define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Hitler_Adolf – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Tue, 31 May 2016 17:35:46 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Globalisierung: Das Ende der Modernen Kunst? https://whtsnxt.net/168 Thu, 12 Sep 2013 12:42:49 +0000 http://whtsnxt.net/globalisierung-das-ende-der-modernen-kunst/ Wie New York die moderne Kunst gestohlen hat. Abstrakter Expressionismus, Freiheit und kalter Krieg (1983) ist der Titel von Serge Guilbauts berühmtem Buch. Die Frage lautet heute jedoch nicht etwa wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat, sondern warum. Die Antwort ist, dass New York dadurch die Macht und die Monopolstellung erlangte, um die Kunst der Moderne zu kanonisieren. Das Schema war denkbar einfach: Alles was Hitler hasste, wurde gute, moderne Kunst. So ist auch in dem Buch Deutsche Kunst in New York (Gregor Langfeld, 2011), zu lesen, dass die Arbeiten deutscher Bewegungen wie des Expressionismus, Bauhaus oder der abstrakten Kunst (Kandinsky, Klee, etc.) in privaten Galerien und im MoMA, NY als jene Kunst ausgestellt wurde, die Hitler verachtete und die er unter dem Begriff ‚entartete Kunst’ zusammenfasste. Im Katalog der Ausstellung German Art of the 20th Century 1957 des MoMA wurde klar formuliert, dass nur im Westen die Kunst als Ausdruck von Freiheit und Individualität existiere. Zeitgleich pries man im Rahmen der Darmstädter Gespräche, 1950-1975, den Abstrakten Expressionismus als einziges Ausdrucksmittel von Demokratie und Freiheit. Die Inanspruchnahme des Abstrakten Expressionismus als Waffe im Kalten Krieg wurde von Eva Cockcroft (Abstract Expressionism as Weapon of the Cold War, Art Forum, vol. 15, no. 10, June 1974) in ihrem berühmten Artikel analysiert.
Die politische Ideologie des westlichen Kapitalismus und die Rhetorik des Kalten Krieges, nicht etwa die Ästhetik, dienten als Grundlage und Legitimation für den Erfolg der Kunst der Moderne. Der Realismus in der Kunst wurde totalitaristischen Systemen wie dem Kommunismus oder Faschismus zugeschrieben. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges war die moderne Kunst daher durch eine ideologische Blase geschützt, die jede Kritik verhinderte. Angesichts der Auswirkungen der Globalisierung und dem Fall der Berliner Mauer 1989, der das Ende des Kalten Krieges markiert, scheint nun jedoch eine Kritik der Kunst der Moderne möglich, die über den euro-amerikanischen Blickwinkel hinausreicht. Wir erkennen, dass sich nunmehr durch die Auswirkungen der Globalisierung eine neue Landkarte der Kunst ergibt.
Neue Kontinente und Länder, von der asiatischen bis zur arabischen Welt finden in die Welt der Kunst Eintritt. Mit dieser Erweiterung des Blickwinkels erfährt jedoch nicht nur die Kartografie der Kunst neue Zuordnungen, die Kunst an sich wird umgeschrieben. Der Kanon moderner Kunst, der mehr oder weniger mit der europäisch-nordamerikanischen Achse des Westens verbunden war, beginnt sich aufzulösen. Vielleicht müssen wir uns an der Schwelle des 21. Jahrhunderts von der Epoche der Kunst der Moderne verabschieden, wie der angesehene Kunsthistoriker T. J. Clark (Farewell to an Idea: Episodes from a History of Modernism, 1999) es bereits erklärt hat.
Wir können zumindest einige Veränderungen in der modernen Kunst beobachten und benennen. Der Ausgangspunkt dieses Wandels ist die Tatsache, dass in der globalen Kunstwelt nicht länger von ‚modern’ sondern ‚zeitgenössisch’ die Rede ist. Von Museumsnamen bis zu Titeln von Auktionskatalogen wurde der Begriff ’modern’ durch ‚Gegenwart bzw. zeitgenössisch’ ersetzt. So wies Tino Sehgal mit seinem feinen Gespür für den Zeitgeist seine Darsteller für den deutschen Pavillon im Rahmen der Biennale in Venedig 2009 an, jeden Besucher mit den gesungenen Worten: „Oh, this is so contemporary!“ zu begrüßen. Sie riefen nicht etwa: „Oh, this is so modern!“ Wir können kaum behaupten, dass die jetzt in Asien oder Afrika produzierte Kunst in Übereinstimmung mit dem westlichen Kanon modern ist. Wir können jedoch mit Sicherheit sagen, dass diese Kunst zeitgenössisch ist. Über zeitgenössische und nicht moderne Kunst zu reden ist bereits die Folge eines globalen Wandels.
Die Globalisierung hat aber nicht, wie viele glauben, erst in den 1980er Jahren begonnen. Sie nahm vielmehr schon um 1492 mit der Entdeckung der Neuen Welt ihren Anfang. Das erste Manifest gegen die Globalisierung ist das Kommunistische Manifest von Marx und Engels (1848): „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.“ (Manifest der Kommunistischen Partei, Kapitel 1).
Die Kolonisation als Teil der Globalisierung führte zur Entdeckung ethnischer Kunst, insbesondere im 19. Jahrhundert. In der Folge interessierte man sich zunehmend für die visuelle Formensprache von afrikanischer Stammeskunst. Bücher wie Negerplastik von Carl Einstein (1920) und andere aus der gleichen Epoche wie zum Beispiel Afrikanische Plastik (1921) und Afrikanische Märchen und Legenden (1925) zeigen, wie dieses Interesse den Aufstieg der Kunst der Moderne vom Kubismus bis zum Expressionismus und Surrealismus mitermöglichte. Eine weitere Quelle für die Entstehung moderner Kunst war der dunkle Spiritualismus (siehe die Kataloge der Ausstellungen Traces du Sacré, Centre Pompidou, Paris [2008] und The Spiritual in Art: Abstract Painting 1890-1985, Los Angeles County Museum of Art [1987]). Das Resultat dieser Einflüsse war das Ende der darstellenden und klassischen Kunst und der Beginn der modernen Kunst.
Um 1913 wurde das klassische Programm der Kunst, wie es von Leonardo da Vinci als „Sichtbarmachung des universalen Wesens der Dinge“ mit den Mitteln der Wissenschaft der Malerei unter Verwendung von Linie, Fläche, Volumen, Schatten und Licht definiert wurde, abgelöst. Die Notwendigkeit, die sichtbare Welt darzustellen, wurde für beendet erklärt. Die eine Denkrichtung verbannte das Objekt vollständig von der Leinwand und beschränkte sich auf die formalen Elemente des Bildes (Linien, Punkte, Flächen…). Die Darstellung der malerischen Mittel, die mit Kasimir Malewitsch begann und mit Wassily Kandinskys Buch ihren programmatischen Titel (1926) fand, ist das was wir als abstrakte Kunst bezeichnen, die von da an die Malerei und Bildhauerei des 20. Jahrhunderts beherrschte. Eine andere künstlerische Bewegung postulierte jedoch das völlige Gegenteil: Diese Schule begann mit Marcel Duchamp den tatsächlichen Gegenstand in die Welt der Kunst einzuführen. Die Darstellung von Realität wurde für obsolet erklärt. Anstatt dessen folgten zwei verschiedene, gar gegensätzliche Darstellungsstrategien: die Darstellung der künstlerischen Mittel und die Darstellung von Dingen. Das Objekt als malerische Darstellung wurde verbannt und das reale Objekt eingeführt. Zwischen diesen beiden Positionen, dieser binären Opposition, fand die moderne Kunst statt und entwickelte sich. Alles was zuvor Darstellung war wurde durch Realität ersetzt: gemalte Landschaften wurden zu Land Art; gemalte Stillleben zu Collagen, Assemblagen, Installationen, Environments von realen Dingen; gemalte Porträts wurden zu Body Art; die Genremalerei entwickelte sich zu Performances, Ereignissen, Happenings; gemalte Wasserfälle wurden durch ‚echte’, künstliche Wasserfälle ersetzt und gemaltes Feuer durch echtes Feuer. Echte Luft, echte Erde und echte Tiere wurden ausgestellt und schließlich auch echte Menschen. Das klassische Programm der Kunst als Darstellung der Welt fand mit der modernen Kunst ihr Ende. Die Darstellung wurde vollständig durch Wirklichkeit ersetzt, durch die realen Bestandteile der Darstellung oder die Realität der Dinge.
Im 20. Jahrhundert entwickelte sich allmählich eine dritte Denkrichtung, die mit der Fotografie begann – die Realität der Medien. Diese Schule widersprach der Doktrin der modernen Kunst, da Fotografie, Film und Video weiterhin darstellende Medien waren, obwohl sie mit echten Dingen und Menschen in Installationen verbunden werden konnten. Insofern waren die neuen Medien bestens geeignet, die Doktrin moderner Kunst zu verändern. Die Medienkunst schrieb die Kunst der Moderne neu, indem die Kluft zwischen der Darstellung künstlerischer Mittel und der Darstellung von Objekten überbrückt wurde. Es entstand eine neue Realität: die Medienrealität.
Die stille Vorherrschaft der Fotografie war in der Kunst des 20. Jahrhunderts ganz offenkundig das einflussreichste Paradigma. Berühmte Maler wie Francis Bacon, Gerhard Richter oder Andy Warhol haben Fotografien gemalt oder ihre Bilder aus Fotografien abgeleitet. Von Constantin Brancusi und Man Ray bis zu Erwin Wurm, wurden Bildhauer durch die Fotografie beeinflusst. Fotografische Dokumente sind die Überbleibsel der Land Art, der Performancekunst und anderer Genres. Die Fotografie war der Beginn einer langen Reihe neuer technologischer Bildermedien: Film, Video, Fernsehen, Computer. Das neue Paradigma der Kunst des 21. Jahrhunderts ist das globale Netz, insbesondere nach der Web 2.0 Revolution: Jeder hat jederzeit Zugang zu allen Medien. „Anybody anything anytime anywhere“ lautet der neue Imperativ des neuen, digitalen Zeitalters (siehe die Veröffentlichung einer Reihe von Büchern von Cynthia Davidson unter den Titeln Anywise [1996], Anybody [1997], Anyhow [1998], Anytime [1999], Anymore [2000] und Anything [2001]). Das Medienerleben ist universal. „Die magischen Kanäle – Understanding Media“ (M. McLuhan, 1964, dt.1994) ist die Grundvoraussetzung für das Verstehen von Welt. Wir erleben die Welt durch Medien. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (N. Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen: Westdeutscher Verlag. 2. erw. Ausgabe 1996. S. 9). Mit einem iPod kann jeder sein eigenes Radioprogramm zusammenstellen: Podcasting statt Broadcasting. Durch Video-Casting kann jeder sein eigenes Fernsehprogramm gestalten und durch das Netz wird jeder zum Sender.
Der Einzug der neuen Medien, neuer Materialien und neuer Technologien hat auf die zeitgenössische Kunstproduktion einen enormen Einfluss gehabt. Jenseits des Marktes und der Museen hat eine Massen-Generation junger Künstler, Designer und Architekten weltweit eine neue Kultur kreiert, neue visuelle und akustische Welten in einer neuen Architektur. Diese Produktionen werden gewöhnlich von Kunstinstitutionen unterdrückt, daher hat die allgemeine Öffentlichkeit oftmals keine Ahnung was zeitgenössische Kunst eigentlich ist. Zeitgenössische Künstler aus der ganzen Welt, von Chile bis China, arbeiten mit allen Medien. Es wäre nicht richtig, ein Medium (das Bild) auf Kosten des anderen (Computer) zu vernachlässigen. Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst sollte daher alle Medien, Genres und Disziplinen umfassen – von Klangkunst bis zur Performancekunst, von der Installation bis zum Gemälde, von der Skulptur bis zur Netzkunst – sowie alle gegenwärtigen Formen von zeit- und raumbasierter Kunst, denn zeitgenössische Künstler haben ihre Ausdrucksmittel in alle Richtungen und auf alle Medien erweitert. Die Gleichwertigkeit von Materialien und Medien ist die künstlerische Gleichung unserer Zeit. Diese Gleichberechtigung der Medien kann auch als postmediale Bedingung definiert werden, da heute alles ein Medium ist, vom Auto bis zum Gemälde. Der Triumph der Medien ist nicht die Existenz einer neuen Medienkunst, sondern ihr Einfluss und ihre Auswirkungen auf die klassische Kunst, von der Malerei bis zur Skulptur (R. Krauss, A Voyage on the North Sea, 2000, dt. 2008). Die postmediale Bedingung ist durch zwei Phasen gekennzeichnet: die Gleichwertigkeit aller Medien und die Vermengung von Medien.
Am Ende des 20. Jahrhunderts und nach einem Kampf, der hundert Jahre währte, war die Gleichberechtigung aller Medien schließlich erreicht. Die Medienkunst, von der Fotografie bis zum Film, ist seitdem als eigenständiges, künstlerisches Medium von Kunstsammlern, Kuratoren und Museen akzeptiert. In dieser Phase hat jedes Medium sein eigenes, intrinsisches Material sowie konzeptuelle Merkmale und Möglichkeiten entwickelt. Die Malerei hat mit Fließ- und Dripping-Techniken den ihr inhärenten Wert von Farbe gezeigt. Die Fotografie hat ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, die Objektwelt auf realistische Weise abzubilden. Der Film hat seine narrativen Möglichkeiten offenbart. Die Videokunst hat ihre kritische Subversion des Massenmediums Fernsehen gezeigt. Und die digitale Kunst hat ihr Vorstellungsvermögen im Hinblick auf virtuelle Welten bewiesen. Diese Phase ist mehr oder weniger abgeschlossen.
Die zweite, jetzt stattfindende Phase ist das Mixen und Kreuzen von Medien. Die Videokunst bedient sich zum Beispiel auf brillante Weise der narrativen Kraft des Films indem sie Mehrfachprojektionen anstatt eines einzelnen Bildschirms einsetzt und so eine Geschichte zeitgleich aus vielen und nicht nur einer Perspektive erzählt. Videokünstler entwickeln eine starke Beziehung zu den Massenmedien. Sie verweisen auf Hollywood-Stars und Hollywood-Genres. Die Massenmedien spielen eine neue Rolle in der Videokunst. Die Grenze zwischen Kunst und Film verschwimmt. Kunst als Film und Film als Kunst lassen ein neues Genre entstehen. Mit der Verfügbarkeit von neuen Digitalkameras und Grafikprogrammen erfindet die Fotografie virtuelle, zuvor nicht gesehene Welten und lässt die reale Welt hinter sich. Eine Skulptur kann aus einem Foto oder einem Videoband bestehen, sie kann in jedem Medium ihren Ausdruck finden: Fotografie, Video oder Sprache. Sprache auf LED-Bildschirmen kann ein Bild, ein Buch und eine Skulptur sein. Video- und Computerinstallationen können Literatur, Architektur oder Skulptur sein. Fotografie und Videokunst, die ursprünglich auf zwei Dimensionen begrenzt waren, nehmen nun in Installationen räumliche und skulpturale Dimensionen an. Die Malerei verweist auf die Fotografie oder digitale Grafikprogramme und bedient sich beider.
Computergrafikprogramme werden Zeichenprogramme genannt, da sie sich auf das Zeichnen bzw. Malen beziehen. Im Film tritt zunehmend ein dokumentarischer Realismus in den Vordergrund, der seine Kritik der Massenmedien aus der Videokunst bezieht. Das Netz versorgt in seinen Chatrooms alle Medien mit Dialogen und Texten. Das Netz kann sich selbst generierende Bilder und Wörter produzieren. Diese Vermischung der Medien hat zu bedeutenden Entwicklungen in den einzelnen Medien und in der Kunst geführt. Kein einzelnes Medium hat noch die Vorherrschaft; vielmehr beeinflussen und bestimmen alle verschiedenen Medien einander. Das ganze Spektrum aller Medienformen bildet ein universales Medium. Die meisten künstlerischen Techniken sind nicht länger der Aufgabe untergeordnet die Realität darzustellen sondern beziehen sich auf die Medien. Ein Großteil der künstlerischen Arbeiten beruht auf dem Einsatz von Medien, die sich auf andere Medien beziehen. Bezugnahmen sind anstelle von Realität getreten. Diese Tendenz muss natürlich eine Gegenbewegung hervorbringen: eine Reinszenierung von Realität, eine Neugestaltung historischer Ereignisse, ein Wiedereintreten der Geschichte in die Gegenwart. Die Realitätsprüfung ist ebenfalls Teil der künstlerischen Praxis der Gegenwart.
Lautete die dominante Gleichung für die Kunst des 20. Jahrhunderts: „Maschinen, Materialien, Menschen“, so der Titel eines Vortrags des Architekten F. L. Wright 1930, lautet die Gleichung für die Kunst des 21. Jahrhunderts: „Medien, Daten, Menschen“ (P. Weibel). Vorbei ist sowohl mit der Selbstdarstellung der Darstellungsmittel als auch mit der Selbstdarstellung der Dinge. Die Medienkunst als Schnittstelle zwischen Menschen und Welt errichtet eine Welt aus Variablen, die von Menschen veränderbar und beeinflussbar ist. Die Arbeit des Künstlers nähert sich so der des Naturwissenschaftlers. Wie dieser verfügt der Medienkünstler über eine spezifische Kompetenz, wie der Chirurg, der Chemiker, der Mathematiker, der Physiker, die ihn vom Amateur unterscheidet. Der von den Dadaisten und anderen propagierte Aufstieg der Amateure ist realisiert worden. Die Amateure besetzen das Feld der Politik und der Populärkultur. Im Zeichen von Reality-TV verelendet das Programm Realitätskunst. Die Formen der Abstraktion sind vom Heroischen und Sublimen in die Muster der Mode abgesunken. Es herrscht daher in der Massenkultur wie in der Kunst (als Folge der Bifurkation in Abstraktions- und Realitätskunst) allenthalben die Verklärung des Banalen und Trivialen (A. C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen, 1984). Einzig die Medienkünste haben die Ansätze der Renaissance aufgenommen, verändert und erweitert, um die Künste wieder zu einem Feld des individuellen Wissens zu machen. Dies spielt in den Wissensbäumen und -räumen einer zweiten Aufklärung eine Rolle, die in einer zunehmend bürokratisierten, global vernetzten Welt notwendig wird, deren Krisen (von der Finanz- bis zur Klimakrise) den hohen Grad der Inkompetenz im Zentrum unserer Zivilisation bezeugen.
Die moderne Kunst, die moderne Welt und die kapitalistische Welt-Ökonomie stehen zu einander in einer logischen Verbindung. Die Ausbildung des „modern world system“ und der „capitalist world-economy“ hat Immanuel Wallerstein in mehreren Büchern aufgezeigt (World Inequality. Origins and Perspectives on the World System, 1975; The Politics of the World-Economy, 1984; The Modern World-System, 1974-89; Der historische Kapitalismus, 1984). Das moderne Weltsystem ist die kapitalistische Welt-Ökonomie als Folge der europäischen Expansion. Die kapitalistische Welt-Ökonomie entstand im 16. Jahrhundert in Europa, aufgebaut auf der Akkumulation von Kapital, auf Mechanismen der Ungleichheit (ungleicher Tausch) und der Arbeitsteilung. Ethnisierung der Weltarbeitskraft, die Errichtung einer Korrelation zwischen Ethnizität und ökonomischer Rolle – zum Beispiel auf internationaler Ebene geringe Löhne für nichteuropäische, asiatische oder afrikanische Arbeiter, oder auf nationaler Ebene für Immigranten – ist für das Funktionieren der Weltwirtschaft enorm wichtig. Die sichtbare Zuordnung von Arbeitskraft und ethnischen Gruppen lieferte den Code für die Einkommensverteilung, legitimiert durch Berufung auf „Traditionen“, die in Wirklichkeit sozial konstruiert waren. Dieser institutionalisierte Rassismus, der über Xenophobie hinausgeht, ist eine der signifikantesten Säulen des historischen Kapitalismus. Rassismus diente als allumfassende Ideologie zur Rechtfertigung von Ungleichheit (W. E. B. Dubois, The Philadelphia Negro: A Social Study, 1899).
Die zweite, wichtige Ideologie für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus ist die Ideologie des Universalismus. „Der Glaube an Universalismus war der Grundstein für das ideologische Gewölbe des historischen Kapitalismus.“ Während die Ideologie des Rassismus als Mechanismus zur weltweiten Kontrolle der direkten Produzenten, der Arbeiter, diente, ermöglichte die Ideologie des Universalismus die Kontrolle der Bourgeoisie. Das Konzept einer neutralen, universellen Kultur, der sich die Führungskader der jeweiligen Staaten anglichen, diente als Säule des Weltsystems. Fortschritts- und Modernisierungsideologie unterstützten diese Ideensammlung zur Standardisierung. Universelle Kultur, Kenntnis der gleichen Sprachen, literarischen und visuellen Werke, wurde das brüderliche Erkennungszeichen der Kapitalakkumulierenden der Welt. Für die Durchsetzung des historischen Kapitalismus ist das Konzept einer universalen Kultur, an die man sich zu assimilieren habe, äußerst hilfreich. Es garantiert weltweite Absatzmärkte für standardisierte Waren, auch in der Unterhaltungs- und Kulturindustrie, zum Beispiel den weltweiten Vertrieb von US-Filmen. Der Universalismus dient also der Kolonialisierung und der Knechtschaft.
Die Moderne, die moderne Kunst, war Teil der europäischen Expansion, Teil der expansiven Universalideologie, Teil der Fortschrittsideologie des historischen Kapitalismus. Die euro-zentrische Kultur als Teil des kapitalistischen Welt-Systems, das um 1500 in Europa entstand, wird zunehmend von den kolonisierten Ländern in Frage gestellt. Von den Möglichkeiten einer schrittweisen Transformierung der Kultur dieses kapitalistischen Weltsystems und den dabei auftretenden Schwierigkeiten und Widersprüchen, wie auch von den Möglichkeiten der Entwicklung eines Verständnisses für andere Kulturen und deren Egalität, handelt die zeitgenössische Kunst im globalen Zeitalter.

Wiederabdruck
Der Text erschien zuerst unter http://blog.zkm.de/blog/editorial/globalisierung-das-ende-der-kunst-der-moderne/ [18.2.2013].

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Active Resistance To Propaganda https://whtsnxt.net/170 Thu, 12 Sep 2013 12:42:49 +0000 http://whtsnxt.net/active-resistance-to-propaganda/ I make the great claim for my manifesto, that it penetrates to the root of the human predicament and offers the underlying solution. We have the choice to become more cultivated and therefore more human – or by muddling along as usual we shall remain the destructive and self-destroying animal, the victim of our own cleverness (To be or not to be).

Among the travellers who accompany Active Resistance are:
Alice

Pinocchio
Art Lover (an anthropologist)
True Poet (an alchemist)

Our journey to find art will show that art gives culture and that culture is the antidote to propaganda.

AR
Dear Friends, We all love art and some of you claim to be artists. Without judges there is  no art. She only exists when we know her. Does she exist? The answer to this question is of vital importance because if art is alive the world will change. No art, no true progress.
We must find out; go in search of her. – But wait! Who is this with fire-cracking smouldering pigtails, gold teeth and a brace of flintlocks in his belt? He is a pirate. – And what does his t-shirt say? – I love crap. 

Pirate hands Active Resistance a Hawaiian garland of plastic flowers.

Pirate
Leave everything to me. I plunder for you. Stick with me and you might get a share of the bounty. My name is Progress.

AR
But you have stolen imagination. There is hardly anyone left now who believes in a better world. What is the future of unlimited profit in a finite world?

Pirate Progress
I like you artistic lot. But, trust me or not, I’ll take you with me if I go down. We’ll all burn together. 

Film clip, close up. the pigtails burst into flames and with a “Ha-haagh!“ the Pirate disappears in a pall of smoke followed by black night.

AR
He is not Progress. Sir Morgan Mammon stole the name and the Pirate works for him.

The defiant face of Pirate Progress appears and disappears like the Cheshire Cat. Light returns. 

20th century progress was a bad idea. Smash the past and the future will take care of itself. Follow the trend, keep up with the times. Artists and intellectuals jumped on the bandwagon. Progress and future were automatically linked. March on! Don’t stop to think. You have nothing to lose but your chains.

Pinocchio
Now that I have become a boy I want to be a freedom-fighter.

Sir Morgan Mammon
Music to my ears! More freedom, more consumption. 

Pinocchio
No! Freedom to think for yourself, don’t believe everything you’re told! Consumption is propaganda – I want to fight propaganda.

AR
Culture is the antidote to propaganda.

Alice
Pinocchio, if you try to free yourself from the past completely, you drop the stuffy ideas and the good ideas. You throw out the baby with the bathwater. The only thing is hey kept a bit of the dirty bathwater and they’ve been piddling about in it ever since.

True Poet
The present is always the present moment of the past. We are the past. Art links past, present and future. Cut off from the past there is only habit. 

Art Lover
We have lost touch with ourselves. Only the art lover stays in touch with ideas. I shall write a book, ‘The Art Lover and the Lost Generations’. 

Beautiful Slavegirl
To progress or advance in any way you must know what is your end or purpose. For example, money is not an end but a means to an end. And for this reason, I shall be set free.
I am so happy! I am the famous Rhodopis (Rosycheeks). My master made a fortune from selling my body but now my lover will pay a vast ransom, – even more than my future earnings could be. Oh, Liberty! I thought you were my end, but now, I see you are just a beginning. Can I be happy when the other slaves don’t have a beginning? The only true End must be Happiness – but not just for one person. I see now that progress can be an end without limit for there is always a better way of living. And though we may progress towards greater happiness, as an end it will always escape us, and a good thing too, because if we ever reach Paradise we’ll all be dead. 

AR
Aristotle took the practical view that the essence of any object lay in its end or purpose. If that could be discovered and realised then that constituted the true meaning or ‘happiness’ of that object – or person. I feel our end is to live in harmony with Gaia. This will happen when we each discover our deep interest.

Dryad of the Rainforest
How can humans be happy? For every tree they cut down a future child dies and there are more trees than children. Some people know these things but they plan to end the forest in one generation. (Nobody hears her…)

Pinocchio
Hey, Aristotle! He’s the chief who said that most slaves were happy for being told what to do. But you’ve got to give people the chance.

Child Slaveboy
A slave is not a person but a thing. A thing can be something like a car, or a hammer, as well as a slave. Soul-destroying, to put it in a nutshell. But my mother told me how to survive. I must try to understand the world and that way I don’t lose my soul, I know who I am. When she said goodbye, she said, “Love Liberty, but forget the key, for the key turns only once. I love you.“

Alice
She was your mirror. Her love showed you Yourself. She believed in you. The key is the key to your character. Aristotle said that character is a person’s habit of moral choice.

True Poet
This brave child who is capable of experience will find himself in a different world in every decade of his life, seeing it with different eyes and his outlook on life continually renewed. We are more privileged. As art lovers we have a more vast and intense experience. We see through the eyes of the artists who lived before us, all those very different views of the world throughout time, which we concentrate into our own existence: knowledge of life through an artist’s knowledge of life.

Alice
No mirror is big enough to show us the world, but art can.

Art Lover
(telling Pinocchio) Art cannot imitate life directly: it does it by representation as in a microcosm. The microcosm, which means small world, comes from primitive ritual. They made a man king for a year, then killed him to symbolize the destruction of the old world, then they made a new world from his butchered body – all inside a fenced-off area, a kind of magic circle; for example they took his eyes and said, this is the sun, this is the moon. The idea was that the small world was a pattern for the big one and that by controlling the small world you would have magical power over the exterior world, the macrocosm.

Pinocchio
Gotcha! Artists make small worlds.

Art Lover
And this small world imitates the real world. This is something humans do – we transform the world into something small so that it is within our scope to understand. All our concepts are put together from abstractions – symbols to work things out – for example, words, numbers; we can understand a model because we get an overview, then we can project it back onto the real world.
Art makes us feel the world can make sense – the satisfaction of something understood. And this piece of art, this slice of life, is a whole thing – because it is separate from the world and therefore complete. (Like the microcosm we fence it off – in a book, in a frame, on a stage). We have power over it because it is whole. It is the only time we’re in complete control, otherwise the world passes us by. That’s why we need art; crave it through all the generations. 

Alice
(to Pinocchio) I love the idea of concentrating myself into a small complete world, then extending myself – Art gives me the power to face the real world.

Pinocchio
Through art we can stop the world! And make sense of it. I’ll be a painter and a freedom fighter. It’s all symbolic – the painter doesn’t paint every leaf on the tree.

AR
Action! Let’s continue our search by asking Aristotle about the art of Greek tragedy. To the Lyceum! 

On the way, Pinocchio stops and turns to Alice

Pinocchio
There’s a bloke here who lives in a barrel.

Diogenes
I shit and wank in front of people in the street like a dog. I am the Cynic. The Great Alexander made a point of coming to see me and asked if he could do me a favour. Nobody’s better than me. – I told him to step out of my light. I am famous because I’ve got the balls to do what I want.

Alice
(Puzzled that he could be content with so little) He doesn’t want much. 

Pinocchio
Cool, I’ve found art! I could be Diogenes II. I’ll call myself a piss artist and make lots of money.

AR
Come back children. You’ve gone too far. Alice we’re waiting for you to introduce us to Aristotle. And Pinocchio, you’re just being silly. Though Diogenes is obsessed by himself he doesn’t believe in anything, let alone himself. That’s why he’s a cynic. This self-promotion, and doing what you want is a sham philosophy of life. No, no, it’s not self-indulgence but self-discipline that makes the individual. And you, especially, need self-discipline if you’re going to be a painter.

Pinocchio
You are right. Diogenes seemed kind of happy, but he’s a poser. Too boring, I couldn’t keep it up. Ha, ha, keep it up! I could sell canned sperm. Great marketing opportunities.

Alice
(sarcastic). Oh how lewd!

At the Lyceum Aristotle, a Greek gentleman, impeccably dressed – in contrast to Diogenes – is in conversation with a philosopher of today (Adam Parker-Rhodes).

Aristotle
For the beginnings of art in general, there appear to have been two causes, both rooted in human nature. Thus from childhood it is instinctive in human beings to imitate. And man differs from the other animals as the most imitative of all and getting his first lessons by Imitation. And by instinct also all human beings get pleasure in Imitation.

As Alice enters Aristotle moves to centre stage. Alice stands beside him.

Alice
Aristotle refers to the writer of tragedy as ‘the poet’. Greek tragedy was expressed in verse but this is not the important thing. What defines the poet is that he is an imitator – just like a painter or any other maker of images. If a historian were to write up his whole history in verse this would not make him a poet; for he tells of things that have happened in real life and this is not Imitation. Imitation is more philosophical. Indeed Aristotle adds that the poet may imitate life not as it is, but as it ought to be. Even if the plot is historical the poet must select his facts to make a unified whole and then fit the characters into it – as in a microcosm.

Aristotle
For tragedy is not an Imitation of men but of actions and of life. It is in action that happiness and unhappiness are found, and the end we aim at is a kind of activity, not a quality; in accordance with their characters men are of such and such a quality, in accordance with their actions they are fortunate or the reverse. Consequently, it is not for the purpose of 5presenting their characters that the agents engage in action, but rather it is for the sake of their actions that they take on the characters they have. Thus, what happens – that is, the plot – is the end for which a tragedy exists, and the end or purpose is the most important thing of all.

Alice
Thank you very much Aristotle. I know that Active Resistance would like to ask you something.

AR
Aristotle, it is essential to every art in any medium of expression that it is a whole. For only art can achieve perfection. Please tell us what you mean by ‘the Whole’ in the case of tragedy.

Aristotle
The events which are the parts of the plot must be so organized that if any of them is displaced or taken away, the whole will be shaken and put out of joint; for if the presence or absence of a thing makes no discernable difference, that thing is not part of the whole.(Aristotle retires)

Alice
That’s how I feel about Velasquez. His work is so minimal and reduced. The paint is so thin and the people in the paintings are so real that I sometime think they weren’t there, especially in the split second before you turn to look again. I just wanted to melt into a pool on the floor.

AR
One can begin to grasp something of the obsession people have had with the idea of the circle as a perfect form. A work of art then, is an Imitation reduced to its essentials, thereby forming a whole – as in a microcosm.
Real life cannot give the complete picture. It is – a jumble of particulars in which events are engulfed in the flux of chaos. How can the artist see things as they really are when he, himself is part of the change? He needs a fixed fact to stand on.

Alice
Tell me all about it! If there is nothing fixed in the world then you find yourself in Wonderland where everything changes – including yourself. – And you try to play a game of croquet with a flamingo for a mallet and the ball is a hedgehog who runs away. 

AR
A hedgehog must understand the world from a hedgehog point of view, and we must understand it from a human point of view.
We do have a fixed fact to stand on: IMITATION.
We know that Imitation gives us art – but that is as a result of the main fact which is that our species is programmed to imitate. We are the world’s best imitators and that is how we evolved into humans. We understand the world because we imitate it.
Alice will begin to explain.

Alice
It’s what happens when a baby smiles back at you. He sees you do it and the muscles in his face know how to make the same pattern, but it’s not just the muscles but his whole system which is at work. Our body is a coding system which can blueprint the eye’s impression of a smile and convert it into an actual smile. Scientists would tell us what chemicals etc. are involved.
Without this key – our human coding system, we could not hold anything in our memory or repeat our actions. Animals can do this to a limited degree. I’m thinking of a puppy I once met. I took a stick and it immediately understood my intention and was ready to run. And it brought the stick back. But animals do not have that continuous relationship with the world which gives us a great deal of control over our behaviour and our lives – even though we are free to act unwisely. 

Adam Parker-Rhodes
Apes can’t dance! 

AR
The philosopher Adam Parker-Rhodes is racing against time as he pins down the theory of Imitation. He knows that an understanding of who we are bears upon what we shall do in the face of looming disaster from Climate Change. 

Adam Parker-Rhodes
Following on from Aristotle and with a better understanding of the brain we now know that human beings have the unique ability to transform patterns from one sensory or muscular medium to another. It enables us to do things like dancing to music which is translating sound patterns into corresponding movements of the body. We can feel something in the hand and match it with something seen or we see something in front of us and draw its form on paper. We can see someone else’s movements and imitate them ourselves. Most importantly we can see an action performed and understand its intention in terms of our own bodies and experience. Apes can do none of these things, which is why we are able to develop complex culture and they are not; civilization with language, science and technology and of course all the arts.

Pinocchio
We’re cross-wired! (dances and sings) 

AR
Dance is not necessarily art but, for example, ballet is – because it aims at perfection. We spend our lives looking for perfection – because we are looking for standards to imitate. Every time we compare one thing with another we are imitating; we are trying to find a match between the data we hold in our mind and the new example – trying to find an ideal. (AR puts one hand on top of the other, palms facing) This is Imitation – matching one thing with another. We discriminate between good and bad, better and best. Discrimination is the mechanism of intelligence. 

True Poet
The painter Whistler said that nature copies art. When the painter paints the perfect sunset we see it through his eyes, then look for it in real life.

AR
Not only through the eyes of the painter – we look at everything as if through other eyes. In order to judge, we want to know that other people feel the same. And don’t we always look for that communication – someone else to share the sunset? We’re looking for the perfect universal standard.

Art Lover
I’d like to tell you my idea of Imitation. It’s when we jump outside ourselves. Leave our own preoccupations and ego behind and see things through other eyes, know what it feels like to be someone else. Empathy – kindness. I like to think that everything we know has its source in human kindness.

AR
Everything becomes clear when we consider what Aristotle says: art may imitate life not as it is but as it ought to be. He is talking about perfection and only the whole is perfect. He means ideal; universal because it is something we recognize as being true to life, even if we’ve never seen it before; each part must be more essentially itself, even if it is something horrid like envy; more typical. Aristotle says that the best characters in a play are ‘someone like ourselves’ – people we can relate to.
For example, Chaucer’s characters are as alive to us today as when he first invented them. Timeless – outside of time. They speak to us of human nature. Each detail illuminates the type and is what we call the universal in the particular – ‘someone like ourselves’.
The universal in the particular is familiar to all of us – that flash of insight, that detail which suddenly reveals the whole thing, and we see things complete and as they are – and as we never saw them before. This is direct knowledge.
Insight happens because we suddenly exteriorize ourselves – it’s like ‘I am there’ and yes, if our object is a fellow human being we can imagine what it feels like to be them. We can put ourselves in their place.
Insight is often just a thrilling conviction that certain things are connected; we hold them in our mind waiting for the day of perception. (Turning to the True Poet) You are a poet and an alchemist. How does the artist create – arrive at perception?

True Poet
The originality of art lies in bringing ordinary feelings to our attention. Not everything that enters our orbit makes an impression; only the things we notice. Our senses do not register things unless we attach a feeling to them, so feelings are our prime contact with reality, more primitive than language or reason. Indeed the poet struggles to express feelings which are beyond words.
The artist’s mind is in fact a receptacle for storing up numberless feelings,phrases, images which remain there until a new idea ‘comes’ in. All the particles which can unite to form a new compound are then present together. This is alchemy.
Fusion into the whole takes place under an intense creative pressure from parts which are felt together. Emotion has its life in the work and is separate from the real-life passions of the man who creates. He must rid himself of habit.

AR
So we arrive at perception by imitating. Sometimes quickly, as when we imitate directly. Pinocchio, you’re really good at Imitation.

Pinocchio
When I notice habitual gestures and facial expressions, I say to myself, “Do that! What does that feel like?“ And then it’s quite shocking to find out. It reveals a whole attitude to life. I don’t know how some people get through a day. And have you noticed, if you’re fed up and you just make yourself do a smiley face, how the whole world lights up?

AR
And we can imitate through empathy, using our imagination to get outside ourselves.
(And turning to the True Poet) But you, the artist, are a professional imitator. These human feelings are the very stuff of art. You are the one who manages to re-present them, brings them to light – by modifying and distorting everything in relation to everything else.

Alice
These feelings about things connect us to spiritual unity, when everything is one. They show us likeness in unlikeness and difference in likeness.

Art Agent
You seem to be talking about old art. As if a work of art had a life of its own. People want the artist and they want him to give them something different. 

Art Lover
Oh yes, ‘the artist’! Me, me, me. No culture – and trying to be extreme. The trouble with ‘something different’ is we’ve seen it about 17 times already. 

Alice
Oh hello, Mr. White Rabbit! Please stop a moment! The artist has just produced a giant hole in the air. Perhaps he thought it was a ‘whole’. I’m sure you have an interesting observation on holes.

White Rabbit
Negative. (rushing off)

Artists Agent
Superb intellectual irony –Right on! 

Mad Hatter
What do you mean a hole in the air? We’ve all got a hole in the head and we can fill it with whatever ‘Whole’ we want (changes price-tag on hat from 10/6d to £10m)

Art Agent
He’s right. The art-hole is shockingly ‘something different’, the ultimate aesthetic of all modern art. A last the past is blast! Value is once and for all transferred from the work of art to the mind of the punter. 

Alice
How will you sell it? 

Art Agent
Fantasy.

AR
Non-stop distraction makes people gullible. 

Alice
What about fakes?

Art Agent
No problem. All genuine artists have an agent.

Alice
You’ll have to give them some sort of certificate.

Art Agent
Yes, authentication from the agent. Holes will be very popular. All those journeys into private fantasy. Like Lourdes without the crowds. Wait a minute, the art-hole concept is endlessly capable of manipulation; we could hire a stadium, the punter could pay for a massive event. The art-hole is the last word. (a moment of doubt) But not the end of ‘something different’. Anybody can be an artist, my door is always open.

Pinocchio
You people really believe in yourselves. Get a life! I just met Tweedledum and Tweedledee. They are now performance artists. When I told them I want to be a painter, Dum called me “Bourgeois!“ for believing I needed skill. I said, “I don’t think anyone uses that word anymore“. Dee said, “Contrariwise you are an elitist.“ I’m ok being an elitist – when I get the skill sorted. Hard work, though. 

Talking Cricket
Pinocchio, you know that there are two sides to people, the donkey and the boy– the self who wants to live in Toyland versus the self who wants to grow up. It is the inner struggle between doing what you want and being true to your real self that humanizes a puppet.

Pinocchio
Dear little Cricket, I still get around, have a laugh! But, yeah, this inner voice is always having a go, “Pinocchio, don’t be an arsehole! Sorry – art-hole! I am your human self. Listen to me!“ (turns to Alice) C’mon Alice, you’re the chief. How do I trust myself to know what is genuine? Help me out. 

Alice
Those primary feelings we’ve been talking about are ordinary feelings and they’re ethical feelings because we look at things in a universal way as if through all human eyes, trying to see things as they really are. That’s what being true to yourself means. Everybody knows this.
When they don’t, it’s because they don’t think it’s important. They prefer fantasy. And being true to yourself, Pinocchio, is when you’re not there, when your stupid little Pinocchio doesn’t get in the way. Trust your feelings. Don’t get in your own light! That’s the style!

Alice and Pinocchio
(pointing fingers, rapping) Feelings!
Pinocchio. Feelings: prime contact with reality.
Alice and Pinocchio. Trust it! Imitation!

True Poet
(to Pinocchio) Truth comes from doing the work. Art is always original. If you didn’t exist, that way of seeing wouldn’t exist. 

Pinocchio
I feel like King Arthur. Only he could pull the sword from the stone. Here comes the hero! Gotcha, Alice! Good Imitation true, Bad Imitation false. 

AR
I know a great couturier. He said to me, “I have prepared a dress shaped like a heart which I plan to make in black taffeta, it will hold the shape well. Now I ask myself, how would it be in black poplin? More poor, more nothing – less. In which one would a woman appear more beautiful? Until I know the answer, this will destroy me. And yes, I feel silly in front of the terrible problems others face in this world.” What does this tell us if we rely on our feelings, our feelings about things, not our personal ones? Put yourself in his place. Is he genuine or too extreme? Does he represent human nature?

General Assent
I believe in him, he’s true to life – well, he is alive. Is he self deceiving? 

Art Lover
Well, next day it might not be so important, he might have other worries which also destroy him. It’s very difficult to empathize. The word ‘destroy’ is too extreme. I can’t bridge the gap.

Pinocchio
We all suffer when we can’t make decisions. But we have to make them according to our character and our character can grow strong from its seeds. We’re more wise when we’re older. 

Dryad of the Rainforest
The acorn is happy when he becomes a tree.

Alice
Whoever is close to him should really try to help him. It seems serious.

True Poet
I think there’s something here which could be worked up into a play. If it were me, I would place the couturier in the context which he, himself, has introduced – world problems, the suffering of others. This begins the alchemical process of collecting and selecting the significant factors; being alive to metaphor and symbol. I would begin the action by having him make both dresses. For as Aristotle says, “It is in action that happiness or unhappiness lies.” The same woman would wear each different dress. I would discover the behaviour of the couturier by making it fit the unfurling action; set him free to find his own purpose. There are no rules as to what is true to human nature, only the discipline of our feelings, judging through trial and error. Through art we can reach what is universal, penetrate to the essential sickness or strength of the human soul.

AR
Without judges there is no art, which is the same as saying: we get the art we deserve.

Art lover
Very good – as an art lover, my passion keeps art alive. Therefore art exists! Through our engagement in art we gain culture. Culture makes us more human; elevates.

AR
But, the artist has no responsibility to us. He serves art, alone. He must tell the truth. This is the meaning of the L’art pour l’art movement, misleadingly translated as ‘Art for art’s sake’. But then, the English have never understood it. The painter, Whistler, is a protagonist of the creed and we must seek his opinion before we can safely say that we have found art. 

Whistler
Art happens – no hovel is safe from it, no Prince may depend upon it, the vastest intelligence cannot bring it about and puny efforts to make it popular end in quaint comedy, and coarse farce.
This is as it should be. Why after centuries of freedom from it and indifference to it should the people have Art thrust upon them? She has no desire to teach, no purpose to better others.
Art seeks the Artist alone. Where he is, there she appears, and remains with him –loving and fruitful… And when he dies she sadly takes her flight.
With the man, then, and not with the multitude are her intimacies; and in the book of her life the names inscribed are few – scant, indeed, the list of those who have helped to write her story of love and beauty.

AR
We also have our part in all true art! Remember, Imitation makes the whole world kin.

Whistler
True indeed. But let not the unwary jauntily suppose that Shakespeare herewith hands him his passport to Paradise, and thus permits him speech among the chosen. Rather learn that in this very word, Imitation, he is condemned to remain without – to continue with the common. 

AR
You mean that what is popular is also vulgar. We know the artist is a freak of nature yet he sees through human eyes. We small band of art lovers expect no favours from art. But from you, the artist, we hope to see the world through your eyes – in this way we serve art. It’s down to the art lover to engage in art.

Pinocchio
You get out what you put in – that’s my motto from now on. As a painter, perhaps Art will visit me some day, just like the fairy with blue hair. 

Art lover
Mr. Whistler, I fear for these young people! In your field, painting – which has had such an impact on our lives – there is nothing happening nowadays. What are they to do? All their friends run around trying to catch the latest thing. When you’re young you like to think something is happening.11

Alice
Running around? I don’t waste time, I make time – to see the ‘latest thing’ – the Rokeby Venus! Manet’s Olympia! There is so much happening outside Time. 

Whistler
If Art be rare today, it was seldom heretofore. It is false, this teaching of decay. The master stands in no relation to the moment at which he occurs – a monument of isolation – hinting at sadness – having no part in the progress of his fellow men.
He is also no more the product of civilization than is the scientific wisdom of aperiod. The assertion itself requires the man to make it. The truth was from the beginning.
So Art is limited to the infinite, and beginning there cannot progress.
We have then but to wait, until, with the mark of the Gods upon him, there come among us again the chosen – who shall continue what has gone before. Satisfied that, even were he never to appear, the story of the beautiful is already complete – hewn in the marbles of the Parthenon – and broidered, with the birds, upon the fan of Hokusai – at the foot of Fujiyama.

Pinocchio
Mr. Whistler, are you the only American genius?

Art lover
progress in art – Picasso! What would he not have given to capture the ‘mana’ of those bulls from the cave paintings of twenty thousand BC? If art progressed then today’s painter would be greater than Picasso. 

True poet
One truth is not more true than another.

Art lover
But time is running out for the art lovers. I’m talking about the planet. It’s all very well to say that we can become more human through art – human enough to save the planet!? Meanwhile, all we can do is believe in Alice and Pinocchio. At least they will have the advantage of a sane outlook on life.

Giant projection of Hitler’s face – in relation to which Hitler, standing on the podium in front, seems to be about the size of a garden gnome.

Hitler
All effective propaganda has to limit itself only to a very few points and to use them like slogans. 

AR
Alice and Pinocchio, we have come to the end of our journey and you have passed the test. In the pursuit of art you became automatically impervious to Propaganda. Indeed, each of you quite forgot to take your daily NINSDOL pill. You are no longer addicted to Nationalistic Idolatry, Non-Stop Distraction and Organized Lying – the three constituents of Propaganda. The art lovers now invite you to become members of our movement, AR. Let us progress to the inauguration ceremony.
On the way we could look in at a Conference on Culture which is attended by those very same art lovers who from the beginning had no interest in our journey. Here it is in Paris. Pinocchio, I know you’re dying to go to the Louvre but Alice, you could just pop back in your book and I’ll put it in my pocket and take you in. 

Opening speaker (French professor of anthropology)
And Man came out of Africa 180 thousand years ago …

AR
The talk lasts 3/4 hour. He’s scared of seeming Eurocentric …and the good thing is he ended up in Paris. (laughs) Quite right, too. France was the greatest flowering of western culture for the three centuries up until the First World War – interrupted by the Revolution, of course. 

Philosopher
We need more festivals to promote cultural exchange between the world’straditional and popular arts and crafts. 

Top cultural advisor
We need a common vision of the importance of television and cinema for the cohesion of society.

Choreographer
Dance is the only international language. It should be at the top of every agenda.

Rapper
I need the state to sponsor my music. The internet only helps established artists.

Composer
Young people should know that culture is not entertainment.

Director of state art gallery
We have not once mentioned American culture!

AR
As we began by saying, artists and intellectuals have abdicated their responsibility. They wish to be popular instead of truthful to their vision of the world. We have no avant garde. Art has never been popular; it is original and it takes time for people to see it. But where there is an avant garde, others will follow: this gives culture. There has to be a hierarchy of values. They’ve swapped culture for the cult of the individual.
When you boil it down, people think that culture is being nice to each other. Being nice is not enough. Life has to have meaning: discrimination in pursuit of truth – my way is through art. In the conference they realized they had a problem, when you like everything you end up with some sort of global soup –

Alice
– along with vanilla ice cream topped with onion sauce, magic mushroom Cornish pasties and …

Pinocchio
Ratshit!

Art lover
And Pinocchio, I think Alice has pinched some of your cheek. As we were leaving she jumped out and yelled –

Alice
You’re all a pack of cards!

AR
Children, You are expensive – crap is not good enough for you. Time is your luxury. You like to be alone because you like to think. As art lovers and readers you will converse with the highest forms of intelligence. You will form your own opinions and your ideas will be the avant garde. Ideas will give you power and you will fire the imagination of your friends. You see through propaganda. Therefore, engage in politics. It is time for you to receive your badges from the noble warrior, Leonard Peltier.

Alice
But Leonard is innocently serving Time. 

Leonard Peltier
(It is the spirit of Leonard which now speaks) Art is an imaginative illusion which captures the imagination. State your vows.

Alice
Every time I read a book instead of looking at a magazine, go to the art gallery instead of watching TV, go to the theatre instead of the cinema, I fight for Active Resistance to Propaganda. 

Pinocchio
The freedom fighters’ motto is: You get out what you put in. 

Leonard pins on their AR badges

Leonard Peltier
Alice and Pinocchio, you are now in the presence of a great secret. Your journey has revealed to you that human beings have a choice. We can cultivate the human genius and build a great civilization on earth. Through art we see the future. It holds up a mirror of our human potential. Or, as victims of our mere cleverness we will remain the destructive animal. Our innovations can contribute to progress, but our humanity is a scientific fact, and must be taken into account for advance to happen, otherwise we have partial science which will kill us.
Indians have not made this mistake, they see the world in its entirety. Our first duty is to love our mother, Earth. Indians know the importance of living in harmony with creation. Men – not gods. The Greeks called human arrogance hubris.

Voice of Icarus
Remember the myth of Icarus. Do not fly too near the sun. Your wings are made of wax.

Light radiates through the patterns in a mandala composed of concentric circles alternating with diminishing squares. The squares represent the organization and knowledge of man and the circles represent the truth and chaos of nature.

Leonard Peltier
Progress lies in the centre of the mandala. Step forward. (In his hand he holds a small convex mirror from which the light is coming.) This is the mirror of true progress. 

Alice and Pinocchio look at themselves in the mirror.

Dryad of the Rainforest
I must stay with my trees.

The most important thing about the manifesto is that it is a practice. If you follow it your life will change. In the pursuit of culture you will start to think If you change your life, you change the world.

Wiederabdruck
Das Manifest erschien unter http://activeresistance.co.uk/getalife/Manifesto_ENGLISH.pdf [5.6.2013].

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Eine kleine Kunstgeschichte des 21. Jahrhunderts https://whtsnxt.net/113 Thu, 12 Sep 2013 12:42:43 +0000 http://whtsnxt.net/eine-kleine-kunstgeschichte-des-21-jahrhunderts/ Nach der Zukunft der Kunst zu suchen irritiert auch Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Zukunft des Geldes, der Familie, des Autos oder selbst des Fortschritts sind in einer fortschrittlichen Gesellschaft gewöhnliche Themen. In der Kunst aber wurde im 20. Jahrhundert der Anspruch virulent, per se die Zukunft zu sein und nicht nur der übrigen, trägeren Kunst den Weg zu weisen, sondern der gesamten Gesellschaft. Wenn man schon trotz zunehmender Möglichkeiten technischer Reproduktion weiterhin Unikate produzierte, so sollten es doch Prototypen sein: zu früh entstanden, um bereits in Serie zu gehen. Der Marxismus mochte politisch noch so radikal sein, mit dem Entwurf einer totalen Gestaltung der Gesellschaft begann er erst in der diktatorischen Praxis, in Zusammenspiel mit und in Abwehr der künstlerischen Avantgarde. Adolf Hitler war ein Künstler, der sie verachtend gleich Politiker wurde.
Die Instrumentalisierung und Rivalisierung durch totalitäre Regime ließ den Anspruch der künstlerischen Avantgarde, sich gesamtgesellschaftlich zu entgrenzen, nicht enden. Wenn schon die Welt nicht gemäß der Kunst geformt werden kann, dann wenigstens die Kunst gemäß der Welt. Ist von Readymade und erweitertem Kunstbegriff die Rede, dann ist ein Realismus gemeint, der die Realität nicht mehr nur abbilden oder imitieren, sondern mit ihr identisch werden will. Die Welt muss nicht mehr künstlerisch geformt, sondern nur noch als solche etikettiert, konserviert und dokumentiert zu werden. Jeder und jedes ist bereits Kunst, die Künstler und dann auch die Kritiker, Sammler und Kuratoren müssen es nur erkennen.
Die Kunst vergegenwärtigt etwas, was sie nicht ist. Von den Religionen und Monarchien, die sie illustriert hat, hat sie den Anspruch geerbt, der konkreten Wirklichkeit enthoben und über alle Zeit gültig zu sein. Wenn der Glaube an solche andere Welten schwindet, dann stellt die Kunst schließlich allein noch den Wunsch danach dar. Die besondere Qualität der Kunst besteht gerade darin, zu nichts nutze und damit der Konsum- und Fortschrittswelt enthoben zu sein, die Verschleiß und Moden unterliegt. Auch Kunst ist in der Regel käuflich, aber nicht um verbraucht, sondern um verwahrt zu werden. In der treuen musealen Sorgfalt kann man dann doch auch wieder ein utopisches Modell für die gesamte Gesellschaft erkennen. Nichts muss vergehen, nichts für anderes geopfert werden. Es herrscht die pure Akkumulation, die sonst nur mit Geld und anderen immateriellen Gütern möglich ist. Selbst was man mittlerweile nicht mehr mag, wird behalten, damit das jetzt Gemochte in Zukunft nicht ebenfalls aussortiert wird. So wird auch jenseits der Kunst immer mehr immer schneller archiviert und bei Unbeweglichkeit unter Denkmalschutz gestellt.
Bibliotheken archivieren von jedem Buch ein Exemplar, was so wenig Platz einnimmt und so wenig kostet, dass große Teile der Buchproduktion unsortiert Aufnahme finden. Internetdienste wie Facebook archivieren nicht nur jeden Eintrag, sondern auch jede Löschung mehrfach. Die Kunst dagegen ist der einzige Bereich der Gesellschaft, für den die museale Archivierung das zentrale Ziel darstellt. Nur so kann sie dauerhaft und sichtbar fortbestehen, und die begrenzten musealen Räume und Etats sorgen dafür, dass die Kunst nicht wie die Hand des Midas die ganze Welt erstarren lässt. Zwar kann man alles Mögliche einfach zu Kunst erklären, doch bleibt das im weiteren Umgang folgenlos. Galerien und Privatsammlungen konkurrieren mit einer musealisierten Präsentation der Kunst um erhöhte und verlängerte museale Aufnahmechancen. Lebewesen kann man nur inkludieren, die man für austauschbar hält, insbesondere Pflanzen. Bereits bei Tieren wird es problematisch. Die Musealisierung der Menschen kann sich erst mit ihrer Unsterblichkeit erfüllen. Angesichts solcher Beschränkungen müssen die zu Kunst ernannten Objekte zumindest eine originelle Auswahl oder Bearbeitung erfahren, um als Unikate zu überzeugen. Die Aufnahme der Welt durch die Kunst kann nur exemplarisch erfolgen und weiterhin auch – aber nurmehr als eine weitere Möglichkeit –, indem die Kunstwerke nicht nur ihr Kunstsein darstellen. Soll die museal und kunsthistorisch tradierte Kunst wirklich alles sein können, dann muss sie auch singuläre Ereignisse und Prozesse aufnehmen. Die haben zudem den Vorteil, dass sie sich weiterhin nur bedingt oder gar nicht reproduzieren, sondern nur dokumentieren lassen. Der Musealisierung können zusätzlich zur Dokumentation Relikte des Ereignisses dienen. So lässt sich überhaupt jedes Kunstwerk als Relikt einer künstlerischen Performance und schließlich das gesamte Künstlerleben als eine einzige, nur teilweise oder gar nicht öffentliche künstlerische Performance begreifen und zugleich als deren Relikt. Denn der Mensch ist beides: Prozess und dingliches Kontinuum. Der einzige Mensch, den der Künstler dauerhaft verlässlich bearbeiten kann, ist er selbst. Vielleicht fände er sogar einen, der ihm als ein freiwilliger Sklave bedingungslos Folge leisten würde, aber er müsste ihm ständig neue Anweisungen geben. Bei einem selbst geschieht das bestenfalls von selbst. Eine gelungene Künstlerpersona lässt sich von der sonstigen Person nicht deutlich trennen, und es ist darum auch nicht nötig, dass sie ihr Leben lückenlos aufzeichnet, um glaubwürdig zu sein. Im Gegenteil, eine solche Dokumentation würde überhaupt erst Zweifel sähen und wäre eine Aufforderung, nach Lücken und Brüchen in der Selbstinszenierung zu suchen. Wirklich frei über andere kann man erst nach ihrem Tod verfügen, als Leiche. Die Festsetzung einer solchen Verfügung zu Lebzeiten kann jedoch das Leben bereits dauerhaft beeinflussen. In der kompaktesten und zugleich sozial verträglichsten Form ist der Käufer des Kunstwerks auch diese zukünftige Leiche, und sein Leben wird fortan durch die mit dem Kauf verbundenen Auflagen bestimmt. Was läge näher, als diese in der Gestaltung seines Grabes zu suchen?
Die Relativierung ihrer Objekthaftigkeit hat die Kunst nur immer sperriger werden lassen. Video-Projektionen verlangen nach großen eigenen Räumen. Installationen tun das sogar im Depot. Nur noch selten verlangt das Kunstwerk die Konzentration auf einen bestimmten Fleck, sondern sie gestaltet wie schon in Kirchen und Palästen den Raum. Den Wettlauf um immer mehr Präsenz muss die Kunst damit bezahlen, dass eine dauernde museale Sichtbarkeit kaum mehr möglich ist und sogar die Lagerung zunehmend von den Privatsammlungen oder den Künstler vertretenden Galerien übernommen wird. Damit bleibt die Kunst als Ware im Handel. Die temporäre Leihgabe an ein Museum ist nur ein weiterer wertsteigernder Faktor, weshalb Sammler und Galeristen gar nicht unbedingt Interesse daran haben, dass die von ihnen besessenen oder gehandelten Kunstwerke einmal in den Besitz eines öffentlichen Museums übergehen. Zumal sich nun auch die Museen nicht mehr verpflichtet sehen, ihre Sammlung komplett zu halten, wenn sie aus Verkäufen jetzt spektakuläre Ausstellungen bestreiten können. So verselbständigt sich die Spekulation. Immer mehr Kunst wird mit immensen Kosten gelagert und konserviert, um theoretisch eines Tages in eine öffentliche Sammlung überzugehen. Selbst wenn unentwegt weiter neue Museen gebaut werden, kann nur ein Bruchteil der heute teuerst gehandelten Kunst dort Aufnahme finden, weshalb es eigentlich Zeit ist, sich von dieser Erwartung zu verabschieden. Genau das könnte den ausstehenden nächsten großen Crash des Kunstmarkts bedeuten. Danach würde sich das Kaufen und Sammeln von Kunst nicht mehr fundamental von dem von Luxusobjekten wie Möbel oder Kleider bekannter Designer unterscheiden, die auch oft gesammelt werden. Künstler, die wenig und nur zu niedrigen Preisen verkaufen oder von Biennale zu Biennale reisen, tun das mit genauso wenig Aussicht auf Reichtum oder Ruhm wie ein tingelnder Musiker. So wie der seine Musik kostenlos zum Downlaod anbietet, um überhaupt auf sich aufmerksam zu machen, so gibt der Künstler seine Werke bei Galerien in Kommission, die sie dann wiederum wichtig geltenden Sammlern kostenlos zur Probe ausleihen.
Kunst wird ohnehin zunehmend von einer nicht konservierbaren Ereignishaftigkeit bestimmt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man mittels 3-D-Kopierern ihre Relikte überall und jederzeit reproduzieren kann. Die enormen Kosten für Lagerung, Transport und Versicherung werden dann entfallen. Bereits heute müssen Kunstwerke, die aus vergänglichen Materialien bestehen, regelmäßig erneuert werden. Man kann das Recht zur Reproduktion der Kunstwerke weiterhin limitieren, aber sie brauchen deshalb nicht mehr museal gelagert zu werden. Alle Kunst, die noch mit dem Anspruch materieller Einzigartigkeit erstellt worden ist, kann Teil der anthropologischen Sammlungen werden. Das könnte auch eine neue Tendenz innerhalb der Kunst stärken, die entgegen der bisher vorherrschenden monotheistischen, im Grunde Objekt-verachtenden Sakralität die magischen Potenziale des Objekts hervorhebt und es berührbar und fetischierbar präsentiert. Die zeitgenössischen Museen dagegen dienen wie alle öffentlichen Veranstaltungsorte vorrangig noch dem sozialen Austausch. Auch wenn es dafür, wie der Erfolg öffentlicher Liveübertragungen zeigt, genügt, wenn leibhaftig-einmalig nur das Publikum anwesend ist, zeichnen sich Kunstereignisse, das Unikatsprinzip beerbend, durch eine große Einmaligkeit aus.
Diese hat sich durch die Verschiebung von Objekten zu Ereignissen noch verschärft. Anders als bei Theaterinszenierungen oder Konzerten gibt es nur wenige oder gar keine Wiederholungen. Auch wenn sie zu enormen Publikumserfolgen führen kann, beginnt die künstlerische Distribution immer wieder mit einer willentlichen Verknappung. Nur diese Verknappung grenzt sie noch gegen andere gesellschaftliche Tätigkeitsfelder ab, seien es die übrigen Künste, aber auch Politik, Sozialarbeit, Sport, Forschung, Religion. Kunst ist die Anmaßung, alles tun zu können, aber nicht wirklich oder konsequent. In der Kunst können sich erklärte Dilettanten austoben und erklärte Profis auf eine bloße Skizze beschränken. Man kann darin das Idyll eines herrschaftsfreien Raums erkennen – um den Preis seiner Machtlosigkeit – oder einer ungestümen Interdisziplinarität – nur bleibt es in der Regel ein Nebeneinander. Weshalb es Kuratoren braucht, die die Bezüge zwischen den künstlerischen Positionen und darüber hinaus sich als Metakünstler erst herstellen. Kunst kann statt Interdisziplinarität nur abzubilden, sich in diese auch als ein weiteres Feld einbinden lassen, insofern man von ihr eben gerade keinen unmittelbaren Nutzen erwartet. Sie verliert bei einer solchen beratenden Einbindung allerdings leicht ihre Autonomie.
Was sich kompensatorisch in der Kunst breit macht, ist ein historisches Interesse an moderner Kunst, die noch den Anspruch hegte, der Gesellschaft auch inhaltlich die Zukunft zu weisen. In dieser Tendenz gleicht sie der Philosophie, die, als sie im Zuge der akademischen Präzisierung ihren alten Anspruch auf eine umfassende Welterklärung nicht mehr erfüllen konnte, begann, sich vor allem noch mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Anfang des 20. Jahrhunderts trat die künstlerische Avantgarde, die keinen wissenschaftlichen Standards unterlag, an ihre Stelle, um nun ebenfalls immer neu seziert und partiell reanimiert zu werden. Das fügt sich ein in die Tendenz, die Kunst, die sich längst nicht mehr durch das Beherrschen handwerklicher Fertigkeiten bestimmt, als akademisches Fach wissenschaftlichen Kriterien zu unterwerfen. Das kann, analog zu der Entwicklung der Literaturwissenschaften und der jüngeren Disziplin Creative Writing, zur weitgehenden Verschmelzung des Fachs Kunst mit dem der Kunstgeschichte führen. Die Befähigung eines Künstlers zur Lehre bemisst sich nicht mehr daran, in wie wichtigen Museumssammlungen und Ausstellungen seine Werke vertreten sind, sondern daran, wie weit er auch publizistisch auf die Kunstgeschichte einzuwirken vermag. Er kann das in kunstgeschichtlichen Abhandlungen tun, aber auch als Forscher, der beispielsweise die Wirkung seiner und anderer Ausstellungen auf die Rezipienten untersucht.
Die in der Lehre entwickelten Kriterien relevanter Kunst ersetzen nicht nur die Museen als Filter, sondern innerhalb einer in der ganzen Breite nach künstlerischer Artikulation drängenden Freizeitgesellschaft wird Kunst häufig überhaupt nur noch in der Lehre wahrgenommen: in Hinblick auf die eigene Künstler-Werdung. Bleibende Wirkung erzielt ein Künstler nur noch als Artists’ Artist. So wie sich auch Geisteswissenschaftler in der Regel nur an andere beziehungsweise angehende Geisteswissenschaftler richten.
Wer in diesem Szenario ausgeklammert bleibt, sind die Sammler. Um sich nicht als habgierig oder spekulativ zu diskretieren, haben sie gelernt, auch ihr Sammeln als eine kunsthistorische beziehungsweise künstlerische Praxis zu begreifen, bei der sie in ihrem Dilettantismus jedoch Kuratoren beziehungsweise Künstler zweiter Klasse bleiben. Mit der Entwertung musealen Sammelns für die Kunst werden, wie auch schon durch die Digitalisierung musikalischer und literarischer Datenträger, enorme Sammelfelder brachgelegt. Was bleibt, ist, künstlerische Prozesse und Ereignisse ähnlich wie im Theater oder in der Oper im voraus als Mäzen zu unterstützen. Doch ein passiv-uneigennütziges Mäzenatentum hat in den letzten Jahren an Attraktivität eingebüßt.
Kunst, die Sammler einbezieht, gilt tendenziell als kunsthistorisch minderwertig, da repräsentativ. Doch jede Sammlung wirkt wenn nicht in einzelnen Werken, dann um so mehr als Ganzes repräsentativ und degradiert jedes einzelne Kunstwerk zu einem repäsentativen Fragment, das, wenn es nicht mehr passt, einfach wieder abgestoßen werden kann. Da die meiste käufliche Kunst keine Chance hat, jemals der Willkür der Sammler zu entkommen und zu museal-ewigen Weihen zu finden, und unausweichlich ihre Sammler repräsentiert, warum soll sie nicht dauernde öffentliche Präsenz gerade unter Einbindung eines Sammlers erringen? Nur muss sie ein solches Ausmaß und eine solche Robustheit annehmen – noch größer und stabiler als die ägyptischen Pyramiden –, dass sie einer musealen Verstärkung und Sorge und auch der Entwicklung einer stringent-dynamischen, Jahre und Jahrzehnte währenden Künstlerpersona nicht bedarf. Dass sie nicht einmal sichtbar sein muss, um auch noch in hundert Jahren von den Menschen intellektuell überlegenen Nachfahren als gewichtig erinnert zu werden.
Während die anderen Künste von der Bildenden Kunst in Radikalität und Expansivität nur lernen können, traue ich ihr bereits den nächsten Schritt zu, hin zu einer neuen, profanen Universalität, vielleicht sogar über Artgrenzen hinweg. Denn die Bildende Kunst ist nicht an Sprache gebunden und kann auch rein intuitiv verstanden oder zumindest missverstanden werden.

Wiederabdruck
Deutsche, leicht überarbeitete Fassung des Vorworts von Ingo Niermann, Erik Niedling: The Future of Art: A Manual, Berlin: Sternberg Press 2011.

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Der Barbar als Kulturheld https://whtsnxt.net/026 Thu, 12 Sep 2013 12:42:37 +0000 http://whtsnxt.net/der-barbar-als-kulturheld/ III.14

Zwei Wege zum Erfolg: das heitere und das heroische Scheitern.
Von Karl Popper lernten alle Wissenschaftler, durch Scheitern erfolgreich zu arbeiten. Popper nannte dieses bemerkenswerte Verfahren „Falsifikation“: ein Wissenschaftler stellt Hypothesen auf, deren Bedeutungen sich erst herausstellen, wenn es nicht gelingt, sie zu widerlegen. In den Naturwissenschaften sind Experimente der beste Weg zur Falsifizierung von Hypothesen. Wenn das Experiment scheitert, weiß man, daß die Hypothesen unbrauchbar sind. Also arbeitete der Wissenschaftler erfolgreich! Aber um Experimente zu entwerfen, braucht man Hypothesen. Wie können Experimente Hypothesen widerlegen, wenn die Experimente erst durch die besagten Hypothesen möglich werden? Naturwissenschaftler führen Experimente und Hypothesen zusammen im Aufbau einer Logik (zumeist mathematisch formuliert), die es ermöglicht, mit der Diskrepanz zwischen hypothetischen Voraussagen und experimentellen Resultaten zu rechnen. Die Falsifikation läuft also darauf hinaus, Diskrepanzen zu bewerten und zu handhaben. Das Experiment ist gelungen, wenn es scheitert. In den Künsten unseres Jahrhunderts wurde ebenfalls Scheitern als Form des Gelingens zum Thema gemacht: und zwar in mehrfacher Hinsicht. Auffällig ist die Betonung, daß moderne Künstler experimentieren. Die Begriffe „experimentell“, „experimentelle Kunst“ werden stets bemüht, um künstlerische Arbeiten interessant erscheinen zu lassen, wenn sie offensichtlich eine Diskrepanz zwischen der Erwartung an die Künstler und den faktischen Werken zur Erscheinung bringen. Seit hundert Jahren werden solche Diskrepanzen von einem Teil des Kunstpublikums als Entartungen stigmatisiert. Die Kampagnen gegen die entarteten Künste zielten darauf ab, nur solche Werke als gelungen zuzulassen, die mit einem vorgegebenen Kunstverständnis übereinstimmten. Als Künstler fühlte sich derjenige bestätigt, dem andere vorhielten, gescheitert zu sein.
Die Überprüfung dieses Kunstverständnisses wollten die Künstler aber gerade erreichen, indem sie experimentierten. Sie führten Experimente und hypothetische Kunstbegriffe im Aufbau einer Logik zusammen, die es ermöglichen sollte, die Bedeutung des künstlerischen Arbeitens in der Konfrontation mit dem Unbekannten, Inkommensurablen, dem nicht Beherrschbaren, also der Wirklichkeit, zu sehen. Im Scheitern, nach akademischen Regeln ein vorgegebenes Kunstverständnis durch Werke zu verifizieren, sieht der moderne Künstler das Gelingen seiner Arbeit; denn es käme auf ihn als Individuum gar nicht an, wenn er nur eine normative Ästhetik oder Kunsttheorie durch seine Arbeit bestätigen müßte.
Niemand hat in diesem Jahrhundert die peinliche Frage: „Und das soll Kunst sein?“ so radikal gestellt wie die Künstler selber. In der Beschäftigung mit dieser Frage gingen sie so weit zu bezweifeln, daß sie überhaupt Kunst-Werke schaffen. Denn ein planmäßig ausgeführtes Werk wäre nur eine Illustration eines hypothetischen Konstrukts von Kunst, das auch ohne die Werke besteht.
Künstler begründeten die Notwendigkeit zu experimentieren aber nicht nur durch das Ziel, vorherrschende Kunstauffassungen zu falsifizieren. Sie entdeckten, daß offensichtlich eine generelle Diskrepanz zwischen gedanklichem Konstrukt und seiner bildsprachlichen Vergegenständlichung unvermeidbar ist, weil für Menschen Identität zwischen Anschauung und Begriff, Inhalt und Form, Bewußtsein und Kommunikation nicht herstellbar ist (von mathematischer Eindeutigkeit abgesehen). Sie lernten mit der Nichtidentität von Kunstkonzept und Kunstwerk produktiv umzugehen, indem sie die Diskrepanz nutzten, um etwas Neues hervorzubringen, das man sich nicht hypothetisch ausdenken kann. Innovativ zu sein, hieß also, von vornherein auf die erzwungene Identität von normativen Kunstbegriffen und ihrer Entsprechung im Werk zu verzichten. Das Scheitern der Werke wurde zur Voraussetzung dafür, etwas Neues, Unbekanntes zum Thema zu machen. Dieses Verfahren hatte für die Künstler eine existentielle Dimension. Wer sich auf das Neue, auf das Experiment einläßt, ist in der herkömmlichen Rolle als Künstler weder erkennbar noch akzeptierbar. Latente soziale Stigmatisierungen trieben die Künstler immer weiter in die Radikalität des Experimentierens. Sie hatten extreme Lebensbedingungen zu akzeptieren. Um die zu ertragen, neigten sie zu exzessiver Lebensführung. Der Konsum von Drogen aller Art wirkte sich auf die Verfassung der Experimentatoren aus, wodurch sie häufig ein auffälliges Verhalten demonstrierten, das die Öffentlichkeit nicht nur als exzentrisch, sondern auch als psychopathologisch bewertete. Das Scheitern ihrer bürgerlichen Existenz verstanden mehr und mehr Künstler als Voraussetzung für ihre Fähigkeit, radikal zu experimentieren.
In diesem Punkt trafen sie sich mit anderen Abweichungspersönlichkeiten (Terroristen, Kriminellen, Propheten), z. B. mit Hitler. Er legitimierte sich durch die Erfahrung des Scheiterns als Bürger wie als Künstler. Immer wieder betonte er, daß er Hunger, Abweisung, seelische Verwüstung habe durchmachen müssen. Radikal sein zu müssen, ergab sich aus der Erfahrung des Scheiterns. In dieser Radikalität lag sein Heroismus der Tat begründet: die heroische Künstlerattitude, die sich prinzipiell im radikalen Scheitern bewährt. Er falsifizierte mit allem, was er tat, die alte europäische Welt mit ihren religiösen, sozialen, künstlerischen Vorstellungen. Götterdämmerung ist der Name, der seit Wagner für diese Strategie des heroischen Scheiterns verwendet wird. So konnte er am Ende seiner Tage zurecht überzeugt sein, mit seinem Scheitern die Welt radikaler verändert zu haben als alle seine Zeitgenossen.
Heute nennt man den Heroismus des Scheiterns wohl besser ästhetischen Fundamentalismus. Er hat an Faszination nichts verloren. Wagner und Nietzsche, die Protagonisten des heroischen und des heiteren Scheiterns, interessieren inzwischen aber nicht nur Künstler, Politiker, Wissenschaftler und andere Welterretter. Längst haben jugendliche Subkulturen die Glorie des Scheiterns zur eigenen Rechtfertigung genutzt. Eine ganze Generation scheint unter dem Eindruck zu leben, daß sie scheitern wird – wirtschaftlich, ökologisch, sozial. An Radikalität nehmen es die Hooligans, die Ghettobewohner, die Mafiosi mit jedem Wagner und jedem Hitler auf. An das Schaffen von Werken glauben sie nicht mehr. Sie experimentieren total und konfrontieren sich dem unbekannten und unbeherrschbaren Selbstlauf von Natur und Gesellschaft anscheinend ohne jede Angst. Die Attituden von Künstlern und Politikern interessieren sie nicht mehr, weil sie diese Attituden selbst repräsentieren. Mit postmoderner Heiterkeit sind sie heroisch. Der lachende Schrecken, die zynische Wurstigkeit grundiert ihre Alltagserfahrung bei der geradezu wissenschaftlich gerechtfertigten Aufgabe, sich selbst zu falsifizieren. Was einst nur Atom- und Neutronenbombenbauern, heiligen Selbstmördern und starken Nihilisten der Künste vorbehalten war, praktiziert jetzt jedermann. Die Philosophie des Scheiterns als Form der Vollendung wurde total. Welch ein Erfolg – gerade auch als Aufklärung. Denn die Aufklärer wußten, daß sie nur durch eines widerlegt werden würden: durch ihren Erfolg.

Wiederabdruck
Der Textauszug erschien zuerst in: Der Barbar als Kulturheld, Bazon Brock III: Gesammelte Schriften 1991–2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist. DuMont: Köln 2002, S. 310ff.

http://bazonbrock.de/werke/detail/?id=12&sectid=135&highlight=zwei%20wege%20zum%20erfolg#sect [20.01.2013].

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