define('DISALLOW_FILE_EDIT', true);
define('DISALLOW_FILE_MODS', true);
NULL POLITIK?
Seit Jahren lebe und arbeite ich mit und für die Kunst. Sie ist zu meinem Lebensinhalt, Lebenszweck und meiner Leidenschaft geworden. Ich beobachte ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen, doch schon vor Langem habe ich aufgehört, sie zu »brauchen«. Früher habe ich gerne Galerien besucht und war ständig auf der Suche nach dem einzigartigen Gefühl, die Realität durch den Filter künstlerischer Denkweise zu betrachten. Heute fühle ich mich in so einer Situation eher erschöpft und der Depression nahe – ein Ergebnis wiederholter Enttäuschungen durch künstlerische Ansätze. Kunst ist ein Mechanismus, der durch die Macht des Intellekts und der Intuition in Kombination mit einem Verlangen nach Dissens angetrieben wird. Ergebnis solchen künstlerischen Handelns muss nicht zwangsläufig merkwürdige und schwer verständliche Kunst sein, es können ebenso Werkzeuge sein, die aktiv in die Welt eingreifen. Doch meistens ist das Gegenteil der Fall, der Berg der Kunst kreißt und gebiert eine Maus. Ansonsten überaus begabte Menschen – KünstlerInnen – produzieren paradoxe oder utopische Visionen und betreiben Sozialkritik, die weder sie noch ihre ZuschauerInnen in politische Praxis oder andere konkrete soziale Wertschöpfung umsetzen wollen. Vorherrschende kuratorische Praxis ist das Verwalten von Kunstobjekten: Sie werden auf Bestellung produziert, transportiert, versichert, man kümmert sich um die Urheberrechte und den Auf- und Abbau der Werke. Das gilt für die gesamte Kunstwelt, hier herrscht immer noch der Volksglaube an die magische Kraft des Objekts. Unter diesen Vorzeichen scheint es ausreichend, ein Objekt herzustellen und es unter die Leute zu bringen, um Veränderungen zu bewirken, auch politische Veränderungen. Das Kunstobjekt selbst, egal, was es außerdem noch sein mag, soll ohne menschliche Vermittlung, ohne Überzeugungsarbeit, ohne Meinungsaustausch und konfliktfrei, also im Grunde genommen ohne Politik die ihm aufgetragene soziale und politische Aufgabe erfüllen. Das ist im weitesten Sinne die heutige Definition eines Kunstobjekts. Natürlich erfüllen Kunstobjekte gewisse Aufgaben, doch diese beziehen sich eher auf die ästhetische Gestaltung der Realität, auf die Verwandlung von Ideen in Inszenierung und von politischen Aussagen in Appelle, denen niemand folgt. »Kunst ist nutzlos«; »Kunst ist autonom«; »Kunst genießt Immunität, deswegen können KünstlerInnen mehr wagen«; »Kunstschaffende können durch Wände sehen« – das sind gängige Ansichten. Aber uns sei es erlaubt, zu fragen, zu welchen handfesten und sichtbaren politischen Veränderungen die durch Immunität geschützten KünstlerInnen beigetragen haben. Und können wir überhaupt noch von künstlerischer Immunität sprechen, nachdem Juliano Mer-Khamis, Regisseur, Schauspieler, Aktivist und Leiter des von seiner Mutter gegründeten Freedom Theater in Jenin / Westjordanland, ermordet wurde; nachdem Ai Weiwei festgenommen und die Mitglieder des Sankt Petersburger Künstlerkollektivs Voina immer wieder verhaftet werden? Es scheint, dass die Kunstwelt mit nahezu jeder Ausstellung ihre Abneigung gegen direkte Politik erklärt. Doch wenn sich KünstlerInnen grundlegend politisch engagieren, sind sie mit Drohungen, Zensur, Repression und Haftstrafen konfrontiert. Der Pakt zwischen KünstlerInnen und der Obrigkeit wurde bereits gebrochen. Als er noch galt, lautete er folgendermaßen: »Der Herrscher sagt nicht mehr: du wirst denken wie ich oder sterben. Er sagt: du hast die Freiheit, nicht so zu denken wie ich. Dein Leben und Besitz gehören dir. Aber von diesem Tag an sollst du uns ein Fremder sein.« Die Machthabenden sind nicht dumm und wissen von den politischen Ambitionen der KünstlerInnen und KuratorInnen. Natürlich werden es PolitikerInnen nicht zulassen, dass ihre Konkurrenz durch jegliche Form von Immunität geschützt wird. Die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Kulturfinanzierung – darunter die Forderungen des protofaschistischen Führers der niederländischen Freiheitspartei, der Kunst als nicht notwendig betrachtet und Kunstfinanzierung abschaffen will, oder die weitgehenden Kürzungen in Großbritannien – sind ebenfalls als Aufhebung künstlerischer Immunität zu deuten. Wir werden ZeugInnen eines Angriffs auf die finanziellen Stützen von Kultur. Für die Kunst bedeutet das die zukünftige Dominanz des kommerziellen Sektors und erwartbare Tendenzen hin zu politikfreier Kunst und ineffektiver, »samtener« Kritik. Die Mehrheit der KünstlerInnen wird dadurch, dass man sie vom Profit des Kunstmarktes fernzuhalten versucht, zu finanziellen DissidentInnen. Einfacher ausgedrückt: Die meisten KünstlerInnen gehören einem künstlerischen Proletariat an. Viele von ihnen verdienen kaum genug, um zu überleben.
PRAKTIKER DER OHNMACHT
Meine Kritik an meinem eigenen Sujet ist im Prinzip sehr simpel und lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Kunst handelt nicht und funktioniert nicht. Trotz ihres unglaublichen Potenzials, Realitäten zu kreieren und zu formen oder Politik zu betreiben, begnügt sich die Kunst mit der Präsentation von Ideen, die ohnehin niemand umzusetzen gedenkt. Wie kann man aus diesem »Teufelskreis der kreativen Ohnmacht« ausbrechen? Wie kann Kunst helfen, die Realität performativ zu gestalten? Eine der vorherrschenden Annahmen in der Kunstwelt besagt, dass die Kunst der Logik des Wunders folgt: Alles ist möglich. Eine Biennale kann langweilig und schlecht sein, schon die nächste ist möglicherweise toll und sexy. So, als würde die Möglichkeit, eine langweilige oder eine spannende Biennale zu machen, nicht aus dem bestehenden Kunstsystem als Ganzem resultieren, sondern aus den außergewöhnlichen Fähigkeiten der KuratorInnen oder KünstlerInnen. In den Augen derer, die mit Kunst arbeiten, kann Kunst von einem Moment zum anderen jegliche Beschränkungen überwinden. Doch tatsächlich hat sie genau die Möglichkeiten, die wir gemeinsam geschaffen haben. Das Wunder, also die Möglichkeit, alle Grenzen abzuschaffen, ist eine Illusion, denn wir müssen innerhalb eines Systems der Beschränkungen handeln, das überall vom selben »Neusprech« dominiert wird: Freiheit, Autonomie, Partizipation. Das Know-how liefern dabei reisende PhilosophInnen, die bereit sind, ihre intellektuellen Dienste für jeden künstlerischen Exzess anzubieten. Wenn nicht nur innerhalb der Kunstwelt immer wieder die Meinung laut wird, die Kunst sei zum Dekor des neoliberalen Systems verkommen, dann sind nicht nur die Kunstobjekte Teil dieses Dekors, sondern auch der dazugehörige intellektuelle Rahmendiskurs. Dieser Diskurs kreist um die Kunstwerke und ist wie ein schwarzes Loch, das jeden radikalen Vorschlag in sein Zentrum nimmt und ihn in Spekulation und theoretische Reflexion verwandelt, nicht aber in Taten. Die KünstlerInnen, TheoretikerInnen und PhilosophInnen in ihrer Umgebung sind zu »Praktikern der Ohnmacht« geworden. So schafft es die eingeschränkte Vorstellungskraft von KünstlerInnen und KuratorInnen heute nicht, die Schwelle hin zu echten Taten zu überschreiten. Die paradoxe Reaktion auf diese Lage sind »leere«, wirkungslose Werke und Ausstellungen. Alles, was der Kunst heute noch bleibt, ist inszeniertes Spektakel, in dem soziale und politische Probleme verhandelt werden – ohne jeglichen Einfluss auf die Realität, die AkteurInnen im Kunstbereich oder andere KünstlerInnen und KuratorInnen zu haben.
EINSÄTZE DER KURATOR / INNEN, EINSÄTZE DER KÜNSTLER / INNEN
Wenn wir schon über Wunder sprechen: Die Abschaffung des die Kunst beschränkenden Systems und ihre Befreiung von ideologischer Impotenz wäre tatsächlich ein Wunder. Eine mögliche Lösung ist die Beschränkung der institutionellen Einflüsse auf KünstlerInnen. Die Kunst ist in ihrer radikalen, potenziell transformatorischen Form ein gesellschaftliches und politisches enfant terrible. Sie ist ein Fluch für jede Institution, insbesondere die großen, mit öffentlichen Mitteln finanzierten Häuser und professionellen White Cubes. Letztere kämpfen zuerst vor allem um ihr eigenes materielles Überleben und nicht unbedingt aufseiten der KünstlerInnen. Die Institutionen halten an bürokratischen Prozeduren und Produktionsregeln fest anstatt an Ideen. Es geht nicht um Demokratie, die mit den Regeln der Kunst erreicht werden kann. Manche KünstlerInnen bieten brutale, schockierende oder sogar perverse Abkürzungen – diese sind dann meist nicht vereinbar mit den Zielen von Institutionen und deren Vorgehen, sämtliche möglichen Gefahren zu beseitigen. Seit Jahren schon ist ein Lähmungsprozess zu beobachten, der künstlerische Radikalität in samtene Kritik verwandelt. Dieser Prozess kann in Verbindung mit dem Entstehen und der zunehmenden Dominanz des kuratorischen Berufs sowie mit der Institutionalisierung von Kunst in Verbindung gebracht werden. Der Einsatz von KünstlerInnen ist nicht mit dem Einsatz der KuratorInnen vergleichbar. KuratorInnen sind zu reisenden AusstellungsproduzentInnen geworden, die die sanfte Sprache vorgetäuschten sozialen Engagements sprechen. Für die KuratorInnen steht der nächste Auftrag auf dem Spiel, kein radikales gesellschaftliches oder politisches Ziel. Kunst wird durch ein Sieb finanzieller Interessen, institutioneller Ängste und beruhigend formulierter Ziele gepresst und verliert ihre ureigene Kraft. Der Status quo der Kunst hat sich im Bereich politisierender Ästhetik, ihrer Verneinung oder künstlerischer Ohnmacht etabliert. Einige künstlerische Desperados, wie zum Beispiel die Gruppe Voina, sind nicht genug. Sie sind eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und bieten allen OpportunistInnen ein Alibi, durch das sie dann behaupten können, in einem so radikalen Bereich wie dem der Kunst tätig zu sein. Nebenbei richtet die Kunst ihre Kritik an Menschen, die nicht bereit sind, die kritische Herausforderung anzunehmen und ihre kritischen Ideen in den Alltag einzubringen. Auch wenn die Forderungen und Appelle auf den Punkt und gut durchdacht sind – was oft der Fall ist –, gibt es niemanden, der ihnen folgt.KuratorInnen sprechen normalerweise nicht mit KünstlerInnen und sind erst recht nicht zu Diskussionen mit ihnen bereit. Diskussion bedeutet Auseinandersetzung und führt möglicherweise zu Streit oder sogar zu einer Trennung. Das können sich KuratorInnen aber nicht leisten, und demzufolge können sie sich auch nicht auf eine tatsächliche Diskussion einlassen. KünstlerInnen sind zu einem unantastbaren Fetisch geworden und scheinen keine gleichberechtigten BewohnerInnen derselben Welt mehr zu sein; keine Menschen, mit denen man über gemeinsame Probleme sprechen kann. Die Ergebnisse dieser Situation sind oft zufallsbedingt und werden nicht nach Kriterien der Wirksamkeit bewertet, sondern nach den Regeln, die über »gute Kunst« und intellektuelles Spektakel bestimmen. Das Fehlen einer Diskussion zwischen KünstlerInnen und KuratorInnen wird oft damit gerechtfertigt, »den KünstlerInnen absolute Freiheit zu gewähren« – ganz so, als ob eine Diskussion Freiheiten einschränken würde.
Die Abneigung gegenüber der Politik hat dazu geführt, dass die Kunst zu einer Art »panic room« geworden ist, zu einem Rückzugsort von Politik und Ideen. Hier können sich KünstlerInnen sicher fühlen. Keine Lebenswahrheit und keine Handlung mit echter Konsequenz wird hier eindringen. Der vorherrschende Konsens besagt, dass die Hauptaufgabe von Kunstinstitutionen und der mit ihnen verbundenen KünstlerInnen darin besteht, den Menschen Kultur zu bringen. Die zugrundeliegenden Ideen sind zweitrangig, auf dem Spiel steht die – nicht näher definierte – »Kultur«; ein leeres Wort, das jeden beliebigen Inhalt annehmen kann.
Wenn die Aufgabe so formuliert wird, bedeutet sie im Kern die Selbstreproduktion des Systems. Gleichzeitig spielt die Welt mit ihren eigenen Einsätzen – Demokratie oder deren Abschaffung, Freiheit und ihre Grenzen im kapitalistischen Status quo. Es gibt keine Form von Kunst, die an diesem Spiel direkt beteiligt ist. Aber es gibt zumindest vereinzelte Ausnahmen: KünstlerInnen, die nicht nur bereit sind, ein künstlerisches Risiko einzugehen, sondern auch einen radikalen Bruch mit dem System zu vollziehen, das sie hervorgebracht hat.
DIE EINSÄTZE DER NEOLIBERALEN ELITEN
In Russland habe ich mich mit Boris Kagarlitsky unterhalten, einem Linksintellektuellen, der die Meinung vertritt, Kunst würde heutzutage um Einsätze spielen, die von neoliberalen Eliten gesetzt werden, auch wenn diese Einsätze rein symbolisch sind: eine stärkere Position auf dem Ideenmarkt, die Aufrechterhaltung des Gruppenstatus oder Selbstreproduktion. Aber die realen und gesellschaftlich relevanten Spieleinsätze sind anderswo zu finden und werden durch Abgrenzung von wirtschaftlicher Ausbeutung und Armut definiert. Am Spiel um eine Verwandlung dieser Armut in minimalen Wohlstand wird sich die Kunst nicht mehr beteiligen, auch wenn sie selbst extreme ökonomische Ungleichheit in ihrem Bereich hervorbringt: prominente KünstlermillionärInnen stehen dem künstlerischen Proletariat gegenüber, das seine ökonomische Verarmung mit symbolischen Gewinnen zu kompensieren versucht. Die Frage, die sich der Kunstmarkt stellen muss, ist eine moralische Frage. Sie betrifft die radikalen finanziellen Ungleichheiten, die der Kunstmarkt hervorbringt, genauso wie eine Kritik an den Mechanismen der ökonomischen Ausgrenzung außerhalb der Kunstwelt.
Kagarlitsky hat noch etwas anderes gesagt: dass die Kunst ihr eigenes Ghetto so lange nicht verlassen kann, bis jemand beginnt, sie zu brauchen. Das könnten soziale Bewegungen sein, die weltweit an Lösungen für ökonomische und politische Bedürfnisse der Gesellschaft arbeiten. Leider scheinen diese Bewegungen zum Erreichen ihrer Ziele keine KünstlerInnen zu benötigen. Kunst muss neu erfunden werden, aber nicht als handwerkliche Variante, die menschliche Probleme auf eine neue Art ästhetisiert, indem sie sie in Inszenierung verwandelt. Was wir brauchen, ist eine Kunst, die ihre Werkzeuge, Zeit und Ressourcen anbietet, um die wirtschaftlichen Probleme einer verarmten Mehrheit zu lösen. Die tatsächliche Grenze der Möglichkeiten linksgerichteter Kunst ist wirkungsvolles Engagement bei materiellen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Verarmung und Armut.
INDIVIDUELLE POLITIK DES ÜBERLEBENS
Was KünstlerInnen tun, alles, was in Gestalt von Kunst vor uns steht, kann als individuelle Überlebensstrategie bezeichnet werden. Künstlerische Freiheit bedeutet im Grunde nichts anderes als die ständige Notwendigkeit, sich an die Vorgaben des Kunstsystems mit seinen wechselnden Trends und Interessen anzupassen. Ergebnis dieses Mimikriprozesses ist die Verwandlung künstlerischen Bestrebens in eine egoistische Überlebensstrategie. Was wie Kunst aussehen mag, ist im Grunde eine Strategie, um auf dem Markt bestehen zu können. Wie viel Zögern, Existenzangst und Furcht muss unter KünstlerInnen herrschen! Angst, einen Fehler zu machen, Standards von Institutionen nicht zu erfüllen oder den Erwartungen des Marktes nicht gerecht werden zu können. Zu dieser Situation haben wir alle gemeinsam beigetragen. Die institutionalisierte Kunstwelt, die zuerst ihre eigenen Interessen vertritt (Fundraising, Überleben in Konkurrenz mit anderen Institutionen), nimmt den KünstlerInnen ihr radikales und gestalterisches politisches Potenzial. Hinzu kommt ein permanentes Bedürfnis, dem künsterischen Ego zu schmeicheln. KünstlerInnen wurden dazu trainiert, so gut wie keine Diskussionen mehr zu akzeptieren. Sie sind dazu fähig, nur ihren eigenen Vorstellungen und ihrem Ego zu folgen. Das eigentliche Ziel jeder noch so edlen künstlerischen Handlung ist nicht mehr der soziale Organismus, für dessen Sache man arbeitet, sondern nur noch das Kunstwerk, das in diesem Prozess entsteht. Wenn die Kunst entpolitisiert wird, bedeutet das, dass sie nicht die Interessen von Menschen vertritt, sondern die individuellen Karrieren der KünstlerInnen antreibt. Kunst zu politisieren bedeutet, gemeinsam mit anderen die Einsätze festzulegen und diese für eine Öffentlichkeit deutlich zu repräsentieren. Ich möchte, dass der Kunstbereich stark und sich seiner Macht bewusst ist. Ich möchte, dass er willens und fähig ist, diese Macht politisch einzusetzen, nicht um eine Inszenierung zu schaffen, sondern um die Realität fundamental zu lenken. Unser wichtigster Einsatz, etwas, um das wir heute spielen wollen, ist eine Kunst, die verändert; Kunst, die nicht leer, sondern kritisch ist, die keine Pseudo-Kritik produziert, sondern tatsächlich transformiert und gestaltet. Daher suchen wir Menschen, die sich in die Kunst »verirrt« haben, als sie eigentlich in anderen Bereichen arbeiten sollten – in der Politik, beispielsweise in Parlamenten und Regierungen, in den Medien oder möglicherweise als Volkstribune, SozialwissenschaftlerInnen, TherapeutInnen oder ÄrztInnen. Eins ist zumindest sicher – sie sollten dort »draußen« sein, wo auch immer sozialer und politischer Wandel auf dem Spiel steht.
Eine Sache möchte ich klarstellen: Ich fordere nicht, dass alle Kunst so sein soll. Sie soll ganz im Gegenteil noch pluralistischer sein. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Spaltung innerhalb der Kunst bereits existiert und eine politische Wende auf dem Weg ist.
»Was war die Essenz der ›politischen Wende‹ in der Kultur? Widerstand gegen die Notwendigkeit, etablierte ›Unterschiede‹ zu reproduzieren; die Weigerung, auf das postmoderne Karussell des kulturellen Pluralismus aufzusteigen; langsame Reformen und die sukzessive Entwicklung neuer Sprachen, die alle zufriedenstellen; einer Erklärung des Ungehorsams gegenüber Falschheit in den Bereichen Ästhetik, Existenz und Menschlichkeit der Künste; es war ein Moment, an dem Künstler das Schiff namens ›freier Markt der Ideen‹ und ›postpolitisches Festmahl der Unterschiede‹ verließen und begannen, eine eigene Bewegung zu gründen.«
GESPRÄCHE MIT PRAKTISCH HANDELNDEN
Wir alle – Joanna Warsza, Igor Stokfiszewski, Zofia Wa´slicka, das künstlerische Büro der 7. Berlin Biennale und ich – haben nach einer Kunst gesucht, die in effektiven Veränderungsprozessen handelt und funktioniert und so bleibenden Einfluss auf die Realität hat. Das ist es, worum es in der Politik schließlich geht – um einen endlosen Prozess von Reaktionen auf Veränderungen und um den Versuch, die bestehende Ordnung entweder beizubehalten oder zu ändern. Sogar die Verteidigung des Status quo setzt aktives Handeln voraus, denn es gibt so viele, die ihn gerne ändern würden. Daher muss er aktiv verteidigt werden.
Wir haben nach praktisch handelnden Menschen gesucht, die durch ihre öffentlichen Handlungen Politik betreiben. Wir haben mit Menschen gesprochen, die ein Kunstmuseum gestalten, dessen Zielgruppe in der zivilgesellschaftlichen Politik liegt und das seine Kraft in der basisdemokratischen Graswurzelpolitik gewöhnlicher Menschen findet: ein Museum, das progressive Ideen vertritt, sein Publikum zu einer kritischen Haltung gegenüber staatlichen Institutionen erziehen und zur Durchsetzung demokratischer Rechte ermutigen will.
Wir haben mit einem Kulturvermittler gesprochen, der die Meinung vertritt, Kunst sei zu einer Repräsentation des herrschenden Machtsystems geworden. Sie unterstütze das System dadurch, dass sie ZuschauerInnen zu Passivität in Ausstellungen und Konzerten erzogen hat. Der Egoismus von Menschen in der Kunstwelt hat sie blind gegenüber allem außerhalb ihrer eigenen Geschichte gemacht. In dieser Geschichte gibt es keinen Raum mehr für die Wertschätzung einer vom Publikum oder von sozialen Randgruppen geschaffenen Kultur. Laut unserem Gesprächspartner ist Kunst zum größten Teil eine Fassade des Systems, Zelebrierung der falschen Ausnahmeposition von KünstlerInnen und Werkzeug leerer politischer Repräsentanz. Ziel der Kunst sollte es aber nicht sein, eigene Illusionen aufrechtzuerhalten, sondern ihre Instrumente beispielsweise für Bildungszwecke zu nutzen.
Wir haben mit einem Künstler-Politiker gesprochen, der künstlerische Intuition und Performancefähigkeiten in seiner politisch-administrativen Arbeit als Bürgermeister einer südamerikanischen Metropole genutzt hat. Wir haben mit KünstlerInnen gesprochen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Wladimir Putin demokratisch zu entmachten und die politische Mentalität der russischen BürgerInnen zu verändern.
Wir haben mit einer Kuratorin gesprochen, die vor einiger Zeit eine Galerie in Israel für das Ende der Besetzung im Westjordanland und im Gazastreifen gegründet hat und die exklusive Demokratie nach dem Prinzip »nur für Israelis« abschaffen möchte. Wir haben mit KünstlerInnen gesprochen, die in ihrer künstlerischen Praxis den Klassenkampf darstellen und diesen auf der Straße aufführen.
Bei unserem Versuch, direkter in den praktischen Bereich einzudringen, haben wir mit vielen weiteren Menschen gesprochen. Wir wollten eine Möglichkeit zur grundsätzlichen und praktischen Einflussnahme auf die Realität finden, einen Weg aus der Falle der einfachen Anwendung künstlerischer Freiheit. Außerdem wollten wir eine Bestätigung dafür, dass praktisches Handeln tatsächlich gleichwertig mit theoretischem Handeln, Theorieproduktion und deren Verifizierung ist.
Wir brauchen keinen philosophischen »Neusprech«, um auf die Straßen zu gehen und das Alphabet der Freiheit an Hauswände zu sprayen. Kunstproduktion, Politik und politische Philosophie sind durch künstlerische Vorstellungskraft miteinander in einem Knoten aus Vorstellungskraft und aktivem Handeln verbunden. Das Ziel aber ist pragmatisch: die Schaffung sozialer und politischer Fakten; Verantwortung für Entscheidungen und öffentlich geäußerte Meinungen übernehmen und tragen; reale Taten in einer realen Welt und ein endgültiger Abschied von der Illusion künstlerischer Immunität.
Das Modell kuratorischer Arbeit, das ich angenommen habe, basiert nicht darauf, Kunstobjekte zu verwalten, sie aus dem Gesamtwerk von KünstlerInnen zu fischen, sie zu transportieren, zu versichern und an die Wand zu hängen. Es basiert auf Moderation und auf Verhandlung zwischen konträren politischen Standpunkten in Form von künstlerischem Handeln. Das Einzige, was diese Arbeitsweise tatsächlich zunichte machen kann, ist Angst, die lähmende Furcht vor realen Folgen und davor, für diese Folgen Verantwortung zu tragen. Angst macht es unmöglich, sich ein pragmatisches Handlungsschema überhaupt vorzustellen.
Auch ich fürchte mich, aber ich versuche, die Angst zu vergessen.
Aus dem Polnischen von Marcin Zastro.zny
Dieser Text erschien anlässlich der Publikation „Forget Fear“ der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (27. April bis 1. Juli 2012), hrsg. von Artur .Zmijewski und Joanna Warsza, Köln 2012, S. 10–19.
]]>1.
Die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst sollte darauf abzielen, ihn um andere künstlerische und außerkünstlerische Gattungen zu erweitern und ihm Personen aus anderen Bereichen zuzuführen.
Künstlerische Projekte bedienen sich in der Regel bestimmter Gattungen, die innerhalb des Bereichs der Kunst wiedererkennbar und etabliert sind: Filme, Aktionen, Installationen, Bilder. Die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst beruht auf seiner Erweiterung um Gattungen, die zwar als künstlerisch wahrgenommen werden (bzw. die an den Bereich der Kunst angrenzen), jedoch innerhalb des Bereichs der Kunst keine Anerkennung finden (z. B. Re-enactments historischer Ereignisse, die im Grenzbereich zwischen Theater und Performance angesiedelt sind). In der Konsequenz beinhaltet die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst auch die Einbindung von Personen, die im Bereich Kultur tätig sind, jedoch bisher nicht als Künstler angesehen wurden. Die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst beruht außerdem auf seiner Erweiterung um Gattungen, die nicht als künstlerisch wahrgenommen werden (z. B. Beerdigungen, Gottesdienste, chirurgische Eingriffe usw.), sowie um Personen, die außerhalb des Bereichs der Kunst tätig sind, die kunstfremde Objekte herstellen und/oder Handlungen ausführen (Wissenschaftler, Handwerker, Arbeiter, Politiker usw.). Die politische Einwirkung auf die Kunst beruht darüber hinaus auf der Verwendung von Gattungen aus dem Bereich der Politik (Kongresse, Demonstrationen usw.). Die Verwendung politischer Gattungen und anderer Gattungen, die nicht als künstlerisch wahrgenommen werden, kann in zwei Richtungen erfolgen. Die erste Richtung bezeichnet die Verwendung einer politischen Gattung (oder einer Gattung aus einem anderen Bereich) im Bereich der Kunst. Die zweite Richtung bezeichnet das Eingreifen der Kunst in aktuelle Geschehnisse aus dem Bereich der Politik (oder aus einem anderen Bereich). Die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst schließt auch die Ausübung – innerhalb der Kunst und/oder Tätigkeiten ein, wie beispielsweise Bildungsprojekte, Sozialisationsprojekte und sozialaktivistische Kampagnen.
2.
Die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst sollte sich anhand einer Neudefinition der künstlerischen Materie und einer Neukonzeption künstlerischen Handelns, die auf langfristige und erkennbare Resultate ausgerichtet ist, vollziehen.
Das Ziel künstlerischer Projekte ist die Herstellung singulärer Kunstobjekte, das Ziel der Künstler ist die Realisierung aufeinanderfolgender künstlerischer Projekte. Diese Tatsache resultiert aus dem reproduktiven Charakter des Bereichs der Kunst. Man sagt, die Materie der Kunst seien einzelne Filme, Aktionen oder Installationen. Die politische Einwirkung auf den Bereich der Kunst bedeutet in diesem Fall eine Neudefinition der künstlerischen Materie als das kontinuierliche individuelle und kollektive Leben und eine Neukonzeption künstlerischen Handelns, die auf langfristige und erkennbare Resultate ausgerichtet ist.
Was bedeutet langfristig? Ein Leben lang. Künstlerisches Handeln sollte unsere Existenz auf unumkehrbare Weise transformieren. Kann sie dies mithilfe einer einzelnen Geste leisten? Manchmal ja. In anderen Fällen bedarf die Konzeption künstlerischen Handelns der schrittweisen Formulierung konkreter, erreichbarer Ziele, einzelner Schritte auf dem Weg zu einer Transformation des Lebens. Sie bedarf darüber hinaus der Formulierung konkreter Aufgaben und Fragen, auf die das künstlerische Handeln konkrete Antworten liefern sollte. Die Kunst ist dann wirkungsvoll, wenn es ihr sukzessive gelingt, Antworten zu finden und Ziele zu erreichen. Die langfristige Wirkung der Kunst lässt sich als eine Vektorsumme kurzfristiger Einzelwirkungen beschreiben.
Was bedeutet erkennbar? Über die künstlerische Wirkung innerhalb des Bereichs der Kunst entscheidet die materielle Existenz öffentlich ausgestellter Kunstobjekte und deren dokumentierte Anerkennung von Rezipienten, die innerhalb des Bereichs der Kunst hohen symbolischen Status besitzen (z. B. Kritiker). Über die erkennbare Wirkung außerhalb des Bereichs der Kunst entscheidet (per analogiam) die wirkliche Veränderung der Parameter des individuellen und kollektiven Lebens (da eben sie zur Materie der Kunst wird). Diese Veränderung wird öffentlich gemacht und durch die Anerkennung von Rezipienten, die einen hohen Status außerhalb der Kunst genießen (in Form von Pressereaktionen, amtlichen Mitteilungen und Kommuniqués), dokumentiert. Künstlerisches Handeln, das keine Aussicht auf eine solche Resonanz oder auf jedwede Bestätigung seiner Existenz von außerhalb des Bereichs der Kunst hat, schafft keine Politik, das heißt, sie bewirkt keinen Unterschied, der eine Veränderung des Status quo in und außerhalb des Bereichs der Kunst herbeiführt.
3.
Das Eindringen künstlerischen Handelns in andere Bereiche als den der Kunst muss sich auf solche Weise vollziehen, dass in dem neuen Bereich ebenfalls Politik geschaffen wird.
Was bedeutet in der Praxis eine Veränderung des Status quo außerhalb der Kunst? Es genügt nicht, dass künstlerisches Handeln aus dem Bereich der Kunst hinaustritt. Als Reaktion auf solcherlei Grenzüberschreitungen greifen für gewöhnlich diskursive Mechanismen, die darauf abzielen, ein derartiges Handeln zu diskreditieren. Die Repräsentanten des Bereichs, in den die Künstler eindringen, sagen dann oft: Das ist nur Kunst. Das Eindringen künstlerischen Handelns in einen anderen Bereich als den der Kunst muss sich auf solche Weise vollziehen, dass auch in dem neuen Bereich eine wirkliche Veränderung der in ihm herrschenden Verhältnisse herbeigeführt wird. Wenn wir zum Beispiel als Künstler in einen sozialen Kampf um die Emanzipation einer bestimmten Gruppe eingreifen, weil wir der Meinung sind, dass die Methoden, die bislang in diesem Bereich angewandt wurden, zu keinem Erfolg geführt haben, müssen wir in der Lage sein, alternative Methoden anzubieten. Dies erfordert eine gewisse Kompetenz in jenem Bereich, in den wir als Künstler einzudringen versuchen. Die Gabe der besonderen Sensibilität für die Wirklichkeit und die Kompetenz in einem anderen Bereich als dem der Kunst erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dort einen Wandel herbeizuführen, das heißt: Politik zu schaffen. Die anderen Bereiche bedürfen der Intervention von Künstlern, um den Kreis ihrer eigenen Reproduktion zu durchbrechen. Analog dazu kann das Hinaustreten von Künstlern aus dem Bereich der Kunst dabei helfen, die ständige Reproduktion des Bereichs der Kunst zu unterbrechen.
Eine Veränderung des Status quo außerhalb des Bereichs der Kunst bedeutet auch die Anwendung künstlerischer Mittel zur Verifizierung von Thesen, die in diesen Bereichen (in der Wissenschaft, in der Publizistik, in der Politik usw.) entwickelt wurden.
4.
Die Aufgabe der Kunst ist die Affirmation einer Gemeinschaft, die ihre eigene Universalisierung anstrebt. Dies sollte auf dem Wege einer Beschleunigung des Prozesses der Überwindung kollektiver Widersprüche im Bereich sozialer Konflikte geschehen.
Da die Materie der Kunst das individuelle und kollektive Leben ist, und künstlerisches Handeln eine erkennbare Auswirkung auf diese Materie haben sollte, ist es unumgänglich, Stellung zu den sozialen Prinzipien zu beziehen, die den Rahmen für die Kunst bilden.
Konflikte sind ein inhärentes Merkmal der Gesellschaft. Da wir alle unterschiedlich sind, existieren zwischen uns miteinander konfligierende und sich gegenseitig ausschließende Merkmale, Bedürfnisse und Interessen. Man nimmt allgemein an, dass diese Unterschiede auf dem Wege gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse zu beseitigen sind. Nicht aushandelbare Unterschiede sollen wir in unser Privatleben verlagern und dort ausleben. Die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat jedoch gezeigt, dass gerade jene nicht aushandelbaren Merkmale, Bedürfnisse und Interessen zu den wichtigsten Bestandteilen individueller und kollektiver Identität werden. Folglich treten sie in den öffentlichen Raum – in Form von Postulaten, die Anspruch auf ihre Verwirklichung erheben, und Merkmalen, die Akzeptanz einfordern. Das dialogische Modell der gesellschaftlichen Ordnung hat einen toten Punkt erreicht. Ein sozialer Dialog über nicht verhandelbare Postulate ist unmöglich, ebenso wenig wie ein Akzeptieren inakzeptabler Merkmale. Gleichzeitig besteht kein Zweifel daran, dass die Gemeinschaft, in der wir leben, sich selbst universalisiert (d. h., immer neue Merkmale, Bedürfnisse und Interessen in den eigenen Rahmen zwingt). Wir beobachten eine Dialektik der Entstehung und Überwindung individueller und kollektiver Widersprüche. Jedes Entstehen abweichender Merkmale, Bedürfnisse und Interessen erzeugt einen unvermeidlichen Antagonismus, der zur Eskalation eines sozialen Konflikts führt. In den meisten Fällen nimmt dieser die Form von direkter oder indirekter politischer Gewalt an, um anschließend die zugrundeliegenden Widersprüche zu überwinden und eine neue gesellschaftliche Konstellation zu schaffen, die die transformierten Merkmale der zuvor antagonistischen Gruppen in ihren Horizont mit einschließt. Diese Überwindung kennzeichnet den Übergang einer Gemeinschaft in ein neues Stadium der gesellschaftlichen Universalisierung. Auch wenn der hier beschriebene Prozess schmerzhafter ist als der Versuch eines Dialogs zwischen zerstrittenen sozialen Gruppen, scheint er doch dem wirklichen Charakter sozialen Handelns näherzukommen. Soziale Konflikte dürfen nicht überdeckt, sondern müssen konsequent aufgearbeitet werden. Welche Rolle sollte die Kunst innerhalb dieses Prozesses spielen?
Der Bereich sozialer Konflikte strebt wie jeder andere Bereich (z. B. der Bereich der Kunst) in erster Linie nach der Aufrechterhaltung des eigenen Status quo. Dem Bereich sozialer Konflikte ist daran gelegen, antagonistische Spannungen zwischen sozialen Gruppen möglichst lang aufrechtzuerhalten und die Überwindung sozialer Widersprüche zu verzögern. Dies ist genau der richtige Ort und die richtige Zeit für künstlerische Interventionen. Die Kunst sollte unterstützend auf den Prozess der Überwindung sozialer Widersprüche einwirken. Dies bedeutet nicht, dass sie soziale Konflikte anheizen soll, sondern dass sie soziale Konflikte erfolgreich verarbeitet: Sie muss antagonistische Spannungen erkennen, von dieser Erkenntnis ausgehend Konflikte evozieren, zu ihrer Eskalation und damit zu ihrer Überwindung führen und auf diese Weise eine neue Gemeinschaft erzeugen, in der die zuvor existierenden Konflikte nicht mehr gültig sind. Bis zur Entstehung neuer Konflikte hat die Kunst ihre Arbeit fürs Erste getan.
Wie ist dies in der Praxis zu realisieren? Ein Künstler, der sich diese Frage stellt, sollte zunächst einmal eine Selbstcharakterisierung vornehmen: die Definition einer sozialen Gruppe, von deren Position aus er sich äußert und die er somit de facto repräsentiert, sowie die Definition der sich aus der Positionierung innerhalb einer konkreten sozialen Gruppe ergebenden Urteile, Meinungen und Hypothesen bezüglich des Gegenstands seiner Intervention. Ein Künstler, der in seinem künstlerischen Handeln seine eigene Position verschleiert, bewirkt eine Verfälschung der Situation, in die er interveniert.
Die Wahl eines künstlerischen Raums sollte nach dem Kriterium der gesellschaftlichen Divergenz erfolgen. In den meisten Fällen geschieht dies intuitiv. Künstler verorten ihre eigenen Handlungen – zumeist unbewusst – in einem anderen Umfeld als ihrem eigenen. Sie dringen in fremde Bereiche vor, geleitet von der intuitiven Suche nach dem Anderen, die mittlerweile zum Standard der Kunst geworden ist. Jene intuitive Praxis bedarf der Teilnahme des Bewusstseins.
Wenn die Kunst sich heute auf das Terrain des gesellschaftlich Anderen begibt, hat sie die Tendenz, sich mit der Lokalisierung jenes Anderen und seiner Repräsentierung zu begnügen. Das ist zu wenig. Manchmal versucht die Kunst auch, einen Schritt weiter zu gehen. Eine Kunst, die sich zum Beispiel der Darstellung von Minderheiten widmet, präsentiert das gesellschaftlich Andere für gewöhnlich mit der Absicht, es infrage zu stellen – also im Grunde, um eine heterogene Gemeinschaft zu homogenisieren. Oft geschieht dies beispielsweise bei einer Form von Theater, die Mitglieder bestimmter Randgruppen ihre eigenen Geschichten erzählen lässt, um den Zuschauern, die zur dominierenden gesellschaftlich-kulturellen Gruppe gehören, zu zeigen, dass »jene« in Wirklichkeit genauso sind wie »wir«. Die Identifizierung und Darstellung von Unterschieden darf nicht die finale Aufgabe der Kunst sein, und auch kein Schritt in Richtung der Annihilierung des Andersartigen. Sie darf lediglich ein Ausgangspunkt sein, ein erster Schritt auf dem Wege zu einer wirklichen Aufarbeitung von Konflikten.
Die Kunst sollte auf eine Konfrontation hinarbeiten, also einen wirklichen Zusammenstoß von Unterschieden herbeiführen. Aber Vorsicht! Das Eindringen künstlerischen Handelns in andere Bereiche muss sich auf solche Weise vollziehen, dass auch in dem neuen Bereich ein wirklicher Unterschied bewirkt wird. Wir haben bereits erwähnt, dass der Bereich sozialer Konflikte, genau wie jeder andere Bereich (z. B. der Bereich der Kunst), in erster Linie nach der Aufrechterhaltung des eigenen Status quo strebt. Künstler können ihre Gabe der besonderen Sensibilität für die Wirklichkeit dazu einsetzen, einen sozialen Konflikt zu evozieren, der nicht mehr nur die im Bereich bestehenden widersprüchlichen Parameter (Merkmale, Bedürfnisse und Interessen) reproduziert. Künstlerisches Schaffen basiert auf der Entwicklung von Szenarien zur Überwindung sozialer Widersprüche. Diese Szenarien sollten für den Bereich sozialer Konflikte nicht allzu leicht vorhersehbar und somit in ihrer Realisierung leicht zu verhindern sein. Die Umsetzung von Szenarien sozialer Antagonismen ermöglicht die tatsächliche Überwindung dieser Antagonismen und damit den Übergang einer Gemeinschaft in ein neues Stadium der gesellschaftlichen Universalisierung. Letzten Endes dient künstlerisches Handeln nämlich immer der Affirmation einer Gemeinschaft.
Die Dialektik von Konflikt und Koexistenz, von Kritik und Affirmation sollte die Philosophie der Kunst sein. Die Unterstützung des Prozesses der gesellschaftlichen Universalisierung anhand der Entwicklung von Szenarien zur Überwindung sozialer Widersprüche ist die Richtung, die sie einschlagen sollte. Und die Veränderung des individuellen und überindividuellen Lebens zum Besseren und Wahreren, das heißt hin zu einer universalisierten Zukunftsgesellschaft, die sämtliche möglichen Merkmale, Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt und akzeptiert, sollte das oberste Ziel der Kunst sein.
5.
Der fundamentale Antagonismus innerhalb des Bereichs der Kunst resultiert aus dem Konflikt zwischen einer Kunst, die den Titel einer apolitischen Schmiede neuer ästhetischer Formen für sich beansprucht, und der politischen Kunst.
Die oben beschriebenen Wirkungsmechanismen im Bereich sozialer Konflikte sind auch innerhalb des Bereichs der Kunst gültig. Der fundamentale Antagonismus innerhalb dieses Bereichs resultiert aus dem Konflikt zwischen einer Kunst, die den Titel einer apolitischen Schmiede neuer ästhetischer Formen für sich beansprucht, und der politischen Kunst. Die Erstere soll der individuellen Expression dienen, die spirituellen Erfahrungen des Individuums wiedergeben und die außerkünstlerische Wirklichkeit dokumentieren, ohne in ihre Abläufe einzugreifen. Die Kunst dieses Typus propagiert die Demontage, Dekonstruktion und Dekomposition sämtlicher Ideologien, Weltanschauungen und anderer kohärenter Narrative zugunsten der Unbestimmtheit des Lebens und eines Wirklichkeitspluralismus, der eine freie Wahlmöglichkeit garantieren soll. Die politische Kunst postuliert den Vorrang der Praxis des Lebens vor der Ästhetik und die Überlegenheit des Kollektiven über das Individuelle, sie betrachtet Existenzialismus und Spiritualität im Spannungsverhältnis zum Materialismus eines Systems der sozialen und ökonomischen Organisation, sie will gezielt in die außerkünstlerische Wirklichkeit eingreifen und – auf dem Wege der Überwindung sozialer Widersprüche, der Herbeiführung eines wirklichen Unterschieds und einer unumkehrbaren Transformation der Wirklichkeit – zur Schaffung einer universalisierten Zukunftsgesellschaft beitragen.
6.
Es gibt einen Teilsektor der gesellschaftlich orientierten Kunst, der unter dem Deckmantel einer linken Sensibilität für soziale Probleme in Wirklichkeit den existierenden gesellschaftlichen und künstlerischen Status quo reproduziert.
Die Interaktion zwischen den beiden genannten Richtungen hat eine Art Teilsektor der Kunst hervorgebracht, dessen Handlungen auf den gesellschaftlichen Raum ausgerichtet sind, der jedoch keine dauerhaften gesellschaftlichen Veränderungen bewirkt. Man kann diesen Teilsektor als fragmentarische Synthese ehemaliger Widersprüche im Bereich der Kunst ansehen: Widersprüche zwischen der postmodernen Kunst und der kritisch orientierten Kunst. Unter postmoderner Kunst verstehe ich jene Kunst, die eine Evokation der individualisierten, fragmentarisierten und ästhetisierten postmodernen Identität darstellt. Unter kritisch orientierter Kunst verstehe ich jene Kunst, die eine Evokation des postmodernen Konzepts des Widerstands gegen Machtverhältnisse auf dem Wege ihrer permanenten Dekomposition darstellt. Dieser Teilsektor hat sich in einem Syntheseprozess herausgebildet, in dessen Verlauf die kritisch orientierte Kunst die anthropologische These eines postmodernen Identitätskonzepts übernahm, während die postmoderne Kunst ihr Interesse vom Individuellen und Ästhetischen auf das Kollektive verlagerte und die Idee einer permanenten Dekomposition der Machtverhältnisse als Horizont ihrer eigenen gesellschaftlichen Praxis annahm. Die Existenz jenes Teilsektors erweckt den Eindruck, die Gegenwartskunst werde von der politischen Linken dominiert. Die Vielzahl von Aktionen, die sich mit Randgruppen beschäftigen, von Partizipationsprojekten, die die Beteiligung an demokratischen Prozessen fördern sollen, und von Maßnahmen zur Emanzipation unterdrückter Gruppen sollen als Beweis für eine linke Orientierung der Kunst dienen. Handelt es sich hierbei wirklich um linke Praktiken, und wird die Gegenwartskunst also tatsächlich von einer linken künstlerischen Gruppierung dominiert?
Linke Politik ist mehr als nur eine Reihe von Überzeugungen, die sich durch eine liberale Haltung gegenüber Fragen der Kultur und der Moral, durch eine ökonomische Fürsorge, die sich in der Vision des Wohlfahrtsstaats niederschlägt, und die Intuition, dass die staatlichen Institutionen als Hüter der individuellen Freiheit, der Einhaltung demokratischer Standards und der gerechten Verteilung des Wohlstands fungieren sollten. Linke Politik bedeutet in erster Linie die Unterstützung des Prozesses der Universalisierung der Gesellschaft (die Integration immer weiterer Merkmals-, Bedürfnis- und Interessenskonstellationen) durch die Herbeiführung eines wirklichen Unterschieds sowie durch die Provokation und Überwindung sozialer Antagonismen. In diesem Sinne sehe ich in jener auf den gesellschaftlichen Raum ausgerichteten Hauptströmung der Gegenwartskunst nicht mehr als ein gut gemeintes Bemühen der politischen Mitte, die Folgen der sozialen Verwüstung (dem Resultat zivilisatorischer Prozesse im Zusammenhang mit der gegenwärtigen kapitalistischen Revolution) mithilfe künstlerischer Handlungen abzuschwächen. Die Kunst wird nicht von der politischen Linken dominiert. Es herrscht dort vielmehr eine Art apolitischer Humanismus, der unter dem Deckmantel einer Verbesserung der Lebensqualität lediglich den gesellschaftlichen und künstlerischen Status quo reproduziert.
7.
Eine Unterbrechung des Prozesses der Reproduktion des gegenwärtigen gesellschaftlichen und künstlerischen Status quo im Teilsektor der gesellschaftlich orientierten Kunst erfordert eine Ausdehnung der künstlerischen Praxis durch ihre Verankerung in politischen Institutionen.
Warum zeichnet sich künstlerisches Handeln im gesellschaftlichen Raum durch wirkliches Engagement aus und ist doch nicht in der Lage, eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft zu bewirken? Weil der apolitische Humanismus der Künstler ihre Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen und politischen Institutionen verhindert, da sie in diesen eine Bedrohung ihrer künstlerischen Freiheit sehen. Man kann die genannten Institutionen jedoch auch als starke kollektive Subjekte begreifen, die das Potenzial haben, eine strukturelle Transformation der Wirklichkeit zu bewirken. Die Künstler sollten versuchen, ihre eigene Praxis auszudehnen, indem sie sie in derartigen Institutionen verankern. Sie sollten nach potenziellen Bündnispartnern aus dem Bereich der Politik suchen. Sie sollten Organisationen aus diesem Bereich beitreten. Ein Künstler, der die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen und politischen Organisationen verweigert, erklärt damit nur sein mangelndes Interesse an der Nachhaltigkeit künstlerischen Handelns. Die Einmaligkeit von Aktionen der gesellschaftlich engagierten Kunst ohne die strukturelle Unterstützung durch dauerhaft im Raum der gesellschaftlichen Praxis verankerte Institutionen verdammt sie zur Nichtexistenz.
8.
Die politische Einwirkung auf den Teilsektor der gesellschaftlich orientierten Kunst erfordert die Einbindung von Repräsentanten der politischen Rechten, das heißt gesellschaftlicher Hegemonen und aktiver Politiker.
Einer der Mechanismen, mit denen die gesellschaftlich orientierte Kunst den bestehenden gesellschaftlichen und künstlerischen Status quo reproduziert, ist die scharfe Grenzziehung zwischen Meinungen und Personen, die sich in den Rahmen der Political Correctness der apolitischen Kunst einfügen, und jenen, die keinen Zugang zu den durch diesen Rahmen vorgegebenen Meinungen und Praktiken haben. Die politische Einwirkung auf den Teilsektor der gesellschaftlich orientierten Kunst erfordert die Einbindung von Individuen, Gruppen und Kunstschaffenden, die bisher nicht von ihr berücksichtigt wurden, darunter die Repräsentanten der (weltlichen und religiösen) politischen Rechten: Nationalisten, Integralisten und die sogenannten Populisten und Radikalen sowie anderer Personen und Gruppen, die außerhalb der Political Correctness der Kunst und der vorherrschenden Wahrnehmung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung stehen. Die Gegenwartskunst hat die politische Rechte ausgegrenzt. Ebenso notwendig ist die Einbindung von Personen, die als Ausgrenzende wahrgenommen werden (d. h. Hegemonen, Personen, die einen hohen symbolischen und/oder ökonomischen Status genießen). Die Gegenwartskunst hat Methoden zur Subjektivierung der Ausgegrenzten und zur Linderung des Schmerzes der Unterdrückten entwickelt, doch sie scheut davor zurück, jene zu erziehen, die ausgrenzende und unterdrückende Handlungen verüben, dabei sind sie es, die eine Intervention vonseiten der Kunst am dringendsten benötigen. Die Gegenwartskunst hat die Ausgrenzenden ausgegrenzt. Dies betrifft auch aktive Politiker. Kunst sollte Politik sein, in dem Sinne, dass sie den Status quo im Bereich der Kunst infrage stellt, die Trennung zwischen dem Bereich der Kunst und anderen Bereichen aufhebt und den Status quo in anderen Bereichen als dem der Kunst infrage stellt – auf dem Wege einer langfristigen und erkennbaren Einflussnahme auf die Wirklichkeit des individuellen und kollektiven Lebens. Doch sie sollte auch der Politik im engeren Sinne entgegenkommen – als einer Praxis zur Regulierung des Lebens mithilfe der Formulierung von Gesetzen und Richtlinien für das alltägliche Handeln. Sie sollte die Last auf sich nehmen, einen Einfluss auf die Wirklichkeit auszuüben: durch die Einwirkung auf Politiker, die Verifizierung politischer Thesen und die Formulierung politischer Alternativen. An dieser Stelle mögen Zweifel an der Kompetenz der Kunst und ihrer Legitimation zum Eingriff in den Bereich der Politik aufkommen. Diese Zweifel suggerieren, dass die politische Praxis eine spezialisierte, vom Alltag des individuellen und kollektiven Lebens abstrahierte Handlungsweise darstellt. Jeder Künstler ist ein Bürger, und jeder Bürger verfügt über eine politische Kompetenz, die er sich durch die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erworben hat – einer Wirklichkeit, die durch Richtlinien organisiert ist, die im Bereich der aktiven Politik definiert wurden. Die gesellschaftliche Legitimation zum Eingriff in jenen Bereich sollte sich aus einer Veränderung im gesellschaftlichen Bild der Kunst, einer Neuverortung der Kunst im Bereich sozialer Konflikte und im Bereich der Politik sowie einem Wechsel des künstlerischen Paradigmas (das sich gegenwärtig einer überheblichen Apolitizität rühmt) ableiten.
9.
Das auf Präsentation und Repräsentation basierende Paradigma der Kunst sollte durch ein Paradigma ersetzt werden, das auf einer wirklichen, langfristigen und erkennbaren Einflussnahme auf die Wirklichkeit basiert. Die Gegenwartskunst basiert auf Präsentation und Repräsentation. Die Repräsentation der Wirklichkeit wird in Form von Artefakten präsentiert. Aus diesem Grunde haben wir gesagt, dass die Materie der Kunst Filme, Aktionen oder Installationen sind, die – dies sei hinzugefügt – sich auf etwas außerhalb ihrer selbst beziehen sollen. Dies bedeutet nicht, dass die Gegenwartskunst nicht auch andere Parameter (z. B. den Parameter der Veränderung der Wirklichkeit, der Verbesserung des Lebens von Individuen und Gruppen usw.) berücksichtigen würde. Ihr Endprodukt ist jedoch die Darstellung eines Prozesses in Gestalt eines Artefakts, das zum Gegenstand ästhetischer und marktwirtschaftlicher Bewertung wird. Das Ziel von Kunstinstitutionen ist die Herstellung und Präsentation von Artefakten, die sich auf die außerkünstlerische Wirklichkeit beziehen, das Ziel der Kunstkritik ist die ästhetische Analyse und Bewertung einmaliger Kunstprodukte.
Dieses Paradigma muss verändert werden. Die Materie der Kunst sollte das individuelle und kollektive Leben sein, ihr wichtigster Parameter die wirkliche, langfristige und erkennbare Einflussnahme auf die Wirklichkeit, ihr Bewertungskriterium die Qualität der hergestellten sozialen Bindungen, die als Beleg für die Richtigkeit der Lokalisierung sozialer Widersprüche und die erfolgreiche Umsetzung von Szenarien zu ihrer Überwindung gelten kann.
10.
Das Wesen der Kunst ist die ständige Erneuerung der Wahrhaftigkeit ihres eigenen Ziels.
Dieses Postulat, das im Grunde sämtliche zuvor formulierten Appelle in sich enthält, stößt möglicherweise auf Gegenargumente mit dem Verweis auf historische Parallelen. Wann immer heute vom politischen Charakter der Kunst, von ihrer sozialen Funktion, von ihren gesellschaftlichen Aufgaben und so weiter die Rede ist, wird sofort argumentiert, dies sei eine Wiederholung von Parolen, wie sie zum Beispiel in den 1970er-Jahren gängig waren. Mit dieser historischen Analogie sollen die erhobenen Forderungen entkräftet werden, denn nach der heute gültigen Definition beruht die Aufgabe der Kunst auf der Hervorbringung immer neuer künstlerischer Formen mit immer neuen künstlerischen Inhalten – als Antwort auf immer neue individuelle und kollektive Probleme. Diese Auffassung von Kunst ist falsch.
Der Theaterkünstler Thomas Richards wurde einmal gefragt, warum in seinen performativen Inszenierungen immer wieder die gleichen Formen und Handlungsabläufe wiederholt werden. Warum man – der Logik der Gegenwartskunst folgend, die jedes Mal etwas Neues fordert – den Eindruck gewinnt, er tue immer dasselbe. Richards hat darauf geantwortet, er habe dank seiner künstlerischen Praxis herausgefunden, welche Handlungsabläufe am besten dazu geeignet sind, das seiner Kunst vorschwebende Ziel zu erreichen. Und er hat hinzugefügt, ebenso gut könne man einem Yogi vorwerfen, er wiederhole immer die gleichen Positionen.
Das Wesen der Kunst ist nicht die Hervorbringung immer neuer künstlerischer Formen, sondern die unablässige Erneuerung der Wahrhaftigkeit ihres Ziels. Und dieses Ziel ist die tatsächliche Einflussnahme auf die Wirklichkeit. Davon war bereits die Rede. Die Wiederholbarkeit von Forderungen bezüglich der Kunst ist ein Garant für die Erneuerbarkeit der Wahrhaftigkeit ihres Ziels. Fortschritt ist ein Merkmal der Wirklichkeit. Auch davon war bereits die Rede. Fortschritt in der Kunst basiert auf ihrer Unterstützung des Fortschritts in der Wirklichkeit. Das oberste programmatische Ziel der Kunst ist die konsequente, kontinuierliche Arbeit zugunsten der Schaffung eines neuen künstlerisch-gesellschaftlichen Paradigmas – die Herbeiführung eines wirklichen Unterschieds und eines unumkehrbaren Wandels hin zu einer universalisierten Gesellschaft. Ein solcher Anspruch kann sich nur dann erfüllen, wenn die Kunst nicht davor zurückschreckt, sich »nichtkünstlerischer« Gattungen, Instrumente und Personen zu bedienen. Jeder Künstler sollte sich selbst zu den folgenden Themen befragen: zur Wirkung seiner Kunst auf das eigene Leben (Wie verändert sich dein Leben angesichts deiner künstlerischen Handlung? Was verändert sich konkret? Bis zu welchem Grad? Wird diese Veränderung unumkehrbar und dauerhaft sein?); zur Wirkung seiner Kunst auf die unmittelbaren Rezipienten (Welchen Effekt wird dein künstlerisches Handeln auf den Beobachter haben? Was wird sich in seinem Leben konkret verändern?); zur Wirkung auf die Umgebung (Welche sichtbaren Veränderungen bewirkt dein künstlerisches Handeln in deiner Umgebung? Wird es eine dauerhafte Veränderung sein? Wird es möglich sein, sie zu ignorieren oder sie leicht wieder rückgängig zu machen?); zur Wirkung auf die mittelbaren Rezipienten, auf ganze soziale Gruppen oder auf die gesamte Gesellschaft (Hat dein künstlerisches Handeln einen wahrnehmbaren und dauerhaften Einfluss auf die Gesellschaft? Zeichnen sich hinsichtlich der angestrebten Resultate deines Handelns Möglichkeiten ab, Unzulänglichkeiten z. B. im Rechtssystem zu korrigieren? Solltest du Politiker mit diesen Resultaten vertraut machen? Wen solltest du mit ihnen vertraut machen? Wer ist der am weitesten entfernte vorgestellte Adressat deines künstlerischen Handelns? Und du selbst? Wen repräsentierst du mit deinem künstlerischen Handeln? Die Werte welcher sozialen Gruppe? Welcher Lobby oder Interessengruppe?). Ist es nur ein Zufall, wenn wir von der Zukunft sagen, sie zeichne sich ab?
Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau
Dieser Text erschien anlässlich der Publikation „Forget Fear“ der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst (27. April – 1. Juli 2012), hrsg. von Artur .Zmijewski und Joanna Warsza, Köln 2012, S. 378–393.
]]>