define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);
– Zunächst eine Bemerkung zum Modus kunsthistorischen Arbeitens. Die akademische Disziplin der Kunstgeschichte integriert, wie jede Disziplin, heterogene Denk- und Arbeitsweisen. Das „Erklären“ der Bilder (=Werke) aus ihrem kulturellen und geschichtlichen Ort heraus wirkt jedoch, in Anlehnung an Erwin Panofsky, weit in die Kunstpädagogik hinein. Im Fachdiskurs betrifft dies, neben dem an humanistischer Bildung orientierten kunstpädagogischen Denken, auch kritische Positionen der Kunstvermittlung, die sich über Bourdieu wiederum, wenn auch implizit, an der kunstgeschichtlichen Denkweise Panofskys informieren3. So divers hier argumentiert wird, die Kunstgeschichtsschreibung, auf die rekurriert wird, ist – zumindest -implizit – mit Panofskys Stufenmodell und dem hieraus folgenden „Erklären“ von Kunstwerken verbunden. -Dieses „Erklären“ basiert darauf, den Entstehungszusammenhang der Werke mittels historischen Wissens (Quellentexten und anderen historischen Zeugnissen) zu rekonstruieren und die den Werken eigene Motivik hieraus auf ihren symbolischen und inhaltlichen Gehalt hin zu interpretieren4. Paradigmatisch liesse sich dies an Panofskys Arbeit zu Albrecht Dürers auf 1514 datierten Kupferstich Melencolia I aufzeigen5. Auch wenn dies den Rahmen hier sprengen würde, wird gerade an Panofskys Auseinandersetzung mit dieser Grafik Dürers eine folgenreiche Perspektive auf die grafische Kunst deutlich. Panofskys Überlegungen orientieren sich, bezogen auf das grafische Blatt der Melencolia I, ausschliesslich an wiedererkennbaren Motiven, und damit gegenständlichen Darstellungen und deren Zusammenstellung im Bild. Die grafische Darstellungsweise, ihre anschaulichen Qualitäten und deren eigene Sinnstiftung spielen in den Überlegungen Panofskys dagegen keine Rolle. Den Fokus seiner kunstgeschichtlichen Argumentation bildet der dargestellte Gegenstand.
– Bezogen auf eine kunstpädagogische Situation im schulischen Kontext hat insofern ein durch Panofsky informiertes Denken Konsequenzen: Nicht die (Selbst-)Tätigkeit des künstlerischen Prozesses steht von Panofsky ausgehend im Zentrum, sondern die Wiedererkennbarkeit eines Gegenstandes. Auf das Zeichnen bezogen bedeutet dies: Die potentiell vielfältigen Möglichkeiten eines zeichnerischen Prozesses werden auf das „fertig“ gezeichnete, gegenständliche Produkt einer vorstrukturierten zeichnerischen Tätigkeit (Einhaltung der Perspektive, Volumina, etc.) reduziert. Albrecht Dürer, mit dem sich Panofsky wiederholt intensiv auseinandersetzte, spielt für diese Tradition westlicher Zeichnungskunst eine bedeutende Rolle. 1525 erschien Dürers Underweysung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheyt6, die der perspektivischen Konstruktion von Gegenständen und Körpern als Mass des zeichnerischen Handwerkes gewidmet ist. Bekannt ist etwa die in diesem Zusammenhang stehende Grafik Dürers zum velum, einem Zeichenapparat zur perspektivischen Wiedergabe eines dreidimensionalen Körpers auf der Fläche7. Inwieweit heutige Curricula in ihren Kompetenzzielen mit diesen Underweysungen des frühen 16. Jahrhunderts korrespondieren, wäre zu überprüfen.
– Mit Bezug auf Pazzinis Entwurf einer KunstPädagogik, die aus ihrer Zeitgenossenschaft mit der jeweiligen Gegenwartskunst Konsequenzen für ihr pädagogisches Handeln zieht, hier eine andere kunsthistorische Skizze zu möglichen Dimensionen der Zeichnung. Gegenstand der folgenden Skizze ist nicht eine Zeichnung, sondern eine fotografische Arbeit des Künstlers Jeff Wall, ein 119 x 164 cm grosses Diapositiv im Leuchtkasten, dessen Titel gegenständlichen Bestand und Handlung des Bildes erläutert: Adrian Walker, artist, drawing from a specimen in a laboratory in the Dept. Of Anatomy at the University of British Columbia, Vancouver8. Das Diapositiv gibt den Blick auf den Künstler frei, der mit seiner in Arbeit befindlichen Zeichnung am Tisch vor dem Präparat – einem mumifiziert erscheinenden Arm mit Hand – sitzt, den Blick auf Skizze oder Präparat gesenkt, die rechte Hand ruht mit dem Zeichenstift auf dem Zeichenbrett auf. Der Tisch steht in einer Ecksituation vor einem Fenster, durch das offensichtlich genügend Licht hereinfällt, das die weissen Kacheln der Wand zurückwerfen. Eine auf dem Fensterbrett stehende Schreibtischlampe gibt kein zusätzliches Licht. Der Künstler sitzt in der linken Bildhälfte, rückwärtig gefasst durch einen Hängeschrank und, darunter stehend, aufeinandergetürmte Plastikkübel. Die rechte Bildhälfte ist dem Tisch mit dem Präparat vorbehalten und wird rechts durch das Fensterbrett, die darauf stehenden Utensilien und das spiegelnde, und insofern den BildbetrachterInnen keinen Blick nach aussen gewährende Fenster beschlossen. Die Anordnung der Situation lenkt, und dies kann hier nicht weiter in einer genaueren Bildbeschreibung ausgeführt werden, den Blick auf drei zentrale Bildbereiche: das Präparat, die Zeichnung mit der ruhenden Hand des Künstlers und dessen Kopfwendung auf Zeichnung und Präparat. Die Verbindung dieser Zentren liegt in der Handlung des Zeichnens selbst, also einem Moment, den die Fotografie gerade nicht zeigt. Vielmehr stellt Wall über die Verschiebung des Zeichnungsaktes in eine ruhende Situation das Zeichnen als ein Verhältnis dieser Zentren dar. Das aus diesem Verhältnis entstehende Produkt, die Zeichnung des mumifizierten Armes, muss sich die Aufmerksamkeit der Betrachtung mit den anderen Zentren teilen: Zeichnen wird hier als ein Prozess erfahrbar, der nicht auf das Produkt ausgerichtet ist, sondern dessen Relevanz im Akt des Zeichnens selbst liegt. Wie auch immer dieser aussehen mag. KunstPädagogisch tritt damit gegenüber der perspektivischen Konstruktion des dargestellten Körperteiles als Produkt der Zeichnung der Zeichenprozess in den Vordergrund. Was sich, im Diapositiv Walls bei aller Tiefenschärfe der Fotografie, in der reduzierten Wiedererkennbarkeit des mumifi-zierten Armes in der bereits sichtbaren Zeichnung niederschlägt: Der Winkel, in dem der Blick der BildbetrachterInnen auf die Zeichnung fällt, verunklärt diese Wiedererkennbarkeit in Richtung einer Bündelung von gezeichneten Linien.
– Die voranstehenden Überlegungen zu Jeff Wall’s Adrian Walker verzichten darauf, die kunsthistorischen Bezüge des Werkes zu anatomischen Zeichnungen oder den kompositorischen Aufbau der Bildanlage zu Dürers Zeichner, der einen liegenden Akt zeichnet in Bezug zu setzen. Die Gegenständlichkeit des Diapositivs wurde nicht auf ikonografische Anspielungen oder ikonologische Implikationen hin befragt. Vielmehr ging es darum, den bildlichen Sinn des Diapositivs im Modus der kunsthistorischen Arbeitsweise der Ikonik Max Imdahls zumindest ansatzweise zu erarbeiten. Anders als die gegenstandsgebundene Arbeitsweise Panofskys ermöglicht die Ikonik, auch die nichtgegenständlichen Bildanteile hinsichtlich ihrer Sinnstiftung für den gesamten Werkzusammenhang zu erschliessen9. Dies ergibt für den Umgang mit der Zeichnung, die auf dem Verhältnis von darstellenden Linien, Spuren, Formationen und freistehender Fläche beruht – und dies unabhängig davon, ob es sich um gegenständliche oder freie Zeichnungen handelt – durchaus Sinn10.
– Dass und wie künstlerisches Handeln und dessen materieller Niederschlag Erkenntnis generiert, wird unter dem Begriff der künstlerischen Forschung intensiv diskutiert11. Ohne den Begriff fahrlässig auszuweiten, hier eine kurze Überlegung zu einem Erkenntnismodus der anatomischen Zeichnung bei Leonardo – als einem derjenigen Künstler, deren Zeichnung bis heute intensiv rezipiert wird. Seine Studienblätter zum Muskelverlauf der Schulter oder zur Lage und Verbindung des Uterus zeigen einen erkenntnisorientierten Umgang der Zeichnung, die dem Verständnis anatomischer Zusammenhänge dient. Anders als in einer Visualisierung von vorhandenem Wissen erproben diese Zeichnungen ihre anatomische Erkenntnis, indem sie sie erst aufzeigen. Anders ausgedrückt: Leonardo erzeichnet sich (und uns) ein anatomisches Verständnis. Insofern öffnen diese Zeichnungen den Erkenntnisprozess, auch wenn sie, auf eine gegenständliche Betrachtung reduziert, die korrekte Lage der Organe und Muskeln zu definieren scheinen.
Eine kunstPädagogische Perspektive ist zur Entwicklung eines Verständnisses von Zeichnung nicht nur auf Werke früherer Zeiten, sondern auch auf die Gegenwartskunst gewiesen. Deren Umgang mit der Zeichnung ist durchaus heterogen. Gerade deshalb aber sind gegenwärtige Positionen für den kunstpädagogischen Umgang mit der Zeichnung von Interesse. Fokussiert wird hier zumindest ansatzweise auf die Zeichnung bei Tacita Dean, Toba Khedoori, Kateřina Šedá.
– Tacita Dean ist spätestens seit der documenta 13 (2012) für ihre grossformatigen Kreidezeichnungen auf Tafeln bekannt12. Dean nutzt das Dunkel der Tafel ebenso wie die Abstufungen des Weiss der Kreide. Verwischt und im Wechsel von Tafelgrund und Weisshöhung akzen-tuiert, evoziert Dean mit ihren Zeichnungen erzählerische Zusammenhänge. In die Kreidelandschaften eingefügt sind schriftliche und gegenständliche Verweise auf ein Geschehen, dass das Dargestellte (wie Berge, Wellen, Schiff, menschliche Figur) in erzählende Zusammenhänge einbettet. Ebenso wirksam wie diese konkreten Verweise auf tradierte Erzählungen und -Geschehnisse ist die Verweisstruktur der materialen Kreidezeichnung selbst. In ihren Fingerspuren, Verwischungen und Abdrücken weist die Zeichnung ihre Entstehung, und damit die Evokation von Darstellung, als einen individualisierten Prozess aus, dem insbesondere die Veränderung eigen ist.
– Toba Khedoori isoliert in ihren ebenfalls grossformatigen Zeichnungen Objekte (Stuhl, Fenster, Tür) in einer weiträumigen Bildfläche13. Ihr Zeichenwerkzeug besteht aus Wachs, einem scharfen Gegenstand, Ölfarbe und den Sedimenten des Arbeitsprozesses. Khedoori überzieht die Fläche mehrfach mit einer transparenten Wachsschicht, ritzt die Umrisslinien des frei in der Fläche schwebenden Objektes ein und füllt die Flächen mit Ölfarbe. Was an Staub, Flusen, menschlichen Haaren während des Arbeitsprozesses aufgewirbelt wird, schreibt sich in die Wachsschicht ein. So präzise und konkret die Formgebung der Ritzzeichnung das -Objekt in der Fläche definiert, so offen bleibt das Verhältnis des Objektes zu den zeichenhaft in den Wachsschichten eingeschlossenen Sedimenten. Die Zeichnung prägt jedoch beides: präzise Definition und unkontrolliertes Sediment.
– Kateřina Šedá agiert mit ihrer Arbeit over and over im sozialen Raum14. Was hieraus hervorgeht, sind einerseits die Veränderungen, die die künstlerische Aktion Šedás im Denken und Handeln der Beteiligten auslöst. Andererseits aber entsteht aus solchen Aktionen Šedás eine Art installative Summe, die in Ausstellungen sichtbar (und teils hörbar) wird. Der Zeichnung kommt darin ein hoher Stellenwert zu. Als reduzierte Notation, konzeptuelle Überlegung, Akzentsetzung, Reflektion, Ordnungs- und Vernetzungsmoment durchziehen kleinformatige Zeichnungen Šedás Installation des over and over. Gegenüber den der Installation integrierten fotografischen und Videoaufzeichnungen stellen die Zeichnung Šedás jene Distanz zum Geschehen der Aktion her, die etwas sichtbar werden lässt. Anders ausgedrückt: Šedá lotet Zeichnung, eingebunden in die Installation over and over, in ihrer reflektiven Dimension aus.
Und jetzt? Zu wünschen ist, dass das Verständnis dessen, was Zeichnung und Zeichnen in der Schule ausmacht, sich an der Differenz der Zeichnung reibt, die Heterogenität aushält, und, nicht zuletzt, die Zeichnung als ein Handeln zu verstehen, dessen Relevanz in Prozess und Handlung des Zeichnens, statt in dessen Produkt liegt. Mit allen Herausforderungen eines ergebnisoffenen (kunst)pädagogischen Geschehens im System Schule.
1.) Terra incognita bezieht sich hier auf ein am Institut LGK HGK FHNW laufendes Projekt zum Zeichnen im Bildnerischen Gestalten, Sek II, siehe www.kunst-mobil.ch [4.1.2015]
2.) Wenn hier auch nicht weiter auf das kunstpädagogische Symposium -Zeichnen als Erkenntnis eingegangen wird, sei zumindest auf die Website verwiesen: www.zeichnen-als-erkenntnis.eu [10.3.2014]
3.) Zu Bourdieus Auseinandersetzung mit Panofsky siehe: Heinz Abels, „Die Zeit wieder in Gang bringen. Soziologische Anmerkungen zu einer unterstellten Wirkungsgeschichte der Ikonologie von Erwin Panofsky“, in: Bruno Reudenbach (Hg.), Erwin Panofsky. Beiträge des Symposiums Hamburg 1992, Berlin 1994, S. 21–22. Weiterführend hierzu siehe: Beate Florenz, „Kunstvermittlung: Eine epistemische Praxis“, in: Flavia Caviezel, et al. (Hg.), Einblicke in Forschungspraktiken der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, Zürich 2013, S. 41–46.
4.) Erwin Panofsky, Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. Köln 1996. Ekkehard Kaemmerling (Hg.), Ikonographie und Ikonologie: Theorien – Entwicklung – Probleme. Köln 1994.
5.) Raymond Klibansky, Saturn und Melancholie: Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt/M. 1990.
6.) Albrecht Dürer, Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt in Linien, ebnen unnd gantzen corporen [Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit in Linien, Ebenen und ganzen Corporen]. Unterschneidheim 1972 [1525].
7.) So der Holzschnitt: Albrecht Dürer, „Zeichner, der einen liegenden Akt zeichnet“, um 1527 entstanden, 7,6 x 11,2 cm, Berlin, Staatliche Museen, Kupferstichkabinett.
8.) Jeff Wall, „Adrian Walker, artist, drawing from a specimen in a laboratory in the Dept. of Anatomy at the University of British Columbia, Vancouver“, Diapositiv im Leuchtkasten, 1992, 3 Abzüge + 1 Künstlerabzug, 119 x 164 cm.
9.) Siehe Max Imdahl, „Cézanne – Braque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen“ (1974), in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Gottfried Boehm, Frankfurt/M. 1996, S. 303–380. Imdahl erarbeitet ikonisches Denken in diesem Text an Malerei und Zeichnungen.
10.) Siehe Max Imdahl, „Zu einer Zeichnung von Norbert Kricke“ (1988), in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Angeli Janhsen-Vukicevic, Frankfurt/M. 1996, S. 539–546.
11.) Zur künstlerischen Forschung siehe insbesondere: Elke Bippus (Hg.), Kunst des Forschens: Praxis eines ästhetischen Denkens, Zürich 2009; Corina Caduff et al. (Hg.), Kunst und künstlerische Forschung, Zürich 2010, Isabelle Graw (Hg.), Artistic research, Berlin 2010.
12.) Auf der dOCUMENTA (13) war die folgende Arbeit zu sehen: Tacita Dean, „Fatigues“, 2012, Chalk on blackboard, 230 x 1110 cm; 230 x 557 cm; 230 x 744 cm; 230 x 1110 cm; 230 x 557 cm; 230 x 615 cm. Siehe auch: www.frithstreetgallery.com/works/view/fatigues [2.11.2014] sowie den Katalog: Theodora Vischer, Isabel Friedli (Hg.), Tacita Dean, Analogue: Zeichnungen 1991–2006, Göttingen 2006.
13.) Siehe zu diesen Arbeiten Khedooris: Toba Khedoori: Gezeichnete Bilder (Ausst.kat.), mit Textbeiträgen von Lane Relyea und Hans Rudolf Reust. Basel 2001.
14.) Siehe: Fanni Fetzer (Hg.), Kateřina Šedá. Talk to the sky ’cause the ground ain’t listening (Ausst.kat.), Luzern 2012. Sowie, zu „over and over“: Kateřina Šedá, Over and over, Zürich 2010.
1.) Peter Sloterdijk, „Nach der Geschichte“, in: Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion, Reihe Acta Humaniora, Weinheim: VCH, 1988, S. 263.
2.) Vgl. Thomas Hecken, Pop: Geschichte eines Konzepts 1955–2009, Bielefeld: transcript, 2009, S. 60–67.
3.) Vgl. u. a. Gianni Vattimo, Das Ende der Moderne, Stuttgart: Reclam, 1990 [i. O. 1985], S. 33: „Die Vermassung und ‚Mediatisierung‘ – aber auch die Säkularisierung, Entwurzelung, usw. – der spätmodernen Existenz ist nicht notwendigerweise eine Akzentuierung der Entfremdung bzw. der Enteignung im Sinne der total organisierten Gesellschaft. Die ‚Entwirklichung‘ der Welt kann nicht nur in Richtung der Starrheit des Imaginären, der Etablierung neuer ‚höchster Werte‘ gehen, sondern sich statt dessen auch der Beweglichkeit des Symbolischen zuwenden.“
4.) Vgl. meinen Essay „Diese Krise taugte nichts. Kein Körper, kein Fleisch, nur Nullen, die fehlen: 2009 – eine Krisenkritik“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 51/2009, S. 29.
5.) Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2006, S. 59.
6.) Luc Boltanski/Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK, 2006, S. 86.
7.) Vgl. hierzu u. a. Marc Jongen (Hg.), Der göttliche Kapitalismus. Ein Gespräch über Geld, Konsum, Kunst und Zerstörung mit Boris Groys, Jochen Hörisch, Thomas Macho, Peter Sloterdijk und Peter Weibel, München: Wilhelm Fink, 2007.
8.) Vgl. Francis Fukuyama, „After the End of History“, 2006, auf: http://www.opendemocracy.net/democracy-fukuyama/revisited_3496.jsp, letzter Zugriff: 22.11.2012: „Economic development produces increases in living standards that are universally desirable. The proof of this, in my opinion, is simply the way people ‚vote with their feet.‘ Every year millions of people in poor, less-developed societies seek to move to western Europe, to the United States, to Japan, or to other developed countries, because they see that the possibilities for human happiness are much greater in a wealthy society than in a poor one. Despite a number of Rousseauian dreamers who imagine that they would be happier living in a hunter-gatherer or agrarian society than in, say, contemporary Los Angeles, there are scarcely a handful of people who actually decide to do so.“
9.) Vgl. Thomas Frank/Matt Weiland (Hg.), Commodify your Dissent: Salvos from The Baffler, New York: W. W. Norton 1997.
10.) Vgl. Thomas Hecken, Avant-Pop. Von Susan Sontag über Prada und Sonic Youth bis Lady Gaga und zurück, Berlin: Posth Verlag, 2012.
11.) Zur zweifelhaften Avantgarde-Rhetorik in der zeitgenössischen Kunst vgl. v. a. Christian Demand, Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte, Springe: zu Klampen, 2003.
12.) Vgl. hierzu u. a. Peter Bürger, Theorie der Avantgarde, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1974, S. 92–98.
CK/RS: Was würden Sie auf einen Satz wie »Das kann ja jeder«, den man im Zusammenhang mit Gegenwartskunst häufig hört, entgegnen?
JR: Diese Bemerkung drückt vor allem etwas dem ästhetischen Regime der Kunst Wesentliches aus, nämlich eine Verschiebung im Verständnis davon, was Kunst überhaupt ist. Ein Kunstwerk zu sein ist nicht länger an technische Perfektion gebunden, sondern daran, den Effekt einer Verschiebung des Koordinatensystems von Wahrnehmung und Empfindung auslösen zu können. Dieser Effekt setzt voraus, dass »das Können« in der Kunst so weit wie möglich unsichtbar wird. Doch offenbar gibt es hier mehrere Arten von Unsichtbarkeit. Es gibt diejenige, die aus einer künstlerischen Arbeit resultiert, die ihre eigenen Spuren verwischt. Das ist das Prinzip eines Schriftstellers wie Flaubert, der endlos seine Sätze umarbeitet, um zu einer Ausdrucksform zu gelangen, die völlig unpersönlich ist. Dann gibt es die Form von Unsichtbarkeit, bei der Künstler auf die Zeit und den Zufall setzen, wie etwa die Affichisten. Oder bei künstlerischen Formen, die sich vom Dadaismus, dem Surrealismus oder der Pop Art ableiten und mit Materialien arbeiten, die der Kunst fremd sind. Und es gibt jene Unsichtbarkeit, bei der einfach eine Verschiebung der künstlerischen Arbeitsweise selbst im Zentrum steht, wo das Werk etwa aus dem bloßen Befolgen von Regeln entsteht. In allen Fällen kann der Zuschauer, Betrachter oder Leser den Eindruck bekommen, dass es leicht sei, dasselbe zu machen. Doch im Grunde liegt das Problem nicht darin, dass »das jeder kann« – ob man es nun beklagt oder sich darüber freut. Sondern die Frage ist, ob eine echte Verschiebung erzeugt oder nur eine Vorstellung davon illustriert wird, ohne der entstandenen Form irgendeine autonome Macht zu lassen, von sich aus zu wirken. Das Problem wird noch größer, wenn die künstlerische Idee selbst keine Kraft der Verschiebung in sich trägt wie etwa in Arbeiten, die uns die Macht der Werbung ins Bewusstsein rufen wollen oder jene Anhäufungen von Müll, die uns angeblich die dunkle Seite der Konsumgesellschaft zeigen … alles Dinge, die ohnehin jedem bekannt sind. Ich denke da an Skulpturen à la Jeff Koons, die Ikonen der Medien monumentalisieren, an Installationen wie »Shit Plug« von Paul McCarthy und Jason Rhoades mit den Glasflaschen, die Exkremente der Documenta 11-Besucher enthalten, oder an die riesige Installation von Rhoades in der Flick Sammlung, die uns die Schläuche der kapitalistischen Maschine zeigt, die alles aufsaugt und in Abfall verwandelt; an die gigantischen Haufen alter Zeitungen von Wang Du, die uns – was sonst! – die penetrante Macht der Medien zeigen sollen … Dieses Jahr hat uns in Paris die Ausstellung »La Force de l’art« (Die Kraft der Kunst) – angeblich das Schaufenster der französischen Kunst – mit Darstellungen von Stripperinnen, die Stereotype von Weiblichkeit illustrieren, einer Wand aus Bildern, die den kapitalistischen Prozess von einer Fabrik bis zum Laufsteg darstellt, Schnitte durch gewöhnliche Interieurs, die versteckte häusliche Gewalt ans Licht bringen sollen, oder rot bemalte, deformierte, von der Decke abgehängte Mülltonnen etc. erschlagen.
Sie sagen in Ihrem Buch »Der emanzipierte Zuschauer«*, dass der Zuschauer nicht aus seiner Passivität befreit werden muss, sondern dass das Zuschauen selbst eine Aktivität darstellt, die interpretiert und urteilt. Kann man aus der Rehabilitierung des Zuschauers auch eine Rehabilitierung des theoretischen Blicks ableiten? [theoría = »Schau« im Griechischen] Könnten Sie in diesem Zusammenhang auch ausführen, welche Rolle die Muße in ihrem Denken spielt?
In Wirklichkeit geht die Kritik am Zuschauer in zwei Richtungen: einerseits kritisiert man ihn, weil er nur zusieht, statt zu handeln. Die Kritik am Zuschauer scheint eine Kritik der theoretischen Aktivität im Namen der Praxis einzuschließen. Zum anderen kritisiert man seine Aktivität als Zuschauer, der »zusieht«, anstatt zu »sehen«, nach der berühmten Formel von Brecht. »Zusehen« bedeutet also, es mit dem Schein zu tun zu haben, während »sehen« bedeutet, Zugang zur Wirklichkeit zu haben, die jenseits des Scheins liegt. Doch dieses »jenseits des Scheins« kann sowohl die platonische reine Wesensschau sein, wie auch das Erkennen der gesellschaftlichen Bedingungen, die der Illusion der »reinen Wesensschau« zu Grunde liegen. Tatsächlich ist die Frage der Legitimität des Blicks mit der Frage nach der Stellung der Muße verbunden. Traditionell ist die Muße – das heißt die Loslösung von den Zwängen der Arbeit – die Bedingung, die zugleich die Interesselosigkeit und die Besonnenheit des Blicks rechtfertigt. Für Platon hat einzig der Philosoph die Muße des Denkens, im Gegensatz zum Sophisten, der aus dem Denken einen Beruf macht. Für die politischen Philosophen der Neuzeit hatten nur die »Männer der Muße«, das heißt die Reichen, die nicht von der Hand in den Mund leben müssen, die Befähigung, über öffentliche Angelegenheiten zu urteilen. Und in der Tradition der Schönen Künste konnten einzig die »Amateure«, das heißt diejenigen, die sie nicht zum Beruf hatten, die Qualität eines Kunstwerks beurteilen. Die Kritik des Zuschauers sagt im Grunde: Nicht jeder kann Zugang zur Muße haben. Und umgekehrt bedeutet Emanzipation geltend zu machen, dass jeder Muße haben kann, das heißt, die Zeit dazu zu haben und Gebrauch von ihr zu machen. Man muss sich daran erinnern, dass »Theorika« im alten Athen der Name eines Zuschusses war, der den Leuten ausbezahlt wurde, damit sie ins Theater gehen konnten. Aber es war auch die Anerkennung dessen, dass alle die Fähigkeit besitzen, zu sehen und zu denken.
Was ist ein guter Kunstkritiker?
Ich weiß nicht, ob wir »gute Kunstkritiker« brauchen, im Sinne von Experten, die ihren Lesern oder Zuhörern sagen, was sie sehen sollen und warum. Diese Funktion hat nur in einer Logik der Repräsentation Sinn, wo die Kriterien der künstlerischen Produktion und die Kriterien der sinnlichen Affektion des Publikums aufeinander abgestimmt sind. In einer Logik des Ästhetischen hingegen besteht die Funktion des Kritikers nicht darin zu sagen, ob ein Werk objektiven Kriterien der Perfektion oder den formulierbaren Erwartungen eines definierten Publikums entspricht. Sie besteht darin, die Kraft des Werks zu verlängern, den darin enthaltenen sinnlichen Ereignissen eine Welt durch ein neues Gedicht zu verleihen, ein Gedicht aus Worten. Diese Auffassung von Kritik ist bereits in der »progressiven Universalpoesie« der Brüder Schlegel präsent. Die Werke verlangen vollendet, verwandelt zu werden. Dass man Welten entwirft, die sie möglich gemacht haben, oder dass man ihnen neue Welten hinzufügt. Die »guten Kunstkritiker« waren selten professionelle Besucher der Ateliers oder der Galerien. Es waren öfter Dichter, Schriftsteller oder Essayisten, die die Dinge auf der Leinwand, der Bühne oder der Kinoleinwand mit ihrer eigenen Art, Dinge in Worte zu fassen, konfrontierten. Ich denke an Schriftsteller wie die Brüder Goncourt, die Malerei in Worte, an einen Dichter wie Mallarmé, der den neuen Tanz oder an einen Essayisten wie Kracauer, der das »Ereignis« Kino in Worte übersetzte. Ein »guter« Kunstkritiker ist ein Übersetzer zwischen den Künsten, den Regimen des Ausdrucks, den Sensibilitäten und den Öffentlichkeiten.
Der schottische Künstler Momus hat einmal folgendes Paradox formuliert: »Um zu glauben, dass es in der Kunst keine Klassenstrukturen mehr gibt, muss man selber Oberschicht sein. Um an das Ende aller Standesunterschiede zu glauben, muss man selber ziemlich distinguiert sein.« Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen ästhetischem Feld und Klassenstruktur?
Das ist kein Paradox, da es nur die Argumentation Bourdieus wiederholt, die aus dem interesselosen ästhetischen Urteil Kants eine Illusion der Philosophie macht, die die Realität der Klassenunterschiede verdeckt, die den Volksgeschmack vom distinguierten Geschmack trennt. Diese scheinbar radikale Kritik wiederholt selbst wiederum nur das alte platonische Verbot, das die Handwerker anwies, nichts anderes zu betreiben als »ihr eigenes Metier«, weil die Natur ihnen die »Eignung« für die Tischlerei oder das Schusterhandwerk gegeben habe und für nichts anderes. Das ist eines der vielen Beispiele dafür, wie ein sogenanntes kritisches Denken die Motive der herrschenden Ordnung übernimmt. Niemand hat jemals geglaubt, dass die Kunst außerhalb der Teilung der Gesellschaft in Klassen und des Klassenkampfes stehen würde. Doch davon ausgehend gibt es zwei mögliche Haltungen: entweder verkapselt man sich mit der nicht enden wollenden Entmystifizierung von Illusionen und macht sein intellektuelles Geschäft damit, die alles beherrschende Realität des Geldes und des Marktes zu zeigen. Oder aber man arbeitet tatsächlich gegen die Klassenunterschiede, das heißt gegen die Formatierung, die jeder sozialen Kategorie das zuteilt, was man für sie passend hält. Zum Beispiel die Multiplex-Kinos, die jedem Publikum das passende Gericht auftischen, die Spartenkanäle, die für jedes Hobby etwas anbieten, oder die öffentlichrechtlichen Kanäle, die »Kultur« nur spät in der Nacht bringen. Das dringt auch immer mehr in die Welt der Museen ein. Man kann beobachten, dass manche Museen versuchen, eine Art Trash-Look zu forcieren, um die Jugendlichen aus den Banlieus mit einer ähnlichen Umgebung wie die, die sie kennen, anzuziehen. Um nun gegen die Distinktion zu kämpfen, muss man sie in gewisser Weise leugnen. Der Klassenkampf selbst ist immer im Namen der Ablehnung der Klassentrennung geführt worden. Das heißt, gegen die Festlegung von Individuen auf einen bestimmten Typ von »Eignung«, einen Ort und einer Beschäftigung abhängig von ihrer sozialen Herkunft. Er wurde von Leuten geführt, die dafür aus ihrem Klassen-»Ethos« heraustreten mussten. Als ich über die Arbeiteremanzipation zu arbeiten begann, war ich erstaunt festzustellen, dass die kämpfenden Arbeiter beständig behaupteten, keine getrennte Klasse zu sein, sondern fähig zu handeln, zu sprechen, zu rechnen und zu denken wie ihre Herren. Der vereinfachenden Alternative »Wirklichkeit oder Illusion« setzten sie ein viel dialektischeres Denken des »als ob« entgegen: der Klassenkampf wird so ausgefochten, als ob es keine Klassen gebe. Kant sagt, dass das ästhetische Urteil über einen Palast die Frage außer Acht lassen muss, ob er mit dem Schweiß des Volkes für ein paar Müßiggänger erbaut wurde. Für Bourdieu ist das die Spitze der Illusion der Philosophie. Doch tatsächlich hat die Arbeiteremanzipation damit begonnen, dass die Bauarbeiter einen »interesselosen« Blick auf den Ort und das Produkt ihrer Arbeit richten konnten. Diese Bejahung der Fähigkeit aller – entgegen dem System, das die kulturellen Produkte für ein fein getrenntes Publikum formatiert – ist noch heute die wichtigste Aufgabe. Das Problem ist nicht das Geld, das Jeff Koons oder Damien Hirst verdienen oder dass Milliardäre wie Pinault große Renaissancemäzene spielen. Das Problem ist, dass ein Film über das Leben der Bewohner einer Barackensiedlung in Lissabon von Pedro Costa als Festivalfilm klassifiziert wird, der nur von Ästheten gesehen werden soll, weil er »zu schön« für das Elend und »zu langsam« für das »breite Publikum« ist.
Kulturelle Produkte sind immer für bestimmte Zielgruppen gemacht, oft allein aus ökonomischen Gründen. Wie und warum sollte sich das Ihrer Meinung nach ändern?
In Wirklichkeit war künstlerische Innovation oft mit einer Verwirrung der Öffentlichkeiten verbunden. Das Publikum der »Zauberflöte« wusste damals nicht, dass es ein Meisterwerk »großer Musik« sah; die Leserinnen, die mit dem Unglück von »Madame Bovary« mitlitten, wussten wirklich nicht, dass das »l’art pour l’art« war; und das Kino wurde zur Kunstform, weil die vielen Drehbuchschreiber, Regisseure, Kameramänner, Musiker usw. mit den künstlerischen Innovationen der 20er Jahre eng vertraut waren und zu Ergebnissen gelangten, die sich an das breite Kinopublikum richteten, ohne zu sagen: »Achtung, ich bin Kunst«. Damals waren es die Kunstschaffenden, die überdenken mussten, was »Kunst« bedeuten könnte. Heute ist es umgekehrt: einerseits diversifiziert man das Angebot für jedes Publikumssegment, was bedeutet, dass man jeden in seiner eigenen Kultur einschließt; auf der anderen Seite bedient man sich aller möglichen Formen von Straßenkunst und Musikformen aller möglichen Volksgruppen oder Altersklassen, um sie für das Elitepublikum der Museen oder Konzerte zu recyclen. Wir hatten da zum Beispiel in einem der Kunsttempel in Paris eine sehr schlechte Ausstellung mit auf Leinwände übertragenen Tags … Es gibt keine besonderen Gründe, warum »sich das ändern« sollte, aber wenn sich nichts ändert, wird das »Kunstschaffen« immer langweiliger werden.
Was ist schlechte Kunst?
Aus den oben angeführten Gründen haben wir keine objektiven Kriterien mehr, um gute von schlechten Kunstwerken zu unterscheiden. Ein interessantes Werk ist eines, das aus sich selbst herausgehen, unerwartete Blicke oder Interpretationen auf sich ziehen oder sich unterschiedlichsten künstlerischen Wiederaufnahmen anbieten kann. Umgekehrt ist ein Werk auf zwei Arten uninteressant. Zuallererst wenn seine formalen Qualitäten sich nicht vom gewöhnlichen Regime der Organisation sinnlicher Reize absetzen. Den besten Test kann man im Kino machen, wo die Zuschauer mit zwei Bild-Typen konfrontiert sind, die zwei prinzipiell unterschiedlichen Formen entsprechen: den Bildern der Werbung, die den scheinbaren Wünschen des Publikums gerecht werden wollen. Und es gibt die Bilder des Films: Jeder kann von den ersten Einstellungen an beurteilen, ob sie mit den Bildern der Werbung brechen oder nicht. Ein Werk ist auch dann uninteressant, wenn es nichts anderes als seine Idee zeigt, wenn Rezeption und Kommentare völlig vorhersehbar sind. Das ist der Fall bei vielen Werken der Gegenwartskunst, die eine einmal gefundene künstlerische Formel einfach wiederholen, und wo der Kritiker den schon etablierten Legitimationsdiskurs auch einfach wiederholen kann.
Machen Sie selbst Kunst?
Ich habe niemals Musik gemacht, gemalt, gefilmt oder Romane geschrieben. Ich habe in meinem Leben im Wesentlichen zwei Künste ausgeübt. Die eine ist die Gartenkunst, die sehr präsent war in den ästhetischen Reflexionen in der Zeit von Burke und Kant, doch heute ist daraus so gut wie verschwunden. Die zweite Kunst ist das Schreiben. Aber ich habe niemals Literatur als solche geschrieben. Doch habe ich mich in allem, was ich geschrieben habe, und was in die Kategorien der Geschichte, Philosophie, der politischen Theorie oder der »Kunstkritik« eingeordnet wird, als jemanden wahrgenommen, der die Arbeit eines »Künstlers« macht. Ich meine damit nicht die Arbeit eines Virtuosen der Komposition und des Ausdrucks. Die Arbeit des Künstlers ist die Arbeit von jemandem, der sich unaufhörlichen Bestätigungen und Widerlegungen stellt, die einer Idee eine entsprechende Form geben, und aus der Arbeit an der Form wieder neue Ideen gewinnt. »Künstler« in diesem Sinn bezeichnet überhaupt keine Ausnahmestellung. Im Gegenteil, das bedeutet, dass der Philosoph, der Historiker, der Kritiker oder der Theoretiker nicht jemand ist, der eine Wahrheit besitzt, die den anderen unbekannt ist, und der eine Sprache der Wissenschaft spricht, die von der gewöhnlichen Sprache getrennt ist. Er ist jemand, der im Universum der Sprache, der Formen und des Denkens in derselben Weise vorgeht wie alle anderen.
Aus dem Französischen von Christian Kobald und Richard Steurer
Wiederabdruck
Dieses Interview erschien zuerst in Spike Art Quarterly, No. 21, Herbst 2009, S. 28–35.
Übersetzung: Karl Hoffmann
Wiederabdruck
Dieser Vortrag wurde erstmals am Symposium „Wo stehst du, Kollege?“, im HAU 1, Berlin, 2010 gehalten und erschien anschließend in „Texte zur Kunst“, Heft 81, März 2011, S. 88ff. sowie unter: http://www.textezurkunst.de/81/uber-die-soziale-welt-sprechen/ [22.3.2013].
1.) Andrea Fraser, „From the Critique of Institutions to an Institution of Critique“, in: Artforum International, September 2005.
2.) Natürlich muss diese Aussage ziemlich eingeschränkt werden. Man kann nur sehr wenige Verallgemeinerungen irgendeines Aspekts des Kunstfelds machen in Anbetracht seiner heutigen Unterteilung in verschiedene Subfelder. Der Kunstdiskurs funktioniert in den Subfeldern auf sehr unterschiedliche Weise: im vom Markt dominierten Feld der kommerziellen Galerien, Kunstmessen und Auktionen; im Feld der Ausstellungen und Projekte im öffentlichen Raum oder im bürokratischen Kunstfeld; im Feld des kulturellen Aktivismus, das sich außerhalb der Institutionen verortet; und im akademischen Feld. Einer der problematischsten Aspekte des heutigen Kunstdiskurses liegt vielleicht in seiner Rolle, Verbindungen zwischen Subfeldern der Kunst herzustellen, die fast gänzlich inkommensurabel sind hinsichtlich ihrer ökonomischen Verhältnisse sowie ihrer politischen und künstlerischen Werte. Eine Zeit lang bestand mein optimistischstes Szenario für das Kunstfeld darin, dass es vollständig in diese Subfelder zersplittern würde. Dies wäre für Künstler, deren Praktiken sich über mehrere Subfelder erstrecken, eine Herausforderung: genau zu bestimmen, wo sie sich sozial und ökonomisch verorten.
3.) Andrea Fraser, „Procedural Matters“, in: Artforum International, Sommer 2008.
4.) Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst, Frankfurt/M. 2001, S. 20.
5.) Ders., Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1987, S. 103.
6.) Siehe ders., „The Field of Cultural Production, or: The Economic World Reversed“ und „The Production of Belief: Contribution to an Economy of Symbolic Goods“, S. 50 und S. 74–76, in: ders., The Field of Cultural Production, New York: Columbia University Press, 1993.
7.) Ders., Die feinen Unterschiede, a. a. O., S. 372.
8.) Sigmund Freud, „Die Verneinung“ (1925), online unter:www.textlog.de/freud-psychoanalyse-verneinung-imago.html.
9.) Ebd.