremely powerful.

So what is art actually?

I think to make art is to make a break. And to make a cut. This would be the simplest way of answering your question.
But there are different ways of answering. One of them would go to Freud’s theory. I think what Freud conceives as drive, ‘der Trieb’, actually has to do with the transition between something natural and a creation of a separate space, and that everything he describes as the specificity of culture actually has to do with the structure of the drive. The drive is as if it were swording. Swording of a natural hang. It gets sworded towards a different sort of end.
I speak about a sort of natural need, but which in the process of its satisfaction actually gets sworded. It produces something else than merely the satisfaction of a natural need. If you look at the way Freud describes culture in the “Unbehagen in der Kultur“, he defines culture using a list.
And the first point would be the question of tools. We’re getting more and more tools in order to be the masters of nature, so that we can do all the magic things, we can look at far away distances through the telescope, we can see the invisibles in the microscope, we can talk through distance with the telephone, we can do absolutely magical things. And Freud uses the wonderful word, he says: “Der Mensch ist ein Prothesengott“. So he’s a god with prostheses. You just need some prostheses and you are god. So, you have these extensions of the body. And what actually the drive to master nature produces at the same time – something more than the simple mastering of nature – it produces prostheses, a sort of ‘in between space’, a space which elongates your body, prolongs your body into the world. The airy space between the inner and the outer is libidinally invested.

Do you have any idea of what good art is? Which art do you regard as good?
Well, this is not a subjective question. There is a strong tendency to bring art to the question of taste. And the question of taste is kind of dangerous because it always goes down to the question of narcissism. There is something profoundly narcissistic in the judgement of preference. ‘I prefer this, I drew connaissances, I prefer the late Beethoven quartets against symphonies.’ The difference which means difference as such and which means that you are distinguished and that you can distinguish yourself from the common lot of people by being the man of refined taste, to see all these differences that the others don’t see.
I have this conception of art, which is that art has to do with universality and infinity. It introduces something into the continuity of being, into the continuity of our survival. A break. Which is a universal break. A break to universality. It can speak universal. What is important in art is not a question whether it is an expression of a certain individual or whether it is an expression of a certain ethnic group or nation or of a certain age.
I think that the break is such that it turns the universal into particularities. But the problem is, how to do this within your subjective means, which are at your disposal, within the nation to which you belong, or language, or culture, within a particular type of civilisation, within this historic moment – which are all very finite things. How to produce universality and infinity out of this? And this I think is the moment of art. And this is not a production of spirit, this is a material production of the break. And I very much like this saying, which is on T-shirts like: “Art is a dirty business, but somebody has got to do it“. You have to get your hands dirty. This is a very material thing. You produce the idea with the material. With the material, with the matter, it has always been the sensual that one works with in art. And trying to immediately get to universality or the infinity of a beyond, an idea, the sublime or whatever – this is, I think, a big mistake. You cannot do this. You just have to produce it the hard way. But it depends on being able to produce a break.
And from there it has to be judged. I don’t think it can be judged from the question of taste, it’s not just a question of whether I like it or not. It has the power to produce universality. It creates a potential virtual audience, which goes far beyond this. And I think the awareness that is going beyond this, beyond my particular taste and reaction, is what makes good art.

Is art a benefit for society? Why does there have to be someone who does this dirty job?
Well, I think that in the question with which I started, the question of drawing a line, making a cut in the continuity of our animal or social being, of our finite being, that this is what defines humanity. I’m not saying that art is the only way to do this. I think thought is something which does this also, it breaks with the conditions of its own production. A sort of firm practitioner philosophy. I think philosophy similarly, but also very differently makes a perceptional break in the continuity of particular received ways of thinking.
We have one of the definitions of men, like homo sapiens as the thinking animal, but the trouble is that thought is very rare. It’s not that men think all the time, it happens very rarely. There are very few occasions when thought happens and when it does, it seriously changes the very parameters of the ways you conceive the world, yourself, whatever. There’s a handful of thinkers. This is a strange thing in the history of philosophy, there’s only a handful of thinkers with which we have to deal continually. But I don’t think – this is important – that thought is some sort of prerogative of philosophy, that philosophers are very special because they have this specialisation in thought. I don’t think that at all. I think thought can happen anywhere. In silence and …

Does it also happen in art?
Oh yes. It does most definitely. It has a different way and the question of art working with sensual, sensuous material means is very important, it’s a materialised thought. It’s the thought which works within the matter and shapes the matter. It is attached to matter. This is very important, the materiality of thought. And I think it does actually happen in a number of areas of human endeavour. And art is one of the most reflected.

Which are the others?
Do you know the work of Alain Badiou? He has made a list of four truth procedures, four areas where truth emerges.
These are: Science, completely constructed science like mathematics. It doesn’t refer to anything in the world. You just create your own entities, pure entities. Then: Poetry and art as such. Then politics. Politics not of opinions but politics of truth. I mean there’s an opposition. Democracy basically is a democracy of opinions. Anybody is free to hold any kind of opinion and then you count the votes. This is not a politics of truth. There is a sort of truth at stake in politics, which has to do with justice and equality and all kinds of things, but it has to do with an idea. And then there is the question of love, which is the emergence of a truth event somehow. A subjective truth event.
Badiou lists the four areas as the areas in which this break happens. And I don’t know if this list is the best or conclusive in some sense. Maybe this list is too neat in some way. I think things are messier in life. In many everyday situations, which actually suddenly end quite unexpectedly, people show an inventive creativity and do something very unexpected. And actually change the parameters of the situation and their own lives and the lives of others. I would leave this field open.

I just had this spontaneous thought if humour might be one of those areas, too?

Well, humour is one of the … Yes, you have an old suggestion which goes back to Aristotle, that man is a laughing animal. You have the various proposals of definitions of men, one is the thinking animal and one is the tool-making animal, which goes back to Benjamin Franklin. Marx takes this up that one defines man as a tool. And then you have Aristotle’s suggestion: Man is a laughing animal. So the only animal that can laugh – to laugh at what? To laugh, precisely, at being able to produce a certain break. The break in meaning. One way of describing this where I started – to make a break, to make a cut – is also to make a break in meaning in order to produce sense, if I may use this Deleuzian opposition between meaning and sense. And sense is the sort of unexpected thing which emerges. In order to produce this you have to cut down the usual expectation of meaning. The very horizon of meaning in which you move, in which you live your life. And this is the capacity of art.
Well, as far as humour is concerned, I would just point out that there’s a question of humour and there’s a question of ‘Witz’. Freud has written a book on ‘Witz’ and a different paper on humour and he says that those things are absolutely not to be confused. Additionally, there’s a question of comedy and there’s a question of irony. So we have four different things, which are not the same. We may laugh as a result, but there is laughter and laughter. Laughter itself does not have to be subversive. It can also be very conservative.

Who becomes an artist? What is it that makes people become artists?
I don’t think there’s a rule. There’s the capacity. The break making capacity. The way that we relate to ourselves is always conditioned by a break; This is a question of redoubling. Culture is a question of redoubling: it redoubles the normal life. It redoubles into something else.

But still there are some people who don’t become artists or intellectuals.

No no, of course. I think the capacity is there. But that is a capacity which defines humanity. And … how the hell do you become an artist? What particular things have to come together? I think what makes the greatness of art is precisely its singularity. Which means that if you could establish this rule, art would stop to be art.

But couldn’t it be that there is some reason why people start to make art? Robert Pfaller once suggested that artists might have some traumatic experience that they – all their lives – try to handle by making art.
Don’t we all have to handle some sort of traumatic experience? It’s very hard to say. I mean the question has been asked many times, so you have art schools which can precisely teach you everything except your sensuality.

Yeah, but art school starts at a moment where you already decided to go to art school. Who is likely to go to art school? So there are two aspects of this question. The one is: How do you become a good artist? The other question – which actually interests me – is: Why does someone want to become an artist? No matter if good or bad, if successful or not: what makes a person take up this way?
If you want to become an artist, what do you want to become? If I take some of the greatest musicians of all times, like Bach and Mozart or Haydn. You can see what? Who was Haydn? He was hired by the Esterhazy family as a craftsman. I mean, did he want to become an artist? I don’t think he ever thought of himself in that way actually. He was a paid craftsman. And if you look at Mozart, all the time he was trying to get hired by some court or something. If you look at Bach, who was employed by the church in Leipzig to produce a piece of music for mass every week.
It was not a question of genius or inspiration. You were hired. Because this was another craft and I don’t think anybody would look at themselves this way today. If you want to become an artist you don’t want to become a craftsman. You see yourself as a person with a special vocation, which goes beyond usual vocations.

Let’s stick to today’s understanding of art: Do you think artists are narcissistic?
The question of art and narcissism … I would say that on the one hand it’s profoundly narcissistic. It’s usually linked with a project of profound narcissism. But I don’t think that this is what makes art. As I said before: art is not expression. It’s not an expression of yourself. People may want to do it for that reason, to express themselves, but what makes the break and what makes the universal appeal, the claim of art, is not a question of whether they express themselves well or not. It’s just not the question by which art is ever judged. So on the one hand I’m sure that the motivation for doing this is in most cases narcissistic.

Did I understand you right when you said art is not an expression – could you say art is one of the ‘Prothesen’?

Yes. Oh yes.

I really like this picture.

The ‘Prothesengott’? Yes. But, well, Freud uses this in the context of technology and tool-making.

I have the feeling that it’s very good, maybe not only for tools.
Yes. It’s a good thing. It’s not just a question of tool. A tool is never a tool. It’s a libidinally invested extension of the body.

So you could also say art is a libidinal extension of yourself. Of the body.

Well, it has something to do with the libidinal extension. The way Freud introduces it, it has more to do with technology than with art. But I think it’s nevertheless a useful metaphor, also to think about art.

Could you also call it ‘object a’? Art as an extension towards ‘object a’?
Yes, of course. I didn’t want to use the heavily technical Lacanian language for this. I mean this could be described in another language, but what Lacan calls ‘objet a’ is precisely the transition object. The object of transition between the interior and exterior, neither falls into interior nor the external world out there; the objective world. I mean it’s neither subjective nor objective. In this sense it’s always in this zone of indeterminacy, in the zone, which is opened in between. And which is the zone of ‘Prothesen’ if you want, I mean the Prothesen always fill the zone: you put something between subjects and objects. You extend your body into the world, but the world extends into you.

Would you agree that artists and philosophers share similarities in the realities they live in?

Yes. I think there’s a lot of common ground. The tools with which they work are different, but I think they work on a common ground and that they can’t be clearly delineated. One way of differentiation – which I particularly dislike – is to say that artists have the passions and the feelings and they work with this and philosophers have the reason and understanding and they work with this. I don’t think this opposition is worth anything. It never works this way. I think that any human activity has both: indiscriminately has passion and reason inscribed into it.
If you look at the history of philosophy – look at Plato, look at Spinoza, look at St. Augustin, look at Hegel, Marx, Kant, Wittgenstein – there is a huge passion. This is terrible passion you have in this. They are passion-driven. These are not works of intellect. This is a completely wrong and common conception of philosophy that they just rationalise with some concepts. If it doesn’t involve the passionate attachment and the passionate involvement, then it’s not philosophy. There is very, very serious passion at work in this. And at the opposite end I think there is very, very precise thinking involved in art. If not it’s just no good art.

We were talking about passion and reason – do you think artists or philosophers can have a family? Do you think it can be organised to do such an ambitious or passionate work and to have love for people?

I think on the general level I don’t see why it should be exclusive. But this is not a question which concerns only art. I think it’s a question which concerns any sort of passionate attachment to your profession. I mean it could be a lawyer, a politician, a scientist, all kinds of things. It can be sport. It can be all kinds of things and it does produce problems, very practical problems, how the hell you deal with your family, with your love, with your private life. I think it very much depends on what kind of person you are. There are people who would somehow erase this and there are people who would always find ways, no matter how. They can work twenty hours a day but they will nevertheless find a way to have a private life.

And what can you tell me about passion? Where does it come from and what can you do to prevent its disappearance?

To prevent its disappearance?

Is there anything that can be done?
Have you ever read Ovid? “Remedia Amoris“, the remedies against love. The question that he asks is the opposite. Not how to keep the passion going but how to help from prevent it happening.
You can see through this a thousand years of antiquity: It’s not the problem how to keep your passion alive. It’s a problem of detachment. “Remedia Amoris“ are rather humorous. Ovid’s advice is: don’t go for it. Keep your mind, otherwise you go crazy. Passion is folly. This is a bad thing for you. It would completely ruin your life. So you have a history of passions. this is a stage of antiquity and then you have a certain stage of Christianity which again is very differentiated in itself. I mean the passion is the passion of Christ. So the passion worth having is the passion in this other sense. There is a passion worth having and which is this suffering you must undergo in order to be a worthy person, to be worthy of redemption. So this underscores, this gives the word passion a very different meaning. It comes from ‘patior’, ‘passus’, which means suffering. Like ‘Leidenschaft’ comes from ‘leiden’.
If I put it in this very, very reduced, simplistic way, the question of passion, which drives you, the question of passionate love is a question of romantic love, a certain conception of romantic love, which we deal with.

It’s a very interesting point that you made about the difference between trying to get rid of it or trying to keep it alive. You said before philosophy is always passionate, driven, so in this way it’s actually necessary to keep it. I didn’t only mean passion in private life, but also as an activating thing like in your work.
Yes, there has to be a passion which drives this. There’s an interesting passage in Helvetius. Helvetius, he was an enlightenment French philosopher and he has written this book ‘De l’esprit’ in 1759 and the book was actually burnt at that time and banned. He has a passage there which I always found terribly funny, he says: “Why are passionate people more intelligent than others?“ And he completely overturns this at either having intelligence – and then you can control your passions – or if you let the passions have the upper hand, then you lose your head. He puts these two together and he says: People never use their intelligence. I mean unless you are driven by a serious passion you won’t use the capacity for intelligence. It’s only the passionate people who are intelligent. Otherwise people are lazy. Come on, why use your head? You can always get along somehow. So, it’s only the passion, which actually drives you to use your reason. And this is just a funny way of putting it that you can’t see the two as being on opposed sides.

Do you have an influence on it, can you do something to keep it or to feed it?
I think passion is what drives you, drives you towards something. And it’s not that passion as such is enough. It’s not that it just drives you and you let yourself be driven. It actually demands a hell of a lot if you want to pursue this passion! It demands that you put something at stake, to risk.
To risk the usual ways of your life, the ‘bequemes Leben’, if you are lucky enough to have a comfortable social position. You have reduced yourself to the question of biological and social survival within a certain slot. And this is where the question of break comes in. The passion is what makes a break. But the break, it conditions, it demands a hell of a lot of ‘Anstrengung’ and you have to put things at risk. Sometimes drastically at risk. You risk everything for the question of passion, to pursue your passion.
What Freud names ‘Todestrieb’ (death drive) in “Jenseits des Lustprinzips“ (“Beyond the Pleasure Principle“) is too much of life. There’s too much of life, more than you can bear. So this is the excessive moment which derails the usual course of things and in order to pursue this it takes a lot of courage or persistence, perseverance. I think most people give up at a certain point. There are many ways of giving up, also as an artist. One way of giving up is to somehow be content with your role or to … ‘übereinstimmen’. So that you consent to being that role. And this is a socially assigned role which can bring glories, which can bring awards. If it started with a break – the break starts functioning as the institution of the break. The break itself gets institutionalised and highly valued.

It has a place then.

Yes, it has a place then. Freud has this wonderful phrase “people ruined by their own success“. It’s a wonderful phrase. And I think that in art many people are ruined by their own success. Precisely by succeeding in what they wanted to do and then they fit into this. They have made an institution of themselves and somehow started to believe that they are this. You have this wonderful phrase in Lacan: who is a madman? It’s not just an ordinary person who thinks that he’s a king. The definition of madman is a king who thinks that he’s a king. And you have this madness among artists who believe that they are artists. This is psychosis in a certain sense if you really think that you are what you are. You really think that you are an artist. This is the end of art, I think.

You were saying that one has to be courageous to proceed with passionate work. I have the feeling that there is another big thing, besides from missing courage, which might be a cushion for passion: The desire for containment, for feeling secure. I don’t know the best translation, I mean ‘Geborgenheit’.

Geborgenheit?

Yeah. You know Geborgenheit? Feeling secure.
Security, yes. Sicherheit.

A warm feeling.

Feeling at home. Is there a good way to feel at home? I don’t know. I think there’s always an ideological trap in this. What you mostly feel at home with is always ideology because it offers a sort of security. I mean security in the sense of providing a certain status within which you can dwell. And also security of meaning, which means it provides you with: “what does it all mean?”. ‘We live in parliamentary democracy, we’re a free society, in the era of progress and prosperity’, etc. I mean the worlds which somehow fulfil a certain horizon of meaning which situates you within a certain social moment and social structure, within a certain type of social relations. And this is always ideology, ideology is what makes this run. And I think that the break that we are talking about – the break with meaning or the break with the continuity of things – it could be described as a break with ideology. Art and ideology are at opposite ends. Art always makes a break, a cut into the ideological continuing of what you most feel at home with. I mean which is entrusted upon you. And this is not to say that art is not ideology, it can easily be turned into ideology.

At that point when you feel content.

Yes. When you feel content in your role. One could make a certain opposition between art and culture. I think culture is a sort of domestication of art. You have canonical artworks, which you are taught, at school. And it’s a question of what comes into the canon and is it a good thing to have a canon or how to include, exclude works. Of course you always have a canon. There’s no escaping this, but at the same time you have to understand that culture is always a domestification of what is dangerous or excessive in art. It domesticates things by giving them a sort of proper place and value. You can say: ‘Well, Shakespeare is the greatest dramatist of all time.’ I mean it’s quite true, but it’s also a very forced statement to somehow domesticate Shakespeare’s work.

It ends their quality of being a break by giving them a place.

Yeah. Giving them a certain continuity.

I have the feeling it’s a regressive desire.
For home?

Yeah. Isn’t it?
Yes. Ultimately yes. I think that being at home means being in the ideology and being in the meaning and having some sort of meaning secured. And I think that creating home as a way of being with yourself – or being with another person – is precisely to try to deal with the unhomely element of it. To keep the unhomely element of it alive. I think that love is keeping the non-homely element alive. It’s not to finally ‘go home’ with someone, but actually to keep this thing in the air. Keep this thing in the air. And comedy is precisely – to keep the ball in the air. Keep the ball in the air, I mean constantly.

So then I can come to my last question: How can one become happy in life?
(laughing): It beats me!

So this is why I kept it till the end. Is there a good strategy?
Ah, god knows!

Conny Habbel met Mladen Dolar on June 5, 2009 in Ljubljana.

Wiederabdruck
Dieses Interview erschien zuerst im Onlinemagazin „WIE GEHT KUNST?“ (www.wiegehtkunst.com) der Künstlerinnen Conny Habbel und Marlene Haderer.

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