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ak: Du hast mit Texten über die Markenkultur begonnen, hast dann einen Dokumentarfilm über wiedereröffnete Fabriken in Argentinien gemacht. Jetzt berichtest du über den „Katastrophen-Kapitalismus“ im Irak und anderswo. Welche Entwicklung hat dich dahin geführt?
NK: Ich lebte in Buenos Aires, wo wir gerade eine Szene auf dem Dach einer besetzten Fabrik filmten, als der Irakkrieg begann. Das war der Beginn von „Die Schock-Strategie“. In Argentinien und in vielen anderen Teilen Lateinamerikas meinten die Leute über den Irakkrieg, dass das Gleiche ihnen auch passiert sei: Der Neoliberalismus sei mit Blut und Feuer nach Lateinamerika gekommen, und nun ziehe er mit denselben Mitteln in den Nahen Osten ein. Ich sah in Lateinamerika damals den Krieg durch eine lateinamerikanische Brille. Ich wollte deshalb einen historischen Blick darauf werfen, wie Angst und Schrecken praktisch genutzt werden, um jemandem eine Schocktherapie aufzuzwingen.
Ein weiterer Aspekt spielte bei dem lateinamerikanischen Blick auf den Irakkrieg eine Rolle. Wir waren nach Argentinien gekommen, weil das Land mittlerweile den „Konsens von Washington“ entschieden ablehnte. Der Konsens von Washington hatte ein Wirtschaftsmodell zum Ziel, nach dem die Politik der Privatisierungen gefördert, öffentliche Dienstleistungen abgebaut und letztendlich der Staat im Interesse ausländischer Investoren umgebaut werden sollte. In dem Moment, in dem Argentinien, der vormalige Musterschüler des Neoliberalismus, dieses Wirtschaftsmodell zurückwies, konnten wir beobachten, wie das Modell dem Irak mit nackter Gewalt aufgezwungen wurde.
Ich schrieb damals meine erste Kolumne über den Irak unter dem Titel „Getarnte Privatisierung“. In dieser Kolumne beschäftigte ich mich damit, dass die weltweite Ablehnung des Neoliberalismus dazu geführt hat, dass die Gewalt, mit der dieser durchgesetzt wird, enorm zugenommen hat. Während früher die Sitzungen der WTO, des IWF und der Weltbank noch den Schein des Konsenses bewahrten, wurde plötzlich ein anderes Konzept verfolgt: „Frag gar nicht erst. Nimm dir einfach, was du willst, indem du einen Präventivkrieg beginnst.“
Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, wollte ich genau dieses Thema behandeln. Ich hatte vor, den Übergang von einem Freihandel „der leichten Art“ zu einem Freihandel „der brutalen Art“ zu beschreiben, den Übergang von der Überredungskunst und der quasi-friedlichen Einführung dieses Wirtschaftsmodells hin zur offen gewalttätigen Einführung des von mir sogenannten Katastrophen-Kapitalismus. Beim „Katastrophen-Kapitalismus“ werden unter Ausnutzung von Präventivkriegen und großen Naturkatastrophen in der anti-demokratischsten Situation, die man sich vorstellen kann, nämlich wenn Menschen obdachlos, verwirrt und im Schock sind, von Konzernen dominierte Staaten aus den existierenden Trümmern aufgebaut.
Ich dachte zunächst, ich sei dabei, ein Buch über eine historische Veränderung zu schreiben. Ich bemerkte jedoch angesichts der Geschichte des Neoliberalismus, dass diese Ideologie immer dann einen Sprung nach vorne gemacht hatte, wenn eine bestimmte Logik am Werk war: Sie nutzte eine traumatische Situation aus. Das betrifft beispielsweise Chile 1973, China 1989, Polen 1989, Russland 1993 und die asiatische Wirtschaftskrise im Jahre 1997 und 1998.
In der Einleitung zu „Die Schock-Strategie“ zitierst du Milton Friedman, der sagte, dass „nur eine Krise – sei es eine echte oder lediglich eine empfundene – wirkliche Veränderung erzeugt“. Deiner Meinung nach ist das die grundsätzliche taktische Patentlösung des zeitgenössischen Kapitalismus. Viele MarxistInnen haben ähnliche Vorstellungen über die Krise als Chance zur Veränderung. Ist das deiner Meinung nach gefährlich, oder bergen Krisen auch das Potenzial für ein positive Transformation in sich?
Ich glaube, es ist immer gefährlich zu sagen, dass die Dinge erst schlimmer werden müssen, bevor sie besser werden können – das gilt für die Linke wie für die Rechte. Wenn die Linke so etwas propagiert, verliert sie in der Regel ihre wichtige menschenfreundliche Identität. Sie fängt beinahe an, sich über Tod und Schmerzen zu freuen, weil die ja die große Umwälzung mit sich bringen. Sowohl die Linke als auch die Rechte haben unter dieser Denkart gelitten. Die Rechte verfügt aber seit mindestens 35 Jahren über die Vorherrschaft. Deshalb sind das auch die Leute, die von den Krisen derzeit profitieren.
Milton Friedmans Arbeit war von der Gegnerschaft zum Keynesianismus und zur staatlich gelenkten Entwicklung stärker geprägt als von der Opposition zum Marxismus. Er war ganz konkret dagegen, wie die Keynesianer aus seiner Sicht erfolgreich die Krise der Großen Depression ausgenutzt hatten, also den Zusammenbruch des Marktes im Jahre 1929. Dieser Zusammenbruch führte zur Einführung des New Deal und ähnlicher Projekte in der ganzen Welt. Friedman schrieb in einem Brief an Pinochet, dass seiner Meinung nach die Geschichte hier anfing, aufs falsche Gleis zu geraten. Er bestritt, dass die Große Depression durch deregulierte Märkte ausgelöst wurde. Sie sei vielmehr durch eine zu starke Regulierung der Märkte verursacht worden. Friedman untersuchte außerdem, wie die Keynesianer Ideen und Konzepte für diese Krise bereitgehalten hatten. Meiner Meinung nach muss das weltweite Projekt der Rechten als ein Versuch gesehen werden, es den Keynesianern nachzumachen. Dabei werden kapitalkräftige, durch Konzerne finanzierte politische Forschungseinrichtungen (Think-Tanks) als Warmhalteöfen genutzt, um Ideen warm zu halten, bis die Krise ausbricht.
Diese Frage ist in Hinsicht auf Argentinien interessant, weil der Zusammenbruch der Wirtschaft Ende 2001 den Weg für neu entstehende Alternativen freimachte. Unser Film „The Take“ handelt von diesen sehr spannenden demokratischen Experimenten in den Fabriken. Statt die Schließung der Fabriken zuzulassen, setzten die Arbeiter sie wieder in Betrieb.
Zwar war die Krise auch für das argentinische Experiment von Bedeutung. Die beteiligten Menschen hatten aber eine ganz andere Art zu Denken als die Schock-Therapeuten und die Vertreter eines radikalen Neuanfangs, die immer davon träumen, mit einem „reinen Tisch“ von neuem anzufangen. Die Leute, über die wir in Argentinien unseren Dokumentarfilm drehten, hatten eine komplett andere Einstellung: Sie wollten mit dem vorhandenen Schrott etwas anfangen. Ihre Ideologie war nicht, alles erst mal zu vernichten und dann neu zu beginnen. Sie wollten da anzufangen, wo sie standen – in den rostigen Teilen der vormaligen Wirtschaftsprojekte. Diese Teile wollten sie zu etwas Neuem zusammenbauen. Der von diesen Leuten verfolgte Ansatz gründet eher auf einer Art Flickwerk; er rückt das Leben der Menschen und ihre Würde ins Zentrum des Interesses.
Gibt es Instrumente zur Wiedererrichtung einer gerechteren Gesellschaft?
Es gibt viele solcher Instrumente. Es lässt sich auch beobachten, wie diese Instrumente in Situationen der Verwirrung absichtlich angegriffen werden. Schau dir die Entwicklung in New Orleans seit dem Hurrikan Katrina an. Die Stadt hat sich in ein Experimentierfeld für durch Konzerne finanzierte, rechtsstehende politische Forschungseinrichtungen (sogenannte Think-Tanks) verwandelt. In meinem Buch „Die Schock-Strategie“ diskutiere ich ganz zu Anfang einen von Milton Friedman in einer Zeitung veröffentlichten Gastkommentar. Friedman fordert darin die Privatisierung der Schulen der Stadt – drei Monate, nachdem die Dämme in New Orleans gebrochen waren. Die Privatisierung wurde dann auch tatsächlich mithilfe der besonderen Form der „Vertragsschule“ durchgeführt, die in den USA weit verbreitet ist.
Zwei Jahre nach Katrina ist der Abriss der subventionierten Sozialwohnungssiedlungen geplant. An ihrer Stelle sollen Eigentumswohnungen entstehen. In diesen Siedlungen konnten früher Menschen mit geringem Einkommen im Zentrum von New Orleans leben, statt an den Rand der Stadt abgedrängt zu werden. Die ursprüngliche Idee der größten Gesundheitseinrichtungen der Stadt, beispielsweise des Charity Hospital, war, die Lücke zu schließen – trotzdem sie über Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben wurden.
Diese Einrichtungen sind wie Brücken. Und die Brücken – Sozialwohnungen, öffentliche Gesundheitseinrichtungen, öffentliche Schulen – werden von der neoliberalen Ideologie als erstes unter Beschuss genommen. Die zentrale Botschaft meines Buches ist, dass uns erzählt wurde, dass viele unserer Ideen ausprobiert worden sind und dass sie nicht funktioniert haben. Tatsächlich ist es umgekehrt. Unsere Ideen funktionieren, aber sie kosten auch was. Sie fördern sehr stark das wirtschaftliche Wachstum, aber sie schmälern die Megaprofite erheblich. Deshalb wurde so aggressiv versucht, diese Konzepte als Misserfolge darzustellen.
Welchen Grund zur Hoffnung siehst du in der heutigen Welt?
Mein Projekt ist im Grunde genommen zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Es begann in Argentinien auf dem Dach einer besetzten Fabrik. Ich dachte danach an diese außergewöhnliche politische Situation zurück, in der der Traum von einer echten Alternative entstand – ein dritter Weg zwischen totalitärem Kommunismus und grausamem Kapitalismus, aber nicht im Sinne von „New Labour“. Wenn ich an diese kritischen Augenblicke zurückdenke, fällt mir immer wieder als Teil des Traums die Idee der Genossenschaft ein.
Das genossenschaftliche Konzept ist nicht gescheitert, es wurde ja nie ausprobiert. Solidarnosc hatte nie eine Chance, ihr wirkliches Wirtschaftsprogramm in Polen umzusetzen. Dieser Traum wurde viel zu schnell durch die Schocktherapie verraten. In Russland wurde ganz klar entschieden, die Wirtschaft nicht demokratisch neu zu strukturieren, obwohl 67 Prozent aller Russen angaben, dass sie es bei einer Privatisierung bevorzugen würden, wenn die staatlichen Unternehmen an die Arbeiter zur Gründung einer Arbeitergenossenschaft übergeben würden.
Ich ziehe große Hoffnung daraus, wenn mir klar wird, dass die Ideen, von denen uns erzählt wurde, sie seien unmöglich, nicht gescheitert sind. Die Vorstellung, dass ihre Ideen bereits diskreditiert sind, schwächt die Linke enorm. Dadurch zögern wir in wichtigen Situationen. Wenn man sich die ganzen untergegangenen Welten aus der linken Geschichte der vergangenen 35 Jahre in Erinnerung ruft, sieht man Folgendes: Was die überwiegende Mehrheit in Südafrika, Polen, Russland und China gewollt hat, ist nicht gescheitert, sondern wurde niedergeschlagen. Die damals geäußerten Wünsche wurden sowohl mit militärischen Tanks als auch mit Think-Tanks niedergeschlagen.
Wenn man weiß, wie der Schock funktioniert, kann man sich dagegen wappnen. Sobald Gefangene beispielsweise wissen, wie der Schock als Verhörmethode funktioniert, können sie solchen Methoden widerstehen. Ich glaube, dasselbe gilt für die gesamtgesellschaftliche Ebene. Gesellschaften, die aus ihren vergangenen traumatischen Erlebnissen gelernt haben – dazu würde ich viele lateinamerikanische Gesellschaften zählen – sind „schockresistenter“. Man kann sie in traumatischen Situationen schlechter ausnutzen.
Was wir in Argentinien gesehen haben – der Zusammenbruch der Wirtschaft und die plötzliche Schließung der Banken für die Bürger – war für Argentinierinnen und Argentinier damals genauso traumatisch wie die Große Depression. Der Präsident rief am 19. Dezember 2001 den Belagerungszustand aus und erklärte, „jeder soll zuhause bleiben, das Land ist bedroht, schenkt mir euer Vertrauen“. Die Leute sind aber in Massen aus ihren Häusern geströmt, haben auf Töpfe und Pfannen geschlagen und ihn aus dem Amt gejagt. Wenn du jemanden fragst, warum sie das gemacht haben, werden sie dir sagen, dass ihnen so etwas schon einmal passiert ist. Sie wollten einfach nicht, dass es ihnen noch mal passiert. Mit anderen Worten: Sie wussten, wie Schock funktioniert, und sie hatten keine Lust, in den Zustand einer ängstlich-regressiven Unterwerfung unter Leute in Autoritätspositionen zu verfallen. Dieses Beispiel gibt mir Hoffnung.
Übersetzung: Edward Viesel
Wiederabdruck
Dieses Interview erschien zuerst ungekürzt in englischer Sprache in: Red Pepper Magazine, Oktober/November 2010. Zeitgleich erschien es in gekürzter Fassung und deutscher Übersetzung in: ak – analyse & kritik – zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 521 / 19.10.2007 unter http://www.akweb.de/ak_s/ak521/22.htm [10.7.2013].
1. Herkunft
Die Bilder zerstörter Menschenkörper sind von Nicht-Fotografen gemacht worden. Die meisten wurden von Zeugen, Passanten, Soldaten, Sicherheitsoffizieren, Polizeibeamten, Rettungsdienst- und Erste-Hilfe-Kräften aufgenommen. Die Herkunft der Bilder bleibt ungeklärt und ist oft nicht verifizierbar, es fehlt die Quellenangabe, was auch immer eine „Quelle“ nach unserem Verständnis ist. Diese ungeklärte Herkunft und diese Nichtverifizierbarkeit spiegeln die heutige Unklarheit wider. Das ist, was mich interessiert. Oftmals ist die Herkunft nicht garantiert – aber was kann in unserer heutigen Welt überhaupt eine Garantie beanspruchen, und wie kann „unter Garantie“ noch einen Sinn abgeben? Diese Bilder werden im Internet zum Herunterladen zur Verfügung gestellt, sie haben den Status eines Zeugnisses und sind von ihren Urhebern aus vielen verschiedenen Gründen ins Netz gestellt worden. Darüber hinaus wird die Herkunft dieser Bilder nicht angegeben und manchmal ist sie unklar – mit einer undeutlichen, vielleicht sogar manipulierten oder gestohlenen Adresse, wie dies häufig für Vieles gilt, was heute im Netz und in sozialen Netzwerken zu finden ist. Wir werden jeden Tag damit konfrontiert. Die unbestimmte Herkunft stellt einen der Gründe dar, warum es wichtig ist – heute – solche Bilder anzusehen und zu zeigen.
2. Redundanz
Die Bilder zerstörter Menschenkörper sind in ihrer Redundanz wichtig. Was redundant ist, ist genau dies, dass heute eine solch unermessliche Menge von Bildern zerstörter Menschenkörper existiert. Redundant ist hier nicht die Wiederholung desselben, weil es immer ein anderer Menschenkörper ist, der zerstört wurde und als solcher redundant erscheint. Es geht nicht um Bilder, sondern um Menschenkörper, um den Menschen, von dem das Bild ein Zeugnis darstellt. Die Bilder sind redundant, weil es redundant an sich ist, dass Menschen zerstört werden. Redundanz – an sich – ist hier wichtig. Ich will dies als etwas Entscheidendes verstehen und ich will diese Redundanz als eine Form ansehen. Wir wollen die Redundanz solcher Bilder nicht akzeptieren, weil wir die Redundanz von Grausamkeit dem Menschen gegenüber nicht akzeptieren wollen. Dies ist der Grund, warum es wichtig ist, sich die Bilder zerstörter Menschenkörper – heute – in ihrer Redundanz zu zeigen und anzuschauen.
3. Unsichtbarkeit
In den Zeitungen, Illustrierten und Fernsehnachrichten sehen wir heute kaum Bilder zerstörter Menschenkörper, da sie sehr selten gezeigt werden. Diese Bilder sind nicht sichtbar und unsichtbar. Die Annahme ist, dass sie die Sensibilität des Betrachters verletzen oder bloß den Voyeurismus befriedigen, und der Vorwand besteht darin, uns vor dieser Gefahr zu schützen. Aber diese Unsichtbarkeit ist nicht harmlos. Die Unsichtbarkeit bildet die Strategie, die Kriegsanstrengung zu unterstützen, oder sie zumindest nicht zu beeinträchtigen. Es geht darum, den Krieg akzeptabel und seine Auswirkungen ermessbar zu machen, wie dies z. B. vom ehemaligen US-amerikanischen Verteidigungsminister (von 2001–2006) Donald Rumsfeld formuliert wurde: „Der Tod hat die Tendenz, einer deprimierenden Ansicht des Kriegs Vorschub zu leisten.“ Aber gibt es wirklich eine andere Ansicht des Kriegs als eine deprimierende? Bilder zerstörter Menschenkörper anzusehen und sie zu zeigen, ist eine Möglichkeit, sich gegen Krieg sowie gegen seine Rechtfertigung und Propaganda zu engagieren. Seit dem 11. September 2001 ist dieses Phänomen der Unsichtbarkeit verstärkt worden. Diese Unsichtbarkeit, nicht als ein gegebenes Faktum oder als eine „Schutzmaßnahme“ zu akzeptieren, ist ein Grund, warum es wichtig ist – heute – solche Bilder anzusehen.
4. Die Tendenz zur Ikonisierung
Die Tendenz zur Ikonisierung existiert noch heute. Ikonisierung ist die Gewohnheit, das Bild, das „hervorsticht“, das „das Wichtige“ ist, das „mehr sagt“, das „mehr zählt, als die anderen“, „auszuwählen“ bzw. zu „finden“. Mit anderen Worten: Die Tendenz zur Ikonisierung ist die Tendenz, ein Schlaglicht auf etwas zu werfen. Es ist das alte klassische Verfahren, eine Hierarchie zu begünstigen und sie auf autoritäre Weise aufzuoktroyieren. Dies ist keine Wichtigkeitserklärung gegenüber etwas oder einem Einzelnen, sondern eine Wichtigkeitserklärung gegenüber Anderen. Das Ziel ist, eine scheinbar gemeinsame Wichtigkeit, ein gemeinsames Gewicht, ein gemeinsames Maß zu etablieren. Aber die Tendenz zur Ikonisierung und zum „Ein-Schlaglicht-auf-etwas-werfen“, hat den Effekt, die Existenz von Unterschieden, des Nicht-Ikonischen, des Redundanten und des Nicht-Hervorstechenden zu verneinen. Im Bereich von Bildern des Kriegs und des Konflikts führt dies dazu, dasjenige Bild, das für andere „akzeptierbar“ ist, auszuwählen. Es ist das „akzeptable“ Bild, das für ein anderes Bild, für alle anderen Bilder, für etwas Anderes und sogar für das „Nicht-Bild“ steht. Dieses Bild bzw. diese Ikone muss selbstverständlich das Richtige, das Gute, das Gerechte, das Erlaubte, das Ausgewählte – das konsensstiftende Bild sein. Dies macht die Manipulation aus. Ein Beispiel ist das (auch von Kunsthistorikern) vieldiskutierte Bild des „Situation-Room“ in Washington während der Eliminierung von Bin Laden durch die „Navy SEALs“ im Jahr 2011. Ich lehne es ab, dieses Bild als eine Ikone zu akzeptieren, ich lehne seine Ikonisierung ab, und ich lehne die Tatsache ab, dass dieses Bild – wie alle anderen „Ikonen“ – für etwas Anderes als für sich selbst steht. Die Tendenz zur Ikonisierung zu bekämpfen, ist der Grund, warum es wichtig ist – heute –Bilder zerstörter Körper zu zeigen und anzuschauen.
5. Die Reduktion auf Tatsachen
In der heutigen Welt der Tatsachen, der Information, der Meinung und der Kommentare wird vieles darauf reduziert, faktisch zu sein. Das Faktum ist das neue „goldene Kalb“ des Journalismus, und die Journalistin oder der Journalist will ihm die Zusicherung und Garantie von Wahrheitstreue geben. Aber mich interessiert die Verifizierung einer Tatsache nicht. Mich interessiert die Wahrheit als solche. Die Wahrheit, die keine verifizierte Tatsache oder „korrekte Information“ einer journalistischen Geschichte ist. Die Wahrheit, die mich interessiert, leistet Widerstand gegen Tatsachen, Meinungen, Kommentare und gegen den Journalismus. Die Wahrheit lässt sich nicht reduzieren. Deshalb sind die Bilder zerstörter Menschenkörper irreduzibel und widerstehen der Tatsächlichkeit. Ich leugne Tatsachen und die Tatsächlichkeit keineswegs, aber ich will der Textur heutiger Tatsachen widerstehen. Die Gewohnheit, die Ereignisse auf Tatsachen zu reduzieren, stellt einen bequemen Weg dar, die Wahrheit zu vermeiden. Dieser Neigung zu widerstehen, entspricht der Dynamik – die dazu führt – die Wahrheit zu berühren. Bedingungslose Akzeptanz der Tatsachen will uns die faktische Information als „das Maß“ aufoktroyieren, statt dass wir mit unseren eigenen Augen hinschauen und sehen. Ich will mit meinen eigenen Augen sehen. Der Widerstand gegen die heutige Tatsachenwelt macht es notwendig, Bilder zerstörter Körper zu zeigen und anzuschauen.
6. Opfer-Syndrom
Sich die Bilder zerstörter Menschenkörper anzuschauen, ist wichtig, weil es zu meinem Verständnis beitragen kann, dass die unermessliche Tat nicht die des Anschauens ist. Was unermesslich oder inkommensurabel ist, ist die Zerstörung, die stattgefunden hat – dass ein Mensch, ein Menschenkörper zerstört wurde, ja, dass eine unermessliche Anzahl von Menschen zerstört wurde. Es ist wichtig – jenseits von allem anderen – dies zu verstehen. Erst dadurch, dass ich in der Lage bin, diese unermessliche Tat zu berühren, kann ich der nachkommenden Frage widerstehen: Ist dies ein Opfer oder nicht? Und wessen Opfer? Oder ist dies vielleicht ein Täter, ein Terrorist? Geht es überhaupt nicht um das Opfer? Und vielleicht sollte dieser zerstörte Menschenkörper nicht als Opfer betrachtet bzw. gezählt werden? Zerstörte Menschenkörper als Opfer oder Nicht-Opfer einzuordnen, ist ein Versuch, sie ermesslich zu machen, statt darüber nachzudenken, dass all diese Körper das Unermessliche sind. Das Opfer-Syndrom ist das Syndrom, das will, dass ich dem Unermesslichen eine Antwort, eine Erklärung, einen Grund gebe und letztendlich feststelle, wer der „Schuldige“ und wer der „Unschuldige“ ist. Der einzige überlebende Terrorist bei den Bombay-Terroranschlägen von 2008 sagte vor dem Gericht, das ihn zum Tod verurteilte: „Ich glaube nicht, dass ich unschuldig bin.“ Ich denke, das Unermessliche in dieser Welt hat keinen Grund, keine Erklärung und keine Antwort. In dieser unermesslichen Welt muss ich die Versuchung der Ermesslichkeit ablehnen und ich will die Klassifizierung in Opfer oder Nicht-Opfer nicht akzeptieren. Ich will nicht durch das neutralisiert werden, was die Welt kommensurabel machen will. Ich weigere mich, mir alles durch den Kontext erklären und es auch dadurch entschuldigen zu lassen. Ich will mich nicht durch „den Kontext“ neutralisieren lassen. Die Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen und anzusehen ist – heute – wichtig, weil ich angesichts des Opfer-Syndroms nicht resignieren will.
7. Die Irrelevanz der Qualität
Diese Bilder – weil sie von Augenzeugen aufgenommen wurden – haben keine fotografische Qualität. Das interessiert mich. Es ist die Bestätigung, dass unter Bedingungen der Dringlichkeit und in Not so etwas wie Qualität nicht notwendig ist. Ich glaubte immer an „Qualität = Nein! Energie = Ja!“. Hier gibt es keinen ästhetischen Ansatz außer dem Ziel, das Bild aufzunehmen. Die Bedingungen von „Qualität“ sind irrelevant angesichts des Unvorstellbaren. Bilder von zerstörten menschlichen Körpern zeigen dies auf. Kein technisches Know-how ist vonnöten. Kein Fotograf ist notwendig. Das Argument von der „fotografischen Qualität“ ist das Argument der Abseitsstehenden, der Nicht-Anwesenden, das Argument das im Namen des „Qualität“-Arguments „Abstand“ einzuhalten und „Kontrolle“ zu sein, ausdrückt. Aber es gibt – heute – keine Kontrolle mehr. Was vonnöten ist, ist vielmehr Zeuge zu sein, da zu sein, hier zu sein und jetzt hier zu sein, anwesend zu sein, zum „richtigen Zeitpunkt“ am „richtigen Ort“ anwesend zu sein. Die meisten Bilder werden mit kleinen Kameras, Smartphones oder Mobiltelefonen aufgenommen. Sie passen zu unserer Art und Weise, das „Alles“ und „Nichts“ im Alltagsleben zu bezeugen und es sofort „publik“ zu machen. Die Irrelevanz der Qualität dieser Bilder ist eine klare Kritik am „embedded“ Fotojournalismus und dem Journalismus im Allgemeinen. Die Irrelevanz der Qualität macht es wichtig – heute – solche Bilder zu zeigen und anzuschauen.
8. Abstandnahme durch Hypersensibilität
Ich bin sensibel, und ich will sensibel sein. Gleichzeitig will ich aufmerksam sein und bleiben. Ich will nicht Abstand nehmen, ich will nicht wegschauen und ich will meinen Blick nicht abwenden. Manchmal höre ich von Betrachtern oder Betrachterinnen, wenn sie auf Bilder zerstörter Menschenkörper stoßen: „Ich kann mir dies nicht anschauen, ich muss mir dies nicht ansehen, ich bin zu sensibel.“ Das ist die Bemühung, einen bequemen, narzisstischen und exklusiven Abstand zur heutigen Wirklichkeit, zur Welt zu halten. Zu unserer Welt, zu der einmaligen und zur einzigen, zu unserer Welt. Beim Diskurs der Sensibilität – eigentlich der Hypersensibilität – geht es darum, den eigenen Komfort, die eigene Ruhe, den eigenen Luxus zu bewahren. Diejenigen nehmen Abstand, die sich – mit ihren eigenen Augen – nicht mit der Unermesslichkeit der Wirklichkeit konfrontieren wollen. Abstand zur Wirklichkeit ist niemals ein Geschenk, es ist etwas, das sich ein paar wenige erlauben zu nehmen, um ihre Exklusivität unversehrt zu halten. Hypersensibilität ist das Gegenteil des „nicht-exklusiven Publikums“. Um sich mit der Welt zu konfrontieren, um mit ihrem Chaos, ihrer Unermesslichkeit zu kämpfen, um zu koexistieren in der Welt und um mit dem Anderen zu kooperieren, muss ich mich ohne Abstand mit der Wirklichkeit konfrontieren. Deshalb ist es notwendig, Sensibilität – die für mich bedeutet, „wach“ und „aufmerksam“ zu sein – von der Hypersensibilität zu unterscheiden, einer Hypersensibilität, die „Selbsteinschließung“ sowie „Ausschließung“ bedeutet. Um der Hypersensibilität zu widerstehen, ist es wichtig – heute – Bilder zerstörter Menschen-körper zu zeigen und anzusehen.
Translated from the English by Dr Michael Eldred, Köln
Wiederabdruck
Der Text war Teil der Ausstellung Thomas Hirschhorn / „Collage Truth“ / Galerie Susanna Kulli Zürich vom 12. Januar bis 25. Februar 2013 und ist im Buch „Critical Laboratory. The Writings of Thomas Hirschhorn“, MIT/October Books, Cambridge, Mass. (USA) 2013 enthalten.
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