define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Produktion – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Thu, 10 Jan 2019 12:38:08 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Performative Kompetenz https://whtsnxt.net/292 Mon, 05 Jan 2015 13:17:16 +0000 http://whtsnxt.net/292 Auf die nächste Kunst antwortet die nächste Kunstpädagogik. Was immer als ihre Aufgabe angenommen werden mag, muss in Abhängigkeit stehen zu den Strukturen, Funktionen, Praktiken, Begriffen, Dimensionen, … der je aktuellen Kunst. – Oder doch der jeweils nächsten? Ist Next Art schon da oder kommt sie sehr bald? Ihr Postulat schwebt zwischen Prognose und Diagnose. Unabhängig von der Frage, wie Kunst und Kunstpädagogik sich wechselseitig beeinflussen, ist Next Art Education spätestens mit diesem Band zumindest als Diskurs präsent.
Was also sind die Spezifika der nächsten Kunst, die sich in kunstpädagogischen Bildungszielen spiegeln (sollten)? Eines der wichtigsten ist womöglich die im -Extremfall bis zur Untrennbarkeit gesteigerte Verschränkung von Produktion und Rezeption. Selbst in der konventionellen Annahme eines Künstlers, des durch ihn erschaffenen Werkes und eines Publikums ist der einzelne Rezipient nicht vollends von der Werkproduktion zu trennen. Theorien ästhetischer Erfahrung oder Handlung betonen den unbedingten Anteil des -Rezipienten an der Produktion. Jan Holtmann spitzt -diesen Aspekt in seinen Sätzen zur Handlungskunst1 weiter zu mit der Formulierung: „Handlungskunst stellt nicht die Frage nach einer ihr eigenen Rezeptionsform, sondern stellt das Verhältnis Produzent/Rezipient in Frage.“2  Dieses Verhältnis in Frage zu stellen bedeutet auch, seine Auflösung zu erwägen.
Über den Werkentwurf F. E. Walthers schreibt -Michael Lingner, der „Stoff“ des immateriellen Werkes sei „vor allem auch der am Handlungsprozess beteiligte andere Mensch. […] Indem der Rezipient zum Autoren des ‚immateriellen WERKES‘ wird, welches kein von ihm verschiedenes Objekt, sondern letztlich er selbst ist, wandelt sich das Werk von einer Wahrnehmungs- zu einer Daseinsform.“3 Hier ist beschrieben, dass das eigentliche Werk erst in der individuellen Rezeption der (durch den Künstler) geschaffenen materiellen Objekte entsteht. Sie sind dem immateriellen Objekt des Werks lediglich Anlass. Immerhin sind die plastischen Objekte (in diesem Fall) materiell und ihre materielle Herstellung eindeutig dem Künstler zuzuweisen. Bereits im Kontext von Objektkunst spricht Lingner von einer -„extremen Entmaterialisierung [H. i. O.]“4. Die Position des klassischen Produzenten wird umso fraglicher, wenn selbst das Objekt der Rezeption immateriell, vielleicht gar nicht als solches einzugrenzen und unter Umständen kaum verbalisierbar ist. Immaterielle Werkbildung liegt buchstäblich im Sinne des Betrachters – oder besser: in der sinnlichen und kognitiven Responsivität des (handelnden) Rezipienten. Kunst als solche zu erkennen, zu erfahren, zu er- oder gar beleben bedeutet dann, das Kunstwerk zu gestalten. Im Extrem fällt die Produktion mit der Rezeption zusammen. Eine kategoriale Trennung beider ist dann, wie Holtmann erkennt, nicht aufrecht zu halten. Ist das Objekt der Handlungskunst die Handlung als ein Zusammenwirken von Rezeption und Produktion? Die damit einhergehende Unterstellung eines genuinen schöpferischen Potenzials der Rezeption verweist auf deren performative Struktur.
Thesen: Die nächste Kunst ist zunehmend von den Prinzipien der Handlungskunst geprägt;5 sie ist u. a. durch eine zunehmende Entmaterialisierung ihrer Objekte charakterisiert; das hat zur Folge, dass Produktion und Rezeption immer häufiger zu einem Prozess verschmelzen. Dieser Prozess ist letztlich ein produktiver; die Rolle des einstigen Rezipienten wandelt sich allmählich zu der eines (rezipierenden) Produzenten; Next Art Education ist eine entsprechend sich modifizierende Kunstpädagogik.
Setzen wir nun Bildung als finalen Gegenstand der Next Art Education, dann steht letztere vor der Aufgabe, einerseits Bildung mit Kunst (wenigstens) zu begünstigen, andererseits die Voraussetzungen für künstlerische Bildung herzustellen. Die Mehrdeutigkeit von Bildung ist bezogen auf Next Art als vorwiegend handlungsbasierte Kunst umfassender gültig denn je. Bildung ist Bilden, Entstehen, Entwickeln, Formen, Gestalten, Produzieren … Was aber sind im 21. Jahrhundert die Voraussetzungen für künstlerische Bildung? Hier ist Holtmanns 22. Satz zur Handlungskunst richtungsweisend: „Handlungskunst stellt die Frage nach dem Leistungsort der Kunst“6. Diese Frage gewinnt in der Tat an Relevanz angesichts der Verlagerung der Werkbildung auf Individuen oder Gruppen in einem unüberschaubar vernetzten Kollektiv potenzieller „Next Artists“, die sich unter Umständen nicht einmal als Künstler bezeichnen würden noch sich als solche fühlen und jedenfalls nicht dem romantischen Bild des von der Muse geküssten Künstlers entsprechen. Eine aus didaktischer Sicht vielleicht noch interessantere Frage wäre, was jene immateriell Kunstschaffenden zu leisten haben, bevor bzw. damit die Kunst leisten kann. Folgt man Torsten Meyer, „geht es um die interaktive Aneignung der verschiedenen kulturellen Codes und Formen alltäglicher Lebenswelt“7. Nur wer diese Codes erkennen und lesen kann, ist in der Lage, die nächste Kunst als solche zu erfahren und dadurch (mit) zu gestalten. Wer sie sogar schreiben und hacken kann, zählt zu jenen, die der immateriellen Werkbildung Räume verschaffen.
Auf Zukünftiges gerichtete Kunstpädagogik muss daher die strukturellen Eigenschaften der Codierungen von Kultur fokussieren. Es muss ihr gelingen, auf einen spielerischen, aber sensiblen Umgang mit den Medien der kulturellen „Sprachen“ vorzubereiten. Aber wie kann man so etwas vermitteln?
Im Zusammenhang mit Bildungszielen ist seit einiger Zeit die Formulierung von Kompetenzen recht populär. Gibt es Cultural-Hacking-Kompetenzen? So problematisch eine Bildungskonzeption ist, die ihre Inhalte und Ziele als Pool einfacher Anwendungen formuliert, so schwierig scheint es, unter totalem Verzicht auf das fragliche Vokabular etwas argumentativ Wirksames entgegenzusetzen. Ich schlage vor, den Kompetenzbegriff weiterhin zu verwenden, ihn aber anders zu konzipieren. Ein Bildungsbegriff, der etwa die Performativität immaterieller Werkbildung berücksichtigt, verlangt die Auflösung der strukturalistischen Dichotomie aus Kompetenz und Performanz zugunsten eines performativen Kompetenzbegriffs.
In Abgrenzung zu linguistischen Ansätzen fragt Sybille Krämer: „Wie kann die Performanz nicht mehr als einschränkende Bedingung, vielmehr als eine produktive Kraft in den Blick kommen?“ 8. Sie schlägt vor, die Performativität der Sprache als Medialität zu verstehen. – „In den stummen Prozeduren der ‚lautlosen‘ Materialität der Medien, in denen unsere Sprachlichkeit sich vollzieht, ist eine Eigensinnigkeit am Werk, die […] nach dem Vorbild der unbeabsichtigten Spur zu denken ist […] Medien sind an der Entstehung von Sinn und Bedeutung also auf eine Weise beteiligt, die von den Sprechenden weder intendiert, noch von ihnen völlig kontrollierbar ist […]“9. Dieser Ansatz begreift Performanz nicht länger als mangelhafte Repräsentanz eines starren Regelwerks. Was Krämer „Eigensinnigkeit“ nennt, eröffnet der Performanz eine schöpferische Qualität, die weit über die bloße Anwendung einer Kompetenz hinausgeht. Man könnte von einem zweiten Modus der Performanz sprechen, in dem nicht die Kompetenz (im linguistischen Sinne) maßgeblich für den „Output“ ist, sondern ein teils unbewusstes Spiel mit der Wechselwirkung von (Sprach)Handlung und Medium, basierend auf Erfahrungen mit der Art, in der das Medium seine Spuren hinterlässt. Der Performanz ist dann zuzuschreiben, nicht nur Kompetenz anzuwenden, sondern auch selbst zu generieren. Im Unterschied zu Chomskys Gegenüberstellung von Kompetenz und Performanz10 sind beide viel näher beieinander zu denken – im Handeln gehen Kompetenz und Performanz wechselseitig auseinander hervor.
Was Krämer auf Sprache bezieht, lässt sich auf die Medialität kultureller Codes übertragen, allerdings unter der Bedingung eines anderen Handlungs- und -Erfahrungsraumes, denn die Medien der nächsten Kunst sind zunehmend virtuell. Die „neue Produktion“ als Hybrid aus Produktion und Rezeption funktioniert nicht als Anwendung zuvor beigebrachter Kompetenzen, sondern ist auf das spontane Wechselspiel mit den je gegebenen Umständen künstlerischen Handelns angewiesen. Kompetenz, die aus der Produktion heraus sich erstmalig zeigt, womöglich erst entsteht, ist nicht auf ihre Eignung und Angemessenheit zu hinterfragen. Denn performative Kompetenz meint eine handlungs- und situationsbezogene Interaktivität des Subjekts mit dem Gegenstand der jeweiligen Produktion und dessen Struktur. Der kunstpädagogische Erfolg schlägt sich nicht im „korrekten“ Rückgriff auf bekannte Muster oder überhaupt in der konkreten Ausprägung einer -spezifischen Kompetenz nieder, sondern vielmehr in der unangeleiteten, kreativen Handlungsfähigkeit des Subjekts.
Diese Auffassung von Kompetenz drängt sich nicht erst im Hinblick auf Next Art Education auf. Das starre Kompetenzkonzept, das etwa in den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz zum Tragen kommt, war der Kunstpädagogik noch nie angemessen. Da aber die Strukturen und Phänomene der nächsten Kunst immer alltäglicher zu werden scheinen, ist das Konzept der performativen Kompetenz für die Kunstpädagogik aktueller und wichtiger als in der Vergangenheit. – Übrigens auch deshalb, weil Next Art Education ein unbedingter Leistungsort der Kunst ist.

1.) Jan Holtmann, „Sätze zur Handlungskunst“, in: Johannes M. Hedinger, Torsten Meyer (Hg.), What’s Next? Kunst nach der Krise, Berlin 2013, S. 258f.
2.) Holtmann 2013, a. a. O., S. 259.
3.) Michael Lingner, „Immaterielle Werkbildung. Strategien ästhetischen Handelns V: Franz Erhard Walther“,  Kunst+Unterricht, 156, 1991, S. 16f.
4.) Lingner 1991, a. a. O.
5.) Vgl. Holtmann 2013, a. a. O.
6.) Holtmann 2013, a. a. O., S. 258.
7.) Torsten Meyer, Next Art Education. (KPP 29) Schriftenreihe „Kunstpädagogische Positionen“, hg. von A. Sabisch et al., Hamburg 2013, S. 29. Vgl. auch Torsten Meyer, „Next Art Education. Erste Befunde“, in:Hedinger/Meyer 2013, S. 377–384.
8.) Sybille Krämer,  „Sprache – Stimme – Schrift: Sieben Gedanken über Performativität als Medialität“, in: Uwe Wirth (Hg.), Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2002, S. 323–346, hier S. 329.
9.) Krämer 2002, a. a. O., S. 332.
10.) Vgl. z. B. Noam Chomsky, Aspects of the Theorie of Syntax. Cambridge 1965.

]]>
Anonymität in der Kunstvermittlung. Der anonyme Raum – eine Ergänzung zum realen Klassenzimmer https://whtsnxt.net/195 Mon, 05 Jan 2015 13:16:15 +0000 http://whtsnxt.net/194 Q: Sie haben die Idee des „Anonymen Raums“ in der Kunstvermittlung entwickelt. Was ist damit gemeint?
A: Wir stellen uns einen ergänzenden Raum zum Klassenzimmer vor, der so konzipiert ist, dass nicht die Schüler_in und ihre Persönlichkeit im Zentrum steht, sondern die Sache. Die Arbeit der Einzelnen und ihre Ideen werden von der Erfinder_in losgekoppelt und so zum Arbeitsmaterial für alle. In diesem „Anonymen Raum“, wie wir ihn vorerst mal nennen wollen, herrscht ein demokratischeres Gefüge als im bisherigen schulischen Kontext, weil er anders funktioniert, als man gewohnt ist. Dieser „Anonyme Raum“ ist ein noch unbeschriebener, seine Spielregeln müssen erst von den Akteur_innen entwickelt werden. Diese Spielregeln erweitern eine Institution wie die Schule, indem sie neue Arbeits- und Umgangsweisen zulassen oder gar fordern. Grenzen und Konventionen, die durch den, nennen wir es mal „schulischen Habitus“ definiert sind, können so überschritten und gebrochen werden. Es müssen neue Wege gefunden werden, wodurch bisher undenkbare Resultate entstehen können.
So können durch die Anonymität beispielsweise vorhandene Macht- und Hierarchiestrukturen hinterfragt, zerstört oder untergraben werden. Tradierte Rollen und (Verhaltens-)Muster werden aufgebrochen, dadurch können sich unsere Protagonisten, d. h. die Jugendlichen als freie und unbeschriebene Personen erfahren und gelangen zu anderen Ausdrucksformen. Und dies – so unsere Idee – wird durch die Anonymität möglich.

Sie beziehen sich mit ihrer Idee auf das „Manifest für das Potential der Anonymität“. Was hat es damit auf sich?
Da müssen wir etwas weiter ausholen: Unsere Auseinandersetzung mit dem Thema der Anonymität nahm ihren Anfang im Netzwerkmodul Art Education / MAT an der Hochschule Luzern Design & Kunst im Januar 2014. In diesem einwöchigen Modul haben sich Studierende der Kunsthochschulen Basel, Bern, Luzern und Zürich mit dem Thema „Mediennutzung, Medienvermittlung, Medienkunst“ beschäftigt. In diesem Zusammenhang blieben wir am Thema der Anonymität im Internet hängen. Anonymität ist dort allgegenwärtig, doch sehr häufig negativ konnotiert. In der Überzeugung, dass in der Anonymität ein Handlungspotential für uns alle liegt, das produktiv genutzt werden kann, schlossen wir uns zu einer Gruppe aus vier Studentinnen1 der ZHdK (Zürcher Hochschule der Künste) zusammen und entwickelten im Gespräch über das „Manifest für das Potential der Anonymität“ die Idee der Einflechtung einer produktiven Anonymität in den Unterricht. Das besagte Manifest ist ebenfalls in diesem Buch abgedruckt. Es wirkt sehr polemisch, hat uns provoziert und dazu angeregt, über ebendieses Potential und die positiven Eigenschaften der Anonymität zu reflektieren. Wir fragten uns, wie im Kontext der Schule und des Unterrichts eine solche produktive Anonymität aufgebaut werden könnte. Diese Gedankenspielerei haben wir in weiteren Gesprächen in das Praxismodell des „Anonymen Raumes“ überführt.
Aktuell sind wir auf der Suche nach Anzeichen für das vermutete Potential in Fachliteratur und Berufs-praxis. Wir verfolgen das Ziel, dieses „Potential der -Anonymität“ weiter ausformulieren und in einen wissenschaftlicheren Kontext setzen zu können.

Worin genau sehen oder vermuten Sie denn das (gestalterische) Potential eines „Anonymen Raumes“ für den Unterricht?
Als Kunstpädagog_innen sind wir in erster Linie an den Persönlichkeiten der Schüler_innen und an ihrer Entwicklung interessiert. Die Anonymität bietet den Jugendlichen einen vorurteilsfreien Raum, wo Fragen nach Geschlecht oder sozialem Status unbedeutend sind. Sie ermöglicht den Schüler_innen, sich als Individuum von den Erwartungen des sozialen Gefüges „Schulklasse“ loszulösen und sich ausschliesslich auf Ideen und Projekte zu konzentrieren. Wir sehen darin eine Möglichkeit, mit dem schulischen Habitus im Kunstunterricht zu brechen und genau da liegt das grosse gestalterische Potential der Anonymität. Um das noch zu verdeutlichen: Hier sehen wir auch den Unterschied zwischen Anonymität und dem Handeln unter einem Pseudonym. Letzteres ruft erneut nach einem Konstrukt einer Persönlichkeit, die ihrerseits wiederum zu einem gefestigten Entwurf eines Charakters führt. Da schwingen bereits wieder Vorstellungen von Gender und Klasse mit.
Mit dem „Anonymen Raum“ soll im Sinne Bourdieus ein Feld geschaffen werden, das allein durch seine feldinternen Strukturen und Spielregeln gesteuert ist, das die soziale Klasse und den jeweiligen Habitus der Mitglieder des Feldes in den Hintergrund treten lässt. Wir sind überzeugt, dass sich deshalb der „Anonyme Raum“ besonders eignet, um das Feld und die Spielregeln des Schulzimmers zu untergraben und zu hacken. Und wir sind überzeugt, dass sich im „Anonymen Raum“ Möglichkeiten, Ideen und Auseinandersetzungen ergeben, die in der realen Umgebung, welche durch das Subjekt und das soziale Gefüge geprägt ist, undenkbar sind.
Das lässt sich an einem Beispiel noch veranschaulichen: Während eines Praktikums an einem Gymnasium im vergangenen Winter konnten wir mit einer reinen Jungen-Klasse zusammenarbeiten. Bei einem Gespräch über die Eigenheiten und das Potential dieser Klasse nannte die Praktikumsmentorin ein ganz einfaches, aber bezeichnendes Beispiel: Bei einer fotografischen Arbeit mit freier Sujetwahl hat sich ein Jugendlicher während eines ganzen Quartals mit Blumen beschäftigt. Wir denken, das wäre in einer gemischten Klasse niemals möglich gewesen. Es gibt dieses unausgesprochene Repertoire von Themen, Motiven und Fragen, die geschlechterspezifisch in Kategorien von „Do’s & Don’ts“ eingeteilt sind. Und, da kannst du uns bestimmt zustimmen, Blumen sind eindeutig nicht in der Themenkategorie für junge heranwachsende Männer enthalten. Die „was wäre, wenn – Frage“ lässt sich natürlich nie ganz aus dem Weg räumen, hätte der Junge sich auch in einer gemischten Klasse für dieses Motiv entschieden, weil er aus einer total blumenbegeisterten Familie stammt? – wir wissen es nicht. Wir schliessen aber aus diesem Beispiel, dass es die Klassensituation war, die es dem Jungen ermöglichte, gerade eben nicht seine Nike-Sneakers, Beats-Kopfhörer und elektronische Gadgets als Motiv zu wählen, sondern einem echten Interesse oder spontanen Impuls folgend sich dem Sujet der Blume zuzuwenden.
Wenn wir diesen Gedanken weiterführen, dass diese Einschränkung von gestalterischen Themen und Fragstellungen bereits durch die reine Jungenklasse ausgehebelt werden kann, was ist (wäre) denn erst alles in einer anonymen Umgebung möglich?

Wie kann ich mir diesen „Anonymen Raum“ oder die anonyme Umgebung, die Sie gerade angesprochen haben, im Schulzimmer vorstellen?
Da denken wir hauptsächlich an einen digitalen Raum; die Idee ist ja auch im Kontext der Frage nach dem Potential von neuen Medien für den Unterricht entstanden. Wir könnten uns den „Anonymen Raum“ vorerst mal relativ simpel als Pinterest- oder Instagram-Konto vorstellen, wo Schüler_innen und Lehrperson gleichermassen anonym auftreten und Beiträge posten können. Hier kann zum Beispiel eine Interessens- und Ideensammlung entstehen, auf die im Unterricht zugegriffen werden kann. Sehr wichtig scheint uns da die Wahl des Bildhaften als Kommunikations- oder Ausdrucksmittel.
Ein Anfang wäre bereits ein gemeinsamer Ordner auf dem Schulserver, wo ein Bildarchiv angelegt wird, das auch mit Scans von eigenen bildhaften Produkten ergänzt werden kann. Dieses Archiv könnte ebenfalls als Ideensammlung funktionieren, es wäre aber auch denkbar, mit verschiedenen gestalterischen Inputs spielerisch mit dem Bildmaterial umzugehen, z. B. die Aufforderung, das Bildarchiv in seinem Umfang zu halbieren, indem mittels digitaler Bildmontage Hybridbilder ent-stehen. Oder Dateien werden ausgedruckt, manuell bearbeitet, abgeändert, inszeniert, wieder digitalisiert und hochgeladen. Solche Vorgehensweisen öffnen den Raum für die Pluralität und die damit verbundenen Ausdrucksformen. Wir stellen uns vor, dass der Umgang mit dem „Anonymen Raum“ zuerst vielleicht mittels Aufgabenstellungen geübt und angekurbelt werden muss, sich mit der Zeit aber verselbständigen wird. Ergänzend könnten wir es uns gut vorstellen, den „Anonymen Raum“ übers Klassenzimmer hinaus wachsen zu lassen. Vielleicht läge ein weiteres Potential des „Anonymen Raumes“ in der Verknüpfung verschiedener Klassen und Schulen.

Welchen Gewinn bringt der „Anonyme Raum“ den Schüler_innen im Kunstunterricht?
Der „Anonyme Raum“, der ergänzend zum Schulzimmer etabliert werden soll, bietet den Schüler_innen eine Nische, wo sie mehr Freiheit, Leichtigkeit und Lockerheit antreffen. Im Gegensatz zur üblichen Seriosität und den inkorporierten Verhaltensmustern des Schulkontextes motiviert die Unbestimmtheit der Anonymität die Schüler_innen, sich anders zu verhalten und diesen Raum neu zu bespielen. Der Ort wird zu einer Plattform ausserhalb von Benotung und Bewertung durch Mitschüler_innen oder die Lehrperson, wo sich die Schüler_in-nen mit neuen, unbestimmten und/oder variablen Ausdrucksformen und Handlungsweisen versuchen -können. Es ist uns in dem Zusammenhang auch wichtig, dass das Handeln in diesem „Anonymen Raum“ nicht benotet wird. Wir sind überzeugt, dass auch die Benotung von Unterrichtsprojekten einen Habitus im Gestaltungsunterricht aufbaut. Dies führt zu einer Vereinheitlichung der Resultate und zur Festigung gestalterischer Konventionen. Die Schüler_innen pflegen eine bestimmte Vorstellung davon, was ein gutes Resultat ist und die Bereitschaft zum Experiment und auch zum Misserfolg ist eher klein – hier sprechen wir auch aus eigener Praxiserfahrung. Wir denken, dass der „Anonyme Raum“ eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit erzeugt, die mutige Äusserungen, waghalsige Experimente und unbeschwertes Scheitern ermöglicht. Die Privatsphäre und die sich entwickelnde Persönlichkeit der Heranwachsenden ist in jedem Fall geschützt, die Anonymität ist ein Mittel, um die hemmende Angst vor dem eigenen Versagen und einem Urteil des sozialen Umfeldes in den Hintergrund zu stellen. Die Anonymität begünstigt das „anders Denken und Handeln“.

Wie können festgeschriebene Verhaltensweisen mittels der Anonymität aufgelöst werden?
Vielleicht muss hier erneut betont werden, dass wir uns auf einen gestalterischen Habitus beziehen, der zweifelsohne vom Schulkontext und impliziten, kulturell geprägten Verständnis von „schön“ und „richtig“ dominiert wird. Diesen wollen wir untergraben. In der Loslösung der Person von der Sache und der Idee von dem Subjekt liegt die Chance, diesen Habitus zu überwinden. Die Lernenden widmen sich einem Sachverhalt, ohne dass dieser an einen persönlichen Gewinn oder Verlust im Sinne einer guten Note oder Anerkennung der Mitschüler_innen geknüpft ist. Am Ende einer Äusserung in diesem „Anonymen Raum“ steht allein eine Sache oder eine Idee, die aufgegriffen und unabhängig vom Urheber weitergedacht und -entwickelt werden kann. Diese Offenheit und das flexible Gefüge des „Anonymen Raumes“ lassen spielerische Umgangsweisen zu, fördern ein gemeinsames, vernetztes Denken und ermöglichen kollektive Wucherungen als weitere Art des gestalterischen Denkens und Ausdruckes.

Gibt es denn Rahmenbedingungen oder Regeln für diesen „Anonymen Raum“?
Es ist bestimmt utopisch zu glauben, dass es keine gäbe. Jedes Feld, um uns hier noch einmal auf Bourdieu zu beziehen, zeichnet sich durch Strukturen und Spielregeln aus, welche die Verarbeitungsweisen von Themen oder Ereignissen definieren. Viele der zentralen Aspekte haben wir bereits angesprochen und sind so auch im „Manifest für das Potential der Anonymität“ aufgeführt. Wir bezeichnen diese mehr als notwendige Grundhaltungen oder Verhaltensweisen denn als Regeln. Besonders wichtig scheinen uns das Einverständnis und die Neugierde aller, so arbeiten zu wollen, sowie die Bereitschaft, die Anonymität zu pflegen und auch aufrecht zu erhalten. Veranschaulichen möchten wir dies mit dem Begriff des „opensource“, den wir hier in dem Verständnis aus dem Fachbereich der Informatik verwenden: es bestehen keinerlei Urheberrechte an einer Idee, die Tätigkeiten sind nicht profitorientiert, alles darf wiederverwendet werden und im Zentrum der Tätigkeit steht die Weiterentwicklung eines Produktes oder einer Idee. Übertragen auf den Schulkontext hiesse dies, dass die Handlungen im „Anonymen Raum“ produkt- und ideenzentriert sein sollen, dass sie vom Ertrag – im Sinne einer guten Note – losgelöst werden müssen und dass die Ideen durchs Kollektiv entwickelt werden und daran wachsen. Um weiter herauszufinden, wie die Strukturen des „Anonymen Raumes“ geartet sind, bedarf es jedoch erst mal eines Praxistestes dieser Idee. Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, diese Gedanken weiterzudenken und in ein Praxismodell im Unterricht zu überprüfen und weiterzuentwickeln. In dem Sinne freuen wir uns darauf, dies im Rahmen unserer Forschungspraktika und in der künftigen Unterrichtstätigkeit weiterzuverfolgen.

1.) Camille Peiry, Miriam Strauss, Anina Dirnberger und Esther Engeli

]]>
Die Zukunft des Theaters https://whtsnxt.net/171 Thu, 12 Sep 2013 12:42:49 +0000 http://whtsnxt.net/die-zukunft-des-theaters/ Das deutschsprachige Theater erlebt zur Zeit eine nicht unerhebliche Institutionenkrise, die scheinbar vor allem den schwindenden Kulturhaushalten der Kommunen und Bundesländer geschuldet sein soll, vielleicht aber tatsächlich aus der Überlebtheit der Institutionen resultiert. Dass die Schrumpfung der öffentlichen Zuwendungen für die Theater kein Symptom der deutschen Kulturlandschaft allein, sondern ein europaweiter Trend ist, zeigen die Entwicklungen in Großbritannien und den Niederlanden. 2011 wurden von der rechtspopulistischen holländischen Regierung rund ein Drittel des Gesamtbudgets für Kunst und Kultur, 200 Millionen Euro, gestrichen. (In Großbritannien ist der Kulturhaushalt ebenso vom massiven Sparbudget der Regierung betroffen wie die übrigen Posten: Um 15 Prozent wurden die Ausgaben hier gekürzt). Die am schwersten wiegenden Kürzungen haben die Darstellenden Künste erfahren. Große Institutionen wie De Nederlandse Opera, Het Nationale Ballet, Holland Festival and Nederlands Dans Theater wurden von den Kürzungen ausgenommen. Auch große Theaterkompanien wie Toneelgroep Amsterdam werden zwar Einschnitte zu erdulden haben, doch bleibt ihre Existenz gesichert. Die Schwerpunktsetzung auf die „Spitzeninstitute“ wird das Feld darunter mit den fruchtbaren kleinen und mittleren Gruppen schrumpfen lassen. Alle Produktionshäuser haben ihre Förderung verloren; der Etat des Fonds Darstellende Künste wurde von 64 auf 27 Millionen Euro reduziert.
Neben der Institutionenkrise, deren Auswirkungen absehbar sind (sprich: Schließung von Theatern sowie durch die Kürzung von finanziellen Zuwendungen eine weitere Zementierung tendenziell sowieso vorhandener Unbeweglichkeiten), interessiert aber besonders die ganz unabhängig davon identifizierbare Krise der Darstellung. Diese bietet die eigentliche Chance zur ästhetischen Erneuerung, der Entwicklung von Formen und Formaten, die mit dem traditionell an die Institutionen gebundenen Handlungsweisen der Theaterkunst nichts mehr oder nur wenig zu tun haben.

Von was wir sprechen, wenn wir über „das Theater“ sprechen?
Theater ist spielerische Darstellung sozialer Zusammenhänge, Verwerfungen, Brüche, Perspektiven und Prognosen.
Theater ist eine Kunstpraxis, die den öffentlichen Diskurs impliziert. Dieser ist notwendig, damit jene überhaupt stattfinden kann und zwar in Form jener so gern beschworenen „leiblichen Kopräsenz“ von Spielenden und Publikum, einem Publikum, vor dem und für das gespielt wird. Dieser öffentliche Diskurs ist zu verstehen als ein Austausch von Meinungen und Artikulieren von Streitfragen.
Das Theater setzt so etwas wie störungsfreie Kommunikation voraus: Es gibt Regeln, die jeder, der mit diesem Terrain zu tun hat, kennt. Dazu gehören die Trennung des Spielraums vom Zuschauerraum und die Thematisierung von allgemein als relevant akzeptierten Themen beispielsweise: das Individuum und die Gesellschaft, die Politik und die Wahrheit, die Liebe und der Hass, Krieg und Frieden, Schuld und Unschuld, aber auch die Kunst des Darstellens, die Realitätsbehauptungen des Theaters, die Leistungen der Schauspieler_innen, der Regie, der Ausstattung etc.
Um störungsfreie Kommunikation zu realisieren, müssen allgemein aussagefähige Übereinkünfte getroffen werden. Wenn diese nicht mehr gelten sollen, werden sie unterminiert (René Pollesch), infrage gestellt (Heiner Goebbels) oder hybridisiert (Frank Castorf). Damit sind bereits wesentliche Versuche gekennzeichnet, die Krise der Darstellung zu nutzen. Die Übereinkünfte betreffen den Ort des Zusammentreffens, die Art der zu debattierenden Fragen und die Weisen der Darstellung.
Basis der geltenden Übereinkünfte ist die seit der Moderne stattgefundene Entritualisierung des Theaters. Ursprung des westlichen Theaters ist die öffentliche soziale „Reinigung“, die gemeinsam gelebte Abwehr des die Gemeinschaft Bedrohenden (das Mythische, das Feindliche). Das Ritual war einmal so etwas wie die Übereinkunft für das Zustandekommen der vom Akt des Theaters erzeugten Kommunikation. An die Stelle des Rituals ist die Psychologisierung des Spiels getreten, was eine Abkehr von jeder Form artikulierbarer Übereinkunft mit sich gebracht und das Theater dem Film und dem Fernsehen, also der Anonymisierung der Beobachtung der Darstellung, in die „Arme“ getrieben hat. Die Integration dieser Tatsache in ein modernes Bild vom Schauspieler hat eigentlich nur in Amerika stattgefunden, und entsprechend sind dort Schauspieler_innen in der Regel Film-Schauspieler_innen. In Ost- wie in Westeuropa besteht noch immer die alte Regel, dass Schauspiel Theater meint, entsprechend beharrlich bilden die Schauspielschulen für diese Institutionen aus. Dass diese austrocknen werden, dass die Schauspieler_innen im Fernsehen und beim Film benötigt werden, wird auch die Ausbildungsinstitutionen zu Anpassungen ihrer Zielsetzungen zwingen.

Darstellungsformen: Definitionsversuche
Jede Krise der Dinge, über die und qua derer das Theater kommuniziert, ist eine Krise der Darstellungsform und der Darstellungsformate. Jede Krise der Umwelt des Theaters ist eine Chance für eine Veränderung des Theaters. Einfach gesagt: Das Theater verändert sich unablässig, weil die Welt sich unablässig verändert. Die Veränderungs- und Anpassungsbemühungen des Theaters müssen aber drastischer sein, als die in den anderen Künsten, denn:
Veränderungen des Menschenbildes (durch Wissenschaften, Industrien, Medien) erfordern unablässige Revisionen der Konzeptionen, die die Menschendarstellung thematisieren. In der Regel wird beim Rückbezug auf die Theaterliteratur, die ja immer noch kanonisch gehandhabt wird (auch wenn dies mit unablässigen Versuchen der Infiltration mit zeitgenössischen, besser: heutigen, Erfahrungshorizonten verbunden ist) von einem Menschenbild des 19. Jahrhunderts ausgegangen. Schon die Komplexität, die Freud vor einem guten Jahrhundert im ihm zugänglichen psychischen Apparat des nachmodernen Menschen entdeckt und analysiert, die James Joyce im Alltag eines Normalbürgers beschreibt, für die Robert Musil in seinem Portrait des europäischen Menschen des 20. Jahrhunderts mehr als tausend Seiten Platz braucht, übersteigt das Fassungsvermögen der methodisch verbürgten Darstellungspraktiken. Die Komplexität einer Welt, der sich diese vielschichtigen Menschenbilder gegenübersehen, potenziert den Anspruch des Darzustellenden. Die Zeit des Theaterabends ist zu kurz, die Mittel der Darstellung zu begrenzt, um heutige Menschen realistisch in glaubhaften, wirklichkeitsnahen Situationen darstellen zu können, die unserer Zeit und den Erfahrungen in dieser Zeit entsprechen. Also wird gern immer noch auf die edle Einfalt und die stille Größe vergangener Figuren zurückgegriffen. Die Begrenzungen des Horizonts der Theaterpraktiken lassen Versuche, die heutige Welt umfassend in die Form der Darstellung einzubeziehen, unablässig scheitern.
Veränderungen der sozialen Implikationen (Armut/Reichtum, Mobilität, Globalisierung, Rechte und Rechtsformen) bringen notwendige Veränderungen des Theaters als sozialem Apparat mit sich, der diese Veränderungen mitzuvollziehen hat. Auch dies hat einen Einfluss nicht nur auf die Institution, sondern auf die Darstellungspraxis. Die Darsteller_innen sind weniger Autoren eigener Lebensentwürfe als Ausführende anderer Lebensentwürfe. Und dies betrifft nicht nur die Figuren, die dargestellt werden, sondern auch den Prozess, innerhalb dessen die Darsteller_innen mit den Figuren konfrontiert werden, die darzustellen sind. Dies findet in einer Hierarchie statt, die den Darsteller_innen selbst keinerlei auktoriale Position zubilligt, obwohl sie von dieser aus zu agieren haben. Ein Spannungsfeld, dessen Dimension bei der Betrachtung der Produkte, um die es hier geht, noch gar nicht hinreichend beachtet wurde.
Die „Krise der Darstellung“ wäre also im wesentlichen als die Krise zu verstehen, deren Ursprung die zunehmende Inkommensurabilität der kanonischen Formen und Methoden des textorientierten Schauspiels und der Wirklichkeitserfahrungen des 21. Jahrhunderts ist. Gutes Sprechen, harmonische Beziehungen von Stimme, Sprechen, Bewegung und Ausdruck sind kaum ausreichend, heutige Welterfahrungen wiederzugeben, geschweige denn überhaupt zu fassen. Diese Techniken, die an den Ausbildungsinstitutionen – die übrigens ungebrochen hohen Zuspruch finden – gelehrt werden, entspringen einer institutionell-ideologischen Konstruktion aus dem 19. Jahrhundert, als die festen Theaterhäuser Nachwuchs benötigten und diesen auszubilden begannen.

Strategien der Krise
Die Chancen dieser Krise der Darstellung sind groß: individuelle Strategien des Unterminierens (Pollesch), Kritisierens (Goebbels) und Hybridisierens (Castorf) funktionieren bestens und werden vom Markt mit hohem Aufmerksamkeitspotenzial versehen. So konstruiert Réne Pollesch seine Theaterabende Thematiken folgend, die Gegenwartsdiskursen und deren Autoren nachgebildet werden. Z. T. sind die Texte selbst Gegenstand der Aufführungen, so z. B. Boltanski/Chiapellos „Der neue Geist des Kapitalismus“ in „Kill your darlings“ oder Rober Pfallers „Wofür es sich zu leben lohnt“ in „Macht es für Euch“. Die Darsteller werden systematisch durch die Aufgabe überfordert, enorme Textmengen verarbeiten und wiedergeben zu müssen, sodass das Thema der „Figurendarstellung“ oder „Verkörperung einer Rolle“ gar keine Bedeutung mehr bekommen kann. Stattdessen findet eine radikale Zuwendung zur Wirklichkeit des Daseins auf der Bühne statt: „Glaubt ja nicht, das hätten wir für Euch gemacht. Das haben wir nur für uns gemacht. Nur für uns. Macht es einfach selbst. Für Euch.“ beendet Fabian Hinrichs „Kill your darlings“ und verweist damit auch auf das Ende der Repräsentation, das dies Theater feiert. Castorf dekliniert die Möglichkeiten des Stadttheaters durch, indem er es selbst zu einem hybriden Ort umfassender kultureller Produktion macht (das Konzept der „Volksbühne“ am Rosa Luxemburg Platz) und die Schauspieler_innen zu kulturpolitischen Akteuren eines Theaters des 21. Jahrhunderts werden lässt. Rollen und Figuren, die gespielt werden, werden mit Gegenwart angereichert. Dies geschieht durch die Integration diverser Text- und Aussagepartikel in bestehende Theatertexte. Andererseits werden in den Dostojewski Adaptionen Raumfragen des klassischen Theaters thematisiert, die dazu führen, dass Spiel-Räume jenseits der sichtbaren Bühnendimensionen entwickelt werden und neue Medienstrategien zu einer Erweiterung des Darstellungsraums der Schauspieler_innen werden („Dämonen“). Die Tatsache, sich dem Roman als Sujet zuzuwenden, wird mit einer Erweiterung des Erzählhorizonts verbunden, der den zeitgenössischen Wahrnehmungsweisen eher gerecht wird, als das beschränkte Fassungsvermögen der figurenbasierten Theatertexte.
Heiner Goebbels unterminiert die Position des Darstellers bis zu seinem Verschwinden (Beispiel: „Ou bien le débarquement désastreux“: In dem von der tschechischen Künstlerin Magdalena Jetelova gebauten Bühne, einer riesigen Aluminiumpyramide, die mit der Spitze nach unten im Zentrum der Bühne aufgehängt ist und aus der unablässig Sand rinnt einerseits, einer riesigen Wand aus seidenem Haar andererseits, agiert der Schauspieler André Wilms verzweifelt gegen seine Marginalisierung. Sein Spiel ist bestimmt von einer ständig anwesenden Konkurrenz zu den anderen Akteuren, hier insbesondere den Gegenständen des Bildes sowie der Musik der senegalischen Livemusiker. Der Darsteller ist während der Aufführung vom Verschwinden in, hinter und unter den Dingen bestimmt). In „Stifters Dinge“ gibt es dann gar keinen Darsteller mehr, sondern die Dinge selbst agieren zu eingespielten Texten. 

Verknüpfung von Forschung und Lehre
Innerhalb der Ausbildung an Hochschulen und Akademien wird der Begriff der Darstellenden Künste ähnlich aktiv zu erforschen und in die Ausbildungsinhalte zu integrieren sein, wie das im zeitgenössischen Tanz schon lange Usus ist. Künstlerische Strategien, wie die oben genannten, sind als Inhalte und Praxispotenziale zu berücksichtigen und die kanonisierten Auseinandersetzungen auf Fragen der Gegenwart hin radikal zu öffnen. Entsprechende Impulse gehen beispielsweise vom Institut für angewandte Theaterwissenschaften in Gießen aus, aber auch vom Departement Darstellende Künste und Film der Zürcher Hochschule der Künste, das seit einigen Jahren engste Verknüpfungen von Forschung und Lehre betreibt, Forschungsaktivitäten der Dozierenden fördert und Erkenntnisse aus Forschungsprojekten in die Lehre transferiert, resp. diese generiert. Themen sind die von Milo Rau betriebenen Formate des „Reenactments“, die Entwicklungsperspektiven des Schauspiels, die Schnittstelle zwischen den Darstellenden Künsten (Tanz/Theater/Performance), die Theorie der Darstellenden Künste und die Entwicklung eines dritten Ausbildungszyklus (statt Promotion explorative künstlerische Formate). Ein erstes Projekt, das im Rahmen eines postgradualen Aufenthalts am Departement neue Aufgabenstellungen für die Darstellenden Künste untersuchen und realisieren will und damit auch der Exploration dieses Ausbildungsfeldes dient, ist im Entstehen: Untersuchungsgegenstand und Produktionsinteresse sind theatrale, politische Strategien der subversiven Affirmation.
Die Form der Diskussion von Darstellungspraktiken wird sich mit der Bedeutung der Reflexionsfähigkeit beschäftigen müssen, mit einem Verständnis des darstellenden Menschen als Künstler. Das Versprechen der „performativen Wende“ hat das Ende der Repräsentation diagnostiziert. Inzwischen wird  der Akt des darstellenden Handelns selbst als Zentrum theatralen Handelns verstanden. Die Darstellungs-Sehnsucht, die die Interessierten an die Hochschulen treibt, ist zu konfrontieren mit der Infragestellung der Darstellungsgegenstände (Theaterstücke, Rollen). Wenn das Spiel ein Potenzial von sozialen Optionen wird, kann es  ausprobieren, was soziale Grenzen und Abhängigkeiten, Forderungen und Restriktionen sind.
Theater als „eine der radikalsten Formen der Erprobung des Sozialen“ zu lehren und zu entwickeln, eröffnet die andere Seite einer möglichen Zukunft der Darstellungspraxis. Ein angemessenes Nutzen der Krise ist die Hinwendung zu dieser sozialen Funktion des Theaters. Für Kunstpraktiken auszubilden, die wir alle noch nicht kennen, hieße dann: Statt Figuren sind Sachverhalte darzustellen; Neues ist zu erfinden, das nicht den Bedürfnissen eines prekären Marktes entspringt (Spielplan, Feuilleton, Auslastung, öffentliche Finanzen), sondern dem künstlerischen Bedürfnis, das eigene Terrain zu problematisieren, deren Grenzen und Schranken zu erkennen und zu überwinden und sich einer Öffentlichkeit zu stellen, die nur darauf wartet, überrascht zu werden. Forschendes Lehren thematisiert das Theater als Praxis des sozialen Experiments und macht es als solches verstehbar, vor allem aber auch: lebbar von künftigen Darsteller_innen. Abkehr von der Theaterliteratur muss nicht heißen, dass diese Kunst der darstellenden Figuration ganz verlorengeht. Sie als eine von vielen anderen, zeitgemäßeren Formen des Spiels zu identifizieren, ist Aufgabe der Theaterausbildung heute. Die Optionen des Spiels, der Spiel- und Darstellungsformen zu definieren und zur Verfügung zu stellen, entspricht den Dynamiken der Arbeitsfelder. Diese sind in die Entwicklung der Lehrangebote einzubeziehen, bestenfalls vorwegzunehmen,   zumindest jedoch mitzubestimmen. 

1.)Baecker, Dirk: „Die Stadt, das Theater und die Naturwissenschaft der Gesellschaft“, Hebbel Theater Berlin Specials (April 2003). 

]]>
Für heute habe ich genügend fette Frauen gesehen https://whtsnxt.net/160 Thu, 12 Sep 2013 12:42:48 +0000 http://whtsnxt.net/fuer-heute-habe-ich-genuegend-fette-frauen-gesehen/

Die Prämisse klingt in unseren Ohren wie Ketzerei: Kunst sei nutzlos, ja komplett sinnlos und es wäre immer schon so gewesen und es würde auch immer so bleiben. Dem liegt die These zu Grunde, dass die Kunst – wie auch die Finanzindustrie – keinerlei Produkte und auch keine Dienstleistungen erzeuge. Kunst produziere keine Nahrungsmittel, keine Medizin, keine Energie, keine Baustoffe, keine Maschinen, keine Information, und auch keine Kultur, nicht einmal Sinn oder Wissen würde durch Kunst erschaffen, und das hieße, Kunst sei einzig und alleine für die Unterhaltung, die Ablenkung und die Befriedigung der Menschen da, und ab und zu diene sie auch als Statussymbol und Geldwaschanlage für reiche und einflussreiche Menschen und Firmen, ja sie sei sogar verbraucherfreundlich, und dieser Zusatznutzen sei überhaupt das schlagendste Argument gegen die romantische Verklärung eines solch unregulierten Bereichs unserer Gesellschaft.

„Für heute habe ich genügend fette Frauen gesehen“,
anonymer Museumsbesucher.

Nun zur nahen Zukunft, dort wo Investitionen in elitäre und ekelhaft teure Kunst in Form von Ideen, Objekten, Zertifikaten auch für die Proleten der Unterschicht und für die Emporkömmlinge oder Statuserhalter der Mittelschicht möglich wird. Es drängt sich vordergründig der Vergleich zum Finanzmarkt der späten 1990er Jahre auf (Volksaktie, Dotcom, NASDAQ), kleine Investoren bekommen die Möglichkeit, sagenhaft teure Kunst kollektiv zu erwerben, häppchenweise und zu einem erschwinglichen Preis, mit dem Versprechen, dass diese Kunst auch auf immer und ewig an Wert zunehmen werde. Die Kleininvestoren können in einzelne Kunstwerke oder ganze Werkgruppen, in umfassende Nachlässe und in globale Kunstmarken – Künstler, Galerien, Auktionshäuser, Museen – investieren. Aber wie schon seit jeher fließt der Hauptanteil des Profits auf wundersame Weise bergauf, es werden Transaktionsgebühren aufgeschlagen und der konsolidierte Mehrwert bewegt sich dann unaufhaltsam in Richtung der 0,01%. Der Mensch von der Straße dient als immerwährend stumpfer und zunehmend einfacher zu manipulierender Liquiditätslieferant, durch Massenmedien dumm gehalten und durch Medikamente und Drogen gedämpft, unfähig zu eigenem Willen, dienen diese Arbeitsesel zur schnellen und günstigen Finanzierung des weiteren Wachstums des sogenannten Kunstmarktes, diesem korruptesten und intransparentesten Gebilde mit limitiertem Zugang, Pragmatiker nennen es Marktversagen, Verschwörungstheoretiker und Wirtschaftswissenschaftler sprechen von einer Oligarchie.
In der zweiten Hälfte der 2010er Jahre gibt es dann erstmals Anzeichen von Demokratisierung und Regulierung dieses plutokratischen Systems. Die neugegründete Art Exchange Commission (AEC) in Shanghai wird als globale Regulierungsbehörde eingesetzt und in der Folge werden die neuen großen Marktplätze, gegen allen Widerstand, von den Chinesen aufgekauft und verstaatlicht. Der chinesische Staat greift auch sonst stärker in den Kunstsektor ein und beginnt eine globale Kunsttransaktionssteuer zu erheben. Durch Förderungen, Stipendien und zielgerichtete Zensur wird etwas mehr Stabilität für die kapitalstarken Investoren und eine Grundsicherheit für die kleinen Anleger suggeriert. Kunstobjekte von staatlich finanzierten Künstlern werden zumeist als Bonds zertifiziert und vertrieben. Der Staat hat ein neues Finanzkunst-/Kunstfinanzinstrument geschaffen und finanziert damit Kunstsubvention. Das System wird selbsttragend und dadurch ein lohnendes Zielobjekt für profitorientierte Entitäten.
Parallel dazu geschieht der Durchbruch, in Form des Konzeptes der „virtuellen Existenz“: Das Kunstwerk muss von nun an nicht mehr existieren, um gehandelt zu werden, es genügt ein Zertifikat, um den Besitz zu manifestieren und zu legalisieren. Nun werden auch alle historisch relevanten Kunstobjekte verstaatlicht und eingezogen und nur noch zeitnahe, sogenannt zeitgenössische Kunst darf offen und virtuell gehandelt werden. Die Objekte und Dateien verschwinden in den Depots und auf den Servern der Institutionen zirkulieren legale und illegale Raubkopien und Zertifikate ungehindert. Dadurch wird die Kunst metaphysisch, sie beginnt erst im Moment ihrer eigentlichen Auflösung wirklich zu existieren.
Dieser radikale Schritt öffnet Tür und Tor für Spekulation, neue Transaktionsarten, geteilte Besitzmodelle und Handelssysteme entstehen und das neu erschaffene „Glaubenssystem“ basiert auf einer Pyramide, deren Basis aus Kunstmarken, und die darüber liegenden Ebenen aus Nachlasssystemen, Genres, Generationen, Kunstbewegungen und -szenen, besteht. Kunstbesitz wird nun ausschließlich in Fonds strukturiert, und durch die, dank der Digitalisierung, sehr hohe Bewegungsfähigkeit entwickeln sich neue Formen der Distribution. Der Markt bewegt sich in Richtung binäre Objekte – Zertifikate, Unterschriften, Gif-Animationen, Jpgs, Mp3, Filme, Textfiles und weitere historische Objekte wie html-, css- und flash-files sowie neue noch unbekannte Formate. Obsolete und mittlerweile illegale Konzepte der Finanzindustrie (Aktien, Derivative, Optionen, Futures, Credit Default Swaps), Arbitrage und die Idee des Hedge Fonds werden adaptiert. Nun steht dem globalen Crash des Kunstsystems nichts mehr im Wege.
Die Marktplätze verschieben sich dramatisch, von den verstaatlichten Institutionen und Marktplattformen, den historischen Kunstgalerien und den letzten übriggebliebenen Messen hin zu den neuen digitalen Hochgeschwindigkeitshandelsplattformen.
Die Dinosaurier der Kunstmessen werden in spektakuläre, oscarartige Preisverleihungsshows umgewandelt, um den Unterhaltungsaspekt des Kunstsektors und dessen Protagonisten optimal zu vermarkten. Kunst wird weiter popularisiert und immer mehr zu einem vordergründig praktischen Medium, vergleichbar mit Musik oder Film.
Der daraus entstandene moderne Kunstmarkt und seine Teilnehmer sind Maschinennetzwerke in denen sich, einst von Menschenhand geschaffene, komplexe Algorithmen autonom weiterentwickeln. Es dominiert der Hochfrequenzhandel: Serverfarmen in Dubai, anonyme Handelsteilnehmer, offshore Zertifizierungsgesellschaften, bitcoinartige Währungssysteme und andere, dem Menschen unverständliche und seiner Kontrolle gänzlich entzogene Technologien und Instrumente dominieren die Marktlandschaft.
Nun verlieren auch die Künstler komplett die Kontrolle über ihre Zuliefertätigkeit und die Netzwerke übernehmen die Kunstproduktion. Zu Beginn werden aufgrund der Analyse der Kunstgeschichte neue Konzepte errechnet und zertifiziert, ähnlich einem modernen Schachcomputer errechnen die Netzwerke optimale Varianten und Produkte. In der Folge werden alle Bereiche der Kunstproduktion autonom, und in einem ultimativen Akt der Autonomiemanifestation beginnen die Maschinencluster neue Identitäten, Marktsättigungslevels und Finanzierungs- und Marketingstrategien zu errechnen.
Die Konvergenz ermöglichte zu Beginn des binären Zeitalters die Benutzung einer Plattform für Handel, Produktion, Distribution und Konsumation von Kunst, und genau diese Konvergenz ermöglicht es nun den Netzwerken die Kunstproduktion zu emulieren, zu kapern und zu monopolisieren. Das Hauptargument: Die Qualität der Netzwerkkunst ist um ein vielfaches höher als die herkömmlich erstellten Produkte und auch die Kritik und das Bewertungssystem sind längst an die Netzwerke ausgelagert und in Folge übernommen worden.
Die Menschen sind obsolet geworden, sie sind reine Übersetzer, Beobachter ihres eigenen Machtverlustes und entweder Bewunderer der neuen Ästhetik oder fundamentalistische Kritiker jeglicher Netzwerkkunst. Die vormals neoliberalen Kuratoren und Kritiker dienen nunmehr als Handlanger, sie arbeiten als Assistenten für die virtuellen Instanzen – Historiker und Archäologen. Ihr Versuch, die Netzwerke zu verstehen, scheitert an der übermenschlichen Geschwindigkeit und an der unglaublichen Vielfältigkeit der Entwicklung. Es entsteht Natur pur, chaotisch und komplex und ohne Quellcode unmöglich zu interpretieren.
Nach einer längeren Periode der rein binären Kunst einigen sich die Netzwerke darauf, wieder materielle Objekte herzustellen. Sie beginnen 3D-Macher – vormals 3D-Drucker – zu entwerfen, diese wiederum drucken 3D-Macher, welche dann effektiv materielle Kunst herstellen können. Ehemalige Museen, Fast-Food Restaurants, Copy-Shops, Bibliotheken und Kleidergeschäfte werden Musterzimmer für die Zurschaustellung maschinengemachter Dinge. Offensichtlich haben die Netzwerke Ironie und einen Sinn für Romantik entwickelt, und es stellt sich die Frage, ob eine Art kollektives Bewusstsein mit verschiedenen Seinszuständen und Selbstkritik folgen wird.
Bis heute wurden in den Netzwerkarchiven keine Kunst gesichtet, die fette Frauen beinhaltet, und anonyme Museumsbesucher gibt es schon seit langen nicht mehr. 

]]>
Kunst im Kapital. Zur Reproduktion der Gegenwart https://whtsnxt.net/150 Thu, 12 Sep 2013 12:42:47 +0000 http://whtsnxt.net/kunst-im-kapital-zur-reproduktion-der-gegenwart/ »Umgekehrt ist Entkunstung der Kunst immanent, der unbeirrten nicht weniger als der, die sich ausverkauft.«1

In seiner 1970 posthum publizierten »Ästhetischen Theorie« charakterisiert Theodor W. Adorno die »Entkunstung der Kunst« als ihre moderne Verlaufsform, als Zustand fortgesetzter Desintegration. Sie ist die Kehrseite ihrer gesellschaftlichen Autonomie, die sich aufreibt zwischen der zunehmenden Identifikation der Kunst mit der industrialisierten Massenkultur auf der einen und der zunehmenden Entfremdung von den ererbten Formen der Aura auf der anderen Seite. Hatte die Aura vormoderner Kunst eben in ihrer Distanz zu den BetrachterInnen gelegen, in Vorstellungen objektiver Unmittelbarkeit des Dargestellten, so subjektivierte die Autonomisierung der Kunst diese Unmittelbarkeit und ließ sie in Abhängigkeit zu der Subjektivität geraten, deren Verwaltung in der Industrialisierung der Massenkultur Adorno beobachtet.
»Die Pole seiner [des Kunstwerks, KS] Entkunstung sind, daß es sowohl zum Ding unter Dingen wird wie zum Vehikel der Psychologie des Betrachters.«2 Schon Adorno ging es dementsprechend nicht um die Frage moralischer Integrität kultureller Artefakte, ihrer ProduzentInnen oder BetrachterInnen, sondern schlicht um deren materielle Existenzformen im Kapitalismus. Die Kunst als absonderliche Idealware, deren Produktion seinerzeit recht spätfeudal ausfiel und deren repräsentativer Wert in der Nachkriegszeit immer deutlicher zutage trat. In ihrer modernen Form ließen sich gesellschaftliche Realitäten auffächern, die in ihren solipsistischen Produktionen sichtbarer in den Vordergrund rückten als in der weit weniger narrativ geformten arbeitsteiligen Produktion kapitalistischer Industrien. Und genau diese Stellung, das Aufgespannt-Sein der Kunst zwischen ihrer Teilhabe an und Identifikation mit der Massenkultur, deren Luxussegment sie letztlich bildet (ihre formelle und reelle Subsumption unter das Kapital), und der Profanisierung ihrer repräsentativen Potenz in ihrer Ausdrucksautonomie (ihrer Reduktion auf ein bloßes Spiegelbild der Warenwelt) – diese Stellung markiert, was sich zwischen Adornos Gegenwart und unserer radikal verändert hat. Die ökonomischen Grenzen zwischen den unterschiedlichen Segmenten kultureller Produktion und die gesellschaftlichen zwischen den Kunstobjekten und ihren BetrachterInnen, deren Verschwimmen er als Entkunstung betitelt, wurden in den letzten 50 Jahren künstlerisch zielgerichtet eingerissen und ökonomisch folgerichtig verdrängt.
Die Entkunstung hat sich innerhalb der vergangenen 50 Jahre, so mein Argument, aus der »ewigen Moderne«3 verabschiedet, und das nicht nur durch künstlerische Akte, sondern auch durch die Professionalisierung dieser Akte und die damit einhergehende Kapitalisierung ihrer Produktionsbedingungen. Dies bezieht sich auf Veränderungen in der Art der Kunst ebenso wie der ProduzentInnen. So studierten in den frühen 1940ern in den USA nur 60 Graduierende an elf Universitäten freie Kunst, 1950/51 waren es 322 an 32 Institutionen, bis in die 1970er eröffneten 75 neue MFA-Programme, und von 1990 bis 1995 wurden allein in den USA 10.000 MFA-Abschlüsse in freier Kunst vergeben.4 Nur ein verschwindend kleiner Teil der so Ausgebildeten überlebt als KünstlerInnen – ihr überwältigender Großteil wird zu assistierenden Arbeitskräften, die in das Produktions- und Distributionssegment des Kunstbetriebs hineindrängen und darin unterschiedlichste Funktionen erfüllen.
In der Gegenwart ist die Entkunstung zum Alltagsgeschäft geworden. Große Teile des Kunstmarkts ebenso wie der Ausstellungslandschaft setzen sich zusammen aus Waren unter Waren, deren einziger Zweck die »Reizung« der BetrachterInnen ist. Doch die Produktionsbedingungen, die diese Verallgemeinerung der Entkunstung zum zentralen Charakteristikum massenhafter Hochkultur machten, formen in ebendiesem Maße diejenigen künstlerischen Artefakte und Haltungen, die weiterhin versuchen, Potenziale der Kunst jenseits ihrer Entkunstung zu realisieren. In unserer Gegenwart kapitalistischer Krisenhaftigkeit, die weder ökonomisch noch politisch abzureißen scheint, bedeutet diese systematische Professionalisierung die objektive Teilhabe der Kunst nicht nur an den Diskursen und Kalkulationen nationaler und supranationaler Krisenökonomien, sondern ebenso an der möglichen Repolitisierung der Reproduktionsbedingungen des Kapitalismus.

Es wurde einmal …
Dass Adorno eine »Ästhetische Theorie« und keine »Künstlerische Theorie« schrieb, ist entscheidend. Sein Verständnis der künstlerischen Moderne richtet sich darauf, die Kunst als ein Erkenntnisvermögen anzusehen, als Gegenüber der Philosophie und damit als geistige im Gegensatz zur körperlichen Arbeit. Und um deren Unterscheidung und ökonomische Ausdifferenzierung kreist wesentlich der Umschlag der Moderne in die Gegenwart. Die Entkunstung ließ sich für Adorno einzig mit den Mitteln der Ästhetik aufhalten, doch bereits er blickte auf eine überlebte Moderne, in der die Erkenntnis gewaltsam aufs Material zurückgeworfen worden war. Er schrieb eine »Ästhetische Theorie« derjenigen Überreste bürgerlicher Hochkultur, die durch die Kriegsökonomie, die auf ihr aufbauende sprunghafte Industrialisierung der Massenkultur, durch den Faschismus in Europa und die nationalsozialistische Kollektivierung in Deutschland ihren Sinn verloren hatten und diesen im Angesicht einer Kapitalisierung der Kultur und der industriellen Vernichtung ihrer Subjekte neu begründen mussten. Die Entkunstung war als gewaltsame Identität von Hoch- und Massenkultur, ebenso wie von Subjekt und Objekt durchgesetzt worden – und deren neuerliche Trennung nach dem Sieg der Alliierten war nur noch formal. Ihre Materialisierung jedoch musste an derjenigen gesellschaftlichen Gegenwart geleistet werden, auf die Deleuze 1968 ganz anders blickte: »Der Strukturalismus ist […] ein Denken […], welches es [das Subjekt, KS] zerbröckelt und es systematisch verteilt, welches die Identität des Subjekts bestreitet, es auflöst und von Platz zu Platz gehen lässt, ein Subjekt, dass […] aus Individuationen besteht, aber aus unpersönlichen, oder aus Besonderheiten, aber aus vorindividuellen.«5 So verworren dieses Zitat erscheint, so klar zeichnet es die Situation nach, die auch Adorno zeitgleich betrachtete – die Existenz des bürgerlichen Subjekts nach seinem historischen Untergang.
Es war in gewisser Weise Adornos Perspektive einer erkenntnistheoretischen Negation im Namen der Ästhetik, die der Kunst äußerlich geworden war – die Hochkultur, deren Ideal um das des Subjekts kreiste, geriet aus der Form. In der gesellschaftlichen Spaltung der geistigen und körperlichen Arbeit war stets ihre Entkunstung enthalten gewesen, ihre materielle Gleichgültigkeit ebenso wie ihre psychologische Austauschbarkeit. Doch die Realisierung dieser Tendenz als tatsächliche politische Gewalt ließ die Autonomie als Heteronomie wiederkehren. Die Entkunstung der Kunst wird so gewissermaßen zur Rückkehr der politischen als ökonomischer Gewalt. Von einer »Ästhetischen Theorie« der Moderne aus betrachtet stellten sich die 1950er und 60er für Adorno daher als fortgesetztes »Endspiel« dar, als Wiederholung der bürgerlichen Kunstautonomie unter unerträglichen Maßgaben, während sich Deleuze die Moderne nicht mehr als integriertes Feld gescheiterter Autonomie präsentierte, sondern »jenseits ihrer selbst«, durchzogen von politischen Versuchen, innerhalb der Heteronomien Punkte einer Affirmation aufzubauen, von denen aus dem Kapitalismus zu begegnen sei. Was also, wenn man den historischen Bruch der Moderne durch den Zweiten Weltkrieg nicht nur als uneingeschränkten Durchbruch geschichtlicher Negation versteht, sondern ebenso als Produktionszusammenhang, als materielle Basis einer Gesellschaft, in der die (Hoch-)Kultur reelles Kapital wurde und in der daher auch ihre Produktion und Rezeption nicht länger zeitlich und räumlich voneinander getrennt stattfanden? Otto Karl Werckmeister beschreibt 1971 diesen Zusammenhang als das Eintreffen der künstlerischen Produktion in der Gegenwart:
»Van Goghs und Cézannes Bilder waren autonom und unverkäuflich; erst allmählich, nach dem Tod der Maler, stiegen sie auf ihren heutigen Millionenwert. Die moderne Kunst, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ohne jede Rücksicht auf das bürgerliche Publikum begonnen hatte, wurde nach und nach von diesem assimiliert, in einer immer schnelleren Rezeption, die nach dem Zweiten Weltkrieg volle Gleichzeitigkeit mit der künstlerischen Produktion erreichte.«6
Den Beginn der Gegenwartskunst, den Werckmeister in der Rezeption markierte, möchte ich in Kategorien ihrer Produktion reformulieren: Van Gogh und Cézanne war es nicht möglich, sich als Künstler zu ernähren. Ihre Produktion fand individuell und vereinzelt statt – verbunden nur durch ihr persönliches, inhaltliches wie finanzielles Engagement. Die zunehmende kulturelle Einrichtung des Bürgertums als Klasse im Übergang ins 20. Jahrhundert bedeutete ein erhöhtes Kauf- und Rezeptionsinteresse an »moderner« Kunst, eine Identifizierung des Künstlers als Berufsbild und seiner Produktion als Arbeit. Der kunstimmanente Versuch der künstlerischen Avantgarden, sich von dieser Gönnerschaft unabhängig zu machen, geriet durch den Faschismus und dessen Krieg in Europa in eine finanzielle wie auch eine Bedeutungskrise, und mit der Nachkriegswirtschaft wurden die künstlerischen ProduzentInnen zum Teil einer kapitalistischen Modernisierung, innerhalb derer ihr eigener Produktionsort inmitten der Massenkultur lag. Wie Alison und Peter Smithson 1956 formulierten: »We cannot ignore the fact that one of the traditional functions of fine art, the definition of what is fine and desirable for the ruling class, and therefore ultimately that which is desired by all society, has now been taken over by the ad-man.«7
Die Gegenwartskunst beginnt also nicht zuletzt durch die soziale und ökonomische Neupositionierung der Kunst im westlichen Nachkriegskapitalismus, und New York stahl nicht unbedingt die Idee der modernen Kunst, sondern reinszenierte sie als kapitalisierte Expansionsnische »Gegenwartskunst«. Was Serge Guilbaut als faktische Entpolitisierung der revolutionären Moderne und, was ihre Repolitisierung betrifft, als Medium des Kalten Kriegs nachzeichnet8, ist gleichzeitig ihre materielle Neupositionierung; nicht nur im viel gescholtenen Massenkonsum, sondern ebenso in der ihm zugrunde liegenden Massenproduktion.
Helen Molesworth argumentiert, dass Ende der 1950er erstmals über 50 Prozent der US-AmerikanerInnen im Dienstleistungssektor angestellt waren und gleichzeitig in der Kunst eine Bewegung einsetzte, in der KünstlerInnen ein Selbstverständnis als »Art Workers« entwickeln.9 Eine Bewegung, die nicht zuletzt auf einer faktischen »Proletarisierung« im Unterschied zur Vorkriegssituation aufbaut, als im Rahmen der Works Progress Administration in den 1930ern KünstlerInnengewerkschaften erfolgreich für staatliche Finanzierungen künstlerischer Tätigkeit gekämpft hatten.10 Aber Molesworth wie auch Julia Bryan-Wilson11 unterstreichen, dass diese Politisierung des künstlerischen Selbstverständnisses in den 1960ern im Gegensatz zur gewerkschaftlichen Organisierung der Vorkriegsjahre stand. Hier ging es nicht so sehr um die Anerkennung von Kunst als Lohnarbeit (labour) wie um ihre Selbstbestimmung als eigenständige Arbeit (work). Molesworth wie auch Bryan-Wilson beschäftigen sich in diesem Zusammenhang ausführlich mit der Art Workers Coalition (AWC) der späten 1960er und der Konzeptualisierung künstlerischer Arbeit. Ich möchte hier jedoch auf einen anderen Aspekt abheben, denn ich ziele auf eine Bestimmung der nach 1945 veränderten Produktionsbedingungen der Kunst. Das neuerliche Selbstverständnis als »Art Workers« resultierte aus der von Werckmeister dargestellten Gleichzeitigkeit, der die künstlerische Produktion nun ausgesetzt war und auf deren Basis die künstlerische Arbeit ins Zentrum des Interesses rückte.

… ungleichzeitig …
Seinen berühmten Kunstwerkaufsatz leitet Walter Benjamin mit einer Bemerkung über den Stand der Kunst innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ein. Dass nämlich »die Umwälzung des Überbaus […] viel langsamer als die des Unterbaus vor sich geht« und »mehr als ein halbes Jahrhundert gebraucht [hat], um auf allen Kulturgebieten die Veränderung der Produktionsbedingungen zur Geltung zu bringen.«12 Von hier aus zurückblickend auf Werckmeisters Argument über die Veränderungen der Wahrnehmbarkeit von Gegenwartskunst nach 1945 und die Beobachtung der Smithsons über deren gesellschaftliche Verrückung in demselben Moment könnte man argumentieren, dass die ursprüngliche Akkumulation, deren Bewegung Benjamin in der Kultur beobachtete, die fortgesetzte Institiuierung der Kunst innerhalb kapitalistischer Produktion charakterisiert. Die Konzentration auf die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung unterschiedlicher Produktionsbereiche innerhalb des Kapitals eröffnet nicht nur ein erweitertes Verständnis der Produktionsbedingungen der Kunst, sondern auch eines ihrer Verwandtschaft zu anderen Bereichen der Gesellschaft, dem gesellschaftlichen »Überbau«; derjenigen anderen Bereiche der Kultur, der die moderne Kunst zu entfliehen hoffte, und dem seit den 1960ern mehr und mehr Teile der Kunstproduktion arbeitsteilig zufielen.
Doch wie wurde die materielle Verwandlung der modernen in die Gegenwartskunst von einer sich ökonomisch durchsetzenden gesellschaftlichen Verschiebung zu einer in der künstlerischen Produktion aktiv erwiderten Praxis? In diesem Zusammenhang sind die »Art Workers« der 1960er in mehrfacher Hinsicht zentral. Zum einen, weil sie eben diejenige Ungleichzeitigkeit, die Benjamin beschreibt, vermissten, da ihre Produktion in den Bereich gesellschaftlicher Sichtbarkeit gerückt war. Zum anderen, weil die Selbstidentifizierung der KünstlerInnen als ArbeiterInnen wiederum in klarer Ungleichzeitigkeit zu den wesentlich zügigeren Entwicklungen des »Unterbaus« stattfand; sich mit der Desidentifikation der Kunst mit Lohnarbeit auch deutlich von dieser abgrenzte. Die Entsolidarisierung der »Art Workers« mit ihrer Funktion innerhalb eines breiten Verständnisses von Kulturproduktion, ihr Festhalten an der Kunst gegen deren faktische Entkunstung, markiert eine noch in der Gegenwart omnipräsente Position: die Bestätigung der Kunst als geistiger, im Gegensatz zur körperlichen Arbeit.
Jeff Wall beschreibt einen Übergang des »Kunstproduktivismus« der 1960er zu dessen Identifizierung mit dem Dienstleistungssektor, der ab den 1950ern in der Realwirtschaft boomte: »If Warhol could imitate a media firm, others coming after him could imitate a museum department, a research institute, an archive, a community-service organisation and so on – that is, one could develop, a mimesis, still within the institution of art, of any and every one of the potential new domains of creativity suggested by the conceptual reduction, but without thereby having to renounce the making of works.«13
So sehr ich Wall recht geben würde, dass ebendiese Imitation zu einem wesentlichen Konstruktionsprinzip der Kunst dieser Zeit wurde, so wenig würde ich die im Zitat unterstellte Annahme teilen, dass ein solcher »Werkcharakter« unterschiedslos auf Pop, Konzeptkunst und Institutionskritik projizierbar ist. Wesentlich ist allerdings die Entkörperlichung der imitierten Verhältnisse, denn die Arbeit der jeweiligen Institution wird als geistige Arbeit wiederholt, nicht als Zusammenspiel aus Produktion und Reproduktion, die gleichzeitig in der Verlagerung der Kunstproduktion auf AssistentInnen, Museums- und Galerieangestellte immer zentraler wurde. Und es ist ebendieser Ausschluss der Reproduktion, auf den ich abschließend eingehen will.

… und es wird wieder …
»Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind.«14
Eine wesentliche Bestimmung des Kapitals nach Karl Marx ist dessen Existenz als Reproduktionsmaschinerie seiner Produktionsbedingungen. In Bezug auf die künstlerischen Imitationsformen kapitalistischer Produktion seit den 1960ern und ihre reelle Subsumption unter diese stellt sich also die Frage, inwieweit diese Rolle der Reproduktion in Bewusstsein und Praxis der Gegenwartkunst vorrückte. Hieran bemisst sich nicht zuletzt, inwiefern sie sich von einem bloßen Modernismus mit neuem Antlitz entfernte, sich von der nostalgischen Liebe zu Vorkriegsproduktionsbedingungen verabschiedete oder inwiefern sie deren Insistieren auf eine vergleichslose individuelle Produktion, abhängig allein von der geistigen Arbeit, für die Gegenwart wiederholt.
Die moderne Kunst bei Adorno machte sich gegenüber der Marx’schen Reproduktionsbewegung blind, ihre Realisierung in deren Termini wäre ihrer vollständigen Entkunstung gleichgekommen: Schon auf der Basis individueller künstlerischer Produktion von einer Identität mit dem Kapital auszugehen, verkennt deren gesellschaftlichen Ausschluss aus der eigenen Reproduktion. Führt man sich jedoch die Professionalisierung der Produktivkräfte in der Gegenwartskunst vor Augen, wie sie Diedrich Diederichsen so treffend beschreibt, dass nämlich die Kunstware heute nicht lediglich die »Abstraktion der lebendigen Arbeit eines Künstlers [enthält], sondern auch die zusätzlicher, nichtkünstlerischer lebendiger Arbeit von arbeitsteilig mitarbeitenden Angestellten und Assistenten des Künstlers, sowie die Arbeit von Sub-Firmen wie Druckereien, Gießereien etc., darüber hinaus […] die spirituelle Führung all dieser subalternen Arbeiten durch einen Chef«15, so wird klar: Die in den 1960ern noch unschuldig wirkende Strategie der »Entmaterialisierung«16 der Kunst in Reaktion auf ihre Materialisierung als Warenwert war keineswegs folgenlos, sondern trug in sich Annahmen über die kapitalistische Organisierung der Arbeit, die ihre Kapitalisierung vorantrieb, statt sie zu konterkarieren.
Denn, um innerhalb der Marx’schen Termini zu bleiben, bei der von Adorno als modernistische Vereinzelung charakterisierten künstlerischen Produktion handelte es sich um unproduktive Arbeit. Mit der bei Warhol als Teil seiner Kunst inszenierten Arbeitsteilung allerdings ging zunehmend produktive Arbeit in die Herstellung von Kunst ein. Dies bedeutet zum einen eine Professionalisierung der künstlerischen Produktion im Sinne aller kulturellen Produktion im Kapital, zum anderen das Entstehen der Kategorie »gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit«17 in diesen Bereichen, also der Vergleichbarkeit künstlerischer Produktion aufgrund ihrer Produktionsmittel. Seit den 1960ern entsteht also nicht nur eine immer größere Menge ausgebildeter KünstlerInnen, sondern auch ein ökonomisches System, das diesen unterschiedliche Rollen im expandierenden Kapitalsegment der Gegenwartskunst zuweist. Dies wäre banal, hätte sich nicht die Kritik des in der Gegenwartskunst durchgesetzten Kapitalverhältnisses immer wieder auf Figuren der Moderne gestürzt, die eben den Ausschluss der Reproduktion aus dem Blick bedeuten: die Glorifizierung der geistigen Arbeit und deren Kapazität, »Neues« zu schaffen.
Hier lässt sich die Bedeutung künstlerischer Produktionen wie Claes Oldenburgs Umnutzungen von Straßenmüll, Allan Kaprows Kunst als Wiederholungsforum, Mierle Laderman Ukeles »Maintenance Art«, General Ideas »Drags« der Heterosexualität, Mel Bochners Auffaltung von Sprache als unzureichend reproduktive Struktur, Lee Lozanos Boykott-Serien und Richard Princes immer bereits vorgängigen Cowboys kaum überbetonen. Die beschränkte Kategorisierung gut der Hälfte dieser Positionen unter »Feminist Art« unterschlägt vor allem eins: dass der Einbezug der Reproduktion in die Kunst auf mehr als nur der Ebene des in ihr Dargestellten eine grundsätzliche Abkehr nicht nur von der modernen Idee des geistigen Schöpfertums bedeutet, sondern auch eine Antizipation gesellschaftlicher Solidarisierung, die über die Kunst hinausgreift und ihre Identität mit anderen Reproduktionsbereichen der Gesellschaft offenlegt: ihre politisch-ökonomischen Produktionsbedingungen, die eben keine rein ästhetischen sind.
Silvia Federici kennzeichnet in ihrer Kritik des Postoperaismus die »Erfindung« der »immateriellen Arbeit« und deren weiblicher Form, der »affektiven Arbeit«, als eine Flucht der Kapitalismuskritik in den Überbau, die blind gegenüber den materiell Arbeitenden ebenso wie gegenüber der materiellen Reproduktion ist.18 Deren fortgesetzte ideelle ebenso wie materielle Identifikation mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau ist Beleg für eine Beschränkung der Kapitalismuskritik, die nicht von dessen wesentlichem Movens, der Reproduktion, ausgeht, sondern einer Fetischisierung der Produktion folgt. Federici identifiziert Hausarbeit als Arbeit, und das gilt allgemein: Alle reproduktive Arbeit muss folgerichtig als, oder besser in der produktiven Arbeit identifiziert werden. Auf nicht anderes pochen W.A.G.E.19 in ihren Forderungen danach, künstlerische Arbeit in Lohnarbeit zu verwandeln und damit künstlerische Produktion jenseits ihrer arbeitsteiligen Expansion zu ermöglichen. Bei W.A.G.E. löst sich die Lohnforderung dabei in den besten Momenten davon, staatlichen oder kapitalistischen Institutionen den eigenen künstlerischen »Mehrwert« anzubieten. Hier handelt die Lohnforderung nicht vom gesellschaftlichen Wert der Kunst, den es bildungsbürgerlich zu affirmieren gälte – sondern davon, die eigene Produktion ganz formal als Reproduktion zu reklamieren, jenseits von denjenigen Inhalten, die nicht und niemals mit den oder anhand der staatlichen Autoritäten zu diskutieren sind.
In der Darstellung des politischen Zusammenhangs zwischen der Form der Produktion und deren Inhalten bleibt derjenige Modernist im Recht, der am konsequentesten mit den Modernismen brach, Bertolt Brecht: »realismus: die gewöhnliche anschauung ist, dass ein kunstwerk desto realistischer ist, je leichter die realität in ihm zu erkennen ist. dem stelle ich die definition entgegen, dass ein kunstwerk desto realistischer ist, je erkennbarer in ihm die realität gemeistert wird. […] sowohl um die herrschaft zu erkämpfen als auch um sie zu behalten, braucht die arbeiterklasse realismus, handelnd und reflektierend, und das ist nichts besonderes, auch die bürgerklasse brauchte realismus und braucht ihn weiterhin.«20
Arbeiterklasse und Bürgertum mögen heute gesellschaftlich verwischte Kategorien sein, als Maße politischer Parteinahme bleiben sie klar unterschieden. Wo der künstlerische Realismus nur jener der Bürgerklasse ist, die sich die geistige Arbeit als Hort der Freiheit beibehalten will, bleibt jede politische Rhetorik in ihr konservativ. Wo aber der künstlerische Realismus einen Realismus der Arbeiterklasse, künstlerisch oder nicht, vorstellt, finden sich in ihm Möglichkeiten für Solidarisierungen in der Perspektive der gesellschaftlichen Reproduktion. Adornos Entkunstung ist heute zweiseitig: Sie bleibt die Drohung des Kapitals gegen die geistige Arbeit, doch wurde sie gleichzeitig zum strategischen Einsatz in der Bekämpfung seiner Reproduktionsbedingungen.Eine solche künstlerische Politik der Reproduktionsbedingungen müsste sich jedoch aufseiten der KünstlerInnen ebenso wie auf der von uns KuratorInnen und AutorInnen finden. Auch wir müssten hierfür die Reproduktion in der Produktion in den Vordergrund zerren, uns bei der fortgesetzten Arbeit von KünstlerInnen aufhalten, statt nach dem stetig neuesten Einzelexempel im Meer der Kunstwaren zu suchen, nicht monografische Œuvres etablieren, sondern Repertoires zueinander im Verhältnis verstehen und die Kunst als unsere gemeinsame Grenze, als Produktionssegment im kriselnden Kapitalismus annehmen, statt als gloriose Ausnahme einer auf ewig naturalisierten Moderne.
Zentrale Motive des Textes stammen aus dem gemeinsamen Arbeiten mit Roger Behrens, Eva Birkenstock, Oliver Jelinski, Christiane Ketteler, Anja Kirschner und David Panos, Michaela Melián, Johannes Paul Raether, Amy Sillman, Wibke Tiarks und Marina Vishmidt, das »Repertoire« im Speziellen aus einer Diskussion mit Ian White.Eine frühere Version dieses Textes wurde am 2. Dezember 2011 im Rahmen der Reihe »Beau Travail – Vortragsreihe zum Thema Arbeit« in der Halle für Kunst Lüneburg vorgetragen.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien zuerst in springerin 1/2012, S. 30-35 sowie unter: http://www.springerin.at/dyn/heft_text.php?textid=2566&lang=de Seite [8.4.2013].

1.) Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1970, S. 94.
2.) Ebd., S. 33.
3.) Vgl. Otto Karl Werckmeister, Das Kunstwerk als Negation, in: ders., Ende der Ästhetik. Frankfurt am Main 1971, S. 12ff.
4.) Helen Molesworth, Work Ethics, in: dies., Work Ethic, Ausstellungskatalog. Baltimore, 2003, S. 32.
5.) Gilles Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus? Berlin 1992, S. 55.
6.) Werckmeister, a. a. O., S. 9.
7.) Alison & Peter Smithson, But today we collect Ads, in: Steven Henry Maddoff (Hg.), Pop Art – A Critical History. Berkeley 1997, S. 3.
8.) Vgl. Serge Guilbaut, Wie New York die Idee der Modernen Kunst gestohlen hat. Basel 1997.
9.) Molesworth, a. a. O., S. 27.
10.) Vgl. Andrew Hemingway, Artists on the Left, 1926–1956. New Haven 2002.
11.) Julia Bryan-Wilson, Art Workers. Berkeley 2009, zum Beispiel S. 26ff.
12.) Walter Benjamin, Das Kunstwerk Im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: ders., Gesammelte Schriften I.2, hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt am Main 1991, S. 350.
13.) Jeff Wall, Depicition, Object, Event. Hermes Lecture, 2006, www.hermeslezing.nl/lezingtekst_en.html [8.4.2013].
14.) Karl Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW Bd. 25. Berlin 1990, S. 278.
15.) Diedrich Diederichsen, On (Surplus) Value in Art. Berlin 2008, S. 77.
16.) Lucy Lippard, Six Years: The Dematerialization of the Art Object from 1966 to 1972, Berkeley 1973, passim.
17.) Marx, a. a. O., S. 150.
18.) Silvia Federici, Precarious Labour: A Feminist Viewpoint, in: Variant, Issue 37/38, www.variant.org.uk/pdfs/issue37_38/V37preclab.pdf [8.4.2013].
19.) Vgl. www.wageforwork.com [8.4.2013].
20.) Bertold Brecht, Arbeitsjournal 1938–1955. Hg. v. Werner Hecht. Berlin 1973, S. 82 und 310.

]]>
Revolution statt Revue. Zwölf-Punkte-Programm von Karlheinz Schmid zur Neuordnung im Kunstbetrieb https://whtsnxt.net/139 Thu, 12 Sep 2013 12:42:46 +0000 http://whtsnxt.net/revolution-statt-revue-zwoelf-punkte-programm-von-karlheinz-schmid-zur-neuordnung-im-kunstbetrieb/ Überall diese aus einem falsch interpretierten Toleranzbegriff heraus entwickelte Verhaltenheit, letztlich Gleichgültigkeit. Das vermeintliche Aufflammen von Anteilnahme, von Interesse an der Kunst und am Kunstbetrieb, ja, oft nichts weiter als ein vorübergehendes Phänomen. Ein bisschen Unterhaltung darf sein, die Künstler als Hofnarren wie einst, die Galeristen als willfährige Diener einer Gesellschaftsschicht, die ihre Villen und sich selbst mit Gegenwartskunst schmückt. Im Partygespräch bleiben, rechtzeitig wieder in die nächste Auktion geben, was gerade eben noch preisgünstig erworben wurde, weil man, clever, schlichtweg behauptet hat, ein weiteres Privatmuseum eröffnen zu wollen. Um Kapitalanlage geht’s, um persönliche Reputation mancher Leute, die sich Sammler nennen, aber eigentlich Jäger sind, Trophäenjäger. Wirkliche Auseinandersetzung mit Kunst? Meist Fehlanzeige. Und so nimmt überhand, was der Kunst dienen sollte, nämlich jene inzwischen marode Infrastruktur, die sich in einem zunehmenden Markt leicht austauschbarer Bilder verselbständigt hat.
Was bleibt, ist die Forderung, allemal der Wunschtraum, subversives Potenzial zu aktivieren, das allzu gut geschierte Kunstrevuetheater tüchtig aufzumischen, es revolutionär zu unterwandern. Denn der einst von Klaus Staeck editierte Sand fürs Getriebe ist zermahlen. Dieses Betriebskarussell dreht sich mit atemberaubender, alle Sinne tötender Geschwindigkeit, und weit und breit ist niemand zu sehen, der in der Lage wäre, die Bremse zu treten, das hochtourige Fahrgeschäft allein aus Sicherheitsgründen zu stoppen. Das dringend Handlungsbedarf auflösende Debakel beginnt bei Fragen einer falschen Besteuerung von Lichtkunst und endet keinesfalls dort, wo der 2010 aufgedeckte Kunstfälscherskandal um die Beltracchi-Bande bis heute zu keinerlei Konsequenzen im Gutachterwesen geführt hat, beinahe so, als habe man es verlernt, aus dem Schaden klug zu werden. Das ist der eigentliche Skandal am Skandal. Höchste Zeit also, mit einem naheliegenden Zwölf-Punkte-Programm etwas Juckpulver in Debatten zu streuen, die bislang keine sind, weil es um nichts oder nicht viel geht, weil kürzlich auch im Guggenheim Lab in Berlin mehr gebastelt, als gedacht wurde.
Erstens: Die überbordende Kunstproduktion muss reduziert werden. Natürlich kann jeder seinen persönlichen Bilderberg nach Gutdünken aufhäufen und Lager um Lager mit Relikten eigener Selbstverwirklichung füllen; aber warum soll für jedes mehr oder weniger gelungene Werk ein Käufer und Öffentlichkeit gefunden werden, warum laufend weitere Galerien eröffnen, sind doch heute schon genug qualitativ ungenügende Werke im Markt? Ergo: Die Zahl der Kunsthochschulen sinnvoll verringern, die Ausbildung strengeren Kriterien unterwerfen, um auch weniger Menschen in Arbeitslosigkeit und in die Armut zu treiben, was volkswirtschaftlich unverantwortlich ist.
Zweitens: Der seit Jahren in nahezu allen Bundesländern leidende, teils sogar abgeschaffte Kunst- und Musikunterricht an den Schulen muss vollumfänglich wieder aufgenommen und sogar verstärkt werden. Es kann nicht sein, dass eine Gesellschaft, die sich bei jeder passenden Gelegenheit als Land der Dichter und Denker vorstellt, dem Nachwuchs keine Chance gibt, sich kulturell zu bilden, etwas von jenen Energien zu inhalieren, die eben nur über die sinnliche Wahrnehmung und die anschließende intellektuelle Verarbeitung vermittelt werden.
Drittens: Insgesamt gilt es, die Ausbildungen zu verbessern. Mögen auch vereinzelt Bildungsangebote für angehende oder bereits tätige Galeristen, Kuratoren und Kritiker gemacht werden: Die gesamte Vermittlungsbrache ist unterbelichtet. Wie so oft: Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht zuletzt fehlen den meisten Museumsdirektoren, überwiegend Kunsthistoriker, die Voraussetzungen für ihre Führungsaufgabe, weil sie weder betriebswirtschaftliche noch sonstige Kenntnisse einbringen können, die über das rein Fachliche hinausgehen. Fortan sollte das Doppelstudium oder ein kombinierter Ausbildungsgang verpflichtend sein.
Viertens: Die Dominanz der Kuratoren ist unerträglich – zumal die Künstler selbst mittlerweile im Schatten dieser übermächtigen Ausstellungs- und Projektemacher stehen. Hier muss gegengesteuert werden. Kuratoren sind Dienstleister, die die Kommunikation zwischen den Produzenten und dem Publikum fördern sollen. Dass sie heutzutage meist selbst wie Künstler agieren führt beinahe automatisch dazu, dass sie, die Kuratoren, ihre „Vormund“-Stellung (lat. curator gleich Vormund) missbrauchen und mit Kunst das nicht aus der Kunst kommende illustrieren.
Fünftens: Vor allem in den Ländern und Kommunen müssten Politiker lernen, dass die Kultur keine Sparprogramme verträgt. Investition in die Zukunft, sollte die Devise lauten, wo so gerne über nicht ausreichende Besucherquoten, kostensparende Synergien und das Engagement seitens der Privatwirtschaft geredet wird. Die öffentliche Hand muss ihre Verantwortung deutlicher spüren. Selbstverpflichtung: Zehn Prozent des Gesamthaushalts für die Kultur!
Sechstens: Auch in Zeiten zunehmender Privatmuseen werden staatliche Institutionen gebaut oder wenigstens erweitert. Gut so. Was gar nicht so gut ist, sind die dann häufig offenen, zuvor wohl nicht kalkulierten Betriebskosten, die so manches Haus ins Abseits bringen. Weniger Ausstellungen, weniger Museumspädagogik, weniger Werbung – das kann keine Lösung sein.
Siebtens: Wo die Wirtschaft ihren Sponsoring-Beitrag leistet, wenn öffentliche kulturelle Institutionen finanzielle Unterstützung brauchen, müssen allgemein verbindliche Sp8ielregeln vorhanden sein. Transparenz lautet das Stichwort. Ein Kriterienkatalog, der überall anwendbar und einsehbar ist, verhindert dubiose Vereinbarungen, die zum verrat der Kunst und zur Desavouierung des Museums oder des Kunstvereins führen können.
Achtens: Im Zuge der anstehenden Mehrwertsteuer-Neuregelung nach Intervention der EU, die – nebenbei betrachtet – die Schwarzgeldmenge im Kunsthandel erhöhen wird, muss daran gedacht werden, dass die Lichtkunst und insbesondere die Fotografie bislang nach höchstrichterlichen Entscheidungen benachteiligt sind. Auch hier ist Nivellierung erforderlich.
Neuntens: Sämtliche Kunstwerke insbesondere der Klassischen Moderne, die in Auktionen laut Schätzpreis über 100 000 Euro bringen sollen, müssen von einem Gutachten begleitet werden, das nicht – wie bislang – von einem einzigen Kenner, oftmals den Werkverzeichnis-Verfasser, verantwortet wird. Vielmehr müssen Expertisen von einem Wissenschaftlerkreis erstellt werden, in dem sowohl Kunsthistoriker als auch Farb- und Materialanalysten vertreten sind, um Fälschungen frühzeitig entlarven zu können.
Zehntens: Die auch wegen der digitalen Verfügbarkeit im Internet grassierende Unsitte, das Urheberrecht zu missachten, muss energisch bekämpft werden. Der Schutz des geistigen Eigentums sollte nach wie vor unumgänglich sein. Jegliche Piraterie ist abzulehnen. Gegebenenfalls gibt es genug Lizenzmöglichkeiten, um Werke zu veröffentlichen oder anders zu verwerten.
Elftens: Kunstkritik ist Kunstkritik und damit unabhängig. Wer als Verleger dagegen lieber Public Relations betreibt, also seine Anzeigenkunden mit Werbetexten bedient oder sogar Pressemitteilungen der Veranstalter veröffentlicht, sollte fairerweise seine Leser schon auf Seite informieren. Verbraucherschutz quasi.
Zwölftens: Schafft die Kunstpreise ab! Lieber einen Fonds zur kollektiven Nachwuchsförderung nach dem Kunststudium gründen (berufliches Startgeld für alle Absolventen in gleicher Höhe), in den alle einzahlen, die bislang solche Auszeichnungen vergeben haben.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien in der KUNSTZEITUNG, September 2012, S. 13–14.

]]>
__ https://whtsnxt.net/145 Thu, 12 Sep 2013 12:42:46 +0000 http://whtsnxt.net/__/ In my view visual art should not ask the question of how art can represent or document politics, but how visual art is inextricably intertwined with the politics of production. One could say that visual art is a kind of celebration of production, it is a production which has no primary use value, but a production which is a reflection of production in general. In consequence visual art has always reflected, consciously or not, the latest in technology: from the very beginnings of civilization with the recognition of stones as a tool enabling cave drawing until the latest in military technology resulting in video or internet art.
But what does it mean for visual art if the cultural technique or very idea of technology itself becomes problematic? The development of technology has always meant progress in how to transform material or natural resources via human labour. The transformation of material is the key mode of production of any society up to date. It transforms ‘nature’ into supply goods in order to decrease supply shortage and to diminish the treats of nature, both of course aiming at enhancing quality of life. But since the middle of the 20th century with the appearance of excess supply in western societies as well as mankind endangering of the specific disposition of nature in which human life seems possible, the hegemoniality of the transformation of material as the mode of production has been deeply questioned. So, equally the development of this mode of production, technological progress, has become problematic.
Basically, all visual art works are produced by transformations of material, there are only very few exceptions (e. g. some of Michael Asher’s works). For visual art to keep on affirming this mode of production and following its development does not seem very interesting to me.
Art that does not address this politicity of its own medium, but all the same puts itself underneath the banner of progressive politics, performs a gesture which is dangerously reactionary on the one hand, because it proposes that there can be critique without self-critique (which implies the possibility of a place outside of society, a site of disinvolvement), and on the other because it proposes that art has to actively connect itself to politics, implying that there is no apriori connection between art and politics. Jacques Rancière has commented on the problematicness of the latter when saying that just as proclaiming ‘the end of politics’ the proclamation of ‘the return of politics’ is equally just another way of cancelling out politics, which in this particular case would be the cancelling out of the intrinsic connection between visual art and economical production.
The question I would prefer visual art to pose itself is, how can it help in developing and promoting alternative modes of production or other approached to production instead of constantly reaffirming the dominant and highly problematic ones? So that in a Rancièrean sense a new voice ruptures the hegemonic discourse on production of which visual art is until now a chief representative.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien zuerst in: noroomgallery (Hrsg.): Den Letzten beißen die Hunde. Was man in der Kunst tun sollte/könnte/müsste. Visionen künstlerischer Praxis, Hamburg 2008.

]]>
Manifest der Kommunistischen Partei (Auszug) https://whtsnxt.net/096 Thu, 12 Sep 2013 12:42:42 +0000 http://whtsnxt.net/manifest-der-kommunistischen-partei-auszug/ Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. […]
Der Kommunismus wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt. Es ist hohe Zeit, dass die Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen. […]
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen. […]
Die aus dem Untergange der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt. Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat. […]
Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird. […]
Es kann dies natürlich nur geschehen vermittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.
1) Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.
2) Starke Progressiv-Steuer.
3) Abschaffung des Erbrechts.
4) Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.
5) Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.
6) Zentralisation alles Transportwesens in den Händen des Staats.
7) Vermehrung der Nationalfabriken, Produktions-Instrumente, Urbarmachung und Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan.
8) Gleicher Arbeitszwang für Alle, Errichtung industrieller Armeen besonders für den Ackerbau.
9) Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Gegensatzes von Stadt und Land.
10) Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder. Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion usw., usw.
Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden, und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht, und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktions-Verhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktions-Verhältnissen die Existenz-Bedingungen des Klassengegensatzes der Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.
An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassen-Gegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines Jeden, die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist. […]
Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer Kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.
Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Wiederabdruck
Dieser Text ist ein Ausschnitt aus: Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, veröffentlicht im Februar 1848, London. Gedruckt in der Office der „Bildungs-Gesellschaft für Arbeiter“ von I. E. Burghard, 46, Liverpool Street, Bishopsgate. Wiederveröffentlicht unter: http://de.wikisource.org/wiki/Manifest_der_Kommunistischen_Partei_(1848) [18.8.2013].

]]>
Sätze zur Handlungskunst https://whtsnxt.net/068 Thu, 12 Sep 2013 12:42:41 +0000 http://whtsnxt.net/saetze-zur-handlungskunst/ 0. Diese Sätze sind Bemerkungen zu Kunst, sie sind keine Konzeptkunst.

1. Handlungskunst folgt auf Objektkunst.

2. Objektkunst ist konsequent von Handlungskunst zu unterscheiden. Die Nicht-Unterscheidung zwischen Objektkunst und Handlungskunst führt zu vielen Irritationen, Problemen und verhindert Möglichkeiten der Kunst.

3. Kunst, die ununterscheidbar von sozialen, politischen oder Alltagspraktiken erscheint, fehlt eine klare Unterscheidung und Abgrenzung zur Objektkunst und muss zunächst ihren Begriff erarbeiten: Der Begriff der Handlungskunst ist noch nicht eingeführt.

4. Handlungskunst unterscheidet sich grundlegend von Objektkunst.

5. Handlungskünstler operieren in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen – Handlungskunst hat unmittelbar Teil an der Gesellschaft und ihren Aufgaben.

6. Vieles im Bereich der politischen, sozialen, Stadtentwicklungs- oder Interventionskunst ist als Objektkunst einzuordnen.

7. Wird Handlungskunst aus der Perspektive der Objektkunst betrachtet, erscheint sie irrelevant, quasi nicht vorhanden bzw. als keine Kunst.

8. Handlungskunst ist nicht zu verwechseln mit Theater, Performance, Tanz.

9. Handlungskunst sind keine Readyactions.

10. Die Differenzierung von Objektkunst und Handlungskunst klärt alte Fragen und Probleme der Kunst.

11. Handlungskunst zieht aus der Objektkunst Konsequenzen.

12. Handlungskunst ist mit Objektkunst unvereinbar. Bei der Objektkunst ist ihr praktischer Gebrauch verboten und ein praktischer Nutzen wird negiert.

13. Handlungskunst ist durchaus material- und objektlastig. Objekte haben in der Handlungskunst keinen Kunstwerkstatus, sie sind Mittel und Katalysatoren, ihre Präsentation in einer Kunstausstellung ist Quatsch.

14. Objektkunst lässt sich aus der Perspektive der Handlungskunst betrachten.

15. Objektkunst impliziert auch Handlungskunst. Nur sind die Handlungskunst-Aspekte im Bereich der Objektkunst unerkannt und unbearbeitet. Die Settings der Objektkunst können Material für Handlungskunst sein.

16. Handlungskunst ist kein Ritual.

17. In ihren Ursprüngen verweist Handlungskunst auf den Akt des Herstellens eines Kunstobjekts.

18. Handlungskunst gründet sich nicht auf Rezeption sondern auf einer Produktion.

19. Handlungskunst unterliegt dem Handeln und nicht dem Herstellen. Sie ist nur vermeintlich zielorientiert, vielmehr ist sie so interessiert wie offen.

20. Handlungskunst operiert im Bereich zwischen einer folgenlosen und indifferenten Objektkunst und sozialen bzw. gesellschaftlichen Praxis, die zum einen ohne Kunstanspruch operiert und zum andern kein Tradierungs-, Vermittlungs- oder mediales Potenzial hat.

21. Handlungskunst wirft neue Fragen und Aufgaben auf.

22. Handlungskunst stellt die Frage nach dem Leistungsort der Kunst.

23. Der Leistungsort der Handlungskunst liegt nur vermeintlich außerhalb der Kunst.

24. Auch wenn Kunst etwas in der Welt ändert, geht sie nicht im Leben auf, sondern bleibt Kunst bzw. hat ihren Leistungsort im Bereich der Kunst. Überschreitet die künstlerische Avantgarde die Grenzen der Kunst, ist dies eine Grenzüberschreitung jenseits der Kunst.

25. Praktiken und Projekte der Handlungskunst als
Kunst zu kennzeichnen, kann in einigen Fällen hinderlich sein.

26. Gemein bleiben bei der Handlungskunst das Problem und die Fragen der Vermittlung, des Wirkens und der Formen des Archivierens. Liegt die Vermittlung bei der Objektkunst in der Präsentationsform, so liegt sie bei der Handlungskunst in der gemeinsamen Arbeitsform.

27. Handlungskunst ist noch ohne eine eigene Archivform. Sie steht quer zum Bestand und macht einen neuen Gebrauch von ihm und stellt die Frage nach einem neuen Vergleichsraum der Kunst.

28. Handlungskunst stellt nicht die Frage nach einer ihr eigenen Rezeptionsform, sondern stellt das Verhältnis Produzent/Rezipient in Frage.

29. Die Möglichkeiten der Handlungskunst liegen zwischen den Möglichkeiten der Handelnden.

30. Das Kapital der Handlungskunst liegt nicht am Kunstmarkt.

31. Auch in der Ausbildung und Lehre folgt die Zeit der Handlungskunstausbildung auf die der Objektkunstausbildung.

32. Der Handlungskünstler hat weniger ein Konzept als die Fähigkeit, sein Handeln in Frage zu stellen und neu auszurichten. Er ist ein Navigator, kein Stratege, sondern Taktiker.

33. Beim Umgang mit dem Unverfügbaren zieht die Handlungskunst am anderen Ende des Taues.

34. Der Status der aktuellen Objektkunst-Produktion ist fragwürdig. Die Zukunft der Handlungskunst ist rosig.

35. Handlungskunst ist keine Konzeptkunst. Handlungskunst wirkt.

]]>
Immaterial Labor https://whtsnxt.net/078 Thu, 12 Sep 2013 12:42:41 +0000 http://whtsnxt.net/immaterial-labor/ A significant amount of empirical research has been conducted concerning the new forms of the organization of work. This, combined with a corresponding wealth of theoretical reflection, has made possible the identification of a new conception of what work is nowadays and what new power relations it implies.
An initial synthesis of these results – framed in terms of an attempt to define the technical and subjective-political composition of the working class – can be expressed in the concept of immaterial labor, which is defined as the labor that produces the informational and cultural concent of the commodity. The concept of immaterial labor refers to two different aspects of labor. On the one hand, as regards the “informational content” of the commodity, it refers directly to the changes taking place in workers’ labor processes in big companies in the industrial and tertiary sectors, where the skills involved in direct labor are increasingly skills involving cybernetics and computer control (and horizontal and vertical communication). On the other hand, as regards the activity that produces the “cultural content” of the commodity, immaterial labor involves a series of activities that are not normally recognized as “work” – in other words, the kinds of activities involved in defining and fixing cultural and artistic standards, fashions, tastes, consumer norms, and, more strategically, public opinion. Once the privileged domain of the bourgeoisie and its children, these activities have since the end of the 1970s become the domain of what we have come to define as “mass intellectuality.” The profound changes in these strategic sectors have radically modified not only the composition, management, and regulation of the workforce – the organization of production – but also, and more deeply, the role and function of intellectuals and their activities within society.
The “great transformation” that began at the start of the 1970s has changed the very terms in which the question is posed. Manual labor is increasingly coming to involve procedures that could be defined as “intellectual,” and the new communications technologies increasingly require subjectivities that are rich in knowledge. It is not simply that intellectual labor has become subjected to the norms of capitalist production. What has happened is that a new “mass intellectuality” has come into being, created out of a combination of the demands of capitalist production and the forms of “self-valorization” that the struggle against work has produced. The old dichotomy between “mental and manual labor,” or between “material labor and immaterial labor,” risks failing to grasp the new nature of productive activity, which takes this separation on board and transforms it. The split between conception and execution, between labor and creativity, between author and audience, is simultaneously transcended within the “labor process” and reimposed as political command within the “process of valorization.”

The restructured worker
Twenty years of restructuring of the big factories has led to a curious paradox. The various different post-Fordist models have been constructed both on the defeat of the Fordist worker and on the recognition of the centrality of (an ever increasingly intellectualized) living labor within production. In today’s large restructured company, a worker’s work increasingly involves, at various levels, an ability to choose among different alternatives and thus a degree of responsibility regarding decision making. The concept of “interface” used by communications sociologists provides a fair definition of the activities of this kind of worker – as an interface between different functions, between different work teams, between different levels of the hierarchy, and so forth. What modern management techniques are looking for is for “the worker’s soul to become part of the factory.” The worker’s personality and subjectivity have to be made susceptible to organization and command. It is around immateriality that the quality and quantity of labor are organized. This transformation of working-class labor into a labor of control, of handling information, into a decision-making capacity that involves the investment of subjectivity, affects workers in varying ways according to their positions within the factory hierarchy, but it is nevertheless present as an irreversible process. Work can thus be defined as the capacity to activate and manage productive cooperation. In this phase, workers are expected to become “active subjects” in the coordination of the various functions of production, instead of being subjected to it as simple command. We arrive at a point where a collective learning process becomes the heart of productivity, because it is no longer a matter of finding different ways of composing or organizing already existing job functions, but of looking for new ones.
The problem, however, of subjectivity and its collective form, its constitution and its development, has immediately expressed itself as a clash between social classes within the organization of work. I should point out that what I am describing is not some utopian vision of recomposition, but the very real terrain and conditions of the conflict between social classes. The capitalist needs to find an unmediated way of establishing command over subjectivity itself; the prescription and definition of tasks transforms into a prescription of subjectivities. The new slogan of Western societies is that we should all “become subjects”. Participative management is a technology of power, a technology for creating and controlling the “subjective processes.” As it is no longer possible to confine subjectivity merely to tasks of execution, it becomes necessary for the subject’s competence in the areas of management, communication, and creativity to be made compatible with the conditions of “production for production’s sake.” Thus the slogan “become subjects,” far from eliminating the antagonism between hierarchy and cooperation, between autonomy and command, actually re-poses the antagonism at a higher level, because it both mobilizes and clashes with the very personality of the individual worker. First and foremost, we have here a discourse that is authoritarian: one has to express oneself, one has to speak, communicate, cooperate, and so forth. The “tone” is that of the people who were in executive command under Taylorization; all that has changed is the content. Second, if it is no longer possible to lay down and specify jobs and responsibilities rigidly (in the way that was once done with “scientific” studies of work), but if, on the contrary, jobs now require cooperation and collective coordination, then the subjects of that production must be capable of communication – they must be active participants within a work team. The communicational relationship (both vertically and horizontally) is thus completely predetermined in both form and content; it is subordinated to the “circulation of information” and is not expected to be anything other. The subject becomes a simple relayer of codification and decodification, whose transmitted messages must be “clear and free of ambiguity,” within a communications context that has been completely normalized by management. The necessity of imposing command and the violence that goes along with it here take on a normative communicative form.
The management mandate to “become subjects of communication” threatens to be even more totalitarian than the earlier rigid division between mental and manual labor (ideas and execution), because capitalism seeks to involve even the worker’s personality and subjectivity within the production of value. Capital wants a situation where command resides within the subject him- or herself, and within the communicative process. The worker is to be responsible for his or her own control and motivation within the work group without a foreman needing to intervene, and the foreman’s role is redefined into that of a facilitator. In fact, employers are extremely worried by the double problem this creates: on one hand, they are forced to recognize the autonomy and freedom of labor as the only possible form of cooperation in production, but on the other hand, at the same time, they are obliged (a life-and-death necessity for the capitalist) not to “redistribute” the power that the new quality of labor and its organization imply. Today’s management thinking takes workers’ subjectivity into consideration only in order to codify it in line with the requirements of production. And once again this phase of transformation succeeds in concealing the fact that the individual and collective interests of workers and those of the company are not identical.
I have defined working-class labor as an abstract activity that nowadays involves the application of subjectivity. In order to avoid misunderstandings, however, I should add that this form of productive activity is not limited only to highly skilled workers; it refers to a use value of labor power today, and, more generally, to the form of activity of every productive subject within postindustrial society. One could say that in the highly skilled, qualified worker, the “communicational model” is already given, already constituted, and that its potentialities are already defined. In the young worker, however, the “precarious” worker, and the unemployed youth, we are dealing with a pure virtuality, a capacity that is as yet undetermined but that already shares all the characteristics of postindustrial productive subjectivity. The virtuality of this capacity is neither empty nor ahistoric; it is, rather, an opening and a potentiality that have as their historical origins and antecedents the “struggle against work” of the Fordist worker and, in more recent times, the processes of socialization, educational formation, and cultural self-valorization.
This transformation of the world of work appears even more evident when one studies the social cycle of production: the “diffuse factory” and decentralization of production on the one hand and the various forms of tertiarization on the other. Here one can measure the extent to which the cycle of immaterial labor has come to assume a strategic role within the global organization of production. The various activities of research, conceptualization, management of human resources, and so forth, together with all the various tertiary activities, are organized within computerized and multimedia networks. These are the terms in which we have to understand the cycle of production and the organization of labor. The integration of scientific labor into industrial and tertiary labor has become one of the principal sources of productivity, and it is becoming a growing factor in the cycles of production that organize it.

“Immaterial Labor” in the Classic Definition
All the characteristics of the postindustrial economy (both in industry and society as a whole) are highly present within the classic forms of “immaterial” production: audiovisual production, advertising, fashion, the production of software, photography, cultural activities, and so forth. The activities of this kind of immaterial labor force us to question the classic definitions of work and workforce, because they combine the results of various different types of work skill: intellectual skills, as regards the cultural-informational content; manual skills for the ability to combine creativity, imagination, and technical and manual labor; and entrepreneurial skills in the management of social relations and the structuring of that social cooperation of which they are a part. This immaterial labor constitutes itself in forms that are immediately collective, and we might say that it exists only in the form of networks and flows. The organization of the cycle of production of immaterial labor (because this is exactly what it is, once we abandon our factoryist prejudices – a cycle of production) is not obviously apparent to the eye, because it is not defined by the four walls of a factory. The location in which it operates is outside in the society at large, at a territorial level that we could call “the basin of immaterial labor.” Small and sometimes very small “productive units” (often consisting of only one individual) are organized for specific ad hoc projects, and may exist only for the duration of those particular jobs. The cycle of production comes into operation only when it is required by the capitalist; once the job has been done, the cycle dissolves back into the networks and flows that make possible the reproduction and enrichment of its productive capacities. Precariousness, hyperexploitation, mobility, and hierarchy are the most obvious characteristics of metropolitan immaterial labor. Behind the label of the independent “self-employed” worker, what we actually find is an intellectual proletarian, but who is recognized as such only by the employers who exploit him or her. It is worth noting that in this kind of working existence it becomes increasingly difficult to distinguish leisure time from work time. In a sense, life becomes inseparable from work. This labor form is also characterized by real managerial functions that consist in (1) a certain ability to manage its social relations and (2) the eliciting of social cooperation within the structures of the basin of immaterial labor.
The quality of this kind of labor power is thus defined not only by its professional capacities (which make possible the construction of the cultural-informational content of the commodity), but also by its ability to “manage” its own activity and act as the coordinator of the immaterial labor of others (production and management of the cycle). This immaterial labor appears as a real mutation of “living labor.” Here we are quite far from the Taylorist model of organization.
Immaterial labor finds itself at the crossroads (or rather, it is the interface) of a new relationship between production and consumption. The activation of both productive cooperation and the social relationship with the consumer is materialized within and by the process of communication. The role of immaterial labor is to promote continual innovation in the forms and conditions of communication (and thus in work and consumption). It gives form to and materializes needs, the imaginary, consumer tastes, and so forth, and these products in turn become powerful producers of needs, images, and tastes. The particularity of the commodity produced through immaterial labor (its essential use value being given by its value as informational and cultural content) consists in the fact that it is not destroyed in the act of consumption, but rather it enlarges, transforms, and creates the “ideological“ and cultural environment of the consumer. This commodity does not produce the physical capacity of labor power; instead, it transforms the person who uses it. Immaterial labor produces first and foremost a “social relationship“ (a relationship of innovation, production, and consumption). Only if it succeeds in this production does its activity have an economic value. This activity makes immediately apparent something that material production had “hidden,“ namely, that labor produces not only commodities, but first and foremost it produces the capital relation.

The Autonomy of the Productive Synergies of Immaterial Labor
My working hypothesis, then, is that the cycle of immaterial labor takes as its starting point a social labor power that is independent and able to organize both its own work and its relations with business entities. Industry does not form or create this new labor power, but simply takes it on board and adapts it. Industry’s control over this new labor power presupposes the independent organization and “free entrepreneurial activity” of the labor power. Advancing further on this terrain brings us into the debate on the nature of work in the post-Fordist phase of the organization of labor. Among economists, the predominant view of this problematic can be expressed in a single statement: immaterial labor operates within the forms of organization that the centralization of industry allows. Moving from this common basis, there are two differing schools of thought: one is the extension of neoclassical analysis; the other is that of systems theory. In the former, the attempt to solve the problem comes through a redefinition of the problematic of the market. It is suggested that in order to explain the phenomena of communication and the new dimensions of organization one should introduce not only cooperation and intensity of labor, but also other analytic variables (anthropological variables? immaterial variables?) and that on this basis one might introduce other objectives of optimization and so forth. In fact, the neoclassical model has considerable difficulty in freeing itself from the coherence constraints imposed by the theory of general equilibrium. The new phenomenologies of labor, the new dimensions of organization, communication, the potentiality of spontaneous synergies, the autonomy of the subjects involved, and the independence of the networks were neither foreseen nor foreseeable by a general theory that believed that material labor and an industrial economy were indispensable.
Today, with the new data available, we find the microeconomy in revolt against the macroeconomy, and the classical model is corroded by a new and irreducible anthropological reality.
Systems theory, by eliminating the constraint of the market and giving pride of place to organization, is more open to the new phenomenology of labor and in particular to the emergence of immaterial labor. In more developed systemic theories, organization is conceived as an ensemble of factors, both material and immaterial, both individual and collective, that can permit a given group to reach objectives. The success of this organizational process requires instruments of regulation, either voluntary or automatic. It becomes possible to look at things from the point of view of social synergies, and immaterial labor can be taken on board by virtue of its global efficacy. These viewpoints, however, are still tied to an image of the organization of work and its social territory within which effective activity from an economic viewpoint (in other words, the activity conforming to the objective) must inevitably be considered as a surplus in relation to collective cognitive mechanisms. Sociology and labor economics, being systemic disciplines, are both incapable of detaching themselves from this position.
I believe that an analysis of immaterial labor and a description of its organization can lead us beyond the presuppositions of business theory – whether in its neoclassical school or its systems theory school. It can lead us to define, at a territorial level, a space for a radical autonomy of the productive synergies of immaterial labor. We can thus move against the old schools of thought to establish, decisively, the viewpoint of an “anthropo-sociology” that is constitutive.
Once this viewpoint comes to dominate within social production, we find that we have an interruption in the continuity of models of production. By this I mean that, unlike the position held by many theoreticians of post-Fordism, I do not believe that this new labor power is merely functional to a new historical phase of capitalism and its processes of accumulation and reproduction. This labor power is the product of a “silent revolution” taking place within the anthropological realities of work and within the reconfiguration of its meanings. Waged labor and direct subjugation (to organization) no longer constitute the principal form of the contractual relationship between capitalist and worker. A polymorphous self-employed autonomous work has emerged as the dominant form, a kind of “intellectual worker” who is him or herself an entrepreneur, inserted within a market that is constantly shifting and within networks that are changeable in time and space.

The cycle of immaterial production
Up to this point I have been analyzing and constructing the concept of immaterial labor from a point of view that could be defined, so to speak, as “microeconomic.” If now we consider immaterial labor within the globality of the production cycle, of which it is the strategic stage, we will be able to see a series of characteristics of post-Taylorist production that have not yet been taken into consideration.
I want to demonstrate in particular how the process of valorization tends to be identified with the process of the production of social communication and how the two stages (valorization and communication) immediately have a social and territorial dimension. The concept of immaterial labor presupposes and results in an enlargement of productive cooperation that even includes the production and reproduction of communication and hence of its most important contents: subjectivity.
If Fordism integrated consumption into the cycle of the reproduction of capital, post-Fordism integrates communication into it. From a strictly economic point of view, the cycle of reproduction of immaterial labor dislocates the production-consumption relationship as it is defined as much by the “virtuous Keynesian circle” as by the Marxist reproduction schemes of the second volume of Capital. Now, rather than speaking of the toppling of “supply and demand,” we should speak about a redefinition of the production-consumption relationship. As we saw earlier, the consumer is inscribed in the manufacturing of the product from its conception. The consumer is no longer limited to consuming commodities (destroying them in the act of consumption). On the contrary, his or her consumption should be productive in accordance to the necessary conditions and the new products. Consumption is then first of all a consumption of information. Consumption is no longer only the “realization” of a product, but a real and proper social process that for the moment is defined with the term communication.

Large-scale industry and services
To recognize the new characteristics of the production cycle of immaterial labor, we should compare it with the production of large-scale industry and services. If the cycle of immaterial production immediately demonstrates to us the secret of post-Taylorist production (that is to say, that social communication and the social relationship that constitutes it become productive), then it would be interesting to examine how these new social relationships innervate even industry and services, and how they oblige us to reformulate and reorganize even the classical forms of “production.”

Large-scale industry
The postindustrial enterprise and economy are founded on the manipulation of information. Rather than ensuring (as 19th century enterprises did) the surveillance of the inner workings of the production process and the supervision of the markets of raw materials (labor included), business is focused on the terrain outside of the production process: sales and the relationship with the consumer. It always leans more toward commercialization and financing than toward production. Prior to being manufactured, a product must be sold, even in “heavy” industries such as automobile manufacturing; a car is put into production only after the sales network orders it. This strategy is based on the production and consumption of information. It mobilizes important communication and marketing strategies in order to gather information (recognizing the tendencies of the market) and circulate it (constructing a market). In the Taylorist and Fordist systems of production, by introducing the mass consumption of standardized commodities, Ford could still say that the consumer has the choice between one black model T5 and another black model T5. “Today the standard commodity is no longer the recipe to success, and the automobile industry itself, which used to be the champion of the great ‘low price’ series, would want to boast about having become a neoindustry of singularization” – and quality.1 For the majority of businesses, survival involves the permanent search for new commercial openings that lead to the identification of always more ample or differentiated product lines. Innovation is no longer subordinated only to the rationalization of labor, but also to commercial imperatives. It seems then that the postindustrial commodity is the result of a creative process that involves both the producer and the consumer.

Services
If from industry proper we move on to the “services” sector (large banking services, insurance, and so forth), the characteristics of the process I have described appear even more clearly. We are witnessing today not really a growth of services, but rather a development of the “relations of service.” The move beyond the Taylorist organization of services is characterized by the integration of the relationship between production and consumption, where in fact the consumer intervenes in an active way in the composition of the product. The product “service” becomes a social construction and a social process of “conception” and innovation. In service industries, the “back-office” tasks (the classic work of services) have diminished and the tasks of the “front office” (the relationship with clients) have grown. There has been thus a shift of human resources toward the outer part of business. As recent sociological analyses tell us, the more a product handled by the service sector is characterized as an immaterial product, the more it distances itself from the model of industrial organization of the relationship between production and consumption. The change in this relationship between production and consumption has direct consequences for the organization of the Taylorist labor of production of services, because it draws into question both the contents of labor and the division of labor (and thus the relationship between conception and execution loses its unilateral character). If the product is defined through the intervention of the consumer, and is therefore in permanent evolution, it becomes always more difficult to define the norms of the production of services and establish an “objective” measure of productivity.

Immaterial Labor
All of these characteristics of postindustrial economics (present both in large-scale industry and the tertiary sector) are accentuated in the form of properly “immaterial” production. Audiovisual production, advertising, fashion, software, the management of territory, and so forth are all defined by means of the particular relationship between production and its market or consumers. Here we are at the furthest point from the Taylorist model. Immaterial labor continually creates and modifies the forms and conditions of communication, which in turn acts as the interface that negotiates the relationship between production and consumption. As I noted earlier, immaterial labor produces first and foremost a social relation – it produces not only commodities, but also the capital relation.
If production today is directly the production of a social relation, then the “raw material” of immaterial labor is subjectivity and the “ideological” environment in which this subjectivity lives and reproduces. The production of subjectivity ceases to be only an instrument of social control (for the reproduction of mercantile relationships) and becomes directly productive, because the goal of our postindustrial society is to construct the consumer/communicator – and to construct it as “active.” Immaterial workers (those who work in advertising, fashion, marketing, television, cybernetics, and so forth) satisfy a demand by the consumer and at the same time establish that demand. The fact that immaterial labor produces subjectivity and economic value at the same time demonstrates how capitalist production has invaded our lives and has broken down all the oppositions among economy, power, and knowledge. The process of social communication (and its principal content, the production of subjectivity) becomes here directly productive because in a certain way it “produces” production. The process by which the “social” (and what is even more social, that is, language, communication, and so forth) becomes “economic” has not yet been sufficiently studied. In effect, on the one hand, we are familiar with an analysis of the production of subjectivity defined as the constitutive “process” specific to a “relation to the self with respect to the forms of production particular to knowledge and power (as in a certain vein of poststructuralist French philosophy), but this analysis never intersects sufficiently with the forms of capitalist valorization. On the other hand, in the 1980s a network of economists and sociologists (and before them the Italian postworkerist tradition) developed an extensive analysis of the “social form of production,” but that analysis does not integrate sufficiently the production of subjectivity as the content of valorization. Now, the post-Taylorist mode of production is defined precisely by putting subjectivity to work both in the activation of productive cooperation and in the production of the “cultural” contents of commodities.

The aesthetic model
But how is the production process of social communication formed? How does the production of subjectivity take place within this process? How does the production of subjectivity become the production of the consumer/communicator and its capacities to consume and communicate? What role does immaterial labor have in this process? As I have already said, my hypothesis is this: the process of the production of communication tends to become immediately the process of valorization. If in the past communication was organized fundamentally by means of language and the institutions of ideological and literary/artistic production, today, because it is invested with industrial production, communication is reproduced by means of specific technological schemes (knowledge, thought, image, sound, and language reproduction technologies) and by means of forms of organization and “management” that are bearers of a new mode of production.
It is more useful, in attempting to grasp the process of the formation of social communication and its subsumption within the “economic,“ to use, rather than the “material“ model of production, the “aesthetic“ model that involves author, reproduction, and reception. This model reveals aspects that traditional economic categories tend to obscure and that, as I will show, constitute the “specific differences“ of the post-Taylorist means of production.2 The “aesthetic/ideological“ model of production will be transformed into a small-scale sociological model with all the limits and difficulties that such a sociological transformation brings. The model of author, reproduction, and reception requires a double transformation: in the first place, the three stages of this creation process must be immediately characterized by their social form; in the second place, the three stages must be understood as the articulations of an actual productive cycle.3
The “author” must lose its individual dimension and be transformed into an industrially organized production process (with a division of labor, investments, orders, and so forth), “reproduction” becomes a mass reproduction organized according to the imperatives of profitability, and the audience (“reception”) tends to become the consumer/communicator. In this process of socialization and subsumption within the economy of intellectual activity the “ideological” product tends to assume the form of a commodity. I should emphasize, however, that the subsumption of this process under capitalist logic and the transformation of its products into commodities does not abolish the specificity of aesthetic production, that is to say, the creative relationship between author and audience.

The specific differences of the immaterial labor cycle
Allow me to underline briefly the specific differences of the “stages” that make up the production cycle of immaterial labor (immaterial labor itself, its “ideological/commodity products,” and the “public/consumer”) in relation to the classical forms of the reproduction of “capital.”
As far as immaterial labor being an “author” is concerned, it is necessary to emphasize the radical autonomy of its productive synergies. As we have seen, immaterial labor forces us to question the classical definitions of work and workforce, because it results from a synthesis of different types of knowhow: intellectual skills, manual skills, and entrepreneurial skills. Immaterial labor constitutes itself in immediately collective forms that exist as networks and flows. The subjugation of this form of cooperation and the “use value” of these skills to capitalist logic does not take away the autonomy of the constitution and meaning of immaterial labor. On the contrary, it opens up antagonisms and contradictions that, to use once again a Marxist formula, demand at least a “new form of exposition.”
The “ideological product” becomes in every respect a commodity. The term ideological does not characterize the product as a “reflection” of reality, as false or true consciousness of reality. Ideological products produce, on the contrary, new stratifications of reality; they are the intersection where human power, knowledge, and action meet. New modes of seeing and knowing demand new technologies, and new technologies demand new forms of seeing and knowing. These ideological products are completely internal to the processes of the formation of social communication; that is, they are at once the results and the prerequisites of these processes. The ensemble of ideological products constitutes the human ideological environment. Ideological products are transformed into commodities without ever losing their specificity; that is, they are always addressed to someone, they are “ideally signifying,” and thus they pose the problem of “meaning.”
The general public tends to become the model for the consumer (audience/client). The public (in the sense of the user – the reader, the music listener, the television audience) whom the author addresses has as such a double productive function. In the first place, as the addressee of the ideological product, the public is a constitutive element of the production process. In the second place, the public is productive by means of the reception that gives the product “a place in life” (in other words, integrates it into social communication) and allows it to live and evolve. Reception is thus, from this point of view, a creative act and an integrative part of the product. The transformation of the product into a commodity cannot abolish this double process of “creativity”; it must rather assume it as it is, and attempt to control it and subordinate it to its own values.
What the transformation of the product into a commodity cannot remove, then, is the character of event, the open process of creation that is established between immaterial labor and the public and organized by communication. If the innovation in immaterial production is introduced by this open process of creation, the entrepreneur, in order to further consumption and its perpetual renewal, will be constrained to draw from the “values” that the public/consumer produces. These values presuppose the modes of being, modes of existing, and forms of life that support them. From these considerations there emerge two principal consequences. First, values are “put to work.” The transformation of the ideological product into a commodity distorts or deflects the social imaginary that is produced in the forms of life, but at the same time, commodity production must recognize itself as powerless as far as its own production is concerned. The second consequence is that the forms of life (in their collective and cooperative forms) are now the source of innovation.
The analysis of the different “stages” of the cycle of immaterial labor permits me to advance the hypothesis that what is “productive” is the whole of the social relation (here represented by the author-work-audience relationship) according to modalities that directly bring into play the “meaning.” The specificity of this type of production not only leaves its imprint on the “form” of the process of production by establishing a new relationship between production and consumption, but it also poses a problem of legitimacy for the capitalist appropriation of this process. This cooperation can in no case be predetermined by economics, because it deals with the very life of society. “Economics” can only appropriate the forms and products of this cooperation, normalizing and standardizing them. The creative and innovative elements are tightly linked to the values that only the forms of life produce. Creativity and productivity in postindustrial societies reside, on the one hand, in the dialectic between the forms of life and values they produce and, on the other, in the activities of subjects that constitute them. The legitimation that the (Schumpeterian) entrepreneur found in his or her capacity for innovation has lost its foundation. Because the capitalist entrepreneur does not produce the forms and contents of immaterial labor, he or she does not even produce innovation. For economics there remains only the possibility of managing and regulating the activity of immaterial labor and creating some devices for the control and creation of the public/consumer by means of the control of communication and information technologies and their organizational processes.

Creation and intellectual labor
These brief considerations permit us to begin questioning the model of creation and diffusion specific to intellectual labor and to get beyond the concept of creativity as an expression of “individuality” or as the patrimony of the “superior” classes. The works of Simmel and Bakhtin, conceived in a time when immaterial production had just begun to become “productive,” present us with two completely different ways of posing the relationship between immaterial labor and society. The first, Simmel’s, remain completely invested in the division between manual labor and intellectual labor and give us a theory of the creativity of intellectual labor. The second, Bakhtin’s, in refusing to accept the capitalist division of labor as a given, elaborate a theory of social creativity. Simmel, in effect, explains the function of “fashion” by means of the phenomenon of imitation or distinction as regulated and commanded by class relationships. Thus the superior levels of the middle classes are the ones that create fashion, and the lower classes attempt to imitate them. Fashion here functions like a barrier that incessantly comes up because it is incessantly battered down. What is interesting for this discussion is that, according to this conception, the immaterial labor of creation is limited to a specific social group and is not diffused except through imitation. At a deeper level, this model accepts the division of labor founded on the opposition between manual and intellectual labor that has as its end the regulation and “mystification” of the social process of creation and innovation. If this model had some probability of corresponding to the dynamics of the market of immaterial labor at the moment of the birth of mass consumption (whose effects Simmel very intelligently anticipates), it could not be utilized to account for the relationship between immaterial labor and consumer-public in postindustrial society. Bakhtin, on the contrary, defines immaterial labor as the superseding of the division between “material labor and intellectual labor” and demonstrates how creativity is a social process. In fact, the work on “aesthetic production” of Bakhtin and the rest of the Leningrad Circle has this same social focus.
This is the line of investigation that seems most promising for developing a theory of the social cycle of immaterial production.

Translated by Paul Colilli and Ed Emery
Notes
1. Yves Clot, “Renouveau de 1’industrialisme et activité philosophique,» Futur antérieur, no. 10(1992);
2. Both the creative and the social elements of this production encourage me to venture the use of the «aesthetic model.» It is interesting to see how one could arrive at this new concept of labor by starting either from artistic activity (following the situationists) or from the traditional activity of the factory (following Italian workerist theories), both relying on the very Marxist concept of “living labor.“
3. Walter Benjamin has already analyzed how since the end of the nineteenth century both artistic production and reproduction, along with its perception, have assumed collective forms. I cannot pause here to consider his works, but they are certainly fundamental for any genealogy of immaterial labor and its forms of reproduction.

Wiederabdruck
Dieser Text erschien in Englisch unter http://www.generation-online.org/c/fcimmateriallabour3.htm [6.9.2013].
In deutscher Übersetzung erschien er in: Toni Negri, Maurizio Lazzarato und Paolo Virno: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, ID-Verlag, 1998, S. 39–52.

]]>