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GK: Du bist Teil eines Kollektivs namens „raum-labor“. Was macht ihr da eigentlich genau?
MB: Ob ich Teil eines Kollektivs bin? Eine interessante Frage. Laut unserer Internetseite1 sind wir eine Interessensgemeinschaft. Es ist eine Organisationsform, die es uns erlaubt, in mehr als eine ähnliche Richtung zu arbeiten und uns dabei gegenseitig zu inspirieren und auszutauschen, aber im Wesentlichen ohne Mehrheitsentscheidungen.
„Kollektiv“ impliziert für mich Entscheidungsstrukturen, die begrenzen können, d. h. die Gemeinschaftsentscheidung ist stärker als der individuelle Umsetzungswille. Das ist bei uns anders. Ich nenne das, was wir sind, eine Gruppe. Es sind Menschen, die ein ähn-liches Interesse haben, zwischen denen eine Vertrauensbasis besteht, auch eine gewisse Verbindlichkeit in Form von Verabredungen und Gewohnheiten.
Und was wir machen? Wir unterhalten uns anhand der der realisierten Projekte. Wir versuchen nicht, uns die Ideen in einem halbfertigen Zustand madig zu machen. raumlabor berlin arbeitet an urbanen Strategien und Prozessen zur Stadtveränderung. Es verbindet diese mit einer kuratorischen und künstlerischen Tätigkeit in Rauminstallationen und konkreten urbanen Situationen. Der Idee folgend, dass die Stadt uns allen gehört und deshalb Wege gefunden werden müssen, wie ihre Gestaltung und Zukunft gemeinsam entwickelt werden kann.
Das bedeutet, wenn Dir ein Projekt angetragen wird, kannst Du selbst entscheiden, ob Du es machst, oder nicht.
Genau. Entweder ich mache den Anfang allein und dann stoßen später Kollegen dazu, oder ich frage von vornherein herum, wer mitmachen will, oder spreche meine Wunschpartner_innen gezielt an – weil es im Projekt bestimmte Qualifikationen braucht, oder die Lust auf Zusammenarbeit ist der ausschlaggebende Grund. Es gibt also viele Wege zur Zusammenarbeit.
Welche Rolle spielt Kollaboration in eurer täglichen Arbeit?
Sie ist zentral für unsere Arbeitsweise. Zuerst sind wir typischerweise zu zweit oder zu dritt aus der Gruppe in einem Projektteam mit unterschiedlichen Verantwortungen. Wenn ich ein Projekt leite und Hauptansprechpartner bin, kann ich in einem anderen Projekt der Zeichner, der Texter, der Helfer, der Unterstützer sein. Es ist ein großer Vorteil, unterschiedliche Rollen einnehmen zu können, und dabei in verschiedener Weise Verantwortung zu übernehmen. Darüber hinaus arbeiten wir sehr gerne und mit großer Neugier mit anderen Disziplinen zusammen. Als Gruppe verorten wir uns zwischen Disziplinen; unser Arbeitsfeld verbindet Stadt und Architektur und Planung und Kunst und Theater. Dabei macht es großen Spaß, zum Beispiel Ethnologen einzuladen oder mit Soziologen zu sprechen, oder mit kooperativ orientierten Künstlern, und so weiter.
Wie viele Personen seid ihr?
Um die 20 arbeiten im Moment an und in dem, was raumlabor gerade so produziert, und acht sind der Kern der Gruppe.
Wie arbeitet ihr dann zusammen? Seid ihr nicht an völlig verschiedenen Orten?
Wir sind alle in Berlin, seit 2006 in unserem jetzigen -Studio. Vorher waren wir über die Stadt verteilt und mussten uns verabreden, um uns zu treffen. Da wir keine regelmäßigen Gruppentreffen machen oder be-sonders strukturierte Formen des Informationsflusses haben, ist das informelle Treffen sehr wichtig – in einem gemeinsamen Raum, in dem man sich zufällig begegnet und wo man auch sieht, wie die Dinge entstehen.
Würdest du deine Arbeit als Kunst oder als Architektur beschreiben?
Es macht mir großen Spaß, dass wir uns unterschiedliche Hüte aufsetzen können. Für unsere Arbeit ist es überhaupt nicht hilfreich, zu unterscheiden, ob wir Theaterleute sind oder Architekten oder Künstler. Ich erlebe es als Projektion von außen: Vor allem die, die sich in der Mitte der Professionen fühlen, distanzieren sich von uns, indem sie uns zu etwas anderem machen: Für Künstler sind wir Architekten, für Architekten sind wir Künstler, für Theaterleute sind wir auch Architekten und für Stadtplaner sind wir Performer, die im -öffentlichen Raum agieren. Wir selbst tun das Gegenteil: Wir nutzen die Berufsbezeichnungen um einen -Anspruch in die Professionen hinein zu formulieren. -Gegenüber Stadtplaner_innen sagen wir: Wir machen neue Partizipationsmodelle. Wir arbeiten an Vorstellungen von Zukunft von Stadt. Den Architekten sagen wir: Wir arbeiten mit temporären Architekturen an dem, was Architektur auch noch leisten kann; wie Architektur sich in einer Gesellschaft auch verorten kann, ohne Teil der großen Architekturproduktionsmaschine, der großen Investition zu sein. Gegenüber Künstler_innen sagen wir, dass wir gerne auf der Straße arbeiten, die Institutionen rauslocken; die vielleicht Übersetzer von städtischen Regelproblemen sind. Es geht darum, handlungsfähig zu werden und öffentliche Räume zu öffnen für künstlerische Gesten, für künstlerisches Handeln. Und bezogen auf unseren Gesprächskontext: Wir machen übrigens auch Bildung …
Wie macht ihr Bildung?
Die quartiersbezogenen Projekte, die von uns hauptsächlich Andrea Hofmann2 macht, haben einen sehr starken Bildungsaspekt: Über Skilltransfer Menschen zu qualifizieren, sich zu trauen, Dinge zu tun, die sie sich zuvor nicht getraut haben.
Wie sieht es aus, wenn raumlabor eine solche Quartiersarbeit macht – ein typisches Beispiel?
Es gibt keine wirklich typischen Beispiele für die Arbeit von raumlabor. Das Projekt Cantiere Barca3 beispielsweise handelte von der Qualifikation, mit Material umgehen zu können, sich aus einem Haufen Plunder etwas vorzustellen, und wie daraus schließlich Raum geschaffen wird. Dazu können wir Hilfestellungen, Fragestellungen, Rahmensetzung anbieten. Da lernt man: Schrauben, Bauen, Zuversicht, sich etwas zutrauen. Man lernt, dass Raum veränderbar und nicht nur statisch und gegeben ist. Man lernt, dass Zusammenarbeit eine tolle Sache sein kann. Sich im Öffentlichen zu verhalten – also nicht nur im Sinne von bereits bekannten Codes wie etwa dem Fest oder der Passage, Transit, oder das Lungern. Es ist immer riskant, etwas im Öffentlichen zu tun: Es könnte ja albern wirken. Das heißt, man überwindet eine Scham- oder Schüchternheitsgrenze, wenn man aktiv wird und beginnt, sich Raum durch Handeln anzueignen, zu besetzen, mit Bedeutung aufzuladen.
Ein anderes Beispiel ist EMMAs Hoftour4. Das fand in Wohnblocks in Berlin statt und bestand darin, mobile Möbel zu bauen, die unterschiedliche Höfe miteinander verbinden können. Es wurde zusammen mit der Nachbarschaft u. a. ein Garten angelegt. Damit wurde ein Handlungsrahmen geschaffen, in dem die Handlung der Anderen er- und anerkannt werden können, in dem alle performen können und es zu einer Wertschätzung kommen kann – zum Schmecken von Differenz.
Und wer finanziert so etwas dann?
Das war das Quartiersmanagement. Ein klassisches -Planungsinstrument in als sozial problematisch bezeichneten Wohnumfeldern. Meistens werden sehr -vorhersehbare Formate von Nachbarschaftstreffen veranstaltet, die manchmal nahezu unsichtbar bleiben. Unsere Aktion konnte dem Quartiersmanagement aufzeigen, dass ein solches Projekt auch mit helfen kann, solche Ziele zu erreichen.
Darin steckt ja auch die Frage nach der Stadt als Handlungsraum – wie versteht das raumlabor „die Stadt als Handlungsraum“?
Stadt als Handlungsraum ist ein zentrales Credo im raumlabor. Ich würde sogar sagen, die Stadt ist ein Handlungsraum. Das erste Buch von raumlabor hieß: „Acting in public“5. In den Stadtplanungs- bzw. Kulturkontexten, in denen wir unterwegs sind, haben wir immer wieder Situationen der Handlungsunfähigkeit festgestellt. Und dass es Institutionen oder Individuen an der Vorstellung fehlt, wie man wieder handlungsfähig wird. Daraus resultiert ein starkes Gefühl der Ohnmacht oder auch der Resignation. Man hat aufgegeben, Fragen zu stellen, oder man sieht sich selbst nicht mehr als jemanden, der in den bestehenden Zustand eingreifen, ihn verändern, neu erfinden kann.
Wir müssen uns selbst stärker bewusst werden, dass wir die Stadt durch unsere tägliche Benutzung selbst produzieren und reproduzieren. Unsere Anwesenheit im städtischen und öffentlichen Räumen, unsere Bewegungen, Planungs-, Bau- und Investitionsentscheidungen, aber auch alltägliche Aktionen untereinander sind das, was Stadt eigentlich generiert. Wir sind diesbezüglich -sicherlich geprägt und beeinflusst von Lefèbvre und seiner Idee von Raum als Produkt sozialen Handelns.
Wie würde man die Arbeit von raumlabor beispielsweise gegenüber der Architektur eines David Chipperfield beschreiben?
Das Architektursystem der investierenden, Häuser wollenden und denen der räumliche Bilder produzierenden Architekten hat sich so weit verselbständigt, dass wir nun Stars haben, die eine Ikone nach der anderen in die Städte setzen, die immer noch avancierter sind in der Formsprache, aber immer weniger mit Gesellschaft, mit Leben, mit fundamentalen Fragen des Seins im Raum zu tun haben.
Das Gemeinsame der Architekten – ihr „common ground“ – ist eher die Frage von Organisation von Raum, nicht unbedingt die Gestaltung von Raum. Das Gemeinsame unter den Architekten sollten nicht Elemente wie Böden, Türklinken, Fensterknäufe – also Elemente von architektonischer Raumgestaltung sein –, sondern „Common“ im Sinne von commonings, commons als Rückbesinnung auf Ideen von Allmende, von Gemeinschaft, von etwas zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor. Neue, kleinere Formen des Sich-Organisierens von Menschen.
Wie soll eine postmoderne/spätkapitalistische Stadt eigentlich aussehen? Lässt sich diese Frage anders klären als über viele kleine Mikroprojekte?
Mit Sicherheit sind die vielen Mikroprojekte als Tests zu lesen, wie Zukunft aussehen kann. Ich finde es ist ein wichtiges Signal, dass viele Projekte gemeinschaftlich organisiert und ausgerichtet sind. Aber die Zukunft ausschließlich über Mikroprojekte erfinden? Das finde ich in der Tat eine schwierige Vorstellung.
Progressive Planer kommunizieren immer offener, dass der Masterplan als Werkzeug öfter scheitert als -gelingt und dass es deshalb an der Zeit ist, anders zu planen, andere Formen des Erfindens von Zukunft von Stadt zu entwickeln. Da ist man schnell bei der Stadt als Summe von vielen einzelnen Situationen, weil sich über einzelne Situationen sprechen lässt. Das ist ein Maßstab, der für Partizipation zugänglich ist, in der lokales Expertentum stattfinden kann. Nicht nur der Planer/-Architekt/Künstler ist Experte, sondern gerade auch die Stadtbewohner mit ihrer täglichen Lebenserfahrung in ihrem städtischen Umfeld. Das heißt, im positiven Sinne ist die Stadt vielleicht auf dem Weg zu noch mehr Demokratie, noch mehr Möglichkeiten des gemeinsamen Stadt-Erfindens. Im negativen Sinne schafft man dadurch viele partielle Diskussionen und lässt die Frage offen, wer die großen Zusammenhänge festlegt.
Mit unserem Projekt „fountain house“6 versuchen wir, eine künstlerische Perspektive auf die Frage zu werfen: Was passiert mit unseren Infrastrukturen, mit gemeinsam hergestellten und getragenen Systemen, die an die Gemeinschaft oder die Summe der Individuen adressiert sind? Sie müssen nicht notwendigerweise in öffentlichem Besitz sein, sie könnten auch in gemeinschaftlichem Besitz sein. Es muss nicht notwendigerweise eine staatliche Institution sein, die sie betreibt. Auf der anderen Seite hat man insbesondere am Beispiel der Wasserversorgung gelernt, dass die Privatisierung keine zukunftsweisende Art ist, mit diesen -Systemen umzugehen. Insofern ist die Frage nach dem großen Maßstab eine ganz spannende – zu der gerade auch noch die politischen Antworten fehlen.
Wenn der jetzige Masterplan nicht mehr taugt, stellt sich die Frage, wie wir in Zukunft in der Lage sein -wollen, größere Systeme zu schaffen, wie sie unsere In-frastrukturen darstellen. Ein Trend von öffentlicher -Betreiberschaft zu lokalen Genossenschaften ist zu beobachten. Liegt darin bereits die Lösung? Darin sehe ich eine wichtige Frage, die jetzt bearbeitet werden muss.
Die Bauten von raumlabor sind meist temporär gedacht/gemacht. Verstetigen von Übergangsprojekten – ist das ein Thema in deiner Arbeit? Wie könnte eine nächste Architektur sein?
Das Temporäre erlaubt uns das Experiment. Wir können mit wenigen ökonomischen Mitteln, unüblichen Akteurskonstellationen, mit viel mehr Unsicherheiten arbeiten und darüber Schritte in mögliche Zukünfte zu erproben, die vielleicht für dauerhafte Projekte interessant wären. Oder auf der Meta-Ebene einen Diskurs über erlebbare Räume mit produzieren und dabei Räume vorstellen, die nicht einer pragmatischen Funktionsbeschreibung unterliegen.
Die Architektur wird oft assoziiert mit dauerhaften Werten, mit großer materieller Investition. Und im Rückschluss: Gerade weil Architektur so teuer in der Herstellung ist und auch so langfristig gebraucht wird, entsteht der Anspruch, auch dauerhaft gültig zu sein.
Eine interessante Frage: Wie schafft man eine Gültigkeit über 100 Jahre? Und dann setzt eine sehr pragmatische, funktionsorientierte Argumentation ein, die ich für sehr problematisch halte, nämlich, dass Architektur einfach nur ein Gerüst sein müsse, flexibel und neutral, so dass es zukünftige Uminterpretationen ermöglicht. Ich glaube im Gegenteil, dass Architektur, also Raum – genauso wie bildende Kunst, darstellende Kunst – umso interessanter wird, je spezifischer sie ist, und dass es eigentlich Aufgabe der Raumschaffenden ist, darüber nachzudenken, wie Räume spezifisch sein können – sehr stark in der Gegenwart verwurzelt und trotzdem zukunftsoffen. Das heißt, ich erwarte von einem Raum, dass er nicht schon jetzt langweilig und unspezifisch ist, um für die Zukunft vielleicht flexibel zu sein. Polemisch gesagt: Wir quälen uns schon jetzt mit Räumen, die in der Zukunft auch nur mittelmäßig werden. Das kann nicht die Antwort auf Zukunftsfähigkeit in der Architektur sein.
Architektur ist ein fester Bestandteil der Lehrpläne im Fach Kunst. Was würdest du einer Schulklasse über Architektur erzählen?
Raum ist etwas Großartiges und gleichzeitig etwas total Alltägliches. Raumgestaltung soll auf den Menschen bezogen sein, auf den Gebrauch. Eignet euch Räume an! Beginnt bei euern Schulräumen! Und lest eure Raumstrukturen: Was sagt die Anordnung der Räume, darüber wie sie benutzt werden können? Welche Aktivitäten finden vielleicht deshalb so wenig an Schulen statt, weil schon die Raumstrukturen ihnen entgegenstehen?
Und dann würde ich nicht nur über Architektur als Raum sprechen, sondern über Stadt. Deshalb habe ich mein Fachgebiet an der Universität Kassel „Urbane Praxis“ genannt. Ich finde es wichtig, dass man darüber spricht, dass Stadt ein gemeinsames Produkt all derjenigen ist, die Stadt bewohnen und beleben und benutzen. Dass Stadt nicht einfach passiert wie Wetter und dass sie kein starres System ist, sondern durchaus änderbar, formbar, beeinflussbar – auch auf individueller Ebene.
Der gemeinsame Raum ist immer eine politische Frage, die man sehr gut an Schulen stellen kann – z. B. aktuell der Zugang zu Wohnraum. Ist es gut, dass Wohnraum eine Bezahlware ist? Zur Zeit gibt es in den Nachrichten Meldungen zur Stadtentwicklung und Architektur, die aus der Lebensumgebung der Schüler_in-nen kommen. Man sollte ihnen eine subjektive Perspektive zutrauen.
Also eine deutliche Abkehr vom Vermitteln von „gesichertem Wissen“ und „Wahrheit“. Mir wurde Kunst noch über die Vorstellung des Genies beigebracht, dem man sich nur über den biografischen Text annähern kann.
Ist das nicht bei Chipperfield und Gehry genauso?
Ja, die verkörpern das altmodische Modell des großen Künstlers. Wobei sie gar nicht selbst ihre Architektur produzieren, sondern ihre Architekturbüroproduktionsmaschinen.
raumlabor arbeitet mit dem Begriff der „lokalen Experten“, der davon ausgeht, dass der Stadtbenutzer, die Stadtbenutzerin selbst sehr viel über die Stadt und ihre Funktionsweisen weiß, und darüber, was wichtig und interessant sein könnte – ein Ausgleich zum Expertentum des Planers. Ich finde es wichtig, die Architektur über Stararchitekten hinaus in die individuelle Praxis zu öffnen und ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass jeder selbst im Alltag Raum produziert und prägt. Lefèbvres „Raum als Produkt sozialen Handelns“ ist ein Klassiker, der in diesem Zusammenhang gerne zitiert wird. Aber ich glaube, da sind wir noch nicht. Das ist für jede Architektin und Stadtplanerin, die Raum als Ergebnis von Marktmacht und Betonmischern sieht, eine Provokation. Wenn man über demokratische Räume nachdenken will, oder wie über „Stadt“ entschieden wird, liefert Lefèbvre wichtige Anstöße.
Im Vermittlungsprozess ist es zudem wichtig, eins-zu-eins-Situationen herzustellen. Beispielsweise mit den Schüler_innen zum Protestcamp der Flüchtlinge am Oranienplatz zu gehen oder zum Kottbusser Tor, wo sich die Aktivist_innen im Raum verorten, ihre Inhalte platzieren und kommunizieren. Also zu versuchen, Architektur über Stadtpolitik zu verstehen.
Wenn man Architektur als selbst geschaffenen Raum verstehen will, kann man auch Bauworkshops veranstalten. Wir fangen gern bei Möbeln an – zum Beispiel der „Chaise Bordelaise“7, den ich mir 2009 überlegt habe. Er steht in der Tradition von Enzo Mari8 und der Idee, dass alle günstige Designermöbel haben können, da sie sich nach Anleitung selber herstellen lassen. In seinem Buch darüber setzt er eine Art frühe Open Source Software frei. Für mich war es eher Ironie, -modernistische Proportionen aus billigem Bretter-material nachzubilden.
Wir wurden für die Ausstellung „Insiders“ im Museum Arc en Rêve / CAPC, Bordeaux angefragt, die partizipative, dialogorientierte Formen von Architektur und Kunst zeigen wollte, wo der Architekt nicht der Chefdesigner ist, sondern eher ein Moderator oder Hersteller von Situationen. Die vorgesehene Vermittlungsform – Panels, auf denen man sich über Projekte informieren kann – fand ich sehr langweilig und habe mir deshalb eine Alternative überlegt: Wir legen nur einen Stapel Bretter hin und eine Bauanleitung für die „Chaise Bordelaise“, wie man diesen Stuhl baut. Anstatt ins Museum zu gehen und den ehrwürdigen Gegenstand vom Chefdesigner zu betrachten, ohne ihn anfassen zu dürfen, wirst du eingeladen, dir einen Gegenstand mit dem Nimbus des Designers herzustellen und mit nach Hause zu nehmen. Du darfst quasi Museumsräuber werden. Wir haben nur darum gebeten, uns Bilder von den Orten zu schicken, an denen die Stühle landen und wie sie geworden sind. Eine wunderschöne Sammlung von Einblicken in Privatwelten. Wir hatten auch bewusst keine Schablone, sondern nur eine vage Anleitung, die man auch falsch machen konnte, so dass klar wird: Du triffst jetzt die Entscheidungen.
Und die Bauanleitung ist für Schulklassen erhältlich?
Die gibt es im Internet. Und da kann man natürlich weiter machen. Kinder werden meist nur eingeladen, Spielplätze zu bauen und Baumhäuser. Langweilig, etwas, von dem sich Erwachsene vorstellen, dass Kinder das gerne bauen. Ich fände es toll, wenn Kinder und Jugendliche stärker an ihrer Lebensumgebung beteiligt werden. Wenn Schule das leisten kann.
Ich würde gerne noch eine Frage stellen: What’s Next?
Wenn wir noch mal beim Stuhl weiter denken: Ich glaube an die Lust der Menschen, Bretter zusammen zu schrauben. Und an die emanzipatorische Kraft der Erfindung des Akkuschraubers. Man braucht keine handwerkliche Expertise, um Dinge zusammen zu fügen. Damit geht es einfach so. Wenn wir den Bogen zurück spannen in vorige Teile des Gesprächs: Neue Formen von Gemeinschaft und dabei eine Neuentdeckung von vergessenen Organisationsstrukturen wie Genossenschaft oder Begriffen wie Allmende. Das ist auch Next.
Und zur Frage von Zukunft von Stadt: Uns gehen die Erzählungen aus. Wir hatten die Erzählung von der Zukunft durch technischen Fortschritt: Sie ist passé. Wir hatten die Erzählung vom gesellschaftlichen Aufstieg, von „Leistung muss sich wieder lohnen“ und zuletzt die Mangelerzählung von Ressourcenverbrauch, Selbstbegrenzung und Aussichtslosigkeit, was den Klimawandel angeht. Mit den geopolitischen Verschiebungen werden Erzählungen wie etwa die der Ankunftsstadt („arrival city“) stärker.
Alles in allem haben Menschen sich über Formen des Erzählens über die gemeinsamen Zukünfte verständigt. Wir brauchen neue Erzählungen, die uns helfen, in unübersichtlichen, hyperkomplexen Situationen zu navigieren.
1.) www.raumlabor.net [22.12.2014]
2.) http://raumlabor.net/team1/andrea-hofmann [22.12.2014]
3.) http://raumlabor.net/cantiere-barca [22.12.2014]
4.) http://raumlabor.net/emmas-flughafenkieztour [22.12.2014]
5.) raumlaborberlin, Julia Maier, Heidelberger Kunstverein, „Acting in Public“, Berlin 2008.
6.) http://raumlabor.net/fountain-house [22.12.2014]
7.) http://raumlabor.net/chaise-bordelaise [22.12.2014]
8.) Enzo Mari, Autoprogettazione? Mantova 2002.
Gewissheit der Ungewissheit
Architektur- und Stadtvisionen sind fast immer mit der Idee einer gewünschten, „besseren“ Zukunft verknüpft. Trotz bester Intentionen sind menschliche Ökosysteme jedoch zu vielfältig, um die Bedürfnisse aller Betroffenen, Beteiligten und ihre jeweiligen Wechselbeziehungen zu bedienen. Zudem entwickeln sich die Rahmenbedingungen und Nutzungsweisen oft anders als gedacht, da man Zukunft nicht vorauswissen oder gar -sehen kann. Gebaute Umwelt, Architektur und Städtebau sind daher keine Experimente, denn die Rahmenbedingungen und Parameter, unter denen sie entstehen und sich entwickeln, sind komplex und nicht wiederholbar. Gelebte Umwelt wird im Jetzt und am lebenden Subjekt gemacht. Es wäre ethisch nicht zu vertreten, Bewohner und Nutzer in einer Kontrollgruppe bewusst dem Scheitern eines solchen Experiments auszusetzen. Trotzdem gestaltet man Zukunft im Jetzt, jeden Tag, mit jeder Handlung. Planungen sind immer projektierte Zukünfte, deren Realisierungen und Auswirkungen man nicht kennt. Sie sind keine absoluten Antworten, schon morgen müssten sie neuen Anforderungen gerecht werden und folgerichtig anders ausfallen. Es ist deshalb wichtig, dass Architektur und Architekturlehre offen für Fragen und Herausforderungen bleiben.
Denn Fragen gibt es viele: Wie wird man in Zukunft leben? Wie werden die Städte aussehen? Wie die Häuser? Was wird gegessen? Wie bewegt man sich fort? Wie wird gearbeitet? Welche Baumaterialien, welche Energieformen werden genutzt?
Es sind zuvorderst Fragen um den Umgang mit aktuellen Herausforderungen: Demographischer Wandel, globale Ungleichgewichte, zunehmende Migrationsbewegungen, Klimawandelfolgen, und Ressourcenverknappung.
Radikales Umdenken scheint manchmal notwendig und wünschenswert, doch die Gefahr, dass Idealvorstellungen und Utopien wichtige Faktoren außer Acht lassen und einer einseitigen Perspektive folgen ist groß. Gebaute und gelebte Umwelt, Städte und Gebäude, werden in vielen kleinen und großen Schritten vor und manchmal zurück entwickelt. Es werden dabei viele verschiedene Ansätze und Lösungswege ausprobiert und aus Erfahrungen, Varianten, Erfolgen und Misserfolgen gelernt.
Für den deutschen Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig 2008 (Updating Germany) haben wir diese Schritte Updates genannt: „[…] nach vielen kleinen Updates kommt ein Versionssprung. Update darf nicht ausruhen heißen, sondern sofort anfangen und trotzdem Visionen im Auge behalten. Update heißt: permanente Veränderung.“1
Updating Germany
In der Publikation zu „Updating Germany“ sind fünf -Kategorien möglicher nächster Schritte mit Beispielen hinterlegt. In der ersten „Econic Architecture“ sind es Gebäude, die ihren „nachhaltigen“ Ansatz deutlich nach außen tragen: „form follows green“. Gebäude mit luftreinigenden Fassaden, Gebäude aus nachwachsenden Rohstoffen, recycelte Gebäude. Architektur mit einer konkreten Botschaft, Architektur die direkt mit solchen Updates Antworten gibt. In der zweiten Kategorie „postfossile landscape“ geht es um die Landschaft nach dem Ölzeitalter. Wie könnte die Kulturlandschaft in Deutschland transformiert und zur Energie- und Nahrungsmittelgewinnung eingesetzt werden? Produktive und reproduktive Arbeit könnten sie sehr verändern. Die dritte Kategorie „eco-techno-topia“ stellt die Frage: „Wie wollen wir leben?“ Mit welchen Techniken wollen wir uns umgeben? Werden wir Häuser in Bioreaktoren züchten? Werden genmanipulierte Pflanzen uns mit Strom, Wasser und Mobilität versorgen? Lösen biologische Innovationen elektronische ab?
Nur in „performing systems“, der vierten Kategorie, können diese beiden Teile zusammenwirken. Intelligente, vernetze Häuser und Infrastrukturen könnten sich hier weiter optimieren und so Material, Wärme, Waren und Menschen zirkulieren lassen. Was wird die Rolle der Menschen dabei sein? Kategorie fünf „responsible consumption“ zeigt die Macht des Einzelnen, des Konsumenten. Denn wahrer Wandel beginnt zu Hause.
Die versammelten 100 Projekte, 100 Updates sind nur ein Anfang. Es kommen ständig neue Updates hinzu. Manchmal sind es kleine Weiterentwicklungen, manchmal bedeuten sie die radikale Abkehr von einem Holzweg. Sie sind eine Sammlung aktueller Reaktionen auf aktuelle Herausforderungen.
Vollendete Zukunft
Die Updates bergen Risiken. Sie sind nicht immer leicht umzusetzen. Manchmal bedeuten sie Verzicht oder sind teuer. Warum sollte man sich diesen anstrengenden Veränderungen also aussetzen? Das Leben ist doch gut. Kann es nicht so bleiben? Der homo oeconomicus ist definiert als der Mensch, der rational aus verschiedenen Handlungsoptionen diejenige mit dem maximalen Nutzen wählt. Dieser „Egoismus“ kann durchaus zu kooperativem Verhalten führen, selten jedoch zu Entscheidungen über die eigene Lebenszeit hinaus. Doch leider haben viele „nachhaltige“ Strategien sehr lange Vorlaufzeiten. Wie kann man also mit Herausforderungen umgehen, deren Auswirkungen man nicht erleben wird und die man doch verantwortet? Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat dazu den neuen Imperativ des Futur II eingeführt.2 Wie sieht diese „vollendete“ Zukunft aus? Wird diese vollendete, realisierte Zukunft wirklich vollendet, perfekt sein? Er schlägt vor, dass man sich schon heute Gedanken machen sollte, wie man auf die kritischen Fragen der Enkel antworten wird: Habe ich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt? Habe ich versucht, im Sinne einer klassischen Definition von Nachhaltigkeit der nächsten Generation die gleichen Möglichkeiten zu bewahren? Ziel könnte es sein, die Möglichkeiten sogar mehr werden zu lassen. Mehr Freiheit, mehr Optionen … für die Enkel.
Viele Entscheidungen sind abhängig vom Zeithorizont sehr unterschiedlich zu bewerten. Welche Konsequenzen haben sie sofort, morgen, bald, in einem Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert oder darüber hinaus? Das Anthropozän ist angebrochen. Die Erde, auf der Menschen leben, ist keine unabhängig existente, sondern vom Menschen mitdefiniert und gestaltet. Die größte Sorge angesichts drohender Folgen von demographischer Entwicklung, schwindender Biodiversität, Klimawandelfolgen und Ressourcenverknappung ist nicht, ob die Menschheit sie überlebt, sondern wie menschlich, nach heutigem Verständnis human, Veränderungen ablaufen werden.
Nachhaltige Lehre
Wie kann man also an der Hochschule auf diese Herausforderungen vorbereiten? Torsten Meyer, Professor für Kunst und ihre Didaktik in Köln, schildert die besondere Herausforderung der Ausbildung von KunstlehrerInnen folgendermaßen: Wenn Kunst als eine Kulturtechnik, eine Lesehilfe zum Verstehen der Gegenwart verstanden wird, muss die Hochschule LehramtsstudentInnen so ausbilden, dass sie als KunstlehrerInnen etwa 40 Jahre lang ihre SchülerInnen auf ein Leben vorbereiten, in dem diese bis ins hohe Alter in der Lage sind, sich in der Welt zu orientieren und kulturellen Zugang zu haben. Der Zeithorizont für diese vollendete Zukunft liegt also bei über 100 Jahren!
Übertragen auf eine nachhaltige Architekturlehre bedeutet dies, dass sie zukünftige ArchitektInnen befähigen sollte, ihr ganzes Berufsleben in der Lage zu sein, Fragen zu stellen und neue Erkenntnisse zu verarbeiten, um Gebäude und Städte so zu gestalten, dass sie 50 Jahre oder länger räumliche Strukturen für menschliches Zusammenleben bilden können.
„When faced with a totally new situation, we tend always to attach ourselves to the objects, to the flavor of the most recent past. We look at the present through a rearview mirror. We march backwards into the future.”3
Die Projektion der jüngsten Vergangenheit in die Zukunft ist eine übliche Methode, um Voraussagen zu machen und Entscheidungen zu treffen. Oft scheint das sehr gut zu funktionieren und bestätigt Erfahrung und Tradition, da viele Veränderungen träge sind. Gerade deshalb ist dies jedoch riskant, denn man fühlt sich sicher und wird von neuen, unerwarteten Situationen völlig überrascht.
Stresstests
„Thinking about the unthinkable“4 war schon Herman Kahns Ansatz, um die amerikanischen Militärstrategen der RAND Corporation mit den fatalen Konsequenzen eines Atomkrieges zu konfrontieren. Dabei war Kahn keineswegs Pazifist, sondern entwickelte daraus eine verschärfte Abschreckungs- und Zweitschlagsstrategie. Sein Ansatz, unbequeme Eventualitäten durchzuspielen hat sich als Szenariomethode in der Militär- und Unternehmensberatung etabliert. Hierbei sind genaue Kenntnisse über Vergangenheit und Status quo essentiell, um dann entlang definierter, oft extremer Einflussfaktoren plausible, alternative Zukunftsszenarien entwickeln zu können, die oft jenseits des Erwarteten und Gewünschten liegen.
Unter ArchitektInnen und StadtplanerInnen ist es üblich, Entwürfe mit Zeichnungen, Berechnungen, Modellen, Renderings und Erläuterungstexten überzeugend und gut vorstellbar darzustellen. Die Planungen werden dabei allerdings meist als in einer vollendeten, idealen Zukunft realisiert präsentiert, die den Erwartungen und Wünschen der VerfasserInnen oder BauherrInnen entspricht. Was, wenn sich die Welt anders entwickelt – was sogar höchst wahrscheinlich ist? Ähnlich wie Banken mit verschiedenen Szenarien der Euro-Krise konfrontiert werden, um ihre Krisenfestigkeit zu prüfen, kann man Architektur- und Städtebauentwürfe einem Stresstest unterziehen und somit überprüfen, ob und wie sie in verschiedenen, möglichen, mehr oder weniger „vollendeten“ Zukünften bestehen. Für Berlin 2050 hat -raumtaktik 2010 vier mögliche Szenarien unter den Überschriften „Berlin Blade Runner“, „BERLinc.“, „FundamentaliCITIES“ und „ThinkTankstelle Berlin“5 entwickelt. Mit diesen wäre es möglich, geplante Projekte und Architekturen auf ihre Entwicklung innerhalb -dieser teilweise sehr extremen Szenarios zu testen.
Ähnlich haben Winy Maas und Felix Madrazo mit Studenten der Why Factory an der TU Delft 10 City Shocks6 für die Niederlande entwickelt. Diese „What if“-Schocks mit Titeln wie „Labour Strikes Revives Industry“, „Branding Cities Go Extreme“ oder „Pension Scheme Boost Education“ eignen sich sehr gut, um die Widerständigkeit, die Resilienz und Reaktion von Städten und Plan-ungen auf unerwartete Ereignisse zu prüfen.
What’s Next?
Ziel dieser „Was wäre, wenn“-Überlegungen und Szenarien ist es, Planungen resilienter zu machen und trotz der Gewissheit über die Ungewissheit entscheidungsfähig zu bleiben. Aus den Stresstests lassen sich Handlungsempfehlungen zur Vermeidung negativer Entwicklungen und der Verstärkung positiver Aneignungen ableiten. Diese Methode ist kein Ersatz für kreatives Entwerfen, sie ersetzt keinen ästhetischen Diskurs. Sie soll die Basis für verantwortbare, informierte Entscheidungen im Jetzt schaffen und Möglichkeiten jenseits der in die Zukunft verlängerten Vergangenheit oder Tradition stützen, ohne normativ vorzugreifen. Ein „nachhaltige“ Lehre muss Studierenden Werkzeuge vermitteln, mit denen sie in Zukunft kompetent Architektur machen und Entscheidungen treffen können. Wenn die daraus entstehende „nachhaltige“ Stadt eine Balance der kulturellen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Potenziale erreicht, ließe sich entspannt den Fragen der Enkel entgegensehen.
1.) von Borries, F. und Böttger, M., Updating Germany, 2008, S. 11.
2.) Vgl. Welzer, H., www.futurzwei.org [8.5.2013].
3.) McLuhan, M., The Medium is the Message, 1967, S. 74f.
4.) Vgl. Salewski, C., Dutch New Worlds, 2012, S. 21f.
5.) Böttger, M., Carsten. S., Engel, L. „Optional Cities“, in: arch+ 201/201, 2011, S. 68–73.
6.) Maas, W., Madrazo, F., City Shock, Amsterdam 2012.