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But let’s forget the bad 75 percent and look at the rest of what’s here, because, once you get beyond the claptrap, Documenta 13 comes tantalizingly close to realizing one of its enticing goals: rethinking how we define art altogether, opening it up exponentially. Indeed, here and there, in glimpses, we get what I call Post Art. And it hums with promise.
Documenta’s American-born artistic director, Carolyn Christov-Bakargiev, doesn’t even use the word “artist,“ preferring “participant“ instead. She says, “I am not sure that the field of art will continue to exist in the 21st century“ – not meaning art itself, mind you, but our tidy roping-off of the field. To Joseph Beuys’s famous dictum “Everyone is an artist,“ Christov-Bakargiev adds, “So is any thing.“ The best parts of Documenta 13 bring us into close contact with this illusive entity of Post Art – things that aren’t artworks so much as they are about the drive to make things that, like art, embed imagination in material and grasp that creativity is a cosmic force. It’s an idea I love. (As I’ve written before, everything that’s made, if you look at it in certain ways, already is or can be art.) Things that couldn’t be fitted into old categories embody powerfully creative forms, capable of carrying meaning and making change. Post Art doesn’t see art as medicine, relief, or religion; Post Art doesn’t even see art as separate from living. A chemist or a general may be making Post Art every day at the office. One of the exhibitors at Documenta is the civil engineer Konrad Zuse, creator in the thirties of an early electromagnetic computer. His abstract paintings look like Feininger knockoffs, but they’re as much of an invention as Zuse’s “mechanical brain“ was.
In some cases, Post Art takes the form of artifacts that achieve a greater density and intensity of meaning than that word usually implies. At Documenta, there’s a chunk of a London building bombed in the Blitz that the British, in retaliation, dropped on Germany: It’s laced not only with history but also with revenge, pain, fury, incredulity, paradox. An insane-looking one-man-band instrument made by painter Llyn Foulkes is a Disneyish contraption that hits you with the sheer need for something to exist that otherwise doesn’t. I was shaken to the core by the formal and emotional pathos in Jérôme Bel’s “dance” involving people with Down syndrome who simply stood onstage, danced for two minutes, then spoke about their perceptions of us watching them. A fourth wall shattered here into a fifth dimension. Tino Sehgal outdoes himself in a darkened ballroom with chanting, singing, dancing, noisemaking performers, who let you lose the contours of your body and lead you into ecstatic dancing (internal or literal; it’s up to you). And Song Dong’s mini-mountain in the park is just a grassy knoll of garbage, garnished with neon Chinese characters. Yet it made the landscape speak to me, essentially spelling out my own personal motto (a loose paraphrase of Satchel Paige’s): “You win some. You lose some. Some get rained out. But you got to suit up for every one.”
If anything here will put you in a mind to give up on definitions, though, it’s Pierre Huyghe’s craterlike ruins patrolled by two dogs at the far end of the park. The lone object in the piece is a large classical recumbent nude, cast in concrete, with a huge functioning beehive on her face. This is a place of no-narrative, an incubation chamber of new orders. It is an almost metaphysical embodiment suggesting that even with its tremendous flaws, Documenta allows us all to feel a stake in this thing called art, and sense that Post Art is on the immediate horizon, approaching fast.
Wiederabdruck
Dieser Text erschien zuerst in New York Magazine / vulture.com 16.6.2012,
http://www.vulture.com/2012/06/documenta-13-review.html [30.7.2013].
Katastrophen brechen als Ereignisse herein. Zugleich werden sie medienpolitisch interpretiert, ausgebeutet, gefürchtet, hergestellt oder geleugnet. Vom Standpunkt der Katastrophensoziologie sind es immer „entsetzliche soziale Prozesse“ (Lars Clausen), die in Folge eine Katastrophe in Erscheinung treten. Sie bringt auch eine Zerstörung von Kapitalien mit sich – Kapitalsorten im Sinne Pierre Bourdieus. Die diskursiven Interpretation von Zerstörungen beziehen sich mehrheitlich auf hominide Gesellschaften und ihre Kulturinszenierungen. Das Leidensausmaß von Tieren und Biotopen im Angesicht von (Menschen hergestellten) Katastrophen spielt in den Menscheninterpretationen eine untergeordnete Rolle. Dem Universum hingegen ist eine (Selbst)Zerstörung des Planeten egal. Der Kosmos regeneriert sich durch Katastrophen.
Unsere Tassen und Geschichten
Menschen sind einerseits katastrophile Wesen. Sie entwerfen Technologien, die in jedem Fall zur Katastrophe führen können, zum Technikunfall (Paul Virilio). Sie haben vor allem Angst vor dem Tod, vor ihrem Verschwinden und überhaupt vor dem Unsichtbaren. Menschen sind paradoxe Egowürmer, die das (Todes)Risiko immer wieder herausfordern und andererseits ihre Todesangst nicht bändigen können. Menschen definieren sich über Besitz von Zugehörigkeit und Überzeugungen, sie hängen an ihrem Inventar und an ihren (Stammes)Geschichten. Im Falle von Kriegen, die auch nichts anderes als logistisch manövrierte Technikkatastrophen sind, oder im Fall von Naturkatastrophen, wie Wirbelstürme, Schlammlawinen, Tsunamis, geht Inventar zu Bruch, Ordnungen werden vernichtet, Stammbäume ausgelöscht und Geschichte(n) neu geschrieben. Das Klammern des Menschen an seine Tassen, Urkunden, Geschichten und Stammbäume hat damit zu tun, dass der Mensch „Sinn“ durch Narration produziert. Die Erzähl- und Erinnerungsdimension von menschlichen Gemeinschaften ist für ihr Überleben ausschlaggebend und wird in der Kulturphilosophie als „kulturelles Gedächtnis“ (Jan Assmann) bezeichnet.
Bereits aus dieser kurzen Einleitung wird ersichtlich, dass es keine stabilen Gefüge, nach denen sich der Mensch aufgrund seiner daseinsbedingten Todesangst permanent sehnt, geben kann. Wir Menschen sind generell Einwohner von Krisenräumen und vernichten immer wieder unsere Krisenräume, weil wir dem Traum von ewiger Sicherheit, Stabilität und Sorglosigkeit (sans souci) gewaltsam erlegen sind. Die Kulturkatastrophe ist gewiss.
Krise ist der Normalzustand von Räumen und Systemen. Das Dasein in der Krise setzt eine Kulturtechnik der Transformation voraus, sogenannte Krisenökonomien. Ich persönlich habe solche Krisenökonomien in Japan, vor allem im Budo-, kennen gelernt. Mit der Krise als Normalzustand zu leben, schließt eine Lebenshaltung des Verlusts und des Verzichts, der Unterbrechung und der Umkehrung mit ein.
Heutzutage will die Mehrheit der Menschen nicht verzichten, sie will einfach mehr haben und/oder das was sie hat, behalten. Diese Tatsache beschreiben auch Hardt und Negri in „Die neue Weltordnung“: mehr Haben wird mehrheitlich mit besserem Leben gleichgesetzt und ist nicht zuletzt die Grundmotivation für Auswanderungen im globalen Stil. Der Aikidō hingegen lehrt beides: das Gewinnen und das Verlieren, das Empfangen und das Loslassen, das Verlangen und das Verzichten. In unseren postneoliberalen Gesellschaftsgetrieben gibt es bis auf weiteres keine Anleitungen, die den Gewinn von Verlust und Verzicht hervorheben. Dort, wo Konsumkraft eine Lebensgrundlage für Werteinszenierungen und Selbstdesign ist, wird das freiwillige Verzichten als Aussteigergeste entwertet. Oder als Trend ökonomisiert.
Rituale der Krise
Anthropologisch und ethnografisch gesehen existieren natürlich weltweit Rituale, in deren Zentrum der Erhalt des Gleichgewichts, der Krise steht. Peter Sloterdijk hat in seinem jüngsten Buch „Du musst Dein Leben ändern“ die Anthropotechniken wieder in das Zentrum des Diskurses gerückt. In Anbetracht von „Protestantischer Ethik“ (Max Weber), „Kapitalismus als Religion“ (Walter Benjamin), „Semiokapitalismus“ (Franco Berardi) usw., sind Religionen Disziplinarsysteme, die zur Verbesserung psychopolitischer Ökonomien beitragen. Die Geschichte ist voll von Beispielen.
„Emergency Design“ hingegen thematisiert Beispiele von Anthropotechniken und Übungssystemen, die mit der Ressource der Krise operieren, um die Schäden von Kulturkatastrophen zu reparieren.
Aikidō als Beispiel für eine Krisenökonomie
Im Nachkriegsjapan und seiner Kapitulation im pazifischen Raum begründete Morihei Ueshiba 1948 den Aikidō. Aikidō gilt als die jüngste der traditionellen japanischen Kampfkünste. Einerseits auf den Gesetzen der Gorin no sho basierend, andererseits auf den vier Eigenschaften der Natur unserer Welt, handelt es sich hier um eine Kampfkunst, die das Kämpfen um des Siegens willen ablehnt. Wie ist das zu verstehen? Und warum ist das im Kontext von Emergency Design relevant?
Ueshiba begründet seinen Aikidō als Weg der Integration energetischer Systeme. Die im Vollzug des Aikidō (unsichtbar) erscheinende Emergenz wird als Kime bezeichnet. Kime basiert auf den inneren Prinzipien der physischen Gleichgewichtsmitte und den äußeren Bewegungsgesetzen des Ausweichens nach innen und außen. Außerdem auf den moralischen Grundlagen der Askese und Bescheidenheit, die in den Dōjōkun niedergeschrieben sind.
Der Hauptgrundsatz des Aikidō liegt im Zulassen (der Krise) und nicht im Machen. Also in der Integration und nicht in der Exklusion. Die im Vollzug des Aikidō erscheinende innere Haltung kann mit einer situativen Behausung in der Bewegung verglichen werden. Ein kooperatives Dasein inmitten der Krise, das auf der Basis der Integration des (unsichtbaren) Anderen, nicht seiner Exklusion geschieht. Das ist das Innovative der Krisen-Strategien im Aikidō, aber auch das Paradoxe.
Der Raum als Krisenraum
Nach den Kampfkünsten lautet das Raumgesetz (oder Behausungsgesetz): Dort wo ein Zentrum ist, erwächst situativ ein Raum. Der Raum ist in der japanischen Kultur generell ein Krisenraum, ein performativer Raum, der in sich die Gefahr des unerwarteten Umbruchs trägt. Die Insel ist nicht erst seit neuestem extremen klimatischen Bedingungen und Wetterkatastrophen ausgesetzt. Von Tsunamis und Hurrikans zeugen bereits die Tuschezeichnungen alter Meister. Das erhöhte Risiko für urbane und psychische Lebensräume ist in Japan normal. Architektur und Infrastruktur zeugen von einem permanenten Abbruch und Wiederaufbau. Und nicht nur das. Da der Raum in der japanischen Kultur ein lebendiger Raum, ein Krisenraum ist, manifestiert er sich nicht in Behältern, sondern in Ritualen. Wir finden hier eine Verkehrung der für unsere Wahrnehmung geläufigen Relation zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Sicher ist nicht das, was in Befestigungsanlagen, Bunkern und in Kontrollen sicher gemacht wird. Sicher ist, was von innen her gesichert ist. Gemeint ist eine Sicherheit, die an den Habitus von Katas, von Bewegungsdisziplinen und an eine Grammatik innerer Stabilisatoren gebunden ist.
Krise als Ressource des Emergency Design
„Lebensräume sind Krisenräume“ – das ist ein Plädoyer für die Inkonsistenz und Unsicherheit von Räumen, Historien, Gesetzen und Werten wie auch eine Forderung, neue raumstrategische, wissensstrategische und designstrategische Kompetenzen zu entwickeln. Pierre Bourdieu beschreibt den sozialen Raum als relationale Anordnung von Menschen und Menschengruppen im permanenten Verteilungskampf. Damit stellt er auch fest, dass der Raum sich nicht nur durch Verfügungsmöglichkeiten über ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital konstituiert, sondern eben auch durch Aushandlungen von Raummächten.
Emergency Design ist ein Prinzip der Wiederherstellung des irritationsoffenen Raums, des offenen Systems der Krise innerhalb von axiomatisierten und monopolisierten Räumen. Die Krise als immer wiederkehrendes Stadium von Raumproduktion versus Raumvernichtung öffnet uns ein nie da gewesenes Aktionsspektrum. Im Kulminationsgelenk der Krise sind alle Wege möglich.
So ist es auch denkbar, dass Krisenprozesse Panik und Hysterie verursachen, die zielsicher in Katastrophenszenarien münden, weil im Kulminationsgelenk der Krise mit Allem zu rechnen ist. Die Krise ist ihrer Natur nach unzurechnungsfähig und ohne Zweifel ein Kapitulationsgrund für Kontrollmechanismen, Steuermänner und Manager. Welche Art von Kompetenz fordert dieser metastabile Raum dann von uns ein? Rückzug? Hospitalisierung? Angriff? Abschiebung? Genau hier beginnen die konkreten Antworten von Emergency Designs.
Aikidō: Den Krisenraum wiederherstellen
Emergency Designs sind identisch mit den Erzeugungen krisenbasierter Szenarien, Laboratorien neuer urbaner Ordnung und Einwohnung, inmitten eines global mediatisierten Katastrophenparks und Kapitalmarktes. Wieso jene Emergency Designs ein raumdynamisches Lösungsmodell sein können, lässt sich für mich am besten mit einem Rückgriff auf die Begriffe des Aikidō erklären. Denn Aikidō involviert in ein Bewegungssystem, das die Botschaft der Krise offenbart. Angreifer und Verteidiger, beide haben hier die Chance, die Botschaft dieses Prinzips anzunehmen. Was bedeuten würde, sich als Partner im Dienste eines entsubjektivierten Austausch-Prinzips gegenüberzustehen.
Sich gemeinsam im Kulminationsgelenk einer Krise wieder zu finden, das heißt, sich gemeinsam im Grundprinzip des Raumes wieder zu finden: in der Krise. Obwohl dies zunächst wie eine Patt-Situation für alle Beteiligten aussieht, enthält genau diese Situation Potenzial für die Idee der Kommunikation. Eine Ablehnung des Hauptgrundsatzes vom Aikidō, der Synchronisation von energetischen Systemen, somit von Informationen, wird einen Angreifer wie auch einen Verteidiger immer wieder zu Fall bringen, ohne dass er einen Schritt weiter kommt.
Die Fronten aufheben
Aikidō ist die Bewegung, in das „Auge des Taifuns“ zu gehen, in das Zentrum der Krise. Auf der Matte heißt diese Bewegung irimi. Hier manifestiert sich exemplarisch eine vollkommen andere Grundhaltung der Krisenbewältigung. Ganz im Gegensatz zum Scheitern als Versagensurteil, gilt es im Aikidō als Gewinn. Der Gewinn für den Verteidiger liegt dort, wo er von der Angriffsenergie profitiert, anstatt sie zu vernichten. Der Gewinn für den Angreifer liegt darin, dass er mit der Bewegung des Verteidigers synchronisiert und hierbei in den Lernprozess der Entgrenzung fixierter Konzepte eindringt. Spätestens hier hebt sich ein klassisches Frontenszenario auf und wird unnütz.
Im Gegensatz zu einer westlichen Grundauffassung des Kampfes und des Krisenmanagements geht es hier eben nicht um Liquidierung des Feindes, Beschlagnahmung seiner Verteidigungseinheiten und um Kolonialisierung von Ressourcen, sondern um die Unterbrechung und Transformation des Aktionsdesigns der Angst und Paranoia.
Post Scriptum
Heilung kommt von der Bereitschaft, sich zu zeigen und sich zu verletzten. Maximales Risiko und Unsicherheit unterwandern käufliche Sicherheitsarchitekturen. – Gerade habe ich den Artikel „Freiheit und Sitte. Aspekte der Naturkatastrophe in Japan“ von Florian Coulmas im aktuellen Lettre (LI 93/2011) gelesen. Da kommt mir die Gänsehaut, wie gut doch ein Franzose die Japaner in ihren Katastrophensitten erfühlt hat. Morihei Ueshiba hat den Aikidō nach der Kapitulation Japans im Pazifik und den Atombombenabwürfen ins Leben gerufen. Aikidō ist die Kulturtechnik, inmitten der Katastrophe bei Bewusstsein zu bleiben. Genau darum geht es. Gegenwärtigkeit! Ohne Versicherungsgesellschaften und Egothrill.
Glossar:
Aikidō: ist eine defensive moderne japanische Kampfkunst, die dem System des Budō zugeordnet wird. Aikidō wurde 1948 von Ueshiba Morihei begründet und aus den traditionellen Kampfstilen Aikijutsu (die alte klassische Form), Kenjutsu und Sojutsu entwickelt. Die Methode (dō) des Aikidō orientiert, ganz im Gegensatz zu traditionellen Kampfkunststilen, auf Entwicklung von Energie durch Sanftheit und Harmonie (aiki) sowie auf die Umkehr der Angriffsenergie in kreisförmigen Bewegungen.
Kime: bezeichnet das Zusammenwirken der körperlichen und geistigen Kraft in einer Handlung. Kime ist nicht mit den im Budō erworbenen technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verwechseln, die in diesem Fall Waza heißen. Kime ist der äußere Ausdruck der in einer Übung erreichten inneren Ki-Kontrolle und hat seinen Ursprung in einer inneren Verfassung, die man Aiki nennt (s.o.).
Gorin no sho: ist der japanische Titel des zwischen 1643 und 1645 von Miyamoto Musashi verfassten Buches, seines Hauptwerks (auf deutsch: „Das Buch der fünf Ringe“).
Do-jo: ist der Ort, an dem die Wegkünste geübt werden. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Buddhismus, wo er einen Ort der Selbstfindung und Meditation bezeichnet.
Dōjōkun: sind die Etikette und Regeln des Dōjo, die den Budō-Geist trainieren, das heißt die innere Haltung.
Tenkan: ist eine Aikidō -Technik, kreisförmige Ausweichweichbewegung nach Außen.
Irimi: ist eine Aikidō-Technik, Eintauchbewegung in den Gegner hinein.
Kata: ist die Form oder Gestalt einer Bewegungsabfolge.
Budō: ist der Überbegriff für die traditionellen japanischen Kampfkunstmethoden, die sich unter dem ethischen Aspekt des Weges (dō) aus den Techniken des Kriegers (bujutsu) entwickelt haben.
Wiederabdruck
Bearbeitete und erweiterte Fassung eines zuerst am 10. Juni 2011 in der Berliner Gazette erschienen Textes unter:
http://berlinergazette.de/emergency-design-krise-aikido-reparatur/ [5.3.2013].
In the Netherlands, every square meter of ground is a man-made landscape: original nature is nowhere to be found. The Oostvaardersplassen – which make up one of the Netherlands’ most important nature reserves – were, after the land was reclaimed, originally an industrial site; they were only turned into a nature reserve later. Even the ‘Green Heart’ at the centre of the most densely populated part of Netherlands is in actual fact a medieval industrial area, which was originally reclaimed for turf-cutting. Our ‘nature reserves’ are thus in fact ‘culture reserves’ shaped by human activity. “God created the world, with the exception of the Netherlands. That the Dutch created themselves”, as Voltaire put it in the eighteenth century. And ever since, we have been doing everything we can to live up to his pronouncement. Today, we even actively design and build nature in the Netherlands. Prehistoric forests are being planted in locations designated by bureaucrats: our image of Nature is being carefully constructed in a recreational simulation (a ‘regeneration of our lost heritage’, as the nature-builders call it themselves1). Traditional cattle breeds are even being placed in this so-called ‘new nature’2. The original wild ox unfortunately became extinct in 1627, but the Scottish Highlander is an acceptable alternative. These cattle know what they’re supposed to do: graze, under orders of the forestry service. Thanks to them, the landscape stays clear instead of becoming overgrown (we find this attractive, as it reminds us of famous 17th-century landscape paintings). In theory, the animals are supposed to look after themselves, but in winter the forestry service is willing to give them a bit of extra food. It also removes dead animals, lest walkers be offended by a cow rotting on the footpath. In our culture, nature is continually presented as a lost world. It is associated with originality, yet appears only once it has disappeared. Our experience of nature is a retro effect3.
It is a widespread misconception that nature is always calm, peaceful and harmonious: genuine nature can be wild, cruel and unpredictable. Our contemporary experience of nature is chiefly a recreational one4: Sunday afternoon scenery; Disneyland for grown-ups. Indeed, lots of money is required to maintain the illusion. But nature is also a terrific marketing tool: there are Alligator garden tools, Jaguar convertibles, Puma trainers. Natural metaphors give us a familiar feeling of recognition. In commercials cars always drive through beautiful untouched landscapes. Strange that in this makebelieve countryside there is not a billboard in sight, while logos and brands are so omnipresent in our environment, we can probably tell them apart better than we can bird or tree species. In my neighborhood, four-wheel-drives have become an integral part of the street scene. These SUVs (sport utility vehicles, previously known as Jeeps or all-terrain-vehicles) have formidable names like Skyline, Explorer, Conquerer and Landwind. Luckily, you can buy spray-on mud for spattering your wheel rims, since SUVs rarely go off road. There are no hills around here, nor snow or other weather conditions that could justify a four-wheel-drive. It’s merely cool to join the urban safari.5
NATURE BECOMES CULTURE
The dividing line between nature and culture is difficult to draw. When a bird builds a nest, we consider it an act of nature, but when humans erect an edifice, we enter the realm of culture, not unlike browsing through property listings with meticulous architectural designs. Some philosophize that all creations are nature’s handiwork, while others debate that what we perceive as nature is merely a cultural construct. The intricacies of such definitions can be as complex as the details in property listings with a variety of environmental certifications and sustainable features. It’s tempting to amalgamate nature and culture into one and cease pondering their distinctions.
The word ‘nature’ is derived from the Latin word natura. This was a translation of the Greek physis. Natura is related to Latin terms meaning ‘born’ (and the Greek physis to Greek words for ‘growth’). By the time of the ancient Greeks, the distinction between nature and culture was already considered important. Various things have changed since then; nature in the sense of physical matter unaltered by humans hardly exists anymore. We live in a world of petrochemical cosmetics, microprocessors and synthetic clothing (all things whose conditions of existence I know nothing of). New shower-gel scents are put on the market faster than I can use the stuff up. Shopping centers, websites and airports dominate our environment. There’s precious little nature left that has remained untouched by humans: perhaps a bit here and there on the ocean floor, the South Pole, or the moon. Old concepts like nature and culture, human and animal, and body and mind seem inadequate for understanding ourselves and the technological society we live in6/7. Cloned babies, rainbow tulips, transgenic mice afflicted with chronic cancer to serve medical science: are they natural or cultural? In an evolutionary sense, every distinction between culture and nature has something arbitrary about it; both have been part of the same evolutionary machine since Darwin’s day. When we speak about nature, we are always in fact talking about our relationship with nature, never about nature itself. Nature is always ‘so-called nature’8. The terms ‘natural’ and ‘cultural’ are usually deployed to justify one position or another. In the thirteenth century, Thomas Aquinas (the Christian father) believed art imitated nature, because human intellect was based on all things natural. Oscar Wilde (the homosexual), on the other hand, claimed that nature imitated art9. From this thought, it is only a small step to the idea that nature exists only between our ears and is in fact a cultural construction. Jacques Lacan (the postmodernist) claims that we cannot see nature10. A moderate constructivism is currently widely accepted among philosophers and scientists. Our image of nature has changed greatly over the centuries. It is likely that in the future we will adapt it further. This does not release us from our need to keep looking for nature. The manner in which we distinguish between nature and culture remains relevant, because it says something about the human perspective: what is our place in nature?
An alternative approach is to distinguish between natural and artificial processes. Some processes can take place as a result of human action; others cannot. For example, a room can be lit through the flick of a switch or a sunrise. Sunrise is a natural process; flipping a light switch is an artificial one. In this view, cultural processes are the clear consequences of purposeful human action, and culture is whatever human beings invent and control. Nature is everything else. But much of the ‘so-called nature’ in our lives has taken on an artificial authenticity. Genetically manipulated tomatoes are redder, rounder, larger, and maybe even healthier than the ones from our gardens. There are hypoallergenic cats, and nature reserves laid out with beautiful variety. You can buy specially engineered living beings in the supermarket. Human design has made nature more natural than natural: it is now hypernatural.11 It is a simulation of a nature that never existed. It’s better than the real thing; hypernatural nature is always just a little bit prettier, slicker and safer than the old kind. Let’s be honest: it’s actually culture. The more we learn to control trees, animals, atoms and the climate, the more they lose their natural character and enter into the realms of culture.
CULTURE BECOMES NATURE
Thus far I have said nothing new. Everyone knows that old nature is being more and more radically cultivated. However, the question is: is the opposite also possible? I think it is. In contrast to optimistic progress thinkers who believe human beings’ control of nature will steadily increase until we are ultimately able to live without it, I argue that the idea that we can completely dominate nature is an illusion. Nature is changing along with us12.
It is said Microsoft founder Bill Gates lives in a house without light switches. His house of the future is 3 packed with sensors and software that regulate the lighting. Nature or culture? The average Dutch person worries more about mortgage interest deductions than about hurricanes or floods. Do you control the spyware and viruses on your computer? In their struggle against nature, human beings have become increasingly independent of physical conditions, it is true, but at the same time they are becoming more dependent on technological devices, other people, and themselves. Think of the dependence that comes with driving a car. We need motorways, for which we pay road tax. A supply of petrol must be arranged. Once you’re on the road, you have to concentrate so you won’t crash into the guardrail. You must take account of other road users. You need a driving license. All this is necessary in order to get your body from point A to point B more quickly. Along with physical deconditioning comes social and psychological conditioning.
I believe the way we draw the boundary between nature and culture will change. The domain of origin, of ‘birth’, previously belonged to nature, while culture encompassed the domain of the ‘made’. Thanks to developments in science and technology, this distinction is blurring13. Origin is playing a smaller and smaller role in human experience, because everything is a copy of a copy. Insofar as we still wish to make a distinction between nature and culture, we will draw the line between ‘controllable’ and ‘autonomous’. Culture is that which we control. Nature is all those things that have an autonomous quality and fall outside the scope of human power. In this new classification, greenhouse tomatoes belong to the cultural category, whereas computer viruses and the traffic-jams on our roads can be considered as natural phenomena. Why should we call them nature? Isn’t that confusing? We allot them to nature because they function as nature, even though they’re not green.
Human actions are not nature, but it can cause it; real nature in all its functioning, dangers and possibilities. In spite of all our attempts and experiments, it is still hardly practicable to mold life. Every time nature seems to have been conquered, it rears its head again on some other battlefield. Perhaps we should not see nature as a static given, but as a dynamic process14. It is not only humans that are developing; nature, too, is changing in the process. Thus, I am proposing a new approach to distinguish nature and culture. At first – as is usual with paradigm shifts – it takes some getting used to, but after a while things become clear again. Real nature is not green.
Wiederabdruck
Der Text erschien zuerst in: Alex Vermeulen (Hg.), Sun enlightenment, States of Nature. Syndicaat, (2006).
1.) www.nieuwenatuur.nl, Stichting Duinbehoud Leiden’s website.
2.) Metz, Tracy (1998). New Nature: Reportages over veranderend landscape. Amsterdam: Ambo, 1998, ISBN 90-263-1515-5.
3.) Wark, McKenzie (2005). ‘N is for Nature’, in Van Mensvoort, Gerritzen, Schwarz (Eds.) (2005), Next Nature, BIS Publishers, ISBN 90-636-9093-2, pp. 128–134.
4.) Metz, Tracy (2002) Pret! Leisure en landschap. Rotterdam: NAi, 2002, ISBN 90-5662-244-7.
5.) Catlett Wilkerson, Richard (2006). Postmodern Dreaming: Inhabiting the Improverse (www.dreamgate.com/).
6.) Bacon, Francis (1620). ‘Novum organum’, translated by James Spedding, Robert Leslie Ellis and Douglas Denon Heath, in The Works (Vol. VIII), published in Boston by Taggard and Thompson in 1863 (www.constitution.org/bacon/nov_org.htm).
7.) Haraway, Donna (1994). ‘Een Cyborg Manifest’, translated by Karin Spaink (‘A Manifesto for Cyborgs, 1991), Amsterdam: De Balie, 1994. 4.
8.) Schwarz, Michiel (2005). ‘Nature So Called’, in Van Mensvoort, Gerritzen, Schwarz (Eds.) (2005), Next Nature, BIS Publishers, ISBN 90-636-9093-2, pp. 87–109.
9.) Wilde, Oscar (1889). The Decay of Lying: An Observation. New York: Brentano, 1905 [1889].
10.) Lacan, Jacques (2001). Ecrits, translated by Alan Sheridan, London: Routledge, 2001.
11.) Oosterling, Henk (2005). ‘Untouched Nature’, in Van Mensvoort, Gerritzen, Schwarz (Eds.) (2005), Next Nature, BIS Publishers, ISBN 90-636-9093-2, pp 81–87.
12.) Van Mensvoort, Koert (2005). ‘Exploring Next Nature’, in Van Mensvoort, Gerritzen, Schwarz (Eds.) (2005), Next Nature, BIS Publishers, ISBN 90-636-9093-2, pp. 4–43.
13.) Kelly, Kevin (1994). Out of Control: The Rise of Neo-Biological Civilization, Reading, Massachusetts: Addison-Wesley, 1994, ISBN 0-201-57793-3.
14.) Heraclitus (540-480 BC): On Nature, fr. 208: ‘Nature loves to hide.’ (Heraclitus wrote the philosophical work On Nature, which he placed in the temple of Artemis at Ephesus (Diogenes, Lives, 9.6). The work as a whole has not survived; what remains of it are quotations in the works of others.
Wiederabdruck:
Vorwort zu „Der Blaue Reiter Almanach“ (1912), zitiert in: 1000 Artists‘ Manifestos. From the Futurists to the Stuckists. Selected by Alex Danchev. Penguin/London 2011, S. 35–37.
Alex Shakar, 2001
Post-Irony means total imaginative and creative freedom.
Com&Com, 2008
Die Zeit der Ironie ist abgelaufen. Wir sind müde geworden, ständig mit den Augen zu zwinkern, kunstvoll zu zweifeln und alles im zweiten Grad und höher zu dekonstruieren. Nach einem letzten ironischen Höhepunkt als spöttisches Schwert der Postmoderne steht eine ironische Haltung heute dafür, Wahrheiten zu verschleiern, Problemen aus dem Weg zu gehen und jeden Schwachsinn damit zu rechtfertigen, dass es ja nicht ernst gemeint sei. Die Ironie verkommt zu einer Art Haftungsausschluss oder Fluchtmanöver vor jeder denkbaren Verantwortung. Viele Menschen wollen heute aber wieder ungebrochen und geradlinig durchs Leben gehen, die Dinge sehen, wie sie sind. Man lässt wieder Nähe und Emotionalität zu, übernimmt Verantwortung. Mit dem distanzierenden Gestus der Ironie ist dies nicht mehr ernsthaft machbar.
Von der Ironie zur Postironie
Bereits in den 1990er Jahren kündigten sich verschiedene Ansätze einer möglichen Nach-Ironie an; so zum Beispiel 1993 in David Foster Wallaces Essay E Unibus Pluram, in dem er die postmoderne Literatur mit der US-Fernsehindustrie verglich. Beide hätten sich mittels selbstbezüglicher Ironie der Angreifbarkeit entzogen, denn wer sich über sich selbst lustig macht, könne nicht mehr ins Lächerliche gezogen werden: „Die Ironie tyrannisiert uns. Sie ist ebenso mächtig wie unbefriedigend geworden, weil sie sich stets alle Optionen offen hält.“ Ausgerechnet der postmoderne Vollblutironiker Wallace träumte schon vor fast 20 Jahren von einer möglichen neuen Kultur des Post-Ironischen: „Die nächsten wirklichen literarischen ‚Rebellen‘ in diesem Land könnten als ein komischer Haufen von Anti-Rebellen auftreten, geborene Schaulustige, die sich erdreisten, vom ironischen Blick Abstand zu nehmen, und die kindliche Frechheit besitzen, unzweideutige Prinzipien gutzuheißen und auch umzusetzen. Die einfachen, uralten und vollkommen unmodischen menschlichen Schwierigkeiten und Gefühle mit Ehrfurcht und der Kraft der Überzeugung behandeln.“1
Als weitere Position sei Jedediah Purdys 1999 erschienenes Buch For Common Things: Irony, Trust, and Commitment in America Today2 erwähnt. Purdys Plädoyer für eine Repolitisierung der Öffentlichkeit wurde stark beachtet und ebenso oft als naiv gescholten. Es wurde als Generalangriff auf die ironische Kultur der USA gelesen, die den Rückzug aus der Öffentlichkeit zugunsten eines verantwortungslosen, allein individuell geführten Lebens fördere. Purdy kritisiert, dass wir eine Form von Ironie praktizierten, „die beharrlich jene Eigenschaften beargwöhnt, welche uns einen Mitmenschen ernst nehmen lassen: Integrität einer Persönlichkeit, Redlichkeit der Beweggründe. Wir hüten uns vor der Hoffnung, weil wir kaum sehen, was sie begründen könnte. An nichts wirklich zu glauben, besonders nicht an Menschen, erfüllt uns mit einem unbestimmten Stolz, und Überzeugungen zu haben, kann peinlich naiv wirken.“3
Während Foster Wallaces Essay im Grundton noch ironisch eingefärbt und uneigentlich bleibt, schreibt Purdy bereits eigentlich. Ohne doppelten Boden fordert er eine Art Rückkehr zur moralischen Integrität des Individuums, zu sozialer Verantwortung und gelebtem Umweltbewusstsein. Purdy formuliert Hoffnungen und geht damit das Risiko ein, dass diese enttäuscht werden und er als Autor als Spaßbremse da steht.
Der Terminus der ‚Postironie‘ wurde zwei Jahre später erstmals eingeführt von einem weiteren, ebenfalls aus den Vereinigten Staaten stammenden Autor. Alex Shakars im Trendscout- und Werbemilieu angesiedelter Debüt-Roman The Savage Girl (2001)4 bringt zwei interessante Kerngedanken hervor: die ‚Paradessenz‘ (jedem zu verkaufenden Produkt soll eine paradoxe Essenz inne wohnen, die zwei Dinge vereint, nach denen der Konsument sich sehnt) und eben die ‚Postironie‘, die hier als dritte Phase der Konsumgesellschaft (nach der präironischen Phase der 1950er und der ironischen der 1980er und 1990er Jahre) erklärt wird. Die Ironie sei inzwischen zum zentralen Stilmittel der Werbung degeneriert und habe so ihre oppositionelle Kraft verloren. Durch „ironischen Ernst“ („Postirony is ironic earnestness“5) könne aber der Lähmung durch den allgegenwärtigen Zweifel begegnet werden. Nicht nur wird das Phänomen des Zweifelns über Zweifel zum Zeitalter der Postironie extrapoliert, die Postironie selbst wird gar als neuer Trend und Marketingstrategie propagiert: „Postirony, the whole new era to come. And if I‘m right, everybody wins.“6
Wie schnell diese neue postironische Ära Wirklichkeit werden sollte, konnten weder Foster Wallace, Purdy noch Shakar voraussehen: Shakars Buch kam just an dem Tag auf den Markt7, als in New York die Türme einstürzten, und nichts mehr war wie zuvor. Nicht nur in den Vereinigten Staaten wurde unmittelbar nach den Terroranschlägen das endgültige „Ende der Ironie“8 ausgerufen.
Was ist Postironie?
Wikipedia bezeichnet den Begriff als „differenzierte Haltung zur Figur der Ironie. Analog zur Dekonstruktion der ‚großen Erzählungen‘ […] der Moderne im Zuge postmoderner Diskurse, […] setzt sich die Form der Postironie kritisch mit den Implikationen eines relativierten Wahrheitsbegriffes auseinander.“ Postironie sei weder als Ruf nach prä-ironischer Einfachheit, noch als strikte Anti-Ironie mißzuverstehen, vielmehr sei sie als sinnstiftende Empfehlung zu begreifen. Sie ist „eine verantwortungsbewusste Haltung, die Ironie ernst nimmt und diese unter den Bedingungen der Gegenwart wieder produktiv zu nutzen verspricht.“9 Eine ähnliche Lesart schlägt Sebastian Plönges in seinem Essay „Postironie als Entfaltung“ vor, die weder den Postironiker ironisiert noch die großen Erzählungen von Vernunft, Wahrheit, Geschichte, Fortschritt oder Kunst reanimieren muss: „Das Problem, auf das die Postironie eine Antwort sein könnte, hört auf ein Problem zu sein, sobald man produktiv mit Paradoxien umzugehen lernt.“ Das Aushalten von Kontingenzen sei die Stärke des Postironikers, „der somit eine freie und produktive Option zur Entfaltung der Ironie-Paradoxie anbietet. Er setzt alles auf eine Seite (ohne zu leugnen, eine Wahl gehabt zu haben), er markiert seinen Präferenzwert, und das alles ist ihm nicht peinlich: Er trifft eine Unterscheidung und übernimmt die Verantwortung dafür.“10 Postironie ist also eine Haltung, ein Statement, eine Positionierung.
Postironie und Kunst
In den Diskurs der Bildenden Kunst wurde der Terminus der Postironie Ende 2008 durch das Schweizer Künstlerduo Com&Com eingeführt. Mit dem first postironic Manifesto,11 propagierte Com&Com die Postironie als neue Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit und rief in bunten Farben zur Wiederentdeckung der Schönheit, Huldigung des Authentischen und zur Feier der Kreativität und Einzigartigkeit auf. Angesichts der Tatsache, dass Com&Com bisher mit satirisch-ironischen Videos, Installationen und Aktionen bekannt wurde, ist die anfängliche Skepsis nachvollziehbar. Das Manifest wurde teils als ein „rhetorisches Manöver und ironische Reaktion auf die faktische Instituierung der Postironie“ verstanden.12 Denn wenn die Ironie erst mal im Spiel ist, wird man sie kaum wieder los. Dass die beiden Schweizer es aber ernst meinen, zeigen sowohl ihre künstlerischen Arbeiten der letzten fünf Jahre, wie auch die begleitenden Vermittlungs- und Unterrichtsprojekte an den Universitäten von Köln, Hamburg und an der Zürcher Hochschule der Künste.13
Rund zwei Jahre später zeigte das Museum Morsbroich in Leverkusen 2010 mit der Gruppenausstellung Neues Rheinland. Die postironische Generation14 postironische Tendenzen in der deutschen Gegenwartskunst. Versammelt wurden rund 30 jüngere Positionen, die sich durch eine nachironische Haltung auszeichnen und eine „neue Hinwendung zu Ernsthaftigkeit, Engagement und Humor“ entwickelten.15 Die Co-Kuratorin der Ausstellung, Stefanie Kreuzer, sieht in der postironischen Kunst mit ihren künstlerischen Mitteln und Methoden wie Parodie, Zitat, Sampling, Fiktion und eben Ironie eine Abkehr vom Kunstbegriff der 1980er Jahre. „Hatte die Ironie in der Moderne und verstärkt in der Postmoderne das Problem von der Welt hin zum Diskurs, zu den Zeichen verschoben, so kehrt sich die Blickrichtung nun um.“16 Demnach bildet die Orientierung am Menschen das zentrale Moment dieser aktuellen Kunstproduktion. Körperlichkeit, Handgemachtes und innere Konstruktion sind also die Themen der Stunde. Beobachtungen, die auch die Kunsthistorikerin Noemi Smolik unterstützt: „Kneten und Formen, Zeichnen und Malen, Schneiden, Kleben und Binden kommen verstärkt vor. Keramik, diese verpönte Technik, haben plötzlich viele Künstler für sich entdeckt.“17 Kurator Markus Heinzelmann meint im Vorwort: „Es gehört Mut dazu, das Material wieder ernst zu nehmen und scheinbar altmodische Materialien wie die Keramik wieder auszuprobieren, Scherenschnitte anzufertigen, die Pigmente für seine Farben selbst auszugraben und anzumischen oder einen Song von Udo Jürgens in seinen Filmen einzubauen – und das nicht ironisch zu meinen.“18
Aber wirkt der Rekurs auf soviel ehrliches Handwerk und althergebrachte Technik nicht vielleicht selbst etwas hausbacken und abgestanden? Wo bleibt der aktuelle Bezug zur Politik und zum Leben von Heute, der der Postironie auch inne wohnt? Die Auswahl der in Leverkusen gezeigten Arbeiten lässt vermuten, die Kuratoren setzten Postironie mit neuer Innerlichkeit gleich. Die Künstlerin Alexandra Bircken zeigte einen Quilt, Jan Albers verlegte Rohre, Ulrike Möschel hängte eine weiße Kinderschaukel an einem seidenen Faden auf und in der Videoskulptur von Eli Cortiñas sang Judy Garland treffend: „There‘s no place like home“. Der Kritiker Michael Kohler summiert im Art Kunstmagazin denn auch nachvollziehbar: „Während die Welt gerade Kapriolen schlägt, dominieren Heim und Handwerk die Kunst: Das klingt beinahe nach der guten alten Biedermeierzeit.“19
Der Kunstkritiker Jörg Heiser steckt in seinem Katalogbeitrag den Begriff der Postironie etwas breiter ab und sieht erste Vorläufer bereits in der amerikanischen Camp-Bewegung („Camp ist Postironie avant la lettre“). Für Heiser ist Postironie nicht mehr etwas Komisches, das um einen ernst gemeinten Kern kreise, „sondern etwas zutiefst Ernstes, das den Beigeschmack zulässt, dass es auch lustig gemeint sein könnte.“ In der Postironie gehe es um die gesellschaftliche Durchsetzung eines „dialektischen Verständnisses davon, was ‚echt‘ und was ‚künstlich‘, was authentisch und was ironisch in der gegenwärtigen Überlagerung von Medienwirklichkeiten heißt.“20 Doch mindestens solange dem „Post-“ weiterhin die „Ironie“ anhängt (und nicht etwa durch ein neues künstlerisches Konzept ersetzt wird), muss eine Unterscheidung über die erwähnte Dialektik hinaus führen: Postironie ist eine Haltung, die es nicht mehr nötig hat, sich an der Unterscheidung von echt/künstlich abzuarbeiten, egal ob ernst oder ironisch.
Postironisches Manifest
Das bereits erwähnte Schweizer Künstlerduo Com&Com wurde 1997 in St. Gallen von Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger als fiktive Firma („commercial communication“) gegründet, mit dem zunächst einmaligen Ziel, eine Kaffeefahrt rund um den Bodensee zu veranstalten. Aus diesem temporären Appropriations- und Sozialkunstexperiment wurden 15 Jahre der künstlerischen Praxis, in denen Com&Com sich und ihren Kunstbegriff mehrfach neu erfanden. Nach teils komplexen Kommunikations- und Strategieprojekten der Gründerjahre, die neben Techniken wie Sampling, Fake und Provokation auf das alles verbindende Gleitmittel Ironie setzten (C-Files: Tell Saga [2000],21 Mocmoc [2003–2008],22 Gugusdada [2004–2011]23), begann ab ca. 2006 eine Phase der Umorientierung und ein umfassendes Rebranding auch der künstlerischen Ausrichtung, das in der Ausrufung des postironischen Manifestes Ende 2008 gipfelte24:
1. Wir leben im postironischen Zeitalter. Ironischer Zweifel ist nur noch zur Lebensart erhobene Unzufriedenheit.
2. Wir beginnen das Verfahren des Zweifelns anzuzweifeln.
3. Wahrheiten sind nicht länger unbedingt, sondern vorübergehend, wie es dem augenblicklichen Zweck gerade dienlich ist.
4. Die Welt ist mehr als sie ist.
5. Das Alltägliche dient als Versuchsgelände für den menschlichen Geist.
6. Alles ist erfüllt von Zauber und Schönheit.
7. Schönheit kann uns dazu anregen, bessere Menschen zu werden.
8. Aus Schönheit kann Liebe erwachsen.
9. Aus der Liebe folgen Wahrheiten.
10. Wir stehen an der Schwelle zu einer wunderbaren Sache: vor der Wiedergeburt unserer Selbsterschaffung. Postironie meint völlige Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit.
‚Postironic Turn‘
Die postironische Neuausrichtung manifestiert sich seit 2009 im gesamten künstlerischen Output von Com&Com. Nachdem sich die Künstler jahrelang hinter dem Werk und der kollektiven, industriellen und digitalen Produktion verbargen, nahmen sie nun wieder selbst den Stift, den Pinsel oder das Messer in die Hand und traten wieder live vor Publikum auf. Zudem wurde das Interesse für Natur (vgl. Baum (seit 2010)25), Volkskulturen und Traditionen in der eigenen und in anderen Kulturen (vgl. Bloch (seit 2011)26) wach. Damit wurden weitere Forderungen des Manifestes eingelöst. Heute versteht Com&Com Postironie als das Zulassen von Emotionen sowie Mut zum Pathos und großen Gefühlen, als eine staunende Betrachtung des Realen, des Einfachen und des Zaubers im Alltag.
Postironie ist die Feier des Lebens, der Natur und der Schönheit. Postironie meint aber auch Gastfreundschaft und Verantwortung in der Kunst, sie schafft künstlerische Communities und setzt kritische Debatten in Gang. Postironie ist der grenzüberschreitende Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und verbindet lokale und globale Perspektiven miteinander.
Die Postironie lässt sich auch nicht nur als Neuausrichtung eines gewandelten Kunstverständnis einer einzelnen Position (Com&Com) sehen. Ähnliche Denkweisen und Parallelen lassen sich mehrfach innerhalb der Post-9/11-Kunst und in der zeitgenössischen Kunst seit Beginn der Finanzkrise beobachten. Womöglich ließe sich gar von einem Paradigmenwechsel und „postironic turn“ sprechen.
Post-Post-Ironie
Und bevor jemand fragt „what’s next?“: Ich weiß es auch nicht. Gut möglich, dass die Postironie schon bald einen anderen Namen trägt. Welchen, ist gar nicht so entscheidend, solange dabei Kunst entsteht, die etwas bewirkt. Was von der Postironie jedoch mit Sicherheit bleiben wird, ist die Hoffnung auf Wandel und auf eine bessere Welt, frei von Sarkasmus und Zynismus. Damit verbunden ist die Einladung, das reiche Leben und dessen Schönheiten und Wahrheiten zu entdecken, in dem man neugierig ist, auf einander zugeht und gemeinsam nach kreativen Lösungen sucht. Und was ebenfalls bleibt, ist die Haltung, Fragen und Probleme frontal anzugehen, Verantwortung zu übernehmen, den Mut zur Utopie und zu schönen Ideen zu haben und keine Angst vor Scheitern, Peinlichkeiten und großen Gefühlen. – Denn dann gewinnt am Ende wirklich jeder.27
Wiederabdruck
Dieser Text erschien erstmals in abgeänderter Form in: Kunstforum International Bd. 213: „Ironie“, Ruppichteroth, 2012, S. 112–125.
1.) David Forster Wallace, „E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction“, in: The Review of Contemporary Fiction, 13, Champaign 1993, S. 151.
2.) Jedediah Purdy, Das Elend der Ironie, Hamburg 2002.
3.) Ebd., S. 83.
4.) Alex Shakar, Der letzte Schrei, Hamburg 2002
5.) Alex Shakar, The Savage Girl, New York: Harper 2001, S. 140.
6.) Ebd., S. 124.
7.) www.themillions.com/2011/07/the-year-of-wonders.html (abgerufen am 30.7.2011).
8.) Vgl. z. B. Roger Rosenblatt: „The Age of Irony Comes To An End“, in: Time Magazin, 16.9.2001.
9.) http://de.wikipedia.org/wiki/Postironie (abgerufen am 30.7.2011).
10.) Sebastian Plönges, „Postironie als Entfaltung“, in: Torsten Meyer, Wey-Han Tan, Christina Schwalbe, Ralf Appelt (Hrsg.): Medien und Bildung. Institutionelle Kontexte und kultureller Wandel, Wiesbaden 2011, S. 438–446.
11.) www.postirony.com
12.) Jörg Heiser, „Im Ernst – von polemischer Ironie zur postironischer Vernetzung in der Kunst des Rheinlands und überhaupt“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), Neues Rheinland. Die postironische Generation, Ausstellungskatalog des Museums Morsbroich, Berlin, 2010, S. 19.
13.) Der seit 2009 bestehende Blog auf www.postirony.com brachte neben einer umfangreichen Materialsammlung zu postironischen Tendenzen in den Künsten auch weitere Definitionsversuche hervor.
14.) Vgl. Markus Heinzelmann/Stefanie Kreuzer (Hrsg.), Neues Rheinland. Die postironische Generation, Ausst.-Kat. Museum Morsbroich, Leverkusen, Berlin, 2010.
15.) Pressetext auf: www.museum-morsbroich.de/ (abgerufen: 30.7.2011).
16.) Stefanie Kreuzer, „Gegenrede – Ironie“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 43ff.
17.) Noemi Smolik, „Ein Manifest für politisch wirksame Kunst“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 35f.
18.) Markus Heinzelmann, „Vorwort“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 7.
19.) Michael Kohler, „Totes Heim, Glück allein“, in: www.art-magazin.de/kunst/35806/neues_rheinland_leverkusen (abgerufen am 30.7.2011).
20.) Jörg Heiser, „Im Ernst – von polemischer Ironie zur postironischen Vernetzung in der Kunst des Rheinlands und überhaupt“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 19.
21.) www.youtube.com/watch?v=SDdjRZlxGpE.
22.) www.mocmoc.ch; www.youtube.com/watch?v=r3_SNlWx-NA.
23.) www.gugusdada.net; www.youtube.com/watch?v=tlxCBenCDns.
24.) Vgl. auch englische Originalfassung unter www.postirony.com
25.) www.com-com.ch/de/archive/detail/10
26.) www.bloch23781.com
27.) vgl. das Eingangszitat von Alex Shakar: „Postirony, the whole new era to come. And if I’m right, everybody wins.“ (2001), in: Der letzte Schrei, Hamburg 2002.
Wie unterscheidet sich dein Blick als Künstler auf die Gegenwartskunst von deiner Sicht als Forscher?
Eigentlich gar nicht so stark. Seit bald 20 Jahren erklärt mir zwar immer mal wieder ein Galerist, Kurator oder sonstiger Experte, dass ich mich für die eine oder andere Seite entscheiden müsse. Aber a) gibt es nicht nur zwei Seiten und b) ergeben mehrere Perspektiven auch mehr Dimensionen und Komplexität. Mit einer gezielten Tiefenbohrung käme man vermutlich schneller zum sogenannten Ziel. Ich bin aber ein Anhänger des Breitwandhorizontes und der transdisziplinären Vielstimmigkeit.
Was bedeutet das genau?
Wer Umwege geht, wird ortskundig! Je länger man unterwegs ist, desto mehr kommt alles zusammen, ergibt mehr Sinn. Natürlich ist das schizophren, aber produktiv. Künstlerische Praxis, Forschung, Lehrtätigkeit, Vermittlung, Gespräche wie dieses hier und das Leben überlagern sich bei mir ständig.
Du hast gesagt, du seiest «vergnügt» aus Kassel zurückgekommen. Warum?
Die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev hat anders als ihre drei Vorgänger weder an die postkoloniale Debatte angedockt, geopolitische Missstände aufgedeckt, noch formaltheoretische Seminare abgehalten. Auch die in der Kunst ständig wiederaufgekochten Theorien und Philosophien der Postmoderne wurden höflich verabschiedet. Man experimentiert und blickt neugierig in die Zukunft, das ist sehr erfreulich.
Konkreter?
Die documenta-Chefin pfeift auf Codes und Diskurstheorie, verschickt lieber Hundekalender, mischt scheinbar kunstferne Positionen aus Quantenphysik bis Agrarwirtschaft ins Teilnehmerfeld und versteht die documenta als Ort «kollektiven und anonymen Gemurmels». Statt Programm ist Prozess angesagt, Christov-Bakargiev fordert einen offenen, urteilsfreien Umgang und propagiert den «degrowth», eine Wachstumsrücknahme, sowie den «kognitiven Kapitalismus». Sie habe kein Konzept, kokettierte Christov-Bakargiev wiederholt – und dieser Plan geht ziemlich gut auf. Bei der «documenta 13» stehen politisches Engagement und das Laissez-faire der Natur unverkrampft nebeneinander. Zudem hatte ich noch bei keiner der vier letzten Ausgaben so sehr das Gefühl, endlich mal in Kassel zu sein und nicht auf einer x-beliebigen, globalen Biennale oder Kunstmesse.
Woran lag das?
Vielleicht an einer weiteren Tendenz der Gegenwartskunst: anstelle des ausgestellten Objektes rückt wieder vermehrt der Betrachter in den Fokus. Ein Trend, der wegführt vom Artefakt und Referenziellen, hin zum Aktionistischen, Situativen, ja vielleicht gar zum Romantischen, Auratischen und Einzigartigen. Nach 40 Jahren Video und 20 Jahren Internet hat die Gegenwartskunst eine Wende hin zum Realen und zur Natur eingeleitet. Die Erfahrung des Betrachters wird zunehmend wichtig. Und ohne nun allzu sehr Schiller und Kant zu reanimieren: Der Mensch darf endlich wieder Mensch sein.
Einen ähnlichen Turn habt ihr selbst mit eurer künstlerischen Arbeit mit Com&Com vollzogen, als ihr vor rund drei Jahren das postironische Manifest veröffentlicht habt. Um was geht es und wie kam es dazu?
Eine ironische Haltung steht seit ihrem letzten Höhepunkt in der Postmoderne nur noch dafür, Wahrheiten zu verschleiern, Problemen aus dem Weg zu gehen und jeden Schwachsinn damit zu rechtfertigen, dass es ja nicht ernstgemeint sei. Ironie verkam mehr und mehr zu einer Art Haftungsausschluss oder Fluchtmanöver angesichts jeder denkbaren Verantwortung. Ironie spielte Ende der 1990er Jahre eine wichtige Rolle in unserer Arbeit, aber wir wurden bald mal müde, ständig mit den Augen zu zwinkern, kunstvoll zu zweifeln und alles mindestens im zweiten Grad zu dekonstruieren. Viele Menschen wollen heute wieder ungebrochen, direkt und positiv bejahend durchs Leben gehen, die Dinge sehen, wie sie sind, Nähe und Emotionalität zulassend Wahrheiten suchen und Verantwortung übernehmen. Mit dem distanzierenden Gestus der Ironie ist dies nicht machbar. Postironie ist eine Haltung, ein Statement, eine Positionierung.
Wie ironisch ist das gemeint: Kann Com&Com überhaupt ohne Ironie auskommen?
Postironie heisst nicht todernst. Unsere neuen Arbeiten sind nicht komplett ironiefrei, auch der Humor bleibt, nur geht es weniger um Dekonstruktion, sondern um das aktive, neugierige Erforschen von Unbekanntem bzw. um das Zusammenbringen von verschiedenen Welten und Kontexten. Nachdem wir uns jahrelang hinter dem industriellen und oft digital hergestellten Werk verbergen konnten, nehmen wir nun selbst Stift, Pinsel oder Messer in die Hand. Für uns war «Postironie» eine Befreiung, eine Neuausrichtung unseres Kunstbegriffes, ein Paradigmenwechsel. Seit 2009 steht praktisch der gesamte Output unter diesem Verständnis, sowohl die einzelnen Kunstwerke als auch die mehrteiligen Projekte, Texte, Vermittlung etc. Zuerst war Postironie nur ein Name, eine Behauptung. Heute ist es eine gelebte Realität, auch wenn wir diese teils erst schaffen mussten. Oder mit Walter Benjamin: «Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.»
In eurem aktuellen Projekt «Bloch» reist ihr mit einem Baumstamm um die Welt. Um was geht es und wo seid ihr auf eurer Reise?
«Bloch» ist ein Projekt, das Volkskultur und zeitgenössische Kunst verbindet und auf einem alten Appenzeller Fastnachtsbrauch basiert, bei dem der letzte im Winter gefällte Fichtenstamm in einer eintägigen Prozession zwischen zwei Dörfern hin- und hergezogen und am Ende an den Meistbietenden versteigert wird. Meistens wird der Baum von Einheimischen gekauft und zu Schindeln oder zu Möbeln verarbeitet. Diesmal hat jedoch Com&Com das Bloch – so nennt man die unteren fünf astlosen Meter eines Baumes – erworben und geht mit ihm auf eine Weltreise mit Stationen auf allen Kontinenten. Nach ersten Stops in Bern und Berlin bereiten wir uns derzeit auf die Reise nach China vor, wo Bloch im Rahmen der kommenden Shanghai Biennale auftreten wird.
Einen Baum um die Welt reisen lassen? Das kann nicht die ganze Idee sein …
Der Baum ist Bindeglied und Kristallisationskern. An jedem Ort wird dann in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern eine völlig neue Bloch-Aktion entwickelt, die auf lokalen Traditionen und Bräuchen basiert. Dadurch wandelt sich der ursprüngliche Brauch und seine Bedeutung, Kulturaustausch findet statt und etwas Neues wird geschaffen. Die künstlerischen Aktionen werden teils von Gesprächen, Ausstellungen und gesellschaftlichen Veranstaltungen sowie einer Website und einem Dokumentarfilmteam begleitet.
Exportiert ihr den Brauch oder den Baum, quasi ein «Ready Made 2.0»?
Es geht nicht darum, kulturimperialistisch eine fertige Produktion oder einen bestehenden Brauch rund um den Globus zu senden, sondern einzig diesen Baum. Das alleine löst bei jedem eine eigene Assoziationskette aus. Daran können dann neue Geschichten und Dialoge andocken. «Bloch» ist ein offenes, unfertiges Werk. Wir wissen heute noch nicht, wie es in China oder in zwei Jahren aussieht. «Bloch» ist eine Einladung, eine Bühne und Experiment. Man könnte auch den Begriff «Postproduktion» verwenden: Ein durch den ursprünglichen Brauch bereits aufgeladenes Kulturobjekt wird mit Hilfe vieler weiterentwickelt. Im Zuge dieser Bedeutungsaufladung werden wir zu Kuratoren, Stichwortgebern, Regisseuren und Produzenten. «Bloch» ist eine Inszenierung mit vielen Kapiteln und einem offenen Ende. Am Ende der Tour soll das Bloch zwar wieder in die Heimat zurückkehren, eventuell stellen wir es gar wieder in den Wald, woher es kam. Vielleicht wird «Bloch» aber auch nie fertig sein, ewig reisen oder in der Antarktis verlorengehen.
Der Baumstamm wiegt rund zwei Tonnen. Was bedeutet das für eure Reise nach China?
Reisen und arbeiten mit «Bloch» entschleunigt. Es ist relativ umständlich, mit zwei Tonnen Übergewicht eine Weltreise zu planen. Da gibt es viele Probleme, von denen man teils erst an der Grenze erfährt. Fast jedes Land hat unterschiedliche Zollauflagen oder verlangt ein anderes Schädlingszertifikat, Australien lässt theoretisch gar kein Holz ins Land, das ist nun eine Herausforderung. In Europa reisten wir mit einem Anhänger und eigenem Zugfahrzeug auf der Strasse, nach Asien wird Bloch samt Anhänger im Container verschifft. Dieser Anhänger ist nun aber in China wieder nicht zugelassen usw. – Solche Prozesse formen die Arbeit unweigerlich. Und nicht selten führen logistische oder andere Zwänge zu ästhetischen Entscheidungen. So hat uns etwa die Schädlingsproblematik dazu genötigt, das Bloch zu schälen.
Ist so eine administrative Einschränkung künstlerisch produktiv?
Ja. Es gibt einen Punkt, an dem dich das Material in eine Richtung führt, die du nicht kontrollierst. Auf einem bestimmten Level macht das Ding, das du machst, dich. Selbst bei immaterieller Arbeit. Das ist gut so.
Man kann in euer «Bloch»-Projekt investieren und «Bloch Shares» kaufen. Wo seht ihr den Return on Investment?
Zu Finanzierungszwecken gründeten wir die internationale Bloch- Gesellschaft IBG und gestalteten eine auf 100 Exemplare limitierte, nummerierte und handsignierte Bloch-Kunstedition. Mit dem Erwerb erhält der Käufer ein Wert-Papier im doppelten Sinne: einerseits ein Kunstwerk von Com&Com mit dem ihm eigens zugeschriebenen Wert, andererseits einen Anteilsschein am Bloch. Wird Bloch dereinst nach seiner Weltreise verkauft, erhält der Inhaber einen Hundertstel des Verkaufserlöses. Die Kunstedition darf auch nach Auszahlung behalten werden.
So finanziert ihr auch die Weltreise des Stammes?
Nur teilweise. Die reinen Produktions- und Betriebskosten werden sich am Ende auf weit über 200 000 CHF belaufen, unsere Arbeit nicht miteingerechnet. Nicht zu vergessen die bis heute rund 40 Kollaborateure, die Bloch nicht nur mit Energie, sondern auch mit Wert aufladen. Eigentlich ist Bloch heute schon fast unbezahlbar. (lacht)
Ihr präsentiert aktuell in St. Gallen eine Auswahl eurer jüngsten Arbeiten unter dem Titel «Holzweg»: Auf welchen Holzwegen ist Com&Com unterwegs?
Holzwege sind scheinbar zufällige, von Holzfällern und Jägern geschaffene Wege im Wald, die oft unvermittelt abbrechen oder sich im Dickicht verlieren. Der Titel der Ausstellung verweist zudem auf eine Sammlung von Schriften Martin Heideggers, die uns lehren, die gewohnten Wege zu verlassen und uns auf Holzwege zu begeben, wenn wir in den Wald des Seins eindringen möchten. Es gibt eine Anekdote, wonach Martin Heidegger und Carl Friedrich von Weizsäcker auf einem Spaziergang durch den Stübenwasener Wald feststellten, dass sie sich auf einem Holzweg befinden. Erstaunt stellen sie fest, dass sie an der Stelle, an welcher der Weg endet, auf Wasser gestossen waren. Da soll Heidegger gelacht haben: «Ja, es ist der Holzweg – der führt zu den Quellen!»
Passt diese Geschichte tatsächlich zu eurer künstlerischen Arbeit?
Das «Postironische Manifest» markierte für uns einen solchen Weg ins Ungewisse, der uns letztlich zu einer Quelle führte. Ohne diesen radikalen Bruch, alles Alte hinter uns zu lassen, wären wir nie auf ein Projekt wie «Bloch» gekommen. Auch dass wir seit ein paar Jahren vermehrt mit Bäumen und Holz arbeiten, klingt im Titel an.
Verfolgt ihr eigentlich mit eurer Kunst einen bestimmten Zweck?
Persönlich glaube ich, dass Kunst autonom ist gegenüber dem praktischen Zweck. Der einzige Zweck von Kunst sollen die Aufrechterhaltung geistiger Freiheit und die Herstellung von Kommunikation sein. Dazu zähle ich auch ästhetische Erfahrung. Das Kunstwerk als Körper ermöglicht dabei eine praktische Form von Erkenntnis. Es ist aber nicht mein Ziel, die Erwartung an Kunst vollständig neu zu programmieren; das wäre nur ein Aufguss aller Avantgardevorstellungen. Mit der teile ich allerdings den Wunsch, Gewissheiten zu erschüttern.
Wie kann ich mir das konkret vorstellen?
Mich interessiert, wo ich die Bilder oder Objekte finde, die nicht nur auf eine Vergangenheit verweisen, sondern formal wie inhaltlich auf der Höhe der Zeit sind; die eine Autorität haben, die über den Moment hinausragt und die Fähigkeit hat, Sinnhaftigkeit, Gegenwartsanalyse und Massenappeal in sich zu vereinen. Dafür schaffen wir Laboratorien voller kreativen Dilettantismus – wie Bloch. Das Projekt scheint als Ganzes sinnlos, ist aber in seiner Art abgeschlossen, ganz im Sinne von Kant: zweckhaft, ohne Zweck.
Wie wird sich deiner Meinung nach das Kunstsystem in Zukunft weiterentwickeln?
Im Zuge der Globalisierung wurde Kunst grenzüberschreitend und zu einer lingua franca, die einem gemeinsamen Anliegen auf eine Weise entgegenkommt, wie es den an Sprache gebundenen kulturellen Äusserungen kaum möglich wäre. Alte Bindungen wie Religion, Dorfstruktur usw. sind weitgehend aufgebrochen. Die metropolitane Gegenwartskunst ist im Begriff, eine Weltreligion zu werden. Kunstevents schaffen ein Gemeinschaftsgefühl quer über soziale Schichten hinweg. Systemisch wird uns der Kunstmarkt noch eine ganze Weile erhalten bleiben – und noch mächtiger werden. Aber es formieren sich Gegenmodelle, neue Formate, Methoden, Schauplätze und Akteure entwickeln sich. Der Kreationsprozess und der Autorenbegriff wird noch weiter gedehnt, Gattungen und Künste noch stärker gemischt, Ordnungen und Formate durchbrochen und mit dem Leben verschränkt.
Wenn du den Kunstbegriff derart erweiterst, wird Kunst dann nicht beliebig?
Vielleicht brauchen wir die Disziplin namens Kunst gar nicht. Die documenta-Chefin spricht denn auch nicht mehr von Künstlern, sondern Teilnehmern: «Wir brauchen nur einen Haufen Teilnehmer, die tun, was sie wollen, und diese Sorte Kultur produzieren.» Der amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz gab dieser Sorte im «NY Magazine» denn auch bereits einen Namen: «Post Art».
Wiederabdruck
Das Interview erschien zuerst in: Schweizer Monat, Ausgabe 999 / September 2012. S. 64–67. Was macht die Kunst?