define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);
SZ: Worüber wollen Sie überhaupt mit mir sprechen? Finanzkrise, Politik, Wirtschaft – das finde ich alles nicht interessant. Wir leben in einer Zeit, in der man sagen muss: Scheiss drauf! Die Welt wird untergehen, wir alle werden sterben, was solls? Es ist mir egal – das ist meine Einstellung. Ich glaube nicht an die Erpressung, dass sich die Theorie nicht in einem Elfenbeinturm verkriechen, sondern sich einmischen soll. Nein, das sollte sie eben nicht! Sich einzumischen, ist heute das Rezept der Mächtigen. Deshalb führen sie an den Universitäten die Bologna-Reform durch. Sie wollen uns zu Experten machen, die konkrete Probleme lösen. Aber seien wir ehrlich: Welches Problem hat Marx schon wirklich gelöst?
WOZ: Was dann? Rumsitzen und nichts tun?
Pure abstrakte Theorie! Geniesst sie. Alles Gute entstand schon immer als Kollateralschaden.
Sie sind ja richtig zynisch.
Wissen Sie, wer heute sagt, wir müssten uns engagieren und einmischen? Bill Gates! Humanitaristen sprechen so! Ihre Botschaft ist: Denke nicht zu viel, handle einfach …
Sie pfeifen jetzt also auf die Welt und machen nur noch reine Philosophie?
Jeder echte Theoretiker hat diese Einstellung, auch Marx. Mit der Bologna-Reform will man uns weismachen, Wissen müsse einen sozialen Nutzen haben, Probleme lösen und so weiter. Das ist ja der Trick der Mächtigen: Sie wollen Experten, die Probleme lösen, die sie definieren. Aber der erste Schritt der Theorie ist, selbst Probleme zu formulieren …
Nur zu, wie formulieren Sie das grösste Problem unserer Zeit?
Ich bin Marxist. Bei allen Ungewissheiten, die wir heute haben, ist das wesentliche Problem der Kapitalismus. Aber ich bin bereit, dem Teufel zu geben, was dem Teufel gehört: Der Kapitalismus ist mit Abstand das effizienteste Wirtschaftssystem, das wir kennen. Der bisherige Kommunismus hat in speziellen Momenten funktioniert, etwa während einer schnellen Industrialisierungsphase. Aber darauf folgte immer Stagnation – ausser man macht es wie China und übernimmt den Kapitalismus.
Eine schöne Ironie, finden Sie nicht? Ausgerechnet das sogenannt kommunistische China ist zum Vorbild für den kapitalistischen Westen des 21. Jahrhunderts geworden.
Marx dachte, dass die kapitalistische Ausbeutung am besten unter formaler Freiheit funktioniert. Ich muss also zum Beispiel meine Arbeitskraft in Ihrer Fabrik verkaufen, weil ich selbst keine besitze. Formal bin ich aber frei. Ich glaube, dass sich der Kapitalismus diese formale Freiheit immer weniger leisten kann. Die wahre Ironie ist: Für Marx war es beispielhafte Ausbeutung, dass man den ganzen Tag in einer dummen Fabrik arbeiten musste, regelmässige Arbeitszeiten hatte und dabei ausgebeutet wurde. Entschuldigung, aber heute ist es ein Privileg, regelmässige Arbeitszeiten zu haben. In den südeuropäischen Ländern gibt es eine junge Generation, die studiert und schon im Voraus weiss, dass sie keinen Job finden wird. Die haben nicht einmal die Chance, ausgebeutet zu werden.
Wissen Sie, dass die britische Regierung unter David Cameron von nun an in offiziellen Dokumenten nicht mehr das Wort «unemployed» (nicht angestellt) verwendet, sondern «workless» (arbeitslos)? Wunderbar, nicht? «Unemployed» heisst ja: Ich will arbeiten, aber niemand stellt mich an. «Workless» hingegen tönt sehr ähnlich wie «worthless» (wertlos) und heisst eben: Ich arbeite nicht.
Wie definieren Sie überhaupt «Kapitalismus»?
Kapitalismus ist für mich ein System, in dem der ganze Sinn des ökonomischen Kreislaufs dem Profit dient – der Kapitalbesitzer kann aber auch der Staat sein. Derzeit passiert etwas Interessantes: Es gibt einen Trend vom Profit – der Ausbeutung der Arbeit – zur Rente, also etwa dem Verdienst am Boden: China kauft das beste Land in Afrika. Dabei geht es China nicht mal mehr darum, die lokale Bevölkerung auszubeuten. In Sambia gab es eine Rebellion in einer Mine, die von Chinesen gekauft wurde. Die Chinesen hatten versprochen, der lokalen Bevölkerung Jobs zu geben. Dann verabschiedete die sambische Regierung ein Gesetz, wonach der Mindestlohn umgerechnet rund 240 Euro im Monat betragen sollte. Die Chinesen sagten: Fuck you, wir bringen unsere eigenen Arbeiter aus dem chinesischen Hinterland. Die machen das für 150.
Noch ein Beispiel: wieder Bill Gates. Wen beutet er aus? Seine Arbeiter? Nein, er hat die intellektuellen Gemeingüter monopolisiert. Wenn wir kommunizieren, zahlen wir ihm Miete. Das ist der Punkt: Wir müssen den Marxismus auf die heutigen Bedingungen übertragen. Was hat sich geändert? Das ist die Frage.
Als Philosoph definieren Sie all diese Probleme, schön. Doch was damit tun?
Ich kann nur sagen: Wir können nicht einfach rumsitzen und auf die grosse Revolution warten. Vor kurzem haben mich ein paar idiotische Linke als Prokapitalisten beschimpft, weil ich gesagt hatte, dass Barack Obama etwas ganz Grosses geleistet hat – trotz meiner Enttäuschung über ihn. Mit der Gesundheitsreform hat er eine entscheidende Debatte ausgelöst. Denn sie störte den Kern der amerikanischen Ideologie: diese falsche Vorstellung von Wahlfreiheit. Wahlfreiheit ist etwas Tolles. Aber damit sie funktioniert, braucht es ein komplexes System eines Staatsapparats, das einen Rahmen vorgibt. Deshalb war die Reaktion auf die Gesundheitsreform ja auch so panisch. Obama hat etwas vorgeschlagen, was in vielen anderen Staaten funktioniert. Man konnte ihn also nicht ernsthaft beschuldigen, er propagiere eine irre linke Idee.
Wir sind etwas erstaunt: In einem Ihrer Bücher kritisieren Sie den Philosophen John Caputo, weil er sagt, man könne innerhalb des Kapitalismus Reformen anstreben. Sie schreiben, Reformen seien innerhalb dieses Systems gar nicht möglich.
Ah, wer weiss? Freunde haben mich überzeugt, dass der Widerspruch zwischen bescheidener Reform und grosser Revolution bis zu einem gewissen Punkt gar keiner ist.
Aber genau das haben Sie dort geschrieben.
Ah, ah, ah, … vorsichtig, vorsichtig! Ich habe nie gesagt, jede Reform sei unnütz. Wenn Sie sich mit erfolgreichen Revolutionen befassen, sehen Sie, dass diese nie von Beginn weg als totaler Wandel daherkamen. Es geht immer um etwas ganz Spezifisches, und erst dann bemerkt man, dass es dafür viel mehr braucht: noch eine Änderung und noch eine und so weiter.
Ich erinnere mich an meine Zeit als gemässigter Dissident im kommunistischen Slowenien. Es war kein Problem zu sagen, der Kommunismus lege den Grundstein für den Nationalsozialismus. Ein Problem kriegte man, wenn man hier und da eine Änderung im Strafgesetz wollte. Verstehen Sie, was ich meine? Eine kleine präzise Änderung kann manchmal viel gefährlicher sein als der grosse metaphysische Umsturz.
Meine Antwort auf John Caputo ist ganz einfach: Wenn Reformen wirklich möglich sind, warum passieren sie dann nicht? Diese Krise wird dem Kapitalismus helfen! Das habe ich immer gesagt. Die Publizistin Naomi Klein würde sagen: «Die Krise wird als Schocktherapie gebraucht.» In vielen Ländern wird der Wohlfahrtsstaat derzeit zurückgedrängt. Und sogar die Linke akzeptiert die Agenda, nach der wir Sparprogramme brauchen.
Sie glauben nicht an eine soziale Demokratie?
Lassen Sie es uns versuchen! Ich bin nur pessimistisch, dass wir es schaffen können. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein linker Masochist, der sagt: Je schlimmer es uns geht, desto besser geht es unserer Sache. Nein, nein. Ich ziehe den brasilianischen Weg von Lula da Silva und jetzt Dilma Rousseff dem von Hugo Chávez in Venezuela vor.
Tatsächlich?
Ja, natürlich. Wissen Sie, ich habe meinen privaten KGB, der mir gewisse Informationen liefert (lacht). Chávez ist fürchterlich. Das Problem ist, dass er zu viel Geld hat. Und anstatt Probleme zu lösen, wirft er den Menschen Geld zu. Wenn Sie denken, ich sei ein irrer Totalitärer, wird Sie folgende Geschichte überraschen: Als ich in Griechenland Alexis Tsipras von der Syriza besuchte …
… warum unterstützen Sie als Kommunist eigentlich die linke Partei Syriza und nicht die griechischen Kommunisten?
Weil das Idioten sind. Die warten auf die grosse Revolution! Ihr Hauptfeind ist die Sozialdemokratie. Das sind Hardliner-Kommunisten. Und trotz meiner eigenen Exzentrizität sind sie mir ein bisschen zu verrückt. Es ist die einzige kommunistische Partei, die in ihrer eigenen Druckerei noch immer regelmässig Stalins komplettes Werk druckt und veröffentlicht.
Aber zurück zur Syriza: Tsipras erzählte mir eine tragische Geschichte, die ich bisher nicht publik gemacht habe, weil ich befürchtete, der Syriza zu schaden. Ich fragte ihn, ob er vor den Wahlen von Russland oder China kontaktiert worden sei. Von China habe er nichts gehört, sagte er, aber die Chinesen hätten den Hafen von Piräus gekauft, alle Angestellten gefeuert, Gewerkschaften verhindert und so weiter. Die Russen hingegen kamen – und Tsipras zitterte fast, als er mir das erzählte – und sagten: Wir sind bereit, euch zu retten. Und dann gaben sie ihm eine Liste mit all den profitablen staatlichen Telekommunikationsfirmen, die sie übernehmen wollten, plus – und hier kommt der grosse Clou – eine Insel, die sie für hundert Jahre als Militärbasis nutzen wollten. Tsipras sagte mir, er habe alle Illusionen verloren.
Was ich an der Syriza bewundere: Die sind nicht so wie andere Linke, die Angst vor der Macht haben. Die zwar von aussen Druck auf den Staat aufsetzen, sich aber die Hände nicht schmutzig machen wollen. Die Syriza wusste vor der Wahl, dass die Partei nach einem Sieg tief in der Scheisse stecken würde. Sie hätte den ganzen Staatsapparat gegen sich gehabt. Ich mag diesen authentischen Heroismus, auch wenn alles verloren ist. Und da zitiere ich sehr gerne Samuel Beckett: «Okay, wir werden scheitern, aber das nächste Mal scheitern wir besser.»
Sie schwanken zwischen Pessimismus und Optimismus …
Ich bin kein völliger Pessimist. Nehmen wir zum Beispiel 1968. Gut, ich mache mich oft lustig darüber: Die Achtundsechziger waren gegen unterdrückende Staatsbildung, gegen Serienarbeit und gegen familiäre Unterdrückung; heute haben wir stattdessen privatisierte Bildung, Kurzarbeitsverträge und billigen Hedonismus. Aber ein Ergebnis der sechziger Jahre ist auch, dass man heute nicht mehr so verächtlich über Frauen reden darf wie früher, auch dass man sich nicht mehr rassistisch äussern kann. In dieser Frage bin ich ein hegelianischer Idealist: Jaja, die Wirtschaft ist schon wichtig. Aber ebenso wichtig ist, was Hegel die «sittliche Substanz» nannte – diese ungeschriebenen Regeln.
Was meinen Sie damit?
In Europa sollte das Motto der Linken «Mehr Dogmatismus» sein. Als ich das kürzlich an einer Debatte sagte, dachten die Leute, ich werde langsam ein verrückter Stalinist. Aber mit Dogmen meine ich nicht, dass ein Zentralkomitee alles vorschreibt. Ich meine, dass gewisse Haltungen selbstverständlich sein müssen. 1968 hat uns einen neuen Dogmatismus gebracht. Danach konnte man nicht mehr öffentlich sagen: Vielleicht mögen es Frauen ja, vergewaltigt zu werden. Wenn man das heute sagt, erreicht man nicht einmal mehr eine Kontroverse, man steht nur als kompletter Idiot da. In diesem Sinn brauchen wir Dogmen. Ich mag nicht in einer Gesellschaft leben, in der man ständig darüber diskutieren muss, warum Frauen nicht vergewaltigt werden dürfen. Dasselbe gilt für Rassismus …
Gerade da gibt es heute aber gewisse Rückschritte.
Ja, und das bereitet mir Sorgen. Hier bin ich mit Jean-Marie Le Pen einig, dem Gründer des rechtsextremen Front National. Nachdem er zum ersten Mal die Wahlen verloren hatte, sagte er: «Ich habe verloren, weil ich gewonnen habe – meine Themen sind jetzt von allen akzeptiert.»
Die Linke ist in solchen Fragen sehr scheinheilig, gerade in Frankreich: Wie gross war die Aufregung, als Nicolas Sarkozy ein paar Roma ausschaffte. Aber François Hollande macht heute genau dasselbe, sogar noch viel systematischer. Das ist der Erfolg von Le Pen! In ähnlicher Weise antwortete Margaret Thatcher einmal, als sie gefragt wurde, was ihre grösste Errungenschaft gewesen sei: «New Labour!»
Umgekehrt werden heute selbst in grossen konservativen Zeitungen Debatten über den Kapitalismus geführt.
Ja, nehmen wir zum Beispiel den Philosophen Peter Sloterdijk. Er sagt: Im 20. Jahrhundert dachten wir, nur die vereinten Armen könnten uns retten – heute wissen wir, nur die Ultrareichen können uns retten. Okay, Sloterdijk ist etwas verrückt, aber das bin ich auch. Er kämpft allerdings mit den gleichen Problemen wie ich: Wie können wir die sozialdemokratischen Werte beibehalten? Wie die Reichen richtig besteuern? Nur, dann wird Sloterdijk völlig verrückt und macht einen Vorschlag, der natürlich nicht funktioniert: dass wir den Reichen mehr soziale Anerkennung schenken und ihre Erfolge nicht kritisieren sollen.
Was wäre denn Ihre Antwort: Was soll man mit den Reichen tun?
Keine Ahnung, das ist mir egal. Lassen wir sie doch reich sein.
Ist Ungleichheit für Sie kein Problem?
Selbstverständlich. Aber vergessen Sie nicht, ich bin Marxist. Marx betont, dass Gleichheit ein bourgeoiser Slogan ist. Das Problem ist nicht die Ungleichheit, sondern die marktorientierte kapitalistische Reproduktion. Kann dieses System weiter funktionieren, oder werden ihre Folgen zu seiner Selbstzerstörung führen?
Selbstzerstörung? Das behauptet die Linke schon seit über hundert Jahren, aber der Kapitalismus funktioniert wunderbar.
Ich weiss. Ich mache mich ja auch darüber lustig …
Aber eben haben Sie doch von Selbstzerstörung gesprochen.
Lassen Sie mich meinen Kronzeugen anführen: Francis Fukuyama.
Fukuyama? Der in den neunziger Jahren behauptete, die Heirat von Kapitalismus und Demokratie bedeute das Ende der Geschichte?
Genau. Aber Fukuyama ist kein Idiot, der sagte, alles sei vorüber. Er meinte nur: Das ultimative System ist eine sozial verantwortliche kapitalistische Demokratie, also sollten wir nicht mehr länger die grossen Fragen über den Kapitalismus und den Staat stellen. Wir sollten ihn in diesem Rahmen effizienter machen. Das letzte Mal, als ich Fukuyama traf, kam die Überraschung: Er ist kein Fukuyamaist mehr. Es sagte sogar, dass wir stärkere soziale Regulierungen bräuchten, einen radikalen Wandel.
Fukuyama glaubte, Kapitalismus und Demokratie gingen Hand in Hand, stattdessen höhlt der Kapitalismus die Demokratie aus.
Heute zweifelt er an seiner These. Wir mussten lachen, als ich Fukuyama sagte: «Okay, du hast recht, der Kommunismus hat verloren. Aber der Kommunismus hat seine Rache, die effizientesten Manager des Kapitalismus sind Exkommunisten!»
Ich mache mich nicht lustig über den Kapitalismus. Denn es ist wahr, dass die einzige stabile Demokratie, auch wenn sie eingeschränkt war, im Kapitalismus existierte. Der Kapitalismus tolerierte hie und da Diktaturen für ein Jahrzehnt oder so. Aber wenn die Dinge wirklich anfingen zu laufen, dann gab es eine explodierende Nachfrage nach Demokratie. Das war in Südkorea so, in Chile und so weiter. Doch nun gibt es eine beängstigende Entwicklung: Vielleicht erleben wir im Fernen Osten derzeit eine Scheidung dieser ewigen Hochzeit zwischen Kapitalismus und Demokratie. Peter Sloterdijk glaubt, in hundert Jahren würde ein Monument für Lee Kuan Yew errichtet werden, den Vater des autoritären Kapitalismus von Singapur.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich glaube nicht, dass es morgen keine Demokratie mehr geben wird, aber sie wird immer mehr ihrer Substanz beraubt. Ich hasse linke Liberale, die nur alte Klischees hervorkramen und sagen: Oh, da entsteht ein neuer Faschismus. Das stimmt nicht! Es ist ein neues autoritäres System, in dem sich nicht alles um einen Führer dreht, eine Art permissiver Autoritarismus. Da zieht etwas wirklich Neues auf. Und wir haben keine überzeugende Theorie dafür. «Wissensgesellschaft», «Risikogesellschaft», «postmoderne Gesellschaft» – das sind nur Schlagwörter von Journalisten. Was ist China heute? Hat dort der Kapitalismus triumphiert? Oder ist China irgendein Hybrid?
Stört es Sie überhaupt, dass die Demokratie erodiert? In einem Dokumentarfilm entschuldigen Sie sich für eines Ihrer frühen Bücher mit den Worten: «O Gott, damals befürwortete ich die Demokratie.»
Gut, da spielte ich ein doppeltes Spiel. Mein Argument ist Folgendes: Die Journalistin Anne Applebaum machte sich nach Occupy Wallstreet zuerst lustig über die Bewegung, weil sie nur protestierte und sich nicht im parlamentarischen Prozess engagierte. Aber sie sagte auch, die heutige institutionelle nationalstaatliche Demokratie sei durch den globalen Kapitalismus gefährdet, weil immer mehr ausserhalb ihrer Kontrolle geschehe. In ihrer Schlussfolgerung kehrte Applebaum jedoch wieder zum ersten Argument zurück und sagte, der einzige Weg sei, geduldig in den Institutionen weiterzuarbeiten.
Logische Konsequenz wäre aber: Entweder akzeptieren wir, dass wir den globalen Kapitalismus nicht kontrollieren können, oder wir müssen die Demokratie neu erfinden.
Für welchen Weg sind Sie?
Wir sollten uns mit aller Kraft engagieren, wir müssen uns aber gleichzeitig darüber im Klaren sein, dass langfristig ein radikalerer Wandel nötig ist.
Aber Sie glauben nicht, dass der Wandel innerhalb der Demokratie erfolgen kann …
Nicht in dieser Demokratie, nein.
Haben wir nicht im 20. Jahrhundert gelernt, dass man schnell im Totalitarismus landet, wenn man sich nicht klar zur Demokratie bekennt?
Da bin ich skeptisch. Die Lehre aus dem 20. Jahrhundert ist, dass der Totalitarismus aus der Demokratie hervorging. Wie sieht die typische Geburt eines totalitären Systems aus? Normalerweise hat man zuerst eine Demokratie. Doch dann kommt eine Krise oder was auch immer, und die Demokratie kann diese Krise nicht kontrollieren. Österreich und Deutschland waren Demokratien, die sich in den Totalitarismus entwickelten.
Es geht also um die Frage, was man unter Demokratie versteht. Wenn man damit eine Art von Souveränität des Volks meint, bin ich absolut ein Demokrat. In dem Sinn, wie es der Philosoph Claude Lefort formuliert hat: Demokratie bedeutet, dass niemand a priori ein Recht hat, den Platz der Macht einzunehmen. Der Ort der Macht ist leer. Wir haben nur das Recht, den Ort für kurze Zeit zu besetzen.
Kommen wir auf Ihre spezifische Rolle als Philosoph zu sprechen …
Meine Rolle ist sehr komplex.
In einem Buch kritisieren Sie die Proteste gegen den Angriff der USA auf den Irak, weil die Protestierenden damit paradoxerweise den Krieg legitimierten. Sie zitieren dafür George Bush, der sagte: «Sehen Sie, genau dafür kämpfen wir: dass das, was Sie hier tun – gegen die Politik Ihrer Regierung zu protestieren –, auch im Irak möglich wird!»
Und Sie wollen sagen, dass ich dasselbe tue, oder wie?
Sagen Sie es uns.
Nein, das tue ich nicht! Schauen Sie doch nur einmal, welchen Anfeindungen ich ausgesetzt bin.
Trotz Ihrer radikalen Rhetorik werden Sie ja niemals wirklich gefährlich.
Warum greifen mich die Leute dann so an?! Ich werde nicht mehr länger als Clown angesehen: John Gray hat in der «New York Review of Books» behauptet, dass ich die Legitimation für einen neuen Holocaust liefere! Das ging wirklich zu weit. Das ist nicht lustig: In Ungarn beispielsweise kehrt der alte Antisemitismus ja gerade wirklich zurück. Neulich hatte ich einen Zusammenstoss mit dem französischen Philosophen Bernard Henri-Lévy, der die stupide Behauptung aufstellt, der neue Antisemitismus komme entweder von links, oder er verschwinde vollständig. Er griff gar das marxistische Argument auf, dass Antisemitismus eine primitive Form des Antikapitalismus ist.
Stimmt das etwa nicht?
Doch, damit bin ich einverstanden. Aber er kehrte es um: Er behauptete, heute sei der Antikapitalismus in Wahrheit ein verkappter Antisemitismus! Woher kommt dieser Drang, mich so zu porträtieren? Und Sie, Sie tun ja dasselbe, mein Gott! Jetzt sagen Sie, man halte mich für einen Clown. Aber vorhin sagten Sie noch: Äh, sind Sie nicht ein wenig antidemokratisch?
Das tun wir nicht. Wir haben lediglich gefragt, ob die grosse intellektuelle Kritik jemals gefährlich werden kann.
Versuchen Sie nicht, mir diesen linksliberalen Bullshit zu verkaufen, es habe im 20. Jahrhundert eine Art goldene Ära gegeben, in der die Menschen auf öffentliche Intellektuelle gehört hätten. Diese Ära gab es nicht, niemals. Nochmals: Ich werde ja oft von verschiedenen Seiten angegriffen. Eine israelische Zeitung hat mein Buch «Willkommen in der Wüste des Realen» als brutalsten offenen Antisemitismus verrissen. Oh, oh, oh! Aber die Beilage der ägyptischen Zeitung «Al-Ahram» bezeichnete das Buch als perfideste zionistische Propaganda!
Sie werden ja aber nicht nur angegriffen, sondern auch gelobt.
Wo? Das sind so wenige!
Wo immer Sie auftreten, erscheinen viele Leute, Sie füllen Hallen. Manchmal hat man den Eindruck, Sie seien so etwas wie der Jesus der Linken.
Und dennoch: Wenn sie sich dann ernsthaft mit meiner Theorie auseinandersetzen müssen, sagen die Leute: Okay, Zizek ist vielleicht unterhaltsam, aber da gibt es etwas Gefährliches an ihm.
Ärgert Sie das?
Nein, ich bin ein guter Psychotiker: Es ist mir egal. Das sieht man mir auch an. Schauen Sie sich mein Sweatshirt an. Sehen Sie, was das ist? Erhält man, wenn man in der Lufthansa in die erste Klasse heraufgestuft wird. Und meine Socken: Die habe ich von der Swiss. Die Hose habe ich für acht Dollar in Seoul gekauft, damit habe ich chinesische Gulags unterstützt …
Eher Kinderarbeit …
Ja, Kinderarbeit! Aber die einzige Möglichkeit zu überleben ist, sich nicht um die Kritik zu kümmern.
Sehen Sie Widersprüche zwischen Ihrem Denken und Ihrem Handeln?
Ja, vielleicht. Wenn es einen Widerspruch gibt zwischen meinem Denken und meinem Handeln, nimmt das dem Handeln nicht automatisch seinen Wert. Nehmen Sie Marx: Er war unmöglich arrogant, bürgerlich und so weiter. Aber das spielt keine Rolle.
Wenn man also das grosse Universale propagiert, darf man im Einzelnen tun, was man will? Ferien in Singapur zum Beispiel, so wie Sie?
Das ist typisch! Sie sind so ein bürgerlicher … Sind Sie sich eigentlich bewusst, dass dies ein typischer Vorwurf der mittelständischen Bourgeoisie ist?
Warum das?
Die armen Leute sagen dir: Du hast Geld? Geniess es! Nur Mittelstandsleute fühlen sich schuldig und glauben, wenn sie bescheiden leben, würden sie sich solidarisch mit den Armen zeigen.
Sie sehen darin also keinen Widerspruch?
Nein, nicht auf diesem tiefen Niveau. Nehmen Sie das Recycling als Beispiel. Natürlich mache ich Recycling, aber ich finde es scheinheilig. Es ist eine wundervolle Strategie grosser Unternehmen: Sie bringen dich dazu, dass du dich schuldig fühlst. Was hast du heute für Mutter Erde getan? Es funktioniert als Gutfühlstrategie. Man soll ein paar kleine Dinge tun, die sehr wenig nützen, damit man im Grossen nichts ändert. Okay, ich habe diese Hosen gekauft – und vielleicht unterstütze ich damit chinesische Gulags, wer weiss? Aber glauben Sie ernsthaft, dass ich die chinesischen Gulags bekämpfe, indem ich die Hose nicht kaufe? Ich bezweifle es.
Also doch ein Widerspruch.
Klar gibt es immer Widersprüche. Aber ich gehöre de facto nicht zur Oberschicht, dafür verdiene ich zu wenig. Aber wenn man sich so anzieht wie ich, dann kann man es sich leisten, ein- oder zweimal im Jahr nach Singapur zu gehen oder – oh, das wird Ihnen gefallen: Ich war sogar im Luxushotel Burdsch al-Arab in Dubai. Aber wissen Sie was? Ich habe auch dort meine marxistische Pflicht getan. Ich habe mich sofort mit einem Taxifahrer angefreundet. Er gab mir einen Schnellkurs: «In jenem Gebäude sind die Lichter aus, die Leute sind bankrott; siehst du die Arbeiter dort auf dem Hochhaus? Die sind nicht gesichert, arbeiten bei fünfzig Grad in der Sonne» und so weiter. Er führte mich ein in diese Halbsklavengesellschaft.
Ganz zu Beginn des Gesprächs sagten Sie, Politik interessiere Sie nicht mehr …
… gut, ich habe übertrieben. Was mich stört, ist dieses pseudohumanitäre Engagement von Leuten wie Bill Gates, die sagen: Wir haben unsere ideologischen Kämpfe gekämpft, wer schert sich heute darum? Kinder verhungern in Somalia, wir müssen etwas tun.
Nein, das ist falsch! «Lasst uns etwas tun» bedeutet «lasst uns nicht nachdenken».
Und wie soll sich etwas ändern, wenn niemand handelt?
Wunder geschehen! Nehmen Sie den Tahrirplatz in Kairo. Wer hätte vor drei Jahren geglaubt, dass es eine breite Bewegung in einem arabischen Land geben würde, die grundsätzlich säkular ist, nicht antisemitisch, nicht fundamentalistisch? Jeder hätte gesagt: Fuck off, das ist nicht möglich.
Was ist wirklich wichtig im Leben?
Denkarbeit. Wir haben in diesem Gespräch viele Probleme angesprochen: Was tun? Wie den Kapitalismus verändern? Aber wir befinden uns in der tragischen Situation, dass wir kein Rezept haben. Wir wissen es ganz einfach nicht. Als Philosoph kann ich nur zeigen, welche Fragen falsch gestellt werden. Ich habe keine Antworten, ich bluffe nur. Aber manchmal ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen.
Bisher lautete die marxistische These: Philosophen haben die Welt nur interpretiert, wir müssen sie ändern. Vielleicht sollte unser Motto im 21. Jahrhundert sein: Wir haben zu oft versucht, die Welt zu ändern. Jetzt ist es Zeit, sie zu interpretieren.
Aus dem Englischen übersetzt.
Wiederabdruck
Dieser Text erschein zuerst in WOZ – Die Wochenzeitung Nr. 48/2012 vom 29.11.2012 unter http://www.woz.ch/1248/slavoj-zizek/lasst-doch-die-reichen-reich-sein [19.2.2013].
Was haben Sie gegen Modelle?
Das Modell ist das eine, die Wirklichkeit das andere. Der Ansatz, alles zu rationalisieren und zu verkürzen, hat sich spätestens mit unserer gegenwärtigen Dauerkrise als falsch herausgestellt. Die allermeisten Menschen und Ökonomen gehen heute davon aus, dass sie die Welt besser verstehen als die Menschen in den letzten Jahrtausenden unserer Geschichte. Das ist purer Grössenwahn. Wir glauben heute alle an technologischen Fortschritt, an Wachstum und an permanente Rationalisierung, ohne dass wir die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien wirklich verstünden. Man könnte auch sagen: Wir haben uns die Skepsis erfolgreich abtrainiert. Unsere Nachfahren werden einmal sagen: Das waren grössenwahnsinnige Möchtegernweltenerklärer, diese Leute um die Jahrtausendwende.
Sympathisch, aber der Vorwurf liegt nahe: Alle Problemfelder der gegenwärtigen Ökonomie – von Überschuldungsproblemen der westlichen Industriestaaten über die Bankenkrise bis zu masslosen Aktienhändlern – existierten zu Pontius Pilatus´ Zeiten noch nicht.
Gegenbeweis. Ich zitiere Jesus Christus: «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» «Schuld» hatte jenseits des heutigen Finanzsprechs einmal eine religiöse Konnotation: «Schuld» war gleichbedeutend mit «Sünde». Im Griechischen, im Lateinischen und im Aramäischen sind die Worte hierfür dieselben – Schulden sind also etwas Schlechtes …
Die biblischen Moralvorstellungen sind für die meisten unserer Zeitgenossen nicht mehr massgebend – da müssen Sie sich als echter Reformator schon etwas Besseres einfallen lassen.
Ich bin noch nicht fertig: Nehmen Sie nun einmal die «Financial Times» hervor und ersetzen «Schulden» durch «Schuld». Sie erhalten einen Gospelsong! Denn was Jesus Christus seinen Jüngern beibrachte, das tun gegenwärtig auch die Banken: Sie reichen die Schulden an die nächsthöhere Instanz weiter, also nicht an Gott, sondern an die Staaten, die Staatenbünde oder die Weltbank. Auf dass sie alle den Griechen und Spaniern die Schuld erlassen, denn sie sind nicht mehr Herr ihrer Schulden – die Schulden sind Herren über sie. Religion und Ökonomie gleichen sich also insofern, als es einen Heiland geben muss, der uns aus unserer angeborenen Sünde oder Schuld heraus retten muss. So weit klar?
Ja. Das muss ein starker Heiland sein, mit einem starken Kreuz.
Richtig. Und nun das grosse Problem an dieser Parallelität: Gott ist allmächtig, die Staaten und Weltbanken sind es nicht.
Immerhin sind sie die mächtigsten Akteure im gegenwärtigen Globalmonopoly: Sie können verstaatlichen, enteignen, Geld drucken …
Ach herrje! Ich hoffe, wir machen an dieser Stelle nicht das alte Fass von «Politik gegen Wirtschaft» oder umgekehrt wieder auf. Diese Konstellation ist, wenn es sie überhaupt mal gab, längst vorbei. Die Wahrheit ist doch: Diese beiden Parteien – ja, Parteien! – sind heute untrennbar miteinander verbunden. Und zwar nicht nur Grossindustrie oder Grossfinanzindustrie und Politik, sondern die Wirtschaft als ganzes. Ein Beispiel: jeder einzelne Unternehmer auf der Welt, der in eine Firma investiert hat, seine Produkte verkaufen will und es auf dem Markt aus irgendwelchen Gründen nicht kann, wird sagen: «Die Leute konsumieren einfach nicht genug.» Das sieht die Politik genauso – denn sie ist ja davon abhängig, dass sie dem Unternehmer möglichst viele Steuern abknöpfen kann. Wenn sie sich also anbietet, die Nachfrage anzukurbeln, wird doch kein Unternehmer sagen: «Nein, bloss nicht! Ihr seid die böse Politik, wir wollen nicht!» Er wird sagen: «Solange es nicht nur auf meine Kosten geht und die Leute dann wieder mein Produkt kaufen – wunderbar!»
Sie sagen: Die Unternehmen nehmen gern, wenn es ihnen dient …
… und andersherum sind die Staaten von ihnen abhängig, vor allem vom Bankensektor, der in der Verschuldungszeit Geld verleiht und auch die Industrie stützt, ja. Wenn die Ratingagenturen dann ein schlechtes Votum zur Solvenz einer Bank abgeben, müssen die Staaten wiederum ihre Banken hätscheln, damit diese überhaupt noch Geld erhalten – um sich, wieder andersherum, selbst am Leben zu erhalten und gleichzeitig Staatsanleihen zu kaufen, mit denen die Staaten ihre Schulden refinanzieren. Zwei völlig Betrunkene, die sich gegenseitig auf dem Heimweg stützen – denn jeder für sich allein würde stolpern! Nur auf diesem Kooperationsweg können sie weitersaufen und kommen, schön brav aneinander gelehnt, noch ein paar Meter weiter. Das klingt verrückt, aber so ist es!
In der Sonntagsschule haben wir gelernt, dass man für sieben magere Jahre in sieben prallen Jahren vorsorgen kann. Keynes hat die Geschichte von Josef, den sieben mageren und den sieben fetten Kühen, umgedreht und gesagt: Gebt in den schlechten Jahren das Geld aus, um die sieben guten in Prosperität erst zu erreichen.
Wer in der Kirche gut aufpasst, findet bei der Geschichte von Josef die erste makroökonomische Analyse unserer Geschichte. Im 20. Jahrhundert haben die Ökonomen diese Ideen auf den Kopf gestellt: Sie haben geraten, in guten wie in schlechten Zeiten die Wirtschaft anzukurbeln, zur Not mit immer wieder neu geliehenem Geld. Sparen ist verpönt. Diese Politik führt zu jener extremen Verschuldung, die die Welt gerade in Atem hält. Und eigentlich weiss jeder Sonntagsschulknabe, auch wenn die Regierungschefs aller Herren Länder das Gegenteil behaupten: Das muss schiefgehen. So gesehen waren also der Pharao und sein Traumdeuter Josef deutlich weiser, als es Ökonomen und Politiker heute sind. Sie haben sich nicht verschuldet, sondern ein dickes Polster angelegt.
Wer gab und gibt nun mehr aus, als er sich leisten kann? Die Staaten, die Unternehmen, der Privatmann? Oder alle zusammen?
Alle drei. Es begann mit der US-amerikanischen Subprimekrise: Leute, die keinerlei Sicherheiten hatten, konnten in den USA Häuser auf Pump kaufen, fast wie im Paradies – der Staat begünstigte mit seiner Politik und seinen Vorschriften für die Banken dieses Verhalten, ja forderte die Banken gar dazu auf, keine potentiellen Kunden und Hausbesitzer vor Überschuldung zu warnen, sondern fleissig Eigenheime zu besten Konditionen auf Pump zu verschleudern. Die Folge: die amerikanischen Bürger verschuldeten sich und bauten Häuser mit Geld, das niemand hatte. Mit diesen Schulden, die die leihenden Banken als Sicherheiten weiterverkauften, wurden letztere vordergründig reich – und als klar wurde, dass viele Menschen diese Schulden nicht würden zurückzahlen können, stellten auch die Banken und ihre Versicherer fest: Statt auf einem Haufen Dollars sitzen wir auf einem Haufen Nichts. Hier schliesst sich der Kreis: Die Politik greift ein und bezahlt die falsch gesetzten Anreize mit Steuergeldern an die Banken, damit diese als wichtige Wirtschaftsplayer nicht vor die Hunde gehen. Das Problem dabei ist, dass die Staaten schon ohne diese Probleme so hoch verschuldet waren, dass ihre Rettungspakete das Problem nur verschlimmerten. Ihre Feuerwehrpolitik hat das Problem also nur auf eine höhere Ebene gehoben: Nun lesen wir in den Zeitungen nichts mehr von Pleiten grosser Firmen – wir lesen von Pleiten ganzer Staaten.
Und keiner Ihrer Kollegen hat kommen sehen, welche Folgen das zeitigt?
Nein. Weil alle in ihren Zahlenwelten vor sich hinschlummerten. Als die Lawine dann zu rollen begann, hatte jeder seinen eigenen Begriff für die Krise: Finanzkrise, Krise des Kapitalismus, Krise des Wohlfahrtsstaats usw. Sie können für diese Krise viele schöne Namen finden, letztlich lässt sie sich aber immer auf ein Problem zurückführen: die Verschuldung einzelner und die Verschuldung vieler bei gleichzeitiger Verhätschelung von Staat und Finanzindustrie. Eine moralische Katastrophe, die zu einer finanziellen Katastrophe wurde.
Was werfen Sie also Ihren modellbastelnden Kollegen genau vor?
Unsere Zunft hat den Leuten jahrzehntelang das Lied von Wachstum, von sogenannt freien Märkten und Wohlstand durch Verschuldung gepredigt, ohne auf die Gefahren oder die Schwachstellen hinzuweisen. Wir haben geglaubt statt zu wissen, auf die reine Lehre vertraut, statt sie zu kritisieren – und doch stets mitgeholfen, wenn es darum ging, dieser Lehre opportunistisch zu widersprechen, wenn es uns gerade bequem war! Die Ökonomen sollten nicht einerseits freie Märkte beschwören und dann bei jeder Gelegenheit Feinjustierungen und neue Interventionen vorschlagen. Die Politik sollte allgemeine, simple Regeln abstecken, die einen Markt sich erst entwickeln lassen. Sie sollte sich seiner nicht bemächtigen, denn damit zerstört sie das Vertrauen in Politik und Ökonomie. Wir kennen das vom Spieltisch: Wer trickst, dem misstraut man irgendwann. Wenn nun die Leute beginnen, einer Währung nicht mehr zu trauen, so hat das katastrophale Folgen für die Volkswirtschaften, die in dieser Währung handeln und gehandelt werden. Glücklicherweise gibt es noch die Finanzmärkte und Ratingagenturen, die klare Signale aussenden, wenn das Schuldentreiben zu bunt wird.
Sinkt das Rating, steigt der Zins – und umgekehrt. Sie haben also ziemlich viel Macht …
Ihre Ratings müssen begründet, d. h. nachvollziehbar sein. Oder anders gesagt: das wichtigste Kapital der Agenturen ist die Glaubwürdigkeit. Sprechen sie bloss aus, was andere letztlich wissen, wenn sie es auch gerne verdrängen, hat ihre Aussage Gewicht, sonst nicht. Die meisten Zivilisationen beurteilten den Zins sehr skeptisch. Das ist erstaunlich, vor allem wenn man bedenkt, dass Zinsen und Zinssätze zum Fundament unserer heutigen Gesellschaft gehören. Je höher man verschuldet ist, desto grösser ist der Einfluss des Zinssatzes. Die Entwicklung steigender Zinssätze für Staatsschulden hat sicher kurzfristig positive Auswirkungen auf die Haushaltsplanung im Sinne einer Konsolidierung. Aber auch hier gilt: An den Zinsen wird gern herummanipuliert – eine weithin unterschätzte Gefahr. Wir glauben heute, dass wir die Entwicklung von Zinsen verstehen. Dem ist aber nicht so; niemand kann vorhersehen, wo das Vertrauen in Währungen stabil bleibt und wo nicht. Wir glauben, wir könnten Zinssätze langfristig politisch manipulieren. Dem ist auch nicht so, denn wir haben keine Ahnung, welche Sekundäreffekte wir damit erzielen. Wir spekulieren also – und zwar mit dem Vermögen unserer und der nächsten Generation.
Sie sprechen von den grossen Notenbanken.
Genau. Schauen Sie einmal deren Zinspolitik an: Die legen einfach einen Preis für Geld fest – und senken ihn kontinuierlich ab, mit Märkten hat das nichts zu tun. Sie bestimmen damit über die Weltwirtschaft, fluten sie mit Geld, von dem sie sagen, sie würden es irgendwann schon wieder abschöpfen. Aus der Geschichte wissen wir: Das Geld wird nicht wieder abgeschöpft, es fliesst in Wirtschaftszweige, von denen niemand sagen kann, ob diese in knapperen Zeiten rentabel sind. Das ist versteckte Inflation, asset price inflation. Die Notenbanken spekulieren damit auf eine Zukunft, von der sie fest glauben: «Es wird schon wieder besser.» Aber sie haben keinen Plan B, falls es eben «nicht besser» wird. Und was tun sie dann? Ich sage es Ihnen: Die haben keinen blassen Schimmer! Sie manipulieren auf gut Glück.
Die Amerikaner tun das seit 2001 exzessiv und behaupten: Wenn das Geld günstig ist, wird mehr geliehen und auch mehr investiert …
Warum sollte das überhaupt so sein? Wenn Sie sich anschauen, wer da wie viel leiht, merken Sie: Das geliehene Geld kommt in der Realwirtschaft und in der Industrie gar nicht an, sondern geht irgendwo auf dem Weg von der Zentralbank über die Geschäftsbanken verloren.
Haben wir es hier mit einem politökonomischen Komplex zu tun, der von der Unwissenheit der Bürger profitiert und sich je nach Gusto eine eigene Voodoo-Ökonomie zusammenbaut?
Ja. Und das Problem ist: es fällt niemandem auf, weil den Bürgern das ökonomische Basiswissen fehlt. Viele Bürger, Publizisten und Politiker unterscheiden nicht einmal mehr zwischen einer Bank als Finanzinstitut, dem Markt für Kapitalanlagen als ganzem und dem Markt als Prinzip. Alles gerät durcheinander, und das wiederum führt zu ziemlich wirren politischen Interventionen. Es wird gelöscht, wo es gerade brennt, in der Hoffnung, dass das schwelende Feuer irgendwann von selbst den Geist aufgibt. Tut es aber nicht. Das Ressentiment gegenüber den Märkten ist eigentlich ein Ressentiment gegenüber denen, die ihre Privilegien nutzen, um an Produkten Geld zu verdienen, die kaum jemand ausserhalb des Finanzbetriebs versteht. Viele Banken bieten Produkte an, die dem Durchschnittsbürger nutzlos erscheinen. Das allein wäre kein Beinbruch. Aber der Bürger nimmt auch mit Verwunderung wahr, dass Banken bei unternehmerischem Misserfolg vom Staat gerettet werden – und sich die Banker dann auch noch für ihren Misserfolg Boni auszahlen. Kurz gefasst ist es das, was die Bürger den Banken und auch uns Ökonomen vorwerfen: mit der grossen Kelle anrühren, Mist verkaufen und dann auch noch den Steuerzahler miteinspannen, wenn es nicht funktioniert. Wenn die Politik auf Anraten der Ökonomen anfängt, Misserfolge von Bankern oder ganzen Banken zu sozialisieren, statt sie dem Markt zu überlassen, so erscheint das dem Normalbürger nicht als Eingriff in den Markt, sondern als Teil eines «Systems», das er «Marktwirtschaft» nennt und zu dem die Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft allesamt gehören. Das ist die totale Denkverwirrung. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich mit den Schlussfolgerungen nicht einverstanden bin: Schuld sind nicht die Märkte, sondern wir Ökonomen. Einige meiner Kollegen sind schliesslich mittlerweile bloss noch politische Berater – was soll man von diesen auch anderes erwarten?
Von einem politischen Berater erwartet man doch auch kompetente Beratung in Wirtschaftsfragen – liefert er sie nicht, darf er den Hut nehmen.
Diese «kompetente Beratung» betrifft aber immer nur die technische Gegenwartspolitik und nicht die langfristigen Ziele und Entwicklungen ganzer Ökonomien. Was wir heute als Krise wahrnehmen, wurzelt nämlich viel tiefer, und zwar in denselben menschlichen Problemen, die auch unsere Ahnen schon kannten. Und das sind eher philosophische als praktisch-technische Probleme. Alles, was wir heute der «Ökonomie» zurechnen, existierte schon lange vor Adam Smiths «Wohlstand der Nationen». Die Menschen wussten bereits um Konjunkturzyklen, um staatliche Wirtschaftslenkung und um Zinsen und Preise – allerdings vermittelten sie ihr Wissen nicht in Fachvorträgen an Ökonomentagungen oder am WEF, sondern in Form von Religionen, Mythen und Geschichten.
Ein Beispiel?
Das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten überlieferten schriftlich fixierten Dichtungen, es stammt zum Teil aus altbabylonischer Zeit, erzählt im Prinzip von den Versuchen, die Effizienz auf Kosten der Menschlichkeit zu steigern. Gilgamesch, zu zwei Dritteln Gott, zu einem Drittel Mensch und Herrscher über die Stadt Uruk, baute – dem 4000 Jahre alten Mythos zufolge – eine vollkommene und unzerstörbare Stadtmauer. Er zwang seine Arbeiter dazu, Tag und Nacht zu arbeiten. Er verbot ihnen Liebe, Ruhe – ja er verbot ihnen faktisch, menschliche Wesen zu sein. Er verwandelte sie in Roboter, die sich als Werkzeuge seiner Vision verstehen sollten. Das Epos behandelt auf diese Weise die Frage nach der Zivilisation, der prosperierenden menschlichen Zivilisation auf der Basis von Wissen, Fortschritt und Macht – lange vor Rousseau oder Smith. Die Götter sehen nun, dass Gilgamesch es in seinem Eifer zu weit treibt, und greifen ein, indem sie einen Wilden beauftragen, der Schinderei und dem Grössenwahn ein Ende zu setzen. Sie weisen ihn in die Schranken der Natur. Es gibt, so lernen wir, also stets einen Trade-off zwischen Wissen, Fortschritt und menschlicher Harmonie, also Frieden – und im Grunde debattieren wir dieselben Fragen auch heute noch.
Zivilisation ist nie abgeschlossen, sie verlangt stets nach mehr Zivilisation. Wo ist der direkte Link zur aktuellen Krise?
Das Verlangen nach «mehr» ist ein sehr menschlicher Zug, der unseren Urvätern schon suspekt war. Was sich in den Geschichten ebenso findet wie in den heutigen Tageszeitungen, ist die Warnung vor der Gier und vor dem Konsum um des Konsums willen. Diesen Punkt haben nicht Globalisierungs- und Fortschrittskritiker wie Naomi Klein und Co. erfunden, er ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Vom Garten Eden bis an die Gestade des antiken Griechenlands gilt: Der paradiesische Zustand endet mit dem menschlichen Übermut – und mit einem Paukenschlag. Adam und Eva bedienen sich hemmungslos am Baum der Weisheit und werden rausgeworfen. Prometheus bringt den Menschen das Feuer und lässt sie den Göttern nacheifern, was den Menschen alle Übel der Welt beschert und Prometheus selbst unendlich viel Zeit an den Felsen des Kaukasus, wo ihm jeden Tag ein Adler die frisch nachgewachsene Leber wegfrisst. Wir sehen: Selbst im Goldenen Zeitalter und trotz aller Warnungen und vorhersehbaren Konsequenzen strecken wir die Hand nach Höherem aus.
Was ist daran schlecht? Das ist die Triebfeder des Fortschritts und hat uns reich gemacht.
Stimmt. Aber sehen Sie sich um: Wir alle wissen, dass Wohlstand auf Pump keine gute Idee ist. Und obwohl alle ahnen, dass der uns verschriebene Wachstumszwang, in privaten Unternehmen wie auch auf der Ebene der Staaten, in eine Katastrophe führt, sind trotzdem alle fröhlich mit dabei. Der Fondshändler, der Wirtschaftsminister und auch der Privatbürger, alle haben sie ein überzogenes Konto, unabhängig vom Einkommen, und finden nichts Schlimmes dabei. Viele meiner Kollegen behaupten, dass die Wirtschaft sich auf dem Weg in eine Depression befinde. Ich behaupte: Sie befindet sich nicht auf einem Weg, sie ist schon seit Jahren manisch-depressiv. Und die Ursachen dafür liegen im Manischen: Wir geben seit Jahrzehnten viel mehr aus, als wir uns leisten können.
Das ist zu einfach. Wachstum ist auch ein Produkt menschlicher Kreativität und Dynamik. Und in die Kreativität muss man investieren …
Das Wachstum selbst ist kein Problem, sondern eine ganz wunderbare Sache. Ich bin auch kein Wachstumskritiker. Und Griechenland ist auch nicht deshalb pleite, weil es nicht wächst, wie das gern behauptet wird. Kein Land geht pleite, wenn es einmal nicht wächst! Das Problem liegt im forcierten Wachstum auf Pump, das sich über das erhoffte höhere Wachstum in kommenden Jahren wieder refinanzieren soll! Eine Art Schneeballsystem, denn sobald in dieser Konstellation das antizipierte künftige Wachstum ein Jahr lang aussetzt, kommt der ganze Rückzahlungsplan durcheinander. Das passiert den westlichen Industriestaaten nun beinahe monatlich, weil sie die Ausgaben nicht mehr im Griff haben und immer neue Lücken stopfen müssen. Ich sage Ihnen: Wir kämen prinzipiell auch ganz gut ohne jährliches Wachstum aus, wenn wir nicht so hochverschuldet wären.
Brauchen wir sie denn überhaupt noch, die Ökonomen?
Nun, Modellbildung, Rationalismus und Mathematik in der Ökonomie sind per se keine schlechten Dinge. Es geht mir bei meiner Kritik um das Mass! Wir haben alle drei Dinge in der Ökonomie übertrieben! Die ökonomische Forschung besteht deshalb heute weitgehend darin, herauszufinden, wie das unbegrenzte Wachstumsversprechen auf Kosten der nächsten Generationen schon heute einzulösen ist. Das verpackt man dann so lange in alarmierende Zahlen, bis sich die Leute in einer permanenten Krise wähnen, die, so glauben sie – Abrakadabra –, durch neue Schulden gelöst werden muss. Solche Ökonomen, so viel ist klar, brauchen wir tatsächlich nicht mehr.
Die Wirtschaftswissenschaften sind – wenn man Ihnen so zuhört – ähnlich dogmatisch geworden wie die Religionen, deren Erbe sie einmal antreten sollten.
Sie sind zur Ersatzreligion geworden! Weil sie aber weiterhin das Label der Wissenschaften tragen und wir geneigt sind, den Experten zu vertrauen, konnten sie sich so weit etablieren, dass man sie nicht mehr in Frage stellt. Ich gehe so weit, zu sagen: Es gibt heute aus diesem Grund fast keine echten Ökonomen mehr, sondern nur noch Berater! Ich war selbst lange politischer Berater und kann Ihnen sagen, dass diese Tätigkeit mit Wissenschaft nur wenig zu tun hat. Eine Wissenschaft kann es sich nämlich schlicht nicht leisten, Fakten wie Instinkte oder Gefühle zu ignorieren. Obwohl die Ökonomie vorgibt, menschliches Handeln verstehen zu wollen, gibt sie heute nichts auf beide. Sie negiert einfach die Existenz des Irrationalen.
Sie übertreiben. Auch die Apologeten des Homo oeconomicus wissen um die Macht von Instinkten, verweisen aber gleichzeitig darauf, dass sie für unsere «schlechten» Seiten verantwortlich seien.
Ohne unsere tierischen Seiten wären wir nicht viel mehr als Roboter. Nein, unsere Instinkte und unsere Gefühle sind etwas Wunderbares! Auch das lernen die Ökonomen zur Not – das bedeutet: wenn sie selbst im Alltag nicht dazu fähig sind – aus der Historie, aus der Bibel, aus dem Koran oder Talmud. Überall ist da zum Beispiel von der Liebe die Rede. Einpreisen kann man die nirgends – und das ist auch gut so.
Wiederabdruck
Gekürzte Fassung des Gesprächs „Von Adam & Eva zu Fannie & Freddie“, erschienen in: Schweizer Monat, Nr. 999, Sept 2012, S. 15–21.
Zum Anlass unserer solidarischen Zusammenkunft, um ein Gefühl von Ungerechtigkeit gegenüber der Masse auszudrücken, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, was uns zusammen gebracht hat. Wir schreiben dies, damit alle Menschen, denen von Konzernen Unrecht angetan wird wissen, dass wir ihre Verbündeten sind.
Als ein vereintes Volk erkennen wir die Realität an: Dass die Zukunft der Menschheit die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder erfordert; dass unser System unsere Rechte schützen muss und dass, falls das System korrumpiert ist, es an jedem Einzelnen liegt, seine Rechte und die seiner Nachbarn zu schützen; dass eine demokratische Regierung ihre legitime Macht vom Volk bezieht, aber Konzerne keine Einwilligung zur Ausbeutung der Völker und des Planeten einholen; und dass keine wahre Demokratie existieren kann, wenn alle Prozesse von der Wirtschaft bestimmt werden. Wir wenden uns an Euch, in einer Zeit, in der Konzerne, die ihre Profite über Menschen stellen, Eigennutz über Gerechtigkeit und Unterdrückung über Gleichheit, unsere Regierungen beherrschen. Wir haben uns hier friedvoll versammelt, wie es unser Recht ist, um diesen Fakten Gehör zu verschaffen.
Sie haben uns unsere Häuser in illegalen Zwangsversteigerungen geraubt, obwohl ihnen die ursprünglichen Hypotheken nicht gehörten.
Sie haben sich ungestraft Rettungsgelder von Steuerzahlern geholt und bezahlen trotzdem immer noch exorbitante Boni an die Vorstände.
Sie setzen die Ungleichbehandlung und Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von Alter, Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung fort.
Sie haben durch Fahrlässigkeit den Nahrungsbestand vergiftet und untergraben das Agrarsystem durch Monopolisierung.
Sie bereicherten sich durch Folter, Einkerkerung und grausame Behandlung von Tieren und vertuschen diese Praktiken.
Sie haben kontinuierlich Angestellte ihrer Rechte beraubt, bessere Bezahlungen und sicherere Arbeitsbedingungen zu erhandeln.
Sie haben Studenten mit vielen zehntausenden Dollar Verschuldung für Bildung als Geiseln genommen, obwohl Bildung an sich ein Menschenrecht ist.
Sie haben kontinuierlich Arbeit ausgegliedert und die Ausgliederungen als Mittel genutzt, um Löhne zu drücken und die Gesundheitsversorgung zu reduzieren.
Sie haben die Gerichte beeinflusst, um die gleichen Rechte wie Bürger zu erhalten, aber ohne den gleichen Strafbarkeiten und Pflichten zu unterliegen.
Sie haben Millionen Dollar für Anwälte ausgegeben, die nach Wegen suchen, um aus Krankenversicherungsverträgen herauszukommen.
Sie haben unsere Privatsphäre zu einer Handelsware gemacht.
Sie haben Militär und Polizei dazu benutzt, die Pressefreiheit zu beschneiden.
Sie haben sich aus Profitgier beständig geweigert, fehlerhafte und lebensgefährliche Produkte vom Markt zu nehmen.
Sie bestimmen die Wirtschaftspolitik, trotz der katastrophalen Ergebnisse ihrer Wirtschaftspolitik in der Vergangenheit und deren Auswirkungen in der Zukunft.
Sie haben Politikern, die für ihre Regulierung verantwortlich sind, große Geldsummen zugestiftet.
Sie verhindern immer noch alternative Energieformen, um uns vom Öl abhängig zu halten.
Sie verhindern immer noch Generika, die Menschenleben retten oder Leiden mildern könnten, nur um Investitionen zu schützen, die bereits profitabel waren.
Sie haben aus Profitgier bewusst Öllecks, Unfälle, Bilanzfälschungen und die Unwirksamkeit bestimmter Inhaltsstoffe verschwiegen.
Durch die Kontrolle der Medien halten sie absichtlich die Menschen uninformiert und in Angst.
Sie haben Privatverträge akzeptiert, um Gefangene hinzurichten, selbst wenn ernsthafte Zweifel an ihrer Schuld erhoben wurden.
Sie haben Kolonialismus hier und im Ausland fortgesetzt.
Sie haben an der Tötung und Folter von unschuldigen Zivilisten im Ausland teilgenommen.
Sie stellen immer noch Massenvernichtungswaffen her, um Regierungsaufträge zu erhalten.*
An die Menschen dieser Welt.
Wir, die Generalversammlung von New York City, die die Wall Street am Liberty Square besetzt hält, fordern Euch auf, Eure Macht geltend zu machen.
Übt Euer Recht aus, Euch friedvoll versammeln zu dürfen, besetzt öffentliche Plätze, schafft einen Prozess, der unsere Probleme adressiert und erarbeitet Lösungen, die allen zugänglich sind.
Allen Gemeinden, die aktiv werden und Gruppen im Geiste direkter Demokratie bilden, bieten wir unsere Hilfe an, Dokumente und alle Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen.
Schließt Euch uns an und verschafft Euren Stimmen Gehör!
*Diese Aufzählung von Missständen ist nicht vollständig.
Wiederabdruck
Dieser Text erschien online unter http://occupywallst.org/ [8.9.2013].
Ladies and Gentlemen, I believe: We all share the same dream. The dream that one day 100% of humanity will take an interest in, enjoy and sometimes be thrilled and moved by contemporary art – that every major town will have its own major contemporary art institution. That everyone will buy and collect some kind of contemporary art, maybe printed off the internet, maybe bought from art car boot sales. And that art will become a kind of intelligent mass entertainment. In my ideal world a cross between Baywatch and Heidegger.
Yes we are on our way! Millions more people are interested in art than were once! There are plans announced every day it seems for big new art institutions. But we are not there yet. Not 100% not even 98%. Far from it. The vote today in this house is actually between those of us who live in a utopian dreamworld – and those of us who can acknowledge reality. I am pleading for realism today. Ladies and Gentlemen, I love contemporary art but I do not believe in it. Art is not Jesus. It will not rise on the third day and be the salvation of mankind. Art is not a God to worship, or a religion to follow, OR a political programme to believe in. At the moment it is a cultural and commercial activity conducted by a tiny minority of human beings.
I was scared
Ladies and Gentlemen, when I was invited to speak in favour of this motion, my first thought was No Way. I’d spent the day queing for an hour to get into a Biennale or the Pompidou or Frieze or something, and inside you could hardly see the art there were so many people. And I thought I can’t argue this. 1% that’s tiny! Couldn’t they have made the motion like ‘excludes the 75%? I thought: I remember the eighties. It was a cultural desert. Galleries and art show are twice as full today as they were thirty years ago. Do you remember, sir? And then I picked up a newspaper. And the headline said World’s population – seven billion – doubled since 1970. And I thought – oh yes that’s why! And I got out my calculator and I thought what is 1% of seven billion, and it’s – any guesses – seventy million – that’s quite a lot. I’ve never seen seventy million people at an art gallery – and it’s a hundred time more than the number of subscribers to all the world’s art magazines combined.
This isn’t really a motion about concrete figures, of course, it’s about the spirit, about the idea that really very very few people today are interested in contemporary art.
Inequality today
I know you probably think I am going to start with criticising the elitism of the art market, and I will soon, I promise I will try to make you all squirm in your seats. Particularly you sir! I made a documentary in 2008 called ‘The Great Contemporary Art Bubble’ which followed the art market from its peak in May 2008 until the crash, and revealed the way it was stage-managed by tiny elite. But that is not the only reason why I have a perspective that qualifies me to talk to you here now. For the past two years I have been making another documentary about the opposite of the art market – about poverty, an animated history of poverty, and my words to you tonight are based on what I have learnt making these two radically different – but connected – films.
Ladies and Gentlemen in 2010, the renowned economist Joseph Stiglitz wrote an article which defined the economics of the age in which we are now living. Riffing on the famous line from the American constitution it was called “For the One Per Cent. By the One Percent. Of the One Percent.’ Stiglitz’s complaint is that we are living in an ever more unequal society, where 1% of Americans own 25% of the wealth, and controll 40% of it. In 2010, China’s Gini-coefficient – a measure of how wealth is distributed in a society – stood at 0.47 (a value of 0 suggests total equality, a value of 1 extreme inequality). In other words, inequality in China has now surpassed that in the United States. Today 45% of the world lives on less than two dollars a day. Everywhere we look we see inequality on the rise. There are exceptions, Brazil, India, countries which had far greater inequality than anywhere else, are getting a bit less unequal.
Today contemporary art is for the one per cent by the one percent and of the one percent.
Contemporary art doesn’t exclude
But Let me tell you a few things that I think a few ways that contemporary art does NOT exclude 99%. Personally, I don’t think contemporary art is difficult to understand. Most of it is not much more difficult to understand than a movie or rap video. Some of it is as exciting – Omer Fast film. Some of it even looks like a graphic novel or cartoon. Art is not as complicated as people in the art world like to think it is
Also I don’t think all art excludes 99% of people. There are big figures today for people going to museums and modernist exhibitions – some art only excludes say 75% of people. My point is not that poor people don’t understand art, it’s that the nature of contemporary art today as a social system is what is excluding.
Many of you will be latching on to the verb ‘excludes’. Contemporary art you will say does not exclude anyone – the institutions or the market does. Contemporary Art is free you will be thinking. Yes Ladies and Gentlemen, that is because if they charged for it, it wouldn’t be 1% of went – it would be 0.0000001%. Yes there may be queues for the latest show by Damien Hirst in London and it costs a tenner to get in. But imagine if it cost the same as a show by a rockstar, like Prince or Bowie – $100. How many people would go then?
Some artists participate in this exclusioon – creating inflated luxury objects – the shiny stuff – others don’t. But the point is the 99% don’t experience contemporary art as something purely offered up by artists – for them it is the bigger experience
Once they are inside these exhibitions, the experience often has little to do with art. The big new museums built by Starchitects like Gehry and Herzog and De Meuron are experiences of space not art – thrilling cavernous temples, often offering funfair like experiences on a scale that could not be obtained anywhere else – Carsten Höller’s slides, Murakami’s cartoons, Anish Kapoor’s crazy mirrors. Even if you think that 7% of humanity – a huge half a billion people go to art exhibitions, then I would argue few of them are there for an artistic experience.
In fact it is in the way the art experience is structured now that we can understand exclusion. First the thrill of empty spaces, awe at scale, then a funfair ride … then the exhibitions… Most of us wander round these institutions like serfs in Tsarist Russia, mud-spattered peasants, gazing at over-sized trophies funded by banks and billionaires. Appropriately, the most famous works of art today are actually the ones that carry messages about wealth and exclusion – of which Hirst’s £50m diamond skull is one obvious example. This art offered by the nought-point-one-per-cent for the voyeuristic titillation of the one percent.
Why do we feel that? The art market and its record-breaking prices – that keep on rising and rising, while the 99% get poorer and poorer. Let me introduce you to Lewis’s Law, a bit like Moore’s law. – the more unequal the society, the higher the prices paid for art.
Most of us wander round these institutions like mud-spattered serfs in Tsarist Russia, gazing at over-sized trophies funded by banks and billionaires. Appropriately, the most famous works of art today are actually the ones that carry messages about wealth and exclusion – of which Hirst’s £50m diamond skull is one obvious example. This art is offered by the nought-point-nought-nought-one-per-cent for the voyeuristic titillation of the one percent.
Perhaps, ladies and gentlemen, contemporary art could have profound meanings, or even raise interesting issues in the minds of the all those art lovers who see it. But the puffed-up market has overshadowed all those possibilities with a new almost repulsive meaning, that obliterates all the other subtler ones are could have, used to have – and that meaning is that we are living ever more in a society of emperors and slaves.
And that brings me onto my main point. Contemporary art today does not just exclude the 99%, it actually embodies their exclusion.
All these new art institutions, all these incredible prices paid for works of art, all these spaces so full of art – they are all made possibly economically because of the concentration of wealth in the top one per cent of humanity. The growth of art today is based on the exclusion, economic and social, of the 99%. It is significant that the guy who paid a record price for Warhol’s green car crash in 2007 was a Greek shipping billionaire. Now when I think about the suffering of the Greek people, I think how the art world today is built on exclusion.
That is the tragedy of art today. The more inflated the market, the richer the art world becomes, the more the majority art excluded. We need to reverse that.
Wiederabdruck
Die Rede erschien zuerst online unter http://www.benlewis.tv/artcrit/contemporary-art-excludes-99/ [29.01.2013].
1.) http://www.intelligencesquared.asia/hong-kong-debates/contemporary-art-excludes-the-99-percent.html
]]>Der Ausbau von Uferzonen im Zeichen des Städtemarketings
Der Saadiyat Island Cultural District vor Abu Dhabi gehört als urbanistisches Projekt zum sogenannten Waterfront-Development-Konzept, das im Hinblick auf die Entwicklung städtischer und stadtnaher Uferzonen entwickelt wurde.7 Dieses Konzept wurde international in Bilbao und London, von Rotterdam über Hongkong bis nach Dubai verwirklicht und wird häufig kulturtouristisch verwertet. In Abu Dhabi sind es denn auch Unternehmensberatungsfirmen oder Tourismusorganisationen, die die Erstellung der Masterpläne verantworten oder diese maßgeblich begleiten.8 Die kulturtouristische Verwertung erfolgt im Rahmen eines Städte-Brandings, bei dem Museen und Kulturzentren eine zentrale Rolle spielen.
Der neue Kulturdistrikt vor Abu Dhabi, die Saadiyat Island, was übersetzt Insel des Glücks heißt, ist als Kulturmeile konzipiert, hinter der sich ins Landesinnere hinein eine Kleinstadt des Luxus und des Vergnügens, sozusagen ein umfassender Kultur-Spa, erstrecken soll. Bestehen wird er aus Luxushotels mit Freizeit-, Wellness- und Sportanlagen, Shoppingmalls, Privatapartments, Jachthäfen und Golfanlagen – dies alles unter Einbezug von unberührter paradiesischer Natur. Die Neuüberbauung umfasst eine Gesamtfläche von 27 Quadratkilometern und sollte ursprünglich 2018 abgeschlossen sein. Sie ist als Siedlungsgebiet für 150.000 Personen vorgesehen und wird über eine Autobahnbrücke mit dem Festland verbunden sein.9
Die Kulturmeile erstreckt sich auf einem 27 Hektar großen Areal und soll aus einer Reihe von Gebäude-Ikonen gebildet werden: Museumsbauten, die die Vermittlung zwischen Land und Arabischem Golf leisten werden. Auf demselben Areal sind auch 19 Pavillons, geplant für eine ursprünglich dort vorgesehene Abu-Dhabi-Biennale, die Venedig in seiner Führungsrolle Konkurrenz machen will, doch deren Realisierung als Folge der Finanzkrise nun ins Wanken geraten ist. Einige Pavillons wurden von Greg Lynn, Asymptote und Pei-Zhu aus China geplant. Was gegenwärtig noch überwiegend ein bloßer Bauplatz auf weißer Sandfläche ist, doch über Computersimulationen, Werbefilme und eine eigens für Saadiyat Island geschaffene Tourismusorganisation, die Tourism Development and Investment Company (TDIC), schon jetzt kräftig vermarktet wird, ist ein Sciencefiction-Projekt der Superlative. Das weltweit operierende amerikanische Architekturbüro SOM (Skidmore, Owings & Merrill) erstellte den Masterplan für den Kulturdistrikt – jenen für die gesamte Insel das Büro Gensler. Saadiyat Island soll über den Kulturtourismus Abu Dhabis Zukunft ökonomisch sichern und die in absehbarer Zeit – voraussichtlich 2046 – zur Neige gehenden Ölreserven finanziell wettmachen.10 Frank Gehry baut das Guggenheim Abu Dhabi für moderne und zeitgenössische Kunst, Jean Nouvel den Desert Louvre für historische Kunst, Zaha Hadid ein Performing Arts Center und damit ein Theater- und Konferenzzentrum, Tadao Ando ein maritimes Museum und Norman Foster ein Nationalmuseum. Das Publikum, das man sich künftig erhofft, so die Kunst- und Kulturberaterin der TDIC, Rita Aoun-Abdo, soll sich für „Architektur, Kunst, Kultur und experimentelle neue Kunst interessieren“. Wie Mélanie Hauser in ihrer Untersuchung zum Guggenheim Abu Dhabi und Saadiyat Island als Kulturmeile detailliert herausarbeiten konnte, orientiert sich dieser Kulturdistrikt in Abu Dhabi an Thomas Krens‘ Vermarktungsstrategie des Guggenheim-Museums im Allgemeinen und des Guggenheim Bilbao im Besonderen. Dies zeigt sich auch darin, dass man in Abu Dhabi die zukünftige Rendite dieser Kulturmeile in Rückbezug auf die jährliche Bilbao-Kapitalrendite von angeblichen 12,8 % veranschlagt. Die Gesamtkosten von Saadiyat Island werden mit 27 Milliarden budgetiert.11
So wie die HafenCity Hamburg momentan das größte urbanistische Projekt Europas ist,12 so steht der Cultural District von Saadiyat Island für den größten Kulturexport/-import der Geschichte, wobei Export/Import diesmal die Richtung von Westen nach Osten nimmt: vom ehemaligen Kolonisator hin zum ehemals Kolonisierten, der nun seinerseits in die Rolle des Kolonisators schlüpft. Die Kulturmeile baut für Guggenheim und Louvre auf einer Museumszusammenarbeit auf, mit der zum Beispiel die Ausleihrechte für 300 Meisterwerke aus dem Louvre verbunden sind und die über einen Museums-Masterstudiengang in Abu Dhabi professionalisiert und institutionalisiert wird.13 Mit dieser Kulturoffensive verknüpft sind die Ansiedlung anderer institutioneller westlicher Einrichtungen wie die Niederlassung einer Außenstelle der Sorbonne, die bereits aktiv ist, und einer geistesgeschichtlichen Filiale der New York University. Weiter ist für die Uffizien eine Zweigstelle in Planung und der Ankauf einer hochkarätigen Spezialbibliothek aus den USA vorgesehen. Auch für die Masterpläne und die Kulturbauten holte man sich Know-how aus dem Ausland.
Über die Aneignung und Ansiedlung westlicher Kultur und westlichen Wissens in einer Region, deren Oberschicht zwar in den letzten Jahrzehnten westliche Bildung erhielt, die jedoch andere kulturelle Voraussetzungen hat, verspricht man sich die Schaffung einer neuen, aktiven Kunst- und Kulturszene von globalem Rang; aus dem Boden gestampft, vielleicht realiter in den Sand gebaut. Es soll eine Oase der aus dem Westen exportierten und importierten Kreativwirtschaft werden, die den Worten der Königsfamilie von Abu Dhabi zufolge auch der ansässigen Bevölkerung zugute kommen soll. Diese mutierte in wenigen Jahrzehnten von Rags to Riches. Saadiyat Island soll in der Sprache des heutigen Politmarketings eine Oase des Friedens sein und der Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen dienen.14
Das Museum als Marke im Spätkapitalismus
Das präsentierte Projekt ist symptomatisch für einige aktuelle Entwicklungen im urbanistischen und gesellschaftlichen Bereich – dies vor allem für die Zeit nach 1989. Ihnen ist gemeinsam, dass Museen oder Kulturzentren als spektakulär inszenierte Architektur-Ikonen von Stararchitekten eine urbanistische Schlüsselrolle spielen, wobei diese in Abu Dhabi auf der Analogisierung von Kultur- und Shoppingmeile aufbaut. Stadt- und Gesellschaftsentwicklung werden im Kontext von kreativwirtschaftlichen Überlegungen geplant; soziale Parameter spielen dabei keine entscheidende Rolle mehr. Eine Stadt wird vielmehr als Marketing-Tool verstanden, ja sie kann zur Marke mutieren.15 Die Museums- und Kulturbauten werden entsprechend als sogenannte Leuchtturmprojekte des Städte-Brandings eingesetzt. Diese Entwicklung, mit der man die Wissensgesellschaft propagiert, vollzieht sich im Rahmen eines sogenannten Kulturkapitalismus.16 Urbanistisch preisen sich derartige Lösungen als kultureller Manhattanismus an. Erste Ansätze einer derartigen Entwicklung sind im 20. Jahrhundert in Amerika – das nicht nur die europäische Stadt, sondern auch die europäische Institution Museum importiert hatte – fassbar, so bereits in den 1920er Jahren beispielsweise in Philadelphia oder New York. Das Philadelphia Museum of Art, 1928 fertiggestellt, ist ein monumentaler Komplex in antikisierender Tempelarchitektur, der heute mit weiteren Museen im selben Architekturstil eine Kulturinsel bildet. Das Museum setzt sich auf einer der Akropolis ähnlichen Anhöhe außerhalb des Stadtkerns von dessen Schachbrettsystem ab, welchem Robert Venturi demokratischen Anspruch zuspricht.17 Das Museum ist allerdings über einen monumentalen, geradlinig verlaufenden Boulevard mit dem Stadtzentrum und der City Hall im geografischen Mittelpunkt der historischen Siedlung verbunden, deren Gegenpart es zugleich bildet. Die Planung des Museums erfolgte im Anschluss an die Weltausstellung von Philadelphia 1876 im Rahmen der damaligen City-Beautiful-Bewegung. Als weitere wichtige Vorstufe für die heutige gesellschaftliche und architektonische Bedeutung von Museen in Amerika sei an Frank Lloyd Wrights Guggenheim-Museum in New York von 1959 erinnert. Es lieferte Thomas Krens die Grundlage und den Anstoß zum Branding-Konzept über Architektur der Museumsmarke Guggenheim seit den ausgehenden 1980er und den 1990er Jahren.18 In Europa spielte diesbezüglich und in Bezug auf die neuartige Rolle des Kulturzentrums in der Gesellschaft nach 1968 das Centre Pompidou von Renzo Piano und Richard Rogers in Paris eine entscheidende Rolle. Städtebaulich ist es ein postmoderner Kontrapunkt zur mittelalterlichen Notre-Dame.
Die Saadiyat Island eigene genuine Orientierung an der Kreativwirtschaft, in der Museen und Kulturzentren zur Marke werden, unterliegt einer sogenannten Ökonomie der Aufmerksamkeit nach Georg Franck.19 Sie ist im Rahmen einer allgemeinen Ökonomisierung der Kultur respektive der Ästhetisierung der Ökonomie zu verorten, die zusammen mit einer sich ausbildenden starken Luxusgüterindustrie besonders seit den ausgehenden 1980er und 1990er Jahren zunehmend fassbar ist. Da der Markencharakter sich primär über die Architektur und nur sekundär über die Sammlungen oder Kulturaktivitäten der Museen vermittelt, das Image und nicht der Inhalt oder die Aussage zählt, zieht man internationale Stararchitekten hinzu. Das Resultat ist die Unspezifik eines Global Designs, einer standardisierten Ortlosigkeit, eines Nichtortes,20 selbst wenn Projekte wie der Desert Louvre subtil von örtlichen Gegebenheiten oder lokalen und kulturellen Architekturtraditionen ausgehen. Ortlos auch insofern, als die meisten dieser Architektur-Ikonen sowohl in Abu Dhabi, in Hongkong Island wie im Hafenviertel des spanischen Bilbao stehen könnten und zunehmend geklont auftreten: als Guggenheim Bilbao oder Abu Dhabi oder neu auf unserem Kontinent als Pompidou Metz. Schließlich ist diesen Projekten gemeinsam und bildet sozusagen die Quintessenz des Krisenhaften – und dies gilt besonders für die Wüstenwunder Arabiens –, dass zwischen Computersimulation und real Gebautem kein Unterschied mehr zu bestehen scheint – zumindest wird dies evoziert. Sie führen vor, dass in diesen Gebilden Alltag und Lebenswelt aller sozialen Schichten keine Bedeutung mehr besitzen; es sind Distrikte einer Spezialklasse der Gesellschaft für eine auf Luxus basierende Kulturindustrie: die Gesellschaftsklasse iDubai der Multimillionäre.21 In Abu Dhabi spricht man ausdrücklich nur die nationale und internationale Finanzaristokratie an. Kreativwirtschaft und Wissensgesellschaft erweisen sich insofern nicht als demokratische und politisch nachhaltige Konzepte, auch wenn sie sich vordergründig, so Mohamed Kanoo, Inhaber der ersten Kunstgalerie in Abu Dhabi, als „kostengünstigste und interessanteste Kommunikationsform zwischen den Völkern“ propagieren. Die spektakulären Bau- und Architekturinszenierungen bestätigen vielmehr, was Michel Foucault in anderem Zusammenhang folgerte: Spektakel ist Inszenierung und Artikulation von Macht, so wie Wissen und Kultur Macht bedeuten. Mit dem Bau dieses Paradieses nimmt man zudem schwere Menschenrechtsverletzungen in Kauf: Ein vor wenigen Jahren publizierter 100-seitiger Bericht von Human Rights Watch listet detailliert die desaströsen Arbeits- und Lebensbedingungen der aus Asien stammenden Bauarbeiter auf. Mike Davis bezieht sich auf diese in seiner Studie zu Dubai.22 Westliche Investoren und Bauunternehmen, die in dieser Region tätig sind, werden darin dringlich dazu aufgefordert, auf der Einhaltung von zeitgemäßen und menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen zu bestehen. Architektur- und Kulturimporte aus dem Westen erweisen sich in Abu Dhabi wie in Dubai und anderen Regionen des Mittleren Ostens insofern als Appropriation der Hülle und nicht des Inhaltes, der Werte. Das Museum als Institution und Produkt der europäischen Aufklärung und der Französischen Revolution wird letztlich als bloße Gebäudeschablone übernommen; es ist eine der Konsequenzen dieser Strategie des Museums als Trademark. Diese architektonische Trademark, die gemäß Markentheorie und -praxis nur auf das Image und nicht auf Inhalt oder Werthaltigkeit ausgerichtet ist, ersetzt in städtebaulicher Hinsicht das obsolet gewordene modernistische Manifest.
Eine Welt unter der Glasglocke
Der öffentliche Raum wird zudem nicht mehr als politischer und gesellschaftlicher Raum, sondern als Territorium von Partikularinteressen verstanden, für die die Architektur-Ikonen den öffentlichen Raum brand-marken und vereinnahmen. Flaggschiffe dieser Entwicklung können nicht nur Museen oder Kulturzentren sein, wie im Falle von Abu Dhabi, sondern auch die Corporate Architecture von Unternehmen oder Modemarken, wie eine Untersuchung von Richard Lütolf zu den internationalen Prada-Epicenter-Stores detailliert aufgezeigt hat.23 Die Präsentation von Kunst, Autos oder Modeartikeln kann sich dabei ein und desselben Displays bedienen. Es sind dies Strategien der Präsentation, die Rem Koolhaas theoretisch analysierte und für die er zugleich, wie Herzog und De Meuron, die architektonischen Voraussetzungen geschaffen hat.
Insofern funktionieren diese Konzepte einer Kreativwirtschaft, die auf der Luxusgüterindustrie und auf Kunst als Lifestyle aufbaut, wie eine Welt unter der Glasglocke, analog zu Richard Buckminster Fullers Domes oder geodätischen Kuppeln – etwa das Climatron von 1960 über Manhattan –, eine Welt, die im Desert Spirit in Dubai explizit konzipiert ist für eine Sicht aus dem Weltall – also für eine Sicht aus der Perspektive des göttlichen Auges der Zeit-, Raum- und Ortlosigkeit.
Ihre historische Vorstufe finden derartige Projekte eines inszenierten Spektakels in den Erlebnisparks, wie sie sich mit Coney Island im ausgehenden 19. Jahrhundert, mit Disneyland sowie Las Vegas im 20. Jahrhundert ausgebildet haben.24 Ephemeres Pendant und Vorstufe zu diesen Dreamlands der Vorpostmoderne und der Postmoderne sind die Weltausstellungen, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Laboratorien auf Zeit von Stadt und Gesellschaft sind.25 In ihnen plant, baut und bespielt man probeweise die Welt und Gesellschaft von morgen, es sind utopisch orientierte Unternehmungen.
Urbild der europäischen Stadt und Urbild von Erlebnisparks wie auch dem Waterfront-Development-Konzept ist Venedig, das schon den Chronisten des 15. und 16. Jahrhunderts als multikulturelle verwirklichte Utopie galt, als Realisation einer gesellschaftlichen Insel des Glücks im Sinne Thomas Morus’.26 Als Stadt im Meer faszinierte es ebenso die Architekten und Urbanisten des 20. Jahrhunderts von Frank Lloyd Wright, Louis Kahn oder Le Corbusier bis hin zu Carlo Scarpa; Ando, Calatrava oder Piano bauten am historischen Venedig weiter. Le Corbusier, der hier sein letztes Werk zu verwirklichen versuchte, pries Venedig als „Vorbild für neue, strahlend moderne Städte“27. Ihm zufolge verdichte sich die Stadt hier am Markusplatz, wo sich wie bei Waterfront Development metropolitane Öffentlichkeit in Architektur-Ikonen artikuliert, die wie in Manhattan oder Bilbao solche des realen wie des symbolischen Kapitals sind. Dafür stehen die Münze und die Bibliothek von Sansovino aus dem 16. Jahrhundert. Beide spielten im damaligen urbanistischen Ausbau der Stadt zusammen mit den sakralen Neubauten S. Giorgio Maggiore und Il Redentore von Palladio eine wichtige Rolle.
Star Wars and the Attack of the Clones oder Fall of Stararchitecture
Wenn sich Le Corbusier eine globale Ausübung von Architektur noch über das Medium Architekturzeitschrift und Manifest erhoffte,28 so hat sich heute die Situation insofern geändert, als diese Ausübung nun real praktiziert wird. Die internationalen Büros sind global vor Ort tätig und dies in unterschiedlichen kulturellen und soziopolitischen Kontexten.
In der erwähnten HafenCity Hamburg wird die Idee der europäischen Stadt urbanistisch und architektonisch zwar noch weiterentwickelt, doch nicht deren historisches Verständnis von Gemeinschaft und Öffentlichkeit. In Abu Dhabi endet die europäische Idee von Stadt als soziales, politisches und utopisches Projekt in Anlehnung an Rem Koolhaas in Saadiyat Delirious. Dies findet seine Verdichtung in den Museen als Institutionen, auch wenn oder gerade weil das kulturelle Gedächtnis des Westens und seine intellektuelle Tradition durch die Zweigstelle der Sorbonne, den Desert Louvre Nouvels oder Gehrys Guggenheim Abu Dhabi hier regelrecht einverleibt werden. Mit der europäischen Stadt endet auch die architektonische westliche Architektur aus Meisterhand im Wüstensand. Die Bauten der ausländischen Stararchitekten werden von den einheimischen Bauunternehmen fleißig kopiert. Der sogenannten Trademark Dancing TowersTM von Zaha Hadid im Business Bay von Dubai begegnet man schon jetzt in Kopien eines unbekannten Unternehmens in einem ebenfalls als Business Bay bezeichneten Gebiet wieder. Santiago Calatravas Turning Torso aus Malmö ist als Replik in Dubai zu besichtigen.29 Ein Turm von Daniel Libeskind ist hier ebenfalls als Kopie wiederauferstanden. Star Wars and the Attack of the Clones in der Architektur und über Museen als exemplarische gesellschaftliche Institution. OMA setzt diesen Prozess in Verbindung mit der Entwicklung an den internationalen Börsen über das Projekt Fall of Stararchitecture ins Bild und parallelisiert das Sinken des Dow-Jones-Indexes zwischen September 2007 und April 2009 mit der Auslöschung westlicher Architektur und Kultur im Wüstensand – als Bild für die realen Zusammenhänge zwischen Aktien- und Immobilienmarkt. Die Strategie der Entgegnung von OMA auf ein tiefgreifendes Moment einer Krise artikuliert sich allerdings ebenso bloß in Label-Form und damit in der Sprache des Marketings, diesmal kontrapunktisch über eine SimplicityTM: Vermittelt über eine minimalistische Architektur-Ikone propagiert sich diese Trademark mit Begriffen und Schlagworten wie pure, straight, substantial, objective, predictable, original, honest und fair.30
Mit dem Auslöschen westlicher Architektur und Kultur und den Schwankungen am Börsenmarkt verbunden ist ein weiteres Krisenmoment ganz real und virulent zu fassen: die gigantisch geplanten Baukörper einer hochkarätigen Kreativwirtschaft, die sich in der Künstlichkeit der Saadiyat Island mit Slogans wie Pioneering, Inspiration u. a. m. empfehlen, versanden oder stecken vielmehr momentan mit ihren Grundmauern wortwörtlich im Sande fest und dies trotz des weltweiten Booms der Museen und Kulturhäuser: Denn ob sie je realisiert werden können und nicht eine bloße Fata Morgana bleiben, ist aufgrund der Finanzkrise seit 2008 nicht mehr gesichert.31
1.) Zur gegenwärtigen Standortpositionierung siehe Roger de Weck, Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus?, München 2009.
2.) Zum Thema Krise siehe die Lehrveranstaltungen von Torsten Meyer und Johannes Hedinger 2011/12 an der Universität Köln bzw. (Hedinger) an der ZHdK: What’s Next? – Kunst nach der Krise, oder das kommende Jahresprogramm des Istituto Svizzero di Roma. Dem Thema Kunst und Krise haben sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch verschiedene Ausgaben von Texte zur Kunst gewidmet. Siehe z. B. das Themenheft Nach der Krise. After the Crisis. Texte zur Kunst, März 2009, 19. Jg., Heft 73, mit dem sich über den Essay von Isabelle Graw, «Wenn das Leben zur Arbeit geht: Andy Warhol», S. 44–63, auch die Verbindung zum Pop-Art-Künstler ergibt. Zu diesem siehe Regarding Warhol: Sixty Artists Fifty Years, Metropolitan Museum of Art, New York, 18. September bis 31. Dezember 2012, Yale University Press 2012; eine Ausstellung, die anschliessend im Andy-Warhol-Museum in Pittsburgh zu sehen sein wird. Zur Postmoderne siehe Glenn Adamson, Jane Pavitt (Hg.), Postmodernism. Style and Subversion, 1970–1990, Ausstellungskatalog Victoria & Albert Museum London, London 2011.
3.) Siehe dazu die wichtige Ausstellung des ZKM Karlsruhe: The Global Contemporary, 2011–2012: The Global Contemporary and the Rise of the New Art Worlds, hrsg. von Hans Belting, Andrea Buddensieg, Peter Weibel, Cambridge, MA: MIT, sowie: Hans Belting, Andrea Buddensieg (Hg.), The Global Art World. Audiences, Markets and Museums, Ostfildern 2009; Silvia von Bennigsen et al. (Hg.), Kunst Global, Ostfildern 2009; Charlotte Bydler, The Global Art World, Inc. On the Globalization of Contemporary Art, Uppsala 2004; Peter Weibel, Andrea Buddensieg (Hg.), Contemporary Art and the Museum. A Global Perspective, Ostfildern 2007; Hans Belting et al. (Hg.), Global Studies. Mapping Contemporary Art and Culture, Ostfildern 2011; Elena Filipovic, Marieke van Hal, Solveig Qvstebo, The Biennial Reader. An Anthology on Large-Scale Perennial Exhibitions of Contemporary Art, Ostfildern 2010.
4.) Dipesh Chakrabarty, Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt am Main 2010.
5.) Zur Diskussion des (ästhetischen) Authentizitätsbegriffs siehe Susanne Knaller, Harro Müller (Hg.), Authentizität. Diskussion eines ästhetischen Begriffs, München 2006; Ursula Amrein (Hg.), Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen, Zürich 2009; Kornelia Imesch Oechslin, „Appropriation. Die Authentizität der Kopie“, in: ibid., S. 129–149.
6.) Siehe dazu Norbert Bolz, Das konsumistische Manifest, München 2002; Sighard Neckel, „Die Marktgesellschaft als kultureller Kapitalismus. Zum neuen Synkretismus von Ökonomie und Lebensform“, in: Kurt Imhof, Thomas S. Eberle (Hg.), Triumph und Elend des Neoliberalismus, Zürich 2005, S. 198–211; Jörn Lamla, „Authentizität im kulturellen Kapitalismus. Gedanken zur ‚konsumistischen› Subjektformation der Gegenwart‘, in: Amrein 2009 (wie Anm. 5), S. 321–336.
7.) Siehe Angelus Eisinger, „Waterfront Development in Hafenstädten“, in: Global Design. Internationale Perspektiven und individuelle Konzepte, Ausstellungskatalog Museum für Gestaltung Zürich, Zürich 2010, S. 140–149.
8.) Zu Saadiyat Island und ihrer Konzeptualisierung siehe ausführlich Mélanie Hauser, Tausend und eine Pracht: Der Kulturdistrikt auf Saadiyat Island, Abu Dhabi, Hand in Hand mit Thomas Krens‘ Guggenheim Prinzip?, Lizentiatsarbeit unter der Leitung von Kornelia Imesch Oechslin, Universität Zürich 2011. Zum Guggenheim und Louvre von Abu Dhabi siehe Stella Wai, A Branding Context: The Guggenheim & The Louvre. A Thesis Presented In Partial Fulfillment of the Requirements for the Degree Master of Arts in the Graduate School of The Ohio State University, The Ohio State University 2008; Sharon Waxman, „Abu Dhabi Kultur in der Wüste“, in: Global Design 2010 (wie Anm. 7), S. 254–261 sowie das voraussichtlich noch 2013 publizierte Buch: Louvre Abu Dhabi, birth of a museum. Zur Saadiyat Island wie zu den neuen Kulturzentren von Dubai und Doha siehe auch ein in Bearbeitung befindliches Forschungsprojekt der Autorin: Kornelia Imesch Oechslin, „Authenticity and hybridity in culture, art and architecture of the Greater Middle East: Dubai, Abu Dhabi, and Doha, Qatar“
9.) Siehe dazu wie zu den nachfolgend genannten Museums- und Kulturbauten Hauser 2011 (wie Anm. 8).
10.) Zu den soziopolitischen, geschichtlichen und ökonomischen Bedingungen des Mittleren Ostens mit den Staaten Dubai, Abu Dhabi und Doha siehe Rosemarie Said Zahlan, The Making of the Modern Gulf States. Kuwait, Bahrain, Qatar, the United Arab Emirates and Oman, London 1989; Elisabeth Blum, Peter Neitzke, Dubai, Stadt aus dem Nichts, Basel, Boston, Berlin 2009; Boris Brorman Jensen, Dubai – Dynamics of Bingo Urbanism, Kopenhagen 2007; Nadine Scharfenort, Urbane Visionen am Arabischen Golf. Die „Post-Oil-Cities“ Abu Dhabi, Dubai und Sharjah, Frankfurt am Main 2009.
11.) Hauser 2011 (wie Anm. 8).
12.) Siehe dazu Jürgen Bruns-Berentelg, Angelus Eisinger, Martin Kohler, Marcus Menzl (Hg.), HafenCity Hamburg. Neue urbane Begegnungsorte zwischen Metropole und Nachbarschaft, Wien, New York 2010.
13.) Dieser Studiengang des Louvre und der Sorbonne wird in Abu Dhabi seit 2011 angeboten.
14.) Siehe Scheich Sultan bin Tahnoon Al Nahyan, der ebenso Vorsitzender der TDIC ist wie auch der „Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage“: „Eines unserer wesentlichen Ziele ist es, eine kulturelle Brücke zu schlagen. In zwanzig Jahren wird Abu Dhabi ein leuchtendes Beispiel des Friedens und der Kultur sein.“
15.) Siehe Simon Franke et al. (Hg.), Creativity and the City: How the Creative Economy Changes the City, Rotterdam 2005.
16.) Siehe Neckel 2005 und Lamla 2009 (beide wie Anm. 6).
17.) David B. Brownlee (mit einem Vorwort von Robert Venturi), Making a Modern Classic: The Architecture of the Philadelphia Museum of Art, Philadelphia Museum of Art, Philadelphia 1997.
18.) Zu Thomas Krens und Guggenheim siehe Hilmar Hoffmann (Hg.), Das Guggenheim Prinzip, Köln 1999.
19.) Siehe Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, Wien 1998.
20.) Zu den Nicht-Orten siehe Marc Augé, Nicht-Orte. Aus dem Franz. von Michael Bischoff, München, 20123; Marc Angélil, Indizien. Zur politischen Ökonomie urbaner Territorien, Zürich 2006.
21.) Zu iDubai siehe Jonathan Crary, Joel Sternfeld, iDubai, Frankfurt 2010.
22.) Siehe Mike Davis, Le stade Dubaï du capitalisme; suivi de, Questions pour un retour de Dubaï, Paris 2008.
23.) Siehe Richard Lütolf, Architektur und Branding. Die Prada Epicenter-Stores – ein Modetrend, Lizentiatsarbeit unter der Leitung von Kornelia Imesch Oechslin, Universität Zürich 2009; Rem Koolhass, Prada, Mailand 2001. Zur Corporate Architecture siehe zudem die anregende Studie von Tanja Vonseelen, Von Erdbeeren und Wolkenkratzern. Corporate Architecture – Begründung, Geschichte und Ausprägung einer architektonischen Imagestrategie (Artificium, Bd. 36), Oberhausen 2012.
24.) Zu den Erlebnisparks siehe: Dreamlands. Des parcs d’attractions aux cités du futur, Ausstellungskatalog Centre Pompidou, Paris 2010.
25.) Zu den Weltausstellungen siehe Andrew Garn et al., Weltausstellungen. Architektur – Design – Graphik, München 2008.
26.) Siehe dazu Kornelia Imesch Oechslin, Magnificenza als architektonische Kategorie. Individuelle Selbstdarstellung versus ästhetische Verwirklichung von Gemeinschaft in den venezianischen Villen Palladios und Scamozzis, Oberhausen 2003.
27.) Norbert Huse, Venedig: von der Kunst, eine Stadt im Wasser zu bauen, München 2005, S. 205.
28.) Beatriz Colomina, „Ausblick auf einen globalen Architekten“, in: Global Design 2010 (wie Anm. 7), S. 48–57.
29.) Siehe dazu Reinier de Graaf, „Das Ende der YCS-Herrschaft (Fall of Stararchitecture)“, in: Global Design 2010 (wie Anm. 7), S. 182–187.
30.) Ebd., S. 187.
31.) Siehe dazu in Bezug auf das Guggenheim Abu Dhabi Thomas Krens, der seit 2010 nicht mehr in dieses Projekt involviert ist: Thomas Krens im Gespräch mit Sacha Verna, in: China gibt die Richtung vor, in: Du, No 823, Februar 2012, Themenheft: Das Museum im 21. Jahrhundert. Ikonen und ihre Schöpfer, S. 76–81, hier S. 79.
Alex Shakar, 2001
Post-Irony means total imaginative and creative freedom.
Com&Com, 2008
Die Zeit der Ironie ist abgelaufen. Wir sind müde geworden, ständig mit den Augen zu zwinkern, kunstvoll zu zweifeln und alles im zweiten Grad und höher zu dekonstruieren. Nach einem letzten ironischen Höhepunkt als spöttisches Schwert der Postmoderne steht eine ironische Haltung heute dafür, Wahrheiten zu verschleiern, Problemen aus dem Weg zu gehen und jeden Schwachsinn damit zu rechtfertigen, dass es ja nicht ernst gemeint sei. Die Ironie verkommt zu einer Art Haftungsausschluss oder Fluchtmanöver vor jeder denkbaren Verantwortung. Viele Menschen wollen heute aber wieder ungebrochen und geradlinig durchs Leben gehen, die Dinge sehen, wie sie sind. Man lässt wieder Nähe und Emotionalität zu, übernimmt Verantwortung. Mit dem distanzierenden Gestus der Ironie ist dies nicht mehr ernsthaft machbar.
Von der Ironie zur Postironie
Bereits in den 1990er Jahren kündigten sich verschiedene Ansätze einer möglichen Nach-Ironie an; so zum Beispiel 1993 in David Foster Wallaces Essay E Unibus Pluram, in dem er die postmoderne Literatur mit der US-Fernsehindustrie verglich. Beide hätten sich mittels selbstbezüglicher Ironie der Angreifbarkeit entzogen, denn wer sich über sich selbst lustig macht, könne nicht mehr ins Lächerliche gezogen werden: „Die Ironie tyrannisiert uns. Sie ist ebenso mächtig wie unbefriedigend geworden, weil sie sich stets alle Optionen offen hält.“ Ausgerechnet der postmoderne Vollblutironiker Wallace träumte schon vor fast 20 Jahren von einer möglichen neuen Kultur des Post-Ironischen: „Die nächsten wirklichen literarischen ‚Rebellen‘ in diesem Land könnten als ein komischer Haufen von Anti-Rebellen auftreten, geborene Schaulustige, die sich erdreisten, vom ironischen Blick Abstand zu nehmen, und die kindliche Frechheit besitzen, unzweideutige Prinzipien gutzuheißen und auch umzusetzen. Die einfachen, uralten und vollkommen unmodischen menschlichen Schwierigkeiten und Gefühle mit Ehrfurcht und der Kraft der Überzeugung behandeln.“1
Als weitere Position sei Jedediah Purdys 1999 erschienenes Buch For Common Things: Irony, Trust, and Commitment in America Today2 erwähnt. Purdys Plädoyer für eine Repolitisierung der Öffentlichkeit wurde stark beachtet und ebenso oft als naiv gescholten. Es wurde als Generalangriff auf die ironische Kultur der USA gelesen, die den Rückzug aus der Öffentlichkeit zugunsten eines verantwortungslosen, allein individuell geführten Lebens fördere. Purdy kritisiert, dass wir eine Form von Ironie praktizierten, „die beharrlich jene Eigenschaften beargwöhnt, welche uns einen Mitmenschen ernst nehmen lassen: Integrität einer Persönlichkeit, Redlichkeit der Beweggründe. Wir hüten uns vor der Hoffnung, weil wir kaum sehen, was sie begründen könnte. An nichts wirklich zu glauben, besonders nicht an Menschen, erfüllt uns mit einem unbestimmten Stolz, und Überzeugungen zu haben, kann peinlich naiv wirken.“3
Während Foster Wallaces Essay im Grundton noch ironisch eingefärbt und uneigentlich bleibt, schreibt Purdy bereits eigentlich. Ohne doppelten Boden fordert er eine Art Rückkehr zur moralischen Integrität des Individuums, zu sozialer Verantwortung und gelebtem Umweltbewusstsein. Purdy formuliert Hoffnungen und geht damit das Risiko ein, dass diese enttäuscht werden und er als Autor als Spaßbremse da steht.
Der Terminus der ‚Postironie‘ wurde zwei Jahre später erstmals eingeführt von einem weiteren, ebenfalls aus den Vereinigten Staaten stammenden Autor. Alex Shakars im Trendscout- und Werbemilieu angesiedelter Debüt-Roman The Savage Girl (2001)4 bringt zwei interessante Kerngedanken hervor: die ‚Paradessenz‘ (jedem zu verkaufenden Produkt soll eine paradoxe Essenz inne wohnen, die zwei Dinge vereint, nach denen der Konsument sich sehnt) und eben die ‚Postironie‘, die hier als dritte Phase der Konsumgesellschaft (nach der präironischen Phase der 1950er und der ironischen der 1980er und 1990er Jahre) erklärt wird. Die Ironie sei inzwischen zum zentralen Stilmittel der Werbung degeneriert und habe so ihre oppositionelle Kraft verloren. Durch „ironischen Ernst“ („Postirony is ironic earnestness“5) könne aber der Lähmung durch den allgegenwärtigen Zweifel begegnet werden. Nicht nur wird das Phänomen des Zweifelns über Zweifel zum Zeitalter der Postironie extrapoliert, die Postironie selbst wird gar als neuer Trend und Marketingstrategie propagiert: „Postirony, the whole new era to come. And if I‘m right, everybody wins.“6
Wie schnell diese neue postironische Ära Wirklichkeit werden sollte, konnten weder Foster Wallace, Purdy noch Shakar voraussehen: Shakars Buch kam just an dem Tag auf den Markt7, als in New York die Türme einstürzten, und nichts mehr war wie zuvor. Nicht nur in den Vereinigten Staaten wurde unmittelbar nach den Terroranschlägen das endgültige „Ende der Ironie“8 ausgerufen.
Was ist Postironie?
Wikipedia bezeichnet den Begriff als „differenzierte Haltung zur Figur der Ironie. Analog zur Dekonstruktion der ‚großen Erzählungen‘ […] der Moderne im Zuge postmoderner Diskurse, […] setzt sich die Form der Postironie kritisch mit den Implikationen eines relativierten Wahrheitsbegriffes auseinander.“ Postironie sei weder als Ruf nach prä-ironischer Einfachheit, noch als strikte Anti-Ironie mißzuverstehen, vielmehr sei sie als sinnstiftende Empfehlung zu begreifen. Sie ist „eine verantwortungsbewusste Haltung, die Ironie ernst nimmt und diese unter den Bedingungen der Gegenwart wieder produktiv zu nutzen verspricht.“9 Eine ähnliche Lesart schlägt Sebastian Plönges in seinem Essay „Postironie als Entfaltung“ vor, die weder den Postironiker ironisiert noch die großen Erzählungen von Vernunft, Wahrheit, Geschichte, Fortschritt oder Kunst reanimieren muss: „Das Problem, auf das die Postironie eine Antwort sein könnte, hört auf ein Problem zu sein, sobald man produktiv mit Paradoxien umzugehen lernt.“ Das Aushalten von Kontingenzen sei die Stärke des Postironikers, „der somit eine freie und produktive Option zur Entfaltung der Ironie-Paradoxie anbietet. Er setzt alles auf eine Seite (ohne zu leugnen, eine Wahl gehabt zu haben), er markiert seinen Präferenzwert, und das alles ist ihm nicht peinlich: Er trifft eine Unterscheidung und übernimmt die Verantwortung dafür.“10 Postironie ist also eine Haltung, ein Statement, eine Positionierung.
Postironie und Kunst
In den Diskurs der Bildenden Kunst wurde der Terminus der Postironie Ende 2008 durch das Schweizer Künstlerduo Com&Com eingeführt. Mit dem first postironic Manifesto,11 propagierte Com&Com die Postironie als neue Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit und rief in bunten Farben zur Wiederentdeckung der Schönheit, Huldigung des Authentischen und zur Feier der Kreativität und Einzigartigkeit auf. Angesichts der Tatsache, dass Com&Com bisher mit satirisch-ironischen Videos, Installationen und Aktionen bekannt wurde, ist die anfängliche Skepsis nachvollziehbar. Das Manifest wurde teils als ein „rhetorisches Manöver und ironische Reaktion auf die faktische Instituierung der Postironie“ verstanden.12 Denn wenn die Ironie erst mal im Spiel ist, wird man sie kaum wieder los. Dass die beiden Schweizer es aber ernst meinen, zeigen sowohl ihre künstlerischen Arbeiten der letzten fünf Jahre, wie auch die begleitenden Vermittlungs- und Unterrichtsprojekte an den Universitäten von Köln, Hamburg und an der Zürcher Hochschule der Künste.13
Rund zwei Jahre später zeigte das Museum Morsbroich in Leverkusen 2010 mit der Gruppenausstellung Neues Rheinland. Die postironische Generation14 postironische Tendenzen in der deutschen Gegenwartskunst. Versammelt wurden rund 30 jüngere Positionen, die sich durch eine nachironische Haltung auszeichnen und eine „neue Hinwendung zu Ernsthaftigkeit, Engagement und Humor“ entwickelten.15 Die Co-Kuratorin der Ausstellung, Stefanie Kreuzer, sieht in der postironischen Kunst mit ihren künstlerischen Mitteln und Methoden wie Parodie, Zitat, Sampling, Fiktion und eben Ironie eine Abkehr vom Kunstbegriff der 1980er Jahre. „Hatte die Ironie in der Moderne und verstärkt in der Postmoderne das Problem von der Welt hin zum Diskurs, zu den Zeichen verschoben, so kehrt sich die Blickrichtung nun um.“16 Demnach bildet die Orientierung am Menschen das zentrale Moment dieser aktuellen Kunstproduktion. Körperlichkeit, Handgemachtes und innere Konstruktion sind also die Themen der Stunde. Beobachtungen, die auch die Kunsthistorikerin Noemi Smolik unterstützt: „Kneten und Formen, Zeichnen und Malen, Schneiden, Kleben und Binden kommen verstärkt vor. Keramik, diese verpönte Technik, haben plötzlich viele Künstler für sich entdeckt.“17 Kurator Markus Heinzelmann meint im Vorwort: „Es gehört Mut dazu, das Material wieder ernst zu nehmen und scheinbar altmodische Materialien wie die Keramik wieder auszuprobieren, Scherenschnitte anzufertigen, die Pigmente für seine Farben selbst auszugraben und anzumischen oder einen Song von Udo Jürgens in seinen Filmen einzubauen – und das nicht ironisch zu meinen.“18
Aber wirkt der Rekurs auf soviel ehrliches Handwerk und althergebrachte Technik nicht vielleicht selbst etwas hausbacken und abgestanden? Wo bleibt der aktuelle Bezug zur Politik und zum Leben von Heute, der der Postironie auch inne wohnt? Die Auswahl der in Leverkusen gezeigten Arbeiten lässt vermuten, die Kuratoren setzten Postironie mit neuer Innerlichkeit gleich. Die Künstlerin Alexandra Bircken zeigte einen Quilt, Jan Albers verlegte Rohre, Ulrike Möschel hängte eine weiße Kinderschaukel an einem seidenen Faden auf und in der Videoskulptur von Eli Cortiñas sang Judy Garland treffend: „There‘s no place like home“. Der Kritiker Michael Kohler summiert im Art Kunstmagazin denn auch nachvollziehbar: „Während die Welt gerade Kapriolen schlägt, dominieren Heim und Handwerk die Kunst: Das klingt beinahe nach der guten alten Biedermeierzeit.“19
Der Kunstkritiker Jörg Heiser steckt in seinem Katalogbeitrag den Begriff der Postironie etwas breiter ab und sieht erste Vorläufer bereits in der amerikanischen Camp-Bewegung („Camp ist Postironie avant la lettre“). Für Heiser ist Postironie nicht mehr etwas Komisches, das um einen ernst gemeinten Kern kreise, „sondern etwas zutiefst Ernstes, das den Beigeschmack zulässt, dass es auch lustig gemeint sein könnte.“ In der Postironie gehe es um die gesellschaftliche Durchsetzung eines „dialektischen Verständnisses davon, was ‚echt‘ und was ‚künstlich‘, was authentisch und was ironisch in der gegenwärtigen Überlagerung von Medienwirklichkeiten heißt.“20 Doch mindestens solange dem „Post-“ weiterhin die „Ironie“ anhängt (und nicht etwa durch ein neues künstlerisches Konzept ersetzt wird), muss eine Unterscheidung über die erwähnte Dialektik hinaus führen: Postironie ist eine Haltung, die es nicht mehr nötig hat, sich an der Unterscheidung von echt/künstlich abzuarbeiten, egal ob ernst oder ironisch.
Postironisches Manifest
Das bereits erwähnte Schweizer Künstlerduo Com&Com wurde 1997 in St. Gallen von Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger als fiktive Firma („commercial communication“) gegründet, mit dem zunächst einmaligen Ziel, eine Kaffeefahrt rund um den Bodensee zu veranstalten. Aus diesem temporären Appropriations- und Sozialkunstexperiment wurden 15 Jahre der künstlerischen Praxis, in denen Com&Com sich und ihren Kunstbegriff mehrfach neu erfanden. Nach teils komplexen Kommunikations- und Strategieprojekten der Gründerjahre, die neben Techniken wie Sampling, Fake und Provokation auf das alles verbindende Gleitmittel Ironie setzten (C-Files: Tell Saga [2000],21 Mocmoc [2003–2008],22 Gugusdada [2004–2011]23), begann ab ca. 2006 eine Phase der Umorientierung und ein umfassendes Rebranding auch der künstlerischen Ausrichtung, das in der Ausrufung des postironischen Manifestes Ende 2008 gipfelte24:
1. Wir leben im postironischen Zeitalter. Ironischer Zweifel ist nur noch zur Lebensart erhobene Unzufriedenheit.
2. Wir beginnen das Verfahren des Zweifelns anzuzweifeln.
3. Wahrheiten sind nicht länger unbedingt, sondern vorübergehend, wie es dem augenblicklichen Zweck gerade dienlich ist.
4. Die Welt ist mehr als sie ist.
5. Das Alltägliche dient als Versuchsgelände für den menschlichen Geist.
6. Alles ist erfüllt von Zauber und Schönheit.
7. Schönheit kann uns dazu anregen, bessere Menschen zu werden.
8. Aus Schönheit kann Liebe erwachsen.
9. Aus der Liebe folgen Wahrheiten.
10. Wir stehen an der Schwelle zu einer wunderbaren Sache: vor der Wiedergeburt unserer Selbsterschaffung. Postironie meint völlige Vorstellungs- und Gestaltungsfreiheit.
‚Postironic Turn‘
Die postironische Neuausrichtung manifestiert sich seit 2009 im gesamten künstlerischen Output von Com&Com. Nachdem sich die Künstler jahrelang hinter dem Werk und der kollektiven, industriellen und digitalen Produktion verbargen, nahmen sie nun wieder selbst den Stift, den Pinsel oder das Messer in die Hand und traten wieder live vor Publikum auf. Zudem wurde das Interesse für Natur (vgl. Baum (seit 2010)25), Volkskulturen und Traditionen in der eigenen und in anderen Kulturen (vgl. Bloch (seit 2011)26) wach. Damit wurden weitere Forderungen des Manifestes eingelöst. Heute versteht Com&Com Postironie als das Zulassen von Emotionen sowie Mut zum Pathos und großen Gefühlen, als eine staunende Betrachtung des Realen, des Einfachen und des Zaubers im Alltag.
Postironie ist die Feier des Lebens, der Natur und der Schönheit. Postironie meint aber auch Gastfreundschaft und Verantwortung in der Kunst, sie schafft künstlerische Communities und setzt kritische Debatten in Gang. Postironie ist der grenzüberschreitende Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und verbindet lokale und globale Perspektiven miteinander.
Die Postironie lässt sich auch nicht nur als Neuausrichtung eines gewandelten Kunstverständnis einer einzelnen Position (Com&Com) sehen. Ähnliche Denkweisen und Parallelen lassen sich mehrfach innerhalb der Post-9/11-Kunst und in der zeitgenössischen Kunst seit Beginn der Finanzkrise beobachten. Womöglich ließe sich gar von einem Paradigmenwechsel und „postironic turn“ sprechen.
Post-Post-Ironie
Und bevor jemand fragt „what’s next?“: Ich weiß es auch nicht. Gut möglich, dass die Postironie schon bald einen anderen Namen trägt. Welchen, ist gar nicht so entscheidend, solange dabei Kunst entsteht, die etwas bewirkt. Was von der Postironie jedoch mit Sicherheit bleiben wird, ist die Hoffnung auf Wandel und auf eine bessere Welt, frei von Sarkasmus und Zynismus. Damit verbunden ist die Einladung, das reiche Leben und dessen Schönheiten und Wahrheiten zu entdecken, in dem man neugierig ist, auf einander zugeht und gemeinsam nach kreativen Lösungen sucht. Und was ebenfalls bleibt, ist die Haltung, Fragen und Probleme frontal anzugehen, Verantwortung zu übernehmen, den Mut zur Utopie und zu schönen Ideen zu haben und keine Angst vor Scheitern, Peinlichkeiten und großen Gefühlen. – Denn dann gewinnt am Ende wirklich jeder.27
Wiederabdruck
Dieser Text erschien erstmals in abgeänderter Form in: Kunstforum International Bd. 213: „Ironie“, Ruppichteroth, 2012, S. 112–125.
1.) David Forster Wallace, „E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction“, in: The Review of Contemporary Fiction, 13, Champaign 1993, S. 151.
2.) Jedediah Purdy, Das Elend der Ironie, Hamburg 2002.
3.) Ebd., S. 83.
4.) Alex Shakar, Der letzte Schrei, Hamburg 2002
5.) Alex Shakar, The Savage Girl, New York: Harper 2001, S. 140.
6.) Ebd., S. 124.
7.) www.themillions.com/2011/07/the-year-of-wonders.html (abgerufen am 30.7.2011).
8.) Vgl. z. B. Roger Rosenblatt: „The Age of Irony Comes To An End“, in: Time Magazin, 16.9.2001.
9.) http://de.wikipedia.org/wiki/Postironie (abgerufen am 30.7.2011).
10.) Sebastian Plönges, „Postironie als Entfaltung“, in: Torsten Meyer, Wey-Han Tan, Christina Schwalbe, Ralf Appelt (Hrsg.): Medien und Bildung. Institutionelle Kontexte und kultureller Wandel, Wiesbaden 2011, S. 438–446.
11.) www.postirony.com
12.) Jörg Heiser, „Im Ernst – von polemischer Ironie zur postironischer Vernetzung in der Kunst des Rheinlands und überhaupt“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), Neues Rheinland. Die postironische Generation, Ausstellungskatalog des Museums Morsbroich, Berlin, 2010, S. 19.
13.) Der seit 2009 bestehende Blog auf www.postirony.com brachte neben einer umfangreichen Materialsammlung zu postironischen Tendenzen in den Künsten auch weitere Definitionsversuche hervor.
14.) Vgl. Markus Heinzelmann/Stefanie Kreuzer (Hrsg.), Neues Rheinland. Die postironische Generation, Ausst.-Kat. Museum Morsbroich, Leverkusen, Berlin, 2010.
15.) Pressetext auf: www.museum-morsbroich.de/ (abgerufen: 30.7.2011).
16.) Stefanie Kreuzer, „Gegenrede – Ironie“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 43ff.
17.) Noemi Smolik, „Ein Manifest für politisch wirksame Kunst“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 35f.
18.) Markus Heinzelmann, „Vorwort“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 7.
19.) Michael Kohler, „Totes Heim, Glück allein“, in: www.art-magazin.de/kunst/35806/neues_rheinland_leverkusen (abgerufen am 30.7.2011).
20.) Jörg Heiser, „Im Ernst – von polemischer Ironie zur postironischen Vernetzung in der Kunst des Rheinlands und überhaupt“, in: Heinzelmann/Kreuzer (Hrsg.), S. 19.
21.) www.youtube.com/watch?v=SDdjRZlxGpE.
22.) www.mocmoc.ch; www.youtube.com/watch?v=r3_SNlWx-NA.
23.) www.gugusdada.net; www.youtube.com/watch?v=tlxCBenCDns.
24.) Vgl. auch englische Originalfassung unter www.postirony.com
25.) www.com-com.ch/de/archive/detail/10
26.) www.bloch23781.com
27.) vgl. das Eingangszitat von Alex Shakar: „Postirony, the whole new era to come. And if I’m right, everybody wins.“ (2001), in: Der letzte Schrei, Hamburg 2002.
Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch erschien die Situation so ausweglos, dass jemand das ganze Land bei eBay zum Verkauf angeboten hat. Damals ist die Best Party auf der politischen Bühne erschienen, eine Spaßnummer, die jedoch die Wahrheit enthüllte.
Von dem bekannten Komiker und Satiriker Jón Gnarr inspiriert, haben wir zusammen mit ein paar Musikern, Schauspielern, Fernsehleuten, Künstlern und Freiberuflern die Best Party gegründet und traten als Gruppe auf der politischen Bühne auf. Bei den Kommunalwahlen von Reykjavík 2010 konnten wir eine Mehrheit von 34 Prozent erreichen, und Jón Gnarr wurde Bürgermeister. Es war ein Experiment, wir wollten sehen, ob die Stadt auch ohne Politexperten funktionierte. Für mich ist es eine Gelegenheit, Politik auf einer menschlicheren Ebene zu betreiben und nicht von einer durch Inzucht entstandenen Parteistruktur abhängig zu sein. Wir haben keine versteckte politische Agenda; wir denken an das allgemeine Wohl und unterlaufen normative Politik. Wir glauben, dass wir die politische Landschaft Islands verändern können, schließlich haben wir innerhalb kürzester Zeit extrem viele Stimmen zu einem sehr günstigen Zeitpunkt gewonnen, als nämlich die Menschen enttäuscht und wütend waren und mehr Transparenz forderten. Es gibt aber auch viele, die uns nicht mögen und lautstark verkünden, wir seien inkompetent und untragbar, einfach nur Künstler und Popstars, die von nachhaltiger Politik keine Ahnung hätten. Unser Image ist das von Erlösern, Karnevalisten und Dilettanten. Wir spielen die traditionelle Rolle von Künstlern, aber von involvierten Künstlern. Künstler oder -Musiker werden oft als Vermittler zwischen dem politischen und gesellschaftlichen Bereich betrachtet, als Verteidiger einer guten Sache. Häufig konfrontieren sie die Gesellschaft mit dem, was tatsächlich abläuft und was es zu bedeuten hat. Sie setzen die politische Botschaft um und hinterfragen sie. Sie stellen Fragen und kritisieren die Politiker. Ähnlich wie sie haben wir als Künstler und bekannte Persönlichkeiten aus Kultur und Unterhaltung unser Engagement institutionalisiert, um eine Plattform für neue Möglichkeiten zu schaffen. Politik sollte Menschen ansprechen und motivieren, Stellung zu beziehen, ihre Meinung zu sagen.
Haben Sie vor dem Kollaps auch an den isländischen Traum geglaubt?
Vor 2008 haben die meisten aktiv an diesem Traum mitgewirkt. Doch unsere wirtschaftlichen Kenntnisse reichten nicht aus, um der Finanzfalle zu entgehen. Wir sind nicht so unschuldig, wie wir aussehen. Wir haben das Unsrige zu diesem Traum vom großen Geld und gewinnträchtiger Spekulation beigetragen und versuchen jetzt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Island gilt als ein ziemlich progressives und eigenständiges Land mit sehr wachen Bürgern.
Wie all die anderen nordischen Länder hat auch Island im 20. Jahrhundert tiefgreifende Transformationen erlebt. In den 1960er- und 1980er-Jahren florierte unsere Wirtschaft, und damals wurde auch ein soziales Sicherungssystem aufgebaut. Doch in den 1990ern änderte sich das. Wir glaubten, wir könnten mehr Geld machen, wenn wir uns auf Spekulieren verlegten, statt unsere Fisch-industrie zu entwickeln, mehr noch als die Wallstreet-Typen, die darin Weltmeister waren. Die Leute gaben ihre Arbeit in Industrien wie der Fischerei oder dem Transportwesen auf und verschrieben sich dem Traum vom schnellen Geld und dem Kreditmarkt. Viele hatten wirklich keine Ahnung, was Wirtschaft betraf. Ich kenne ein paar Leute, die jeden Monat eine Million Dollar scheffelten. Und nur die Wenigsten wussten, dass das ein böses Ende nehmen könnte. Auf sie hat aber niemand gehört.
Wie sähe die Situation aus, wenn es nicht zum -Kollaps gekommen wäre? Würde es einen postdemokratischen Konsens anstelle von Pluralismus geben?
Island hätte wahrscheinlich eine glückliche Elite von Multimillionären, die die Medien und die Politik kontrollierten. Die Leute waren berauscht von dem Erfolg, den das Land für sich verbuchte, und wir haben alle mitgemacht. Nach dem Kollaps wurde man dann sehr viel kritischer und skeptischer. Heute plädieren dieselben Leute, denen es früher nur um Profite ging, für wirtschaftliche Chancengleichheit.
Ein isländischer Kurator sagte: »Sie sind der reinste Segen für uns.« Eine solche Erklärung überrascht die Kunstszene, die sich normalerweise von der Politik übergangen fühlt. Sie scheinen etwas in die Politik einzubringen, was man »emotionales Kapital« nennen könnte.
Wir müssen beweisen, dass wir als Bürger in der Lage sind, Politik zu machen. Aber das System wird alle nur möglichen Hindernisse in den Weg legen, da es die Macht nicht abgeben will. Wenn sich ein ganz normaler Bürger in die Politik wagt, wird das System ihn schnell wieder hinausbefördern, weil er kein Politprofi ist, auch wenn er gute Arbeit leistet. Er folgt nicht den Regeln, die die sogenannte Politik ausmachen: Er sagt offen seine Meinung, er vernichtet seine Gegner nicht, für ihn zählen die Bedürfnisse der Menschen, und er stellt die Hierarchie nicht über alles und so weiter. Tatsache ist, dass wir solche Leute brauchen und Politik deshalb auch für jeden offen sein sollte. Am besten wäre es, überhaupt kein System zu haben, sondern eine gut funktionierende Anarchie, die sich selbst genügt, in der sich jeder um den anderen kümmert und alle bekommen, was sie wollen. Die Best Party unterscheidet nicht zwischen einem ästhetischen, von einem Kunstwerk inspirierten Experiment und einer politischen Aktion. Es ist dasselbe. Es berührt einen. Man macht sich Gedanken. Man nimmt sich und seine Umgebung wahr. Politik war nicht mehr für die Menschen da, gesunde Gefühle wie Solidarität und Aufrichtigkeit waren nicht mehr gefragt, ebenso wenig wie Fehler zu machen und sie zuzugeben. Wenn sich ein Politiker von der menschlichen Seite zeigt und wie ein normaler Mensch reagiert, sind die Leute richtig beeindruckt, ja schockiert. Und wenn man in der Politik Leuten begegnet, die normal sprechen und gleichzeitig Künstler, Schauspieler oder Musiker sind, so ist das sexy und eine richtige Offenbarung. Es ist intelligent und glamourös, offen und kritisch. So wie es sein soll. Jón Gnarr wurde gebeten, ein deutsches Marineschiff im Hafen von Reykjavík zu begrüßen. Er ist nicht hingegangen, hat aber eine Rede gehalten und erklärt, er sei Pazifist und gegen jede militärische Präsenz in einem neutralen Land. Ist das ein diplomatischer Faux-pas? Hat er keine Ahnung von Politik? Man kann es gut finden oder auch nicht, jedenfalls wird man seine politischen Aktionen nicht gleichgültig hinnehmen können. Und das zählt. Die Operation wurde als zweifelhaft sabotiert – man weiß auch nie genau, was ernst gemeint ist und was nicht. Eine kleine Parodie des politischen Systems dient als Warnung.
Wir sollten uns das Leben so einrichten, dass wir uns darin wohlfühlen.
Das klingt sehr schön.
Die Best Party ist eine Antwort auf einen gewissen Status quo. Lange Zeit waren Künstler einfach nur diejenigen, die Denkanstöße gaben und die Probleme der -Menschen in ihrer Kunst ausgedrückt haben. Wenn sie einen weiteren Schritt tun und in die Politik gehen, -setzen sie ihren eigenen Widerstand in die Tat um; sie geben politischen Konzepten eine menschliche Dimension, sie arbeiten gegen ein platt machendes System.
Mit seinen Künstlern in der Politik kann Island als eine Art Experiment gelten. Dreihunderttausend Menschen auf einer kleinen Insel bilden einen Mikrokosmos für sich. Was hier in kleinem Maßstab geschieht, spiegelt wider, was in einem größeren Maßstab in einer Welt von unterschiedlichen Interessen und Einflüssen geschieht. Island liegt auf halbem Weg zwischen Europa und den USA.
Sie sind Musiker. Ihr Wahlsong war ein Remix von Tina Turners Simply the Best.
Pop ist ein Mittel zum Zweck, ein ziemlich unwiderstehliches. Wir haben mit 19 Prozent der Stimmen in der Stadt angefangen, was absolut erstaunlich ist für eine Bewegung, die sich auf Punk zurückführen lässt. Ich bin der Zweitälteste in der Best Party und war selbst ein Punk. In die Politik zu gehen, hat für mich viel mit der Do-it-yourself- Moral dieser Musik zu tun. Ehrlich gesagt, ist es schon ein gewisses Dilemma für uns, da wir es nicht wirklich geplant hatten. Wir haben einfach nur auf die Situation hier reagiert. Wir haben jetzt sechs von fünfzehn Sitzen in der Stadtverwaltung, und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Und wir können auch mit Kritik umgehen.
Antanas Mockus, ehemaliger Bürgermeister von Bogotá, war einfach zu aufrichtig für einen Politiker. Er legte seine Karten auf den Tisch und sagte, er würde nicht für alles eine Lösung haben, und hat schließlich verloren. Anscheinend ziehen die Menschen einen Lügner vor. Gehört Ihre Partei zu den Aufrichtigen?
Wir sind dabei zu lernen, learning by doing sozusagen. Gemeinsam versuchen wir, ein Problem oder eine Aufgabe zu bewältigen. Wir haben keine festen Verhaltensmuster, von denen sich ableiten lässt, was wir als nächstes tun. Von unserem Bürgermeister Jón Gnarr lässt sich das ebenso wenig sagen. Als Profischauspieler hält er
in den unterschiedlichsten Zusammenhängen seine Reden, und er glaubt daran, dass aus Worten Taten werden, dass sich mit Worten viel erreichen lässt. Eine Modenschau hat er mit einer Rede über Hunger, Armut und Schönheit eröffnet. Und er hat sich das Symbol der Stadt Reykjavík auf den Arm tätowieren lassen. So lässt sich mit Kunst Politik machen. Was immer er beschließt, wir sind bereit.
Sie sind für den Sektor Kultur und Tourismus zuständig. Was werden Sie für die isländischen Freischaffenden tun?
Wir wollen alles, was kreativ und gut ist, unterstützen, ohne darüber zu urteilen. Das frühere Kulturamt hat eine Agenda mit Programmen für unterprivilegierte Gruppen oder Minoritäten ins Leben gerufen. Dieses Geld wollen wir für gute Projekte, die weitergeführt werden sollen, verwenden. Wir unterstützen das Kino Bió Paradis, eine Art Schirmprojekt für isländische Filmemacher. Wir haben eine Tanzfabrik eröffnet, wo sich Choreografen betätigen können. Wir setzen uns für Künstlerkollektive ein, ohne zu selektieren oder Vorschriften zu machen. Wir nehmen die Dinge, wie sie sind. Reykjavík hat eine Künstlervereinigung, und man kann einmal im Jahr ein Projekt einreichen. Die Vereinigung entscheidet, wer das Geld bekommt. Nicht die Politiker sind zuständig, sondern die Künstler selbst. Wir segnen es nur ab. Isländische Kultur ist eines unser wertvollsten Güter, und wir verteidigen sie, so wie sie ist. Leider gibt es für weitere Abenteuer kein Geld.
Allein aufgrund seiner Größe ist Island eine Art politischer Versuchsanordnung. Wenn Sie sich -andere europäische Länder anschauen, denken Sie, dass ein Phänomen wie die Best Party auch dort -Erfolg haben könnte?
Die Iren wollten die Best Party in Dublin einführen, aber sie waren pessimistisch, ob das in ihrem Kontext funktionieren kann. Sie fragten uns, was sie machen können, um die Leute optimistischer zu stimmen. Jón Gnarr und ich gingen während der diesjährigen Wahlen nach Dublin, wo eine Gruppe von Künstlern eine Pseudo-Kampagne für Kandidaten organisierte, die gar nicht existierten. Ich sagte den Iren, dass sie bereits etwas Neues auf den Weg gebracht hätten, indem sie eine Partei gründeten, die es als solche gar nicht gibt. Sie auftreten lassen. Jón hätte das mit der Best Party auch so gemacht. Wichtig sei, das System herauszufordern. Ein Konzept wie das der Best Party kann in jedem Land Erfolg haben, die Leute müssen nur dahinter stehen. Vor allem darf man aber keine Angst haben, gegen das Establishment anzutreten.
Ich wollte herausfinden, was über die Best Party geschrieben wurde. Das Material bestand zum größten Teil aus herablassenden Witzen über Ihre Politik. Das Image ignoranter Optimisten reduziert Ihre Aktionen häufig zu Anekdoten.
Ich mache keine Witze, wenn ich interviewt werde. Ich verfolge eine bestimmte Politik. Ich bin bodenständig, ich stelle mich den Fragen und versuche, eine Antwort zu finden. Jón und ich haben eine Reihe sehr ernsthafter Interviews gegeben. Und alle vier politischen Parteien Islands waren sauer. Wir sagten, die Politiker würden sich gegenseitig fertigmachen, das wäre kein gesunder Wettbewerb. Die Sozialdemokraten, unsere Partner, meinten, das sei nicht fair. Aber es ist fair. Das bringt uns zurück auf die Frage von Künstlern, die sich in der Politik betätigen. Künstler können in der Politik absolut aufrichtig sein. Ich bin aufrichtig, wenn ich etwas sage. Wenn ich nicht verstehe, was die Politiker sagen, weil sie »im Namen des Systems« sprechen, melde ich meinen Widerspruch an. Statt mir eine ehrliche Antwort zu geben, werden sie ausfällig. Mit konstanter Bosheit nennen sie die Best Party die »Boy’s Party«, weil weniger Frauen drin sind. Und sie nennen Jón einen Gangster. Doch sie vergessen, dass die Finanzkrise in einem Sektor begonnen hat, wo es viel zu viele Männer gab, wo Testosteron der Treibstoff war.
Woher kommt Ihre politische Kompetenz?
Wir sind Politiker aufgrund unserer Lebenserfahrung. Viele der Politprofis gehen sofort nach der Universität in die Politik. Sie haben keine Ahnung, wie man einen Film dreht oder ein Buch schreibt, eine Plattenaufnahme macht oder ein Taxi fährt, ein Haus baut oder sich in einer Band behauptet. Unglücklicherweise haben sie nie diese wichtigen Erfahrungen gemacht. Wir schon.
Sind Sie nach einem Jahr nicht völlig ausgepowert? Denken Sie nicht ab und zu daran, doch lieber wieder Musik zu machen?
Man hat keine Mühe gescheut, um uns zum Aufgeben zu zwingen. Um uns die Sache so schwer wie möglich zu machen. Um die Atmosphäre zu vergiften. Daran habe ich mich gewöhnt. Und eigentlich habe ich auch damit gerechnet. Wenn ich jetzt aufgeben würde, könnte ich mir das nie verzeihen. Wer außer mir würde die Drecksarbeit machen? Wir haben ein menschliches Gesicht und intuitive Strategien. Wir sind eine Gruppe von Künstlern und Nicht-Künstlern, die sich angesichts des Defätismus und der Verzweiflung, die in Island und mehr und mehr auch in Europa überhand nehmen, spontan zusammentaten. Wir haben unsere Überzeugungen. Viele Leute fragen uns um Rat. Aber es gibt keine rationale Erklärung für unseren Erfolg.
In der isländischen Verfassung steht, dass jeder Bürger Präsident werden kann. Und wir setzen diesen Text in die Tat um. Die Best Party fordert:
1. Die Haushalte unseres Landes müssen unterstützt werden. Familie ist die beste Erfindung unserer Gesellschaft. Regierungen müssen den Bedürfnissen und Forderungen der Haushalte Rechnung tragen. Die Haushalte hier müssen von einem eisernen Schild umgeben werden. Für isländische Haushalte ist das Beste gerade gut genug.
2. Die Lebensqualität der weniger Privilegierten muss verbessert werden. Wir wollen für euch alles tun, was in unserer Macht steht, und euch eine kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und der Schwimm-bäder anbieten, damit ihr euch frei in Reykjavík bewegen könnt und immer frisch gewaschen seid, auch wenn ihr kein Geld habt oder unter irgendwelchen Handicaps leidet.
3. Schluss mit der Korruption. Wir versprechen, dass es damit ein Ende haben wird. Wir werden das erreichen, indem wir mit offenen Karten mitspielen.
4. Gleichheit. Jeder Mensch verdient das Beste, unabhängig davon, wer er ist und woher er kommt. Und wir wollen unser Bestes tun, damit jeder in dem besten Team mitspielen kann.
5. Mehr Transparenz: Am besten ist, wenn alles auf dem Tisch liegt, dann wissen die Leute, was Sache ist. Wir möchten das auf jeden Fall unterstützen.
6. Eine Demokratie, die funktioniert: Demokratie ist ja gut und schön, aber eine funktionierende Demokratie ist noch besser. Dafür treten wir ein.
7. Alle Schulden erlassen: Wir hören auf die Nation und richten uns nach ihren Wünschen, denn die Nation muss schließlich wissen, was für sie am besten ist.
8. Kostenlose Nutzung von städtischen Bussen für Studierende und Krüppel. Wir können mehr kostenlose Dinge versprechen als jede andere Partei, weil wir genau wissen, dass wir unsere Versprechen nicht halten werden. Also können wir versprechen, was wir wollen. Zum Beispiel Freiflüge für Frauen oder kostenlose Autos für Leute, die in ländlichen Regionen leben. Was auch immer.
9. Kostenlose zahnärztliche Behandlung für Kinder
und Behinderte. Das hat es bislang noch nicht gegeben, und wir wollen auf jeden Fall auch diese Versprechung machen.
10. Freier Zugang zu Schwimmbädern und Gratis-Handtücher für alle: Das muss eigentlich auch allen imponieren – auf dieses Wahlversprechen sind wir besonders stolz.
11. Diejenigen, die für den Wirtschaftskollaps verantwortlich sind, sollen sich vor Gericht verantworten.
Wir hatten das Gefühl, das dürfte nicht fehlen.
12. Völlige Gleichstellung der Geschlechter.
13. Frauen und alte Leute sollen mehr Gehör finden. Man hört ihnen einfach nicht richtig zu. Als würden alle denken, sie würden sich doch nur beklagen. Wir wollen das ändern. Siehe: http//en.wikipedia.org/wiki/Best_Party (Zugriff am 13.12.2011).
Aus dem Englischen von Uta Goridis
Dieses Gespräch erschien anlässlich der Publikation „Forget Fear“ der
7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (27. April – 1. Juli 2012), hrsg. von Artur .Zmijewski und Joanna Warsza, Köln 2012, S. 276–281.