define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Orthodoxie – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Tue, 31 May 2016 17:33:45 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Die Moskauer Prozesse – Schlussplädoyers https://whtsnxt.net/109 Thu, 12 Sep 2013 12:42:43 +0000 http://whtsnxt.net/die-moskauer-prozesse-schlussplaedoyers/ Die Moskauer Prozesse von Milo Rau und dem IIPM (International Institute of Political Murder) fanden vom 1.-3. März 2013 im Sacharow-Zentrum in Moskau statt. Das Projekt zeichnet die Geschichte einer staatlich und kirchlich inszenierten Kampagne gegen unbequeme Künstler nach – mit den Mitteln des politischen Theaters.
Im selben Ausstellungsraum, in welchem die im Jahr 2003 zerstörte Ausstellung „Vorsicht, Religion“ stattfand, wurde ein Gerichtssaal aufgebaut. In einem inszenierten Schauprozess mit den wichtigsten Exponenten des russischen Kulturkampfs tritt „die Kunst“ gegen „die Religion“ an, das „dissidente“ gegen das „wahre“ Russland.
Verhandelt wurden bereits verurteile Ausstellungen „Achtung Religion“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2007) sowie der Fall „Pussy Riot“. Auf der Bühne standen aber keine Schauspieler, sondern Akteure aus dem realen, politischen Leben: professionelle Anwälte, ein Verfassungsrichter, Zeugen und Experten aller politischen Couleurs. Katja Samuzewitsch, verhaftetes und wieder freigelassenes Mitglied von Pussy Riot trat selbst als Angeklagte auf.
Im Stil eines Gerichtsdramas mit offenem Ausgang, in Kreuzverhören, Plädoyers und den Auseinandersetzungen am Rand des Prozesses entstand so ein verstörendes und widersprüchliches Bild des heutigen Russland: Verletzt Putins Kulturpolitik die Meinungsfreiheit und die Menschenrechte? Oder ist es doch die Kunst, die die Gefühle der Gläubigen verletzt? Wer ist Angreifer, wer Verteidiger?

Schlussplädoyer der Anklage (Ausschnitt)
Maxim Shevchenko / 2013

[…] Diese Künstler stellen avantgardistische Freiräume im politischen System Russlands dar. Diese Künstler verwirklichen, absichtlich oder nicht, nach ihrer gesunden Entscheidung oder ihrer Leichtsinnigkeit, eine Invasion in das Territorium traditioneller Werte von Völkern unseres Landes – der Orthodoxie, dem Islam, dem Judentum und der nicht-monotheistischen Religionen – dem Buddhismus und dem Glauben der Völker des Nordens. Sie zwingen die Gläubigen dazu, nicht einen Weg zu gehen, den wir selbst mit unserem blutigen 20. Jahrhundert wählen würden, sondern einen, den SIE uns zwingen zu gehen – durch Tritte, Stoße und Schläge auf unsere Völker.
[…] Vor kurzem wurde in Frankreich ein neues Gesetz verabschiedet, das das Konzept von Vater und Mutter, Mann und Frau aufhebt – für Verheiratete werden die Bezeichnungen „Partner A“ und „Partner B“ eingeführt und es erlaubt homosexuellen Paaren, Kinder zu adoptieren. Das ist ein Gesetz, das die Natur des Menschen an der Wurzel verändert. So stellt „die sogenannte Kunst“ eine politische Aggression dar, die darauf ausgerichtet ist, dass Menschen aufhören zu sein, für die ihre ethnischen und regionalen Ursprünge, ihre religiösen Ansichten ihrem Nährboden und ihrem Glauben entzogen werden, dem, was für sie selbstverständlich und heilig ist, dem, was sie zu freien und unabhängigen Menschen macht.
Ich klage die zeitgenössische Kunst an, dass sie sich an der Zerstörung der Freiheit in unserer Gesellschaft beteiligt. Sie ist beteiligt am Import der totalitär liberalen Gesellschaft in die russische Föderation, in der der Mensch kein Recht auf Religion hat. Es geht hier nicht um abstrakte Menschen, um abstrakte Räume oder um abstrakte politische Situationen. Heute ist der Kampf gegen diese Art des Denkens und Handelns – es ist ein Kampf für den Menschen in all seiner Komplexität. Wir glauben, bzw. ich persönlich glaube, dass der Mensch sich nicht aus einer Amöbe entwickelt hat, nicht aus Ciliaten entstanden ist, um ein modernes Wesen zu werden – andernfalls gibt es für ihn keine Vorstellung von Sünde. Sie versuchen, die Sünde zu institutionalisieren, ihr Menschenbild ist das eines sozialen Wesens, das das Ergebnis einiger sozialer Vereinbarungen darstellt. […]
Ich bitte die Geschworenen daran zu denken, dass Sie keine abstrakten Handlungen abstrakter Menschen beurteilen, sondern eine Bedrohung bezüglich unseres Landes; mit Ihrem Urteil geben Sie der Zukunft unseres Landes Kontur. Werden wir denn freie Völker bleiben, die ihr Schicksal gestalten werden – oder müssen wir nach IHREN Gesetzen leben, oder wird es auch bei uns in Russland keine Männer und Frauen geben, sondern „Partner A“ und „Partner B“; denken Sie daran, dass Sie genau hierüber das Urteil fällen werden.

Schlussplädoyer der Verteidigung (Ausschnitt)
Ekaterina Degot / 2013

Meine Herren Geschworenen! Die Anklage verwendete häufig nicht-rechtliche Begriffe, sondern moralische oder sakrale – sie wurden ausgewählt, um Ihnen zu zeigen, dass etwas Absolutes existiert, um Ihnen Angst zu machen; das Strafgesetzbuch spricht jedoch nicht davon. Sie werden gebeten zu entscheiden, ob die Künstler den Vorsatz gehabt haben, die Schwachen und Rechtlosen zu beleidigen, die der Staat, durch Sie repräsentiert, schützen soll. Sie müssen „Nein“ sagen, und nicht nur deshalb, weil es eine solche Absicht nicht gab, sondern auch, weil es sich um eine falsche Fragestellung handelt. Sie müssen sich fragen, ob es eine tatsächliche „Beleidigung der Gefühle“ gab: „Gefühle“ sind eine nicht-rechtliche Kategorie, unbeweisbar und ziemlich gefährlich.
[…] Warum stellt der Glaube an Gott ein privilegiertes Recht dar? Wenn tatsächlich einfache Gläubige verletzt wurden, wem ist es dann zum Vorteil, dass sie einfache und unmündige, ungebildete Menschen bleiben, unfähig zu einer zivilisierten Äußerung ihrer Meinung, der Niederlage einer Ausstellung, der gewalttätige Besprengung mit Weihwasser und einem Kampf. Hier wurde von den Staatsanwälten häufig gesagt „die sogenannte zeitgenössische Kunst“; so sage ich endlich „die sogenannte Kirche“ – sie versucht uns zu überzeugen, dass es einen Bereich gibt, in dem die Äußerung seiner Meinung unmöglich ist, als ob die gesamte russisch-orthodoxe Kirche ein riesiger Altar wäre, zu dem einfache Menschen, insbesondere Frauen keinen Zugang haben.
Es ist falsch, dass zwischen Kunst und Kirche unüberwindbare Widersprüche bestehen: Gläubige, die die Verteidigung vertreten, sagten, dass der Auftritt von Pussy Riot eine göttliche Handlung war, ein Ereignis der Vorsehung, das die Gläubigen auf das vorherbestimmte Ziel lenken soll – die Befreiung.
Ich als Kunstkritikerin kann erklären, welche Kunst wir als gut erachten. Zeugen vonseiten der Anklage sprachen über ihre Reaktion zu dem Werk als „Ich bin schockiert.“, „Ich bin erschüttert.“; ich bitte Sie, sich darum Gedanken zu machen, was Kunst ist, die Menschen erschüttert – das ist erschütternde Kunst, die die Welt verändert. Dabei kann sie berühren, aber sie verursacht ein Ereignis, von dem es keinen Weg mehr zurück gibt – und die Aktion von Pussy Riot ist ein solches. Als gut erachten wir sicherlich nicht die Kunst, die süß wie ein Bonbon ist und niemals verletzt. Kunst muss verletzten – aber nicht die einfachen Menschen, sondern die Tyrannen, die Ungerechtigkeit, das Übel und die Heuchelei. Und heute nehmen weder das Kino, noch die Musik, noch genau die zeitgenössische Kunst das an sich, was den Ehrenkodex der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts ausmachte. Die Teilnehmer von „Vorsicht, Religion“ gingen leichtsinnig an die Ausstellung heran, gaben ihre Arbeiten ohne nachzudenken ab – aber das war keine kriminelle Geste. Die Aktion von Pussy Riot ist eine verantwortungsvolle Handlung, für die die Verantwortlichen bereit sind, ins Gefängnis zu gehen.
Ich habe den Eindruck, dass Sie glauben, Kunst sei mächtig und zu allem möglichen fähig. Das ist nicht wahr. Kunst kann nur sehr wenig bewirken. Sie kann Ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge lenken, kann zeigen, wo der Schmerz herkommt, aber sie kann den Kurs des Landes nicht ändern. Nun liegt es in Ihren Händen, Sie können verhindern, dass unser Land zu einem Gottesstaat wird. […] Deshalb rufe ich dazu auf, die Kunst und die Künstler vollständig freizusprechen.

Nach drei Tagen fällte ein nach dem Zufallsprinzip ausgewähltes Schöffengericht aus 7 Moskauer Bürgerinnen und Bürgern ihr Urteil. Sie mussten zwei Fragen beantworten:
1. Haben die Angeklagten Taten begangen, die die Würde von Gläubigen verletzt und Hass gegen Gläubige geschürt haben. Frage 2. Wenn ja, hatten die Angeklagten den Vorsatz, Hass gegen Gläubige zu  schüren oder ihre Gefühle zu verletzen. Wenn Sie eine dieser Fragen verneinen, bedeutet das die Unschuld der Angeklagten, weil der Straftatbestand Vorsatz voraussetzt.
Nach einstündiger Beratung teilte die Jury mit, dass bei der ersten Frage drei der Schöffen den Tatvorwurf der Beleidigung von Gläubigen zurückgewiesen hätten, drei ihn bejaht hätten und einer sich enthalten habe. Bei der zweiten Frage, also der nach dem Vorsatz, sei die Jury mit einer Mehrheit von 5 zu 1 bei einer Enthaltung zu der Meinung gelangt, dass es einen solchen Vorsatz zur Beleidigung von Gläubigen nicht gegeben habe.

Ausschnitte aus „Moskauer Prozesse“, 1.-3. März 2013, Sakharov Centre Moskau
Übersetzung: Darja Shatalova

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Kunst und Kult https://whtsnxt.net/066 Thu, 12 Sep 2013 12:42:40 +0000 http://whtsnxt.net/kunst-und-kult/ Das Kunstwerk (ergon) zeigt uns nichts. Es lässt sichtbar werden. Von daher die Bedeutung des par-ergons, des rahmenden Beiwerks; von daher auch die Bedeutung des Kurators: „Der Kurator zeigt im Endeffekt, wie er einer vorgefundenen Sache mit Wertschätzungshaltung begegnet. Jeder Besucher oder Zuhörer spürt, ob wegwerfend beiseite gesprochen, ob etwas beiläufig erledigt, oder ob grosse Mühe darauf verwendet wurde. Deshalb bleibt der grosse Rahmen der monatelangen Kooperationen, des Ausleidens und des Zusammentragens ganz unwahrscheinlicher Dinge absolut grundlegend …“, sagt Bazon Brock1. Diese Mühe verbindet den Kurator mit dem Künstler. Keine Kunst ohne das aufrichtige Bemühen um das, was lobenswert ist und unsere Wertschätzung verdient.
Das Ringen um Wertschätzung aber ist ein Kind der Liturgie; der Kunst des Lobens (encomium) und Segnens (eulogia); des feierlichen Lobes (hymnein) und der Doxologie, des staunenden Lobpreises (logos) angesichts der Herrlichkeit (doxa) Gottes. Die Liturgie ist das Parergon par excellence, das einzige, was sich niemals beiläufig erledigen lässt. „Müht Euch um Euer Heil mit Furcht und Zittern“, ermahnte Paulus die erste urchristliche Gemeinde Europas (Phil 2, 12). Terribilis est locus iste, mahnt der zur Kirch- und Altarweihe gesungene Introitus-Vers der lateinischen Liturgie, indem er an Jakobs Traum von der ‚Himmelsleiter‘ erinnert (Gen 28, 17). Der Ort lobender Anbetung ist ein „ehrfurchtgebietender“, ja, ein „furchterregender“ Ort.
Nach so unterschiedlichen Denkern wie Platon, Aristoteles und Derrida ist das staunende Lob selbst die Wurzel philosophischen Wahrheitsstrebens. Im Kult laufen die Fäden von Kunst, Philosophie, und Theologie zusammen. Gregor von Nazianz (329 – 390) etwa trug den Ehrentitel ὁ Θεολόγος nicht, weil er geistreich philosophierte. ‚Der Theologe‘ ist zunächst und vor allem dies: ein Dichter und Hymnenschreiber.
Erst im Gefolge des Spätmittelalters wurde der Brennpunkt theologischen Nachdenkens von den Kultstätten selbstvergessener Anbetung in die Gelehrtenstuben bürgerlicher Schreibtischtäter verlegt. An der historischen Bruchlinie steht der Reformator – der moderne Antitypus zur platonischen Sinnenfreudigkeit der mittelalterlichen und byzantinischen Tradition. Der Chormantel singender, weihräuchernder, Ikonen oder Reliquien küssender Patriarchen und Bischöfe wird durch die Professorenrobe des reformierten Predigers ersetzt; und mit dem Chormantel wechselt auch die Bühne des Geschehens. Der abgedunkelte Prozessionsraum der liturgischen Himmelsleiter zum göttlichen Licht wird durch ein mit Sitzbänken gepflastertes Auditorium ersetzt. Zu guter Letzt zieht auch die Katholische Kirche nach, indem sie die Hochaltäre ihres einstmals unbegreiflichen Gottes durch das themenzentrierte Face-to-Face-Szenario der postkonziliaren ‚Wut des Verstehens‘ ersetzt. Die „versammelte Gemeinde“, so Andreas Jungmann in seinem ebenso einflussreichen wie streitbaren Kommentar zur Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils, erscheint von nun an als Zentrum des Geschehens, dieweil der „äussere Bau“ sich zu einem „Gehäuse“ verflüchtigt, das hinter der Funktion verständigungsorientierter Verkündigung zurück zu treten hat.
Wo selbst die Kniebeugen und Bekreuzigungsgesten frommer Laien als peinliche Überbleibsel einer undisziplinierten Verdinglichung des Glaubens erschienen, floh das Parergon orthodoxen Nicht-Verstehens in die erhabenen Kultstätten des bürgerlichen Kunstbetriebs. Doch selbst dort konnte es sich nicht dauerhaft halten. Auf die klassisch-moderne Gegenwelt ästhetischen Nichtverstehens folgten die ortlosen Parallelwelten der globalisierten Aufmerksamkeitsökonomie der Jahrtausendwende. Der postmoderne Künstler hatte keinen Ort. Seine Kunst zirkulierte zwischen Museum, Galerie, Facebook und Youtube. Das Parergon wurde unsichtbar – als hätte man den Fetischismus schwitzender, kniender, küssender und sich bekreuzigender Beter hinter sich gelassen. Doch der Fetisch suchte die flüchtigen Kultstätten postmoderner Kreativität wie ein Gespenst wieder heim – sei es in Gestalt der Wertschätzung des Marktes, sei es in Gestalt seines virtuellen Äquivalents, des symbolischen Kapitals akkumulierter Aufmerksamkeit. Das mühevolle Ringen um aufrechtes Lob wurde durch den erhabenen Schein exorbitanter Preise und Trefferquoten ersetzt. So blieb dem aufstrebenden Künstler, um noch einmal Bazon Brock zu zitieren, nur „der huldvolle Gesang der A(u)ktionäre als einzig lockende Litanei“2.
Die Weisheit christlicher Orthodoxie war einst darauf geeicht, dieser dämonischen Verselbständigung des Parergons zuvor zu kommen. ‚Orthodox‘, heisst ja vor dem Hintergrund der biblischen Überlieferung – im Unterschied zum platonischen Gebrauchssinn des Wortes ‚doxa‘ – zunächst und vor allem dies: aufrechtes (orthos) Lob der Herrlichkeit (doxa) Gottes. Der Häretiker galt nicht als Anhänger verdrehter Ideologien. Der Häretiker galt als Heuchler, weil er den aufrechten Lobpreis in Idolatrie verkehrt: indem er die symbolischen Platzhalter der Herrlichkeit Gottes mit Gott selbst, und den unbegreiflichen Namen Gottes mit den allzu begreiflichen Kreationen dogmatischer Gelehrsamkeit verwechselt. Verdrehte Gedanken sind verzeihlich, nicht aber die idolatrischen Gesten einer Praxis des Gotteslobes, die das Allerheiligste in ihrer theologischen ‚Wut des Verstehens‘ verstellen und verdrehen.
So mag man sich fragen, ob Kunstwerke wie Wim Delvoyes Skulptur „Twisted Jesus“ (2006), in welcher der Leib Christi unvermittelt mit der Schlange des Sündenfalls assoziiert werden kann, nicht als hintersinniger Kommentar zur dämonischen Wahrheit des modernen Christentums zu deuten sind; wobei die Ironie dieser exemplarischen Skulptur dann wohl darin liegt, dass die moderne Theologie diesen Hang zur Idolatrie mit der modernen Kunst teilt. Wie Letztere sich gleichwohl bis auf den heutigen Tag ein Sensorium für die orthodoxen Wurzeln des Kunstwerks bewahrte, zeigen zahllose mehr oder weniger zeitgenössische Exempel künstlerischen Grenzgängertums zwischen Kunstbetrieb und Orthodoxie.
Als der Ex-Ministrant Christoph Schlingensief im Gefolge seiner Containeraktion (2000) zum Medienstar avancierte, zog er sich in einer Talkshow nackt aus. Danach war er, gemäss eigener Auskunft, „erst einmal unten durch“ – aber er fühlte sich freier. Wer mit der Geschichte christlicher Spiritualität vertraut ist, kennt diese Geste. So wird erzählt, dass zu Beginn des 6. Jahrhunderts eine Delegation städtischer Honoratioren auszog, den zu heiliger Berühmtheit gelangten Eremiten Simeon von Emesa feierlich vor den Stadtmauern seiner Heimatstadt zu begrüssen. Dieser aber liess, kaum dass er die Lobeshymnen seiner einstigen Verächter vernahm, seine Kleider fallen und flüchtete nackt in das örtliche Bordell – nicht ohne den dort arbeitenden Damen zu erläutern, sie mögen sich bei ihrem Geschäft nicht stören lassen; er zumindest könne an diesem Ort ungestörter beten.
Es ist das Zurückweichen vor der Wirkungsgeschichte des eigenen ‚Werks‘, das den orthodoxen Heiligen vom modernen Schreibtischtheologen, und den radikalen Künstler von der post-modernen Künstlerikone scheidet. Das aufrichtige ‚Werk‘, ob in Worten, Tönen oder Farben, ist niemals mehr als ein platonisches Abbild. Niemals reicht es an den Prototyp heran, den ‚Einen‘, den der Prolog zum Evangelium des Johannes als das Wort und das Licht bezeugt.

Wiederabdruck
Der Text erschien zuerst in: Thomas Zacharias (Hg.): THE ART MASTER, Ausgabe August (Kunst und Kult) St. Moritz 2010.
1.) In: Thomas Zacharias (Hg.): Der Kurator Nr. 1, Zürich 2009
2.) In: Thomas Zacharias (Hg.): THE ART MASTER, Ausgabe Juni, St. Moritz 2010

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