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Schule, die als Ziel die Vorbereitung auf das Leben ernst nimmt, muss sich der Frage ihrer Zukunftstauglichkeit stellen. Immer wieder. Zumal die Legitimation von Unterrichtsinhalten öfter mit der Behauptung ihrer Relevanz für eine gelingende Lebensbewältigung verbunden wird. Dabei ist die Frage immer wieder neu zu beantworten: Welche Ausstattung brauchen junge Menschen für eine Zeit, von der nur sicher ist, dass sie anders sein wird?
In allen Schulen finden ständig Wiederholungen statt: von Stunde zu Stunde, von Klasse zu Klasse, von Reform zu Reform, von einem Jahrgang zum nächsten. Die sich über Generationen reproduzierende, kulturelle Bildung könnte als kollektives Trauma gedacht und empfunden werden. Als Trauma deshalb, weil in diesem psychischen Vorgang die immer gleiche Wiederholung ähnlicher Inhalte, ähnlicher Erlebnisse steckt. Boris Groys hat das so beschrieben. Er sieht das Trauma als eine Art mittelfristige Fortbestandsgarantie der Tradition.3
Im Folgenden schließen sich an allgemeine Anmerkungen zu Zukunftsvorstellungen solche zum Fortbestand der Kultur durch Bewahrung und Erneuerung an, bezogen auf schulische Vermittlungsketten.
Zunächst: Die Zukunft ist offen und unbekannt. Existenziell betrachtet, birgt das den Vorteil einer Entlastung des Lebens in der Gegenwart. Wir agieren freier, solange uns unser unausweichliches Ende in seiner konkreten Form noch unbekannt ist. Aber wir erleben uns nicht passiv, unserem Schicksal unterlegen, und den Zufällen des Lebens ausgeliefert. Der entwickelte Mensch wartet nicht auf den nächsten Reiz, den er wahrnimmt, um darauf zu reagieren, er scheint vielmehr ein Wesen zu sein, das seine Gedächtnisleistung ständig dazu nutzt, den Entwicklungen vorzugreifen. Die Neurowissenschaft -beschreibt statt eines reizgesteuerten Wesens ein vorhersagegesteuertes, also ein deutlich zukunftsbezogenes.4
Nicht nur die eigene, nahe Zukunft ist voller Vorstellungen und Erwartungen, auch die Wissenschaften beziehen ein gut Teil ihrer Faszination und Plausibilität aus ihrem Prognosepotential. Wissenschaftler versuchen, Entwicklungen begründet vorherzusagen, künftige Situationen vorauszudenken, vorzubereiten und womöglich zu beherrschen. Wir bemühen uns vorausschauend um ein gelingendes Leben und mit Hilfe von Wissenschaft und Technik sind wir in die Lage gekommen, nicht nur Flüge durch die Luft, sondern sogar -Ausflüge ins All zu überleben. So trugen etwa die sogenannten „Naturgesetze“, die für jedermann, überall und jederzeit gelten sollen, dazu bei, den Menschen auf sich selbst zu verweisen und gleichzeitig „übernatürliche“, externe, himmlische Hilfen als überholt zu verabschieden. Solche pragmatisch-diesseitigen Überzeugungen brachten bereits die Künstler der beginnenden Neuzeit in Schwierigkeiten und es ist erheiternd zu beobachten, wie die Darstellung religiöser Symbole geerdet wird: Aus den kreisförmigen, leuchtenden Scheiben hinter den Köpfen mittelalterlicher Heiliger werden in der Renaissance zentralperspektivisch korrekt verzerrte, helle Ringe, die sich ins naturalistische Bild ir-discher Verhältnisse überzeugend einpassen, aber in dieser Form doch viel von ihrem heiligen Schein einbüßen.5 Das mag einer aufgeklärten, neuen Sicht auf die Lebensverhältnisse geschuldet sein, die sich diesseitiger, zuversichtlicher und selbstbewusster im Vertrauen auf eigene Fähigkeiten entwickelt hat.
Kaum jemand überlässt sich also im Hinblick auf seine Zukunft als konsequenter Fatalist den zufälligen Zeitläufen, ganz im Gegenteil: Über den nächsten Moment hinaus verfolgen wir Interessen, hegen wir Wünsche, schmieden wir Pläne und investieren viel Lebenszeit und -energie im Heute für Morgen, projektieren, treffen Vorsorge, versuchen, Gefahren auszuweichen, schätzen Risiken ein, schließen Versicherungen ab, versuchen, eventuelle Entwicklungen zu beeinflussen und uns dafür vorzubereiten, zu wappnen und zu trainieren. Aus Erlebnissen folgen Erfahrungen, deren Reflexionen zu Schlüssen führen, die helfen sollen, unsere nächsten Schritte vorzubereiten und dabei erfolgreich zu sein, d. h. unsere Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen. Um dann zu beobachten, dass sich in zeitlich absehbaren Lebensabschnitten Phasen trägen Verharrens mit dramatischen Veränderungsschüben abwechseln. Wobei die überraschenden Wendungen im Rückblick betrachtet manchmal als Ergebnis stetiger, langsamer, manchmal fast zwangsläufiger Entwicklungen erscheinen mögen. Es gibt die Schicksalsschläge, die über einen hereinbrechen als äußere Ereignisse, als plötzliche Zäsuren. Und es gibt auch die Brüche stetiger Verläufe, die sich unmerklich schleichend angebahnt haben und die man vielleicht hätte bemerken können. Gleichwohl arbeiten wir ständig an dem Bild einer in Umrissen konstanten Welt, die uns auch im Wandel hinreichend verlässlich und absehbar erscheint.
So geht es wohl in jeder Gegenwart – nicht nur der schulischen – um nichts weniger als um den fortgesetzten Versuch einer Vorbereitung auf die Zukunft, so offen sie sein mag, und dies geschieht im Bewusstsein der Vergangenheit. Mit anderen Worten: Die Beobachtung der Ähnlichkeiten zwischen Gestern und Heute lässt uns in der Hoffnung auf die Kontinuität von Morgen weitermachen. Die Herkunft, wie wir wurden, was wir sind, bestimmt unsere Optionen dabei wesentlich. Es lohnt sich, immer mal wieder zurückzublicken, selbst wenn ein Hauch der Antiquiertheit der Preis sein sollte, zur Salzsäule erstarrt man dabei nicht mehr. Reflexionen, einschließlich dem Versuch, Traditionen, vermeintlich unumstößliche Selbstverständlichkeiten alltäglicher Entwicklungen, zu befragen, basieren notwendig zunächst auf gestrigen Formeln, die überholt sein mögen, was aber den Wert solcher Vergewisserungen nicht schmälert.6
Was bedeutet das für die Zukunft einer Kultur, deren Anbahnung die Schule ja im Blick hat oder haben müsste? Die wesentlichsten Anteile unserer Überlebensstrategien werden in der Kindheit vermittelt, hineingeboren in gegenwärtige Gegebenheiten, herangewachsen mit selbstverständlichen Umgangsformen eines typischen Alltags, in teils formulierten, teils unausgesprochenen Regeln vermitteln sich kulturelle Normen, Werte und Haltungen. So bildet sich eine Basis der Selbst- und Weltsicht aus. Die wichtigste Kompetenz dabei ist die Sprache. Darüber vermittelt werden Einstellungen, Alltagsroutinen, lokale Geschichten ebenso wie Welterzählungen …
Bildung als spezifische Entwicklung einer Persönlichkeit scheint zunächst als zwangsläufiger Prozess zu beginnen: Kinder leben mit Erwachsenen und werden dabei notwendig gebildet, geformt, weil die Jungen im Medium der Alten aufwachsen, nur dieses kennen, ehe sie sich davon zu emanzipieren beginnen und eigene, andere Ideen aufkommen. Jede Zeit gibt ihre Ansichten, Werte, Normen, Sehnsüchte, Träume, Wünsche, ihre Beschreibungen und Umgangsweisen mit der Welt an die Nachkommenden in der Hoffnung auf die Verstetigung der Gegenwart weiter, um die Chancen der Generationen zu wahren. Daran hat jedes Erziehungswesen seinen Anteil.
Schulen vermitteln Wissen, Fähigkeiten, Kompetenzen, entwickeln Talente und Begabungen und ermöglichen im günstigen Fall Bildung, d. h. sie bringen die Schüler in die Lage, sich reflexiv in ihren Möglichkeiten zu erkennen, eigene Interessen zu entwickeln, ihr Thema zu finden, im Rahmen ihrer Talente und in Bezug auf die Chancen ihrer Welt. Gleichzeitig sind Schulen in der Regel immer noch hierarchisch organisierte Selektionsinstitutionen, die Leistung, Begabung, Verhalten bewerten und danach Lebenschancen eröffnen oder verweigern. Fragt man nach den Bezügen von Schule zur Gesellschaft, kommen, neben den angedeuteten Bildungsleistungen, rahmende Aspekte wie Konkurrenz, Angst, Anpassung und Auslese in den Blick. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass gerade die Merkmale, die die Bildungsanstalt mit ihrer gesellschaftlichen Umgebung teilt, nicht zu ihren edelsten zählen.
Wie jede Kindheit Freuden und Schrecken kennt, hält auch die Schule Heiteres und Bedrohliches bereit, was bekanntlich in Literatur, Kunst und Theater öfter Beachtung gefunden hat. Heinrich Mann beschreibt das ebenso großartig wie drastisch: „Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie – nach allen diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie heulend, und auch die Antworten, die er wusste, konnte er nicht geben, weil er heulen musste.“7
Wie dem auch heute sei, sicher waren alle Schulanstalten aller Epochen von sich überzeugt genug, die eigenen Einstellungen, Inhalte und Methoden auch künftig für tauglich zu halten. Das hat dazu beigetragen, dass sich die Schule in ihrer Form über Jahrhunderte mit einer erstaunlichen Konstanz tradierte. Johann Amos Comenius führt in seinem didaktischen Werk Orbis sensualium pictus8 die Schule und ihre Funktionen an einer erläuterten Illustration vor. Die dort gezeigten Bedingungen sind uns heute, gut 350 Jahre später, bis in Einzelheiten durchaus bekannt: Der Raum und seine Ordnung, das Lehrer-Schüler-Verhältnis, die pädagogischen „Settings“, das alltägliche Spiel um Aufmerksamkeit und Ablenkung … das Meiste scheint – bis auf die martialische Züchtigung – fast vertraut.
Das System „Schule“ reproduziert sich – ähnlich dem System „Kirche“ – trotz oder dank seiner „Aktualisierungen“ bemerkenswert gleichförmig und trägt auch heute dazu bei, gesellschaftliche Zukunft als Verstetigung der Gegenwart vorzubereiten, indem die grundlegenden Muster menschlicher Kultur – Sprache, Ethik, Ritual, Geschichte – weitergegeben werden. Diese Muster stellen das moralisch grundierte Weltwissen früherer Generationen dar. Es handelt sich, allgemein gesprochen, um Traditionsprogramme, die, geschützt vor Reflexion und Kritik, die Reproduktionsvorgänge steuern. Wesentlich sind dabei die ritualisierten Krisenstrategien im Umgang mit Veränderung. Innovationen -werden stets daraufhin geprüft, ob sie schädliche Identitätsvariationen verursachen können, die reproduktionsgefährdend sind, weil sie die notwendige Ähnlichkeit in der Überlieferungskette unterlaufen und deshalb abgewehrt werden müssen. Bekanntlich sind diese Schutzmechanismen zur Wahrung der Tradition sehr verlässlich und effektiv. Ab und zu kann aber der Innovationsdruck, die verführerische Kraft – sei es eher eine Verlockung oder eine Verheißung – so groß werden, dass das Neue nicht unterdrückt werden kann und daher ins System – Curriculum – integriert werden muss. In solchen Situationen schlägt die Stunde der Ideologen, die zeigen, wie durch einen flexiblen, plastischen Umgang mit Traditionen, ethische Positionen bewahrt werden können, indem sie erklären, warum die Neuigkeit keine sei, und durch welche früheren Entwicklungen sie eigentlich längst integraler Bestandteil des Programms ist.
Es lohnt jedenfalls, solche Verarbeitungsprozeduren innerhalb bestehender kultureller Gefüge zu beobachten.
Vermutlich überflüssig zu erwähnen, dass die Abneigung, ja Missachtung des Neuen viel mit der christlichen Grundierung unserer Kultur zu tun hat, die die Welt insgesamt, im Sinne der Genesis, als per se vollkommene Schöpfung Gottes beschreibt, die der Mensch nachträglich nur beschädigen kann. In dieser Logik ist es ausgeschlossen, dass Menschen in die Lage kommen, die idealen göttlichen Vorgaben zu verbessern, sie führen ausnahmslos Verschlechterungen herbei. Diese wohlbekannte, vorsorgliche Ablehnung jeglicher Neuerung wird in bestimmten geschichtlichen Momenten umgangen oder außer Kraft gesetzt. Beim vielleicht bekanntesten Beispiel dürften wenige Andeutungen zur Illustration des Gedankens genügen. Das Zeitalter der Renaissance integrierte im Schutz einer Rückbesinnung auf die Antike neue Erkenntnisse der aufkommenden Wissenschaften – Anatomie, Astronomie, Geometrie, Geschichte, Perspektive, eine empirische Naturkunde – ins Weltbild. Dabei ging es um nichts weniger, als die neophobe Radikalität des Mittelalters zu unterlaufen und ein neophiles, innovationsfreundliches Element ins Denken der Neuzeit aufzunehmen.
Eine kurze Bemerkung zu den Sachen. Neben der kulturellen Software und ihrem Transport dürfen die Dinge und ihr Gebrauch als Kulturspeicher und materialisierte Vermittler nicht vergessen werden. Neue Werkzeuge oder auch weiterentwickelte Apparate erzeugen im Übergang vom Mittel zum Medium, also im Gebrauch, unweigerlich Varianten der Kultur, indem sie Lebensverhältnisse ändern. Mittel – Bilder, Schriften, Fernseher oder Fernsprecher –, die eine gewisse Verbreitung gefunden haben, erzeugen im Umgang eine Praxis, die eine Änderung der Lebensgewohnheiten somit eine Modifikation der Kultur bewirken. Diese welt- und lebensgestaltenden Funktionen lassen aus Mitteln Medien werden. Ist das Medium technisch überholt, verschwindet es aus den Nutzungszusammenhängen, es wird aus dem Verkehr gezogen, stillgelegt und ist nun wieder bloßes Mittel und von historischem Interesse. Bilder aus dem Bauernkrieg interessieren heute unter ästhetischen Aspekten, weniger unter politischen. Das schwarze Wählscheibentelefon, als historisch gewordene Technik der Vergangenheit, repräsentiert ein vergangenes Medium. Diese Entwicklung vom Mittel zum Medium und wieder zurück zum Mittel ist an Computern am deutlichsten zu beobachten. Durch die diskreten Dinge wird, was die Institutionen vermitteln, in konkreten Lebensumständen und -praxen geprüft, kommentiert und bestätigt oder eben widerlegt und ersetzt.
Um abschließend die Eingangsfrage zu modifizieren: Kann Schule für ein Leben in einer unabsehbaren, unbekannten Zukunft, einen tragfähigen Grund legen? Ich meine, am ehesten, indem sie Kommunikationsfähigkeiten in Wort und Bild trainiert, allgemeine Grundkenntnisse über diese Welt vermittelt und dabei vor allem menschliche Qualitäten, wie Offenheit und Toleranz, ein feines Gespür für Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit, stete Neugier verbunden mit einer wachen, kritischen Haltung besonders den bequemen Selbstverständlichkeiten gegenüber, als Grundlagen einer menschlichen Kultur entwickelt.
Diese kleine Zusammenstellung, die die Atmosphäre, Reichweite und Tendenz des Gedankens mehr illustrieren als umreißen soll, rührt hoffentlich neben gegenwärtigen auch an zukünftige Verbindlichkeiten.
1.) Smashing Pumpkins, Das Stück „Perfect“ wurde am 31.10.2006 freigegeben als vierter Titel auf dem Album Greatest Hits.
2.) Bertholt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt 1971, S. 13.
3.) Boris Groys, Politik der Unsterblichkeit. München/Wien 2002, S. 27.
4.) Aleksandr R. Lurija, Das Gehirn in Aktion: Einführung in die Neuropsychologie. Hamburg 1992 [1973]. Neuerdings wieder zitiert bei: Dirk Baecker, Neurosoziologie. Ein Versuch. Berlin 2014, S. 11ff.
5.) Francesco Del Cossa, Verkündigung, 1470/72.
6.) Auch wer in den Tag hinein lebt, lebt weiter, er ist wohl selten seines Glückes Schmied, aber auch die Vermeidung von Entscheidungen kann den Gang der Dinge charakterisieren.
7.) Heinrich Mann, Der Untertan, 1914.
8.) Johann Amos Comenius, Orbis sensualium pictus, 1658, XCVII.
2) I HAVE IT. AND YOU CAN HAVE IT TOO. THEN WE BOTH MADE IT.
Wir leben häufig in bewussten Prozessen. Das System unserer Bewegungen ist der maßgebende Wert im Leben und seine fortlaufende Schöpfung ist immer das nächste Trittbrett. Die Mitfahrt ist stets erlaubt. Ein Mitwirken des Einzelnen im Getriebe kann gezielt dafür sorgen dass wir schneller, sicherer und vollständiger am Ziel angelangen.
3) EVERY MOMENT AN ANNIVERSARY (UNTIL WE SAY STOP).
Standorte sind zum Wechseln da. Es braucht keine Eile, da Zeit genossen; keine Gedanken über sekundengenaue Taktung und mehr Flexibilität im Countdown bitte. Jede Halbwertszeit verliert ihre Bedeutung durch das Makroskop der Gegenwart. Wir nutzen, was wir brauchen.
4) NO MATTER WHAT: NOW.
Es gibt keine lebenslange Garantie auf bedingungslose Zielsicherheit. Wir leben online und brauchen frische Updates. Jeder hat Zugang. Es braucht kein Zurück, weil alles im Begriff ist, ständig im Kontinuum verfügbar zu sein. Wofür wir und alles (mit-)bestimmt ist, kann sich zeigen (muss aber nicht).
5) FREQUENTLY ASK QUESTIONS.
Wir wollen einbezogen sein, was uns und diese Welt betrifft. Wir müssen keine Fragen stellen, deren Antworten bekannt sind. Aber wir könnten. Früher oder später folgt natürlich einem Impuls eine Resonanz. Wir wissen jedenfalls, wann/wenn es laut und gut war.
6) RECYCLE IF POSSIBLE.
Tradition darf keine Dauerbaustelle im Netzwerk sein – weder ihre Renovierung noch ihr Abriss. Sie kann dauerhaft den Motor schmieren und damit das Übersetzen der Energien medialisieren. Blinde Konformität erzeugt scheinbar einen antiquierten Klang, der konsumiert werden kann. Wir setzen uns damit auseinander und finden heraus, wohin wir damit gelangen können.
7) THE OCCUPY WALL STREETS AGENCY.
Oder besser: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wenn es eine globale Parade gibt, werden wir tanzen. Die Quelle ist jedem zugänglich. Jedem sein Aggregat. Der Basar ist eröffnet.
8) JUST CLICKED IT.
Es kann sein, dass sich jemand nur verklickt hat.
Fragen:
1) Wer nimmt Teil an meinem zukünftigen Kunstunterricht?
2) Wieviel Beweglichkeit brauche ich für meinen Kunstunterricht? Wie viel Beweglichkeit brauchen meine KollegInnen? Wie viel Beweglichkeit braucht das Fach?
3) Wie gegenwärtig ist aktuelle Kunstpädagogik?
4) Wie lehre ich beständig Wandel?
5) Wer stellt die Fragen?
6)
7) Wo sind die open art educational ressources?
8) Ist das Kunst oder Junk-Mail/Spam/Trash?
1.) Terra incognita bezieht sich hier auf ein am Institut LGK HGK FHNW laufendes Projekt zum Zeichnen im Bildnerischen Gestalten, Sek II, siehe www.kunst-mobil.ch [4.1.2015]
2.) Wenn hier auch nicht weiter auf das kunstpädagogische Symposium -Zeichnen als Erkenntnis eingegangen wird, sei zumindest auf die Website verwiesen: www.zeichnen-als-erkenntnis.eu [10.3.2014]
3.) Zu Bourdieus Auseinandersetzung mit Panofsky siehe: Heinz Abels, „Die Zeit wieder in Gang bringen. Soziologische Anmerkungen zu einer unterstellten Wirkungsgeschichte der Ikonologie von Erwin Panofsky“, in: Bruno Reudenbach (Hg.), Erwin Panofsky. Beiträge des Symposiums Hamburg 1992, Berlin 1994, S. 21–22. Weiterführend hierzu siehe: Beate Florenz, „Kunstvermittlung: Eine epistemische Praxis“, in: Flavia Caviezel, et al. (Hg.), Einblicke in Forschungspraktiken der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Zürich 2013, S. 41–46.
4.) Erwin Panofsky, Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. Köln 1996. Ekkehard Kaemmerling (Hg.), Ikonographie und Ikonologie: Theorien – Entwicklung – Probleme. Köln 1994.
5.) Raymond Klibansky, Saturn und Melancholie: Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt/M. 1990.
6.) Albrecht Dürer, Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt in Linien, ebnen unnd gantzen corporen [Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit in Linien, Ebenen und ganzen Corporen]. Unterschneidheim 1972 [1525].
7.) So der Holzschnitt: Albrecht Dürer, „Zeichner, der einen liegenden Akt zeichnet“, um 1527 entstanden, 7,6 x 11,2 cm, Berlin, Staatliche Museen, Kupferstichkabinett.
8.) Jeff Wall, „Adrian Walker, artist, drawing from a specimen in a laboratory in the Dept. of Anatomy at the University of British Columbia, Vancouver“, Diapositiv im Leuchtkasten, 1992, 3 Abzüge + 1 Künstlerabzug, 119 x 164 cm.
9.) Siehe Max Imdahl, „Cézanne – Braque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen“ (1974), in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Gottfried Boehm, Frankfurt/M. 1996, S. 303–380. Imdahl erarbeitet ikonisches Denken in diesem Text an Malerei und Zeichnungen.
10.) Siehe Max Imdahl, „Zu einer Zeichnung von Norbert Kricke“ (1988), in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Angeli Janhsen-Vukicevic, Frankfurt/M. 1996, S. 539–546.
11.) Zur künstlerischen Forschung siehe insbesondere: Elke Bippus (Hg.), Kunst des Forschens: Praxis eines ästhetischen Denkens, Zürich 2009; Corina Caduff et al. (Hg.), Kunst und künstlerische Forschung, Zürich 2010, Isabelle Graw (Hg.), Artistic research, Berlin 2010.
12.) Auf der dOCUMENTA (13) war die folgende Arbeit zu sehen: Tacita Dean, „Fatigues“, 2012, Chalk on blackboard, 230 x 1110 cm; 230 x 557 cm; 230 x 744 cm; 230 x 1110 cm; 230 x 557 cm; 230 x 615 cm. Siehe auch: www.frithstreetgallery.com/works/view/fatigues [2.11.2014] sowie den Katalog: Theodora Vischer, Isabel Friedli (Hg.), Tacita Dean, Analogue: Zeichnungen 1991–2006, Göttingen 2006.
13.) Siehe zu diesen Arbeiten Khedooris: Toba Khedoori: Gezeichnete Bilder (Ausst.kat.), mit Textbeiträgen von Lane Relyea und Hans Rudolf Reust. Basel 2001.
14.) Siehe: Fanni Fetzer (Hg.), Kateřina Šedá. Talk to the sky ’cause the ground ain’t listening (Ausst.kat.), Luzern 2012. Sowie, zu „over and over“: Kateřina Šedá, Over and over, Zürich 2010.
TM: Herr Demand, Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Die Invasion der Barbaren“. Wer sind die Barbaren? Was wird durch deren Invasion bedroht?
CD: Einem sehr alten und noch immer populären historiografischen Erklärungsmodell zufolge fiel das stolze Römische Reich mit all seinen zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften einer Invasion kulturloser Barbaren zum Opfer. Es wäre allerdings – das ist die eigentliche Pointe der Geschichte – nie dazu gekommen, hätten die dekadenten Römer ihrem Untergang nicht durch die eigene barbarische Kulturlosigkeit aktiv entgegengearbeitet. Ein ganz ähnliches Szenario wird aufgerufen, wenn im deutschen Sprachraum öffentlich über Kultur debattiert wird. Ob Theaterkultur, Museumskultur, Kulturerbe, Buchkultur, Baukultur – die -Paraderolle von Kultur im öffentlichen Diskurs ist die des Opfers, das durch banausische Politiker, sparwütige Verwalter und das Desinteresse der kunstfernen Masse massiv in seiner Existenz bedroht ist. (Feuilletons und Kulturredaktionen widmen einen erheblichen Teil ihres publizistischen Outputs der Bewirtschaftung dieses leicht abrufbaren Erregungspotenzials – das letzte Beispiel dafür war der mediale Aufschrei der Empörung, den im November 2014 der Verkauf zweier Warhol–Arbeiten durch das Land Nordrhein-Westfalen auslöste.)
Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die öffentlichen Kulturetats realiter auf einem traumhaften Niveau sind und man in Deutschland, sofern man es nur intelligent genug anpackt, Künstlerkarrieren fast ausschließlich aus öffentlichen Preisen und Stipendien bestreiten kann. Von einer Bedrohung kann also nur sehr bedingt die Rede sein. Der apokalyptische Ton scheint mir deshalb vor allem eine – vielfach erfolgreiche – Strategie der Bestandswahrung anzuzeigen, die das mühselige Geschäft der Auseinandersetzung mit Kritik und Konkurrenz entbehrlich machen soll. Diesen Verdacht versuche ich in dem Band anhand einiger konkreter Beispiele zu erhärten.
Gibt es sinnvolle Gegenentwürfe zu den Untergangs- und Verfallszenarien der Kultur?
Ich würde nicht so weit gehen wollen, die Rede von -Untergang und Verfall per se für sinnlos zu erklären. -Natürlich gehen Künste unter (die Karriereaussichten etwa für Vedutenmaler und Grotteure waren vor 250 Jahren deutlich rosiger als heute); natürlich verfallen bestimmte Kulturtechniken (das Lautenspiel gehörte einst ebenso zum Pflichtprogramm des gentiluomo wie das Fechten und der höfische Tanz); natürlich verblassen Bildungsbestände (auch in dezidiert kulturaffinen Milieus nimmt die Vertrautheit mit antiker Mythologie und biblischen Stoffen zunehmend ab). Man mag das im Einzelfall bedauern oder auch nicht, je nachdem, wie man die kulturellen Alternativangebote bewertet, die stattdessen reüssieren. Wogegen ich mich wehre, ist die Pauschalität und Eindimensionalität der rituellen Untergangsrhetorik, die Selbstverständlichkeit, mit der dabei unterstellt wird, dass das zarte Pflänzchen der Kultur von der sie allseits umgebenden Barbarei der Unkultur bedroht sei.
Wenn man nur einmal nüchtern den erstaunlichen Umfang öffentlicher und halböffentlicher Kulturförderung betrachtet – in Deutschland gibt es beispielsweise an die 6.300 Museen, von denen die wenigsten ohne finanzielle Zuwendungen überleben könnten – und sich vergegenwärtigt, auf welch ungeheuren publizistischen Resonanzraum Kulturthemen hierzulande stoßen, erscheint der ständige Alarmismus doch reichlich dubios. Tatsächlich ist Kultur in saturierten Gesellschaften wie der unseren doch vor allem durch andere Kultur bedroht. Mit der ungeheuren Dynamik, mit der sich der Kulturbegriff stetig erweitert, kann Kulturförderung nämlich schlichtweg nicht mithalten. Wo über Barbarisierung geklagt wird, geht es in Wahrheit also meist um Probleme kultureller Selbst-Kannibalisierung. Ein erster Gegenentwurf zur Apokalypse bestünde darin, sich dies ehrlich einzugestehen.
Ein Essay Ihres Buchs thematisiert die Institution Museum als „Wir-Maschine“. Sie legen nahe, dass „kulturelles Erbe“ als Sozial-Klebstoff funktioniert. Kann man das so sagen? Was bedeutet das in Zeiten kultureller Globalisierung?
Kulturerbe wird gern als eine Art sozialer Superkleber verkauft, dessen natürliche Bindungskraft die Spannungen und Konflikte der sozialen Welt auf wunderbare Weise neutralisiert. Diese integrative Utopie blendet aus, dass soziale Bindungen so gut wie nie alternativlos sind – keine Identität ist absolut, keine Gemeinschaft versteht sich von selbst, wir haben immer eine Wahl. Das gilt selbstverständlich auch für kulturelle Erbengemeinschaften. Auch sie sind nicht einfach unproblematisch gegeben, sondern werden von konkreten Personen in Hinblick auf konkrete Interessen und Ziele definiert, die sehr wohl mit den Interessen und Zielen anderer in Konflikt stehen können.
In dem angesprochenen Essay habe ich versucht, das am Beispiel des Musée des Monuments français zu zeigen. Es wurde 1795 gegründet, unmittelbar nach der blutigsten Phase der Französischen Revolution. Seine Sammlung bestand aus Skulpturen, Gemälden, Grabmalen aus kirchlichem und adligem Besitz. Das Museum war von seinen kunstsinnigen revolutionären Gründern in lauterster Absicht als Schutzraum konzipiert worden, um die Werke vor Plünderungen und -Bilderstürmen zu retten. Im musealen Kontext verwandelten sie sich in vermeintlich unpolitisches (oder -genauer: in politische Differenzen vermeintlich problemlos transzendierendes) „kulturelles Erbe“.
Tatsächlich aber war das „WIR“, in dessen Namen die Rekontextualisierung vorgenommen wurde, alles andere als eine politisch unstrittige Größe. Die meisten der Objekte – darunter, so viel zum Thema Barbarei, auch Teile der in Saint-Denis auf Anordnung der Nationalversammlung geschändeten Königsgräber – hatten zuvor mehr oder weniger offensichtlich die Monarchie beziehungsweise die Einheit von Monarchie und Kirche repräsentiert. Als museales Erbe der (revolutionären) Nation oder gar der Menschheit (deren Vertretung die Revolutionäre unter Berufung auf die von Ihnen vertretenen Ideale für sich in Anspruch nahmen) verwandelten sie sich nun in ästhetische Objekte.
Kein Wunder, dass das Museum nach der Restauration unverzüglich wieder geschlossen wurde und die Stücke an die Besitzer restituiert wurden. Ich hielte es deshalb für naiv, zu glauben, in Zeiten kultureller Globalisierung könnten aus Museen auch globale soziale Bindekräfte erwachsen. Das Gegenteil, also die Vermehrung konkurrierender Akteure und Ansprüche, scheint mir deutlich wahrscheinlicher.
Dem kulturellen Erbe wird – fast fraglos – grundsätzlich großer Wert zugesprochen. War früher alles besser?
Die Wertschätzung hat meines Erachtens weniger mit der Vorstellung zu tun, früher sei alles besser gewesen, als vielmehr mit der Hoffnung, aus der Vergangenheit ließen sich ohne Weiteres verbindliche Verhaltensanweisungen für die Gegenwart ableiten. Leider ist das ein Trugschluss. Man muss nur an die scharfen öffentlichen Auseinandersetzungen um die Gründung des Deutschen Historischen Museums unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls denken, die im Schatten des Historikerstreits geführt wurden. Damals wurde von den streitenden Parteien monatelang darum gerungen, was aus der unendlichen Fülle der aus der Vergangenheit erhaltenen Objekte zum legitimen kulturellen Erbe der Deutschen gehört und was nicht. Damit aber stand zugleich zur Diskussion, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir den Kollektivsingular „die Deutschen“ benutzen und wie „die Geschichte“ auszusehen hat, die von diesem Kollektiv erzählt werden soll. Für solche Identitätsbildungsprozesse ist kulturelles Erbe zweifellos von großer Bedeutung. Aber wie gesagt: Was unter welchen Umständen und aus welchen Gründen jeweils unter diese Rubrik fällt, ergibt sich nicht einfach aus der Vergangenheit, sondern muss in der Gegenwart mühsam ausgehandelt werden.
Das Buch, in dessen Kontext wir dieses Interview führen, trägt den Titel „What’s Next?“ Wird morgen alles besser?
Da bin ich eindeutig überfragt.
Sie haben als Professor für Kunstgeschichte in Nürnberg gelehrt und sind heute (u. a.) als Herausgeber der Kulturzeitschrift „Merkur“ tätig. Als Kunsthistoriker waren Sie – verkürzt gesagt – zuständig für die Tradition, dafür dass das kulturelle Erbe durch die Zeit transportiert wird. Als Essayist und Merkur-Herausgeber sind Sie eher in der Rolle des Kritikers. Sie agieren in der Aktualität, mischen sich ein, intervenieren, schaffen Kontexte, provozieren damit den Streit unter den Zeitgenossen. Das wäre zugespitzt die Position des – wie Heinz Bude formuliert – „intellektuellen Markts“ gegenüber der „Verwaltung des Pantheons“. Stimmen Sie zu? Was ist für Sie Kritik?
Ich bin schon mit dem Singular „Tradition“ nicht glücklich. Wenn ich als Kunsthistoriker etwas gelernt habe, dann, dass auch Tradition – analog zu „kulturellem Erbe“ – keine unproblematische Größe ist. Traditionen existieren nicht in dem Sinn, in dem die Gemälde oder ästhetischen Schriften existieren, die ihnen zugerechnet werden. Eine Tradition findet man nicht einfach vor, Tradition ist etwas, zu dem man sich aktiv bekennt. Man konstruiert und affirmiert sie, indem man Geschichten über sie erzählt und öffentlich vorführt, was es heißt, sich dieser Tradition (und keiner anderen) verbunden zu fühlen.
Ein anschauliches Beispiel aus dem Gebiet der Volkskultur sind die traditionellen bayerischen Trachten. Wenn man heute die Vorführungen von Trachtenvereinen besucht, möchte man meinen, dass hier eine Tradition unverfälscht bewahrt worden sei, die ansonsten verloren gegangen wäre. Tatsächlich wurden die meisten Trachten aber unter der Regentschaft von König Maximilian II., der die Monarchie bedroht glaubte, von behördlich bestallten Identitätsbildungsfachleuten erfunden. Die vermeintlich glücklich bewahrte Tradition ist also in Wahrheit das nachhaltig erfolgreiche Ergebnis einer gemeinschaftsbildenden Maßnahme von oben. Noch einmal: Tradition ist nichts, das jemals selbstverständlich vorläge, schon gar nicht im Singular. Tradition ist, was jemand (oder auch ein Kollektiv) gegen den Widerstand alternativer Traditionsentwürfe erfolgreich dazu erklärt. Da die Differenzen darüber immer wieder neu ausgefochten werden müssen, sehe ich keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Arbeit des Historikers und der des Publizisten und Kritikers.
Sie gelten als „Spötter der Kunstreligion“ und wenden sich gegen die historisch und aktuell weit verbreitete Überhöhung von Kunst und Kultur – auch im expliziten Hinblick auf entsprechende Positionen der (deutschen) Kunstpädagogik. Lässt sich die Welt doch nicht durch die Verkoppelung von Kunst und Pädagogik retten?
Ich bezweifle in der Tat, dass aus dem Joint Venture von Kunst und Pädagogik – Zeichen- und Werkunterricht ausdrücklich ausgenommen – je etwas Nach-haltigeres hervorgegangen ist als Lobbyarbeit für Museumspä-dagogik und verwandte Berufe. Angesichts der voll-mundigen und zugleich noch immer unerfüllten Versprech-ungen, die mit dem Unternehmen von -Beginn an verbunden waren – man denke nur an -Friedrich -Schillers emphatische Apologie der ästhe-tischen Erziehung –, sehe ich die Beweislast dafür aber auch nicht auf meiner Seite.
Sie sind aufgewachsen in einer Familie, in der Kunst eine vermutlich große Rolle gespielt hat. Ihre Eltern waren beide Kunstpädagogen. Es ist anzunehmen, dass Sie hier eine besondere Vorbildung hatten. Gleichzeitig fällt auf, dass Sie ganz offenbar vielfach ästhetisch begabt sind. Sie haben Philosophie studiert und Kunstwissenschaft, Sie waren professioneller Musiker, Hörfunkjournalist, Professor für Kunstgeschichte, Essayist, Herausgeber einer bedeutenden Kulturzeitschrift … Macht Kunst doch klug?
Ich würde niemals behaupten, dass man von der Auseinandersetzung mit Kunst, sei sie theoretisch oder auch praktisch, nicht profitieren könne. Ich persönlich habe sogar sehr davon profitiert, wobei ich allerdings weniger an meinen beruflichen Werdegang denke. Viel wichtiger war für mich, dass ich in meinem Elternhaus ein leidenschaftliches Interesse für unterschiedlichste Gestaltungsfragen entwickelt habe, das mein späteres Leben ausgesprochen bereichert hat. Ob Kunst klüger (oder auch tugendhafter, liebenswerter, sensibler etc.) macht als Mathematik, Sport, unternehmerisches Handeln, Verwaltungsrecht oder auch Wissenschaft, bezweifle ich allerdings nachdrücklich.
In Ihrem Essay über die „Kunstpädagogik im -Höhenrausch“ empfehlen Sie, die Kunstpädagogik solle sich wieder auf ihr „Kerngeschäft“ konzentrieren. Was ist das Kerngeschäft der Kunstpäda-gogik?
Die institutionell organisierte Kunstpädagogik begann in Deutschland um die Wende zum 20. Jahrhundert als Versuch, möglichst viele Menschen aus möglichst vielen Schichten durch praktische Anleitung mit einer Reihe von bildnerischen Kulturtechniken vertraut zu machen, die deshalb als universal galten, weil sie bis dahin über Jahrtausende hinweg nicht nur für die Bildende Kunst im engeren Sinn, sondern für die formale Gestaltung der gesamten materiellen Wirklichkeit vom Schlösserbau bis zum Nachttopfdesign zentral gewesen waren: Zeichnen und Modellieren nach der Natur oder auch nach beispielhaften Vorbildern, aber ebenso Schnitzen, Kolorieren, Ornamentieren etc.
Heute ist die Disziplin hingegen überwiegend auf zeitgenössische (Museums-)Kunst fixiert und zwar ausgerechnet auf Spielarten, die sich von solchen -Techniken zugunsten konzeptueller Verfahren weitgehend gelöst haben, dass sie diesen Teil ihrer Geschichte nicht länger als verpflichtendes Erbe betrachtet. Meines Erachtens wäre hier ein Schritt zurück ein Schritt nach vorn.
Der aktuellen Kunst können Sie aus (imaginierter) pädagogischer Perspektive gar nichts abgewinnen?
Das habe ich nicht gesagt. Eine Kunstpädagogik, die sich nicht mit der Kunst ihrer Zeit auseinandersetzte, wäre eine traurige Veranstaltung. Noch trauriger aber wäre es, wollte man die Disziplin zentral auf die Beschäftigung mit konzeptuellen Kunststrategien ausrichten (und es gibt ja längst Stimmen aus dem Fach, die mit vollem Ernst dafür plädieren, den kunstpädagogischen Unterricht schon in der Grundschule daran zu orientieren). Natürlich schmeichelt ein Berufsprofil, das auf den klassischen Zeichen- und Werkunterricht hin ausgerichtet ist, dem Selbstbild weniger als die Aussicht, als diskursiv beschlagene(r) Exeget(in) abgefeimter Kunsthallenkuratorenstrategien wahrgenommen zu werden. Aber man kann eine Disziplin nun einmal schlecht nach Imagewünschen modellieren, zumal dann, wenn sachlich so wenig dafür spricht.
Zeichnen, Modellieren, Kolorieren etc. sind schließlich nicht schon deshalb antiquarisch, weil sie in bestimmten Segmenten des zeitgenössischen Kunstbetriebs keine große Rolle mehr spielen. Es handelt sich dabei nach wie vor um erstaunlich universale Kulturtechniken. Sie sind allerdings auch pädagogisch ausgesprochen anspruchsvoll. Man muss sehr viel Zeit aufwenden (und sollte zugleich möglichst früh damit beginnen), um sie auch nur einigermaßen erlernen zu können, und das gilt um so mehr, je weniger natürliche Begabung jemand dafür mitbringt. Andernfalls bleibt es bei bloßem Kritzeln, Kneten und Pinseln, bei Beschäftigungen also, die ihre eigenen Glücksmomente abwerfen mögen, zu deren Anleitung aber ganz sicher keine ambitionierte pädagogische Ausbildung erforderlich ist.
Im Hinblick auf das „Kerngeschäft“ der Kunstpädagogik und den Titel dieses Buchs: What’s Next?
Ich weiß es noch immer nicht (siehe oben).
1.) Christian Demand, Die Invasion der Barbaren. Warum ist Kultur eigentlich immer bedroht? Springe 2014.
]]>1.
Der Remodernismus nimmt die ursprünglichen Prinzipien des Modernismus und bringt sie wieder zur Anwendung. Das Hauptaugenmerk liegt auf Vision anstelle von Formalismus.
2.
Der Remodernismus schließt eher ein als aus. Er heißt Künstler willkommen, die sich selbst erkennen und finden wollen mithilfe künstlerischer Prozesse, welche danach streben zu verbinden und einzuschließen, anstatt sich zu entfremden und auszuschließen. Der Remodernismus erhält die spirituelle Vision der Gründerväter des Modernismus aufrecht und respektiert den Mut und die Integrität, mit der sie sich den Leiden der menschlichen Seele gestellt haben und diese mit einer neuen Kunst zum Ausdruck gebracht haben, einer Kunst, die keinem religiösen oder politischen Dogma mehr unterlag und die danach strebte, dem ganzen Spektrum der menschlichen Psyche Ausdruck zu verleihen.
3.
Der Remodernismus verwirft und ersetzt den Post-Modernismus, da dieser weder in der Lage war, sich mit den elementaren Fragen nach der Bedeutung des Menschseins auseinanderzusetzten, noch Antworten auf diese zu geben.
4.
Der Remodernismus verkörpert spirituelle Tiefe und Bedeutung und beendet ein Zeitalter bestehend aus wissenschaftlichem Materialismus, Nihilismus und spirituellem Bankrott.
5.
Wir brauchen nicht noch mehr dämliche, langweilige, hirnlose Zerstörung der Konvention, wir brauchen nichts Neues sondern Beständiges. Wir brauchen eine Kunst, die Körper und Seele mit einbezieht, die die Prinzipien anerkennt, mithilfe derer Weisheit und Einsicht im Laufe der Geschichte der Menschheit am Leben erhalten wurden. Dies ist die wahre Aufgabe der Tradition.
6.
Der Modernismus hat sein Potential nie erfüllt. Es ist sinnlos ‚post-‘ irgendetwas zu sein, wenn man noch nicht einmal ‚etwas‘ gewesen ist.
7.
Spiritualität ist die Reise der Seele auf Erden. Ihr allererstes Prinzip ist eine Absichtserklärung der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Wahrheit ist wie sie ist, unabhängig davon, wie wir sie gerne hätten.
Ein spiritueller Künstler zu sein bedeutet, sich ohne wenn und aber unseren Projektionen zu stellen, den guten und den schlechten, den ansprechenden und den grotesken, unseren Stärken und unseren Schwächen, um uns selbst und dadurch unsere wahre Beziehung zu Anderen und unsere Verbindung zum Göttlichen zu erkennen.
8.
Bei spiritueller Kunst geht es nicht um ein Märchenland. Es geht darum, die raue Oberflächenstruktur des Lebens zu greifen. Es geht darum, sich den Schatten zu stellen und sich mit wilden Hunden anzufreunden. Spiritualität ist die Erkenntnis, dass alles im Leben einem höheren Zweck dient.
9.
Spirituelle Kunst ist keine Religion. Spiritualität ist das Streben der Menschheit, sich selbst zu verstehen und durch die Klarheit und Integrität ihrer Künstler zu Ihrer Symbolik zu gelangen.
10.
Das Erschaffen von wahrer Kunst ist das Verlangen des Menschen, mit sich selbst, seinen Mitmenschen und seinem Gott zu kommunizieren. Kunst, die diese Themen außer Acht lässt, ist keine Kunst.
11.
Es sollte angemerkt werden, dass die künstlerische Technik von der Vision des Künstlers diktiert wird. Sie ist nur in dem Maße notwendig, wie sie dieser entspricht.
12.
Die Aufgabe der Remodernisten ist es, Gott zurück in die Kunst zu bringen, aber nicht so, wie Gott vorher war. Der Remodernismus ist keine Religion, aber wir erachten es als unerlässlich, den Enthusiasmus wiederzuerlangen (vom griechischen en theos, von Gott besessen sein).
13.
Wahre Kunst ist sichtbare Manifestation, Beweis und Wegbegleiter der Reise der Seele. Spirituelle Kunst bedeutet nicht, Madonnas oder Buddhas zu malen. Spirituelle Kunst ist das Malen von Dingen, die die Seele des Künstlers berühren. Spirituelle Kunst schaut oft nicht sehr spirituell aus, sie sieht so aus wie alles andere, weil in der Spiritualität alles andere enthalten ist.
14.
Wieso brauchen wir eine neue Spiritualität in der Kunst? Weil mit anderen auf bedeutsame Art und Weise in Verbindung zu treten die Menschen glücklich macht. Verstanden zu werden und sich gegenseitig zu verstehen macht das Leben lebenswert.
Zusammenfassung:
Jedem, der sich in einer ungestörten mentalen Verfassung befindet, ist klar, dass das, was heute ziemlich ernsthaft von der regierenden Elite als Kunst herausgegeben wird, den Beweis erbringt, dass die scheinbar rationale Entwicklung eines Ideengerüsts gänzlich danebengegangen ist. Der Modernismus basiert auf gültigen Prinzipien, aber die jetzt aus ihm gezogenen Schlussfolgerungen sind absurd.
Wir machen auf dieses Fehlen von Bedeutung aufmerksam, damit eine kohärente Kunst erreicht und dieses Ungleichgewicht ausgeglichen werden kann.
Es gibt keinen Zweifel, dass es eine spirituelle Renaissance in der Kunst geben wird, da es für die Kunst keinen anderen Weg geben kann. Es ist die Aufgabe des Stuckismus diese spirituelle Renaissance jetzt einzuleiten.
Übersetzung: Frank Christopher Schröder
Billy Childish, Charles Thomson
1. March 2000
Wiederabdruck:
Das Manifest erschien unter http://www.stuckism.com/Manifestos/RemodernismGerman.html [29.4.2013].
Wiederabdruck
Dieser Text war das Vortragsmanuskript „Das Unbehagen an der globalen Kultur“, ZHdK Lectures on Global Culture an der Zürcher Hochschule der Künste, 8. April 2013.
1.) The Family of Man: the Greatest Exhibition of All Time – 503 Pictures from 68 Countries – Created by Edward Steichen for the Museum of Modern Art, Ausst.kat. Museum of Modern Art, New York1955.
2.) Barthes, Roland: Mythen des Alltags, Frankfurt/M. 1988, S. 18.
3.) http://uepo.de/2012/02/21/unesco-alle-zwei-wochen-stirbt-eine-sprache/ [29.4.2013].
Viktor Papanek, Designer
„Keine Zukunft ohne nachhaltige Entwicklung. Keine nachhaltige Entwicklung ohne mentalen Wandel. Kein mentaler Wandel ohne (Bewusstseins-)Bildung.“
Gerhard de Haan, Erziehungswissenschaftler und Zukunftsforscher
What’s Now Design?
Designer zu sein, das ist auf den ersten Blick eine Profession innerhalb einer klassischen Disziplin. Im Zuge der industriellen Arbeitsteilung entwickelte sich ein klar umrissenes Berufsbild: die Spezialisierung auf das Entwerfen von Gebrauchsgegenständen. Der Common Sense verstand: „Ich bin Designer“ genauso gut wie: „Ich bin Ingenieur, Architekt, Arzt…“ So war das vor nicht allzu langer Zeit. Aber heute?
Im Moment werden innerhalb der Disziplin die Karten neu gemischt: Digitale Tools verändern die Gestaltungs- und Fertigungsprozesse, die Verschmelzung von Software/Hardware führt zu neuen Produkten, der OpenSource-Mindset justiert das geistige Eigentum des Entwerfers an der kreativen Allmende – der Weg in die nächste Gesellschaft, die Computergesellschaft, erschüttert in jedem Winkel alte Gewissheiten und fordert neue Herangehensweisen.
Verunsichert stellt das Entwerfer-Ego die Frage nach dem Kern seiner Tätigkeit: Bin ich ein autokratischer Erfinder? Darf ich das noch sein? Ist mir die Schwarmintelligenz überlegen? Was geben die Tools vor? Was ist mein Anteil? Bin ich schon überflüssig? Can anybody be a Designer? Kann das eigentlich jeder, Design? Nein. Gerade aufgrund von Hightech und Digitalisierung, der Fusion des Produktdesigns mit neuesten Medien in Devices, wird Design immer komplexer und vieldimensionaler in seinen Prozessen und dadurch immer schwerer zu erlernen.
Die professionellen Anforderungen vervielfältigen sich mit der Komplexität der Produkte und Prozesse. Design ist nicht mehr allein Warenästhetik und Formfindung, wie noch in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts, es inkorporiert mittlerweile auch Bereiche wie Ergonomie, Psychologie, Steuerung der Fertigungstechniken und -abläufe, Moderation von verschiedenen Fachkulturen und vieles mehr.
Derart diszipliniertes, vielseitig ausgebildetes Design ist gegenwärtig äußerst erfolgreich. Es integriert die Teile zu einem plausiblen Produkt. Design Driven Products (iPhone) bzw. Design getriebene Unternehmen (Apple) erleben derzeit ihr goldenes Zeitalter, weil sie über das Regime des Designs alle Register der Komplexität ziehen können und doch zu einem eleganten, verständlichen und damit populären Ergebnis gelangen.
Die Computerisierung erzeugt also keineswegs eine Krise der Disziplin und in der Folge einen Paradigmenwechsel, der den Einstieg für jedermann ermöglichen würde. Design, wie es heute von der professionellen Avantgarde praktiziert wird, ist eine anforderungsreiche Metadisziplin, die sich mit komplexen, hochgradig arbeitsteiligen Verfahren befasst und sie in Hinblick auf etwas Fassbares, Verständliches, letztlich Produktförmiges bündelt. Can anybody be a Designer? Surely not.
„Ist jeder Mensch ein Gestalter?“, Vielleicht doch! Denn im Deutschen weitet sich der Begriff Design: Die Verbindung mit der Profession ist nicht so zwingend, und es scheint eine andere Seite, ein anderer Schwerpunkt auf. Dazu trägt der diskursive Rahmen des europäischen (und vor allem deutschen) Designs bei, der während des gesamten 20. Jahrhunderts immer auch nichtprofessionelle, „höhere Ziele“ – politische, künstlerische und gesellschaftliche – verhandelte.
Im Anschluss an Joseph Beuys’ Bonmot „Jeder Mensch ist ein Künstler“ lässt sich die Fähigkeit zur Gestaltung als ein Grundvermögen in jedem Einzelnen interpretieren, unabhängig davon, wie weit der Weg ist, der zu seiner Kultivierung noch zurückzulegen ist. Mit einer anthropologischen Perspektive kann man noch weiter gehen: Gestalten zu können ist dann nicht nur ein latentes Vermögen, sondern ein konstant praktiziertes, fundamentales Bedürfnis nach Anpassung der Lebenswelt an die eigenen Vorstellungen – eine zentrale Kulturtechnik. Gestaltung identifiziert das Subjekt mit seiner materiellen Umwelt. Deshalb erzeugt sie selbst bei bescheidenen Erfolgen Freude und Stolz. Sie steigert die Lebensqualität und intensiviert die Selbstwahrnehmung.
Die Kultur der Gestaltung (im Gegensatz zur Profession) zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Über weite Strecken des Zivilisationsprozesses wusste jede Bauer, wie man eine Scheune baut oder einen Garten anlegt und brauchte dafür weder einen Architekten noch Landschaftsplaner. Er verfügte über tausend kleine, überschaubare Fertigkeiten zur Anpassung seiner Umwelt. Diese „kultivierten“ Fähigkeiten – von den Eltern, von anderen Bauern usw. erlernt – wurden als kulturelle Praxis namens Tradition weitergegeben.
Halten wir also als zweiten Punkt zum Stand des Designs heute fest: Es gibt eine breit aufgestellte, unbewusste, nicht elitäre Gestaltungskultur, die man normalerweise nicht auf den ersten Blick als Design wahrnimmt, die aber jeder Mensch praktiziert. Diese zweite Seite des Designs nenne ich im Weiteren Grundvermögen.
Diese beiden Betrachtungsweisen des Phänomens Design führen zu meiner ersten These: Im Laufe der Moderne gerieten Grundvermögen und Profession miteinander in Konflikt. Der Gestaltungsspielraum jedes Einzelnen wird mehr und mehr durch komplexe, fragmentierte, arbeitsteilige Design-Prozesse ersetzt. Diese Prozesse generieren wiederum komplexe Artefakte (Produkte, Tools, Infrastrukturen) und damit eine immer vielschichtigere materielle Welt. Die Komplexität dieser materiellen Welt (in Prozessen und Artefakten) erzeugt die Abhängigkeit des Einzelnen von Spezialisten und Experten und schränkt seine individuellen Gestaltungsmöglichkeiten weiter ein.
Dies ist die erste Designkrise, eine Krise des gestalterischen Grundvermögens. Zunächst soll es jedoch noch um eine zweite Krise gehen, die von außen kommt und den Auftrag des Designs betrifft. Tatsächlich hängt diese zweite Krise auf eine interessante Art mit der Krise des Grundvermögens zusammen.
Die große Krise
Die große Krise betrifft das Gesamtsystem des Zusammenlebens wie es heute ökonomisch, ökologisch und sozial organisiert ist, eine Zivilisationskrise ohne historisches Beispiel. Peak Everything.
Schon 1972 fragte der Club of Rome nach den „Grenzen des Wachstums“. Seine Leitfrage lautete: „Wie kann ein dauerhaft durchhaltbares Zivilisationsmodell aussehen?“ Das Ergebnis war niederschmetternd, denn es verdeutlichte: „Nicht so wie das unsere, wenn wir den Imperativ gleiche Lebenschancen für gegenwärtige und künftige Generationen zugrunde legen.“ Hieraus wurde bereits vor 40 Jahren die Forderung nach „nachhaltiger Entwicklung“ in den Großsystemen Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft abgeleitet.
Diese bekannte Krise entwickelt gegenwärtig eine neue Virulenz: „Wir erleben jetzt das Zeitalter der Konsequenzen“, so kommentierte Al Gore den Hurricane Katrina, der 2005 die Großstadt New Orleans zerstörte. Die Konsequenzen der Krise unseres Zivilisationsmodells rücken immer näher an uns heran. Börsencrash, Arbeitslosigkeit, Ressourcenerschöpfung, Armut, Klimawandel, Ausbeutung, Koexistenzprobleme, Flucht, Krieg, all dies sind Probleme mit globaler Auswirkung, bei denen sich die ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimensionen nicht klar trennen lassen. Die Ausbeutung und Erschöpfung von Ressourcen ist gleichzeitig ein ökonomisches, soziales und ökologisches Problem.
Das heißt auch: kein Teilsystem (Politik, Wirtschaft…) kann sie mit seinen Mitteln allein lösen. Es ist also unvernünftig, nur auf die Regierung oder den Markt zu vertrauen – auch wenn man diese Akteure auf keinen Fall aus der Pflicht entlassen kann. Aber die Initiative muss zusätzlich von jedem Einzelnen und seiner individuellen Lebensführung ausgehen.
What’s Next Design?
Hier kommt das Grundvermögen als Lösungsansatz ins Spiel. Denn jeder ist prinzipiell in der Lage, kreative Möglichkeiten der Lebensgestaltung zu finden und anzuwenden, die basisdemokratisch als bottom-up zur Verbesserung der Gesamtsituation beitragen: Jeder Mensch ist ein Gestalter und kann einen Bildungsweg gehen.
Andererseits ist aus der top-down-Warte kaum eine komplexere Aufgabenstellung denkbar, als diejenige, vor die uns die große Krise stellt. Wäre es nicht unglaublich interessant für einen Designer als Komplexitätsmanager, über eine Transformation der Disziplin zum Meta-Design nachzudenken und wieder einen gesellschaftlichen Bezug herzustellen? Einen konsequenten Sprung aus der industrialisierten Professionalität in die Vermittlung zu wagen – zum Zweck, die vielen, verstreuten Grundvermögen gewissermaßen zu erziehen und zu dirigieren?
Möglicherweise ist es für uns in den postindustriellen Gesellschaften besonders einfach, gleichzeitig auf beiden Wegen in Richtung einer Lösung zu gehen, denn es gibt eine gute Ausgangsposition für das bottom-up-Handeln im Spannungsfeld der gegenwärtigen, übrigens auch krisenverursachten, gesellschaftlichen Megatrends weniger Erwerbsarbeit/weniger Geld und mehr Zeit/mehr Spielräume für Lebensgestaltung – die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ nennen das die einen, während andere darin die „Chance einer Kulturgesellschaft“ aufscheinen sehen. Darüber hinaus verfügen wir über ein großes, hart erkämpftes Kapital. Es gibt ausgezeichnete Möglichkeiten zur Bildung und Befähigung von Menschen: eine gute allgemeine Bildungslage, gut entwickelte Lerninfrastrukturen und viel gesammeltes professionelles Know-how. Im Hinblick auf einen lebensweltlich geerdeten, also praktischen Wissenstransfer könnte ein vermittlerisch gewendetes, professionelles Design in einer top-down-Mission zur Revitalisierung des Grundvermögens eine tragende Rolle spielen.
Wie müsste sich also, aus diesen Überlegungen heraus, Design angesichts der Krise neu erfinden? Zunächst: Die Revitalisierung des Grundvermögens kann jedem individuell in der Krise nützen, ganz praktisch im Sinne des kreativen Umgangs mit Ressourcenmangel und Zeitgewinn, aber auch im Sinne eines Erlebens einer neuartigen Lebensqualität jenseits von Bruttoinlandsprodukt und Wohlstandsmodell. Es kann der Allgemeinheit bei der Bewältigung der Krise helfen, weil das Wissen und die Kreativität jedes Einzelnen herausgefordert werden und darüber viele Ideen generiert werden können.
Bei dieser Neu-Erfindung sollte jedoch unbedingt der Bildungsweg in den Blick genommen werden, der hier noch zu gehen ist. Nicht das Zurück in die Selbstversorger-Mentalität früherer Zeiten weist den Weg aus der Krise, sondern die Erschließung und Demokratisierung aller Mittel und Methoden, die im Industriezeitalter im Dienste der Produktivität entwickelt wurden.
Hier ist ein großer Sprung gefragt, und daraus folgt ein großer Appell: Die Profession Design muss einen Bildungsauftrag wahrnehmen. Sie muss dem Grundvermögen ihr Know-how bereitstellen. Designer müssen zeigen und anwenden, was über Design-Denken auf der Höhe der technischen und zivilisatorischen Entwicklung erreichbar ist in Bezug auf nachhaltige Entwicklung.
Designer müssen dazu Lehrer werden, eine Hinwendung zur Forschung und Vermittlung unternehmen. Sie müssen Wege finden, ihre Fähigkeiten in ganz neuartige Anwendungsfelder einzubringen. Und sie müssen zur selben Zeit Schüler werden und sich selbst auf einen kollektiven Lernprozess einlassen.
Es geht um die Herstellung einer neuen Allianz von Profession und Grundvermögen.
Wenn die Frage ist: Was kann Design tun, wenn es für das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung eine Rolle spielen möchte? dann ist die Antwort: den Bildungsauftrag wahrnehmen, der sich aus der Krise ergibt. Und dieser lautet: Bildung für eine neue Kultur der Lebensgestaltung.
Postscriptum Ich nehme in Kauf, dass meine Ausführungen abstrakt, romantisch und utopisch klingen, aber sie erschöpfen sich nicht in Feststellungen und Forderungen. Next Design passiert bereits an ganz vielen Stellen, real, greifbar und anschlussfähig, zum Mitmachen. Einige Elemente davon sind hier zu finden: Urban Gardening, City Farms, Seed Banks zur Erhaltung von Biodiversität, FabLabs/Community-Fabbing, bottom-up organisierte Plattformen für den Wissenstransfer, Initiativen für demokratisierte Breitenbildung und zur Überbrückung des Digital Divide, Naturalienwirtschaft 2.0: Wiederverwenden, Tauschen, Leihen, Schenken
Organisation kollektiver Gestaltungprozesse, „Wunschproduktion“. Viel Spaß beim Googeln!
Wie unterscheidet sich dein Blick als Künstler auf die Gegenwartskunst von deiner Sicht als Forscher?
Eigentlich gar nicht so stark. Seit bald 20 Jahren erklärt mir zwar immer mal wieder ein Galerist, Kurator oder sonstiger Experte, dass ich mich für die eine oder andere Seite entscheiden müsse. Aber a) gibt es nicht nur zwei Seiten und b) ergeben mehrere Perspektiven auch mehr Dimensionen und Komplexität. Mit einer gezielten Tiefenbohrung käme man vermutlich schneller zum sogenannten Ziel. Ich bin aber ein Anhänger des Breitwandhorizontes und der transdisziplinären Vielstimmigkeit.
Was bedeutet das genau?
Wer Umwege geht, wird ortskundig! Je länger man unterwegs ist, desto mehr kommt alles zusammen, ergibt mehr Sinn. Natürlich ist das schizophren, aber produktiv. Künstlerische Praxis, Forschung, Lehrtätigkeit, Vermittlung, Gespräche wie dieses hier und das Leben überlagern sich bei mir ständig.
Du hast gesagt, du seiest «vergnügt» aus Kassel zurückgekommen. Warum?
Die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev hat anders als ihre drei Vorgänger weder an die postkoloniale Debatte angedockt, geopolitische Missstände aufgedeckt, noch formaltheoretische Seminare abgehalten. Auch die in der Kunst ständig wiederaufgekochten Theorien und Philosophien der Postmoderne wurden höflich verabschiedet. Man experimentiert und blickt neugierig in die Zukunft, das ist sehr erfreulich.
Konkreter?
Die documenta-Chefin pfeift auf Codes und Diskurstheorie, verschickt lieber Hundekalender, mischt scheinbar kunstferne Positionen aus Quantenphysik bis Agrarwirtschaft ins Teilnehmerfeld und versteht die documenta als Ort «kollektiven und anonymen Gemurmels». Statt Programm ist Prozess angesagt, Christov-Bakargiev fordert einen offenen, urteilsfreien Umgang und propagiert den «degrowth», eine Wachstumsrücknahme, sowie den «kognitiven Kapitalismus». Sie habe kein Konzept, kokettierte Christov-Bakargiev wiederholt – und dieser Plan geht ziemlich gut auf. Bei der «documenta 13» stehen politisches Engagement und das Laissez-faire der Natur unverkrampft nebeneinander. Zudem hatte ich noch bei keiner der vier letzten Ausgaben so sehr das Gefühl, endlich mal in Kassel zu sein und nicht auf einer x-beliebigen, globalen Biennale oder Kunstmesse.
Woran lag das?
Vielleicht an einer weiteren Tendenz der Gegenwartskunst: anstelle des ausgestellten Objektes rückt wieder vermehrt der Betrachter in den Fokus. Ein Trend, der wegführt vom Artefakt und Referenziellen, hin zum Aktionistischen, Situativen, ja vielleicht gar zum Romantischen, Auratischen und Einzigartigen. Nach 40 Jahren Video und 20 Jahren Internet hat die Gegenwartskunst eine Wende hin zum Realen und zur Natur eingeleitet. Die Erfahrung des Betrachters wird zunehmend wichtig. Und ohne nun allzu sehr Schiller und Kant zu reanimieren: Der Mensch darf endlich wieder Mensch sein.
Einen ähnlichen Turn habt ihr selbst mit eurer künstlerischen Arbeit mit Com&Com vollzogen, als ihr vor rund drei Jahren das postironische Manifest veröffentlicht habt. Um was geht es und wie kam es dazu?
Eine ironische Haltung steht seit ihrem letzten Höhepunkt in der Postmoderne nur noch dafür, Wahrheiten zu verschleiern, Problemen aus dem Weg zu gehen und jeden Schwachsinn damit zu rechtfertigen, dass es ja nicht ernstgemeint sei. Ironie verkam mehr und mehr zu einer Art Haftungsausschluss oder Fluchtmanöver angesichts jeder denkbaren Verantwortung. Ironie spielte Ende der 1990er Jahre eine wichtige Rolle in unserer Arbeit, aber wir wurden bald mal müde, ständig mit den Augen zu zwinkern, kunstvoll zu zweifeln und alles mindestens im zweiten Grad zu dekonstruieren. Viele Menschen wollen heute wieder ungebrochen, direkt und positiv bejahend durchs Leben gehen, die Dinge sehen, wie sie sind, Nähe und Emotionalität zulassend Wahrheiten suchen und Verantwortung übernehmen. Mit dem distanzierenden Gestus der Ironie ist dies nicht machbar. Postironie ist eine Haltung, ein Statement, eine Positionierung.
Wie ironisch ist das gemeint: Kann Com&Com überhaupt ohne Ironie auskommen?
Postironie heisst nicht todernst. Unsere neuen Arbeiten sind nicht komplett ironiefrei, auch der Humor bleibt, nur geht es weniger um Dekonstruktion, sondern um das aktive, neugierige Erforschen von Unbekanntem bzw. um das Zusammenbringen von verschiedenen Welten und Kontexten. Nachdem wir uns jahrelang hinter dem industriellen und oft digital hergestellten Werk verbergen konnten, nehmen wir nun selbst Stift, Pinsel oder Messer in die Hand. Für uns war «Postironie» eine Befreiung, eine Neuausrichtung unseres Kunstbegriffes, ein Paradigmenwechsel. Seit 2009 steht praktisch der gesamte Output unter diesem Verständnis, sowohl die einzelnen Kunstwerke als auch die mehrteiligen Projekte, Texte, Vermittlung etc. Zuerst war Postironie nur ein Name, eine Behauptung. Heute ist es eine gelebte Realität, auch wenn wir diese teils erst schaffen mussten. Oder mit Walter Benjamin: «Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.»
In eurem aktuellen Projekt «Bloch» reist ihr mit einem Baumstamm um die Welt. Um was geht es und wo seid ihr auf eurer Reise?
«Bloch» ist ein Projekt, das Volkskultur und zeitgenössische Kunst verbindet und auf einem alten Appenzeller Fastnachtsbrauch basiert, bei dem der letzte im Winter gefällte Fichtenstamm in einer eintägigen Prozession zwischen zwei Dörfern hin- und hergezogen und am Ende an den Meistbietenden versteigert wird. Meistens wird der Baum von Einheimischen gekauft und zu Schindeln oder zu Möbeln verarbeitet. Diesmal hat jedoch Com&Com das Bloch – so nennt man die unteren fünf astlosen Meter eines Baumes – erworben und geht mit ihm auf eine Weltreise mit Stationen auf allen Kontinenten. Nach ersten Stops in Bern und Berlin bereiten wir uns derzeit auf die Reise nach China vor, wo Bloch im Rahmen der kommenden Shanghai Biennale auftreten wird.
Einen Baum um die Welt reisen lassen? Das kann nicht die ganze Idee sein …
Der Baum ist Bindeglied und Kristallisationskern. An jedem Ort wird dann in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern eine völlig neue Bloch-Aktion entwickelt, die auf lokalen Traditionen und Bräuchen basiert. Dadurch wandelt sich der ursprüngliche Brauch und seine Bedeutung, Kulturaustausch findet statt und etwas Neues wird geschaffen. Die künstlerischen Aktionen werden teils von Gesprächen, Ausstellungen und gesellschaftlichen Veranstaltungen sowie einer Website und einem Dokumentarfilmteam begleitet.
Exportiert ihr den Brauch oder den Baum, quasi ein «Ready Made 2.0»?
Es geht nicht darum, kulturimperialistisch eine fertige Produktion oder einen bestehenden Brauch rund um den Globus zu senden, sondern einzig diesen Baum. Das alleine löst bei jedem eine eigene Assoziationskette aus. Daran können dann neue Geschichten und Dialoge andocken. «Bloch» ist ein offenes, unfertiges Werk. Wir wissen heute noch nicht, wie es in China oder in zwei Jahren aussieht. «Bloch» ist eine Einladung, eine Bühne und Experiment. Man könnte auch den Begriff «Postproduktion» verwenden: Ein durch den ursprünglichen Brauch bereits aufgeladenes Kulturobjekt wird mit Hilfe vieler weiterentwickelt. Im Zuge dieser Bedeutungsaufladung werden wir zu Kuratoren, Stichwortgebern, Regisseuren und Produzenten. «Bloch» ist eine Inszenierung mit vielen Kapiteln und einem offenen Ende. Am Ende der Tour soll das Bloch zwar wieder in die Heimat zurückkehren, eventuell stellen wir es gar wieder in den Wald, woher es kam. Vielleicht wird «Bloch» aber auch nie fertig sein, ewig reisen oder in der Antarktis verlorengehen.
Der Baumstamm wiegt rund zwei Tonnen. Was bedeutet das für eure Reise nach China?
Reisen und arbeiten mit «Bloch» entschleunigt. Es ist relativ umständlich, mit zwei Tonnen Übergewicht eine Weltreise zu planen. Da gibt es viele Probleme, von denen man teils erst an der Grenze erfährt. Fast jedes Land hat unterschiedliche Zollauflagen oder verlangt ein anderes Schädlingszertifikat, Australien lässt theoretisch gar kein Holz ins Land, das ist nun eine Herausforderung. In Europa reisten wir mit einem Anhänger und eigenem Zugfahrzeug auf der Strasse, nach Asien wird Bloch samt Anhänger im Container verschifft. Dieser Anhänger ist nun aber in China wieder nicht zugelassen usw. – Solche Prozesse formen die Arbeit unweigerlich. Und nicht selten führen logistische oder andere Zwänge zu ästhetischen Entscheidungen. So hat uns etwa die Schädlingsproblematik dazu genötigt, das Bloch zu schälen.
Ist so eine administrative Einschränkung künstlerisch produktiv?
Ja. Es gibt einen Punkt, an dem dich das Material in eine Richtung führt, die du nicht kontrollierst. Auf einem bestimmten Level macht das Ding, das du machst, dich. Selbst bei immaterieller Arbeit. Das ist gut so.
Man kann in euer «Bloch»-Projekt investieren und «Bloch Shares» kaufen. Wo seht ihr den Return on Investment?
Zu Finanzierungszwecken gründeten wir die internationale Bloch- Gesellschaft IBG und gestalteten eine auf 100 Exemplare limitierte, nummerierte und handsignierte Bloch-Kunstedition. Mit dem Erwerb erhält der Käufer ein Wert-Papier im doppelten Sinne: einerseits ein Kunstwerk von Com&Com mit dem ihm eigens zugeschriebenen Wert, andererseits einen Anteilsschein am Bloch. Wird Bloch dereinst nach seiner Weltreise verkauft, erhält der Inhaber einen Hundertstel des Verkaufserlöses. Die Kunstedition darf auch nach Auszahlung behalten werden.
So finanziert ihr auch die Weltreise des Stammes?
Nur teilweise. Die reinen Produktions- und Betriebskosten werden sich am Ende auf weit über 200 000 CHF belaufen, unsere Arbeit nicht miteingerechnet. Nicht zu vergessen die bis heute rund 40 Kollaborateure, die Bloch nicht nur mit Energie, sondern auch mit Wert aufladen. Eigentlich ist Bloch heute schon fast unbezahlbar. (lacht)
Ihr präsentiert aktuell in St. Gallen eine Auswahl eurer jüngsten Arbeiten unter dem Titel «Holzweg»: Auf welchen Holzwegen ist Com&Com unterwegs?
Holzwege sind scheinbar zufällige, von Holzfällern und Jägern geschaffene Wege im Wald, die oft unvermittelt abbrechen oder sich im Dickicht verlieren. Der Titel der Ausstellung verweist zudem auf eine Sammlung von Schriften Martin Heideggers, die uns lehren, die gewohnten Wege zu verlassen und uns auf Holzwege zu begeben, wenn wir in den Wald des Seins eindringen möchten. Es gibt eine Anekdote, wonach Martin Heidegger und Carl Friedrich von Weizsäcker auf einem Spaziergang durch den Stübenwasener Wald feststellten, dass sie sich auf einem Holzweg befinden. Erstaunt stellen sie fest, dass sie an der Stelle, an welcher der Weg endet, auf Wasser gestossen waren. Da soll Heidegger gelacht haben: «Ja, es ist der Holzweg – der führt zu den Quellen!»
Passt diese Geschichte tatsächlich zu eurer künstlerischen Arbeit?
Das «Postironische Manifest» markierte für uns einen solchen Weg ins Ungewisse, der uns letztlich zu einer Quelle führte. Ohne diesen radikalen Bruch, alles Alte hinter uns zu lassen, wären wir nie auf ein Projekt wie «Bloch» gekommen. Auch dass wir seit ein paar Jahren vermehrt mit Bäumen und Holz arbeiten, klingt im Titel an.
Verfolgt ihr eigentlich mit eurer Kunst einen bestimmten Zweck?
Persönlich glaube ich, dass Kunst autonom ist gegenüber dem praktischen Zweck. Der einzige Zweck von Kunst sollen die Aufrechterhaltung geistiger Freiheit und die Herstellung von Kommunikation sein. Dazu zähle ich auch ästhetische Erfahrung. Das Kunstwerk als Körper ermöglicht dabei eine praktische Form von Erkenntnis. Es ist aber nicht mein Ziel, die Erwartung an Kunst vollständig neu zu programmieren; das wäre nur ein Aufguss aller Avantgardevorstellungen. Mit der teile ich allerdings den Wunsch, Gewissheiten zu erschüttern.
Wie kann ich mir das konkret vorstellen?
Mich interessiert, wo ich die Bilder oder Objekte finde, die nicht nur auf eine Vergangenheit verweisen, sondern formal wie inhaltlich auf der Höhe der Zeit sind; die eine Autorität haben, die über den Moment hinausragt und die Fähigkeit hat, Sinnhaftigkeit, Gegenwartsanalyse und Massenappeal in sich zu vereinen. Dafür schaffen wir Laboratorien voller kreativen Dilettantismus – wie Bloch. Das Projekt scheint als Ganzes sinnlos, ist aber in seiner Art abgeschlossen, ganz im Sinne von Kant: zweckhaft, ohne Zweck.
Wie wird sich deiner Meinung nach das Kunstsystem in Zukunft weiterentwickeln?
Im Zuge der Globalisierung wurde Kunst grenzüberschreitend und zu einer lingua franca, die einem gemeinsamen Anliegen auf eine Weise entgegenkommt, wie es den an Sprache gebundenen kulturellen Äusserungen kaum möglich wäre. Alte Bindungen wie Religion, Dorfstruktur usw. sind weitgehend aufgebrochen. Die metropolitane Gegenwartskunst ist im Begriff, eine Weltreligion zu werden. Kunstevents schaffen ein Gemeinschaftsgefühl quer über soziale Schichten hinweg. Systemisch wird uns der Kunstmarkt noch eine ganze Weile erhalten bleiben – und noch mächtiger werden. Aber es formieren sich Gegenmodelle, neue Formate, Methoden, Schauplätze und Akteure entwickeln sich. Der Kreationsprozess und der Autorenbegriff wird noch weiter gedehnt, Gattungen und Künste noch stärker gemischt, Ordnungen und Formate durchbrochen und mit dem Leben verschränkt.
Wenn du den Kunstbegriff derart erweiterst, wird Kunst dann nicht beliebig?
Vielleicht brauchen wir die Disziplin namens Kunst gar nicht. Die documenta-Chefin spricht denn auch nicht mehr von Künstlern, sondern Teilnehmern: «Wir brauchen nur einen Haufen Teilnehmer, die tun, was sie wollen, und diese Sorte Kultur produzieren.» Der amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz gab dieser Sorte im «NY Magazine» denn auch bereits einen Namen: «Post Art».
Wiederabdruck
Das Interview erschien zuerst in: Schweizer Monat, Ausgabe 999 / September 2012. S. 64–67. Was macht die Kunst?
HL: Kreativ sind wir alle: Sind Künstler, die ihre Ideen ohne existenzielle Absicherung zu Markte tragen, heute Rollenmodelle? In einer Gesellschaft ohne feste Löhne, mit einem Heer freier Dienstleister?
CD: Exakt. Man nennt sie Enthusiasten: eine Armee sogenannter kreativer Dienstleister. Man spricht von creative industries, aber das ist nur ein Trick, um das ökonomische Modell der kostenlosen Arbeit salonfähig zu machen. Man will Enthusiasten erzeugen, ihren Input nutzen, ohne Löhne zu zahlen. Im Mai feierte die Tate Modern zehnjährigen Geburtstag – ein gigantisches Fest mit etwa 90 000 Besuchern. Das Projekt heißt „No Soul For Sale“. Dutzende von unabhängigen Projektemachern stellen sich vor. Sie haben nichts zu verkaufen, bieten nur ihre Dienste und ihre Ideen an. Oft ist die Hoffnung auf Festanstellung die Motivation für das kostenlose Anbieten der eigenen Dienste. Das nennt sich heute auch Kreativwirtschaft, worunter eine stille Übereinkunft der politischen Parteien von links wie rechts verstanden wird, Selbstausbeutung zu stimulieren. In Frankreich heißen diese Selbstausbeuter les intermittents, woanders digitale Bohemiens – es gibt inzwischen jede Menge theoretischer Schriften über sie, von Maurizio Lazzaratos Essay „Immaterielle Arbeit“ über Luc Boltanskis „Leben als Projekt“, Brian Holmes’ „The Flexible Personality“, außerdem Texte von Matteo Pasquinelli, Paolo Virno, Toni Negri und Tony Judt, kürzlich noch Jan Verwoert, Merijn Oudenampsen oder Lars Bang Larsen. Auf diese Ansätze beziehe ich mich.
Wird unbezahlte Arbeit zum Standard?
Ja. Es geht aber nicht nur um Künstler, sondern auch um Kunstvermittler, um Akademiker, Designer, um junge Pseudourbanisten, Fotografen, Herausgeber, Journalisten und ihren Nachwuchs, die free bloggers. Interessanterweise werden Letztere immer jünger. Mit nicht einmal 15 werden Blogger zu Modenschauen eingeladen. Mittlerweile haben wir ein Millionenheer von Enthusiasten, von sieben bis 77 – wie die Zielgruppe der Ravensburger Gesellschaftsspiele –, die nicht wissen, welcher gesellschaftlichen Gruppe sie angehören, für die es keine parteipolitischen Programme gibt. Diese Gruppe wächst an, und man hofft, dass sie selbst nicht erkennt, wie groß sie ist. Dass sie sich selbst weiter ausbeutet unter dem Schirm von Events, Kongressen, Partys und so weiter.
Was heißt das im Rückschluss für die Künstler? Müssen die sich andere Formen suchen, wie sie ihre Ideen verwirklichen?
Das Problem ist, dass die Künstler, um ihre Selbstverwirklichung weiterzutreiben, sich andere Jobs suchen. Damit sie den kreativen Teil ihres Lebens fortsetzen können. Das bedeutet, man lebt von Projekt zu Projekt. Nun werden die Phasen zwischen den Projekten, die Übergänge, immer schmerzhafter. Luc Boltanski nennt das die „Prekarisierung des Privatlebens“. Auch das Private kann ein Projekt sein, man denke an Madame Bovary, die um des sozialen Aufstiegs willen ihr Privatleben durchökonomisiert, die Affären werden aber immer kürzer und schmerzvoller. Heute werden diese Projektübergänge bereits berechnet, sodass man eine Art Kontrolle anbieten kann.
Wie ist die Lage der Kreativwirtschaft in Berlin?
Sie wird als Lösung aller Probleme angeboten. Und das ist gefährlich. Es entstehen Kreativghettos, in denen die Erfolgreichen mit dem Prekariat zusammenleben. Berlin wurde zum nationalen oder internationalen Hoffnungsgebiet ausgerufen. Vielleicht überlegen sich ja viele Museen, nach Abu Dhabi jetzt in diesem Entwicklungsgebiet Franchise-Museen zu gründen – den Louvre an der Spree sozusagen. Berlin ist das ultimative Bild für die creative industries. Hier droht auch kein Aufstand, denn es leben keine Banker und reichen Leute hier, die man attackieren könnte. Die sind nur am Wochenende da, zu Besuch, wenn sie Homo ludens spielen wollen. Kultur wird nicht mehr als gesellschaftlicher Gegenentwurf eingesetzt, weil die Kultur sich nicht mehr auseinandersetzt mit einer traditionellen Form von Potenzialität: Unsicherheit, Angst und so weiter, das sind keine Themen mehr. Stattdessen bedeutet Kultur: mitmachen. Der Wowereit-Slogan „Arm, aber sexy“ könnte schnell zu einem „Arm, aber noch am Leben“ führen: In Berlin wird der Homo ludens, das künstlerische Prekariat, früher oder später in seiner eigenen Stadt in der Falle sitzen wie in einem Militärkessel – man wird weder hinein- noch hinauskönnen. Das heißt, man kann sich finanziell nicht an andere städtische Umgebungen und Lebensstandards anpassen, die sich von den eigenen unterscheiden. Wir werden Zeugen einer Ausdehnung des wirtschaftlichen Bereichs in den kreativen, die synchron mit dem „Creative City“-Diskurs der Politiker und Stadtentwickler verläuft.
Sie haben Mitte April in einem Vortrag für die Evangelische Akademie Tutzing für das Kulturprekariat das Bild der Zombies oder Vampire gewählt. Warum?
Der Zombie oder der Untote ist nicht in erster Linie eine Verkörperung des Bösen, sondern ein Leidender, der seine Opfer mit einer bizarren Beharrlichkeit verfolgt, gefärbt von einer Art unendlicher Traurigkeit. Die melancholischen Toten kehren zurück, weil sie nicht richtig begraben wurden. Wenn ich an Geister oder Zombies denke, denke ich an ältere, erfolglose kreative Individuen wie Schriftsteller, DJs, Webdesigner oder Innenarchitekten. Ihre Rückkehr – die Rückkehr der Toten – belegt, dass sie nicht ihren Platz in der Tradition finden können. Bezeichnend ist, dass die Beliebtheit von Zombiefilmen in jüngerer Zeit durch die von Vampirfilmen ersetzt wurde: Nach den Zombies, den Sammlern unbezahlter, symbolischer Schuld, kommen jetzt die Vampire, die die Ideen von Unsterblichkeit und ewiger Jugend transportieren. Man sieht das an der grassierenden Vampirmode unter Teenies. Vampire sind die jungen Blogger und Kreativen. Sie erinnern uns an unsere Angst vor dem Älterwerden und den Preis, den wir für diese ewige Jugend und Unsterblichkeit zahlen müssen. Übrigens sind ja Zombie- und Vampirfilme selbst unter prekären Bedingungen entstanden: Es sind meist Billigprodukte, B- oder C-Filme … man findet sie auf YouTube. Meine Kinder lieben sie. Die spielen das ganze Jahr Halloween.
Wird sich das Prekariat noch ausbreiten?
Es kann natürlich nicht so weitergehen. Der niederländische Avantgardekünstler Constant Nieuwenhuys war 1957 Mitbegründer der internationalen situationistischen Bewegung und schrieb mit Guy Debord ein Traktat über den unitären Urbanismus. 1959 rief er ein visionäres Architekturprojekt ins Leben, eine utopische Stadt namens „New Babylon“: eine explizite Metapher für die „Creative City“. „Entgegen der Meinung der Funktionalisten befindet sich Kultur dort, wo Nützlichkeit endet“, schrieb Constant. Der Homo ludens, der spielende Mensch, war ein Gestalter seiner eigenen „spielerischen Stadt“. Heute ist dieser positive Hedonismus umgeschlagen; aus dem Homo ludens ist entweder ein Homo faber oder ein Homo precarius geworden. Man wurschtelt sich durch und tut so, als wäre man so frei wie der Homo ludens.
In der Avantgarde waren noch Utopien möglich, es entstanden Gegenentwürfe. Wenn es jetzt eine große Mitmachkultur gibt, wo bleibt das Andere der Kunst?
Die Kunst im sogenannten öffentlichen Raum wird jetzt zu einer Kunst des Öffentlichen. Ästhetische Kompetenz übersetzt sich in Handlungs- und Kommunikationsstrategien. Es gibt in der bildenden Kunst zurzeit immer mehr coffee breaks, immer mehr Gespräche, Symposien, Kongresse. Und man redet über Handlungs- und Kommunikationsstrategien: Jeder will ein Kurator sein, möglichst sein eigener Kurator. Ich kuratiere meine Freizeit. Die ersten Kuratoren waren im 16. Jahrhundert die Mönche, die die Reliquien in der Kirche zählten. Sie zündeten für die Priester die Kerzen an. Heute haben wir Kuratoren als Manager und Pseudokreativwirtschaftsspezialisten …
… die für die immateriell Arbeitenden Kerzen anzünden?
Ja, deshalb halte ich Michael Sailstorfers Aktion „Pulheim gräbt“ für eine der treffendsten Aktionen der vergangenen Jahre: Er kuratierte ein Glücksversprechen. Er vergrub Goldbarren und ließ die Leute nach ihrem eigenen Glück graben. Die Grabenden sind Künstler in spe mit geringer Aussicht auf Erfolg. Ein großer Unterschied zu den Happenings etwa eines Allan Kaprow. Da gibt es noch die Idee des Homo ludens: Wir machen alle etwas zusammen; Partizipation als Selbstermächtigung, Emanzipation. Bei Sailstorfer gibt es nur ein Versprechen, es geht nicht um Emanzipation, sondern um die Frage, wo ist das Ding, das 1000 Euro wert ist. Und was kann man mit 1000 Euro machen? Das ist noch nicht einmal ein BMW-Reifen.
Heute ist jeder sein eigener Kurator – aber auch Lebenskünstler, vielmehr: Überlebenskünstler?
Natürlich. So wie jedermann bloggt. Jedermann ist Journalist geworden, jedermann ist auch Webdesigner. Das home office ist das perfekte Bild der Gegenwart. Man kreiert seine eigene Pornografie, seine eigene Kunst, sein eigenes Web, man designt sein eigenes Haus, aber niemand verdient etwas. Es geht um Überlebensstrategien, die geknüpft sind an Virtuositätskonzepte. Lauter verarmte Intellektuelle.
Kommt das alles nicht einem Staat entgegen, der damit beschäftigt ist, den Euro zu retten und sich über Generationen zu verschulden, und auf der anderen Seite Sozialleistungen kürzt?
Absolut. Die Selbstausbeutung findet nicht statt innerhalb eines Produktionsprozesses, sondern über Kooperation. Das größte Problem ist die Disponibilität der Leute. Man ist disponibel, man stellt sich zur Verfügung. Wer das kontrollieren kann durch ein parteipolitisches Programm oder durch ein ökonomisches Modell, hat die Macht. Ich warne vor einer Revolution oder einem Kinderkreuzzug à la „Mad Max“. Was passiert, wenn sich diese Tausenden von Selbstausbeutern und Enthusiasten, die an ihrer Disponibilität leiden, an den 24 Stunden pro Tag im home office, in ein ökonomisches Modell eingepasst werden? Man muss auch mal lernen, Nein zu sagen, die Disponibilität infrage zu stellen. Nein zu kostenlosen Katalogtexten, obwohl hundert andere es machen. Oder Schlaf als eine Art Subversion – Ruth Noacks geplante Ausstellung „Sleeping with a vengeance, dreaming of a life“ behandelt genau dieses Thema. Irgendwo muss man anfangen, wenn man kein Zombie werden will. Warum fallen eigentlich alle vom Stuhl, wenn man das sagt?
Weiterführende Literatur
Maurizio Lazzarato, „Immaterielle Arbeit“. In: Negri, Antonio, Maurizio Lazzarato, Paolo Virno, und Thomas Atzert, Umherschweifende Produzenten: immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998, ID-Verlag, S. 39–52. Luc Boltanski, „Leben als Projekt. Prekarität in der schönen neuen Netzwerkwelt“, Zeitschrift Polar No. 2, 2007 S. 7.Brian Holmes, The Flexible Personality. For a New Cultural Critique, 2001.
Wiederabdruck
Dieses Interview erschien zuerst in: Monopol– Magazin für Kunst und Leben, 9.7.2010; http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chrisdercon-kuenstlerprekariat.html [8.9.2013].