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PS: Eher erscheint es mir ein Thema, das fürs erste völlig unzeitgemäss klingt und erst beim zweiten Hinhören seine Sprengkraft verrät. Ich rücke ohne Umweg mit meiner Grundthese heraus: Man versteht die Moderne in moralphilosophischer Hinsicht nur, wenn man sie als eine Veranstaltung zur Verbergung der grosszügigen Geste begreift.
Sie sprechen in Rätseln. Wie soll man das verstehen?
Wir wissen wohl indirekt noch immer, dass Grosszügigkeit für den sozialen Zusammenhalt unentbehrlich ist. Ohne sie kann die Schaffung eines hinreichend dichten kulturellen Äthers nicht gelingen. Doch sind wir heute aufgrund ideologischer Hemmungen ausserstande, die Bedeutung der generösen Gesinnung für die Stiftung des sozialen Bandes zu verstehen. Ich spreche darum von einer Verschleierung der Grosszügigkeit. Der verborgene Krieg unserer Zeit zielt auf die Leugnung der aristokratischen Funktionen, auf die Zerstörung dessen, was man früher «Vortrefflichkeit» genannt hätte.
Wenn Sie von «Vortrefflichkeit» sprechen, meinen Sie damit jene Leute, die im Politjargon «die Leistungsträger» heissen? Nicht den geborenen Adel, sondern solche, die sich selbst an die Spitze emporgearbeitet haben?
Nun sind wir mitten im Thema, denn Ihre Frage beweist: Schon das Vokabular, das uns aktuell zur Verfügung steht, macht uns verlegen. Wir können nicht anders, als moralisch und politisch kontaminierte Wörter in den Mund zu nehmen, um über Individuen zu reden, von denen wir wünschen, dass sie eine vorbildliche oder eminente Rolle spielen. Terminologisch verweisen Wörter wie «Eminenz» oder «Prominenz» auf eine Dynamik des «Vorspringens», man könnte zeitgeistkonformer sagen: auf eine Funktion der Auffälligkeit.
Nun ist zwar Auffälligkeit, wahrnehmungspsychologisch gesehen, ein hohes Gut, sie scheint aber im Sinne der egalitären Ethik zugleich ein Übel zu sein. In der Vorbildlichkeit gewisser Leute selber scheint schon das Unrecht der Ungleichheit angelegt. Wir leben offensichtlich in einem terminologischen Notstand und nehmen Zuflucht zu altertümelnden Wörtern wie «Vortrefflichkeit», die eher in die Goethe-und-Schiller-Zeit als in die Gegenwart gehören. Der Begriff «Elite» ist seinerseits vorbelastet, zumindest klingt er zweideutig, weil er an «Auslese» erinnert, und der Begriff «Aristokratie» geht schlechterdings gar nicht mehr. Auch das englische excellence hilft nicht weiter. Die sachlichen Gehalte dieser Wörter sind heute terminologisch unbehaust. Man weiss nicht, wie man sich ausdrücken soll, wenn man über das grosszügige, das vornehme, das exemplarische Verhalten sprechen möchte.
Schweigen wollen Sie aber auch nicht. Was ist zu tun?
Versuchen wir, eine alternative Sprache zu finden, selbst wenn es weite Exkursionen kostet.
Das droht aufwendig zu werden. Geht es konkreter?
Fangen wir mit einer historischen Reminiszenz an. Ich erinnere an einen Ausdruck, in dem Homer in der Ilias die virile, sport-lich-kämpferische Lebenshaltung der Griechen vor Troja zusammenfasste: «aei aristeúein», das Immer-der-Beste-sein-Wollen. Die homerische Ethik kondensiert sich in dieser Formel. Sie bringt quintessentiell zum Ausdruck, worum es Männern der frühen hellenischen Wettbewerbskultur ging. «Aristeúein» – danach streben, der Beste zu sein! Wir brauchen im Deutschen mindestens vier oder fünf Wörter, um den Sachverhalt darzustellen, für welchen den Griechen ein einfaches Verbum genügte. Das Wagnis auf sich nehmen, aus der Menge hervorzutreten, sich um Vortrefflichkeit bemühen, herausragende Tüchtigkeit verkörpern wollen – das alles steckt in diesem eleganten, unerreichbaren Wort «aristeúein».
Kaum begonnen, schon sind wir bei den alten Griechen gelandet. Wie schaffen wir den Sprung über 2800 Jahre in die Gegenwart der prominentensüchtigen, aber elitefeindlichen westlichen Welt? Im real existierenden Egalitarismus macht sich verdächtig, wer hervorragt. Per definitionem muss der Hervorragende seine Position einem unrechtmässigen Vorteil verdanken, einem anstössigen Privileg.
Die Hervorragenden sind nach gängiger Logik Räuber an den Gleichrangigkeitschancen der anderen. Wer mehr als andere besitzt, symbolisch oder pekuniär, muss zuvor Dieb gewesen sein – Eigentum ist Diebstahl, so will es das munter gewordene Ressentiment. Das Problem mit dem Egalitarismus ist gewiss nicht der Gleichheitsgedanke als solcher: Er impliziert ja das grosszügige Postulat, wonach alle den Zugang zu Chancen, sich auszuzeichnen, haben sollen. Vielmehr ist das Konzept einer «Bestheit für alle» in sich so paradox, dass es sein Gegenteil bewirkt. Wer buchstäblich allen das Tor zum Feld des Besten offen halten möchte, landet beim Erniedrigungsegalitarismus und zuletzt bei einem Kopf-ab-Reflex. Hierin kann man in moralischer Hinsicht eines der typischen Probleme der Moderne erkennen.
Wenn Sie von moralischer Moderne sprechen, meinen Sie die Zeit seit der Französischen Revolution?
Wir stehen weiter im Bann dieses Einschnitts, obschon sich seine Impulse im Lauf zweier Jahrhunderte abgeschliffen, manche meinen sogar: erledigt haben. Aber schauen Sie: Man hatte die Pointe der Französischen Revolution nicht begriffen, solange man glaubte, es sei damit getan, dem alten Adel die Köpfe abzuschlagen. Diese unfreundliche Geste war Erniedrigungsfuror in Aktion – sie brachte zum Vorschein, wozu der Dritte Stand fähig ist, sobald er keinen Ersten und Zweiten Stand mehr über sich dulden will. Aber man darf sich von der Kopfabhackerei nicht verwirren lassen. Das moralische Grundanliegen der Französischen Revolution bestand nicht in der physischen Vernichtung des Adels – auch wenn man zeitweilig les aristocrates à la lanterne! sang. Es lag vielmehr in dem Projekt, das Bürgertum alias «Volk» als Ganzes in den Adelsstand zu erheben. Nun sollte jeder Mann den Titel «Monsieur» tragen dürfen und alle Frauen Anrecht auf die Anrede «Madame» haben. Menschenrechte sind ehemalige Adelsprivilegien, die von heute auf morgen allen Gesellschaftsmitgliedern zugesprochen werden.
Ihre Ausführungen erinnern mich an Wilhelm Röpke, der die Französische Revolution «ambivalent» nannte. Sie bedeutete eine Befreiung von «Ausbeutungshierarchie», aber zugleich eine Auf-lösung der «funktionalen Hierarchie». Kurz, Röpke meint, man habe das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Röpke trifft einen sensitiven Punkt. Das Wort «Freiheit», vor allem in seiner Pluralform, beschrieb bis ins 18. Jahrhundert ein System von Rechten mit Vorrechtscharakter: Freiheiten waren Privilegien, die naturgemäss den wenigen zukamen. Die Französische Revolution, wie vor ihr die Amerikanische, eröffnet nun ein Feld neuer moralischer Paradoxien, indem sie Freiheit und Freiheiten für viele verspricht und für alle postuliert. Damit wurde ein seit 200 Jahren laufender Prozess von permanenten Revisionen in Gang gesetzt. In dem Augenblick, in dem man die Büchse der egalitären Pandora geöffnet hat, entsteigen ihr tausendunddrei Nachforderungen.
War der Effekt der Umwälzungen aber wirklich nur eine Erniedrigungsrevolution? Haben wir uns nicht tatsächlich in vieler Hinsicht nach oben bewegt? Objektiv gesehen nehmen die Menschen im Westen so viele Rechte bzw. Privilegien in Anspruch wie noch nie in der Geschichte der Menschheit: Sie leben in Demokratien, sie sind reicher als früher, sie leben länger. Sie können sich sogar den Luxus des Unzufriedenseins mit ihren Fortschritten leisten.
In einigen Hinsichten sind in den letzten zwei Jahrhunderten effektiv bedeutende Kollektivvorrechte verwirklicht worden. Eines der grossen Herrenrechte des Mittelalters war das ritterliche Mobilitätsprivileg, sprich das Recht, die Welt auf dem Rücken von Pferden zu durchqueren. Heute hat fast jeder Hilfsarbeiter ein Auto mit nicht weniger als 90 Pferdestärken vor der Haustür stehen…
…aber er sieht den Porsche vor dem Nachbarshaus.
Genau das ist das Problem der Moderne: Jeder Mensch kann sich jetzt mehr denn je nach oben vergleichen. Das ändert nichts daran, dass die meisten Zeitgenossen Mobilitätsprivilegien erlangt haben, die früher selbst gekrönten Häuptern nicht zur Verfügung standen. Dank des Einsatzes technischer Sklaven führen wir heute mehrheitlich ein unerhört ausgreifendes und mobiles Leben. Wenn wir die moderne Lebensform als ganze, namentlich die aktuellen Konsumchancen, in Betracht ziehen, hat faktisch eine Erhebung der Massen in den geniessenden Stand stattgefunden, den man früher den Adel genannt hätte. Gleichzeitig haben die Möglichkeiten, Nachforderungen zu erheben, dramatisch zugenommen. Die soziale Realität der westlichen Welt steht uns wie eine moralische Kippfigur vor Augen. Je nachdem, unter welchem Winkel man auf sie schaut, zeigt sie entweder die Merkmale einer Versorgungsrevolution, die einem Weltwunder gleicht, oder sie erscheint wie ein Skandal ohne Grenzen.
Hier kommt also die Dialektik der Überflussgesellschaften zum Tragen. Je besser es uns geht, desto unwohler fühlen wir uns. Je egalitaristischer wir ticken, desto mehr rückt die Ungleichheit in den Fokus.
Dies erklärt sich zum Teil dadurch, dass sich zugleich mit den materiellen Verhältnissen auch die Sichten auf die Welt verändert haben. Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse kann heute nicht mehr mit den Mitteln der klassischen Ontologie abgearbeitet werden, die einer ständisch geordneten Welt entsprach. Denken wir an das Barocktheater des 17. Jahrhunderts: Calderón de la Barca schildert in seinem Stück El gran teatro del mundo die Ganzheit der Gesellschaft als ein System von gottgeschaffenen «Rollen», in dem Könige und Bettler die gleiche positionale Würde haben, weil beide «Stände» unmittelbar aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sind, jeder an seinem Ort. Dieses Tableau mag eine abenteuerliche Überzeichnung aus dem Geist des Ordnungsoptimismus gewesen sein – man nannte so etwas später «Ideologie». Dennoch waren die Armen früherer Zeiten besser davor geschützt, sich mit den Reichen direkt zu vergleichen. Die moderne Welt ist die Welt des entfesselten Direktvergleichs.
Die mobile, also durchlässige Gesellschaft ist zweifellos eine Errungenschaft. Doch gilt auch in ihr: Es soll sich nur vergleichen, wer die psychologischen Folgen des Vergleichs aushält?
Es vergleichen sich jetzt Menschen, die sich nie miteinander vergleichen sollten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, mit dem Resultat des Vergleichs nicht mehr leben zu können. Darum muss man sich nicht wundern, wenn zeitgenössische Menschen in eine Spirale steigender Unzufriedenheit gelangen – zumindest wenn man den Agenturen der Unzufriedenen Glauben schenkt. Auch diese Dynamik hat jedoch einen zweiten Aspekt. Dieselbe Mentalität, die uns einflüstert, wir seien um unsere Glückschancen betrogen worden, weil es andere gibt, die viel mehr haben, erlaubt uns, Glücksstatistiken aufzustellen, die erstaunlich positive Resultate verkünden: In allen Ländern des Westens bezeichnet sich eine bemerkenswert hohe Zahl von Menschen als glücklich. Jüngst wurde wieder eine Umfrage über die Zufriedenheitsverhältnisse der europäischen Nationen publiziert, aus der die Dänen als glücklichstes Volk hervorgehen. Wir können diese Selbstaussagen zwar hinterfragen, etwa indem wir im Hintergrund der Zufriedenheit eine latente Verzweiflung unterstellen. Man dürfte hier auf den steigenden Konsum von Psychopharmaka und die erhöhte Zahl von Depressionen verweisen. Doch können wir die Befunde der Umfragen nicht von einer höheren Warte aus dementieren. Selbstaussagen sind nach wie vor der wichtigste Rohstoff, um das Empfinden und Handeln von Menschen zu beschreiben.
Die moderne Vorsorge- und Umsorgungsgesellschaft, die auf dem wirtschaftlichen Wachstum der letzten 150 Jahre beruht, hat eine Umgebung geschaffen, die einen Charakterzug des Menschen besonders belohnt: die Nehmer- und Empfängerqualitäten. Der Konsens besagt: «Wer nimmt, macht guten Glaubens seine Rechte geltend. Wer gibt, hat hingegen ein schlechtes Gewissen.»
Das ist ein populärer, wenn auch grundfalscher Ansatz: Nach diesem macht sich schuldig, wer als Geber auffällig wird. Man unterstellt sofort: Der Grosszügige erkauft sich eine suspekte Absolution, zu einem viel zu niederen Preis, wie sich versteht. Zudem sieht sich, wer als Geber hervortritt, sofort mit der Forderung konfrontiert, noch mehr zu geben. In Wahrheit sollte man die Gebenden als Zivilisationsträger verstehen, die an einem noblen Wettbewerb teilnehmen – Noblesse lässt sich ohne Wettbewerb nicht vorstellen. Allerdings denken wir heute, sobald von Wettbewerb die Rede ist, fast automatisch an Wettläufe um vulgäre Vorzüge. Die Idee, dass der Wettbewerb im Sinne einer Bemühung um vornehme Werte geführt werden könnte, ist uns abhandengekommen.
Wer ist «uns»? Die Amerikaner haben sich eine beachtliche Kultur des Gebens bewahrt. Wer gibt, gilt als nachahmenswert.
In dieser Hinsicht sind uns Europäern die Amerikaner in der Tat noch immer weit voraus. Sie haben ihre Hausaufgaben bei der Abschaffung des Adels gründlicher erledigt als wir, da sie bei der Umwandlung der überholten Ständegesellschaft in eine generöse Zivilgesellschaft wesentlich klüger vorgingen als die Europäer. Bei ihnen gibt es unter den Wohlhabenden wie den einfachen Leuten geradezu eine Pflicht zur generösen Geste. Vergleichen Sie das mit den Franzosen: Sie haben ihrer revolutionären Rhetorik zum Trotz auf diesem Feld sehr wenig vorzuweisen. Noch heute praktizieren sie einen Herabsetzungspopulismus, den sie mit Realismus verwechseln – bis hin zu der kuriosen Hollande-Steuer von 75 Prozent auf grössere Einkommen, mit der man neuerdings die Wohlhabenden aus dem Land treibt. Was die Deutschen angeht, so hatten auch sie keine glückliche Hand, als es galt, das breite Volk in eine Zivilaristokratie umzuformen. Auf europäischem Boden sind wohl allein die Schweizer als die grosse Ausnahme zu betrachten. Das hat gut erkennbare Gründe, die im Bereich der institutionellen Ordnung liegen, namentlich diesen: Aufgrund der kantonalen Steuersouveränität sind die Bürger der Schweiz nie der Versuchung erlegen, der überall sonst dominierenden Fiskalokratie Tribut zu leisten. Bei den Eidgenossen – und, wie mir scheint, nur bei ihnen – ist die Steuererhebung nicht mehr die Fortsetzung der mittelalterlichen Fron mit moderneren Mitteln. Im übrigen Europa hat es nie eine glaubwürdige Demokratisierung der Fiskalität gegeben, auch wenn die Höhe der Steuern von Parlamenten beschlossen wird. Der Mangel an Fiskaldemokratie ist der Grund, warum der Griff der Finanzämter in die Taschen der Bürger nach wie vor fast überall als eine Art von Kleptokratie erlebt wird – schon Thomas von Aquin hat das Wesen der Steuern als «legalen Raub» definiert –, weswegen die Steuerflucht für viele, die sich von höchster Stelle bestohlen fühlen, ein naheliegender Reflex bleibt. Ich spreche daher von der psychopolitischen Fehlkonstruktion des modernen Steuerstaats. Der betrügt seine Bürger chronisch und systematisch, indem er sie im Augenblick ihrer intensivsten Zuwendung zum Gemeinwohl, im Moment des Einzahlens in die Staatskasse, in die passivste und würdeloseste Position drängt, in die der ohnmächtigen Duldung. Damit bringt er seine Ermöglicher um die Genugtuung, die ihnen als den Sponsoren des Staatswesens zustünde.
Ich befürchte, Sie idealisieren die Schweiz. Auch hierzulande wird der Bürger nicht als Steuergeber gewürdigt, sondern als Schuldner des Fiskus angesehen. Und ein Schuldner kann seine Schuld per definitionem gar nie ganz tilgen.
Dies entspricht dem noch immer vorherrschenden Missverständnis der Steuern als Schulden der Bürger beim Fiskus. Hierin ist nichts anderes zu sehen als ein verfestigtes Relikt des Absolutismus, in dem man den Staat als Allgeber verklärte. Doch damit nicht genug. Nach populärer Auffassung ist man umso schuldiger, je mehr man zu geben hat. Im Grunde herrschen vielerorts noch heute abgesunkene frühchristliche Phantasien vor: Demnach wäre es am besten, alles den Armen zu geben und sich für den Rest des Lebens in raue Gewänder zu kleiden. In den verborgenen Winkeln des modernen Umverteilungsdenkens findet man einen dubiosen Antimammonismus, dem es am liebsten wäre, das Teufelszeug Geld wäre nie erfunden worden. In Wirklichkeit käme es jetzt darauf an, positiv über Geld zu reden, am besten so, als sässen die Grossen der Kultur – von Goethe bis Luhmann – mit am Tisch. In diesem Rahmen sollte auch eine Grundlagenreflexion über die Geberfunktion beginnen.
Reden wir also über Geld. Wie soll es fliessen?
Insgesamt wird es darauf ankommen, bei allen am Finanzstoffwechsel beteiligten Parteien ein stärkeres Geberbewusstsein zu entwickeln, fiskalisch wie ausserfiskalisch, ein Bewusstsein, das sich vom Klima der Schuld und des Ressentiments freimacht.
…man wird Ihnen vorwerfen – denn heute ist dies ein Vorwurf –, dass Sie letztlich doch bloss Steuern senken wollen.
Auf Missverständnisse muss man es ankommen lassen, wenn man Neues versucht. Es geht nicht darum, dass die Bürger weniger geben, sondern darum, dass sie anders geben. Man muss dem Fiskus allmählich die entscheidende Lektion beibringen, wonach Steuern keine Schulden der Bürger beim Staat sind. Vielmehr sind sie als Ehrenfunktionen zu begreifen, durch die sich die Teilnahme der Bürger an den Aufgaben des Gemeinwesens zum Ausdruck bringt. Einen aufgeklärten, sprich einen nichtmittelalterlichen Fiskus würde man daran erkennen, dass er mit den Bürgern respektvoll und sorgsam umgeht – etwa wie ein staatliches Opernhaus mit seinen privaten Sponsoren. Nun, das ist vielleicht nicht das beste Beispiel, doch deutet es in die gute Richtung. Man würde von einer öffentlichen Einrichtung zu viel verlangen, wollte man von ihr Dankbarkeit für monetäre Leistungen der Bürger fordern, aber einen aufgeklärten, einen respektvolleren Fiskalprozess zu postulieren, dazu haben wir seit langem das Recht, und wir sollten es endlich einklagen. Bisher erlebten wir nur einen seelenlosen Mechanismus, der eine dumpfe Zugriffsfiskalität verwirklicht. Mir schwebt ein demokratisierter Fiskus vor, der den Gabecharakter der bürgerlichen Leistungen für die Gemeinwesenkasse progressiv in sein Selbstverständnis einbaut, bis hin zu einem von Grund auf veränderten Prozedere.
Die Idee ist reizvoll. Wie stellen Sie sich das im Einzelnen vor?
Mein operativer Vorschlag sähe vor, jedem Bürger freizustellen, einen gewissen Prozentsatz der sogenannten Steuerschuld – besser: der für ihn errechneten Leistungszumutung – an frei gewählte Adressen nach eigener Präferenz zu dirigieren. Für die psychopolitische Richtigstellung des Steuersystems ist es notwendig, dass jeder Steuerbürger in seiner Eigenschaft als Sponsor des Gemeinwesens ernst genommen wird. Dazu gehört, dass man ihn die Erfahrung machen lässt, wie es ist, wenn man eigenes Geld innerlich an einen nach eigener Vorliebe ausgewählten Anlageplatz
begleitet. Wenn jeder steueraktive Bürger weiss, dass er durch den persönlich adressierten Teil seiner Steuerleistung eine Patenschaft für einen sozialen Wert übernommen hat, reanimiert sich das Gemeinwesen auf breiter Front, und zwar aus einem sehr plausiblen Grund: Zusätzlich zu den Geldströmen kommen dann ebenso viele Ströme von Aufmerksamkeit, Anteilnahme und persönlichen Zuwendungen in Gang.
Lassen Sie mich nachhaken. Sie werfen dem gegenwärtigen Regime vor, dass das Geld undifferenziert an eine anonyme Staatskasse abgeführt wird, wobei man das emotionale Band zwischen dem Gebenden und seiner Gabe durchtrennt?
In meinen Augen ist dies der schädlichste Einzelfehler in der globalen psychopolitischen Fehlkonstruktion der öffentlichen Finanzen! Wir trennen überall die Geberbürger von ihrer Verausgabung. Ihre Gabe wird systematisch anonymisiert und neutralisiert – über das sinnvolle Mass hinaus. Für solches Niemandsgeld ist letztlich keiner verantwortlich, und die öffentliche Hand verausgabt es im Dunkeln. In Wahrheit sollte ein Teil der Geberleistung, auch wenn sie nicht sehr gross sein muss, personalisiert bleiben, damit sich im Steuerzahler ein lebendiges, anteilnehmendes Bewusstsein ausbildet, das seine Gabe an den Ort der Allokation weiterverfolgt. Dies wäre eine Massnahme, die global zu einer Bereicherung des Gemeinwesens führen müsste – nicht zu seiner Verarmung, wie die Fiskalpessimisten meinen.
Sie fordern letztlich eine Wende in der Sicht auf den Menschen. Weg von der Fokussierung auf Neid und Ressentiment und hin zur Souveränität und zur Würde.
Seit einem guten Jahrzehnt – als ich meine Studien zur Funktion des Zorns in den geschichtlichen Zivilisationen begann – arbeite ich an einem Projekt, das ich als die «thymotische Wende der Ethik» umschreibe. Diese Wende impliziert die Wiederentdeckung oder besser das Wiederernstnehmen von Begriffen wie Ehrgefühl, Stolz und Vorbildlichkeit – man könnte sie die kryptoaristokratischen Werte nennen. Für diese stolzhaften Regungen der Psyche hielten die Griechen den Ausdruck thymos bereit – alles spricht dafür, dieses etwas ungewöhnliche Wort in den heutigen Grundwortschatz aufzunehmen. In der thymotischen Psychologie gilt es, das Hauptvorurteil der modernen realistischen Psychologie einzuklammern, wonach der Mensch konstitutiv als ein giergetriebenes Mängelwesen zu verstehen sei, ein beraubtes Geschöpf, das ein Leben lang mehr oder weniger vergeblich nach etwas jagt, das ihm von Anfang an fehlt.
Die thymotische Wende bräuchte zu ihrem Gelingen Fürsprecher und Unterstützer. Allerdings stehen Sie nicht nur in Deutschland allein auf weiter Flur.
Ich sehe das anders. In der zeitgenössischen Sozialpsychologie mehren sich die Ansätze, die auf die moralische Innenlenkung von Menschen aufmerksam werden. Man bemerkt zunehmend, in wie hohem Mass Menschen von einer Tendenz vom Gutseinwollen bestimmt werden – und ihr Verhalten hängt in vieler Hinsicht von ihrem Selbstbild ab, das von ihnen verlangt, zu den Guten zu gehören. Wer sich selbst nicht achten kann, erliegt der Depression – dann hilft es auch nicht, diese durch Mitspielen im Theater des sozialen Erfolgs zu übertönen. Kurzum, man täuscht sich von Anfang an, wenn man den Menschen nur aus dem Geist des Mangels und seiner Kompensationen verstehen möchte. Der Mensch ist nicht bloss ein homo compensator, wie die Philosophen von Herder bis Gehlen und Marquard zu behaupten nicht müde wurden. Übrigens ist gerade die deutsche Theorietradition in dieser bedenklichen Hinsicht extrem virulent. Wir Deutschen waren, was soziologische und anthropologische Irrtümer angeht, ein Jahrhundert lang die stärkste Exportnation der Welt; mir scheint, es ist an der Zeit für einen Produktwechsel. Ein entsprechender Gegenexport sollte jetzt für die Entzerrung der Auffassungen sorgen. Das schliesst ein, dass wir uns mit einer gut begründeten Anthropologie der Grosszügigkeit zu Wort melden, um endlich diese sich scheinrealistisch gebärdende Anthropologie der Gier und des Mangels durch eine bessere Ansicht zu ersetzen.
In Ihrem kleinen Buch «Die nehmende Hand und die gebende Seite» von 2010 argumentieren Sie letztlich so: Die falsche Anthropologie führt zu einem falschen Menschen. Dies darum, weil der Mensch an die Selbstdarstellungen als eines gierigen und neidischen Wesens zu glauben begann. Das klingt für Sloterdijksche Verhältnisse fast schon unterkomplex.
Dazu muss ich ein wenig ausholen. Meine Ausgangshypothese lautet: Man muss den autoplastischen Charakter von Selbstbildern viel ernster nehmen als bisher üblich. Bereits in Pico della Mirandolas Basisschrift der modernen Anthropologie «Von der Würde des Menschen», 1496 nach seinem Tod publiziert, findet sich die entscheidende Einsicht in den autoplastischen Charakter menschlichen Handelns und Denkens. Die Aktualität dieses Dokuments ist kaum zu überschätzen. Pico begründet seine These mit der Annahme, der Schöpfer sei bei der Zuteilung der Attribute an die übrigen Geschöpfe so freigebig vorgegangen, dass alle positiven Eigenschaften bereits verbraucht waren, als er sich an die Erschaffung des Menschen machte. Also stand er quasi mit leeren Händen vor seiner wichtigsten Aufgabe. Er will Adam in die Welt setzen, aber da er keine Eigenschaften mehr übrig hat, die er ihm verleihen könnte, nimmt er Zuflucht zu einer kühnen Ausrede, kraft welcher der Mensch aus der Reihe aller anderen Geschöpfe hinauskatapultiert wird. Gott spricht zu Adam: «Du sollst das einzige meiner Geschöpfe sein, das die Freiheit besitzen wird, sich selber weiter zu erschaffen.» Adam wurde somit als Halbfabrikat aus der göttlichen Werkstatt entlassen; nun muss er selber zusehen, was weiter aus ihm wird. Die Endfertigung des Menschen zum Menschen muss von ihm selbst vollbracht werden. Blickt man auf die Geschichte der letzten 500 Jahre zurück, wird man die Aktualität dieser mythologischen Spekulation leicht erkennen. Das europäische Halbjahrtausend, das hinter uns liegt, brachte tatsächlich unerhört neue Aspekte im Bild des Menschen hervor, die mehrheitlich als Effekte von aktiven Selbstformungen zu verstehen sind.
Ich spiele wiederum den Anwalt des Konkreten: Welche Aspekte meinen Sie?
Ich spreche von der scholastisch-pädagogischen Revolution, die seit der Renaissance in diesem Weltteil in Gang kam. Europäer haben seither ein Universum der Schule errichtet, für das es kein historisches Beispiel gibt. Neuzeit ist zuerst und zuletzt Schulzeit. Die Verschulung der Welt und die Verschülerung des Menschen sind die mächtigsten sozialen und anthropologischen Tatsachen des letzten halben Jahrtausends. Wir nehmen Kinder von fünf, sechs Jahren und verwandeln sie in Mönche mit Schulranzen. Am Anfang zwingen wir ihnen harte Exerzitien auf und setzen sie von 5 Uhr früh bis 7 Uhr abends auf die Schulbank. Seit dem 16. Jahrhundert weist der universelle Trend in Europa auf zunehmende schulische Dressuren. Wir sind zwar gewohnt, die Übungen der Kleinen heute harmlos als «Unterricht» zu bezeichnen, in Wahrheit werden die europäischen Kinder seit dem Ende des 15. Jahrhunderts zu Kadetten einer Kultur steigender Leistungen abgerichtet – zuerst im Dienst des Fürstenstaates und der Konfessionskirchen, dann zunehmend im Dienst des Industriestaats und seines Fiskus, im Dienst des Sozialstaats, des Sportsystems, des Gesundheitswesens, des Kulturbetriebs usw. Angeleitet durch Selbstformungshelfer, die wir Lehrer nennen, werden seither ganze Populationen in ein riesenhaftes autoplastisches Experiment involviert.
Das klingt nach universellem Zwang!
Zwang oder nicht, es ist das Wesen der modernen Kultur! Bildungszeiten, die vom fünften bis zum dreissigsten Lebensjahr dauern, gelten heute schon als ziemlich normal. In derselben Zeit wird das menschliche Potential durch die Lizenz zu Erfindungen freigesetzt. Eine Generation vor Pico della Mirandola hatte Nikolaus Kusanus erstmals eine ontologische Rechtfertigung des Neuen vorgetragen: In seinem Dialog «Der Laie über den Geist» von 1450 legt er dar, wie der menschliche Geist als Naturen-Erfinder neben Gottvater tritt. Mit einem Mal bezieht sich die Nachahmung Gottes nicht mehr nur auf den kreuztragenden Sohn, an dem sich die Christen der ersten anderthalb Jahrtausende in Europa orientiert hatten. Nun wird eine zweite Ebene der imitatio Dei erschlossen: die der Kreativität. Passionsnachahmung ist das eine, Schöpfernachahmung das andere. Um es kurz zu machen: Die neue imitatio stellt vom Leiden auf Können um. Das ist eine unabsehbar folgenreiche Neustilisierung des neueuropäischen Modus des In-der-Welt-Seins. Seit dem Renaissance-Humanismus wird der Mensch von Grund auf als Könnender gedacht, das Können wird zum primären Merkmal des Menschen, das Leiden tritt in die zweite Reihe. Wirkliche Konservative erkennt man noch heute daran, dass sie lieber von der Unvermeidlichkeit des Leidens als von der menschlichen Berufung zum Können reden.
Sie verstehen sich also als intellektuellen Stifter eines neuen Narrativs. Allein, wie ist es durchzusetzen?
Man muss die Verbündeten zusammenrufen, die für die neue grosse Erzählung von der Natur des Menschen einstehen, in Theorie und Praxis. Was ich eben über das letzte halbe Jahrtausend gesagt habe, ist Teil eines solchen Versammlungsrufs. Wir können uns über unsere heutige Zeit nicht kompetent verständigen, wenn wir die Kollegen Pico und Kusanus nicht mit an Bord nehmen. Sie gehören zu den ersten, die begriffen haben, dass die erste Schöpfungswoche, wie sie in der biblischen Genesis geschildert wird, vorüber ist und dass eine zweite, eine anthropogene Schöpfungswoche begonnen hat. Die Renaissance markiert so etwas wie den achten Tag der Schöpfung. Was uns Heutige angeht, so leben wir unmissverständlich schon am neunten oder zehnten Tag im zweiten Zyklus – das verrät sich an der Konvergenz der avancierten Technologien in den Bereichen von Informatik, Kernphysik, Neurologie und Genetik – lauter hochriskante und unerprobte Dinge. Es ist darum höchste Zeit, die allenthalben entfesselte wilde Kreativität zu koordinieren. Jedermann spürt: Wir steuern auf einen schwarzen Mittwoch zu, wenn es nicht gelingt, die vielen ungezügelten Kreativitäten in grösseren Formaten zusammenwirken zu lassen. Man muss eine Kreativität zweiter Ordnung erzeugen, um den destruktiven Folgen der entfesselten Kreativität erster Stufe etwas Sinnvolles entgegenzusetzen. Dies läuft auf die Aufgabe hinaus, bei laufendem Betrieb die Spielregeln des Zivilisationsprozesses zu ändern. Man wird zugeben: Dies ist eine kulturschöpferische Aufgabe von einer respektgebietenden Grössenordnung. Sie scheint umso schwieriger, als wir uns auf keine historischen Beispiele berufen können. Wir verfügen bestenfalls über vage Analogien – Konzile, Generalstände, Volksfronten, grosse Koalitionen, was weiss ich. Sicher scheint mir nur eines: Bei der Einberufung des Kollegiums, das uns in aktuellen Angelegenheiten berät, darf Aristoteles, der Verfasser der «Nikomachischen Ethik», nicht fehlen. In seinem Werk wird zum ersten Mal expressis verbis über den Menschen gesprochen, der sich freiwillig für die Behandlung grosser Fragen in einem politischen Gemeinwesen zur Verfügung stellt. Aristoteles benennt die Haltung solcher Menschen mit einem faszinierenden Namen: megalopsychia, was man zumeist mit Grossgesinntheit übersetzt.
Womit wir wieder bei den Griechen gelandet wären. Die alten Denker in Ehren – aber besteht da realistischerweise nicht die Gefahr, dass wir Heutigen viel in sie projizieren?
Ich halte mich fürs erste an den Buchstaben der Überlieferung. In dem genannten Buch tauchen die entscheidenden Formulierungen auf, die man bis heute zitieren muss, wenn man ein Wörterbuch der Grosszügigkeit zusammenstellen möchte. Aristoteles spricht eben von der megalopsychia, von der Grossseelenform bzw. der Hochherzigkeit des Bürgers. Interessant ist das vor allem, weil der Philosoph nicht mehr von Menschen aus altem Adel spricht. Er denkt an bürgerliche Menschen, an Citoyens, also an Leute, die sich zu der kollektivaristokratischen Lebensform bekennen, die man Bürgertum nennt. Man kann es nicht deutlich genug sagen: Den griechischen Polisbürger und den späteren europäischen Citoyen kann man nur würdigen, wenn man beide als Mitglieder eines kollektiv-aristokratischen Organs versteht, ob das nun Polis heisst oder Zivilgesellschaft. Hier komme ich auf das Autoplastikargument zurück. Die Tugendlehre der «Nikomachischen Ethik» enthält eine appellative Zivilethik. Man kann demnach keine Aussage über den Bürger machen, ohne den Bürger so zu evozieren, wie man ihn angesprochen hat, kleingesinnt oder grossgesinnt. Leider sind wir uns heute der autoplastischen Wirkungen von anthropologischen Sätzen kaum mehr bewusst. Sobald man verstanden hat, welche Kräfte man mit Thesen über die menschliche Natur freisetzt, muss man für die Materialisierung der Ideen Verantwortung übernehmen. Ein Ausrutscher ins Vulgäre, und du bekommst die entsprechenden Konsequenzen.
Konkreter, bitte.
Gib in einem müden Augenblick zu, dass Menschen letztlich niederträchtige Wesen sind, und du siehst früher oder später Niedertracht ringsum. Folge der miserabilistischen Tendenz und stimme der althergebrachten Meinung zu, der Mensch sei im Grunde ein armes Schwein, und du bekommst einen Kontinent voll armer Schweine. Dagegen wäre die Ambivalenz der Kräfte hervorzuheben. Menschen sind eben nicht nur Geschöpfe, die nach dem Gesetz des niedrigsten Beweggrundes funktionieren. Nein, sie sind zugleich auch zu schöpferischen, teilenden, grosszügigen Verhaltensweisen disponiert, zum Geben wie zum Nehmen.
Doch wenn alle lieber nehmen, wer gibt dann noch?
Die gebende Tendenz wird durch das Milieu gefördert oder unterdrückt. Üblicherweise freuen Eltern sich, wenn sie in ihren Kindern die ersten Regungen der gebenden Libido entdecken. Eines Tages kommt das Kleine daher und sagt: «Guck, das habe ich gemacht, für dich!» Es hält ein Bild hin, auf dem Papa, Mama, das Kind und das Haus zu sehen sind. Da manifestiert sich Geberfreude auf einer elementaren Ebene. Wird die Gabe ignoriert, verkümmert der Impuls, wird sie begrüsst, wächst das Potential. Der autoplastische Zirkel funktioniert naturgemäss nicht solipsistisch, er ist auf milieugetriebene Verstärkung angewiesen. Wie die Grammatik der Grosszügigkeit in grossen Gemeinschaften verkörpert werden kann, zeigt nicht zuletzt das amerikanische Beispiel. Es bietet zugleich den Vorzug, dass man es in offiziellen Zahlen darstellen kann. Vor kurzem bin ich auf die Arbeit des Center on Philanthropy an der Universität von Indiana aufmerksam geworden, des weltweit grössten Forschungszentrums für philanthropische Aktivitäten. Dort befasst man sich wissenschaftlich mit nichts anderem als mit den Gabenströmen, die in den USA aufgrund privater Spenden fliessen. Da gibt es erstaunliche Zahlen zu lesen: Im Jahr 2008 sind in den USA über 307 Milliarden Dollar an Spenden getätigt worden – zum Vergleich: der deutsche Bundeshaushalt belief sich im gleichen Jahr auf 280 Milliarden Euro. Dazu muss man bedenken, dass die amerikanische Fiskalität summa summarum der europäischen gleicht und dass die steuerlichen Lasten für die Bürger ähnlich hoch sind. Dennoch beobachtet man in den USA eine mindestens um das Zehnfache intensivere philanthropische Aktivität – in Deutschland wurden im Jahr 2008 immerhin vier Milliarden Euro an Spenden aufgebracht. Angesichts dieser Zahlen stellt sich eine kulturtheoretische Denkaufgabe.
Wer soll denn die neue Avantgarde der Gebenden sein? Die Unternehmer? Die Künstler? Die Stifter?
Mir scheint, wir kommen ohne eine Neuformulierung des Unternehmerbegriffs nicht weiter. Doch gilt es da zu unterscheiden. In den letzten Jahrzehnten hat sich, vor allem in der sogenannten Kreativwirtschaft, eine unerfreuliche Metamorphose der Vorstellung vom Unternehmer vollzogen, die in der Idee der Ich-AG gründet, wonach jeder Mensch Chef und Angestellter in einer Person wäre. Doch das heisst nur die Selbstausbeutung schönreden. Um den Begriff des Unternehmertums positiv neu zu fassen, muss man ihn fürs erste von diesen suspekten Überdehnungen befreien. Am besten geschieht dies, indem man die brauchbaren Anteile, die im verallgemeinerten Unternehmerbegriff enthalten sind, in die thymotische Psychologie übernimmt. Tatsächlich steckt im Menschen immer ein Potential zum Auftreten, zum Nachvornetreten, zur Selbstdarstellung, kurzum zum Übergang auf die gebende Seite. Hingegen ist die nehmende Tendenz bei den einzelnen eher mit dem Verharren in der Anonymität verknüpft – man nennt im Französischen die Aktiengesellschaft nicht ohne Grund société anonyme, denn ihre Teilhaber erwarten Gewinne, ohne sich selber zu erkennen zu geben. Das erzeugt die Gesellschaft der gierigen Rentner, die am Geist des Unternehmertums gerade nicht teilhaben. Sie träumen den basalen Giertraum der Neuzeit weiter, den Traum vom leistungslosen Einkommen. Damit geraten wir sofort in den dunklen Kreis der autoplastischen Spirale. Sobald man es für normal erklärt, dass Menschen sich nur als die giergetriebenen Maximierer eigener Vorteile verhalten, macht sich das falsche Dogma wie eine self-fulfilling prophecy wahr. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, bevor das bessere Unternehmen begonnen hat.
Haben Sie in Ihrer Anthropologie bedacht, dass das Geben in anderen Menschen Gefühle des Unwohlseins auslösen kann?
Wer nur empfängt, ohne selbst geben zu können, fühlt sich schuldig – und reagiert womöglich ungehalten. Dankbarkeit ist für viele Menschen ein unwillkommenes Gefühl, wenn sie zu lange in einseitiger Abhängigkeit lebten. Andererseits stellt es eines der schönsten und menschlichsten Gefühle dar. Wird es als blosse passive Dankesschuld empfunden, weckt es Ressentiments. Das kann so weit gehen – Rousseau ist hierfür das klassische Beispiel –, dass der zu Dank Verpflichtete jene am meisten hasst, denen er am meisten zu verdanken hat. Rousseau phantasierte schon früh davon, sein Ruhm werde eines Tages denen zugutekommen, deren Günstling zu sein er geruhte. Kurz gesagt, das Feld der Gabe ist fast ausdehnungsgleich mit dem Wirkungsbereich des dunkelsten aller Sozialgefühle, des Ressentiments. Die Kunst des nichtressentimentweckenden Gebens bleibt für immer schwierig. Die Gefahr der Ressentimententfesselung muss man im Auge haben, wenn von einer neuen Kultur des Gebens die Rede ist.
Der psychische Mechanismus scheint auf der Geberseite klar: Wer gibt, erwartet, dass er etwas zurückbekommt. Bekommt er nichts zurück, ist er enttäuscht. Also gilt die Gabe vielleicht doch dem Gebenden selbst?
Die Gabe initiiert keine Tauschrelation im Sinne des Marktes, sie stiftet eine Verbindlichkeitsrelation im Sinne einer reziproken Ehrenbeziehung. Gerade deswegen will Geben gelernt sein. Auch die nicht selten auftretende Enttäuschung der gebenden Seite über manifest werdende Nichtebenbürtigkeit des anderen muss verarbeitet werden. Um diesen Komplikationen auszuweichen, haben Philosophen, die sich mit der Gabe befassten, von Seneca bis Nietzsche, Bataille und Derrida, zu stark überzogenen Phantasien von vollkommener Bedingungslosigkeit der schenkenden Tugend Zuflucht genommen: Der Geber schützt sich vor Enttäuschung, indem er gleichsam nur vor dem Auge Gottes handelt und seine Spende vor seinen Mitmenschen möglichst verbirgt. Wenn diese Autoren recht hätten, wären im Übrigen die Steuern, so wie sie heute erhoben werden, das perfekte Geschenk, da der Fiskus tatsächlich für die vollkommene Neutralisierung der Gabe sorgt – bis hin zur Leugnung des Gabecharakters der Steuern und ihrer Umwandlung in eine Schuld.
Im Grunde wären dann diese Theorien der bedingungslosen Verausgabung eine versteckte Form des Sozialpessimismus: Sie sehen im Menschen ein ebenso enttäuschendes wie enttäuschtes Wesen …
… so ist es, denn wer sich vor den Nebeneffekten des Gabentransfers in Sicherheit bringt, indem er die Enttäuschung beim Geber und das Ressentiment beim Nehmer ausblendet, verpasst die entscheidende Lektion, wonach man die Gabe tatsächlich als einen psychologischen und moralischen Zwitter verstehen muss. Einerseits ist sie tatsächlich spontan und unbedingt, andererseits ist sie Teil einer Ökonomie der Gegenseitigkeit. Man muss sich an den anspruchsvollen Gedanken gewöhnen, dass in ihr Einseitigkeit und Beiderseitigkeit zusammenkommen. Weil sie einseitig ist, hat sie die Merkmale einer spontanen Geste, und weil sie zweiseitig ist, ist die berechtigte Erwartung an sie geknüpft, dass irgendwann irgendwie etwas zurückkommt – nicht notwendigerweise auf das Konto des ursprünglichen Gebers. Man muss in der Gabe eher so etwas wie eine Geste des ontologischen Urvertrauens sehen, die von ferne an den Ackerbau erinnert: Irgendwann, irgendwie werden die Saaten der Gabe aufgehen. Zugleich spielt ein soziologisches Grundvertrauen mit: So schlecht können die Mitmenschen gar nicht sein, wenn man sie nur in der rechten Weise bei ihrer Ehre anspricht, dass sie für immer parasitär auf der nehmenden Seite bleiben wollen.
Sie haben eine hohe Meinung vom Menschen. Wie wollen Sie konkret dafür sorgen, dass er im real existierenden Erniedrigungsegalitarismus tatsächlich auf der Höhe seiner selbst ankommt?
Die Demokratie ist eine ambivalente politische Lebensform, die sich in täglicher Volksabstimmung nach unten oder oben entscheidet. Authentische Demokratie ist das tägliche Plebiszit gegen den Populismus – falls man zugibt, dass Populismus die Wette auf die niederen Instinkte ist. Berufspolitiker praktizieren nicht selten die niederträchtigste Auffassung von ihrem Metier, weil sie das Wesen von Politik in Mobsteuerung sehen. Wer so denkt, kann nichts dazu beitragen, die Bürger in Selbstverbesserungsspiele zu verwickeln. Wenn Optimierungen durch verfestigte Verachtung unmöglich gemacht werden, hat man es mit missglückter Politik zu tun. Ich plädiere für ein psychopolitisches Experiment: Man muss ein umfassendes Impfprogramm gegen die Verachtung erproben, indem man das Kollektiv durchimpft, bis ein Zustand von Herdenimmunität gegen die Gemeinheit erreicht ist. Erst dann wären wir halbwegs in Sicherheit. Niemand wird überrascht sein, wenn das etwas länger dauert. Aber wir sitzen hier und entwickeln erste Hypothesen für Impfstoffe, mit denen unsere Zeitgenossen gegen die Infektionen immunisiert werden könnten, die jeden ernsthaften Versuch von höherer Demokratie von vorneherein verhindern: die schwarze Anthropologie, die Verachtung, den Zynismus und die Resignation.
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Peter Sloterdijk: Die verborgene Großzügigkeit, Gespräch mit René Scheu in: Schweizer Monat, Sonderthema 2, November 2012.
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Dieser Text erschien zuerst in: Schweizer Monat, Nr.1006, Mai 2013, S. 93–95.
Speech Version 2:
The notion of audience has been redefined today by posttechnological networks. Cultural producers today produce works that critique Western notions of collective spectatorship and propose new critical models.
Notions of performance are incorporated in this new critique, resulting in innovative explorations that operate in the realm of conceptual art in various formats. The viewer becomes an active participant in the work, which explores notions of viewers becoming active participants.
The work becomes an active participant in the viewer, which is an exploration of notions of viewers. These works are conceptual narratives that question a variety of concepts, including the way in which spectators receive information in a postmodern world. These practices thus become explorations of conceptual information of notions of participants that participate in notions of information of conceptual explorations.
In other words, Speech Version 3:
Audiences in our global world today face the challenges and the opportunities that come along with the emerging forms of expression. In this multicultural and multidisciplinary society, there are multiple voices that reflect our diverse culture and that are important to support. In some cases, these voices will challenge the viewer to reflect on important issues we all face, but they all reflect the feelings and thoughts of others and are representative of the diversity of original community voices that we all should strive to support. We only face, as a society, the challenge to expand our long-term partnerships and advisory support to those who have an important message to convey to their constituents, building enduring foundations for community partnerships with real solutions. By acting together, we can overcome the obstacles that for too long have prevented real change on the critical issues that audiences face in art and in life, fulfilling the long objective of change, creativity, and achievement for the generations to come.
Speech Version 4:
I mean it’s like sometimes because you are online so much and you get to like get to do all this like blogs and apps and movies and stuff it’s like today everything is so easy to do so why do we need anyone else doing it but us, like today things maybe have become retarded or something when you really think about it it’s really amazing like everything can mean anything because anyone can do whatever. I mean like today the world and like culture has become a place where we all talk about ourselves and then it like makes everything look the same because no one seems to be listening or something. I mean that’s cool, but it’s like if I am talking and you are talking and he is talking and then if we just talk in different ways that doesn’t mean we are saying different things if you know what I am saying. It’s like that is how it’s done today when we just say what we have to say and we know why we say it and we know what you are going to say so what’s the point of even saying it, but the point that there is no point is maybe like the point.
And now, to merge these styles, we will patch together the choir of art world voices. You can call it an audience fugue:
The construct of the spectator as redefined today by post-technological networks reunites a number of given implications that, upon close examination, I mean it’s like sometimes because you are online so much and you get to like get to do all this like, audiences in our global world today face the challenges and the opportunities that come along with the emerging forms of expression. The notion of audience has been redefined today by post-technological networks – and its involutionary transformation – as a product of a demystified late-capitalist model without centers and reformulated contents. The involution of cultural communication into a system of seemingly original producers of knowledge it’s like today everything is so easy to do so why do we need anyone else doing it but us, In this multicultural and multidisciplinary society Cultural producers today produce works that critique western notions of collective spectatorship as opposed to receivers creates a different activity universe that contrasts with the deflection of speech, blogs and apps and movies and stuff, like there are multiple voices that reflect our diverse culture and that are important to support, today things maybe have become retarded or something when you really think about it it’s really amazing like a seemingly anti-political task of horizontal results.
In some cases, these voices will challenge the viewer to reflect on important issues we all face, where one searches for the hidden receiver finds instead the manifested materialization of parallel mimetic producers but they all reflect the feelings and thoughts of others and are representative of the diversity of original community voices that we all should strive to support, I mean everything can mean anything because anyone can do, like, whatever. It is the fabrication of the plot of the content, I mean like today the world and like, the substance of normative principles of inclusion of concepts, that we only face as a society the challenge to expand our long-term partnerships and advisory support to those who have an important message to convey to their constituents, These works are conceptual narratives that question a variety of concepts, where we all talk about ourselves and then it like makes everything look the same because no one seems to be listening or something. By acting together, we can overcome the obstacles that for too long have prevented real change on the critical issues that audiences face in art and life, only in stylistic practices of scientific postmodernity, I mean that’s cool, but it’s like if I am talking and you are talking and he is talking and then if we just talk in different ways that doesn’t mean we are saying different things, like These practices thus become explorations of conceptual information of notions of participants, building enduring foundations for community partnerships with real solutions, usually not self-identified as such but actively embracing a regiment of exclusionary definitions that participate in notions of information of conceptual explorations, if you know what I am saying, including the way in which spectators receive information in a postmodern world, and we know why we say it and we know what you are going to say so what’s the point of even saying it, within a well-founded domain of references visible only to a reduced agents of the operation, fulfilling the long objective of change, creativity, and achievement for the generations to come, an exploration of notions of viewers, Its like that is how its done today when we just say what we have to say but the point that there is no point is maybe, like, the point.
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Dieser Text erschien zuerst in: Helguera, Pablo: Art Scenes: The Social Scripts of the Art World, edited by Rebecca Roberts, Jorge Pinto Books Inc., 2012.
1.) This performance lecture, designed to be performed only once with no documentation other than this written script, was presented at the Bruce High Quality Foundation University in New York on October 13, 2009.
]]>nun bin ich schon zwei Jahre von zu Hause fort und hätte Dir so viel zu erzählen. Aber der Austausch von Informationen ist heute nicht mehr der vordergründige Zweck jeder Kommunikation. Darf ich Dich fragen, wo Du dies liest und ob es Dir gut geht?
Als ich im Internet einmal nach Anregungen für meine tägliche Übung, Dir zu schreiben, suchte, stieß ich auf eine Geschichte vom Ursprung der Menschheit, die ich mit Dir teilen möchte. Bevor ich Dir diese Geschichte jedoch erzähle, möchte ich, vielleicht um Zeit zu gewinnen, einige weitere Dinge zur Sprache bringen.
Ich erinnere mich, wie Du mir vor einiger Zeit von einem Orangenbaum schriebst, der, mitten auf einem Feld am Rande einer modernen Stadt stehend, das ganze Jahr hindurch Früchte trug, und obwohl die Orangen von Jahr zu Jahr kleiner wurden, fällte niemand diesen Baum, so dass kein Unternehmer an dieser Stelle bauen konnte, was das Grundstück ebenso magisch auflud wie wertlos machte. Die Geschichte, die ich auf der Website las, während ich nach Inspiration für eine eigene suchte oder vielleicht auch nur meiner Verpflichtung auswich, eine von Grund auf neue Geschichte zu erfinden, handelte vom Beginn der Welt: Damals gab es eine riesige graue Wolke, aus der es unter Donnern und Blitzen regnete. Die Wolke berührte die Spitzen der hohen Bäume. Am Tag nach dem Sturm hatten sich Adler – oder waren es vielleicht Falken? – auf den Wipfeln dieser Bäume niedergelassen. Einer der Vögel breitete seine Schwingen aus, flog zu Boden und verwandelte sich dort in einen Menschen. Weitere folgten, und so entstand die Menschheit. Mit der Zeit vergaßen die Menschen ihr früheres Vogel-leben, diejenigen jedoch, die sich noch daran erinnern, wissen, dass Flügel über zwei Seiten verfügen – besäßen sie nur eine Seite, so könnte man nicht mit ihnen fliegen. Die eine Seite beherbergt Geist (Verstand), Körper (Bewegung) und Seele (Gefühl). Wenn diese drei Aspekte ein Gleichgewicht bilden, ist auch eine Person als Individuum ausgewogen. Die andere Seite des Flügels ist Träger dreier weiterer Elemente: Gesellschaft (Praxis: Politik und Judikative), Prozess (der Lebenslauf einer Person) und Zeremonie (der gemeinschaftliche Tanz). Wenn diese drei Aspekte ausgeglichen sind, befindet sich die jeweilige Person im Gleichgewicht mit anderen. Wenn beide Seiten ihrer Schwingen sich ebenfalls in einer Balance befinden, fliegen die Adler. Eigenartigerweise jedoch scheint sie all das nicht zu kümmern. Sie fliegen einfach.
Ich sollte Dir an dieser Stelle etwas über die documenta, genauer gesagt über die dOCUMENTA (13) berichten: was Dich bei der Ankunft in Kassel in anderthalb Jahren erwarten wird, wo man übernachten und essen kann, wo die Kunstwerke zu finden sein werden und von wem sie stammen. Zuvor jedoch bitte ich um Nachsicht für einen weiteren Aufschub und die mangelnde Kommunikation zu diesem Thema, dem ich allerdings höchste Beachtung schenke, und zwar derart, dass es zunächst erforderlich ist, nochmals abzuschweifen.
Deine Intuition trügt Dich nicht. Die dOCUMENTA (13) ist meiner Ansicht nach mehr als eine Ausstellung und gleichzeitig keine Ausstellung im üblichen Sinne – sie ist eine Geistesverfassung. Ihre DNA unterscheidet sich von der anderer internationaler Ausstellungen zeitgenössischer Kunst insbesondere dadurch, dass sie nicht aus den Handelsmessen oder Weltausstellungen des kolonialen 19. Jahrhunderts hervorging, welche die Wunder der Welt in die alten europäischen Zentren trugen. Vielmehr ging die documenta nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem lokalen Trauma hervor, in dem sich gleichermaßen Zusammenbruch und Neubeginn mani-festiert. Sie entstand an der Schnittstelle, an der die wesentliche Bedeutung der Kunst im Sinne einer allgemein gültigen internationalen Sprache und eines Universums gemeinsamer Ideale und Hoffnungen erkannt wurde (was impliziert, dass die Kunst tatsächlich eine wesentliche Funktion innerhalb gesellschaftlicher Prozesse bei der Wiederherstellung einer bürgerlichen Gesellschaft und innerhalb von Heilungs- und Regenerationspraktiken übernimmt) und an der die Kunst noch während der sogenannten Spätmoderne als nutzloseste unter allen möglichen Handlungen (im Rahmen des überlieferten Begriffs von der Autonomie der Kunst) galt. Am Schnittpunkt dieser beiden Bereiche, an dem die gesellschaftliche Funktion der Kunst und ihre Autonomie aufeinandertreffen, sind – im Guten wie im Schlechten – „les enjeux de l‘après-guerre“ und die westliche Politik Mitte des 20. Jahrhunderts anzusiedeln, die auch in der documenta ihren Ausdruck fanden.
Kassel war einst ein entscheidendes politisches Zentrum (als Sitz des Landgrafen und Kurfürsten von Hessen) wie auch wirtschaftlicher Knotenpunkt (mit Bismarck wurden hier im 19. Jahrhundert Lokomotiven, Waggons und Rüstungsgüter gefertigt, was zur Bombardierung Kassels in den 1940er Jahren führte). Kurz, Kassel war eine Stadt, deren traumatische Vergangenheit während ihres Wiederaufbaus von den 1950er bis in die 1970er Jahre größtenteils ausgelöscht wurde. Die Weltwirtschaftskrise Ende der l920er Jahre führte 1933 zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Vor dieser Krise konnte man keinesfalls selbstverständlich annehmen, dass die deutsche Moderne zusammenbrechen und in Totalitarismus und Krieg münden würde. Die documenta entstand zu einer Zeit, als sich die formale und ästhetische Freiheit der Nachkriegsabstraktion parallel zur Wiederherstellung einer liberalen Wirtschaftsordnung entwickelte. Heute dagegen bietet die documenta eine Plattform, auf der die drastischen, häufig negativen Folgen einer allzu liberalen Ökonomie mit den Mitteln der Kunst beziehungsweise Kultur verhandelt werden.
Die Verwandlung einer Ausstellung in eine sinnstiftende Erfahrung für die Besucher ist kompliziert. Niemals existiert an einem gegebenen Ort zu einer gege-benen Zeit nur ein homogenes Publikum. Es gibt vielfältige Publikumsgruppen: die kultivierteren und mit der sogenannten „hohen Kunst“ vertrauten Besucher, diejenigen, die als Flaneure zufällig den Weg in die Ausstellung finden, diejenigen, die die Kunst als den letzten Freiraum für Aktivismus erachten, die lokale Kunstwelt, die internationale, globale oder transnationale Kunst-„Sippe“, die zahlreichen Kunstwelten, die nur auf indirektem Wege von der Ausstellung erfahren, diejenigen, denen Kunst verdächtig ist, Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften und mit verschiedenem kulturellen Hintergrund, Menschen mit völlig unterschiedlichen Qualitätsbegriffen. Daher lässt sich eine Ausstellung als Netzwerk mehrerer Ausstellungen verstehen, die unaufhörlich abwechselnd in den Vorder- oder Hintergrund treten, manche sichtbar, manche unsichtbar und manche erst viele Jahre nach einem solchen Ereignis sichtbar.
Das Aufkommen der Kunstausstellung hat ihren Ursprung in der Idee der „Öffentlichkeit“, wobei die ersten öffentlichen Museen gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden (British Museum, Fridericianum, Louvre), mit früheren Wurzeln in der Zeit der Renaissance wie den Kapitolinischen Museen in Rom und den Uffizien in Florenz. Die Kreuzung dieses öffentlichen, pädagogisch-staatsbildenden Konzepts der öffentlichen Ausstellung mit den Handelsmessen und Weltausstellungen der Kolonialzeit brachte die Salons hervor – alljährlich im Frühjahr in Paris stattfindende, öffentlich zugängliche Ausstellungen von zweitausend und mehr Gemälden. Erst im 20. Jahrhundert allerdings wurde das Ausstellungsformat sowohl zum Ort für die Präsentation von eigens zu diesem Anlass produzierten Kunstwerken als auch zum Material dieser Werke selbst, wie Futurismus, Dada und Surrealismus, Beispiele aus dem frühen 20. Jahrhundert, belegen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in den späten 60er Jahren, gerade einmal etwas über ein Jahrzehnt nach der ersten documenta von 1955, wurde die Ausstellung (ihr Konzept, ihre Orte, ihr Aufbau) zum Gegenstand ihrer selbst. Für Künstler, Kritiker und den neu entstehenden Berufsstand des Kurators dient die Ausstellung in stärkerem Maße als für die breite Öffentlichkeit einer Untersuchung von Wahrnehmungen, Ideen, Verstehen und Wissen. In ihrer Verbindung aus Theater, Ausstellungs- und Phänomenologiegeschichte, Wahrnehmungstheorie, Psychologie und dem Denken der späten 1960er Jahre war die zeitgenössische Gruppenausstellung vom Zusammenwirken von Kuratoren und Künstlern geprägt, die „die Präsentation präsentierten“ und sich mit der Erfahrung der Kunstbetrachtung und dem darin enthaltenen sozialen beziehungsweise radikalen Potenzial als Gegenstand ihrer Arbeit beschäftigten.
Die Frage, die sich heute stellt, ist ebenso schwierig wie komplex, und ich kann schon deshalb wenig hierzu beizutragen, da ich gerade so sehr mit anderen Dingen beschäftigt bin, wie Du Dir denken kannst. Ich schlage vor, wir kommen später darauf zurück. Ich kann an dieser Stelle nur so viel sagen, dass sich einerseits eine Art Manierismus der Ausstellung herausgebildet hat, was mitunter zu einer Neutralisierung bestimmter Inhalte und zu einer Entbehrlichkeit oder Austauschbarkeit bestimmter Arbeiten führt. Andererseits ist die in einer Ausstellung verkörperte Eigenschaft des Sich-Versammelns, das Zelebrieren einer „wirklichen“ Begegnung, zu einem performativen Ritual geworden, das sich der atomisierten, molekularen Ordnung menschlicher Transaktionen im digitalen Zeitalter zu einem solchen Grad widersetzt, dass dieser überholte Gegenstand des 20. Jahrhunderts, die Ausstellung, bei seiner Verwandlung in einen nichtkommerziellen Ort intensiver Gemeinschaft zu neuem Leben erweckt wird.
Es gibt unzählige mögliche Formen des Abschweifens, der Zeitverschwendung oder des Diebstahls an der Produktivzeit der neuen Arbeitsplätze – neue Orte, die sich durch eine Art erzwungener Freiheit auszeichnen –, an denen Arbeitnehmer nachmittags Tischtennis spielen oder mit Audio-/Video-Schnittprogrammen herumexperimentieren müssen, weil es sich bei unserer Welt vorgeblich um eine generell kreative handelt. Es ist keine Zeit mehr für jene alte Fließbandarbeit, für das Auflesen von Steinen oder das Sammeln von Saatgut. Wir sind heute viel zu sehr damit beschäftigt, neue Ideen auf dem Gebiet immaterieller Arbeit hervorzubringen, um uns mit derartigen Dingen zu befassen.
Dein Instinkt trügt Dich nicht, mein Freund: Ich habe das ironisch gemeint. Ich bin dafür, die Grenzen der Disziplinen und Wissensbereiche aufzuheben, insbesondere da das Sammeln und Speichern von Daten, das digitale Archivieren und Vergleichen von Daten, ja selbst Abbildungsverfahren heute zu einem Wandel innerhalb der Wissenschaften, der Kunst und des Bewusstseins führen. Ich bin der Ansicht, dass Verfahrensfragen ebenso aussagekräftig, wenn nicht aussagekräftiger sind als der sogenannte Inhalt oder das Thema eines künstlerischen Projekts – wie man Wirkung erzielt und wie man sich zu anderen verhält, wie man als Künstler vorgeht oder wie man als Teil des Publikums agiert. Auch wenn der zur Erzielung eines Ergebnisses genutzte Prozess möglicherweise ein „kreativer“ ist, erscheint es mir wichtig, diesen Prozess nicht selbst in ein Produkt zu verwandeln. Folglich bin ich keine große Verfechterin der sich abzeichnenden dominanten unkritischen Ideologie der Kreativität.
Wir sollten uns heute daher beide sehr genau mit dem Problem befassen, wie Künstler, Kulturproduzenten und Intellektuelle innerhalb der sich auf der Grundlage des Austauschs von Wissensprodukten entwickelnden Ökonomie und Hegemonie verfahren können. Dies allerdings würde uns zu einer langen Abschweifung und zahlreichen Schriften und Theorien anderer führen, und vielleicht möchtest Du kurz mit der Lektüre innehalten, bevor wir fortfahren.
Ich warte auf Dich.
(Wenn Du allerdings über diese Fragen reden möchtest, sollten wir vielleicht gemeinsam über unsere heu-tige Welt nachdenken, in der sich die Menschen an plötzliche Veränderungen, an das Ungewöhnliche und Unerwartete gewöhnt haben; eine Realität, die sich ständig erneuert und bei der die Unterscheidung zwischen einem stabilen „Innen“ und einem ungewissen, tellurischen „Außen“ verschwimmt, eine Welt des „Sich-nicht-zu-Hause-Fühlens“, der Heimatlosigkeit. Einige Denker schlagen Exodus und Rückzug als Widerstandsmodi gegenüber diesem Zustand vor. Die dOCUMENTA (13) schlägt Paradoxe vor, Wege des Sprechens ohne Sprache, des Handelns ohne Handlung und eine archäologische Perspektive, nach der jedes fortschreitende kulturelle Projekt auf einem rückwärtsgewandten Blick, auf einer ökologischen Beziehung zur Vergangenheit beruhen kann und sich selbst in einem Spiel mit dem Mangel und einer Präsentation desselben unablässig entflieht.)
Danke, dass Du wieder da bist.
Ich bin in den vergangenen zwei Jahren viel gereist und habe zahlreiche Künstler, Autoren, Wissenschaftler, Anthropologen, Archäologen, Umweltschützer, Philosophen und Aktivisten getroffen. Ich habe verschiedenste Orte besucht, kleine und große, nahe und ferne, allein oder mit Freunden. Vieles beruht auf Vertrauen und gemeinsamen Spaziergängen, manches auf Gesprächen. Ich war mit Chus in Brasilien, wo wir mit Künstlern japanisch essen gingen. Außerdem besuchten wir die Enkelin einer berühmten Malerin aus den 1920er Jahren – deren Name mir gerade entfallen ist – und -unterhielten uns in Rio mit Eduardo über Multinaturalismus. Wir schwelgten in Erinnerungen an unsere vorangegangene Reise nach Helsinki und an unsere intensiven Diskussionen mit Mika, Erkki, Perttu, Lars, Joasia und Alex über die Geburt des Computerzeitalters, angefangen mit den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre. Nur wenige Monate zuvor waren Andrea und ich zusammen mit Mario, Mick, Francis, Mariam, Kadim und Tom zu Forschungszwecken nach Kabul, Herat und Bamiyan gereist, und ich erinnere mich an die zahlreichen erhellenden Gespräche dort mit Jolyon und Ajmal und Aman und Ashraf und Rahraw sowie an die Großzügigkeit der afghanischen kulturellen Community. Wir sprachen darüber, dass sich die Geschichte wiederholt und doch nicht wiederholt, über Globalisierung, Internationalismus und die mögliche Rolle von Kunst und Kultur im Rahmen des Wiederaufbaus bürgerlicher Gesellschaften in Konflikt- oder Nachkonfliktsituationen und darüber, inwiefern Identität als Paradox und innerhalb von Widersprüchen wachsen kann. Das erinnert mich wiederum an meine zusammen mit Hetti, Cesare und Rosa unternommene Reise in die australische Zentralwüste, in deren Verlauf wir uns in Alice Springs mit Warwick trafen, seinen Geschichten zuhörten, seine Filme ansahen und die zahlreichen offenen Fragen erörterten, die diese Reise nach wie vor aufwirft, Fragen nach einem materiellen beziehungsweise immateriellen Erbe und die Frage, inwieweit man die heutige Praxis von indigenen Menschen aus abgelegenen Gebieten wie Doreen mit dem an Orten wie Kassel bis heute gültigen Kunstbegriff in ein Verhältnis setzen kann.
Natürlich gab es da auch die Momente des Nachdenkens mit Pierre, außerdem weitere Reisen nach Mexiko mit Sofia und nach Asien mit Sunjung, Momente, in denen ich mit Livia in György Lukács’ Haus in Budapest verstaubte Unterlagen durchforstete oder mich mit Koyo und Javier über mauretanische Schiffsfriedhöfe unterhielt. In Chicago traf ich mit Jane, Mike und Madeleine auf Theaster, und weißt Du, dass ich dort mein letztes Notizbuch verlor? Ich bin immer noch betrübt über dieses Missgeschick, denn darin befanden sich meine Aufzeichnungen zu einer Skype-Unterhaltung mit William und Peter über das Thema Zeit und Uhren und darüber, wo das Metaphysische im Physischen zu finden ist. Und dann gab es noch diese großartigen Gespräche, die ich mit Marta in Skandinavien über Sex und über ihren Hund führte – wie er aufgrund der Grenzkontrollen in Norwegen in Como festgehalten wurde, was mich wiederum an unseren kleinen Hund erinnert –, außerdem über Donnas wunderbare Vorträge zu den sich der Koevolution mehrerer Arten und einer entanthropozentrierten kulturellen Praxis verdankenden Möglichkeiten des Denkens (erinnerst Du Dich daran, dass sie schrieb: „Mir gefällt, dass sich das menschliche Genom nur in etwa zehn Prozent aller -Zellen finden lässt, die jenen irdischen Ort bevölkern, den ich als meinen Körper bezeichne“?), worüber ich auch mit Kitty in Banff diskutierte, wo es Bären gibt und ich mich wie an einem Rückzugsort fühlte.
Tatsächlich glaube ich eher an indirekte Handlungen als an eine direkte Intentionalität, wobei der Umgang mit bestimmten Tierarten oder anderen Lebensformen auf diesem Planeten uns viel über unseren Umgang mit den Menschen – uns selbst – verrät (ich muss immer daran denken, dass das Hundemassaker in Istanbul von 1911 – ein Modernisierungsprozess – dem Massaker an den Armeniern nur um wenige Jahre vorausging). Mich interessieren surrealistische Strategien einer künstlerischen Praxis und das Infragestellen der passiv hingenommenen Grenzen menschlichen Handelns; mich interessiert die Arbeit von Künstlern, da sie sowohl für einen bestimmten Bereich (Kunst) spezifisch als auch für jeden (anderen) Bereich nichtspezifisch ist; mich interessiert die Liebe, da im digitalen Zeitalter nur noch wenige gewillt sind, den Preis dafür zu zahlen, dass man sich
im Zustand der Liebe befindet, wie es Etel einmal so klug ausdrückte, als ich sie mit Walid in Beirut traf.
Aber ich schweife schon wieder ab, und ich möchte Dir empfehlen, die Lektüre an dieser Stelle zu unterbrechen, falls Du Dir ein wenig die Füße vertreten oder eine Zeitlang etwas lesen möchtest, was eher nach Deinem Geschmack ist. Wir wissen ja beide, dass wir bald wohl oder übel wieder zusammenfinden werden. Ich möchte Dir gern etwas mehr über die dOCUMENTA (13) erzählen und wie sie zu ihrem provisorischen Titel kam, einem Satz, den ich vor einiger Zeit niederschrieb. Auch wenn ich diesen Satz in schlechtem Deutsch formulierte, bin ich mir sicher, dass Du mir aufgrund der Art und Weise, wie sich das Englische in den vergangenen zehn oder zwanzig Jahren durch das Internet gewandelt und in eine Fülle unterschiedlicher Variationen vervielfacht und verformt hat, mein gebrochenes Deutsch nachsehen wirst.
Der Satz lautet:
Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit.
Auf meinen Reisen in und um Kassel herum stieß ich auf ein kleines Kloster aus dem 12. Jahrhundert, das im 19. Jahrhundert als Gefängnis genutzt wurde und auch heute noch ein Ort der Einsamkeit oder doch zumindest des Ausschlusses ist. Von der Mitte der l950er Jahre an bis 1973 diente das Kloster als Erziehungsanstalt für Mädchen und wurde um einen Tanzsaal für die hier verwahrten Frauen erweitert. Das erinnert mich an meinen mit Raimundas und Ruth unternommenen Besuch bei Dixie Evans, die in den l950er Jahren als Marilyn Monroe auftrat, eine wahre Königin der Burlesque, und durch deren Geschichten ich erneut begriff, wie sich Paradigmen wandeln und Dinge von einem Extrem ins andere umschlagen können und inwieweit es sich beim Revival der Burlesque eigenartigerweise um eine heutige Form feministischer Praxis handeln könnte, da hier eine Neuinszenierung des flüchtigen Schleier- und Entschleierungstanzes, des Enthüllens und Verbergens im Zeitalter allzu simpler Ein/Aus- oder Verhüllt/Enthüllt-Dichotomien stattfindet. Der Tanzsaal der Besserungsanstalt bei Kassel erfüllte eine andere Funktion als der Varietésaal in den l950er Jahren, eine Unterhaltungsform, die mit dem Aufkommen des Fernsehens beinahe vollständig verschwand, weil die Menschen aufhörten, abends auszugehen.
Also begann ich, die Bamboule zu recherchieren, einen Sklaventanz, der, interessanterweise in der Folge des erfolgreichen Sklavenaufstandes in Haiti im Jahr 1791, in New Orleans getanzt wurde und der angeblich aus Sorge, er könnte weitere Rebellionen in Nord- und Südamerika befördern, verboten wurde. Dies passierte lange vor Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs.
Jener von Beschreibungen der Bamboule im Internet angeregte deutsche Satz stellte einen Versuch meinerseits dar, eine ebenso narrative wie fantasievolle Formulierung zu entwickeln, welche die Vorstellung einer -Abfolge choreografierter Gesten und Bewegungen hervorruft und eine Reihe von Abläufen schildert, die im Gegensatz zu jeder Theorie und jedem Konzept stehen. Diese Formulierung sollte sich faktisch dem Memorieren und der Reduktion auf jene Gemeinplätze widersetzen, welche die Sprache heute prägen. Der Tanz erdet das Subjekt buchstäblich im Hier und Jetzt und erinnert mich an die Verkörperung des Seins, die sich durch Training erreichen lässt. Gleichzeitig fördert der Tanz ein Hinausgehen der Imagination über das Hier und Jetzt und verweist auf einen „anderen“ Ort – irgendwo anders.
Ich verfolge daher nicht ein einzelnes Konzept, sondern beschäftige mich damit, vielfältige Materialien, Methoden und Erkenntnisse zu dirigieren und zu choreografieren. Die dOCUMENTA (13) besteht aus einer Reihe bereits stattfindender künstlerischer Akte und Gesten und aus einer Ausstellung, die vom 9. Juni 2012 an hundert Tage lang geöffnet sein wird.
Die Vorbereitungen zur dOCUMENTA (13) werfen -Fragen der individuellen und kollektiven Emanzipation durch Kunst auf, bei denen eine Reihe von „verschränkten Ontologien“ (wie Chus sie nennt) durchgespielt werden, die paradoxe Voraussetzungen für das moderne Leben und das künstlerische Schaffen liefern. Dazu zählen Teilhabe und Rückzug als simultane Modi heutiger Existenz; Verkörperung (embodiment) und Entkörperlichung (disembodiment) und ihre gegenseitige Abhängigkeit; Verwurzelung und Heimatlosigkeit als doppelte Verfasstheit des Subjekts; Nähe und Distanz und ihre Relativität; Zusammenbruch und Erneuerung, die gleichzeitig oder nacheinander auftreten können; die Flut unkontrollierter Daten und die gleichzeitige Fixierung auf Kontrolle und Organisation; Übersetzung und Unübersetzbarkeit und wie man diese verhandelt; Inklusion und Exklusion und wie diese miteinander zusammenhängen; Zugang und Unzugänglichkeit und ihre Koexistenz; das Anachronistische des eurozentrischen Kunstbegriffs und das paradoxe Aufkommen von Praktiken, die heute weltweit auf diesen Kunstbegriff verweisen; das menschliche Leben und andere Lebensformen angesichts einer gemeinsamen Geschichte wechselseitiger Abhängigkeiten; hoch entwickelte Wissenschaften/Technologien und ihre Verwandtschaft mit alten Traditionen; materielles und immaterielles kulturelles Erbe und seine Verbundenheit mit der zeitgenössischen Kultur; die Spezifität des Künstlerseins und die Nicht-Spezifität künstlerischer Praxis.
Allgemein gesprochen existieren zahlreiche Dinge, die für die heutige Welt unerlässlich sind. Ein klares Gefühl für das Notwendige und die Vermittlung dieses Gefühls an die an einer Ausstellung beteiligten Künstler sind nicht unbedingt dem Ziel eines Projekts dienlich, in dessen Fokus ebendiese Notwendigkeiten zeitgenössischer Kultur stehen, die von Künstler, Kurator und „Publikum“ kollektiv durchgespielt werden.
Zur Bewahrung einer kritischen Haltung gegenüber der „Gegenwart“ müssen wir diese begreifen, indem wir sie in eine Beziehung zu Ideen der jüngeren Vergangenheit setzen. Wie vergeht Zeit, und was ist Zeit im Hinblick auf ihre Wahrnehmung? Die Frage lautet nicht, inwiefern wir die Vergangenheit historisieren, sondern wie Gegenwart in der jüngeren Vergangenheit begriffen wurde und inwiefern dieser Begriff wesentlich im 20. Jahrhundert konstruiert wurde. Ein Rückblick auf die verschiedenen bisher stattgefundenen documenta-Ausstellungen legt eine Verschiebung von einer dia-chronen Bewegung der Kunst hin zu einer synchronen Bewegung der kuratorischen Praxis nahe, von der historischen Selbstpositionierung der experimentellen Avantgarde innerhalb einer vorwärtsgerichteten Bewegung (von einer Generation zur nächsten, von einer Kunstbewegung oder einem Kunstbegriff zur/zum nächsten) hin zu einer Praxis, welche den Zeitaspekt -zugunsten einer geografischen und räumlichen Erweiterung dieses Feldes vernachlässigt (indem Künstler aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengebracht werden und zwischen den Geografien agiert wird). Diese Entwicklung verläuft parallel zur steigenden Zahl von Projekten, welche sich mit Konflikten und Ursachen in der ganzen Welt beschäftigen.
Zeit ist gleichermaßen das Problem wie der Rohstoff der documenta. Alle fünf Jahre stattfindend, zeichnet sich die documenta insbesondere durch ihr spezifisches Verhältnis zur Zeit beziehungsweise Zeitdauer aus, die im Gegensatz zur heutigen Geschwindigkeit und kurzen Aufmerksamkeitsspanne steht. Sie folgt einem langsameren Takt als die meisten der weltweit stattfindenden Biennalen und anderen Kunstgroßereignisse. Die documenta-Zeit verläuft nicht in Richtung Effizienz (der Produktionszeit) oder in Richtung der Pseudo-Aktivitäten einer Produktivgesellschaft. Die documenta ist vielleicht an jener Stelle zu verorten, an der die Sprach-Lücken, das Schweigen der Psychoanalyse und die unter Hypnose unausgesprochenen Wörter einen Sinn ergeben. Dieses Schweigen erzeugt Gefühle, mit denen sich der Wirrwarr der Pseudo-Aktivitäten durchbrechen lässt. Sie stellt den konstruierten Strukturen der Aktualität das in ihr verwurzelte Element der Zeitlichkeit gegenüber.
Nach dieser Logik wäre es unter Umständen an der Zeit für eine Überschneidung zweier Standpunkte. Dies ist auf nichtlineare, ungehorsame Weise durch eine rückwärtige oder seitliche zeitliche Erweiterung bei gleichzeitiger Einbeziehung der Verschiebung des Zeitlichen in Richtung Raum möglich. Unsere heutige Zeit besitzt, ähnlich wie die Renaissance mit ihrer Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Begegnungen, im selben Maße wie jenes Zeitalter ein Bewusstsein für den Verlust und das Vergangene. Diese Ambivalenz liefert den Schlüssel für das Verständnis sowohl von Reen-actment wie von Reaktualisierung.
Doch es ist schon spät, und ich habe Dir noch nicht von meinem Spaziergang mit Raimundas, Jessica, Ryan, Gerard, Roman und Gabriel im Auepark erzählt, von unserem Gespräch über Giuseppes Bronze-Baum mit Flussstein, über die griechisch-baktrischen polychromen Steinprinzessinnen und darüber, was es bedeutet, wenn Menschen in der Lage sind, die Fragmente dieser winzigen Skulpturen über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren von einer Generation zur nächsten zu bewahren. Oder davon, dass es in Mumbai mit Tejal und Nalini zum selben Gespräch kam, abgesehen davon, dass wir außerdem über das Verschwinden der Bienen redeten und darüber, welche Auswirkungen es auf die Nahrung und die Welt hätte, sollte es wirklich jemals dazu kommen.
Wir befinden uns im selben Maße in und zwischen verschiedenen Geografien, wie wir uns in und zwischen den Geschichten befinden, da sowohl Geografie als auch Geschichte niemals eigenständig sind oder waren, sondern sich gegenseitig hervorbringen und einander unablässig umformen. Dies erlaubt eine historische Neukonstruktion von Ereignisketten mittels des Erzählens von Geschichten, wodurch sich Zeit als eine Form des Bewusstseins begreifen lässt. Es überdauern immer Reste einer anderen Zeit, und so ist es möglich, ein lineares, etabliertes Bild der Kunstgeschichte gegen eine nichtlineare, ungehorsame, argumentative und womöglich -widersprüchliche Geschichte der Konsequenzen künstlerischer Handlungen antreten zu lassen. Da es jedoch keine Geschichte aus lediglich einer Perspektive geben kann, kann diese neue Geschichtszeit nur auf den zahlreichen Geschichten von Gesten, Handlungen, Beziehungen und Gesprächen zwischen einzelnen Individuen an verschiedenen miteinander verbundenen oder unverbundenen Orten irgendwo auf der Welt beruhen.
Das bringt mich wiederum darauf, dass ich Dir von den Notizbüchern erzählen muss, die wir veröffentlichen werden. Ja, einhundert kleine Stapel gebundener Blätter unterschiedlichen Formats, die von Bettina sorgsam betreut und zusammengebracht werden. Als Auftakt zur 2012 stattfindenden Ausstellung werden sie ab dem kommenden Jahr, 2011, erscheinen. Das Festhalten von Notizen setzt Zeugenschaft, Aufzeichnen, Aufschreiben und diagrammatisches Denken voraus; es ist spekulativ, drückt einen vorläufigen Augenblick, einen Übergang aus und dient als Gedächtnisstütze oder -spur. Die Publikationsreihe 100 Notizen – 100 Gedanken mit Beiträgen von Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen wie Kunst, Naturwissenschaft, Philosophie und Psychologie, Anthropologie, Ökonomie und Politikwissenschaft, Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Dichtung konstituiert einen Ort innerhalb der dOCUMENTA (13), an dem untersucht wird, wie Denken entsteht und wie dieses die Grundlage für Neuentwürfe der Welt bildet. Durch seinen ausgesprochenen Sammlungscharakter artikuliert dieses Projekt unablässig die entscheidende Funktion des denkenden Sprechens. Anders als feststehende Aussagen sind Gedanken stets Variationen: Eine Notiz ist eine Spur, ein Wort, eine Zeichnung, die unversehens zum Teil des Denkens wird und sich in eine Idee verwandelt. Wie Chus sagt, wird der Gedanke in diesem Projekt in einem prologartigen Zustand, in einem vor-öffentlichen, intimen, noch-nicht-kritischen Raum präsentiert. Es sei ein wenig wie eine Veröffentlichung des Unveröffentlichbaren, sagt sie, bei der die Stimme und der Leser unser Alibi und unsere Verbündeten sind. Während ich jene letzten Zeilen schreibe, kommt mir der Gedanke, ob ich Dir einige der Autoren nennen sollte – etwa Susan und Emily, Anton, Christoph, Jalal, Mick, Vandana, Ian oder Paul mit Rene und Ayreen.
Aber worüber reden wir hier überhaupt? Wofür könnte das Wort Kunst stellvertretend stehen? Im konventionellen Sinne verwendet, bezeichnet es eine empirische, praktische Form der Erkenntnisbildung durch die Herstellung und Wahrnehmung ästhetischer Objekte, die gleichzeitig Metaphern, Modelle und unmittelbarer Ausdruck der Verfeinerung der Wahrnehmung zu einer Form des Wissens und der Erkenntnis an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit innerhalb einer bestimmten Gesellschaft sind. Daneben beruht die Vorgehensweise der Kunst auf einer Gleichsetzung der Sprache ihrer Untersuchung mit dem Gegenstand ihrer Untersuchung – Glas mit Glas, Sprache mit Sprache, Farbe mit Farbe, Geste mit Gesten, Repräsentation mit Figuration, Politik mit Praxis (oder eher Praxis mit Politik), gesellschaftliche Beziehungen mit Situationen -gesellschaftlicher Interaktion und so weiter. Der hier beschriebene Kunstbegriff ist in Europa allerdings noch verhältnismäßig jung. Im Sinne eines autonomen kulturellen Feldes existiert er hier erst seit dem Aufkommen des Bürgertums zu Beginn des Zeitalters der fossilen Brennstoffe im 18. Jahrhundert, während man im antiken Griechenland hierfür lediglich das Wort techne kannte, das eher mit „Handwerk“ denn mit Kunst, wie ich sie beschreibe, zu übersetzen ist.
Obwohl die Kunst als autonom und unproduktiv definiert wird, wurde sie mit dem Aufkommen der modernen Kunstkritik seit Ende des 19. Jahrhunderts als in gewisser Weise interpretierbar, übersetzbar, analysierbar und sinnträchtig „gedeutet“ und entsprechend instrumentalisiert. Die künstlerischen Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts begriffen Kunst als Experimentierfeld, auf dem sich verschiedene Ideen ohne Anspruch auf konkreten Nutzen erproben ließen, beziehungsweise als einen Bereich, der durch soziales Engagement oder durch eine neue Form des Funktionalismus (Bauhaus) und dessen unmittelbares politisches Potenzial seine Autonomie zugunsten einer Verschmelzung mit dem wirklichem Leben (eine in der Obsession für das „Reale“ begründete Annäherung von Kunst und Leben) lockern und aufgeben sollte.
Andererseits steht die Wissenschaft traditionellerweise für eine Erkenntnisproduktion auf der Grundlage systematischer Methoden. In Naturwissenschaften und Humanwissenschaften unterteilt, verfolgt sie eine konsequente Praxis, die eine Verifizierung und Wiederholung von Experimenten erlaubt, und basiert auf Beobachtung, Hypothese, Vorhersage, Experiment und Schlussfolgerung. In der künstlerischen Praxis ist die Reihenfolge oft eine andere, und es wird allgemein akzeptiert, dass hier kein Experiment zu irgendeinem zwingenden Schluss führt. Mitunter, zumindest gilt dies für den Alchimisten, einen sogenannten vorwissenschaftlichen Forscher, geht die Verwandlung des Ichs mit einer Verwandlung der Welt einher, so dass die Gedanken untrennbar mit den Sinnen verbunden sind, wie Mariana zu sagen pflegt.
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das Feld der Kunst auch im 21. Jahrhundert überdauern wird. Möglicherweise wird es einige Neudefinitionen auf dem Gebiet der Natur- und Humanwissenschaften und ihrer Zwischenbereiche geben, die unter Umständen zu unterschiedlichen Methoden der Organisation von Kultur und Ausstellungen führen. Dies ist gleichermaßen ein Zweifel wie eine Frage, und an dieser Stelle möchte ich von Dir lernen und Deine Meinung hören. Aber habe ich Dir schon von dem Gespräch erzählt, das ich spätnachts in Budapest über Skype mit Ayreen und Rene führte? Über Autorschaft und Anonymität und über ihre Freunde von AND AND AND? Sie erzählten mir, dass es sich hierbei um eine Künstlerinitiative handelt, die aktuell bis ins Jahr 2012 mit einzelnen Personen oder Gruppen weltweit die heute mögliche Funktion der Kunst und die durch sie zu erreichenden Öffentlichkeiten oder Communitys untersucht. Rene und Ayreen teilten mir mit, dass die zahlreichen unter dem Titel AND AND AND zusammengefassten Interventionen, Situationen und Ereignisse inzwischen ein Bestandteil der dOCUMENTA (13) sind und eine Landkarte aus neu entstehenden Positionen, Anliegen und möglichen Punkten der Solidarität bilden.
Heute Abend – aber es ist bereits spät und wir müssen bald Schluss machen – hätte ich mir gerne ein paar Fotos mit Dir angesehen. Zusammengenommen eröffnen sie sowohl unterschiedliche Wahrnehmungsweisen als auch Komplikationen. Weil es so viel zu sagen gab, haben wir uns jedoch die ganze Zeit nur mit Wörtern befasst, aber wir können uns die Bilder vorstellen.
Ich merke, dass dieser Brief schier endlos erscheint und Du wohl einige Zeit brauchen wirst, ihn ganz durchzulesen. Du kannst die Lektüre jederzeit unterbrechen, wenn Du genug hast. Wir stehen vor einer Zeit äußerster Instabilität. Uns wird vermittelt, dass wir uns in einem Zustand der permanenten Krise, in einem Notstand und damit Ausnahmezustand befänden. Seit Anfang der 1990er Jahre hat das Internet unseren Zugang zu Informationen erweitert und so den Meinungsaustausch sowie die digitale Vervollkommnung von Formen kollektiven und geteilten Wissens durch miteinander verbundene Netzwerke und Archive befördert, doch die Bits, Blogs und Zusammenfassungen haben gleichzeitig eine zunehmend indirekte Wissenserfahrung und einen teilweisen Zusammenbruch intellektueller Vorhaben sowie eine Krise bezogen auf Ethik und Verhaltensweisen, Generosität und Integrität zur Folge.
Zwei nur scheinbar in keinem Zusammenhang hierzu stehende Fragen bestimmten in den vergangenen Jahren wesentlich die Diskussion um die zeitgenössische Kunst. Die erste Frage betrifft eine kollaborative künstlerische Praxis beziehungsweise kollektive Handlung, die zweite das Archiv beziehungsweise die Praxis des Archivierens.
In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben digitale Hilfsmittel „molekulare“ Netzwerke hervorgebracht, innerhalb derer die Menschen immer stärker miteinander verbunden und gleichzeitig immer stärker voneinander getrennt sind. Der Zugriff auf Informationen hat sich so beschleunigt, dass noch mehr Informationen verfügbar werden müssen – daher auch jener Zwang, unser gesamtes früheres und aktuelles Leben möglichst lückenlos zu erfassen und abzubilden. Im digitalen Zeitalter werden wir in nie dagewesener Weise von der Vergangenheit heimgesucht, eine praktisch unerschöpfliche Fundgrube für Geschichtsspuren, aus denen möglicherweise Erinnerung (und somit Subjektivität) hervorgeht. Dies hat zu einer neuen Definition des Archivs geführt, das als markierter Speicherort, als vermittelte Sammlung digitalisierter Materialien begriffen wird, die sich aus zweiter Hand und von jedem Ort aus nutzen lassen. Diese digitalen Archive wie Wikipedia und YouTube sind im Hinblick auf einen wachsenden Zugriff kodiert, für den neue Arten der Selbstregulierung und des Wissensaustauschs entwickelt werden. Diese wiederum werden immer mehr zum Ausdruck einer nicht-auktorialen und durch Datenaustausch bestimmten kollektiven Subjektivität (wie es in gewisser Weise auch dieser Brief ist). Zum Aufbau dieser buchstäblich alles umfassenden Archive müssen immer mehr Menschen dazu gebracht werden, kollektiv im Rahmen einer Ökonomie zusammenzuarbeiten, die auf der Grundlage der Erzeugnisse aus dieser immateriellen Arbeit funktioniert.
Um unsere Zeit zu begreifen, muss man über einen archäologischen Ansatz, über das Ausgraben des Geschehenen, mit der Vergangenheit kommunizieren. Was wie eine Arbeit über die Vergangenheit, wie die Lektüre und Zusammenstellung von Archiven zu bestimmten Vorstellen des 20. Jahrhunderts erscheint, kann zu einem hintergründigen Projekt über unsere eigene Zeit und unsere Zukunft werden. So wie bei Picasso, als er wenige Monate nach der Bombardierung Guernicas sein berühmtes Gemälde schuf. Und während man auf der im Sommer 1937 stattfindenden Pariser Weltausstellung, in deren Rahmen das Bild erstmals gezeigt wurde, in all ihrer Zurschaustellung gegensätzlicher nationalistischer Selbstdarstellungen und politischer Ideologien innerhalb der verschiedenen Länderpavillons nichts von den drohenden Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu ahnen schien, scheint man in unserer Post-9/l1-Epoche ebenfalls zu einem vollständigen Wahrnehmen, Verstehen und Handeln unfähig zu sein. Trotz aller erdenklichen uns vorliegenden Fakten sind wir offenbar unwissend. Einzelne Ereignisse, die ihren zeitlichen Widerhall in ähnlichen Vorkommnissen finden, lassen sich jedoch durch einen Geschichtenerzähler miteinander verbinden – und so in Beziehung zueinander setzen. Wie in einem Traum verlaufen diese Ereignisse synchron zueinander und treten damit in eine Art kairologische Zeit ein, in der sich Bedeutung verdichtet, der Augenblick auf das Bewusstsein übergreift und sich in ihm ver-festigt. Die autoritäre Sprache ist unidirektional, sie zwingt sich auf. Wir streben nach einer Entwicklung gleichberechtigterer Formen des Austauschs und der Kommunikation, aber selbst diese sind in unserer Zeit der sozialen Netzwerke belastet. Auch das Geschichtenerzählen verläuft unidirektional, bekennt sich allerdings offen dazu, nur eine Deutung oder Verhandlung der Geschichte, eine Möglichkeit von vielen zu sein. Das Erzählen verneint seine faktische Autorität schon aufgrund des Charakters seiner erklärten Fiktionalität. Das Erlernen des Erzählens von Geschichten – in denen menschliche Handlungen wiederholt werden, jedoch stets variierend und übereinandergeschichtet – ist eine Übung, die die Erscheinung vergangener Ereignisse und ihr gleichzeitiges Verschwinden in Projektionen auf die Gegenwart betrifft. Zeit wird zu einer mythischen, nicht-linearen Zeit, wobei die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, mit einer ständigen Anpassung an nachfolgende Kontexte, in denen sie auftaucht, verbunden ist.
Daher handelt es sich bei einer Ausstellung weniger um ein vielschichtiges, wiederaufgesuchtes Archiv als vielmehr um einen Ausdruck der Möglichkeit und des Wunsches, ein solches Archiv aufzubauen; es handelt sich hierbei weniger um einen Ort, an dem Gemeinschaftsarbeiten und kollektive Projekte dank gemeinsamer Begegnungen ins Leben gerufen werden, als um einen Ort für Diskussionen darüber, inwiefern und aus welchem Grund – beziehungsweise ob überhaupt – so etwas wie Gemeinschafts- oder kollektive Arbeit heute möglich ist. Als Kontrapunkt zur augenscheinlichen Heterogenität des Versammlungsortes, den wir gemeinsam anlegen werden, konstituiert die Plattform für die im Rahmen der dOCUMENTA (13) eventuell stattfindenden Kundgebungen einen experimentellen Ort kollektiven und anonymen Gemurmels – ein Fest und ein Ort der Inszenierung von Subjektivität, die sich durch Singularität und Pluralität gleichermaßen auszeichnet. Dieser Ort widersetzt sich jeder Entkörperlichung und nutzt die Fragmentierung des Ichs unter Berücksichtigung des Potenzials provisorischer Gruppenbildungen als Mittel gegen ebenjene Fragmentierung selbst.
In einer weiteren Verschiebung und Feier der transformativen Kräfte der Kunst zeichnet sich die dOCUMENTA (13) durch den Glauben an das Potenzial des Reenactment aus, verbunden mit der Hoffnung, dass sich aufgrund der Berücksichtigung zusätzlicher Bedeutungsschichten so etwas wie eine Abschließung verhindern lässt. Da wir uns über den provisorischen, anonymen und häufig unternehmensartigen Charakter von Online-Archiven im Klaren sind, die wie Internet-Suchmaschinen auf Wortsuchen basieren, intervenieren wir auch auf solchen Plattformen und wirken damit potenziell auf sie ein. Wir setzen dem Digitalen das Körperliche entgegen und greifen gleichzeitig in die virtuelle Welt immaterieller Wissensorganisation ein. In der derzeitigen, noch embryonalen historischen Phase des Internets ist es tatsächlich noch möglich, jene imaginären Konstellationen, denen wir unterworfen sind, umzulenken beziehungsweise zu verändern: Das diese Räume umgebende Feld von Informationen ist zu einem wesentlich komplexeren Bewusstseinsraum für die Widersprüche im Hinblick auf Wahrheit, Geschichte(n), die Menschheit und das Leben im Allgemeinen geworden.
Mein Freund, wir müssen schon bald Abschied nehmen. Wie Du siehst, fragst Du mich nach einem Programm, und ich bin kaum in der Lage, Dir einen Affekt oder eine Intention anzubieten: Als ich 2007 über das allgemein zunehmende Interesse an zeitgenössischer und an bildender Kunst im Allgemeinen nachdachte, schrieb ich Dir einen Brief, an den Du Dich vielleicht noch erinnerst und aus dem ich hier zitieren möchte:
Die Frage lautet heute, wie es möglich ist, nicht zeitgenössisch zu sein, kein Festival zu organisieren, nicht zu kommunizieren, kein Wissen zu erzeugen und dabei trotzdem Intelligenz und Liebe zu artikulieren. Für einen heutigen Kurator bedeutet die Ausführung eines Projekts, von Künstlern und anderen Personen zu lernen, wie man diese innerhalb der Ausstellung als Köder ausgelegten Missverständnisse umschifft, wie man mit ihrer Hilfe Orte der Rebellion schafft und inwiefern im Rahmen eines gemeinschaftlichen Zelebrierens Widerspruch, Rückzug oder Aufschub möglich sind.
Ich glaube, ich bin immer noch derselben Auffassung. Ich schreibe nun schon seit Tagen und bin seitdem bereits einmal nach Zentralasien und wieder zurück gereist, und doch habe ich noch so vieles zu sagen, so viele Geschichten zu erzählen, so viele Gedanken niederzuschreiben, die ich alle nur Dir schreiben kann: Ich weiß, dass Du mein Alibi, dass Du mein Grund zu leben, dass Du ich selbst bist. Und dass „ich selbst“ nur Dein blasses Abbild bin, nicht greifbar, unergründlich, einzigartig und chorisch, wunderschön – ein schönes Ding, schrieb ein Dichter einmal über eine Person mit einem blauen Auge, die er gesehen hatte. Ein Quell der Menschlichkeit, der sich in den Text ergießt und ebenso schnell versickert.
Ich freue mich auf unseren künftigen Gedankenaustausch und verspreche Dir, bald wieder zu schreiben.
Carolyn
Wiederabdruck
Dieser Text erschien in: Carolyn Christov-Bakargiev: Brief an einen Freund,
in der Reihe „dOCUMENTA (13): 100 Notes – 100 Thoughts/100 Notizen – 100 Gedanken, #003“, Englisch, Deutsch, Hrsg.: documenta und Museum Friede-ri-cianum Veranstaltungs-GmbH, Kassel, Hatje Cantz Verlag: Ostfildern 2011.
Has there ever been a revolution without its musicians, artists, and writers? Could we imagine the Zapatista movement, for example, without its poetry and lyricism? At this moment, I am writing from the specific location of the west coast of Australia, on land known to Aboriginal Australians as Beeliar Boodjar. Across the Indian Ocean, remarkable things are happening in North Africa. I listen on the internet to the songs of freedom being sung in Tahrir Square, as well as to the young hip-hop artists who provided the soundtrack to the revolution in Tunisia. But their YouTube videos are not the only things going viral. Significantly, their mutant desires, of which their music is an expression, are also beginning to ripple outwards. I feel it here at my kitchen table as I type, as viscerally as the caffeine flowing through my body. I also see it on the evening news in Spain and Greece. Perhaps the alterglobalisation movement never died, but was simply laying in wait. Perhaps we are only at the beginning. And perhaps there is little real difference in our movements between making music and making change; between the creation of art and the creation of new social relations through our activisms. Our common art is the crafting of new ways of being, of seeing, of valuing; in short, the cultivation of new forms of life, despite and beyond the deadening, ossified structures all around us.
What I would like to focus on most especially in this piece is the art of writing; more specifically, on the relationship between nonfiction writing and social movements. Movement produces writing which produces movement which produces writing, and so the loop turns; a constant feedback loop between action and reflection, experience and expression. To the relationship between writing and movement, I would like to introduce the added factor of time. Until very recently, radical writing practices have tended to operate in accordance with, and uncritically reproduce, some very particular ideas about time. One such idea is that it is compartmentalised into discrete units. Another is that it is linear and moves only in one direction. These understandings are part and parcel of Gottfried Hegel’s dialectical logic3, which, via Karl Marx, has become the unthinking, taken-for-granted folk theory of generations of activists. They are also part of Enlightenment, or modernist, rationality more broadly – that particular way of knowing that has predominated across the world for the past few centuries. Linear, compartmentalised time has meant that we have come to see past, present, and future as three separate things – a division that lies at the root of the means-ends distinction in traditional leftist politics. It is only when present and future are treated as mutually exclusive entities that means and ends can be regarded likewise. Furthermore, for Hegel and Marx, one must always negate in order to create; that is, the present must firstly be negated before the future is ever able to come into being.4 Revolutionary politics is therefore conceived of in purely negative terms, and the job of building a new world deferred until after the revolution. Social movements become equivalent to war rather than creation. When the ends justify the means, the present effectively becomes sacrificed at the altar of The Future – and this for the sake of utopian designs fabricated in the minds of a self-appointed few.
The kind of temporal sensibility outlined above lies at the heart of the manifesto genre.5 It seems today, however, that people have grown tired of manifestos. The same is true for any such exhortation from above of what people should or should not be doing. My argument is that the present context of postmodernity6 demands of radical writers a fundamental rethinking of their (our) modus operandi. I will, in this article, present a critique not just of the manifesto, but also of the jeremiad – another one of the literary forms most commonly produced by radical writers. Where the manifesto is concerned with the future, the jeremiad centres on the present. The intention of the latter, however, is usually only to serve as a diagnostic description upon which a prescription must be founded; an ‘is’ that must be followed by an ‘ought’. In this way, we are hence led back into the domain of the manifesto. But what happens to radical writing once we reject those dichotomies upon which the jeremiad-manifesto distinction is predicated – namely, those of is-ought, means-ends, and present-future? What happens when the writer treats the present and future not as two separate things, but as conjoined in an indivisible flow within which means and ends are consonant? What I would like to propose, then, is a new writerly practice; one which I have chosen to call the futurology of the present.
Such a practice would involve an unearthing of the many living futures constantly coming into being in the present. Unlike the jeremiad, it does not solely describe what is, but also what is becoming. In other words, it entails not simply ‘a negation of what exists, but also an affirmation of what springs forth’7. And it does not prescribe a single path forward, as with the manifesto, but tries instead to reveal the multifarious pathways fanning outwards from any given moment. It starts with the novel innovations and creative insurgencies happening everywhere in our midst, and from there works to build affinities between them. In this endeavour, I find inspiration in Rebecca Solnit’s assertion that ‘the revolution exists in little bits everywhere, but not much has been done to connect its dots. We need to say that there are alternatives being realized all around us and theorize the underlying ideals and possibilities’8. This is, of course, an endeavour that necessarily requires a heightened sensitivity toward those ‘moments when things do not yet have a name’; in short, toward newness. The new here is not meant to mean the same thing as ‘fashionable’, but rather refers to those becomings that are constitutive of alternative realities.10 This kind of sensibility has become especially important of late, given that ours is an era of accelerated social change, pregnant with germinal, as-yet-unnamed phenomena. One cannot continue imposing anachronistic grids upon our ever-complexifying present without exacting an extremely violent and myopic reductionism. Instead, as Félix Guattari writes, the upheavals that define our current conditions of existence call for a method attuned ‘towards the future and the emergence of new social and aesthetic practices’11. My proposal for a futurology of the present is one attempt to concretely think through what such a method might look like. I have certainly not been alone in these efforts. Besides Solnit, other fellow travellers include the members of Colectivo Situaciones whose practice of ‘militant research’ they characterise as the search for ‘emerging traces of a new sociability’12. Consider too the mode of ethnographic practice proposed by the anarchist anthropologist, David Graeber. One role ‘for a radical intellectual’, he writes, might be ‘to look at those who are creating viable alternatives, try to figure out what might be the larger implications of what they are (already) doing, and then offer those ideas back, not as prescriptions, but as contributions, possibilities – as gifts’13.
As has already been hinted at, the articulation of these ideas will necessarily require a confrontation with Hegelian dialectics and ‘the damage it has caused, and continues to cause in political movements’14. One of the principle reasons for this is that, to really understand the future appearing in the present, it is necessary to strip away the sedimented habits of thought under which becomings are subsumed or rendered invisible. As will be seen over the course of this essay, Hegel’s method could be considered as precisely one of these habits (certainly, capitalism an issue here too, but I take it for granted that my readers are already convinced of this). My contention is that even those who do not consider themselves as having anything to do with Marx or Hegel still unwittingly reproduce many of their assumptions. Indeed, as far as traditional forms of radical politics are concerned, the Hegelian-Marxist dialectical schema has become the Sun around which all the other heavenly bodies orbit. For 150 years, we believed this Sun would give us clarity and deliver us from darkness to light. It turns out, however, that it has only served to obscure more than it has revealed. All those other stars, old and new, that have been shielded from view by the blinding, sun-soaked sky are today beginning to demand our attention and sparkle anew. This essay seeks to assist in this efflorescence, since, as Hardt suggests, we cannot hope to achieve any kind of liberation unless we first liberate ourselves from Hegel.15 One thing must be made clear, though, and that is that I confront Hegel’s legacy not purely by way of negation, which would only mean a perverse reproduction of his dialectical straightjacket, but by proposing and affirming an escape route. My goal is a re-imagining of radical politics and a re-tooling of radical writerly practice.
Having thus far skimmed the surface of my argument, what I would like to do now is go deeper. I will start out by introducing the concept of the ‘perpetual present’ – the temporality within which the futurology of the present is situated. From this basis, I will proceed to elucidate the ways in which such a practice overcomes the limitations of previous modes of radical writing; namely, those premised on compartmentalised, linear time. In the second half of the article, I will link the futurology of the present to a politics of hope, before concluding with some thoughts on the nexus between activist and artistic practices – the very note on which I began.
The Perpetual Present
In today’s social movements, there is an increasing call for a harmonisation between means and ends, now widely understood by way of the notion of ‘prefigurative politics’16. Such a sensibility cannot but imply a radically different, even ‘amodern’17, temporal schema. Present and future cease to be treated as two distinct entities (the former but an instrument for the realisation of the latter), but instead become rendered as simply two linguistic signs referring to a common, indivisible flow. Such is also the case with the past. Drawing on Guattari, we could well say that both past and future inhere together in the ‘perpetual present’18, an enduring liquid moment containing both memory and potentiality; traces of what has been, but also intimations of what could be, each indissolubly connected to the other. With this perspective in mind, there can no longer be said to be a revolutionary before, during, and after. Instead of activist strategy being determined by a stark delineation between discrete stages, means and ends become consonant within a permanent revolutionary process; a continual freeing up of life, desire and the imagination wherever they happen to be imprisoned. As Michael Hardt and Antonio Negri write: ‘We must think of [pre-revolutionary] resistance, [revolutionary] insurrection and [post-revolutionary] constituent power as an indivisible process, in which these three are melded into a full counter-power and ultimately a new, alternative formation of society’.19
It has occurred to me that the Roman god, Janus, could be taken as figurative of the perpetual present. He had one face looking forward towards the future and one face looking backward towards the past, and yet both belonged to a single head. The term ‘Janus-faced’ has, in modern times, become a synonym for ‘two-faced’ or ‘duplicitous’, carrying with it negative connotations, and yet, for the ancient Romans, Janus had an altogether different meaning. He was the god of thresholds; ‘an important Roman god who protected doorways and gateways’, primarily symbolising change and transition.20 The perpetual present is always a threshold between that which is ceasing to be and that which is coming into being; at once the repository of memories and the font of potentialities; a record of the past and a map to the future. Friedrich Nietzsche is of critical import here: ‘I am of today and of the has-been’, he writes, ‘but there is something in me that is of tomorrow and of the day-after-tomorrow and of the shall-be’.21 This may well have been uttered by Janus himself.
A word on Michel Foucault is apposite here as well, particularly regarding his notion of the ‘history of the present’, which was how he described his genealogical method.22 Despite first appearances, the history and futurology of the present are not at all in conflict. Both, in fact, are immanent within the perpetual present. The multifarious routes by which the present is constructed are simultaneously one and the same with those processes by which alternative futures continually come into being. Hence, the history and futurology of the present are not unlike the two faces of Janus. One casts its gaze upstream towards the tributaries and the other downstream towards the delta, but both belong to a common body bobbing upon a single river. While the history of the present challenges linear history and its obsession with the origin, the futurology of the present does likewise with respect to linear futurology and its drive toward the projected end-point of history, or telos. There is no Future with a capital ‘F’; only the delta, opening out onto the infinite expanse of the ocean.
At this point, it must also be made clear that the perpetual present has nothing at all to do with the kind of endless present postulated by neoliberal ideologues. Where the former is the font of infinite alternative futures, of a variable creativity that continually issues forth from the free play of difference, the latter is a present condemned to futurelessness, to an endless reproduction of the status quo. It was in this context that, in response to Margaret Thatcher’s infamous doctrine that ‘There is No Alternative’, the World Social Forum first proposed its counter-slogan of ‘Another World is Possible’. Alterglobalisation activists have since been vindicated in this idea, with the global financial crash of 2008 serving to irreparably discredit the neoliberal experiment. The state bail-out of banks to the tune of trillions revealed the neoliberal discourse (particularly its insistence on minimal state intervention in the economy) to have been fallacious all along. Capital needs the state and has always needed it, not least of all in its policing of unruly citizens. Neoliberalism was never really realised as a system, but functioned only as a legitimating discourse that, in practice, never aligned with what it professed in theory. Following these embarrassing revelations, global elites are increasingly eschewing the concept of neoliberalism, and find themselves conflicted about the way forward. As such, we have now entered into a brand new historical moment; one in which the futurology of the present arguably becomes more important than ever. With neoliberalism staggering along ‘zombie-like’ and ‘ideologically dead’23, the space has now become wide open for the assertion and enactment of alternatives.
Tying together some of the points I have made thus far, the perpetual present is forever the site of ‘unconsciouses that protest’24, of insubordinate creativity and disobedient desire, of emergent values and practices that lead outwards onto alternative horizons, beyond the mirages conjured up by capitalism, the state, the traditional Left, and all similar such boring and life-denying institutions. It is the work of the futurologist of the present to tease these out from the tangle of everyday life, help increase their visibility, and thereby participate in their propagation. Below, I will seek to expand on these ideas and to further articulate their implications for radical scholarship and writing practices. In so doing, I will focus, first of all, on the challenges that the futurology of the present poses to compartmentalised time (and those modes of writing premised on such a temporality), before proceeding to do likewise with respect to linear time.
Beyond Compartmentalised Time
As touched upon earlier, my contention is that the past-present-future schema of time has been at the root of a profound disarticulation between means and ends in traditional revolutionary politics. Means and ends have only come to be regarded as mutually exclusive entities because present and future have been treated likewise. There has, as such, been a failure to recognise the necessary correspondence between the two; that is, between how we act in the present and the kind of world we wish to see in the future. It is for this reason that we have ended up with such abominations as the Leninist vanguard party, whereby dictatorial practices are supposed to somehow lead to a democratic society.25
Owing to the fact that the idea of compartmentalised time has been little reflected upon in the past, radical nonfiction has tended to take three principle forms; namely, historical treatises, jeremiads, and manifestos, each mapping with its own discrete domain within the past-present-future trinary. The notion of the historical treatise needs little introduction, and the other two have already been briefly discussed. What I would like to do here, however, is to zoom in a little more closely on the jeremiad form. Diagnostic jeremiads like Marx’s three-volume Das Kapital26 are meant to function only as a set of ‘is’ claims upon which prescriptive ‘oughts’ can be based. Marx’s jeremiad- and manifesto-style writings therefore go hand-in-hand. Had David Hume been alive in Marx’s time, he no doubt would have critiqued Marx for assuming that it is even possible to make valid ‘ought’ statements on the basis of descriptive ‘is’ claims.27 For Hume, all such prescriptions are dubious at best. And yet, the assumption that an ‘is’ must necessarily precede an ethical ‘ought’ is still rife amongst radical scholars. There is an unthinking assumption that a complete and ‘objective’ understanding of the present is a necessary prerequisite for effective political action.28 Some jeremiad writers in fact become so consumed with this task, that they fail to even try to imagine alternative possible futures. What matters to them is to first negate the present; to limit themselves to mere resistance, in other words.
Hence, aside from those jeremiads which function within the is-ought framework, there are also those based on ‘is’ descriptions alone; pure lamentations of, or fulminations against, the present configuration of things.29 For the most part, the intention of the lamentative jeremiad is to raise consciousness about this or that issue, such that the reader might somehow, magically, be spurred into action, as if a detailed knowledge of the evils of society was all that was required for this to happen. Precisely how to act on this knowledge is left up to the reader. Often, however, these works have the unintended and reverse effect of leaving the reader feeling overwhelmed and helpless, even despite their politicisation or conscientisation. The futurology of the present, in contrast, aims not to be merely descriptive or prescriptive, but rather, demonstrative. By this I mean that its concern is with fostering inspiration and hope through the demonstration of alternatives. So many contemporary writers and scholar-activists dedicate their lives, as Marx did, to writing about what is wrong with the world, but far fewer have cared to write about what people are already doing to change the world or to bring to light the many living, breathing examples all around us of how things can always be otherwise. Indeed, Harry Cleaver’s observation that Marx’s ‘historical analysis provided much more detail on capitalist domination than on working class subjectivity’30 is an understatement to say the least. This is one reason that radicals so often end up with a perverse fascination for the ‘creativity’ and ‘dynamism’ of capitalism, thereby reifying that which they claim to oppose. One of the ironies here is that capitalists do not create; they simply orchestrate and marshal the creativity of the commons for their own ends.31
In contrast to the jeremiad, the futurology of the present starts not with capitalism (or any other kind of domination), but with the ideas and practices of those challenging it. That is not to say, however, that it fails to offer a critique of the various apparatuses of domination. On the contrary, it offers a critique of a radically different kind – one that operates via the presentation of alternatives, of ‘yeses’ that already carry within them a ‘no’. Every innovation, every ‘yes’, embodies a proposal for a different kind of world, but one that is defined, from the outset, against the world that it is leaving behind. The point is to commence with the affirmative, rather than defer it until after the negative. It is in this way that the futurology of the present becomes a project of fomenting hope. It destabilises the taken-for-grantedness of the present, albeit not in a way which disowns it, as Karl Marx and Friedrich Engels do when they celebrate the communist movement as that ‘which abolishes the present state of things’32. Disavowing oneself of the present in this manner could be seen to be part and parcel of the disastrous disconnect between means and ends, as discussed earlier. Unlike the jeremiad form, the futurology of the present centres not on the negation of the present-day so much as on its continual reinvention. It necessarily remains within the temporality of the perpetual present. It aligns itself, as such, with the radical challenge that Nietzsche poses to Hegelian thought. In Hegel, negation invariably precedes creation, but in the work of Nietzsche, we are presented with the alternative possibility of creation itself as a means of negation.33 One creates in order to negate, and not vice versa. In prefigurative politics, we prefigure the world we wish to create through our actions in the present, while simultaneously rendering redundant that which we leave behind. And in our futurologies of the living present, we offer an exposition of these other worlds already in construction without having to first negate. Such texts, furthermore, are themselves self-conscious creations. They are not just about the world, but are also added to it, thereby becoming a part of its workings. The creative act – whether on the streets or on the page – is already subversive. To practice creative subversion is not to overthrow, as with mere resistance, but to undercut and displace. Most importantly of all, it is to cultivate alternative futures in the living present and therefore to affirm life despite capitalism.
Beyond Linear Time
Aside from the compartmentalisation of time, we have also inherited from Hegel the idea that time moves in a straight line from an identifiable origin toward an ultimate end-point. Where the historical treatise usually draws a rigid straight line between the origin and the present, the manifesto does likewise between the present and the projected telos. The origin and the telos alike are both employed in the construction of linear timelines in which the progressions from past to present and from present to future are cast as somehow natural and inevitable. The way in which Marx adapted these ideas is by now the stuff of undergraduate textbooks: Guided by the invisible hand of History with a capital ‘H’, we pass through certain inevitable stages, one of which is our capitalist present, in order to eventually arrive at communism. Hence, even as Marxists angrily denounce capitalism, they ironically naturalise the social injustices that it produces as necessary by-products of the inexorable forward impetus of time. This became ludicrously apparent to me in a recent Facebook debate in which one Marxist tried to reason with me that ‘slavery was a necessary stage in human history’. The history and futurology of the present, as mentioned earlier, each seek to disrupt this kind of linearity in their own ways. The former cares not for the single origin, but for the multiple tributaries which have converged upon the present. The latter, meanwhile, concerns itself not with the single telos, but with the deltaic openings spilling out on to oceanic infinity. In each case, past, present and future – and the pathways between them – are denaturalised and rendered contingent. Here, I will focus most especially on the movement between present and future. Hence, while in the previous section, I sought primarily to problematise the jeremiad, I will now endeavour to do likewise with respect to the manifesto.
The manifesto could be thought of as akin to a children’s colouring book. When we are issued a colouring book with all of the designs already pre-determined, all that remains for us to do is to colour them in. Exactly such an idea was expressed by Marx himself when he wrote: ‘It is not enough that thought strive to actualize itself; actuality must itself strive toward thought’34. What he meant by this was that the telos of history was already known in thought and all that was required was for reality to catch up; that is, for the proletariat to fulfill its historic mission. This is a temporality in which the future, paradoxically enough, actually precedes the present, since the telos is always given a priori. As the French-Russian Hegelian philosopher, Alexandre Kojève, puts it, ‘the historical movement arises from the Future and passes through the Past in order to realize itself in the Present’.35 The present is thus held in tow by someone or other’s personal utopia, usually cast as universal. As such, it might well be argued that the manifesto form is inherently authoritarian. Martin Luther King had a dream, but so did Mao Tse-Tung. The difference in the latter case was that the dream had rigidified into a nightmarish Plan. The telos upon which such plans are predicated becomes a transcendental ideal; a mirage on the horizon dictating a single path we are to follow if ever we are to reach it. The question is: Who decides upon such ideals and who is enslaved by them? Do those enslaved by other people’s ideals not have dreams of their own? How might we avoid these dreams being steamrolled in the rationalist march of History?
The tyranny of linear time, according to Rosi Braidotti, is that it ‘functions like a black hole into which possible futures implode and disappear’36. To reject this conception of time is therefore to make ‘an ethical choice in favour of the richness of the possible’37. It means to move from the World Social Forum slogan of ‘Another World is Possible’ to the more open idea that many worlds are possible. In addition to the image of the delta invoked earlier, let us also consider Jorge Luis Borges’ evocation of the ‘garden of forking paths’; a garden in which ‘time forks perpetually toward innumerable futures’38. Change at any given point in time occurs through the aleatory and contingent actualisation of any one of these countless possible futures, not through any kind of rational progression. To proceed in this garden is not to progress, since the paths lead not so much forward, but outward. Contra Hegel and Marx, then, history does not consist of a series of logical stages, nor does it move in only one direction. There is only perpetual movement; a processual and protean creativity that wells unceasingly out of the perpetual present. The kind of writing appropriate to this movement is precisely that which I have been calling the futurology of the present. When revolution no longer has anything to do with linear timelines or the realisation of a pre-ordained telos, those self-proclaimed prophets of the hidden god of History cease to have any relevance. The futurology of the present, as such, could well represent a possible new form of non-vanguardist writerly practice. There are no experts or professional revolutionaries diagnosing the present or prescribing the future, as with the jeremiad and manifesto forms respectively. Rather, the writer takes her lead from the autonomous and creative participation of people in the making of their worlds, in social movements and countercultures of all kinds; ‘those crucibles of human sociability and creativity out of which the radically new emerges’39.
Here, it will be worth lingering for a moment with the question of the new. In the introduction to this piece, I emphasised the point that the futurology of the present necessarily requires a special sensitivity toward newness. This stands in stark contrast to past modes of radical writing, which usually subordinated the new to the ostensibly eternal. In the linear temporal schema of the manifesto, there is no such thing as novelty, since the work of activists is not conceptualised as the creation of new forms of life so much as the gradual fulfilment of an essential humanness, or ‘species-being’40. This set of essences is deemed to have always been there, hidden beneath the veil of false consciousness.41 It is the difference between drawing and simply colouring-in. My contention is that the production of novelty needs to be understood on its own terms. As Maurizio Lazzarato puts forth, ‘the conjunctions and disjunctions between things are each time contingent, specific and particular and do not refer back to an essence, substance or deep structure upon which they would be founded’42. Once radical writing is able to successfully dissociate itself from any kind of hidden god or pre-ordained telos, it can become instead a valuable means with which to bring to light the open-ended and indeterministic ways that everyday actors at the grassroots creatively negotiate and construct their worlds. The value of this sensibility towards newness lies in the fact that it charges the imagination with an enriched sense of possibilities and demonstrates how the world is forever open to reinvention. This is an antidote, not just to the sense of historical duty preached by the vanguardists and manifesto writers, but also to the pervasive sense of hopelessness peddled by those whose interests lie with the present configuration of things.
A Note on Hope
In the context of this discussion, hope is that intangible but very real feeling that our struggles remain worthwhile; that it is still worth resisting assimilation into the soul-crushing tedium of the system and persisting in our efforts to prefigure alternative futures. However, it is in the interests of the political and economic elite to maintain and reproduce the status quo from which they benefit – and a huge part of this is the effort to ‘destroy any sense of possible alternative futures’; to stamp out any initiatives which hint to how the world might be otherwise or at least ‘to ensure that no one knows about them’43 As such, the capitalists, politicians, police, media, and so on could even be said to constitute ‘a vast bureaucratic apparatus for the creation and maintenance of hopelessness’44. As Graeber succinctly puts it, ‘hopelessness isn’t natural. It needs to be produced’45.
I would like to argue, though, that capitalism has not been alone in producing hopelessness.
Revolutionaries too have been just as culpable. From the perspective of the traditional Left, the story of the twentieth century is one of dashed hopes and unfulfilled dreams. It is not that the prophets of History overlooked the importance of hope to our movements, but rather that they propagated endless false hopes in a tomorrow which never comes. Reality was never really able to live up to their manifestos. The prophets will usually fault reality for failing to fulfill their version of utopia, but it is instead their utopia that must be faulted for failing to correspond to reality. It was situated in the distant future, completely cut off from the living present. It was thought, furthermore, that it could be achieved only by means of negation. In practice, negating the present also meant negating oneself. Sacrifice and discipline were what was commanded. Revolutionaries came to conceive of their practice as war, rather than creation, and their creative desires were endlessly deferred until after the revolution. The point I am getting at is that if people today are mired in cynicism and feel helpless to change the world, it is not only because the elites have perfected their bureaucratic apparatus for the production of hopelessness, but also because the traditional Left offers absolutely no alternative. Many people have grown wary of the vanguardists and self-appointed prophets, whose faith in the inevitability of historical progress now seems more misguided than ever, but at the same time have yet to be convinced that alternative revolutionary practices are viable, worthwhile, or even possible. The result is apathy, but an apathy that could very well be political46 – a sensibility, perhaps, of profound antipathy towards the authoritarianism of both capitalism and the traditional Left, but one that lacks sufficient hope to be able to be enacted in alternatives.
Many writers who wish to avoid the authoritarianism of the manifesto tradition might very well feel that their solution is to offer simple critiques, sans prescriptions. I would like to argue here, however, that failing to offer any hope at all is no alternative to offering false hope. Even Foucault, whom earlier I identified as an ally, oftentimes falls into this trap. A detailed knowledge about the workings of various forms of power, most notably ‘discipline’47, can only take us so far. What then? What about counterpower? Foucault tends to give the impression that the reach of power is total. His concept of the ‘carceral continuum’48 means that we are forever on the backfoot, only ever able to resist in a scattered and piecemeal way. But there are some profound ironies here. The first is that, despite Foucault’s philosophical emphasis on contingency, his writings often leave the reader (well, at least this reader) with the impression that relations of force are an inevitable aspect of social life. The second irony is as follows: Foucault knew as much as anyone that our discourses do not simply emerge from the world, but also serve to produce it. Therefore, if we do not allow enough discursive space in our work for resistance, subversion, and counterpower, we only end up reproducing the very conditions of our own incarceration. What is perhaps needed, then, is to make a subtle, yet profound inversion: that it is power on the backfoot, forever in an attempt to contain our uncontainable vitality.49 Where things do cohere together and take on the character of something resembling an insurmountable power structure, we would do well to remind ourselves that the longevity of such social formations is, historically-speaking, much more exceptional than the event of their break-up and dissolution – not vice versa. Certainly, it is of paramount importance to understand the world and the systems of oppression and exploitation that we are up against, but if our writing stops there and avoids giving due attention to what people are doing to undo the status quo, then there is the risk that we will only end up leaving our readers feeling disempowered – armed with knowledge, but starved of the hope necessary to act on this knowledge. An example drawn from personal experience – even despite it being in the context of teaching, rather than writing – will illustrate well the point I am attempting to make here.
A few years ago, I was helping to teach an undergraduate course entitled ‘Environmental Issues in Asia’ – one of my earliest experiences as a university educator. In the last class of the semester, I asked each student, as we went around the room, to share one thing that they would be taking away with them from the course. The response that most stood out to me was that of a young Asian Australian man, the gist being more or less as follows:
Well, I came into this really interested in the environment; interested in learning more about the issues and exploring how I could get involved to make a difference. But I’m left feeling really overwhelmed. The issues are just so big and the scale of the challenges so great that I’ve almost lost hope. We’re all doomed. Indeed, there seems these days to be more and more of an apocalyptic zeitgeist about the place, especially when it comes to the environment and issues around climate change. What I realised from this feedback was that, as educators, myself and my colleagues had given too little thought to mitigating against this kind of counter-productive, fatalistic resignation. The course content covered things like dam construction in China, the effects of glacier melt and rising sea levels in Bangladesh, deforestation and oil palm monocultures in Malaysian Borneo, and so on, but gave scant attention to what can be done about such issues (including what we in Australia can do, especially considering the record of some Australian companies in the Asia-Pacific region), or how indigenous peoples and others are already fighting back. On this last point, local peoples have rarely been treated as agents acting on the stage of world history, only as helpless victims. This, however, must change. I realised through this experience how mistaken I had been in thinking that it was enough to simply convey content about the issues, without also conveying hope – not a false hope premised on some transcendental future utopia, but an immanent hope, grounded in real-life, real-world futures already in construction in the present. I hence resolved from then on that, in both my teaching and writing, I would not limit myself to trying to conscientise people simply by pointing out what is wrong with the world. Equally important would be showing what can be done – indeed what already is being done – about injustices everywhere; that relations of force are never total or inevitable and that new worlds are always in construction. Hope (in the very specific sense in which I have been using the term here) is what makes the difference between empowerment and mere conscientisation. And the propagation of such hope, through the exposition of alternative futures already in construction, is one very important role that both radical educators and writers can play.
The futurology of the present, then, might fruitfully be characterised as a practice of hope. It is not simply about the transfer of knowledge, but more significantly of ‘affect’50. It is animated by revolutionary desire, while at the same time acting as a relay for this desire to spread. It does not speak about movements, but with them. It thinks with them, moves with them, and tries to inspire movement in turn. This is exactly what happened with a recent article by the North American-based CrimethInc Collective on the Really Really Free Market (RRFM)51 – an anarchist initiative best described as a kind of celebratory potlatch in which nothing is bartered or sold and everything is free. The idea is that people bring food, clothes, books, art, music, skills, services, or whatever else to share, and the rest takes care of itself. This is a perfect example of prefigurative politics in that it embodies, in the here and now, what an alternative commons-based society would look like. There is no question of having to wait until after the revolution to begin building a new world. And it demonstrates that we do not have to choose between Josef Stalin and Milton Friedman, but rather, can opt for an alternative politics of liberating the commons from both the state and the market. Indeed, the RRFM (along with other such cooperativist initiatives) acquires a new poignancy in light of the Crash of 2008 – its very name being an irreverent poke at neoliberal free market ideology. Soon after the appearance of the CrimethInc article in print and online, RRFMs began popping up across North America, Australia, Indonesia, and elsewhere. The latest I have heard is that Philippine anarchists are now beginning to organise such events as well, of course adapting them to local conditions. As the idea parachutes into a new context, it immediately enters into a new set of relations and necessarily emerges transformed in the process. It is a becoming and not a matter of simple repetition (unless, however, we are talking about a McDonalds franchise). I should also add here that it is never a matter of initiatives flowing in a one-way direction from the ‘West’ to the ‘Rest’, since there is also considerable cultural traffic in the opposite direction. Consider, for instance, the sheer global influence of the Zapatista movement or of the World Social Forum initiative originating from Brazil. A more recent example might be the affective vector that traversed the Mediterranean from Tahrir Square, Cairo, to Puerta del Sol Square, Madrid, from there emanating throughout the rest of Spain and beyond.
In each of the above cases, the role of the writer in acting as a relay for hope and inspiration cannot be discounted or underestimated. To foment affect in this way is especially revolutionary considering the ‘veritable obsession on the part of the rulers of the world with ensuring that social movements cannot be seen to grow, to flourish, to propose alternatives’52. To actively help in circulating, amplifying and making visible the alternatives being realised all around us is to shatter any sense of inevitability. And by this, I am really referring to two things: firstly, to the inevitability of the present promoted by the political-economic elite, and secondly, to the inevitability of the future posited by the traditional Hegelian-Marxist Left. The former would say that there is no alternative to the present; the latter that there is no alternative to their prescribed future. The futurology of the present, in contrast, emphasises that there are always alternatives. It offers examples of creative subversion, while at the same time refusing to channel movement in a particular direction, as with the manifesto form. To participate in the cultivation and propagation of new liberatory potentials – the ‘production of production’53, in short – is enough. What matters is that creativity, desire and the imagination remain free to flourish, rather than be shut down, domesticated, canalised, or stultified.
In addition to the aforementioned CrimethInc article, another work that I would consider as exemplary of the futurology of the present is The Take54, a documentary by Avi Lewis and Naomi Klein on the workers’ rebellion in Argentina that followed the financial meltdown of 2001. Here, I depart from my focus on writing for a moment, since the futurologist of the present need not necessarily be bound by the written word. The Take’s activist filmmakers aimed to mobilise their audience not solely by rousing in them an indignation against the local elites and International Monetary Fund, but more importantly by highlighting the real alternatives to capitalist social relations that Argentinian workers are already building in the present. Through their appropriation and collective self-management of abandoned factories, these workers are setting about the task of building a new and different kind of economy without having to first take state power. The bosses are not overthrown, but simply made redundant – completely surplus to the needs of society. This is another instance, like the RRFM, of creative subversion. In demonstrating real alternatives and emergent futures, The Take stands in stark contrast to the long tradition of documentary realism amongst radical filmmakers, the goal of which is simply to raise consciousness and bear witness to a given situation of injustice, in much the same vein as the jeremiad. In this style of documentary, the creative autonomy of people on the ground in responding to their situation is submerged or rendered irrelevant – perhaps because it is deemed a priori that local people are incapable of self-organisation and hence that solutions need to come from elsewhere and be imposed from the outside. It is the self-legitimating discourse of vanguardists and professional revolutionaries. The Take, however, partakes of no such nonsense, nor does it limit itself to merely communicating information about what is wrong with the world. Rather, it offers an inspiring, concrete example of how the world can be, and already is becoming, otherwise. In conveying an immanent hope, it too is exemplary of that which I have been calling the futurology of the present.
Graeber’s Direct Action is also worth mentioning.55 Graeber, who sometimes likes to refer to himself as a ‘professional optimist’, describes in his book the proposals for a new society embodied in the practices of North American activists in the alterglobalisation movement. His work takes the form of an ethnography, albeit one that centres not on some supposedly static culture (as with traditional ethnographies), but on culture-in-motion. It strikes me that ethnography in the latter mode seems particularly well-suited to the futurology of the present. This is because embodied participation in people’s social worlds arguably allows us to grasp newness in its very contexts of production and at the very moments of its inception. The ethnographer starts with small things in small places and, from there, learns to appreciate their wider significance and connect the dots between them. The small, therefore, is never to be confused with the insignificant or trifling, since, arguably, it is only ‘through attention to detail that we can find different kinds of collectivity in formation’56. Social theorists of the more conventional, desk-bound kind have typically overlooked the small details on the ground in favour of abstract theory, but in so doing, they have often also overlooked those formative processes by which newness enters the world.
Without wishing to indulge too much, my own research project at present is one which combines an ethnographic and futurological sensibility. In short, my work is concerned with the fate of national liberation movements under conditions of globalisation, focussing, most importantly, on the tentative green shoots that are beginning to emerge from their ashes.57 My primary case study is that of the Philippines, which, although having been granted formal independence from the United States (US) in 1946, is still considered by many Filipin@s58 to be under the thumb of US imperialist control – and with good reason. As such, the Maoist insurgency against the US-backed Marcos dictatorship in the 1970s and early 1980s – led by the Communist Party of the Philippines (CPP) and their armed wing, the New People’s Army (NPA) – was imagined as a war of national liberation, in much the same vein as those which arose in Nicaragua and El Salvador during the same period. Despite having mobilised hundreds of thousands of people on countless fronts for almost two decades, the CPP-NPA was ironically absent in the developments which finally brought down the Marcos regime in February 1986. What toppled the dictator in the end was a military mutiny, accompanied by a popular though bloodless uprising. This dramatic turn of events became known as the People Power Revolution. In adherence with Maoist orthodoxy, the CPP-NPA’s focus was guerrilla war in the countryside, and yet the popular uprising that had swept Marcos from power had taken place in urban Manila. Long accustomed to proclaiming themselves as the vanguard of the movement, these developments came as a severe shock to many. The CPP-NPA’s absence in the midst of an insurrection meant that what replaced Marcos was not the long-prophesised communist seizure of state power, but the restoration, at least nominally, of liberal democracy. These events plunged the entire Philippine Left (in which the Maoist CPP had for so long been hegemonic) into a full-blown crisis. This was only further compounded by the collapse of the Eastern Bloc and Soviet Union in the years between 1989 and 1991, therefore dovetailing with the generalised Crisis of the Left that had, by that point, become a global phenomenon. By that time, too, the national liberation movements that had won political independence had proven themselves utterly incapable of improving the lot of the populations they now presided over. One set of bureaucrats was simply replaced by another. The same old problems associated with statism persisted, and imperialist logics were indigenised and perpetuated in the form of exclusionary nationalisms.
In 1993, the CPP-NPA imploded, with two-thirds of its members choosing to defect en masse, rejecting not only its increasingly authoritarian leadership, but also Maoist ideology as a whole. Although many of the defectors still find themselves shackled by old habits, their response to the crisis of the Left, for the most part, is not the rectification and reconsolidation of old orthodoxies (as is the case with those who remained loyal to the Party), but an effort to invent new subjectivities more in consonance with the times. Indeed, in my ethnographic fieldwork in both the Philippines and Filipin@ diaspora, these two contrasting responses to the Crisis of the Left – rectification and reinvention – were what I found to constitute the most significant fault-line in Philippine radical politics today. The flipside to the Crisis of the Left, then, has been a vibrant regeneration of radical political culture. With the Marcos dictatorship gone and the Maoists a spent force, there occurred a veritable flowering of new ideas and practices throughout the 1990s, continuing through to the present day. The disintegration of the CPP-NPA in 1993 in fact coincided with the beginning of a boom period for the environmentalist, feminist, and anarchist movements in the Philippines. Today, the Philippine social movement landscape is home to a diverse array of nascent subjectivities, constitutive of efforts to re-found transformative politics on new grounds. During my fieldwork, I sought out those former CPP activists who had broken with Maoism; those who were rethinking all of the old certainties and endeavouring to enact new modes of activism in tune with contemporary realities. I also sought out the younger generation of Filipin@ activists in order to get a sense of both the continuities and discontinuities between their ideas and those of the older generation. In each of these cases, what I paid special attention to was the new; that is, to intimations of alternative futures arising in the present, which I took to be the same thing. These intimations included all manner of emergent, even insurgent, subjectivities – new political tendencies and ways of seeing, innovations in practices and methods, new modes of cultural identification, alternative values, and so on. It is important to point out, though, that these were most often elemental or larval in form – small becomings that did not necessarily add up to fully-baked ideas or practices, nor to formal theory that was written down or codified into political programmes. This did not mean, however, that they were any less significant. On the contrary, these larval subjectivities turned out to be of paramount importance in my work, since it was at the micropolitical level of identity and desire that some of my most significant insights were gleaned. In addition, the concept of hope that I detailed earlier remained, at all times, extremely pertinent, since the novel imaginings, identities, values, practices, and experiments that I picked up on already point the way beyond the impasse within which many activists have floundered in recent decades. From the ruins of the traditional Left, a new radical politics for the twenty-first century is in the process of being born.
Although having presented a number of examples of the kinds of things that the futurology of the present concerns itself with, each in relation to the idea of immanent hope, I do wish to leave a degree of openness in my formulation so that readers can remain free to take up the practice and carry it in their own directions. Social movements, often the hotbeds of cultural innovation, have been my main focus in this article, but they certainly need not constitute the entirety of what the futurologist of the present looks at. Glimpses and intimations of other worlds in the making are indeed all around us. There is, in all spheres of life, an ‘unceasing creation’ and ‘uninterrupted upsurge of novelty’59. Anywhere where there is an autonomous cultural production taking place, outside of the habituated channels by which the status quo reproduces itself, is a potential site for the futurologist of the present to involve herself in and draw inspiration from. Wherever there is disobedience, insubordination, creative maladjustment, play, experimentation, or creation, no matter whether at the micro or macro scale, there is something happening which deserves our attention.
Revisiting the Art-Activism Nexus
Apart from hope, another point that has resurfaced throughout this article is the vital place of creativity. This idea, however, will now need to be unpacked and expanded upon. It turns out that the ways in which I have been using the terms ‘creation’ and ‘creativity’ have really been operating on three distinct levels. There is, first of all, the ontological creativity of the ‘chaosmos’60 – a point alluded to upon my introduction of the concept of the perpetual present. Secondly, there is the creativity of activists and countercultural deviants. Thirdly, there is the creativity of artists and writers in their production and relaying of affect. Although each of these forms of creativity are able to be distinguished from one another, it is the relationships between them, and not the categorical divisions, which are of paramount importance here. To begin with, activist practice aligns with creativity in the first sense in that to forge new forms of life outside of prevailing apparatuses of domination is to allow ontological processes of creation to continue flourishing without blockage or curtailment. From the moment there is an imposition of relations of force, or a reduction of life to either state or market logics, there is creative subversion. ‘Life revolts against everything that confines it’61, as Suely Rolnik felicitously puts it. The same could certainly be said of creativity in the artistic sense.
Activists and artists alike converge in the figure of the creator – that inventor of new values of the kind celebrated by Nietzsche62 as well as by autonomist theorists of ‘self-valorization’63 – in that they self-consciously endeavour to bring newness into the world. Each intervenes into the material-semiotic realm that we have become accustomed to calling ‘culture’ and there, works to shake up and reinvent conventional ways of seeing, thinking, feeling, valuing, doing. Hence, to revisit a point I made in the beginning of this article, perhaps there is little real difference between making art and making change. Perhaps the production of new forms of life by activists is itself an art – not art that simply represents life, but art that is utterly indistinguishable from it.64 As such, the futurologist of the present does not simply observe and describe at a distance the alternative futures arising in social movements and countercultural milieux, but rather, participates politically in their production and propagation. In other words, to write of countercultural practice, broadly conceived, need not take the form of a detached reportage, but can alternately become a countercultural practice in its own right. Before there was ever such a thing as viral YouTube videos, there were contagions of revolutionary desire of the kind that spread with lightning speed in 1848, 1968, 1989–1991, and 1999–2001, not to mention the Arab Spring currently underway. The principle, though, is the same. One important role that the radical writer can play, as I have suggested, is to act as a relay through which such contagions can spread – not as a spokesperson or representative of a given initiative or movement, but as a participant; an element amongst others, animated only by the winds of collective desire that fill her sails.
At this point, yet further unpacking of the concept of creativity will be required. Implicit in this article to date has been an idea of creativity defined in opposition to two separate, albeit related, aspects of Hegelian dialectics. The first is the primacy that Hegel accords to negation, which relates to the past-present-future trinary of compartmentalised time. The second, meanwhile, is Hegel’s faith in an ultimate telos, inextricably related to the notion of linear time. I will discuss each of these in turn, zooming in first of all on creation beyond negation, before then turning my attention to creation beyond teleology.
It is only owing to the dialectical schema imported into radical politics by Marx that we have come to conceptualise movement practice as war rather than as creation. Had radical politics been based upon an alternative set of premises, the history of the recent past might have looked very different. From today’s standpoint, Tristan Tzara’s quip in the early twentieth century that ‘dialectics kills’65 seems strangely prescient of what was to ensue. ‘It lives by producing corpses, which lie strewn across an empty field where the wind has ceased to blow’, he continued.66 Tzara was a key figure in the Dada movement, and what set the Dadaists apart from other avant-garde groups was precisely their staunch anti-Hegelianism. In fact, the Dada Manifesto of 1918 was not really a manifesto at all.67 Instead, what Tzara produced was a parody of the very manifesto form, mocking his contemporaries for the Hegelian sense of historical self-importance which they accorded themselves.
Tzara’s distaste for Hegel was likely to have been inherited from Nietzsche, a well-known influence on Dada. The idea that dialectics kills has echoes of Nietzsche all through it, perhaps no better illustrated than when he affirmed: ‘We have art in order not to die of the truth’68. For Hegel, truth meant dialectics and the law of negation, to which Nietzsche counterposed an affirmative philosophy of creation. He upheld creativity and the artistic sensibility as alternatives to those modes of thought which attempt to reduce reality to a stable set of laws, axioms, and equations. For Marx and Hegel, creation is always suspended until after the moment of negation, but Nietzsche’s radical contribution was to free creativity from the negative, while at the same time freeing temporality from the past-present-future trinary. Jeremiad writers and documentary realists are amongst those who continue to enslave their creative sensibilities to the negative, their practice bound by an unthinking adherence to Hegelian folk theories. Their overarching imperative of needing to first negate the present means that they fail to appreciate the creativity happening all around them. Blinded by the Sun of Hegel, they lose sight all those other stars out there; those ideas, practices, and intimations of alternative futures continually coming into being in our midst. Once we are able to regain our vision, our actions in the present cease to be rendered simply as means to an end, but instead become ‘means without end’69 – a protean creativity and endless becoming that knows no discrete temporal stages, no telos, no hidden god. When means and ends become discordant, we forget that both are in fact immanent within the perpetual present. Creativity needs to be able to flourish, and to do so it must be liberated from negation. This is the place of means without end, of prefigurative politics, of the futurology of the present, and of all art that ceases to become abstracted from life and instead becomes life itself.
Having just discussed the possibility of creation beyond negation, I will now direct my critical gaze to creation beyond teleology. To free temporality from the telos of linear time is to do away with the idea that there is any kind of intrinsic point to history. Earlier, I recounted a Facebook debate I had with one particular Marxist who insisted that slavery was a necessary stage in human history. In this case, the African peoples brought to the Americas were quite literally the slaves of someone else’s future. This trans-Atlantic trade in human lives, however, was a contingent and non-inevitable event, not a progression along a linear timeline toward some ultimate telos – no matter whether the telos of colonial masters or Marxist historiographers. For the prophets of the hidden god of History to naturalise the entire past as inevitable only makes them the strange bedfellows of the slave-masters. And their naturalisation of the future only makes all of us slaves, condemned to playing catch-up with their version of what the future should look like.
In this schema, there can never be anything new, since everything is already given a priori. The future is foreordained and simply awaits realisation. Only when we can unmoor ourselves from hidden gods, illusory tomorrows, and other such stultifying ideas, can we really embrace creativity and appreciate the production of novelty on its own terms. From the instant that the god of History is dethroned by Janus, infinite horizons fan out in all directions. And our creativity suddenly becomes creativity per se, not the mere fulfilment of a telos. This is an idea I characterised earlier in terms of drawing, rather than merely colouring-in. The blank sketchbook knows no a priori designs; only the a posteriori marks that we leave behind as we move. In the realm of activism, this sensibility is embodied in the practice of prefigurative politics – a break not only from the cult of negation, but also from the idea that revolution has to mean fulfilling some programme handed down from on high. As Graeber writes, ‘we’re all already revolutionaries when we make something genuinely new’70. What this means for radical writing, meanwhile, is to do away with manifestos and instead tune our attention into the profound creativity everywhere in our midst. Unlike in the manifesto tradition, the futurology of the present does not prescribe a single monolithic future, but tries instead to articulate the many alternative futures continually emerging in the perpetual present. The goal of such an endeavour is to make visible the living, breathing alternatives all around us, while at the same time fomenting an immanent hope that can spread virally and be enacted in other places elsewhere.
To sacrifice today in the name of an illusory tomorrow is just not the point anymore. It is for this reason that I chose to open with those extraordinary words from Janis Joplin – tomorrow never happens. The point is to draw, not simply to colour-in or fulfill some pre-ordained utopian future. It is to continually re-invent reality from within reality, rather than from some external, transcendental standpoint such as that mystical realm where invisible hands and hidden gods reside. As an aside, it has occurred to me, as I sit here at my kitchen table punching out these final words, what a happy coincidence it is that the names Janis and Janus bear such a striking resemblance to one another. If I was a visual artist (not just a writer-cum-artist manqué), I would no doubt enjoy experimenting with ways to combine the two in some sort of installation – perhaps a stone bust of Janus, singing in the unmistakably raw and passionate voice of one of the legends of the hippie movement. But it matters not that I am no artist in any formal sense, since each of us are already artists of the present in our own ways. ‘One creates new modalities of subjectivity in the same way that an artist creates new forms from the palette’, writes Guattari.71 The parallel he draws between art and social transformation is not to be taken as mere metaphor, however. What he calls for is a merging of art with life, his contention being that global warming and the other great issues of our times cannot be adequately addressed ‘without a mutation of mentality, without promoting a new art of living in society’72. To the ends of forging a more habitable and convivial present, the cross-fertilisations between artistic and activist practices need to continue proliferating, and creativity in general must remain free to flourish. Just as the economic crisis in Argentina in 2001 was quickly and creatively responded to by way of a slew of liberatory initiatives at the grassroots (including the occupied factory movement discussed earlier), the same is now happening in response to the current economic crisis, albeit at a global scale. In these conditions, the futurology of the present is needed now more than ever. The question becomes whether to resign ourselves to the life-denying ossification of creativity under capitalism and the traditional Left alike, or, to liberate life wherever it is imprisoned and to participate passionately and deliberately in the production of the new.
1.) Acknowledgements are due first of all to Anamaine Asinas for all her love, support, and inspiration. Ana – I cannot help but think that the kind of intensely passionate, nurturing and mutually-liberating relationship we share is the very stuff that revolutions are made of. I would also like to extend my warmest thanks to Eric Pido and Marta Celletti, since it was in many a conversation with these dear friends that some of the ideas presented in this article were first formed. Sincere thank yous must also go out to Marc Herbst, Rosi Braidotti, Steven Morgana, Suzanne Passmore, and Elmo Gonzaga, each of whom kindly read various incarnations of this work and provided some very helpful and encouraging feedback. Lastly, I would like to express my deepest gratitude to all of the many activists whom I have worked with over the years, since it is really the collective imagination of our movements that is the true author of this work.
2.) Janis Joplin, ‘Ball and Chain’ in Janis Joplin’s Greatest Hits, CBS Records, 1973.
3.) See Gottfried Hegel, Phenomenology of Spirit, Oxford University Press, Oxford, 1977 [1807].
4.) As the Hegelian philosopher Alexandre Kojève put it: ‘Time in which the Future takes primacy can be realized, can exist, only provided that it negates or annihilates’. See Alexandre Kojève, Introduction to the Reading of Hegel, Basic Books, New York, 1969, p. 136. Hegel’s ideas on negation are drawn, in no small part, from physics: ‘In modern physical science the opposition, first observed to exist in magnetism as polarity, has come to be regarded as a universal law pervading the whole of nature’ (Hegel, Phenomenology of Spirit, p. 223). Here he takes the positive-negative opposition found in electrical and magnetic phenomena and adapts it to social relations, elevating it as a mechanical law governing all of history.
5.) See, for example, Karl Marx & Friedrich Engels, The Communist Manifesto, Oxford University Press, Oxford, 1992 [1848]; Michael Albert, Moving Forward: Program for a Participatory Economy, AK Press, San Francisco, 2000; and George Monbiot, Manifesto for a New World Order, New Press, New York, 2004. The manifestos of the twentieth century avant-gardes (Futurist, Surrealist, Situationist, and so on) are perfectly exemplary too – with the exception, perhaps, of the Dada Manifesto of 1918, which was more a parody of the manifesto form.
6.) See, for example, Karl Marx & Friedrich Engels, The Communist Manifesto, Oxford University Press, Oxford, 1992 [1848]; Michael Albert, Moving Forward: Program for a Participatory Economy, AK Press, San Francisco, 2000; and George Monbiot, Manifesto for a New World Order, New Press, New York, 2004. The manifestos of the twentieth century avant-gardes (Futurist, Surrealist, Situationist, and so on) are perfectly exemplary too – with the exception, perhaps, of the Dada Manifesto of 1918, which was more a parody of the manifesto form.
7.) Michael Hardt & Antonio Negri, Labor of Dionysus: A critique of the state-form, University of Minnesota Press, Minneapolis, 1994, p. 6.
8.) Rebecca Solnit, 2009, ‘The Revolution Has Already Occurred’, The Nation, viewed 19 April 2009, http://www.thenation.com/doc/20090323/solnit, p. 13.
9.) Dimitris Papadopoulos, Niamh Stephenson & Vassilis Tsianos, Escape Routes: Control and Subversion in the 21st Century, Pluto Press, London, 2008, p. xiii.
10.) Gilles Deleuze, ‘What is a dispositif?’, in T. J. Armstrong (ed), Michel Foucault: Philosopher, Harvester Wheatsheaf, Hemel Hempstead, 1992, p. 163.
11.) Félix Guattari, Chaosmosis: An Ethico-Aesthetic Paradigm, Indiana University Press, Bloomington, 1995, p. 12.
12.) Colectivo Situaciones, 2003, ‘On the Researcher-Militant’, European Institute for Progressive Cultural Policies, viewed 28 January 2011, http://eipcp.net/transversal/0406/colectivosituaciones/en, p. 3.
13.) David Graeber, Fragments of an Anarchist Anthropology, Prickly Paradigm Press, Chicago, 2004, p. 12.
14.) Maurizio Lazzarato, ‘Multiplicity, Totality, Politics’, Parrhesia, iss. 9, 2010, p. 24.
15.) Michael Hardt, Gilles Deleuze: An Apprenticeship in Philosophy, University of Minnesota Press, Minneapolis, 1993, pp. ix–xv.
16.) See Uri Gordon, Anarchy Alive!: Anti-Authoritarian Politics from Practice to Theory, Pluto Press, London, 2008; and Jeffrey S. Juris, Networking Futures: The Movements Against Corporate Globalization, Duke University Press, Durham, 2008.
17.) Bruno Latour, ‘Postmodern? No, Simply Amodern!: Steps Towards an Anthropology of Science’, Studies in the History and Philosophy of Science, vol. 21, iss. 1, 1990, pp. 145–171.
18.) Guattari, Chaosmosis, p. 92. Here, Guattari draws from the concept of ‘duration’ as found in Henri Bergson, Creative Evolution, Dover Publications, Mineola, 1998 [1911].
19.) Cited in Gerald Raunig, Art and Revolution: Transversal Activism in the Long Twentieth Century, Semiotext(e), Los Angeles, 2007, p. 47.
20.) Scott Littleton, Gods, Goddesses, and Mythology, Vol. 6, Marshall Cavendish, Tarrytown, 2005, p. 770.
21.) Friedrich Nietzsche, Thus Spoke Zarathustra, Penguin Books, London, 2003 [1885], p. 150.
22.) Michel Foucault, Discipline and Punish, Penguin, London, 1991 [1977], p. 31; Michel Foucault, ‘Nietzsche, Genealogy, History’, in P. Rabinow (ed), The Foucault Reader, Penguin Books, London, 1984, pp. 76–100.
23.) Free Association, 2010, How to generate a generation, viewed 25 February 2011, http://freelyassociating.org/2010/10/how-to-generate-a-generation/, p. 1.
24.) Gilles Deleuze cited in Félix Guattari & Suely Rolnik, Molecular Revolution in Brazil, Semiotext(e), Los Angeles, 2008 [1986], p. 19.
25.) See Vladimir Ilyich Lenin, What is to be Done?, Oxford University Press, Clarendon, 1963 [1902].
26.) Karl Marx, Capital, Volume 1, Penguin Books, London, 1986 [1867]; Karl Marx, Capital, Volume 2, Penguin Books, London, 1985 [1885]; Karl Marx, Capital, Volume 3, Penguin Books, London, 1981 [1894].
27.) See David Hume, A Treatise of Human Nature, Clarendon Press, Oxford, 2007 [1740].
28.) An analogy might help to illustrate the problematic I am dealing with here: Imagine that you are a houseguest at the home of a friend and you get up in the middle of the night to use the bathroom. The only problem is that there is an electrical storm outside and the power has failed. All is dark. Would it be necessary to have a complete map of the entire household in your mind in order to be able to reach the bathroom, or might it also be possible to feel your way there through the dark? The futurology of the present is not concerned with the map of the house; only with those feeling their way through the dark. Instances of the latter kind are what Maurice Merleau-Ponty has referred to as ‘absorbed coping’. See Komarine Romdenh-Romluc, Merleau-Ponty and ‘Phenomenology of perception’, Routledge, Abingdon, 2011, pp. 96–97.
29.) Examples include Jean Baudrillard, The Intelligence of Evil or the Lucidity Pact, Berg, Oxford, 2005; Paul Virilio 2005, The Information Bomb, Verso, London; and Annie Le Brun 2008, The Reality Overload: The Modern World’s Assault on the Imaginal Realm, Inner Traditions, Rochester.
30.) Harry Cleaver, 1992, ‘Kropotkin, Self-Valorization and the Crisis of Marxism’, Libcom, viewed 9 March 2010, http://libcom.org/library/kropotkin-self-valorization-crisis-marxism, p. 4.
31.) The commons could be considered as capitalism’s constitutive outside. It is the very lifeblood of capital and yet, even as it is harnessed, it must simultaneously be negated lest it threaten the calcified order necessary for capitalism’s own reproduction. The concept of the ‘constitutive outside’ has been drawn here from Judith Butler, Bodies that Matter: On the Discursive Limits of “Sex“, Routledge, New York, 1993, pp. 3, 8.
32.) Karl Marx & Friedrich Engels, The German Ideology, Progress Publishers, Moscow, 1976 [1847], p. 57.
33.) Nietzsche, Thus Spoke Zarathustra. See also Gilles Deleuze, Nietzsche and Philosophy, Athlone Press, London, 1983 [1962].
34.) Karl Marx, Critique of Hegel’s Philosophy of Right, Cambridge University Press, Cambridge, 1982 [1844], p. 138.
35.) Alexandre Kojève, Introduction to the Reading of Hegel, p. 136.
36.) Rosi Braidotti, Transpositions: On Nomadic Ethics, Polity Press, Cambridge, 2006, p. 167.
37.) Guattari, Chaosmosis, p. 29.
38.) Jorge Luis Borges, ‘The Garden of Forking Paths’ in D. Yates & J. Irby (eds), Labyrinths: Selected Stories and Other Writings, New Directions, New York, 1964, p. 28.
39.) Richard Day, Gramsci is Dead: Anarchist Currents in the Newest Social Movements, Pluto Press, London, 2005, p. 183.
40.) Karl Marx, ‘Estranged Labour’ in K. Marx, Economic and Philosophic Manuscripts of 1844, Foreign Languages Publishing House, Moscow, 1961 [1844], pp. 67–83.
41.) This is an idea expressed in Gottfried Hegel, ‘The doctrine of essence’ in W. Wallace (ed), The logic of Hegel, Clarendon Press, Oxford, 1892 [1817], pp. 207–286. ‘[T]hings really are not what they immediately show themselves … there is a permanent in things, and that permanent is in the first instance their Essence’ (pp. 208–209).
42.) Lazzarato, ‘Multiplicity, Totality, Politics’, p. 24.
43.) David Graeber, 2008, ‘Hope in Common’, The Anarchist Library, viewed 1 July 2011, http://theanarchistlibrary.org/HTML/David_Graeber__Hope_in_Common.html, pp. 1, 4.
44.) Graeber, ‘Hope in Common’, p. 1.
45.) Graeber, ‘Hope in Common’, p. 1
46.) This formulation of a ‘political apathy’ is indebted to the work of Feeltank Chicago. See Jerome Mast Grand, Amber Hasselbring & Corndog Brothers, 2008, ‘Renaming Bush Street’, Journal of Aesthetics and Protest, iss. 6, viewed 5 July 2011, http://www.journalofaestheticsandprotest.org/6/antiwar/renamingbushstreet.html.
47.) Foucault, Discipline and Punish.
48.) Foucault, Discipline and Punish, pp. 293–308.
49.) Michael Hardt & Antonio Negri, Empire, Harvard University Press, Cambridge, 2000.
50.) My thinking on affect is primarily sourced from Brian Massumi, Parables for the virtual: Movement, affect, sensation, Duke University Press, Durham, 2002. In short, affect is the capacity to affect and be affected. It is not a personal feeling, but a pre-personal intensity that exists only in flows between people and things.
51.) CrimethInc., 2008, ‘The Really Really Free Market: Instituting the Gift Economy’, CrimethInc. Ex-Workers’ Collective, viewed 8 July 2011, http://www.crimethinc.com/texts/atoz/reallyreally.php.
52.) Graeber, ‘Hope in Common’, p. 1.
53.) Gilles Deleuze & Félix Guattari, Anti-Oedipus, Penguin, New York, 2009 [1972], pp. 4–8.
54.) Avi Lewis & Naomi Klein, The Take, Barna-Alper Productions, New York, 2004.
55.) David Graeber, Direct Action: An Ethnography, AK Press, Oakland, 2009.
56.) Penny Harvey & Soumhya Venkatesan, ‘Faith, Reason and the Ethic of Craftsmanship: Creating Contingently Stable Worlds’, in M. Candea (ed), The Social After Gabriel Tarde: Debates and Assessments, Routledge, Abingdon, p. 130.
57.) The bulk of my research results are still in the process of being written up, although a few preliminary sketches have so far been published. See, for instance, Marco Cuevas-Hewitt, ‘Sketches of an Archipelagic Poetics of Postcolonial Belonging’, Budhi: A Journal of Culture and Ideas, Vol. 11, No. 1, 2007, pp. 239–246; and Marco Cuevas-Hewitt, ‘The Figure of the “Fil-Whatever“: Filipino American Trans-Pacific Social Movements and the Rise of Radical Cosmopolitanism’, World Anthropologies Network E-Journal, no. 5, 2010, pp. 97–127.
58.) I seek to neutralise gender here by synthesising both the feminine and masculine suffixes (‘-a’ and ‘-o’, respectively) into the new suffix of ‘-@’. The reason that I have chosen this form over the standard ‘Filipino’ is that I wish to avoid using a gender-specific descriptor to stand in for all Filipin@s. This is an unfortunate grammatical inheritance from Spanish colonialism, since pre-Hispanic indigenous languages in the Philippine archipelago were, by and large, gender-neutral. I might have chosen to use the alternative suffix of ‘-a/o’ but decided against it, not just because it reads somewhat clumsily, but more importantly because it perpetuates the rigid binary notion of gender by which genderqueer individuals are marginalised.
59.) Guattari, Chaosmosis, p. 29.
60.) Gilles Deleuze & Félix Guattari, A Thousand Plateaus, Continuum, London, 2004 [1987], p. 7.
61.) Cited in Guattari & Rolnik, Molecular Revolution in Brazil, p. 87.
62.) Nietzsche, Thus Spoke Zarathustra; Friedrich Nietzsche, Beyond Good and Evil, Prometheus Books, Buffalo, 1989 [1886].
63.) Harry Cleaver, Reading Capital Politically, Anti/Theses, Leeds, 2000 [1979], p. 18; Antonio Negri, Books for Burning: Between Civil War and Democracy in 1970s Italy, Verso, London, 2005, pp. 198–207, 215–230.
64.) See John Jordan, ‘Deserting the Culture Bunker’, Journal of Aesthetics and Protest, iss. 3, viewed 10 July 2011, http://www.joaap.org/new3/jordan.html.
65.) Cited in Lee Scrivner, ‘How to Write an Avant-Garde Manifesto (A Manifesto)’, London Consortium, viewed 9 July 2011, http://www.londonconsortium.com/wp-content/uploads/2007/02/scrivneripmessay.pdf, p. 13.
66.) Cited in Scrivner, ‘How to Write an Avant-Garde Manifesto (A Manifesto)’, p. 13.
67.) Tristan Tzara, 2006 [1918], ‘Dada Manifesto’, Wikisource, viewed 4 July 2011, http://www.freemedialibrary.com/index.php/Dada_Manifesto_(1918,_Tristan_Tzara).
68.) Cited in Albert Camus, The Myth of Sisyphus, Penguin Books, London, 2005 [1942], p. 90.
69.) Giorgio Agamben, Means Without End: Notes on Politics, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2000.
70.) Graeber, ‘Hope in Common’, p. 4.
71.) Guattari, Chaosmosis, p. 7. To interpret Guattari here as saying that the production of novelty is simply a straightforward matter of human intent and free will would be gravely mistaken. Becomings can only occur through ‘heterogenesis’ (pp. 33–57); that is, through a multiplicity of elements in symbiosis. In the case of multiplicities in which human beings play a part, subjectivity is certainly one ingredient in the mix, but it does not assume the role of primary causal determinant. There is always an unpredictability to heterogenesis and we often we end up with entirely different outcomes to what we originally intended. It must furthermore be stressed that human subjectivity does not exist on some separate plane of reality as René Descartes presumed, but must rather be seen to be part of matter.
72.) Guattari, Chaosmosis, p. 20.
Wiederabdruck
Dieser Text erschien zuerst unter http://joaap.org/issue8/8toc.htm
Zwei Wege zum Erfolg: das heitere und das heroische Scheitern.
Von Karl Popper lernten alle Wissenschaftler, durch Scheitern erfolgreich zu arbeiten. Popper nannte dieses bemerkenswerte Verfahren „Falsifikation“: ein Wissenschaftler stellt Hypothesen auf, deren Bedeutungen sich erst herausstellen, wenn es nicht gelingt, sie zu widerlegen. In den Naturwissenschaften sind Experimente der beste Weg zur Falsifizierung von Hypothesen. Wenn das Experiment scheitert, weiß man, daß die Hypothesen unbrauchbar sind. Also arbeitete der Wissenschaftler erfolgreich! Aber um Experimente zu entwerfen, braucht man Hypothesen. Wie können Experimente Hypothesen widerlegen, wenn die Experimente erst durch die besagten Hypothesen möglich werden? Naturwissenschaftler führen Experimente und Hypothesen zusammen im Aufbau einer Logik (zumeist mathematisch formuliert), die es ermöglicht, mit der Diskrepanz zwischen hypothetischen Voraussagen und experimentellen Resultaten zu rechnen. Die Falsifikation läuft also darauf hinaus, Diskrepanzen zu bewerten und zu handhaben. Das Experiment ist gelungen, wenn es scheitert. In den Künsten unseres Jahrhunderts wurde ebenfalls Scheitern als Form des Gelingens zum Thema gemacht: und zwar in mehrfacher Hinsicht. Auffällig ist die Betonung, daß moderne Künstler experimentieren. Die Begriffe „experimentell“, „experimentelle Kunst“ werden stets bemüht, um künstlerische Arbeiten interessant erscheinen zu lassen, wenn sie offensichtlich eine Diskrepanz zwischen der Erwartung an die Künstler und den faktischen Werken zur Erscheinung bringen. Seit hundert Jahren werden solche Diskrepanzen von einem Teil des Kunstpublikums als Entartungen stigmatisiert. Die Kampagnen gegen die entarteten Künste zielten darauf ab, nur solche Werke als gelungen zuzulassen, die mit einem vorgegebenen Kunstverständnis übereinstimmten. Als Künstler fühlte sich derjenige bestätigt, dem andere vorhielten, gescheitert zu sein.
Die Überprüfung dieses Kunstverständnisses wollten die Künstler aber gerade erreichen, indem sie experimentierten. Sie führten Experimente und hypothetische Kunstbegriffe im Aufbau einer Logik zusammen, die es ermöglichen sollte, die Bedeutung des künstlerischen Arbeitens in der Konfrontation mit dem Unbekannten, Inkommensurablen, dem nicht Beherrschbaren, also der Wirklichkeit, zu sehen. Im Scheitern, nach akademischen Regeln ein vorgegebenes Kunstverständnis durch Werke zu verifizieren, sieht der moderne Künstler das Gelingen seiner Arbeit; denn es käme auf ihn als Individuum gar nicht an, wenn er nur eine normative Ästhetik oder Kunsttheorie durch seine Arbeit bestätigen müßte.
Niemand hat in diesem Jahrhundert die peinliche Frage: „Und das soll Kunst sein?“ so radikal gestellt wie die Künstler selber. In der Beschäftigung mit dieser Frage gingen sie so weit zu bezweifeln, daß sie überhaupt Kunst-Werke schaffen. Denn ein planmäßig ausgeführtes Werk wäre nur eine Illustration eines hypothetischen Konstrukts von Kunst, das auch ohne die Werke besteht.
Künstler begründeten die Notwendigkeit zu experimentieren aber nicht nur durch das Ziel, vorherrschende Kunstauffassungen zu falsifizieren. Sie entdeckten, daß offensichtlich eine generelle Diskrepanz zwischen gedanklichem Konstrukt und seiner bildsprachlichen Vergegenständlichung unvermeidbar ist, weil für Menschen Identität zwischen Anschauung und Begriff, Inhalt und Form, Bewußtsein und Kommunikation nicht herstellbar ist (von mathematischer Eindeutigkeit abgesehen). Sie lernten mit der Nichtidentität von Kunstkonzept und Kunstwerk produktiv umzugehen, indem sie die Diskrepanz nutzten, um etwas Neues hervorzubringen, das man sich nicht hypothetisch ausdenken kann. Innovativ zu sein, hieß also, von vornherein auf die erzwungene Identität von normativen Kunstbegriffen und ihrer Entsprechung im Werk zu verzichten. Das Scheitern der Werke wurde zur Voraussetzung dafür, etwas Neues, Unbekanntes zum Thema zu machen. Dieses Verfahren hatte für die Künstler eine existentielle Dimension. Wer sich auf das Neue, auf das Experiment einläßt, ist in der herkömmlichen Rolle als Künstler weder erkennbar noch akzeptierbar. Latente soziale Stigmatisierungen trieben die Künstler immer weiter in die Radikalität des Experimentierens. Sie hatten extreme Lebensbedingungen zu akzeptieren. Um die zu ertragen, neigten sie zu exzessiver Lebensführung. Der Konsum von Drogen aller Art wirkte sich auf die Verfassung der Experimentatoren aus, wodurch sie häufig ein auffälliges Verhalten demonstrierten, das die Öffentlichkeit nicht nur als exzentrisch, sondern auch als psychopathologisch bewertete. Das Scheitern ihrer bürgerlichen Existenz verstanden mehr und mehr Künstler als Voraussetzung für ihre Fähigkeit, radikal zu experimentieren.
In diesem Punkt trafen sie sich mit anderen Abweichungspersönlichkeiten (Terroristen, Kriminellen, Propheten), z. B. mit Hitler. Er legitimierte sich durch die Erfahrung des Scheiterns als Bürger wie als Künstler. Immer wieder betonte er, daß er Hunger, Abweisung, seelische Verwüstung habe durchmachen müssen. Radikal sein zu müssen, ergab sich aus der Erfahrung des Scheiterns. In dieser Radikalität lag sein Heroismus der Tat begründet: die heroische Künstlerattitude, die sich prinzipiell im radikalen Scheitern bewährt. Er falsifizierte mit allem, was er tat, die alte europäische Welt mit ihren religiösen, sozialen, künstlerischen Vorstellungen. Götterdämmerung ist der Name, der seit Wagner für diese Strategie des heroischen Scheiterns verwendet wird. So konnte er am Ende seiner Tage zurecht überzeugt sein, mit seinem Scheitern die Welt radikaler verändert zu haben als alle seine Zeitgenossen.
Heute nennt man den Heroismus des Scheiterns wohl besser ästhetischen Fundamentalismus. Er hat an Faszination nichts verloren. Wagner und Nietzsche, die Protagonisten des heroischen und des heiteren Scheiterns, interessieren inzwischen aber nicht nur Künstler, Politiker, Wissenschaftler und andere Welterretter. Längst haben jugendliche Subkulturen die Glorie des Scheiterns zur eigenen Rechtfertigung genutzt. Eine ganze Generation scheint unter dem Eindruck zu leben, daß sie scheitern wird – wirtschaftlich, ökologisch, sozial. An Radikalität nehmen es die Hooligans, die Ghettobewohner, die Mafiosi mit jedem Wagner und jedem Hitler auf. An das Schaffen von Werken glauben sie nicht mehr. Sie experimentieren total und konfrontieren sich dem unbekannten und unbeherrschbaren Selbstlauf von Natur und Gesellschaft anscheinend ohne jede Angst. Die Attituden von Künstlern und Politikern interessieren sie nicht mehr, weil sie diese Attituden selbst repräsentieren. Mit postmoderner Heiterkeit sind sie heroisch. Der lachende Schrecken, die zynische Wurstigkeit grundiert ihre Alltagserfahrung bei der geradezu wissenschaftlich gerechtfertigten Aufgabe, sich selbst zu falsifizieren. Was einst nur Atom- und Neutronenbombenbauern, heiligen Selbstmördern und starken Nihilisten der Künste vorbehalten war, praktiziert jetzt jedermann. Die Philosophie des Scheiterns als Form der Vollendung wurde total. Welch ein Erfolg – gerade auch als Aufklärung. Denn die Aufklärer wußten, daß sie nur durch eines widerlegt werden würden: durch ihren Erfolg.
Wiederabdruck
Der Textauszug erschien zuerst in: Der Barbar als Kulturheld, Bazon Brock III: Gesammelte Schriften 1991–2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist. DuMont: Köln 2002, S. 310ff.
http://bazonbrock.de/werke/detail/?id=12§id=135&highlight=zwei%20wege%20zum%20erfolg#sect [20.01.2013].