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Bei der dOCUMENTA(13) war die Entwicklung besonders offensichtlich, mit ihren Dutzenden Ausstellungsorten allein in Kassel, ihren über 100 Publikationen, 200 Künstlern, gefühlten 2000 Einzelterminen und um die 25 Millionen Euro Budget, plus Nebenschauplätzen von Kanada bis Kabul. Hier wurden nicht nur in Sachen Besucherzahlen – am Ende waren es ca. 860 000 – Rekorde gebrochen. Die Triennale in Paris zählte insgesamt 217 000 Besucher.
Man ist von der Kulturkritik gewohnt, dass sie jedes massenmediale Programm – von Facebook bis Verkaufsfernsehen – auf gesellschaftliche Symptomatik abklopft; ob nun begleitet von kulturpessimistischem Ekel oder Bekenntnis zum sündigen Vergnügen. Von der zeitgenössischen Großausstellung dagegen wird erwartet, dass sie den kulturkritischen Job der Medienbeobachtung gleich selbst erledigt. Und die von den Kuratoren beauftragten Künstler tun es auch, indem sie z. B. (in Kassel) youtube-Handy-Clips von getöteten syrischen Aufständischen als Daumenkino zeigen oder (in Paris) Videoaufnahmen von den Misswahlen philippinischer Einwanderinnen in Israel. Entsprechend werden von der Kritik solche künstlerischen Beiträge wiederum als Kommentar zur globalen massenmedialen Gegenwart entziffert.
Was aber, wenn die zeitgenössische Mega-Ausstellung längst selbst zu einem globalen Massenmedium geworden ist? Ein Programm, dessen Einschaltquote sich im Mix aus Besucherzahlen und Lautstärke des Medien-Echos bemisst? Wenn sich die Message der Mega-Ausstellung nicht nur im explizit Gezeigten und Gesagten offenbart, sondern mindestens genauso sehr in ihrer weit verzweigten Programmstruktur? Woran sich die Frage anschließt, wie das die Sehweisen beim Publikum verändert. Das zu Sehende ist ja die Mischung aus dem, was Künstler und Kuratoren subjektiv produzieren, und dem, was objektiv vom institutionellen Apparat vorgegeben ist. Entsprechend lässt sich das Ergebnis in etwa so beschreiben: Jede der genannten Ausstellungen – besonders aber die Documenta – war wie ein nordkoreanischer Staats-Fernsehsender, der gekreuzt ist mit einem französischen Kulturkanal und einer von norwegischen Anarcho-Hackern betriebenen Suchmaschine, samt global ausfransendem Netz an coolem Wissen und geheimen Verbindungen. Ein faszinierender, bizarrer Hybrid im real zu durchquerenden, endlos scheinenden Raum.
Dies ist nicht die altbekannte Wehklage über Event-Spektakel und Informationsflut. Aber es ist eindeutig schwieriger geworden, sich zum gigantomanisch Gezeigten eine dezidierte Meinung zu bilden, die über bloße Ressentiments und fragmentarische Eindrücke hinausgeht. Kaum eine Kritik der Documenta kam ohne Hinweis auf ihre Unbewältigbarkeit aus, ob als kosmologischer Reichtum gepriesen oder als Gigantomanie geschmäht.
Dabei muss man aber umfassend gesehen haben, wozu man verlässlich Stellung beziehen will. Die Paris-Triennale kuratierte Okwui Enwezor, der seine Documenta von 2002 mit „Platforms“ genannte Veranstaltungen auf der Karibikinsel St. Lucia oder in Lagos vorbereitete, während Roger Buergel 2007 ausgewählte Documenta-Besucher ins Restaurant elBulli bei Barcelona schickte – ein Trend zur geographischen Auffächerung, den Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrer Documenta 2012 noch massiv verstärkte. Enwezors Triennale füllt derweil einen Großteil des Palais de Tokyo, welches sich zu diesem Anlass mit frisch renovierten 22.000 qm als größtes zeitgenössisches Kunstzentrum Europas präsentierte (übertroffen nur von der Manifesta mit 24.000 qm im belgischen Kohlebergwerk, dankenswerterweise auf diesen Ort beschränkt). Dazu wurden sechs weitere Institutionen in Paris und Umgebung bespielt. Nichts für ein entspanntes Paris-Wochenende.
Kunst für Massen ist natürlich kein neues Phänomen. Wer sich beispielsweise während der touristischen Hauptstoßzeit im Juni oder September im Eingangsbereich des Louvre aufhält, unter der Glaspyramide und nach Durchlaufen der von der Metrostation dorthin führenden Shopping-Mall, fühlt sich schnell wie auf dem Großflughafen beim Verlassen eines Krisengebiets: professionell orchestrierte Koordination des Dauernotfalls, an Dutzenden Kassenhäuschen und Ticketautomaten entlang dirigierte Menschenströme. Drinnen dann, natürlich, das Gedränge vor Mona Lisa: Das hölzerne Geländer vor der Ikone wird verdoppelt von einem Flughafen-Absperrband, dazwischen patrouilliert Museumspersonal. Crowd control, samt Bühnengraben, wie beim Rockkonzert. Derweil ein paar Räume weiter, bei Rembrandts Selbstporträts, verlieren sich schon mal ein paar wenige Interessierte. Der Rest der zigtausenden Louvre-Besucher verteilt sich relativ gleichmäßig vor den insgesamt 14 km Wandfläche.
Die Rezeption des Megamuseums findet zwischen zwei Extremen statt: der Vorstellung, dass man sich Sammlungsschätze über Jahre erschließt; und dem Pauschalangebot mit drei Highlights in zwanzig Minuten. Die temporäre Mega-Ausstellung dagegen kann sich dieses kompletten Spektrums nicht bedienen. Der Blitzbesucher wird sie nicht verstehen, und für langsames Erschließen bleibt keine Zeit. Ungeachtet dessen gibt es die extrem umfangreiche, weitverzweigte Mega-Ausstellung, die die Bewertung seitens des Besuchers konstitutiv unabgeschlossen lässt, wenn nicht ganz ad absurdum führt. Die Frage: „Na, wie findest du die Ausstellung?“ klingt zunehmend so, als würde man gefragt: „Na, wie war‘s gestern auf Google?“ Damit soll nicht gesagt sein, dass die Kuratoren nur beliebigen Mischmasch präsentieren (so wie die Algorithmen der Suchmaschinen auch nicht bloß zufällig sind). Aber man spürt, dass ein Grund für Ausstellungs-Gigantomanie ist, dass bei allem Anspruch möglichst für alle was dabei sein soll, für viele widersprüchliche Erwartungen viele widersprüchliche Facetten geboten werden: Also zeigt man radikal-konzeptuelle Marktkritik neben folkloristischem Eso-Kitsch, den knallharten vielstündigen Autorenfilm neben der luftigen Installation mit Kräutern und Blumen.
Zugleich werden die Betrachter in eine Situation geführt, die das ständige Gefühl erzeugt, dass es für jede gemachte Rezeptionserfahrung mindestens zehn gibt, die sie gerade verpassen. Ein weiterer Grund für den Aufstieg der Mega-Ausstellung: Die Kuratoren selbst haben ständig dieses Gefühl des Verpassens. Für jeden Künstler, auf dessen Homepage sie bei ihren Internet-Recherchen stoßen, könnte es zehn andere geben, die sie gerade übersehen haben. Am Ende müssen sie trotzdem eine Auswahl treffen, mit all den widersprüchlichen Erwartungen von allen Seiten, die sie über Jahre zu spüren bekommen haben. Warum dann nicht gleich die Großtaten der kuratorischen Konkurrenz, wenn das Budget es zulässt, an Umfang und Facettenreichtum noch übertreffen? So pausen sich die technologisch-ökonomischen Bedingungen der Aufmerksamkeitserzeugung in die Kunst ab. Es geht inmitten der Krise um Wachstum und die Fantasie globaler Verfügbarkeit; um das Gefühl von Mangel, paradoxerweise erzeugt durch Überangebot (du glaubst du hast genug? Es gibt mehr!). Zugleich wird Begehren geweckt durch Entzug (da ist immer noch ein weiteres Event, an dem du leider nicht wirst teilnehmen können). Und der Versuch, sich der Konsumierbarkeit durch Übergröße zu entziehen (an mir wirst du dich verschlucken!), ist am Ende selbst ein Konsumprinzip (super size me!).
Die zeitgenössische Kunstwelt ist in all dem Opfer ihres Erfolgs. Bis in die Achtziger Jahre bestand sie aus einer Handvoll libertärer Bohemiens, die finanziert wurden von begüterten Bürgern, die selber gerne libertäre Bohemiens sein wollten, sich aber nicht trauten. Diese seltsame Liaison von entfesseltem Begehren und spießigem Besitz ist längst allgemeines neoliberales Geschäftsprinzip geworden. Aber der Weg zurück ins vermeintliche Idyll vergangener Zeiten ist versperrt. Die Kunstwelt ist real und exponentiell gewachsen, es geht einfach nicht mehr, bei einer Biennale oder Documenta so zu tun, als könne man ganze Teile der Welt einfach ignorieren. Nur wohin mit all den widersprüchlichen Aktivitäten aus allen Himmelsrichtungen? Und wohin mit den sich nach libertär-bohemischen Ausdrucksweisen sehnenden Besuchermassen? Man muss sie verteilen, auf auseinander liegende Orte und unterschiedliche Events auf verschiedenen Bühnen, so dass sich die Leute nicht auf den Füßen stehen. Wenn es heute Woodstock gäbe, hätte es fünf Nebenbühnen und drei DJ-Zelte (weshalb es auch nie wieder so wirkungsvoll wäre wie seinerzeit).
Harald Szeemanns legendäre Ausstellung „When Attitudes Become Form“ fand 1969 auf der moderaten Größe der Kunsthalle Bern Platz. Der Gedanke des grenzenlosen Hinausgehens in die Welt keimte aber schon damals: Richard Longs Beitrag bestand darin, drei Tage in den Bergen zu wandern, und Walter de Maria nahm teil mit einer direkten Telefon-Verbindung in die Ausstellung, an deren anderen Ende er im New Yorker Atelier saß. Heute wäre es, als würden 200 Telefone gleichzeitig klingeln und als würde mit Long gleich ein ganzer Treck in 80 Tagen um die Welt reisen.
Soll man angesichts dieser Entwicklung sich als Betrachter lieber zurücklehnen? Akzeptieren, dass immer nur Fragment sein kann, was man von wichtigen Großausstellungen mitbekommt? Ja, das ist natürlich eine legitime, wenn nicht notwendige Reaktion. Boris Groys hat davon gesprochen, dass angesichts der massenhaften Produktion zeitgenössischer Kunst, die ein Einzelner unmöglich überblicken kann, einem der Verdacht kommen kann, dass die Gesellschaft des Spektakels zu einem „Spektakel ohne Betrachter“ geworden ist. Womit nicht gesagt ist, dass es ein Spektakel ohne Besucher ist. Es ist bloß so, dass von den mehreren hundert Künstlern, die in einer gegenwärtigen Mega-Ausstellung teilnehmen, nur ein Teil überhaupt von einer Mehrzahl der Besucher erinnert, wenn überhaupt gesehen werden wird. Es entsteht also innerhalb der Ausstellung eine Hierarchie eingeräumter Prominenz: Wer ist in den Hauptausstellungsorten, wer nur an den Nebenschauplätzen? Wer bekommt viel, wer nur wenig Budget?
Doch indem das Massenmedium Großausstellung seine Künstler beinahe notgedrungen gegeneinander ausspielt und seine Zuschauer erschöpft, erschöpft es sich zugleich selbst. Die kleine konzise Schau, das durchdachte Thesen-Seminar kann schon aus Platzgründen nicht für Millionen sein; aber missen wollen die Kuratoren sie auch nicht, und so schaffen sie im Zuge der Mega-Ausstellung zugleich elitäre Rückzugsgebiete für sich und ihr Umfeld, geschützt durch geographische und sonstige Hürden, die sicherstellen, dass nur Eingeweihte und Eingeladene dorthin gelangen: Seminare am Südpol? Mission zum Mond? Die nächste Documenta wird es weisen. Was wird angesichts all dessen aus den „emanzipierten Betrachtern“, die sich laut Jacques Rancière spätestens seit dem 19. Jahrhundert dadurch auszeichnen, dass sie wach und eigenständig interpretieren, am Diskurs aktiv teilnehmen? Aus emanzipierten werden konstitutiv überforderte Betrachter. Überfordert nicht von allzu anspruchsvoller Kunst, sondern von allzu umfangreichem Pensum. Es war schon immer unmöglich, alles zu sehen; bei Kabelfernsehen und Internet weiß man auch, dass es unnötig ist. Anders bei der Großausstellung: Sie suggeriert fortwährend und notgedrungen, dass man sie nur als Ganzes wirklich begreift. Das Megalomanische ist die Rache des Mediums Großausstellung an den allzu emanzipierten Betrachtern; sie macht sie zu bloßen Besuchern.
Wiederabdruck
Leicht bearbeitete und erweiterte Fassung eines zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Textes („Nur Besucher, nicht Betrachter“, Feuilleton Süddeutsche Zeitung vom 12.09.2012).
Massive Steigerung der Kunstproduktion
Die steigende Kunstproduktion im Bannkreis der bisher dominierenden Zentren der Kunst ist aus ökonomischer Sicht eine logische Entwicklung. Denn wenn etwas Erfolg hat oder begehrt ist, dann wird in der auf Wachstum geeichten Wirtschaft mehr davon produziert. Und gerade zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts standen die Zeichen überall auf Wachstum und Boom. Der Kunstbetrieb hat darauf reagiert, indem er expandierte.
Die Expansion hatte und hat viele Gesichter. Eines davon ist die systematische Erschließung neuer Märkte und neuer Käuferschichten namentlich in Russland, Asien, Indien, Lateinamerika und in den Golfstaaten. Sie ging und geht einher mit der Schaffung neuer Plattformen wie Biennalen und Kunstmessen, aber auch mit immer mehr öffentlichen und privaten Institutionen, die zeitgenössische Kunst ausstellen und propagieren. Die Entstehung neuer Absatzmärkte für Kunst trägt dazu bei, dass die künstlerische Laufbahn für junge Menschen attraktiver erscheint. Sie bestärkt auch -öffentliche und private Kulturförderer darin, auf die Kreativwirtschaft als Wirtschaftsmotor zu setzen und entsprechende Angebote für die Ausbildung und Förderung junger Kunstschaffender, wie Kunstschulen, Stipendien, Preise, Gastateliers, bereitzustellen. Dieser Trend wird anhalten, solange die Nachfrage anhält. Er kann sich allerdings auch rasch umkehren, sollte diese einbrechen.
Brot oder Spiele?
Nun gewinnt die Frage what‘s next? nicht nur angesichts dieser gigantischen, unüberschaubaren, proliferierenden Kunstproduktion, die alle Versuche der systematischen Katalogisierung vereitelt, ihren besonderen Reiz. Sondern auch angesichts einer Krise, die Kultur und also auch Kunst in etlichen Ländern plötzlich wieder eher als nachrangigen Luxus erscheinen lässt. Welche Folgen könnte ein solcher Härtetest haben? Denkbar ist, dass die Kunst sich wieder klein machen wird, bescheidener agiert, weniger repräsentativ und glamourös wird und näher an die existentiellen Fragen und Bedürfnisse der Menschen rückt. Möglicherweise hat das nach all den Superlativen, zu denen der Kunstbetrieb in den letzten Jahren neigte, eine klärende Wirkung und fördert, wie die Kunstmarktkrise Anfang der 1990er Jahre, eher konzeptuelle, politische und partizipative Kunst. Die Berlin Biennale von Artur .Zmijewski 2012 wies sehr radikal und zum Teil auch verstörend in diese Richtung und formulierte die alte Frage nach der engagierten Kunst neu. Aber auch ganz gegenteilige Strömungen könnten Oberwasser gewinnen: Kunst, die -ablenkt von der Krise, die als Opium fürs Volk funktioniert. Teile eines zunehmend kommerzialisierten Blockbuster-Ausstellungsbetriebs stehen ebenfalls für diesen Trend.
Das Ende der weißen Flecken
Blicken wir, um genauer abzuschätzen, wohin die Reise gehen könnte, noch aus einer anderen Perspektive auf die Boomjahre zurück. Da wurde nicht nur unglaublich viel produziert – übrigens auch unglaublich viel uninteressante, unbedeutende, unsägliche Kunst –, es ist auch etwas strukturell Entscheidendes passiert: Die weißen Flecken auf der globalen Kunstlandkarte wurden in den letzten zwanzig Jahren zusehends getilgt. Der Export der europäisch-nordamerikanisch geprägten Idee der zeitgenössischen Kunst, auch die (oft illusorische) Idee des -raschen Reichtums und der Berühmtheit durch zeitgenössische Kunst bis in die letzten Winkel der Erde ist vollzogen. Der Re-Import ebenfalls: Der spannende junge Künstler aus Albanien, die aufregende Künstlerin aus Uganda, der Mao-Pop, diese Neuauflage des Exotismus, die noch bis vor kurzem zum Szenethema werden konnte, haben inzwischen nicht zuletzt durch Gewöhnung einiges an Reiz verloren. Exotik erregt mittlerweile noch am ehesten Aufmerksamkeit, wenn sie sich mit gesellschaftskritischen, politischen Anliegen paart. Dies zeigte etwa die internationale Kritik an der Inhaftierung Ai Weiweis durch die chinesischen Autoritäten oder der Frauen der russischen Pop-Punkband Pussy Riot in Russland.
Die Entzauberung des Exotismus und zugleich der Vorstellung, durch Kunst Einblicke in andere Lebenswelten zu bekommen, offenbart längst ihre problematisch naiven Seiten: Kunst wird zu einer Art Kolonial-ware zweiten Grades und wird dabei auf leicht dechiffrierbare sozialdokumentarische Inhalte reduziert. Exotik nutzt sich aber nicht nur rasch ab, ihre Ausbeutung durch herrschende Marktmechanismen erzeugt in aufgeklärten Kreisen immer häufiger ein Naserümpfen.
Noch etwas kommt hinzu: Dort, wo sie auch noch ein Mindestmaß an Kontextwissen voraussetzt, verlangt Kunst doch gewisse Anstrengungen seitens des Publikums. Und das fragt sich womöglich angesichts der Probleme vor der eigenen Haustüre in Zukunft häufiger, warum es sich mit den Problemen in Afrika auseinandersetzen solle. Diese Unmutsäußerung ist zwar provinziell, weil, um beim Beispiel zu bleiben, nicht wenige Probleme in Afrika mit denen vor der eigenen Haustüre zu tun haben (Stichwort Rohstoffe, Stichwort Immigration). Doch das muss manchen Kunstkonsumenten erst vermittelt werden. Es passt auch jenen nicht, die sich als Sponsoren lieber mit unverbindlicher Kunst schmücken wollen, und stellt dementsprechend eine große Herausforderung an die Kunstvermittler dar. Denn es ist generell in Folge der Krise zu befürchten, dass das Interesse an anderen Welten, sofern deren Verbindung zu unserer Welt nicht klar hervortritt, nachlässt und Fremdartigkeit alleine nicht mehr genügt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Gegen Vereinnahmung, gegen Virtualität
Manche Antworten auf die Frage, welche Kunst in Folge der Krise privilegiert sein dürfte, deuten sich im aktuellen Kunstbetrieb seit einiger Zeit an. So fällt nebst dem Rückzug oder der Banalisierung des Exotischen der Trend zur Verweigerung rascher Konsumierbarkeit durch Entzug des Überblicks und durch die Betonung des Sozialen, Interaktiven und Erlebnishaften auf. Das kurzlebige Event hingegen, das das Erlebnis auf einen gewissen Moment beschränkt, scheint auf dem Rückzug; es geht stattdessen eher um die Personalisierung und Nachhaltigkeit der Kunst-Erlebnisse.
Besonders die Documenta 13 von Carolyn Christov–Bakargiev bekräftigte 2012 diesen Trend, der sich -allerdings schon seit längerem andeutete. So wurde -beispielsweise die Berlin-Biennale 2008 von Adam -Szymczyk und Elena Filipovic von einem umfassenden Begleitprogramm flankiert und brachte eine kritische Haltung gegenüber dem überbordenden Kunstmarkt-Zirkus der Boomjahre vor der Krise zum Ausdruck. -Kritik bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, sich der raschen Vereinnahmung und der Produktförmigkeit zu entziehen.
Die Documenta 13 zelebrierte diese Unübersicht-lichkeit geradezu, indem sie nicht nur mehr Exponate an mehr Einzelschauplätzen zeigte als jede andere zuvor – einige Schauplätze (etwa ein Außenstation in Afghanistan) waren dem Publikum sogar unzugänglich –, sondern auch, indem sie deutlich auf Kunst mit performativem Charakter setzte. Und anders als bei der Biennale von Venedig etwa, wo das Ausufern in diverse Kollateral-Veranstaltungen seit längerem zu beobachten ist, dabei allerdings auch immer etwas unmethodisch und kommerziell motiviert wirkt, schien das Verfahren in Kassel Methode zu haben. Noch radikaler als ohnehin schon für jede Ausstellung sonst galt hier: Jeder bahnt sich seinen Parcours, jeder macht sich sein Bild, jeder erhält andere Fragmente eines großen Puzzles. -Eigentlich nur konsequent in einer Zeit, in der das interaktive Internet mit seinen Social-Media-Plattformen leicht erlaubt, Produkte der eigenen Kreativität zur Schau zu stellen, Bilder, Filme, Sounds hochzuladen und mit Blogs Orientierungsschneisen in den Informationsdschungel zu schlagen.
Denn einerseits sind wir alle inzwischen recht gut trainiert darin, mit dem Verlust des systematischen Überblicks zu leben; wir legen uns Strategien zu im Umgang mit einem ausufernden Angebot, gerade auch im virtuellen Raum. Andererseits erhöht sich dadurch auch die Attraktivität des echten, realen, persönlichen und daher intensiveren Erlebens allein oder im Kreis Gleichgesinnter. Die Entwicklung scheint Kunstformen und -rezeptionsweisen zu privilegieren, die sich nicht hochladen lassen, die orts-, kontext- und zeitgebunden sind, ja persönlichen Einsatz und nicht nur eine passive Konsumhaltung erfordern. Folglich wundert es kaum, dass in jüngster Zeit auch performative und installative Formen der Kunst Aufwind bekommen haben.
Dezentral und multifokal
Aufwind erhielt auch eine dezentrale, multifokale Perspektive auf die Kunst. Das zeigte 2012 neben der Ausstellung The Global Contemporary im Karlsruher ZKM, die mit größter Selbstverständlichkeit diese Perspektive vorführte und reflektierte, auch die Pariser Triennale 2012, von Okwui Enwezor unter dem Titel Intense Proximité kuratiert. Enwezor inszenierte eine Kunstschau, in der die Auseinandersetzung mit der Aneignung des Fremden in einer postkolonialen Zeit eine wichtige Rolle spielte und in der die ethnologische Untersuchung des Exotischen selber einer kritischen Revision unterzogen wurde: Sie findet nämlich aus einer scheinbar überlegenen Position heraus statt, einer Position, die jener des bisher dominierenden Kunstbetriebs mit seinen in die Krise geratenen oder an ihr mitschuldigen Macht- und Finanzzentren ähnelt. Eine Position also, die künftig immer fragwürdiger erscheinen wird.
Dass die Kunstszene in ökonomisch aufstrebenden Kunstzentren wie China oder Indien sich immer mehr nach eigenen Gesetzen organisiert, gehört wohl zu einem der maßgeblichen Trends in der zeitgenössischen Kunst, dessen Folgen noch kaum abzuschätzen sind. Der Austausch mit diesen neuen Zentren könnte jedoch künftig spannend werden, gerade weil hier andere Kräfte und Interessen als nur jene das 20. Jahrhundert dominierende Achse Europa-Nordamerika zu wirken beginnen. Mit anderen Worten: Die neuen Kunstszenen könnten sich emanzipieren, sich zum Beispiel im Falle Chinas auf eigenen Traditionen berufen und nicht einfach nur als verspätete Filialen der europäischen Moderne oder Postmoderne fungieren.
Rückbesinnung aufs Lokale
Multifokalität, Aufwertung der Peripherien, Zunahme der Zentren: Das heißt aber auch, dass insgesamt wieder viel mehr Kunst entwickelt wird, die nicht sofort in die globalen Aufmerksamkeitskreisläufe einsickert oder diese gar nie erreicht. Zugleich ist denkbar, dass wir in ökonomisch angespannten, ökologisch bewussteren Zeiten weniger reisen und deswegen auch durchaus wieder mehr Sympathien für die lange Zeit verpönte lokale Kunst entwickeln könnten. Vieles, was vor der Haustüre entsteht, ist nicht unbedingt viel schlechter, als was die Meinungsmacher der sogenannten Leitinstitutionen propagieren – dies zu erkennen, verlangt aber auch mehr Mut zum eigenen Urteil, weniger Orientierung an einer -global wirksamen Kunstbetriebspropaganda, hinter der sich fast immer massive Marktinteressen verbergen.
Schluss mit den falschen Umarmungen
Um ein autonomes Urteil zu entwickeln, sind Dialog und Austausch über Kunst wieder stärker gefordert;
die Akteure der Kunst – ihre Produzenten und Vermittler – müssen mehr tun, als nur ständig den Wert der Kunst für die Gesellschaft zu behaupten, ohne das wirklich einzulösen. Dies kann etwa geschehen, indem nachvollziehbar wird, warum Kunst im 21. Jahrhundert ein ausgezeichnetes Medium der Wahrnehmungsschulung ist. Dabei könnte es wichtig sein, nicht mehr in erster Linie auf die in der Moderne zu Tode strapazierte Veränderung der Wahrnehmung zu setzen, sondern künftig viel stärker die reflexive Auseinandersetzung mit Bildern und Images zu betonen. Denn die Funktionen der Darstellung und Selbstdarstellung, der Information und Desinformation sollten in einer bildgesättigten Kultur mehr denn je Gegenstand der kritischen Analyse sein. Kunst ist in den letzten Jahren gerade auch in den Medien allzu oft nur als Luxus-Spielzeug und Repräsentationsinstrument einer finanziellen Elite erschienen; Rekorde und Rankings waren wichtiger als Inhalte. Die Strategien, Kunst für entsprechende Prestige-Werbung zu instrumentalisieren, sind heute allgegenwärtig; diese Art der Instrumentalisierung ist Teil der Krise der Kunst und der Kultur. Es könnte eine wichtige Aufgabe der Kunst in der Krise sein, wieder stärker dagegen zu halten und sich aus falschen Umarmungen zu lösen.
Kanon und Verbindlichkeit nach dem Ende des -Kanons
Wenn man die Legitimität der Kunst in einer demokratischen Gesellschaft erhalten möchte, wird es künftig vermehrt darum gehen, Bilder und Kunst nicht nur als Fetische der Konsumgesellschaft hochzuhalten, wie das in den Boomjahren vielerorts gefördert wurde. Es gilt vielmehr, wieder darauf hinzuweisen, dass Kunst ein Erkenntnisinstrument ist. Sie kann beispielsweise – ähnlich wie auch die Literatur – dazu dienen, die in einer globalisierten Gesellschaft immer wichtigere Verständigung über kulturelle und zivilisatorische Werte anzuregen. Wie das geht, lässt sich am Ausstellungs-konzept der neuen Louvre-Zweigstelle im nordfranzö-sischen Lens ablesen. Dort ist ein offener, assoziationsreicher Parcours durch annähernd 5000 Jahre Kunst-geschichte entstanden, der zugleich wieder auf die Verbindlichkeit einer -begründbaren, kunst- und kulturgeschichtlich aussagekräftigen Auswahl setzt. Eine -Auswahl, die nicht unbedingt dem präskriptiven Modell des bildungsbürgerlichen Kanons folgt, wie er in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen Künsten, besonders in Literatur und Bildender Kunst unter Beschuss geraten ist, sondern die nach neuen Orientierungsrastern sucht. So werden beispielsweise in Lens Werke aus dem islamischen Kulturkreis nicht mehr, wie bislang üblich, isoliert als Beispiele für eine andere, exotisch anmutende, im Kern fremde Kultur ausgestellt, sondern in einer Blickachse mit den zeitgleich in Europa entstandenen Kunstwerken gezeigt. Damit relativiert sich deren Dominanz; in der Ausstellung wird so exemplarisch die gleichberechtigte Koexistenz verschiedener Kulturen erprobt.
Nach dem postmodern beliebigen und verspielten Mix, wie ihn die Tate Modern am Anfang des 21. Jahrhunderts versucht hat, und nach der Erosion aller Verbindlichkeiten, die die Folge eines durchaus begründeten Kampfes gegen linke und rechte Kulturpäpste der Postmoderne war, ist nun wieder der Mut zur Ordnung, ebenso wie zur Verteidigung von Kultur als zentralem Katalysator einer demokratischen Gesellschaft angesagt.
1.) Vgl. hierzu etwa: Wolfgang Streeck, The Crises of Democratic Capitalism. In: New Left Review, no. 71, 2011, S. 5–29.
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