define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Cardiff_Janet – what's next? https://whtsnxt.net Kunst nach der Krise Thu, 10 Jan 2019 12:02:28 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Kollektive Räume in Veränderung https://whtsnxt.net/212 Mon, 05 Jan 2015 13:16:27 +0000 http://whtsnxt.net/212 Kollektive Bedeutungsräume
In zeitgenössischen Formen der Kunst sind kollektive Praxen seit den 1990er Jahren ein zentrales Thema. Das Kunsterlebnis findet hier nicht mehr ausschließlich in der individuellen Reflexion jedes Einzelnen statt, indem Bedeutungen zunächst an die Subjek-tivität gebunden sind, die auf Kunstwerke projiziert werden. Vielmehr, so formuliert Irit Rogoff, schaffen -Betrachter Bedeutung „durch Beziehungen miteinander und durch das Temporäre des Ausstellungsereignisses oder des Ausgestellten“.1 Es geht dann um „Beziehungen nicht mehr (nur) zwischen Betrachtern und Objekten, sondern zwischen Betrachtern und Räumen“.2 Als Kunstpädagogin, die an der Hochschule mit zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern arbeitet, frage ich mich, wie eine Aufmerksamkeit für solche kollektiven Bedeutungsräume entstehen kann, um vorgängige Modelle von Kunstvermittlungspraxis, wie beispielsweise das Modell der didaktischen Reduktion, dekonstruierbar zu machen und dabei vielleicht neue kunstpädagogischen Handlungsformen zu erfinden.

Die Praxis des Herbeirufens
Ein elementares Moment in der Bedeutungsproduktion ist das Zitat. Der Medienpädagoge Wey-Han Tan definiert: „Zitat; von lat. citare (= herbeirufen). Ein einzelnes mediales Fragment beziehungsweise Formelement aus einem bereits existierenden Werk, das in einer Neukontextualisierung einen Bezug zu diesem herstellt. […]“.3 So wurde beispielsweise die Antike in der Renaissance herbeigerufen. Auch in der Collage ist die Lust am Zitieren eine treibende Kraft. Das Zusammentreffen von unterschiedlichen Text- und Bildfragmenten schließt immer auch den jeweiligen Herkunftsbereich mit ein. Man könnte hier von einer Form der visuellen Intertextualität sprechen.
Auch im Kontext der Musik haben sich verschiedene Formen des Zitierens parallel zu den medialen Möglichkeiten entwickelt und differenziert. Beispielsweise das Mashup seit den 1990er Jahren oder das musikalische Sampeln, das sich seit den 1980er Jahren verbreitet hat. Voraussetzung für das Sampeln ist das Digitalisieren analoger Töne und Geräusche. Damit kann akustisches Material zerteilt und neu zusammengesetzt und durch Cutten, Loopen, Mixen oder Pitchen neues Tonmaterial erzeugt werden. Dabei unterscheidet der Kulturforscher Jochen Bonz das Sampling vom Zitieren: „Das Sample ist fundamental etwas anderes, das hinzukommt.“4 Mit seiner Fremdheit ist das Sample seiner Ansicht nach der Garant des Grooves im Hip Hop. Es trägt etwas in die Situation des Musikhörens hinein, was in der Situation des Hip Hop-Hörens bereits anwesend ist: „[…] auf das Leben im Ghetto verweisende Umweltgeräusche wie Polizeisirenen, Redefragmente afroamerikanischer Geistlicher und Politiker, Sequenzen aus Fernsehserien und Spielfilmen, Ausschnitte aus Popsongs.“5

Von der Gleichzeitigkeit verschiedener Bedeutungs-kontexte
Werden zwei Bedeutungsebenen übereinander gelegt oder sind mehrere Bezugskontexte gleichzeitig wirksam, ergeben sich ständig neue Verknüpfungsmöglichkeiten. Daraus kann ein Sog oder eine Leichtigkeit der immer neuen Möglichkeiten von momentaner Sinnbildung, von zufälligen Symbolerfindungen oder Artikulationsweisen entstehen. Das entspricht beispielsweise dem Walkman-Effekt, wenn der Weg durch die Stadt mit laufender Musik im Ohr einem Filmerlebnis gleicht, in dem die Alltagswahrnehmung mit einer Tonspur unterlegt wird. Das Potenzial von solchen Gleichzeitigkeiten kann eine Dynamik erzeugen: ständig tauchen neue Erscheinungen und Ideenanfänge auf. Ohne sich auf ein Gesamtkonstrukt festlegen zu müssen, entsteht ein Surfen durch den Möglichkeitsraum der Artikulation. In Anteilen lässt sich beobachten, wie sich Bedeutungen aus einer Kombination von subjektiven oder momentanen Wahrnehmungen, institutionellen und medialen Bedingtheiten oder den jeweiligen Kontexten bilden.

„Stadtführung“ vom Hauptbahnhof zum Schillerplatz
Den theoretischen Hintergrund eines kunstpädagogischen Seminars an der Kunsthochschule Mainz „Methoden der Annäherung und Auseinandersetzung mit Kunst“ bildeten unterschiedliche Rezeptionstheorien und die Beschäftigung mit künstlerischen Arbeiten, in denen offensiv mit dem Vermittlungsraum der Kunst gearbeitet wird. Für ein eigenes Vermittlungsprojekt wählten Maja Wojciechowski und Paul Schuseil den öffentlichen Raum der Stadt Mainz und das Vermittlungsmedium des Audioguides. Beide studieren als zweites Fach Geografie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In ihrer „Stadtführung“ sind mehrere Bezugskontexte zugleich wirksam: Bildende Kunst, Kultur-Geografie und Stadtsoziologie, die Stadtführung und der klassische Audioguide der Museumsvermittlung sowie die Universität, das Museum, der öffentliche Raum. Startpunkt war der Hauptbahnhof:
„Herzlich Willkommen zu unserer Audiotour in Mainz. Sollte das Fahrzeug länger als zwei Minuten -stehen bleiben, bitten wir Sie den Audioguide kurz zu unterbrechen, indem Sie an Ihrem Abspielgerät die -Pausetaste drücken. Schauen Sie nun bitte nach rechts. Schon in ihrer Entstehungszeit 1840 war die Sonnenberger Straße der Inbegriff eines bevorzugten Wohngebietes und aufgrund ihrer Parknähe Standort zahlreicher Kurpensionen für das vornehme Publikum aus Geld und Hochadel. Schauen Sie nun bitte nach links. Hier stand einst das bischöfliche Palais. Seit 1802 wohnte hier der Mainzer Bischof. Das Palais wurde im Krieg zerstört und für ein Parkhaus später abgerissen. […]. Auf der rechten Seite folgt in wenigen Augenblicken […] (letzter Satz:) Hoffentlich hatten Sie eine informative Stadtfahrt. Sollten Sie nun noch ein paar Minuten zur Verfügung haben, folgt ein kurzes Gespräch.“
Am „Schillerplatz“ steigen die Teilnehmenden wieder aus. Sie werden von einer Studentin interviewt, die sich mit einer Anstecknadel der Universität und einem Klemm-brett und einem Diktiergerät bereits vor der Straßenbahnfahrt als Forscherin ausgewiesen hatte und einige Passanten zur Teilnahme an einem Forschungsprojekt im urbanen Raum hatte gewinnen können. Zusätzlich skizzieren die Teilnehmenden ihre zurückgelegte Strecke aus der Erinnerung auf einem Fragebogen mit dem Briefkopf der Universität. Die beiden Projekterfinder waren davon ausgegangen, dass die Zuhörenden recht bald bemerken, dass etwas mit der Audioführung nicht stimmt. Tatsächlich wurde der gesprochene Text aus mehreren Stadtführungen von unterschiedlichen Städten und Orten zusammengeschnitten. Aber keiner der befragten Personen hat Misstrauen geäußert, weiter nachgefragt oder gelacht. In einer schriftlichen Reflexion folgt die Studentin dann auch der Frage: Wie kommt die Glaubwürdigkeit zustande?

Was ist wirksam?
Eine Vermutung der Studentin war, dass die Performanz der Audio-Führung den Kontext des Museums aufruft und damit die Autorität der Kulturinstitution mittransportiert. Möglich wäre, dass das Medium „Hörvermittlung“ und die Professionalität der Sprecher und Sprecherinnen keine Zweifel aufkommen ließen. Vielleicht ist es sogar anregend, aus mehreren Kontexten heraus und in unterschiedlichen Rhetoriken angesprochen zu werden.
Das Phänomen, dass mehrere Bedeutungskontexte gleichzeitig wirksam sind, tritt häufig in künstlerischen Arbeiten auf, beispielsweise in den Video Walks oder Soundinstallationen von Janet Cardiff und George Bures Miller: Sie haben während der dOCUMENTA (13) im Alten Bahnhof einen inszenierten Erinnerungsraum über eine Video-Aufnahme auf einem portablen Video-Gerät in den realen Raum transferiert. Beide Räume durchdringen sich im Abschreiten der iPod-Inszenierung für die Zeit der Rezeption.
Oder die Arbeitsgrundlage der Gruppe „Radio Ligna“ bilden lokale Radiosender, mit deren Hilfe an alle, die ein Empfangsgerät besitzen, im Raum zerstreute Handlungsanweisungen oder Informationen durchgegeben werden können. Ein realer Wahrnehmungsraum durchdringt einen Wahrnehmungsraum, der über eine „on air“-Berichterstattung Informationen von einem anderen Ort an die zeitgleich, aber im Raum verstreuten Radio-Hörer durchgibt.

Womit spielt das studentische Projekt, womit das Kunstdidaktikseminar?
Wird eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Bedeutungskontexte in Vermittlungssituationen und im Seminarverlauf zugelassen oder intendiert, geraten bisherige Zuordnungen und soziale wie institutionelle Übereinkünfte zumindest partiell in Bewegung. Dafür besteht die Chance auf eine besondere Form der Produktionsenergie, wenn mit den aufkommenden Spannungen ein Umgang gefunden wird: Ein kollektiv gewagtes abweichendes Verhalten und die nicht vollständig abgesicherte Interaktion mit anderen im öffentlichen Raum wie in der eigenen Bildungsinstitution setzt Energien frei. Die entstehende Grauzone fordert alle Beteiligten zur Bewusstheit der jeweiligen Konstruktion und der wirksamen Codes heraus. Die Sinnhaftigkeit von Produkten oder Projekten muss dann erörtert und be-gründet werden. Dabei kann der kollektive Raum des Seminars wie die institutionelle Übereinkunft neu -verhandelt werden. Das verteilt auch die Sprecher-Rollen neu oder ermöglicht zumindest für Momente das Aussetzen von gewohnten Machtverteilungen.
Erkenntnispotenzial entsteht in den auftretenden Dissonanzen der Logiken, die eine Reibungsenergie erzeugen können, den Wechsel der Blickpunkte und Beobachterstandpunkte provozieren und eine Notwendigkeit zur Neuerfindung statt zum Nachvollzug mit sich bringen. Im Spiel der verschiedenen Kontexte und Erwartungen an eine Situation werden Performanz und Konventionen einer Institution spürbar oder sichtbar. Ebenso besteht die Chance, dass der Moment der Herstellung von Unterrichts- oder Vermittlungssituation mitverhandelt wird, weil der Rahmen des jeweiligen Geschehens wichtig wird.

Die Veränderung von Vermittlungsräumen
In der temporären Gemeinschaft eines Seminars wird erlebbar, wie eine kollektive Praxis im Aufgreifen von unterschiedlichen Bedeutungskontexten und im Abweichen von Codes zu neuen Praxen führt. Die Studierenden haben selbst institutionelle Zusammenhänge inszeniert. Die Fähigkeit jeweils institutionelle Rahmungen neu zu erfinden und für andere überzeugend durchzusetzen, muss eine Kunstpädagogin oder Kunstpädagoge in der Schule auch beweisen, wenn es um das Lesen und Verschieben von Codes gehen soll.
Die Gleichzeitigkeit von disparaten Kultur-Räumen und Interessenszusammenhängen ist eine Herausforderung unserer Zeit, auf die besonders pädagogisch Tätige vorbereitet sein sollten. Wer damit umgehen kann, dass sich Vermittlungssituationen im Prozess der gemeinsamen Arbeit verschieben und transformieren können, hat die Chance, die bis dahin vielleicht unbemerkt enthaltenen, aber wirksamen Codes neu verhandeln und trotz konfliktträchtiger Themen, immer wieder einen Handlungsspielraum herstellen zu können. Vielleicht kann ein Groove der Vermittlung sogar gerade dann entstehen, wenn mehrerer Bedeutungskontexte gleichzeitig mitspielen.

1.) Irit Rogoff, „WIR. Kollektivitäten, Mutualitäten, Partizipationen“, in: Dorothea von Hantelmann, Marjorie Jongbloed (Hg.), I promise It’s Political. Performativität in der Kunst / Performativity in Art. Theater der Welt und Museum Ludwig, Köln 2002, S. 53–60, hier S. 54.
2.) Ebd., S. 53.
3.) Wey-Han Tan, „Zitat“, in: Johannes M. Hedinger, Marcus Gossolt, CentrePasquArt Biel/Bienne, Lexikon zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com. Sulgen 2010, S. 198f. hier S. 198.
4.) Jochen Bonz, „Sampling: Eine postmoderne Kulturtechnik“, in: Christoph Jacke, Eva Kimminich, Siegfried J. Schmidt (Hg.), Kulturschutt. Über das Recycling von Theorien und Kulturen, Bielefeld  2006, S. 333–353, hier S. 338.
5.) Ebd., S. 339.

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Thesen zur nächsten Kunst https://whtsnxt.net/007 Thu, 12 Sep 2013 12:42:36 +0000 http://whtsnxt.net/thesen-zur-naechsten-kunst/ Kultursoziologen verpacken einfache Zusammenhänge in kompliziertes Vokabular – so will es das populäre Vorurteil. Luhmann-Schüler und Zukunftsdenker Dirk Baecker tritt im Gespräch den Gegenbeweis an. Und zeigt damit: wer von der Gesellschaft sprechen will, darf von ihren Kulturen nicht schweigen.

JH: Dirk, was macht die Kunst? Wo bist du ihr zuletzt begegnet?

DB: Die beiden jüngsten nachhaltigen Eindrücke waren die Basquiat-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen und die Konrad-Witz-Ausstellung im Kunstmuseum Basel. Das waren unterschiedliche Ausstellungen, aber bei beiden ging es um eine kräftige, ironische, farbenfrohe und respektlose Auseinandersetzung mit ihrer jeweiligen Gesellschaft.

Dein Interesse für die Gesellschaft ist naheliegend, schliesslich erfolgt dein Zugriff auf die Kunst über deine Stammdisziplin, die Soziologie. Wer hat dich zu ihr geführt?

Adorno! Das war in den frühen 1970er Jahren, wo man sowieso an Marxismus interessiert war, wobei mich der pure Marxismus, sprich die ideologischen Texte, nicht interessierten, Theodor W. Adorno hingegen sehr, vor allem wegen seiner wunderbar ineinandergeschachtelten Sätze. Als mir jemand sagte, der sei Soziologe, wusste ich, was ich gerne studieren wollte. Später dann hat mir Jean Baudrillard, mein nächster Held, den Blick geschärft für den Witz sozialer Phänomene und mich damit gewissermassen aus der moralischen Falle befreit, in der ich mit Adorno sass: immer kritisch auf eine verwaltete Welt schauen zu müssen. Zwei Jahre später kamen noch Walter Benjamin und Niklas Luhmann dazu; damit war das Setting an Texten und Autoren erst einmal komplett.

War es die marxistische Basis, die dich dazu bewogen hat, auch noch Ökonomie zu studieren?

Weil der Marxismus als theoretisches Unterfangen wichtig war, war es unerlässlich, auch etwas von der Wirtschaft zu verstehen; gleiches galt für die Geschichte, weshalb ich nebenbei auch Wirtschaftsgeschichte belegte. Nicht zuletzt aber beruhigte die Entscheidung für ein paralleles Ökonomiestudium meinen Vater, der sich natürlich fragte, was ich denn als Soziologe nach dem Studium machen würde.

Was hast du in den verschiedenen Disziplinen über den Stellenwert des Künstlers in der Gesellschaft herausgefunden?

Der Künstler unterbricht mit seinen Arbeiten die routinierten Prozesse der Wahrnehmung in der Gesellschaft. Er konterkariert, unterläuft, übertreibt, wie Menschen auf Farben, Gesten, Formen, Töne und Empfindungen reagieren, und macht mit dieser Rahmung von Wahrnehmung die Wahrnehmung selber sichtbar, hörbar, erlebbar, spürbar. Ein Maler zeigt einem Betrachter, was es heisst, etwas zu betrachten. Ein Komponist führt einem Zuhörer vor, was es heisst zuzuhören. Kunst irritiert die in anderen Fällen so unglaublich routinierte, also gar nicht mehr bemerkte Wahrnehmung. Wir sehen, hören, empfinden, spüren meist doch eher passiv als aktiv: Wir nehmen auf und merken nicht, wie sehr wir selber Produzenten unserer Wahrnehmung sind.

Eine Hauptfunktion von Kunst liegt für dich in der Schärfung der Selbstreflexion?
Der Künstler macht Wahrnehmung reflexiv, ja. Ob dies bestätigend oder kritisch, ironisch oder tragisch geschieht, spielt keine Rolle, solange nur die Wahrnehmung selber mit wahrgenommen werden kann. Kunst, die die Wahrnehmung nicht wahrnehmbar macht, ist in Wirklichkeit Unterhaltung und damit zwar nicht uninteressant, aber eben nicht künstlerisch interessant. Wenn du mich nach der Funktion der Kunst fragst, dann antworte ich: Irritation von Wahrnehmung durch ungewohnte Formen, die sich in dieser Weise immer auf die Gesellschaft bezieht, auf die Eigentümlichkeiten des Miteinanderlebens der Leute. Daneben kann man natürlich auch nach den Leistungen der Kunst fragen, und zwar in ihrem Verhältnis zu anderen Bereichen der Gesellschaft. Etwa liesse sich fragen, was Kunst für Erziehung, Politik oder Wirtschaft bedeutet oder was ein Unternehmen von der Kunst lernen kann.

Und was können diese Bereiche voneinander lernen?

Ich finde es wichtig, sich gegenseitig auch in Ruhe lassen zu können. Jeder Bereich hat seine spezifischen Probleme und für diese auch seine spezifischen Lösungen. Bei aller Lust an der Vernetzung muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass man oft keine Ahnung hat, worum es dem anderen geht. Zum anderen kann es aber nirgendwo schaden, auf die aktive Rolle von Wahrnehmung hingewiesen zu werden, etwa bei der Inszenierung von Schulunterricht, in der Rhetorik von Politikern, in der enormen Rolle ästhetischer Gestaltung von Waren: Wie muss sich eine Autotüre anhören, die ins Schloss fällt? Wie darf und kann ein Kleid riechen? Wie glatt oder rau sollte eine Herdplatte sein? Vor allem jedoch: Welche Rolle spielt die Wahrnehmung bei der Produktion von Gütern, bei der Herstellung von Dienstleistungen, beim Umgang mit dem Kunden, bei der Überwachung der Produktion?

Funktion und Leistung betreffen grössere gesellschaftliche Einheiten. Was erwartest du ganz persönlich von Kunst?

Ich erwarte nichts, lasse mich aber gerne überraschen.

Wenn nicht erwarten, was würdest du dir denn von der Kunst wünschen?

Ich gehe oft ins Theater und würde mir wünschen, dass man dort etwas neugieriger auf zahllose gesellschaftliche Phänomene reagieren würde. Was geschieht im Sicherheitsraum eines Kernkraftwerks? Wie funktioniert ein Gerichtsverfahren? Wie wird ein Investmentdeal eingefädelt? Es gibt das sogenannte Recherchetheater, das sich dafür interessiert, aber zu selten werden Sprachstile, Verhaltensweisen, Gesten in ihrer oft enormen Raffinesse aufs Korn genommen und so ausserhalb der einschlägigen Kreise bekannt gemacht und reflektiert. Gerhard Falkner, den ich vor Jahren in einer Rundfunksendung über seine Gedichte sprechen hörte, hat mich beispielsweise mit seinen zeitgenössischen Beobachtungen überrascht. Seither lese ich wieder Gedichte.

Kunst als vielfältig verflochtener Teil eines grösseren Systems, das du als Soziologe untersuchst: als Teil der «Kultur».
Richtig. Seit Jean-Jacques Rousseau verstehen wir unter einer Kultur die Frage, ob und wie eine Gesellschaft die Menschen, die in ihr leben, eher glücklich oder unglücklich macht. Ich halte es in diesem Punkt aber am liebsten mit Bronislaw Malinowski, der die Kultur als eine funktionale Balance von Körper, Geist und Gesellschaft beschrieben hat. Wenn man in diese Balance auch Spannung, Stress, Ungleichgewichte und Konflikte einbezieht, die ja letztlich das Verhältnis von Körper, Geist und Gesellschaft immer wieder neu auspendeln, trifft das die Sache ganz gut. Kunst hat mit alldem erst einmal nichts zu tun. Da aber die Kunst zur Gesellschaft gehört, stellt sich auch dort die kulturelle Frage, ob die Kunst die Menschen eher glücklich oder unglücklich macht. Immerhin fällt auf, dass viele Menschen von der Kunst erwarten, dass sie sie glücklicher macht, und sei es dadurch, dass sie sie in ihrem Unglück bestätigt. Aber Künstler verstehen sich nicht als Kulturarbeiter. Sie interessieren sich nicht für Glück und Unglück, sondern allenfalls dafür, welche Formen die Menschen ihrem Glück und ihrem Unglück geben. Dabei gehen Künstler oft sehr weit, streifen die Grenze zur schmerzhaften Beobachtung. Die Kultur greift dann gerne ein und zähmt die Kunst zu dem, was die Menschen ertragen können.

Wo zum Beispiel?

Nimm die aktuelle Theaterarbeit «Ländler wollen mitreden» von der «Kapelle Eidg. Moos»: Die drei Musiker leisten sich immer wieder schärfste Kommentare zur Schweiz als Schweiz, fangen ihre Schärfe aber immer wieder in der herrlichsten Aufführung der Musik selber auf. Einerseits gibt es die wirklich spannende Volksmusik, andererseits ihre soziale Rolle für das Selbstverständnis der Schweiz. Jede Szene kippt von der Parodie in die Liebeserklärung und wieder zurück in die Parodie, bis man eine künstlerische Arbeit vor sich hat, deren Thema die kulturelle Zähmung der Kunst zur Unterhaltung ist. Hier passiert auf der Bühne, was sonst in verteilten Rollen zwischen Regisseur, Dramaturg und Intendant oder Produzent passiert. Die einen übertreiben gerne und die anderen müssen dafür dann zivile Formen finden.

Wie würde eine Gesellschaft ohne diese kulturelle Zähmung aussehen?

Wenn man von heute auf morgen alle Kulturarbeit und jedes künstlerische Schaffen einstellen würde, würde übermorgen irgendein Hobbymaler in einer Ecke seines Wohnzimmers schon wieder zum Pinsel greifen, würde ein Verkäufer auf dem Markt anfangen, Theater zu spielen, und würde sich irgendjemand nach der Lektüre eines Reiseberichts über fremde Länder und Völker über die seltsamen Sitten zuhause wundern. Die moderne Gesellschaft braucht die Kultur, um ihre Sitten und Bräuche vergleichend und kritisch beobachten zu können. Und sie braucht die Kunst, um ihrer Zurichtung auf bestimmte Formen der Wahrnehmung zu misstrauen. Kultur und Kunst sind sogenannte Einmalerfindungen der Menschheit. Man kann sie nicht abschaffen, man kann sie nur durch Varianten ihrer selbst ersetzen. Und sie können immer wieder neu gestartet werden, ohne jeden betrieblichen Aufwand.

Wie hat man sich diese Varianten vorzustellen?

Es gibt Varianten in der Abhängigkeit von lokalen Usanzen, von historischen Zeiten und von sozialen Schichten und Milieus. Schau dir zum Beispiel an, welche Varianten von Bildern es in den sogenannten Medienepochen der menschlichen Gesellschaft gibt. Die Stammesgesellschaft kannte Bilder vor allem als Masken, die antike Schriftgesellschaft vor allem in der Form der nachahmenden Auseinandersetzung mit Göttern und Menschen, die moderne Buchdruckgesellschaft als Ausdruck oder Einprägung individueller Befindlichkeit und Perspektive. Die nächste Gesellschaft, die Computergesellschaft, in der wir uns jetzt bewegen, kennt Bilder hingegen fast nur noch in der Form des Designs, des Interfaces. Wir interessieren uns für bewegte Bilder, für ihr Flirren und Zittern, ihr Scharf- und wieder Undeutlichwerden und für die Schnittstellen, die alle diese Eindrücke organisieren. Diese historischen Varianten von Bildern haben auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam, arbeiten jedoch meines Erachtens allesamt an den Formen der Wahrnehmung, die für ihre jeweilige Gesellschaft typisch und auch kritisch sind.

Dieses Flirren und Zittern sprichst du auch in deinen 2011 veröffentlichten 16 Thesen zur nächsten Gesellschaft an. These 7 zur Kunst der nächsten Gesellschaft lautet: «Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist wild und dekorativ. Sie zittert im Netzwerk, vibriert in den Medien, faltet sich in Kontroversen und versagt vor ihrer Notwendigkeit. Wer künstlerisch tätig ist, sucht für seinen Wahn-Sinn ein Publikum.»
Mir war hier der Hinweis darauf wichtig, dass es auch für die sogenannte Autonomie der Kunst neue Formen geben wird. Was für die einen wild ist, ist für die anderen vielleicht dekorativ, und umgekehrt. Zugleich jedoch ist der Ort der Kunst nicht mehr die Beschaulichkeit der Bücher, die Genauigkeit der Kritik und die Konzentration des Publikums, sondern die Zerstreuung in die Netzwerke, von der schon Walter Benjamin gesprochen hat. Das muss man nicht bedauern, das muss man künstlerisch bewältigen. Und nach wie vor sucht die Kunst die Kontroverse, lässt sich also nicht von Politik oder Wirtschaft, Pädagogik oder Ästhetik für deren Zwecke einspannen.

Das gefällt mir recht gut. Nur, kurz nach der ersten Veröffentlichung hast du diese These zur nächsten Kunst komplett überarbeitet. Neu lautet sie: «Die Kunst der nächsten Gesellschaft ist leicht und klug, laut und unerträglich. Sie weicht aus und bindet mit Witz; sie bedrängt und verführt. Ihre Bilder, Geschichten und Töne greifen an und sind es nicht gewesen.» Wieso diese signifikante Änderung?

Die Thesen spielen mit der Flüchtigkeit, obwohl und weil es ihnen um durchaus strukturelle Fragen geht. Sie sind eine Spekulation auf die Zukunft, die dementsprechend dauernd korrigiert werden muss. Und sie sind für einen Anschlag, für ein Flugblatt, also für flüchtige Leser gedacht. Aber gerade deswegen wurde es mir irgendwann wichtig, der Kunst eine leisere Rolle zuzuschreiben, eine Rolle, die es verlangt, dass man mehrfach hinschaut und nicht zu schnell mit ihr fertig wird.

Mich sprach ja die erste Fassung zunächst mehr an, da aktiver, riskanter, weniger ausweichend. Wenn die Kunst es am Ende doch nicht gewesen ist, was ist dann das Neue daran und rechtfertigt die Rede von der «next society»? Welchen Einfluss hat die Kunst in der nächsten Gesellschaft, den sie so heute bzw. gestern nicht hatte?
Stell dir vor, du malst ein Bild, komponierst ein Lied, planst eine Performance – und das Netz weiss bereits, mit welchen Tags es dich einfängt, also in welcher Schublade du landest. Das kann es nicht sein. Ich denke die nächste Gesellschaft ja vor allem als eine Auseinandersetzung der Gesellschaft mit dem Computer, die diesem seine Grenzen aufzeigt. Da werden wir die Hilfe der Kunst bitter nötig haben, und zwar einer Kunst, die im Medium des Computers diesem seine Grenzen aufzeigt.

Und wie wird sie das erreichen? Wo wird Kunst künftig stattfinden?
Die Kunst wird sich neue Orte, neue Zeiten und ein neues Publikum suchen. Sie wird mit Formaten experimentieren, in denen die gewohnten Institutionen zu Variablen werden. Denk an Walid Raad und seine Atlas Group, der aus dem Theater eine Universität oder vielleicht auch eine Installation des Nachdenkens über nicht so ganz fiktive Ereignisse macht. Denk an Matthias Lilienthals Theaterprojekt «X Wohnungen», das Privatwohnungen zu Bühnen werden lässt. Oder die berühmten Audio-Walks von Janet Cardiff und anderen, die eine Art begehbare Buchlandschaft schaffen, in der wir so verträumt und wach herumlaufen wie sonst nur in unseren Lektüren.

Orte und Gattungsformen werden durchlässiger. Wird die Kunst erlebbarer?
Ja, sie sprengt ihre hochkulturellen Fesseln und verlässt das Gefängnis ihrer Autonomie. Für sie gilt, was für alle Funktionssysteme gilt, die Niklas Luhmann so hervorragend beschrieben hat. Sie verlieren ihre eindeutige Ordnung, vernetzen sich untereinander und entwickeln Formen der Macht, des Geldes, des Rechts, der Erziehung und eben auch der Kunst, die es uns erlauben werden, das Potential des Computers auszunutzen, ohne uns von ihm an die Wand spielen zu lassen.


Wiederabdruck Das Interview erschien zuerst in: Schweizer Monat, Ausgabe 993 / Februar 2012. Was macht die Kunst?, S. 74–77.

Literatur
Baecker, Dirk: 16 Thesen zur nächsten Gesellschaft. In: Revue für postheroisches Management. Heft 9. Berlin: Stiftung Management-Zentrum – X, 2011. S. 8.Baecker, Dirk: Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007. Baecker, Dirk: Wozu Kultur? Berlin: Kadmos, 2011.

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