define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Anarchie – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Thu, 10 Jan 2019 12:01:52 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Institut für wache Kreaturen https://whtsnxt.net/190 Mon, 05 Jan 2015 13:16:27 +0000 http://whtsnxt.net/209 Ein Gespräch über falsches Porzellan, globale Handelswege und neue Formen der Vermittlung von Kunst.

Roger, was macht die Kunst?
Wenn alles klappt, dann macht die Kunst Dinge verständlich. Sie bewegt sich in Feldern und Wissenszusammenhängen, die der Betrachter in dieser Form oder in diesem Zusammenhang nicht kennt oder mit denen er noch gar nicht konfrontiert worden ist. Kunst ist ein heuristisches Mittel, um Zusammenhänge herzustellen – und eben deshalb so sehr schwer zu präsentieren.

Du tust das nun schon seit Jahren, kürzlich hast du das wiedereröffnete Johann-Jacobs-Museum in Zürich neu konzipiert. Was und wie präsentierst du hier?
Das Museum hat sich früher auf die Vermittlung der Kulturgeschichte des Kaffees beschränkt, die Familie -Jacobs hat mich nun eingeladen, eine stärker zeitgenössische Ausrichtung zu konzipieren, also schärfere Ausstellungen zu machen. Gleichzeitig wurde das Haus komplett vom Basler Architekturbüro Miller & Maranta renoviert: Die alten Teppiche wurden zusammengerollt, die Kegelbahn im Keller zugunsten einer technisch ausgefeilten Wunderkammer ausgebaut. (lacht)

Im repräsentativen Hauptraum im Erdgeschoss hängt aber weiterhin ein Fries mit Kaffeekannen aus aller Herren Länder. Ist der Staub doch noch nicht ganz ab?
Die Objekte zur Kaffeekultur stammen aus der Sammlung, mit der ich aber nicht aktiv arbeite. Wer braucht schon 600 Kaffeekannen? Es gibt allerdings keinen Grund, die Geschichte zu unterdrücken: Gerade die -Bibliothek zur Kaffeegeschichte mit englischen Unterhausdebatten zur Abschaffung der Sklaverei oder zu türkischer Kostümgeschichte ist eine Fundgrube. Die ursprüngliche Inspiration bleibt also präsent, wird aber spielerisch aufgefasst. Das erweist sich in der Präsen-tation der Dinge, die wie bei „Alice in Wonderland“ zu schweben beginnen. Dieses Schweben kündet auch von einer gewissen antimusealen Anarchie, die Ordnungen durcheinanderbringt.

Kunst statt Kaffee!
Ja, wobei keiner weiss, was Kunst genau ist. Sicher nicht das, was man auf der Art Basel findet.

Sondern?
Kunst haust nicht unbedingt in all diesen Dingen, die als Kunst daherkommen, Kunst ist da, wo man sie genau nicht erwartet. Das möchte ich zeigen. Das Johann-Jacobs-Museum soll ein Lernort jenseits der klassischen -Vitrinen sein, die oft nur einen einzigen Blick auf ein Thema zulassen. Es geht auch nicht darum, dass man in einer gewissen masturbatorischen Eleganz irgendwelche Konzepte entwickelt, sondern Dinge experimentell und mit Risiko in Szene setzt. Kunst muss auch wehtun.

Die Kunst muss wehtun – oder die Diskussion über die Kunst?
Beides. Ich denke, dass das miteinander verflochten ist. Die Kunst ist von ihrer Erfahrung nicht zu trennen. Sie stellt sich eigentlich erst in dieser Erfahrung her. Wenn die Leute das Museum geschockt und irgendwie verändert verlassen, dann ist mir das nur recht.

Laut eurer Website verschreibt sich das Museum der „Erforschung und Darstellung der Geschichte der globalen Handelswege sowie ihrer kulturellen Ablagerungen“. Klingt nicht unbedingt nach den ersehnten Schmerzen.
Die echten Schmerzen liegen nicht an der Oberfläche. Sie beginnen, wenn man mit dem eigenen Wissen nicht mehr weiterkommt, wenn man verlernen oder umlernen muss. In diesem Museum geht es darum, dass man etwas über die eigenen Bedingtheiten, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung erfährt. Dazu befleissige ich mich bestimmter Dinge, zumal solcher, die auf den Haupt- und Nebenwegen des globalen Handels entstehen. Mich interessiert etwa, wie man die Geschichte einer persischen Schale erzählen kann, die ein schamloses Imitat von chinesischem Porzellan ist, mit chinesischen Lettern, die kein Chinese lesen kann, weil sie sich ein persischer Handwerker erträumt hat. Gehört das in ein ethnographisches Museum? Und wenn ja, in welche Abteilung? In die von Persien oder in jene von China? Das ist die Art von Schmerz, die ich meine: das Kopfzerbrechen.

Ihr betreibt also eine Art Nischenmuseum zwischen den geopolitischen Identitäten?
Genau. Denn egal ob ich ins Rietbergmuseum in Zürich, ins Metropolitan in New York oder ins British Museum in London gehe: Die denken alle in geopolitischen Identitäten wie eben Persien, China, Südamerika, Europa. Und deshalb haben sie Schwierigkeiten mit den Dingen, die zwischen oder in der Interaktion dieser Kulturen entstanden sind. In dieser Nische hat sich unser Museum aufgestellt.

Wie sehen die ersten Reaktionen darauf aus?
Die erfährt man als Direktor meist als letzter. Worüber ich mich aber freue: in unserer Ausstellung „A Season in Shell“ – eine Feldforschung in den Chungking Mansions, einem informellen Handelszentrum afrikanischer Geschäftsleute und Asylsuchender in Hongkong – hat die Asylorganisation Zürich eine Diskussion organisiert und gefragt, ob es nicht intelligenter wäre, wenn die Asylsuchenden, die in die Schweiz kommen, mit ähnlich ökonomischen Freiheiten ausgestattet würden, wie sie somalische Asylsuchende in Hongkong haben. Gute Frage, denn statt dem Beispiel Hongkongs zu folgen, sind die Asylsuchenden hier handlungsunfähig – reine Geldempfänger, ökonomisch komplett passiviert. Ist das die richtige Form, mit ihnen umzugehen? Oder muss man die ganze Frage der Einwanderung nicht anders denken? Das sind die unbequemen Fragen, die Kunst hier stellen kann.

Apropos Migration: von dir stammt auch der Begriff „Migration der Formen“. Was ist damit gemeint?
Gemeint ist, dass Sachen wandern. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Formen, sondern auch um Praxis. Die muslimischen Sklaven aus Dahomey, dem heutigen Benin, etwa sind von portugiesischen Handwerkern im Barockstil ausgebildet worden. Als sie nach Aufständen zurückgeschickt wurden, haben sie ihre Moscheen im Stil des portugiesischen Barocks gebaut. Solche Phänomene interessieren mich. Und zwar nicht nur als ästhetische Formen, sondern auch als Denkformen, Denksysteme, die wie die Moderne exportiert werden und dann verändert wieder in den Westen zurückkommen.

Findet man diese „Migration der Formen“ auch in der zeitgenössischen Vermittlung im Johann-Jacobs-Museum?
Klar. Ich frage mich hier immer wieder aufs Neue: Redet man jetzt aus dem „Zentrum“ der Welt? Ich denke, die meisten Institutionen tun das. Sie sprechen, als sei das, was man in ihren Hallen sieht, hört, liest, die Wahrheit, als sei das hier Erlebte überall gleich gültig. Dabei stimmt das ja nicht: Es ist doch vielmehr so, dass die Dinge sich an anderen Orten und in anderen Kulturen den Besuchern anders darstellen. Das habe ich u. a. in Museen gelernt, die sich in der Peripherie befinden oder dort, wo mal die Peripherie war.

Du hast vor deiner Zeit in Zürich die Documenta 12 (2007) kuratiert und dabei die Kollaboration mit Schulen und Jugendlichen gesucht. Denen sagt man nach, sich nicht besonders für Kunst zu interessieren …
… und deshalb haben wir ihnen gesagt: Ihr kriegt einen Raum, wo euch Erwachsene eine oder zwei Stunden zuhören müssen! Und was ihr mit diesem Raum macht, könnt ihr selber entscheiden. Das war für viele dann doch ein attraktives Angebot.

Was kam bei dieser Machtumverteilung heraus?
Zunächst einmal: dass es sich wirklich um ein Machtverhältnis handelt. Für die meisten Erwachsenen ist es unerträglich, Kindern länger zuzuhören, ohne korrigierend eingreifen zu können bzw. zu demonstrieren, dass man selbst alles besser weiss. Manche Kinder reden Unsinn, nicht anders als Museumsguides auch. Aber die Wahrheit spielte in diesen Situationen keine so grosse Rolle wie das Moment der Selbstermächtigung, die Erfahrung der Kinder, die Sicherheit, mit institutioneller Autorität ausgestattet zu sein. So arbeiten wir hier im Museum auch mit Schulen, gerade auch mit Klassen mit Einwandererkindern, weil die ihre lokale Expertise einbringen können. Eine kleine Äthiopierin hat ein anderes identifikatorisches Verhältnis zum Ursprungsland des Kaffees; die erkennt hier etwas wieder von sich, um ein simples Beispiel zu nehmen. Wir wollen ein Institut für wache Kreaturen sein.

Das Museum als „Wecker“?
Genau. Und als Antwortgenerator! Mich macht es nervös, wenn ich auf bestimmte Fragen keine Antworten kriege. Ich habe einmal Schweizer Schulkinder gefragt, wo die Schokolade herkomme. Niemand wusste es. Beim Silber war es ähnlich. Darüber hab ich dann mit dem kürzlich verstorbenen Filmemacher Harun Farocki eine Ausstellung gemacht (Anm. d. Red.: „Das Familiensilber“; AprilJuni 2014), die erzählt, woher das Silber kommt.

Steht am Anfang einer deiner Ausstellungen immer eine solche Frage?
Immer.

Du hast nun Megaausstellungen wie die Documenta mit über 100 Künstlern und einer halben Million Besuchern gemacht, nun betreust du eine verhältnismässig intime Institution mit drei Räumen und 30 bis 50 Vernissagegästen. Ist das nun befreiend oder einengend?
Es ist zunächst befreiend. Ich gehe nicht in adminis-trativen Prozessen verloren, sondern kann die Dinge -anfassen. Ich arbeite langsam, wiederhole mich gern, variiere, komme auf ein Thema zurück, dann aber unter anderen Vorzeichen. Dieses Arbeiten in Schichtungen und Revisionen geht mit einer einzelnen Ausstellung nicht, wohl aber mit einer kleinen Institution, wo du und ich die Ausstellungen in einem halben Tag auf- und abbauen können.

Du meinst: Du verschwendest weniger Zeit mit Organisation und Überbauvermittlung und kannst stattdessen das Thema ganz ins Zentrum stellen?
Ja, und gleichzeitig kann ich auch Künstlerinnen und Künstler substanzieller fördern. Denn auch die Documenta-Förderung ist doch extrem prekär. Eigentlich setzt man den Namen ein, um zu schauen, dass man gute Förderer bekommt, und hofft, dass angesichts des Documenta-Nimbus alle in die Knie gehen – also das Scheckbuch zücken. Hier in Zürich kann ich Künstlerinnen und Künstler mit zwei-, drei- oder gar fünfjährigen Recherchen ausstatten. Das wäre im Biennale-Format nicht möglich.

Du hast also neben dem Ausstellungsetat auch ein Budget für langjährige Kunst- und Research-Projekte – um sich damit Zeit, Tiefe und Substanz zu kaufen?
Ja, das ist der Ehrgeiz, wenn man ein bisschen älter wird.

Wann hast du dich eigentlich zum ersten Mal für Kunst begeistert?
Als Kind wollte ich Maler werden. Und ich male immer noch. Aber nur in den Ferien. Zwei Wochen in Südfrankreich, das ist meine Regenerationsphase.

Und diese Bilder tauchen nie in Ausstellungen auf?
Nein … das macht dann nur die Künstler nervös. Ich hab da keine Prätentionen. (lacht) Zum Kuratorendasein gehört ja auch eine bestimmte Integrität. Ich glaube, es ist notwendig, dass man in diesem Fall dem Künstlerischen abschwört. Das habe ich schon früh gemerkt: Nach dem Abitur bin ich an die Schillerplatzakademie in Wien und dann sehr schnell in die Fänge des Schweizer Ausstellungsmachers Johannes Gachnang geraten, der zum Team von Rudi Fuchs bei der Documenta 7 gehörte. Daraus wurde eine sehr intensive und lehrreiche Freundschaft. Und er hat mich mit sehr vielen Sachen bekanntgemacht an der Schnittstelle von Kunstwerken, Raum und Vermittlung.

War das die Initiation des Kurators Roger M. -Buergel?
Das war eine einzige Krise, die sehr lange gedauert hat. Damals gab es das Wort „Kurator“ auch noch gar nicht. Man sagte „Ausstellungsmacher“. Und das war kein Berufsbild. Ich bin da eigentlich mehr so reingestolpert und hatte sehr viel Glück.

Wiederabdruck
Dieses Text ist eine gekürzte Fassung des Interviews, das zuerst erschienen ist in: Schweizer Monat 1019, September 2014, S. 88–93.

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Occupy Wall Street´s anarchist roots https://whtsnxt.net/056 Thu, 12 Sep 2013 12:42:39 +0000 http://whtsnxt.net/occupy-wall-streets-anarchist-roots/ “How are you going to get anywhere if you refuse to create a leadership structure or make a practical list of demands? And what’s with all this anarchist nonsense – the consensus, the sparkly fingers? Don’t you realise all this radical language is going to alienate people? You’re never going to be able to reach regular, mainstream Americans with this sort of thing!”
If one were compiling a scrapbook of worst advice ever given, this sort of thing might well merit an honourable place. After all, since the financial crash of 2007, there have been dozens of attempts to kick-off a national movement against the depredations of the United States‘ financial elites taking the approach such journalists recommended. All failed. It was only on August 2, when a small group of anarchists and other anti-authoritarians showed up at a meeting called by one such group and effectively wooed everyone away from the planned march and rally to create a genuine democratic assembly, on basically anarchist principles, that the stage was set for a movement that Americans from Portland to Tuscaloosa were willing to embrace.
I should be clear here what I mean by „anarchist principles“. The easiest way to explain anarchism is to say that it is a political movement that aims to bring about a genuinely free society – that is, one where humans only enter those kinds of relations with one another that would not have to be enforced by the constant threat of violence. History has shown that vast inequalities of wealth, institutions like slavery, debt peonage or wage labour, can only exist if backed up by armies, prisons, and police. Anarchists wish to see human relations that would not have to be backed up by armies, prisons and police. Anarchism envisions a society based on equality and solidarity, which could exist solely on the free consent of participants.

Anarchism versus Marxism
Traditional Marxism, of course, aspired to the same ultimate goal but there was a key difference. Most Marxists insisted that it was necessary first to seize state power, and all the mechanisms of bureaucratic violence that come with it, and use them to transform society – to the point where, they argued such mechanisms would, ultimately, become redundant and fade away. Even back in the 19th century, anarchists argued that this was a pipe dream. One cannot, they argued, create peace by training for war, equality by creating top-down chains of command, or, for that matter, human happiness by becoming grim joyless revolutionaries who sacrifice all personal self-realisation or self-fulfillment to the cause.
It’s not just that the ends do not justify the means (though they don’t), you will never achieve the ends at all unless the means are themselves a model for the world you wish to create. Hence the famous anarchist call to begin “building the new society in the shell of the old” with egalitarian experiments ranging from free schools to radical labour unions to rural communes.
Anarchism was also a revolutionary ideology, and its emphasis on individual conscience and individual initiative meant that during the first heyday of revolutionary anarchism between roughly 1875 and 1914, many took the fight directly to heads of state and capitalists, with bombings and assassinations. Hence the popular image of the anarchist bomb-thrower. It’s worthy of note that anarchists were perhaps the first political movement to realise that terrorism, even if not directed at innocents, doesn’t work. For nearly a century now, in fact, anarchism has been one of the very few political philosophies whose exponents never blow anyone up (indeed, the 20th-century political leader who drew most from the anarchist tradition was Mohandas K Gandhi.)
Yet for the period of roughly 1914 to 1989, a period during which the world was continually either fighting or preparing for world wars, anarchism went into something of an eclipse for precisely that reason: To seem “realistic“, in such violent times, a political movement had to be capable of organising armies, navies and ballistic missile systems, and that was one thing at which Marxists could often excel. But everyone recognised that anarchists – rather to their credit – would never be able to pull it off. It was only after 1989, when the age of great war mobilisations seemed to have ended, that a global revolutionary movement based on anarchist principles – the global justice movement – promptly reappeared.
How, then, did OWS embody anarchist principles? It might be helpful to go over this point by point:

1) The refusal to recognise the legitimacy of existing political institutions.
One reason for the much-discussed refusal to issue demands is because issuing demands means recognising the legitimacy – or at least, the power – of those of whom the demands are made. Anarchists often note that this is the difference between protest and direct action: Protest, however militant, is an appeal to the authorities to behave differently; direct action, whether it’s a matter of a community building a well or making salt in defiance of the law (Gandhi’s example again), trying to shut down a meeting or occupy a factory, is a matter of acting as if the existing structure of power does not even exist. Direct action is, ultimately, the defiant insistence on acting as if one is already free.

2) The refusal to accept the legitimacy of the existing legal order.
The second principle, obviously, follows from the first. From the very beginning, when we first started holding planning meetings in Tompkins Square Park in New York, organisers knowingly ignored local ordinances that insisted that any gathering of more than 12 people in a public park is illegal without police permission – simply on the grounds that such laws should not exist. On the same grounds, of course, we chose to occupy a park, inspired by examples from the Middle East and southern Europe, on the grounds that, as the public, we should not need permission to occupy public space. This might have been a very minor form of civil disobedience but it was crucial that we began with a commitment to answer only to a moral order, not a legal one.

3) The refusal to create an internal hierarchy, but instead to create a form of consensus-based direct democracy.
From the very beginning, too, organisers made the audacious decision to operate not only by direct democracy, without leaders, but by consensus. The first decision ensured that there would be no formal leadership structure that could be co-opted or coerced; the second, that no majority could bend a minority to its will, but that all crucial decisions had to be made by general consent. American anarchists have long considered consensus process (a tradition that has emerged from a confluence of feminism, anarchism and spiritual traditions like the Quakers) crucial for the reason that it is the only form of decision-making that could operate without coercive enforcement – since if a majority does not have the means to compel a minority to obey its dictates, all decisions will, of necessity, have to be made by general consent.

4) The embrace of prefigurative politics.
As a result, Zuccotti Park, and all subsequent encampments, became spaces of experiment with creating the institutions of a new society – not only democratic General Assemblies but kitchens, libraries, clinics, media centres and a host of other institutions, all operating on anarchist principles of mutual aid and self-organisation – a genuine attempt to create the institutions of a new society in the shell of the old.
Why did it work? Why did it catch on? One reason is, clearly, because most Americans are far more willing to embrace radical ideas than anyone in the established media is willing to admit. The basic message – that the American political order is absolutely and irredeemably corrupt, that both parties have been bought and sold by the wealthiest 1 per cent of the population, and that if we are to live in any sort of genuinely democratic society, we’re going to have to start from scratch – clearly struck a profound chord in the American psyche.
Perhaps this is not surprising: We are facing conditions that rival those of the 1930s, the main difference being that the media seems stubbornly willing to acknowledge it. It raises intriguing questions about the role of the media itself in American society. Radical critics usually assume the “corporate media”, as they call it, mainly exists to convince the public that existing institutions are healthy, legitimate and just. It is becoming increasingly apparent that they do not really see this is possible; rather, their role is simply to convince members of an increasingly angry public that no one else has come to the same conclusions they have. The result is an ideology that no one really believes, but most people at least suspect that everybody else does.
Nowhere is this disjunction between what ordinary Americans really think, and what the media and political establishment tells them they think, more clear than when we talk about democracy.

Democracy in America?
According to the official version, of course, “democracy” is a system created by the Founding Fathers, based on checks and balances between president, congress and judiciary. In fact, nowhere in the Declaration of Independence or Constitution does it say anything about the US being a “democracy”. The authors of those documents, almost to a man, defined “democracy” as a matter of collective self-governance by popular assemblies, and as such they were dead-set against it.
Democracy meant the madness of crowds: bloody, tumultuous and untenable. “There was never a democracy that didn’t commit suicide,“ wrote Adams; Hamilton justified the system of checks and balances by insisting that it was necessary to create a permanent body of the “rich and well-born“ to check the “imprudence“ of democracy, or even that limited form that would be allowed in the lower house of representatives.
The result was a republic – modelled not on Athens, but on Rome. It only came to be redefined as a “democracy” in the early 19th century because ordinary Americans had very different views, and persistently tended to vote – those who were allowed to vote – for candidates who called themselves “democrats”. But what did – and what do – ordinary Americans mean by the word? Did they really just mean a system where they get to weigh in on which politicians will run the government? It seems implausible. After all, most Americans loathe politicians, and tend to be skeptical about the very idea of government. If they universally hold out “democracy” as their political ideal, it can only be because they still see it, however vaguely, as self-governance – as what the Founding Fathers tended to denounce as either “democracy” or, as they sometimes also put it, “anarchy”.
If nothing else, this would help explain the enthusiasm with which they have embraced a movement based on directly democratic principles, despite the uniformly contemptuous dismissal of the United States’ media and political class.
In fact, this is not the first time a movement based on fundamentally anarchist principles – direct action, direct democracy, a rejection of existing political institutions and attempt to create alternative ones – has cropped up in the US. The civil rights movement (at least its more radical branches), the anti-nuclear movement, and the global justice movement all took similar directions. Never, however, has one grown so startlingly quickly. But in part, this is because this time around, the organisers went straight for the central contradiction. They directly challenged the pretenses of the ruling elite that they are presiding over a democracy.
When it comes to their most basic political sensibilities, most Americans are deeply conflicted. Most combine a deep reverence for individual freedom with a near-worshipful identification with institutions like the army and police. Most combine an enthusiasm for markets with a hatred of capitalists. Most are simultaneously profoundly egalitarian, and deeply racist. Few are actual anarchists; few even know what “anarchism” means; it’s not clear how many, if they did learn, would ultimately wish to discard the state and capitalism entirely. Anarchism is much more than simply grassroots democracy: It ultimately aims to eliminate all social relations, from wage labour to patriarchy, that can only be maintained by the systematic threat of force.
But one thing overwhelming numbers of Americans do feel is that something is terribly wrong with their country, that its key institutions are controlled by an arrogant elite, that radical change of some kind is long since overdue. They’re right. It’s hard to imagine a political system so systematically corrupt – one where bribery, on every level, has not only been made legal, but soliciting and dispensing bribes has become the full-time occupation of every American politician. The outrage is appropriate. The problem is that up until September 17, the only side of the spectrum willing to propose radical solutions of any sort was the Right. As the history of the past movements all make clear, nothing terrifies those running the US more than the danger of democracy breaking out. The immediate response to even a modest spark of democratically organised civil disobedience is a panicked combination of concessions and brutality. How else can one explain the recent national mobilisation of thousands of riot cops, the beatings, chemical attacks, and mass arrests, of citizens engaged in precisely the kind of democratic assemblies the Bill of Rights was designed to protect, and whose only crime – if any – was the violation of local camping regulations?
Our media pundits might insist that if average Americans ever realised the anarchist role in Occupy Wall Street, they would turn away in shock and horror; but our rulers seem, rather, to labour under a lingering fear that if any significant number of Americans do find out what anarchism really is, they might well decide that rulers of any sort are unnecessary.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien unter http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2011/11/2011112872835904508.html [8.9.2013].

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Die Beste Aller Parteien https://whtsnxt.net/012 Thu, 12 Sep 2013 12:42:36 +0000 http://whtsnxt.net/die-beste-aller-parteien/ JW: Sie sind Komponist und Trompeter; zusammen mit Björk, Siggi, Frikki und Bragi haben Sie die Band Sugarcubes gegründet, und Sie waren auch bei Purrkur Pillnikk und KUKL dabei. Außerdem haben Sie Sibirien, das erste Internetcafé in Reykja-vík, betrieben. Nach der isländischen Finanzkrise von 2008 haben Sie zusammen mit Freunden – Schauspielern, Pop-Stars und Freischaffenden der Kulturindustrie – eine politische Partei mit dem Namen Best Party 1 gegründet – die beste Partei. Ihr Image ist das eines Haufens von Spaßvögeln, die die isländische Politik aufmischen wollen. Während Ihrer Wahlkampagne haben Sie zum Beispiel vorgeschlagen, einen Eisbären für den städtischen Zoo zu erwerben, Gratis-Handtücher in den Schwimmbädern der Stadt zu verteilen und dafür zu sorgen, dass das Parlament bis 2020 drogenfrei sein würde. Mit über 34 Prozent waren Sie die stärkste Partei bei den Kommunalwahlen, trotzdem werden Sie häufig als die Falschen am richtigen Ort betrachtet.
EÖB: Wir unterscheiden uns auf jeden Fall von den -Leuten, die vor 2008 unsere Regierung führten und -unsere Banken und Finanzinstitute leiteten. Sie waren äußerst seriös und ebenso destruktiv. Sie glaubten an die Spekulationsblase und stürzten das Land in die größte Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Wir sehen vielleicht wie Spaßvögel aus, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht als realistischer erweisen können als
die sogenannten Politprofis. Warum sollte ein Schauspieler, Sänger oder Künstler keinen guten Politiker -abgeben? Sie werden abgelehnt, weil die Politik ein Image hat, das von einer Clique professioneller Politiker geprägt wurde, die sich äußerst exklusiv geben und damit völlig isolieren. Man will uns glauben machen, dass man, um Politik machen zu können, eine spezielle Sorte Mensch sein muss, besonders talentiert und mit mehr Verstand und sozialer Kompetenz ausgestattet sein muss als ein normaler Mensch. Dieses Politikverständnis hat mich daran gehindert, selbst Einfluss darauf zu nehmen, wie mein Land regiert wird. Man musste ein »richtiger Politiker« sein, um »richtige Politik« zu machen. Dadurch wurde die ganze Politik total langweilig. Politprofis sind immer gleich. Es ist ein -exklusiver, mit der Führung des Landes beauftragter Club. Der Finanzcrash von 2008 hat aber nicht nur das Bankensystem, sondern auch das politische System -erschüttert. Die Situation ist den Politikern über den Kopf gewachsen. Dabei wäre es ihre Aufgabe gewesen, den Finanzsektor zu kontrollieren oder den turbokapitalistischen Traum zu beobachten. Sie schauten aber nur tatenlos zu und haben die drohende Gefahr nicht gesehen.

Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch erschien die Situation so ausweglos, dass jemand das ganze Land bei eBay zum Verkauf angeboten hat. Damals ist die Best Party auf der politischen Bühne erschienen, eine Spaßnummer, die jedoch die Wahrheit enthüllte.
Von dem bekannten Komiker und Satiriker Jón Gnarr inspiriert, haben wir zusammen mit ein paar Musikern, Schauspielern, Fernsehleuten, Künstlern und Freiberuflern die Best Party gegründet und traten als Gruppe auf der politischen Bühne auf. Bei den Kommunalwahlen von Reykjavík 2010 konnten wir eine Mehrheit von 34 Prozent erreichen, und Jón Gnarr wurde Bürgermeister. Es war ein Experiment, wir wollten sehen, ob die Stadt auch ohne Politexperten funktionierte. Für mich ist es eine Gelegenheit, Politik auf einer menschlicheren Ebene zu betreiben und nicht von einer durch Inzucht entstandenen Parteistruktur abhängig zu sein. Wir haben keine versteckte politische Agenda; wir denken an das allgemeine Wohl und unterlaufen normative Politik. Wir glauben, dass wir die politische Landschaft Islands verändern können, schließlich haben wir innerhalb kürzester Zeit extrem viele Stimmen zu einem sehr günstigen Zeitpunkt gewonnen, als nämlich die Menschen enttäuscht und wütend waren und mehr Transparenz forderten. Es gibt aber auch viele, die uns nicht mögen und lautstark verkünden, wir seien inkompetent und untragbar, einfach nur Künstler und Popstars, die von nachhaltiger Politik keine Ahnung hätten. Unser Image ist das von Erlösern, Karnevalisten und Dilettanten. Wir spielen die traditionelle Rolle von Künstlern, aber von involvierten Künstlern. Künstler oder -Musiker werden oft als Vermittler zwischen dem politischen und gesellschaftlichen Bereich betrachtet, als Verteidiger einer guten Sache. Häufig konfrontieren sie die Gesellschaft mit dem, was tatsächlich abläuft und was es zu bedeuten hat. Sie setzen die politische Botschaft um und hinterfragen sie. Sie stellen Fragen und kritisieren die Politiker. Ähnlich wie sie haben wir als Künstler und bekannte Persönlichkeiten aus Kultur und Unterhaltung unser Engagement institutionalisiert, um eine Plattform für neue Möglichkeiten zu schaffen. Politik sollte Menschen ansprechen und motivieren, Stellung zu beziehen, ihre Meinung zu sagen.

Haben Sie vor dem Kollaps auch an den isländischen Traum geglaubt?
Vor 2008 haben die meisten aktiv an diesem Traum mitgewirkt. Doch unsere wirtschaftlichen Kenntnisse reichten nicht aus, um der Finanzfalle zu entgehen. Wir sind nicht so unschuldig, wie wir aussehen. Wir haben das Unsrige zu diesem Traum vom großen Geld und gewinnträchtiger Spekulation beigetragen und versuchen jetzt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Island gilt als ein ziemlich progressives und eigenständiges Land mit sehr wachen Bürgern.
Wie all die anderen nordischen Länder hat auch Island im 20. Jahrhundert tiefgreifende Transformationen erlebt. In den 1960er- und 1980er-Jahren florierte unsere Wirtschaft, und damals wurde auch ein soziales Sicherungssystem aufgebaut. Doch in den 1990ern änderte sich das. Wir glaubten, wir könnten mehr Geld machen, wenn wir uns auf Spekulieren verlegten, statt unsere Fisch-industrie zu entwickeln, mehr noch als die Wallstreet-Typen, die darin Weltmeister waren. Die Leute gaben ihre Arbeit in Industrien wie der Fischerei oder dem Transportwesen auf und verschrieben sich dem Traum vom schnellen Geld und dem Kreditmarkt. Viele hatten wirklich keine Ahnung, was Wirtschaft betraf. Ich kenne ein paar Leute, die jeden Monat eine Million Dollar scheffelten. Und nur die Wenigsten wussten, dass das ein böses Ende nehmen könnte. Auf sie hat aber niemand gehört.
Wie sähe die Situation aus, wenn es nicht zum -Kollaps gekommen wäre? Würde es einen postdemokratischen Konsens anstelle von Pluralismus geben?
Island hätte wahrscheinlich eine glückliche Elite von Multimillionären, die die Medien und die Politik kontrollierten. Die Leute waren berauscht von dem Erfolg, den das Land für sich verbuchte, und wir haben alle mitgemacht. Nach dem Kollaps wurde man dann sehr viel kritischer und skeptischer. Heute plädieren dieselben Leute, denen es früher nur um Profite ging, für wirtschaftliche Chancengleichheit.

Ein isländischer Kurator sagte: »Sie sind der reinste Segen für uns.« Eine solche Erklärung überrascht die Kunstszene, die sich normalerweise von der Politik übergangen fühlt. Sie scheinen etwas in die Politik einzubringen, was man »emotionales Kapital« nennen könnte.
Wir müssen beweisen, dass wir als Bürger in der Lage sind, Politik zu machen. Aber das System wird alle nur möglichen Hindernisse in den Weg legen, da es die Macht nicht abgeben will. Wenn sich ein ganz normaler Bürger in die Politik wagt, wird das System ihn schnell wieder hinausbefördern, weil er kein Politprofi ist, auch wenn er gute Arbeit leistet. Er folgt nicht den Regeln, die die sogenannte Politik ausmachen: Er sagt offen seine Meinung, er vernichtet seine Gegner nicht, für ihn zählen die Bedürfnisse der Menschen, und er stellt die Hierarchie nicht über alles und so weiter. Tatsache ist, dass wir solche Leute brauchen und Politik deshalb auch für jeden offen sein sollte. Am besten wäre es, überhaupt kein System zu haben, sondern eine gut funktionierende Anarchie, die sich selbst genügt, in der sich jeder um den anderen kümmert und alle bekommen, was sie wollen. Die Best Party unterscheidet nicht zwischen einem ästhetischen, von einem Kunstwerk inspirierten Experiment und einer politischen Aktion. Es ist dasselbe. Es berührt einen. Man macht sich Gedanken. Man nimmt sich und seine Umgebung wahr. Politik war nicht mehr für die Menschen da, gesunde Gefühle wie Solidarität und Aufrichtigkeit waren nicht mehr gefragt, ebenso wenig wie Fehler zu machen und sie zuzugeben. Wenn sich ein Politiker von der menschlichen Seite zeigt und wie ein normaler Mensch reagiert, sind die Leute richtig beeindruckt, ja schockiert. Und wenn man in der Politik Leuten begegnet, die normal sprechen und gleichzeitig Künstler, Schauspieler oder Musiker sind, so ist das sexy und eine richtige Offenbarung. Es ist intelligent und glamourös, offen und kritisch. So wie es sein soll. Jón Gnarr wurde gebeten, ein deutsches Marineschiff im Hafen von Reykjavík zu begrüßen. Er ist nicht hingegangen, hat aber eine Rede gehalten und erklärt, er sei Pazifist und gegen jede militärische Präsenz in einem neutralen Land. Ist das ein diplomatischer Faux-pas? Hat er keine Ahnung von Politik? Man kann es gut finden oder auch nicht, jedenfalls wird man seine politischen Aktionen nicht gleichgültig hinnehmen können. Und das zählt. Die Operation wurde als zweifelhaft sabotiert – man weiß auch nie genau, was ernst gemeint ist und was nicht. Eine kleine Parodie des politischen Systems dient als Warnung.
Wir sollten uns das Leben so einrichten, dass wir uns darin wohlfühlen.

Das klingt sehr schön.
Die Best Party ist eine Antwort auf einen gewissen Status quo. Lange Zeit waren Künstler einfach nur diejenigen, die Denkanstöße gaben und die Probleme der -Menschen in ihrer Kunst ausgedrückt haben. Wenn sie einen weiteren Schritt tun und in die Politik gehen, -setzen sie ihren eigenen Widerstand in die Tat um; sie geben politischen Konzepten eine menschliche Dimension, sie arbeiten gegen ein platt machendes System.
Mit seinen Künstlern in der Politik kann Island als eine Art Experiment gelten. Dreihunderttausend Menschen auf einer kleinen Insel bilden einen Mikrokosmos für sich. Was hier in kleinem Maßstab geschieht, spiegelt wider, was in einem größeren Maßstab in einer Welt von unterschiedlichen Interessen und Einflüssen geschieht. Island liegt auf halbem Weg zwischen Europa und den USA.

Sie sind Musiker. Ihr Wahlsong war ein Remix von Tina Turners Simply the Best.
Pop ist ein Mittel zum Zweck, ein ziemlich unwiderstehliches. Wir haben mit 19 Prozent der Stimmen in der Stadt angefangen, was absolut erstaunlich ist für eine Bewegung, die sich auf Punk zurückführen lässt. Ich bin der Zweitälteste in der Best Party und war selbst ein Punk. In die Politik zu gehen, hat für mich viel mit der Do-it-yourself- Moral dieser Musik zu tun. Ehrlich gesagt, ist es schon ein gewisses Dilemma für uns, da wir es nicht wirklich geplant hatten. Wir haben einfach nur auf die Situation hier reagiert. Wir haben jetzt sechs von fünfzehn Sitzen in der Stadtverwaltung, und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Und wir können auch mit Kritik umgehen.

Antanas Mockus, ehemaliger Bürgermeister von Bogotá, war einfach zu aufrichtig für einen Politiker. Er legte seine Karten auf den Tisch und sagte, er würde nicht für alles eine Lösung haben, und hat schließlich verloren. Anscheinend ziehen die Menschen einen Lügner vor. Gehört Ihre Partei zu den Aufrichtigen?
Wir sind dabei zu lernen, learning by doing sozusagen. Gemeinsam versuchen wir, ein Problem oder eine Aufgabe zu bewältigen. Wir haben keine festen Verhaltensmuster, von denen sich ableiten lässt, was wir als nächstes tun. Von unserem Bürgermeister Jón Gnarr lässt sich das ebenso wenig sagen. Als Profischauspieler hält er
in den unterschiedlichsten Zusammenhängen seine Reden, und er glaubt daran, dass aus Worten Taten werden, dass sich mit Worten viel erreichen lässt. Eine Modenschau hat er mit einer Rede über Hunger, Armut und Schönheit eröffnet. Und er hat sich das Symbol der Stadt Reykjavík auf den Arm tätowieren lassen. So lässt sich mit Kunst Politik machen. Was immer er beschließt, wir sind bereit.

Sie sind für den Sektor Kultur und Tourismus zuständig. Was werden Sie für die isländischen Freischaffenden tun?
Wir wollen alles, was kreativ und gut ist, unterstützen, ohne darüber zu urteilen. Das frühere Kulturamt hat eine Agenda mit Programmen für unterprivilegierte Gruppen oder Minoritäten ins Leben gerufen. Dieses Geld wollen wir für gute Projekte, die weitergeführt werden sollen, verwenden. Wir unterstützen das Kino Bió Paradis, eine Art Schirmprojekt für isländische Filmemacher. Wir haben eine Tanzfabrik eröffnet, wo sich Choreografen betätigen können. Wir setzen uns für Künstlerkollektive ein, ohne zu selektieren oder Vorschriften zu machen. Wir nehmen die Dinge, wie sie sind. Reykjavík hat eine Künstlervereinigung, und man kann einmal im Jahr ein Projekt einreichen. Die Vereinigung entscheidet, wer das Geld bekommt. Nicht die Politiker sind zuständig, sondern die Künstler selbst. Wir segnen es nur ab. Isländische Kultur ist eines unser wertvollsten Güter, und wir verteidigen sie, so wie sie ist. Leider gibt es für weitere Abenteuer kein Geld.

Allein aufgrund seiner Größe ist Island eine Art politischer Versuchsanordnung. Wenn Sie sich -andere europäische Länder anschauen, denken Sie, dass ein Phänomen wie die Best Party auch dort -Erfolg haben könnte?
Die Iren wollten die Best Party in Dublin einführen, aber sie waren pessimistisch, ob das in ihrem Kontext funktionieren kann. Sie fragten uns, was sie machen können, um die Leute optimistischer zu stimmen. Jón Gnarr und ich gingen während der diesjährigen Wahlen nach Dublin, wo eine Gruppe von Künstlern eine Pseudo-Kampagne für Kandidaten organisierte, die gar nicht existierten. Ich sagte den Iren, dass sie bereits etwas Neues auf den Weg gebracht hätten, indem sie eine Partei gründeten, die es als solche gar nicht gibt. Sie auftreten lassen. Jón hätte das mit der Best Party auch so gemacht. Wichtig sei, das System herauszufordern. Ein Konzept wie das der Best Party kann in jedem Land Erfolg haben, die Leute müssen nur dahinter stehen. Vor allem darf man aber keine Angst haben, gegen das Establishment anzutreten.

Ich wollte herausfinden, was über die Best Party geschrieben wurde. Das Material bestand zum größten Teil aus herablassenden Witzen über Ihre Politik. Das Image ignoranter Optimisten reduziert Ihre Aktionen häufig zu Anekdoten.
Ich mache keine Witze, wenn ich interviewt werde. Ich verfolge eine bestimmte Politik. Ich bin bodenständig, ich stelle mich den Fragen und versuche, eine Antwort zu finden. Jón und ich haben eine Reihe sehr ernsthafter Interviews gegeben. Und alle vier politischen Parteien Islands waren sauer. Wir sagten, die Politiker würden sich gegenseitig fertigmachen, das wäre kein gesunder Wettbewerb. Die Sozialdemokraten, unsere Partner, meinten, das sei nicht fair. Aber es ist fair. Das bringt uns zurück auf die Frage von Künstlern, die sich in der Politik betätigen. Künstler können in der Politik absolut aufrichtig sein. Ich bin aufrichtig, wenn ich etwas sage. Wenn ich nicht verstehe, was die Politiker sagen, weil sie »im Namen des Systems« sprechen, melde ich meinen Widerspruch an. Statt mir eine ehrliche Antwort zu geben, werden sie ausfällig. Mit konstanter Bosheit nennen sie die Best Party die »Boy’s Party«, weil weniger Frauen drin sind. Und sie nennen Jón einen Gangster. Doch sie vergessen, dass die Finanzkrise in einem Sektor begonnen hat, wo es viel zu viele Männer gab, wo Testosteron der Treibstoff war.

Woher kommt Ihre politische Kompetenz?
Wir sind Politiker aufgrund unserer Lebenserfahrung. Viele der Politprofis gehen sofort nach der Universität in die Politik. Sie haben keine Ahnung, wie man einen Film dreht oder ein Buch schreibt, eine Plattenaufnahme macht oder ein Taxi fährt, ein Haus baut oder sich in einer Band behauptet. Unglücklicherweise haben sie nie diese wichtigen Erfahrungen gemacht. Wir schon.

Sind Sie nach einem Jahr nicht völlig ausgepowert? Denken Sie nicht ab und zu daran, doch lieber wieder Musik zu machen?
Man hat keine Mühe gescheut, um uns zum Aufgeben zu zwingen. Um uns die Sache so schwer wie möglich zu machen. Um die Atmosphäre zu vergiften. Daran habe ich mich gewöhnt. Und eigentlich habe ich auch damit gerechnet. Wenn ich jetzt aufgeben würde, könnte ich mir das nie verzeihen. Wer außer mir würde die Drecksarbeit machen? Wir haben ein menschliches Gesicht und intuitive Strategien. Wir sind eine Gruppe von Künstlern und Nicht-Künstlern, die sich angesichts des Defätismus und der Verzweiflung, die in Island und mehr und mehr auch in Europa überhand nehmen, spontan zusammentaten. Wir haben unsere Überzeugungen. Viele Leute fragen uns um Rat. Aber es gibt keine rationale Erklärung für unseren Erfolg.

In der isländischen Verfassung steht, dass jeder Bürger Präsident werden kann. Und wir setzen diesen Text in die Tat um. Die Best Party fordert:
1. Die Haushalte unseres Landes müssen unterstützt werden. Familie ist die beste Erfindung unserer Gesellschaft. Regierungen müssen den Bedürfnissen und Forderungen der Haushalte Rechnung tragen. Die Haushalte hier müssen von einem eisernen Schild umgeben werden. Für isländische Haushalte ist das Beste gerade gut genug.
2. Die Lebensqualität der weniger Privilegierten muss verbessert werden. Wir wollen für euch alles tun, was in unserer Macht steht, und euch eine kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und der Schwimm-bäder anbieten, damit ihr euch frei in Reykjavík bewegen könnt und immer frisch gewaschen seid, auch wenn ihr kein Geld habt oder unter irgendwelchen Handicaps leidet.
3. Schluss mit der Korruption. Wir versprechen, dass es damit ein Ende haben wird. Wir werden das erreichen, indem wir mit offenen Karten mitspielen.
4. Gleichheit. Jeder Mensch verdient das Beste, unabhängig davon, wer er ist und woher er kommt. Und wir wollen unser Bestes tun, damit jeder in dem besten Team mitspielen kann.
5. Mehr Transparenz: Am besten ist, wenn alles auf dem Tisch liegt, dann wissen die Leute, was Sache ist. Wir möchten das auf jeden Fall unterstützen.
6. Eine Demokratie, die funktioniert: Demokratie ist ja gut und schön, aber eine funktionierende Demokratie ist noch besser. Dafür treten wir ein.
7. Alle Schulden erlassen: Wir hören auf die Nation und richten uns nach ihren Wünschen, denn die Nation muss schließlich wissen, was für sie am besten ist.
8. Kostenlose Nutzung von städtischen Bussen für Studierende und Krüppel. Wir können mehr kostenlose Dinge versprechen als jede andere Partei, weil wir genau wissen, dass wir unsere Versprechen nicht halten werden. Also können wir versprechen, was wir wollen. Zum Beispiel Freiflüge für Frauen oder kostenlose Autos für Leute, die in ländlichen Regionen leben. Was auch immer.
9. Kostenlose zahnärztliche Behandlung für Kinder
und Behinderte. Das hat es bislang noch nicht gegeben, und wir wollen auf jeden Fall auch diese Versprechung machen.
10. Freier Zugang zu Schwimmbädern und Gratis-Handtücher für alle: Das muss eigentlich auch allen imponieren – auf dieses Wahlversprechen sind wir besonders stolz.
11. Diejenigen, die für den Wirtschaftskollaps verantwortlich sind, sollen sich vor Gericht verantworten.
Wir hatten das Gefühl, das dürfte nicht fehlen.
12. Völlige Gleichstellung der Geschlechter.
13. Frauen und alte Leute sollen mehr Gehör finden. Man hört ihnen einfach nicht richtig zu. Als würden alle denken, sie würden sich doch nur beklagen. Wir wollen das ändern. Siehe: http//en.wikipedia.org/wiki/Best_Party (Zugriff am 13.12.2011).

Aus dem Englischen von Uta Goridis

Dieses Gespräch erschien anlässlich der Publikation „Forget Fear“ der
7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (27. April – 1. Juli 2012), hrsg. von Artur .Zmijewski und Joanna Warsza, Köln 2012, S. 276–281.

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